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Das neue Buch des Schweizer Buchpreisträgers: eine Erkundungsreise ins unbekannte Land des Alters
Der Mikrobiologe Paul Bálint feiert mit ehemaligen Kollegen in Paris seinen 80. Geburtstag. Er wird geehrt und spürt zugleich, dass die Feier auch ein Abschied ist. Er befindet sich, so sein Freund Steinberg, an der Schwelle zwischen dem „jungen Alter“ und dem „alten Alter“ – einer Phase, in der nichts mehr selbstverständlich ist und sich die Vergänglichkeit in allen Dingen bemerkbar macht. Doch statt sich nur mit dem Verlust zu beschäftigen, will Bálint die neue Lebensphase erkunden wie ein unbekanntes Land: Was bedeutet das Alter für den Körper, die Erinnerung, das Gefühl für das Selbst und die Zeit, für das Verhältnis zu den Mitmenschen, den lebenden wie den toten? Je mehr er sich mit dem Alter beschäftigt, desto deutlicher zeigt sich ihm ein Leben voller neuer Möglichkeiten. Es bietet ihm zudem die große Freiheit, sich ohne Rücksicht auf Konventionen und wissenschaftliche Regeln einen eigenen Reim auf die heutige Welt und ihre Veränderung zu machen.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2026
Der Mikrobiologe Paul Bálint feiert mit ehemaligen Kollegen in Paris seinen 80. Geburtstag. Er wird geehrt und spürt zugleich, dass die Feier auch ein Abschied ist. Er befindet sich, so sein Freund Steinberg, an der Schwelle zwischen dem »jungen Alter« und dem »alten Alter« – einer Phase, in der nichts mehr selbstverständlich ist und sich die Vergänglichkeit in allen Dingen bemerkbar macht. Doch statt sich nur mit dem Verlust zu beschäftigen, will Bálint die neue Lebensphase erkunden wie ein unbekanntes Land: Was bedeutet das Alter für den Körper, die Erinnerung, das Gefühl für das Selbst und die Zeit, für das Verhältnis zu den Mitmenschen, den lebenden wie den toten? Je mehr er sich mit dem Alter beschäftigt, desto deutlicher zeigt sich ihm ein Leben voller neuer Möglichkeiten. Es bietet ihm zudem die große Freiheit, sich ohne Rücksicht auf Konventionen und wissenschaftliche Regeln einen eigenen Reim auf die heutige Welt und ihre Veränderung zu machen.
Christian Haller wurde 1943 in Brugg, Schweiz, geboren, studierte Biologie und gehörte der Leitung des Gottlieb Duttweiler-Instituts bei Zürich an. Er wurde u. a. mit dem Aargauer Literaturpreis (2006), dem Schillerpreis (2007) und dem Kunstpreis des Kantons Aargau (2015) ausgezeichnet. Für die Novelle »Sich lichtende Nebel« erhielt er 2023 den Schweizer Buchpreis. Zuletzt erschien der Roman »Das Institut«. Christian Haller lebt als Schriftsteller in Laufenburg.
Christian Haller
Novelle
Luchterhand
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in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Umschlaggestaltung: buxdesign | Ruth Botzenhardt
unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/Ramesh Amruth
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-32286-1V001
www.luchterhand-literaturverlag.de
facebook.com/luchterhandverlag
Für Regina Kammerer
Alles lag hinter mir, in der Vergangenheit. Vor mir lag, wie ich sagte, die Stille.
Louise Glück
Paul Bálint betrat an seinem achtzigsten Geburtstag den Frühstücksraum des Hotels Ducret. Es war vor sieben Uhr, und erst wenige Gäste saßen an den Tischen. Bálint sah sich nach einer ruhigen Ecke um. Ob zu Hause oder unterwegs, er hatte die Eigenheit, den Tag mit zwei Tassen Kaffee zu beginnen, danach sich zurückzuziehen, zu lesen und zu schreiben, um nach ein, zwei Stunden zu frühstücken. In Hotels machte seine Gewohnheit oftmals Erläuterungen und Erklärungen nötig. An diesem Morgen jedoch wurde er von der Serviererin herzlich begrüßt. Sie wünschte ihm Glück und begleitete ihn zu einem Tisch, auf dem ein Kuchen mit vier brennenden Kerzen stand, und brachte umgehend eine Tasse Kaffee, schwarz mit zwei Tütchen Zucker. »Quatre-vingt! Von Herzen deine alte Freundin Madeleine.« Die Geste rührte ihn, hatte er doch mit nichts dergleichen gerechnet. Sie hatte die Überraschung organisiert, hatte aus ihrer Erinnerung angeordnet, dass ihm eine zweite Tasse Kaffee gebracht werde, mit der Bemerkung, er könne alles so stehen lassen, der Tisch bleibe für das spätere Frühstück reserviert. Bálint kannte das Hotel von früheren Aufenthalten. Wenig hatte sich verändert, und er schätzte die etwas verlebte, an vergangene Zeiten erinnernde Atmosphäre. In der Lobby standen Clubsessel wie aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, überzogen mit leicht rissig gewordenem Leder, es gab ein Lesezimmer mit Pult und Bücherschränken, und im Frühstücksraum brannte ein Lüster, warf ein gedämpftes Licht auf eine antike Szene: eine kniende Figur, die einen Stab an einen thronenden Herrscher übergab.
Bálint trank den Kaffee gerne heiß, und die ersten Schlucke begleiteten »Ahhh«-Laute, die er wegen der anderen Gäste zwar dämpfte, doch ein unerlässlicher Teil des Genusses waren. Mit dem langsamen Ausatmen entfernten sich die Schlafreste, und Schluck für Schluck erwachte die Neugier, was sich in der Zeit ereignet haben mochte, seit er das Tablet zur Seite gelegt und das Licht gelöscht hatte.
Nachdem er die erste Tasse ausgetrunken und noch eine Weile vor sich hin sinniert hatte, holte er die Zeitung, die er beim Eingang zum Frühstücksraum auf einem Tisch bemerkt hatte. Er überflog die ersten Seiten, etwas ungehalten über die immer gleichen Katastrophenmeldungen, pessimistischen Vorhersagen und Politikerintrigen, hoffte auf den Kulturteil, blätterte und suchte und war überrascht, als er sich abgebildet fand. »Im Innern des Kerns, zum achtzigsten Geburtstag von Paul Bálint.« Das Foto war während eines Kongresses aufgenommen worden. Es zeigte ihn stehend am Tresen vor einer Wandtafel, breit auf die Arme gestützt, den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Ein konzentrierter Blick aus leicht gekniffenen Lidern, doch einer, der nicht nach außen ins Auditorium gerichtet war, sondern ins Innere, zu den Themen seiner Forschung, der Zelle, ihres Kerns – und Paul Bálint nickte sich zu: Das war vor zehn Jahren gewesen, während seiner Abschlussvorlesung, nein, nicht hier in Paris, in Berkeley, wo er Jahre gelehrt hatte. Wie sehr ihn die Zeit verändert hatte, das Haar war noch nicht weiß und auch dichter, das Gesicht voller, ohne die jetzt ausgeprägten Falten und Tränensäcke. Der Text der Würdigung war eine Zusammenfassung der Laudatio anlässlich der Verleihung des Wissenschaftspreises, Sätze, die er alle schon kannte, wiederholt wurden, ihn in ein Netz gut gemeinter Wörter schnürten. Sie hatten nicht wirklich etwas mit ihm und seiner Arbeit zu tun, den Schwächen, den Enttäuschungen, dem hilflosen Versagen, das sein Leben neben den Erfolgen geprägt hatte. Es freute ihn trotzdem.
Während er die zweite Tasse trank, deren Genuss schwächer war im Vergleich zur ersten Tasse, näherte sich ein jüngerer Mann seinem Tisch. Er mochte um die vierzig sein, hatte krauses Haar und trug eine Hornbrille mit starken Gläsern, die seine Augen vergrößerten. Bálint schaute auf die Lippen, die etwas vorgewölbt und ebenmäßig geschwungen waren und sich jetzt bewegten.
– Verzeihen Sie die Frage, sind Sie nicht Paul Bálint?
Er habe bei ihm studiert, und Bálint sei bis heute sein Vorbild geblieben. Er arbeite am Scherrer-Institut, nein, nicht mehr in der Zellforschung, es ginge hauptsächlich um Radiologie, um die möglichst punktgenaue Zerstörung karzinogener Gewebe mittels Protonen. Doch bei Versuchen denke er oftmals an ihn, frage sich, wie Paul Bálint reagiert hätte, wenn ein Experiment nicht gelingen wollte.
– Ich bin niemandem mehr begegnet, der so ruhig bei experimentellen Misserfolgen geblieben ist, stets Mut gemacht hat, es erneut zu versuchen. »Beharrlich, aber flexibel« – ist mir zu einer Art Leitspruch geworden – »Sie brauchen nicht Erfolg, Sie brauchen den Mut weiterzugehen.«
Bálint erinnerte sich weder an den Studenten noch daran, dass er solche Sätze gesagt haben soll, und wenn er sie jetzt von diesen sinnlichen, wohlgeformten Lippen ausgesprochen hörte, schmeichelten sie ihm, auch wenn er sie nicht für besonders originell hielt. Er hatte Erfolg gehabt, und da ließ sich leicht »vom Mut zum Weitergehen« reden. Hätten seine Forschungsprogramme zu keinen neuen Erkenntnissen geführt, die Mittel für weitere Untersuchungen wären sehr schnell gestrichen worden.
Der ehemalige Student, jetzt ein Mann Mitte vierzig, beglückwünschte ihn zum Geburtstag und zog sich dann zurück: Er möchte nicht länger stören.
Bálint saß verwundert und etwas irritiert an seinem Tisch. Was für ein Morgen, was für ein Auftakt zu seinem Geburtstag! Er überlegte, ob er vielleicht gegen seine Gewohnheit eine dritte Tasse Kaffee bestellen sollte, verzichtete jedoch. Auch waren die Kerzen auf dem Kuchen heruntergebrannt.
Madeleine hatte im 7. Arrondissement ein altes, nicht allzu großes Bistro gemietet. Es würde eine einfache Feier werden, und Madeleine wusste, Paul würde das Lokal mögen: die gusseisernen Säulen, die vergilbten Wände, den zinkbeschlagenen Bartresen. Es entspräche einem Stück Paris seiner Erinnerung. Als Bálint sich dem Lokal näherte, löste sich Madeleine aus einer Gruppe von Gästen, die bereits eingetroffen waren. Sie lief auf ihn zu. Ihr Kleid schwang um die Beine, das offene Haar flatterte, die Arme hielt sie ausgestreckt. Sie umarmten sich wortlos, und als Madeleine sich von ihm löste, sah er, dass sie feuchte Augen hatte: Ja, sie war mehr als eine gute Freundin. Sie hatten zusammen am Pasteur-Institut gearbeitet, später in London, dann in einem Kooperationsprojekt zweier Universitätslabors in den USA. Aus der gegenseitigen Wertschätzung war eine Freundschaft geworden, die für Bálint einmalig war und die auch nach den gemeinsamen Forschungsarbeiten andauerte. Er schätzte Madeleines fachliche Kompetenz und achtete ihre Integrität. Es gab in allen theoretischen Fragen ein tiefes gegenseitiges Verständnis, aus dem eine geistige Beziehung gewachsen war, tiefer, als ein Verhältnis hätte sein können. Doch Bálint verspürte Madeleine gegenüber noch immer eine Spur schlechten Gewissens. Er war nicht so integer gewesen, wie er es von ihr kannte. Sie hatten oft über die Ungerechtigkeit gesprochen, dass bei den gemeinsamen Publikationen – und es waren durch die Jahre etliche geworden – Madeleine stets an zweiter Stelle als Verfasserin genannt wurde, selbst wenn es hauptsächlich ihre Forschungsergebnisse waren, die sie veröffentlichten. Die Anerkennung blieb somit weitgehend an seinem Namen hängen. Madeleine beteuerte zwar, dass ihr nichts daran liege, an erster Stelle genannt zu werden. Aber war das so? Zumal Anerkennung, wenn auch uneingestanden, Bálint durchaus wichtig wurde. Irgendwann hatte er begonnen, sich durch seine Forschung einen Namen machen zu wollen, und dafür hatte er einiges getan. Ihm war zwar nicht der Sjöberg Prize verliehen worden – die Vorstufe zum Nobelpreis –, doch Preise, die bedeutend genug waren, um den Neid der Kollegen zu erregen.
– Voilà, Paul, c’est mon cadeau!
Madeleine führte Bálint zu der Gesellschaft, die vor dem Bistro versammelt einen Aperitif trank. Er wurde herzlich begrüßt, man wünschte Glück zum Geburtstag, und Bálint war erfreut, unerwartet Bekannte zu treffen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte – Kolleginnen, Postdoktoranden, Mitarbeiter, auch vom Biozentrum, seinem letzten Arbeitsort. Doch besonders überraschte ihn, unter den etwa zwanzig Gästen Martha Herschova von der California University zu sehen.
– Was für ein unerwartetes Geschenk, liebe Martha, und welche Ehre.
– A pleasure to see you. A long time since you were part of our team.
Sie sei auf dem Weg zu einem Kongress in Singapur, habe aber unbedingt an der Feier teilnehmen wollen, seit sie von Madeleine davon erfahren habe.
Martha war eine Koryphäe, und an der langen Tafel wurde sie Bálint gegenüber gesetzt. Rechts von ihm saß Madeleine und links einer ihrer Freunde, ein Professor der Sorbonne. Er spürte, man erwarte, dass er eine kleine Rede halte. Er schlug ans Glas, bedankte sich bei Madeleine für das Ausrichten der Feier, bei den Gästen für ihr Kommen und ganz besonders dafür – mit angedeuteter Verbeugung – dass Martha Herschova in die verkehrte Richtung geflogen sei, um hier in Paris mit ihnen zu sein. Er sagte auch ein paar Sätze zu anderen Gästen und kam zum Schluss, er sei stolz, noch immer der Forschungscommunity anzugehören: »Ihr seid meine Familie.« Die Gläser wurden erhoben und auf sein Wohl getrunken.
Während des Essens unterhielten sich die Gäste angeregt. In den Gesprächen ging es um Forschungsgelder, um Arbeitssituationen und Beziehungen – und selbstverständlich auch um Klatsch. Schon bald fühlte sich Bálint von der Konversation ausgeschlossen. Er konnte zu den Gesprächen nichts beitragen, außerdem war Martha der Mittelpunkt. Jeder an der Tafel wusste um ihren Einfluss, wollte mit ihr kurz sprechen, seine Arbeit anpreisen. Ihm, Bálint, klopfte man freundlich auf den Rücken, versicherte ihm, wie gut er aussehe, und es das größte Geschenk sei, in dem Alter gesund zu sein. Das Geburtstagsmenü schloss mit einer Mousse, und nach dem Espresso endete die Feier. Bálint schüttelte Hände, umarmte Madeleine, dann ging er allein durch die nächtlichen Straßen. Es war kalt, und er fühlte eine seltsame Leere. Nein, nicht Enttäuschung, doch so, als wäre seine seit dem Frühstück gehobene Stimmung in sich zusammengefallen. Er sann darüber nach, was das gewesen war, das er heute Abend erlebt hatte. Eines war dabei offensichtlich geworden: Womit er seine Rede geschlossen hatte – dass er stolz sei, noch immer der Forschungscommunity anzugehören –, stimmte nicht. Er war kein Teil mehr von ihr. In ihrem Kreis gab es ihn lediglich als eine Erinnerung: gut und ehrenwert, doch längst vergangen.
Nach zwei Tassen Kaffee und einem späten Frühstück spazierte Bálint die Seine entlang Richtung Cité. Es war frisch, ein Westwind trieb Wolken über den blassblauen Himmel, raute das Wasser auf, und er freute sich, in gemächlichen Schritten den Quai entlangzugehen, den Blick über die vertäuten Schiffe und das gegenüberliegende Ufer zu den fernen Türmen der Notre-Dame schweifen zu lassen. Skulpturen säumten den Spazierweg, und Bálint blieb vor der einen oder anderen stehen, betrachtete sie und las den eingravierten Titel auf dem Metallschild. Während der Jahre am Pasteur-Institut waren die Quartiere zwischen dem Jardin des Plantes und dem Jardin du Luxembourg sein Paris gewesen, und mit Genugtuung sah Bálint, dass sich wenig geändert hatte, es das eigentliche Ziel seines Spaziergangs noch immer gab: die Buchhandlung »Shakespeare and Company«. In ihr hatte er früher viel Zeit verbracht, und noch immer war sie so, wie er sie gekannt hatte: als eine Art Bibliothek im Obergeschoss, in der man an den Regalen entlangstreifte, ein Buch, das einen ansprach, herauszog und sich in einen der Sessel setzte und las. Das war, was Bálint beabsichtigte zu tun, und nachdem er die Treppe hochgestiegen war, suchte er nach À la recherche du temps perdu, las ein paar Seiten Proust und fühlte sich im Klang der Sprache aufgehoben. Sie war einzigartig und für ihn mehr Paris als seine eigenen Erinnerungen. Und sie half ihm, Abstand zu gewinnen.
Der gestrige Tag hatte großartig mit dem Kuchen auf dem Frühstückstisch, dem Artikel in der Zeitung, der Begegnung mit dem ehemaligen Studenten begonnen. Er war am Abend, in der ihn beglückenden Atmosphäre des Bistros, gefeiert worden, und Bálint hatte Wertschätzung gespürt, Komplimente bekommen, ja, auch Liebe und Freundschaft erfahren. Er dachte an Madeleine und war ein wenig stolz, dass sich diese besondere Freundschaft durch die Jahre erhalten hatte. Was für ein Zeugnis ihrer Zuneigung, dass sie die Feier organisiert, die Bekannten und Freunde zusammengebracht hatte – und doch beschlich ihn auf dem Nachhauseweg und in der Nacht ein zwiespältiges Gefühl. Dieser Tag hatte auch mit einem Abschied geendet. Das Lob, die Komplimente und Preisungen von ehemaligen Kollegen und Mitarbeitern hatten nach einem Nachruf auf ihn und seine Arbeit geklungen. Ihm war bewusst geworden, dass er der Community nicht mehr angehörte, er aus ihrem Kreis endgültig ausgeschieden war: Doch in welche »Welt«, die nicht mehr die der Forschung war, wurde er hinausgestoßen?
Er hatte nicht zufällig in der Buchhandlung nach Proust gegriffen. Alles um ihn war Erinnerung, und er hätte sich nun in Nachfolge des Dichters selbst zu einer »Recherche du temps perdu« aufmachen können. Es wäre das Naheliegende gewesen, doch dazu verspürte er keine Lust. Auch wenn er nicht wusste, in welche »Welt« er nun hineingehen würde, er war sich sicher, dass sie nicht in einer erinnerten Vergangenheit lag.
Am späten Nachmittag fuhr Bálint im TGV nach Basel zurück. Es gab kaum freie Plätze im Wagen, und Bálint saß im Abteil zusammen mit einem jüngeren Paar und ihrem Jungen. Er war froh, seinen Kopfhörer bei sich zu haben. Dank der Lärmunterdrückung blieb er von den Fahrgeräuschen und den Gesprächen verschont. Der Zug führte an offenen, unverbauten Landschaften vorbei, durch sanft gewellte Felder, von Hecken und den weißen Bändern staubiger Straßen durchzogen. Diese Blicke auf verbliebene Reste impressionistischer Ansichten wollte er ohne den Lärm der heutigen Zeit genießen.
Mit dem Überstülpen des Kopfhörers umgab ihn eine augenblickliche Stille, in der die unmittelbare Umgebung an ihn heranrückte und nach Aufmerksamkeit verlangte. Bálint bemühte sich, nicht allzu offensichtlich seine Sitznachbarn zu beobachten, sah auch mal den Gang entlang oder ins gegenüberliegende Abteil, doch sein Blick wurde immer wieder zurück zu seinen Sitznachbarn gezogen. Bálint konnte sich den Mann gut in einem Labor vorstellen, vielleicht aber auch als Programmierer in der Entwicklungsabteilung eines international tätigen Unternehmens. Er war groß und kräftig gebaut, hatte ein kantiges Gesicht mit ausgeprägtem Kinn und wachen, aufmerksamen Augen, die, schnell bewegt, alles um sich aufzunehmen schienen. Er strahlte Selbstsicherheit aus, ein Vertrauen, dass sein Leben stabil und berechenbar bliebe, und zu diesem Leben gehörten seine Frau und der Junge.
Sie, die neben Bálint saß, faszinierte ihn, weil er glaubte, etwas Vollkommenes in ihrem Wesen zu spüren, das sich in der Haltung, den Gesten, der Art, wie sie blickte und die Lippen bewegte, ausdrückte. Sie verkörperte für Bálint die Vorstellung, wie Menschen sein könnten: in sich ruhend, ausgeglichen und zutiefst gutartig. Ihre Selbstgewissheit war durch nichts Äußerliches gegeben, auch wenn Bálint vermutete, dass auch sie beruflich tätig und erfolgreich war. Ihre Charaktere hatten sich in dem Jungen verbunden, der vielleicht vier Jahre alt war, still dabeisaß, mit sich selbst beschäftigt, unvermittelt aufsah und etwas fragte, das sein Vater oder die Mutter beantwortete. Zwischen den dreien bestand ein Kraftfeld, durch das ununterbrochen Wellen von einem zum anderen liefen, sich verstärkten, überschnitten oder gegenseitig aufhoben, ein permanenter Austausch von Energie. Und dieses unsichtbare, doch spürbare Netz magnetischer Wellen erzeugte in Bálints Kopf Erinnerungen an die eigene Kindheit, an die Eltern und seinen Bruder Lozi.
Kurz vor der Reise nach Paris war Bálint bewusst geworden, dass er keine Familie hatte, mit der er seinen Geburtstag hätte feiern können. Vielleicht hatte er deshalb gestern Abend im Bistro bei seiner kurzen Ansprache gesagt, dass die Forschungsgemeinschaft seine Familie sei.
– Darf ich ein Foto von Ihnen dreien machen?
Durch das magnetische Feld des jungen Paares lief eine Irritation, die zu der gleichzeitigen Frage führte – sie in Französisch, er in Englisch:
– Pourquoi? For what reason?
– Sie sind eine wunderbare Familie, und ich möchte mich daran erinnern, dass es sie wirklich gibt.
Bálint machte mit dem iPhone einen Schnappschuss. Er hatte sich angewöhnt, Szenen, die ihn beschäftigten, festzuhalten. Doch zuinnerst war es eine unbeholfene Hommage an Carla. Das Fotografieren erinnerte ihn an sie, die er noch immer liebte.
Unter den Schnappschuss, den er später zu Hause ausdruckte, schrieb er:
Was mir nicht beschieden war.
Bálint schloss die Wohnungstür auf und war überrascht, den Flur, das Wohn- und Speisezimmer fremd und unvertraut zu finden. Die gewohnte Ansicht hatte sich von der Einrichtung abgelöst, und die Wohnung zeigte sich ihm wie bei einem ersten Blick. Er stellte die Reisetasche ab, und während er Jacke und Schuhe auszog, begannen sich Flur und Zimmer durch eine kaum wahrnehmbare Verformung bereits an die gewohnte Sichtweise der Räume anzugleichen. Er erinnerte sich, die Wohnung hastig verlassen zu haben, um den Zug rechtzeitig zu erreichen. Einiges war liegen geblieben, das er noch hatte wegräumen wollen. Nun zeigten sich die Kaffeetasse, die Zeitung, der Stapel Kleidungsstücke als vergegenständlichte Gesten von Verlassenheit.
Seit über zwanzig Jahren wohnte er in dem Mehrfamilienhaus, das Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts gebaut worden war. Die Wohnungen mit Küchenzeile und offenem Wohnbereich galten damals als modern. Die Umgebung war großzügig nach dem Konzept der Gartenstadt mit Rasen und Bäumen gestaltet, und von seinem Balkon aus sah er über die Zufahrtsstraße und einen von Büschen überwucherten Graben auf den Park einer benachbarten Villa.
Er war versucht gewesen, einen Schnappschuss vom Flur aus in die Zimmer zu machen, um sich später an den Moment seiner Rückkehr zu erinnern, unterließ es jedoch. Zwei Tage später bedauerte er es. Er glaubte, an jenem kurzen Befremden habe es möglicherweise gelegen, dass er seine Wohnung ein weiteres Mal in ungewohnter Art und Weise wahrnahm. Er hatte die Tagesaktualitäten auf seinem Tablet gelesen. Als er aufsah, sein Blick über die Bücher, Nippes und Fotos im Regal gegenüber schweifte, kam es ihm vor, als säße er im Museum der eigenen Biografie, einzig von Vergangenheit umgeben. Zeit, die zu Gegenständen, Möbeln, Teppichen, Bildern geronnen war.
Den Großteil der Einrichtung hatten sie aus Kalifornien mitgebracht. Sie war typisch siebziger Jahre: ein Sofa und zwei Sessel von cremefarbenem Leder überzogen, eine niedrige, messinggefasste Glasplatte als Couchtisch, das Regal mit Tablaren aus Teakholz zwischen schwarzen Metallstützen. Von den Schwiegereltern – Carla stammte aus einer Bauernfamilie – hatten sie zur Hochzeit die mit Blumen bemalte Truhe geschenkt bekommen. Der ovale Tisch und die vier Stühle waren dagegen ein Erbstück seiner eigenen Familie aus Siebenbürgen, woher die Bálints ursprünglich stammten. Den Teppich, braune Wolle mit dem indianischen Zeichen für das Meer, ein vogelartiges Fabelwesen, hatte Carla in Peru gekauft. Sie hatte sich für die präkolumbianische Kunst interessiert, wovon es noch einige Zeugnisse in der Wohnung gab.
