Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dieses eBook: "Heinrich Conrad: Eingekerkerte und Ausbrecher" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Die Abenteuer der Eingekerkerte und Ausbrecher: Freiherr Friedrich von der Trenck Fürst Peter Krapotkin Graf von Lavalette und seine Frau Masers de Latude Heinrich Conrad (1866 - 1919), auch Conradt, eigentlich Hugo Storm, war ein deutscher Schriftsteller, Verleger, Herausgeber und Übersetzer aus dem Italienischen und Französischen. Nach einem Bankrott, der ihn mit 100.000 Reichsmark verschuldete, verließ Conrad Anfang April 1898 Berlin mit unbekanntem Ziel, angeblich flüchtete er in die USA. Seit 1900 trat er auch als Übersetzer beispielsweise der Werke von Ralph Waldo Emerson und Henri Rochefort hervor. In Siena erschien im Selbstverlag und ohne Jahresangabe seine Übersetzung der Bilder aus dem Privatleben der römischen Cäsaren von Pierre-François Hugues d'Hancarville. Für den Stuttgarter Verlag Robert Lutz übertrug er Meisterwerke von Fritz Reuter ins Hochdeutsche. Hier und in anderen Verlagen erschien die gemeinsam mit Hanns Heinz Ewers betreute Reihe Rara. Eine Bibliothek des Absonderlichen. Bekannt wurde er unter dem Namen Heinrich Conrad auch in München. Er fand Arbeit als Lektor beim Verlag von Georg Müller, für den er weitere Reihen erotischer und kulturgeschichtlich interessanter Literatur konzipierte und den er auch in Fragen der Buchgestaltung beriet. Inhalt: Vorwort Freiherr Friedrich von der Trenck Fürst Peter Krapotkin Graf von Lavalette und seine Frau Masers de Latude
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Wohl jeder von uns ist einmal neben einem Schlossvogt gestanden, der bei Kerzenlicht mit langweilig leiernder Stimme die einstige Verwendung eines düsteren, kalten, feuchten Mauerloches unter der Erde erklärte. »Und hier meine Herrschaften ist der Kerker, in dem unter anderen der Graf Kuno über zwanzig Jahre lang ohne Licht und Streu, nur bei Wasser und Brot, mit zweiundsiebzig Pfund Ketten beladen, schmachten musste. Er war an den Mauerring hier angeschmiedet, und Sie sehen noch, wo die Ketten den Stein ausgewetzt haben.« Wir entsinnen uns noch, wie dann ein Schauer über unsere Haut lief und unsere Phantasie sich bemühte, sich die höllische Wirklichkeit einer solchen Kerkerhaft vorzustellen.
Das Leben der lebendig Begrabenen, der Eingekerkerten, hat von jeher die Einbildungskraft entzündet, und Bewunderung für ihre standhafte Ausdauer, gemischt mit tiefstem Mitleid und Grausen, ausgelöst. Noch innigeren Anteil aber nehmen wir, noch höher steigt unsere Bewunderung, wenn wir von kühnen, oft in endlos währender Kleinarbeit vorbereiteten Ausbrüchen aus den festesten Kerkern hören. Selbst der gemeinste Raubmörder gewinnt ja ein wenig unsere Sympathie, wenn wir in der Zeitung lesen, wie er, mit kühnem Wagemut und kalt überlegendem Scharfsinn, seinen Wächtern entronnen ist. Wir Gebildeten gestehen uns kaum ein, dass wir das Scheusal dann für einen ›Helden‹ ansehen, aber aus den primitiv empfindenden, ethisch unbeschwerten Schichten des Volkes fliegen ihm die Herzen zu. Solche Beweise von Stärke, Geist und Verwegenheit werden nie aufhören, einen mehr oder weniger tiefen Eindruck auf alle Menschen zu machen, denn in jedem von uns ruht das Gefühl der Bewunderung für die kühne Tat, und es ist gut, dass dieses Gefühl vorhanden ist.
Die Kerkerleben und die Kerkerausbrüche, die ich hier vorführe, sind von den Männern selbst beschrieben, die das alles erduldet und erkämpft haben und die es daher am besten wissen müssen, was sie alles gedacht, getan, gefühlt und gelitten haben. Selbstverständlich konnte mich bei meinem Buche der Gedanke der Vollzähligkeit nicht leiten. Sonst hätte ich, um nur einige wenige zu nennen, den württembergischen Landschaftskonsulenten Moser nennen müssen, der jahrelang auf dem Hohentwiel sass, ein Opfer desselben Herzogs Karl Eugen, der den Dichter Schubart 10 Jahre lang auf der Feste Asperg schmachten liess; der Bildhauer Cellini hätte müssen zu Worte, kommen, der auf der Engelsburg eingekerkert, eine verwegene Flucht vollbrachte und mit gebrochenem Bein bis in die Gärten des Vatikans kroch; und Casanova hätte hier seine berühmte Flucht aus den Bleikammern Venedigs erzählen müssen. Ich beschränke mich auf den Freiherrn von der Trenck, den Fürsten Peter Krapotkin, den Grafen von Lavalette, und Masers de Latude. Latudes Gefangenenleben hat 35 Jahre gewährt, er war sozusagen Gefangener von Beruf, und die Schilderung dieser 35 Jahre umfasst einen ganzen Band; ich habe mich daher begnügt, zwei Episoden daraus zu geben, die besonders charakteristisch sind. Bei den übrigen dagegen gebe ich die Schilderung der ganzen Haft, bis zur endlichen Befreiung.
Unsere vier Gefangenen werden die Anteilnahme des Lesers aufs höchste fesseln; niemand wird leugnen können, dass das Buch voll Spannung ist, wie der beste Abenteurerroman. Aber ich möchte mehr, als nur unterhalten! So, wie nach eigenen Berichten grosse Männer in den schwersten Tagen an den Vorbildern ihres Plutarch sich gestärkt haben, so glaube ich, kann auch dieses Buch der Eingekerkerten und Ausbrecher Vorbilder liefern für Tugenden, die recht erstrebenswert sind in unserer schwächlichen Zeit der massenhaften Selbstmorde aus ganz unzulänglichen Gründen. Es gibt immer noch Auswege und Hoffnungen, für den, der Mut und Ausdauer hat und alle seine Kräfte zusammennimmt, um einen Ausweg zu finden. Fortes fortuna adjuvat.
München
Heinrich Conrad.
Der Freiherr Friedrich von der Trenck wurde im Jahre 1726 in Königsberg i. Pr. geboren. Mit 13 Jahren schon auf der Universität, wurde er mit 14 Jahren Kadett der Garde du Corps, von Friedrich dem Grossen alsbald seiner glänzenden Gaben wegen ausgezeichnet und zum Offizier befördert. Mit 18 Jahren wurde er Ordonnanzoffizier des Königs und erhielt er den Auftrag, die schlesische Kavallerie in der neuen Taktik zu unterweisen! Zur selben Zeit etwa trat der Umstand ein, der später Trencks lange und schwere Haft zur Folge hatte: er begann ein — sein erstes — Liebesverhältnis, mit der 20jährigen Schwester Friedrichs des Grossen, der Prinzessin Amalia. Der königliche Bruder kam hinter das Geheimnis, seine Warnungen blieben erfolglos, und so ergriff Friedrich der Grosse einen günstigen Vorwand, um Trenck zu kassieren und auf die Festung Glatz zu setzen, von wo der Gefangene jedoch bald ausbrach, um nach mancherlei Irrfahrten und Abenteuern in östreichische Dienste zu treten. Im Jahre 1754 begab Trenck sich in Familienangelegenheiten nach Danzig, damals einer freien Stadt, wo ihn sein Geschick ereilte. Die Danziger lieferten den preussischen »Deserteur« — er war ja aus Glatz geflohen — an Friedrich aus, der ihn nach Magdeburg bringen liess. — Die Schilderung der Kerkerhaft entnehme ich den Lebenserinnerungen Trencks, die er 1787 erscheinen liess und die seitdem unzähligemale neu gedruckt wurden.
C.
Mein Gefängnis war in einer Kasematte, wovon der vordere Teil, sechs Fuß breit und zehn Fuß lang, durch eine Zwischenmauer abgeteilt war. In der inneren Mauer waren doppelte Türen, und zum Eingang in die Kasematte selbst die dritte. Das Fenster in der sieben Fuß dicken Mauer war oben am Gewölbe dergestalt angebracht, daß ich zwar Licht genug hatte, aber weder den Himmel noch die Erde sehen konnte. Gegenüber sah ich das Dach des Magazins allein. Inwendig steckten eiserne Stangen, auswendig gleichfalls, und in der Mitte dieses Mauerfensters war ein ganz enges Drahtgitter angebracht, welches wegen hinaufsteigender Abdachung um einen Fuß kleiner war als das Fenster selbst; hierdurch blieb es unmöglich, weder hinaus-noch hineinzusehen. Von außen stand ein hölzernes Palissadengatterwerk, sechs Fuß von der Mauer, wodurch die Schildwachen dem Fenster nicht beikommen konnten, um mir etwas zuzustecken. Dabei hatte ich ein Bett mit einer Matratze, welches aber, mit Eisen an dem Fußboden befestigt, unbeweglich stand, damit ich es nicht an das Fenster rücken und aufsteigen konnte. Ein kleiner eiserner Ofen stand an der Seite der Türe, und bei demselben ein gleichfalls festgenagelter Leibstuhl. Man legte mir aber keine Eisen an, hingegen bestand meine Kost in 1½ Pfund Kommißbrot und einem Kruge Wasser.
Da ich nun in meiner Jugend einen besonderen Freßmagen hatte und mein Brot meistens so verschimmelt war, daß man kaum die Hälfte genießen konnte — welches vom Geize des damaligen Platzmajors Rieding herrührte, der bei der großen Zahl der unglücklichen Gefangenen noch Gewinn suchte — so ist es mir unmöglich, meinen Lesern die ungeheure Folter zu schildern, welche mir ein elf Monate dauernder unausgesetzter wütender Hunger verursachte. Ich hätte täglich sechs Pfund Brot begierig geschluckt — wenn ich nun alle vierundzwanzig Stunden meine kleine Portion erhielt, so blieb ich nach Genuß derselben ebenso hungrig, als ich vorher war, und mußte abermals vierundzwanzig Stunden auf neue Labung warten. Wie gern hätte ich einen Wechsel auf tausend Dukaten auf mein Wiener Vermögen assigniert, um mich nur einmal an dürrem Brote satt zu essen! Kaum gestattete mir der wütende Hunger einen ruhigen Schlaf, so träumte mir, als ob ich an einer großen Tafel schmauste, wo eben alle Speisen, die ich vorzüglich gern essen mochte, im Überflusse aufgetragen waren. Ich fraß träumend wie ein Nimmersatt, die ganze Gesellschaft erstaunte über meinen Appetit. Der Magen fühlte nichts in Wirklichkeit, desto begieriger fraß ich in Gedanken. Ich erwachte oder vielmehr der Hunger weckte mich, dann schwebten mir die vollen Schüsseln vor den Augen, und dem leeren Magen blieb die rasende Sehnsucht. Der Hunger, der Trieb der Natur, forderten immer mehr, immer rasender, diese Marter hinderte den Schlaf, um desto fürchterlicher erschien mein grausames Schicksal der in die Zukunft forschenden Seele, welche sich die Dauer unübersteiglich schilderte.
Man kann acht Tage Mangel leiden, drei Tage hungern, aber gewiß hat noch kein Mensch auf Erden elf Monate lang so bitter gefastet und sich nicht einmal halb satt gegessen. Man sollte glauben, wenig essen würde Gewohnheit, ich habe aber das Gegenteil empfunden; mein Hunger stieg mit jedem Tage, und eben diese elf Monate waren in meinem ganzen Leben die grausamsten Büttel meiner Standhaftigkeit. Vorstellung, Bitten half nichts, die Antwort war: »Es ist des Königs ausdrücklicher Befehl, man darf Ihnen nicht mehr geben.«
Die drei Türen wurden verschlossen, ich blieb meinem Nachsinnen trostlos überlassen, und alle vierundzwanzig Stunden brachte man mir mein Brot und Wasser um die Mittagsstunde; die Schlüssel von allen Türen waren bei dem Kommandanten. Die inwendige allein hatte ein besonderes verschlossenes Mittelfenster, durch welches mir meine Bedürfnisse hereingereicht wurden. Alle Mittwoch nur wurden die Türen geöffnet, und der Kommandant nebst dem Platzmajor kamen herein, um zu visitieren, wenn vorher mein Abtritt durch einen geschlossenen Delinquenten gereinigt war.
Nachdem ich dieses ein paar Monate hindurch beobachtet hatte und vollkommen sicher war, daß in der ganzen Woche niemand in mein Gefängnis kam, fing ich eine Arbeit an, die ich zuvor genau untersucht hatte und wirklich möglich fand.
Auf dem Platze, wo der Ofen und der Abtritt stand, war der Boden mit Ziegeln gepflastert, und die Wand war der Schwibbogen zwischen meiner benachbarten Kasematte, die niemand bewohnte. Ich hatte nun eine Schildwache vor dem Fenster und fand bald ein paar ehrliche Kerle, die trotz des Verbotes mit mir sprachen und mir die ganze Lage meines Kerkers schilderten. Durch diese erfuhr ich, daß ich leicht entfliehen könne, falls es mir möglich wäre, in diese nächste Kasematte hineinzubrechen, wo die Türe unverschlossen war, dann käme es darauf an, wenn ich einen Freund mit einem Nachen an der Elbe bereit hätte, oder wenn ich mich durch Schwimmen retten könnte; die sächsische Grenze wäre nur eine Meile davon.
Hierauf wurde nun mein Plan gemacht, dessen zergliederte Schilderung dieses halbe Buch füllen würde.
Ich arbeitete die Eisen los, womit mein Abtritt in dem Boden befestigt, und die achtzehn Zoll lang am Kastenbrett mit drei kleinen Nägeln befestigt waren, die ich inwendig abbrach und von außen her, wo allein visitiert wurde, die Köpfe richtig wieder an ihren Ort steckte.
Hierdurch erhielt ich Brecheisen, hob die Ziegel vom Boden auf und fand unter denselben sogleich Erde.
Ich fing also den ersten Versuch an, hinter diesen Kasten ein Loch durch den Schwibbogen zu brechen, welcher sieben Fuß dick war. Die erste Lage der Mauern war Ziegelsteine, dann folgten aber sogleich große Bruchsteine. Nun versuchte ich erst, sowohl die Ziegel des Bodens, als die ersten der Wand, genau zu numerieren und zu bemerken, um das Loch wieder akkurat zuzumachen; dieses glückte, ich griff also weiter.
Am Tage vor der Visitation wurde alles ganz behutsam zugemacht. Beinahe einen Fuß hoch brach ich in die sichtbare Mauer. Die Ziegel wurden wieder eingesetzt, der feinste Kalk wohl verwahrt, der übrige von der Mauer abgeschabt, die vielleicht hundertmal vorher überweißt war und unmerklich Stoff genug zu meinem Bedürfnis gab. Von meinen Haaren machte ich einen Pinsel, machte alles gleich, dann den feinen Kalk in der Hand naß, überstrich und blieb mit dem bloßen Leib so lang an der Mauer sitzen, bis alles trocken und der übrigen Wand gleich war. Dann wurden die Eisen wieder am Abtritte befestigt, und es war unmöglich, das Mindeste zu bemerken.
Während der Arbeit lagen Steine und Schutt in meiner Bettstelle. Hätte man nun in der ganzen Zeit einmal den Verstand gehabt, an einem andern Tage als am Mittwoch zu visitieren, so wäre ich sogleich entdeckt worden; da dieses aber binnen sechs Monaten gar nicht geschah, so war mir die Ausführung einer unglaublichen Unternehmung möglich.
Inzwischen mußte ich auf Mittel sinnen, Schutt aus dem Gefängnis zu schaffen, weil es nie möglich ist, aus einer gebrochenen Mauer alles wieder in den vorigen Raum zu bringen. Dieses geschah auf folgende Art: Kalk und Steine waren unmöglich fortzuschaffen, ich nahm also Erde, streute etwas in mein Zimmer und trat den ganzen Tag auf derselben herum, daß sie ein feiner Staub wurde. Diesen Staub streute ich auf mein Fenster; um heraufzusteigen, brauchte ich den losgemachten Abtritt. Dann machte ich mir einen kleinen Stab von Holzsplittern der Bettstelle; der Zwirn von einem alten Strumpf diente zum Zusammenbinden, und vorne machte ich aus meinen Haaren einen Busch.
Im mittleren Drahtgitter am Fenster machte ich ein Loch größer, das von unten her nicht bemerkt werden konnte, dann warf ich meinen Staub ganz dick auf die Fenstermauern und schob ihn mit großer Mühe mit meinem Stabe durch das Drahtgitter bis an den äußern Rand des Fensters. Dann wartete ich, bis windiges Wetter einfiel, und wenn die Windstöße in der Nacht am Fenster vorbeistrichen, stieß ich mit meinem Pinsel den Staub hinaus, welcher in die Luft geführt wurde und von außen keine Merkmale auf der Erde hinterließ.
Auf diese Art habe ich gewiß allgemach mehr als drei Zentner Erde herausgeschafft und mir zur angefangenen Arbeit Luft gemacht.
Da dieses aber nicht hinlänglich war, so half noch folgendes: Ich machte Würste von Tonerde, die dem Kote ähnlich sahen, trocknete sie, und wenn man das Schloß der letzten Türe am Mittwoch öffnete, dann warf ich sie geschwind in den Abtritt; der Arrestant eilte mit dem Eimer hinweg, schüttete aus, und auf diese Art wurden gleichfalls alle Wochen ein paar Pfund hinausgeschafft. Ich machte auch kleine Kügelchen und blies mit einem Stück Papier, wenn die Schildwache spazieren ging, eines nach dem andern weit zum Fenster hinaus. Auf diese Art schaffte ich Platz, füllte den leeren Erdraum unter dem Bretterboden mit Kalk und Steinen aus und arbeitete glücklich vorwärts.
Unmöglich kann ich aber die Arbeit schildern, die ich fand, nachdem ich ein paar Fuß tief in die Bruchsteine kam. Meine Eisen vom Abtritt, zuletzt auch die vom Bette, waren die beste Hilfe. Eine redliche Schildwache steckte mir einmal einen alten eisernen Ladestock zu, der mir gute Dienste leistete, und ein Messer, so wie es die Soldaten zu kaufen pflegen, welches eine hölzerne Scheide hat, etwa zwei Kreuzer kostet und Kneif genannt wird. Dieses letztere hat mir in der Folge unglaubliche Dienste geleistet. Mit diesem Messer schnitt ich Stücke von den Brettern des Bettes ab und machte Späne, mit welchen ich allgemach den Kalk zwischen den Steinen herausarbeitete.
Unglaublich ist es, was diese sieben Fuß dicke Mauer mir für Arbeit kostete. Das Gebäude ist uralt, und der Kalk war an einigen Orten ganz petrifiziert, so daß ich die ganzen Steine in Staub zerreiben mußte. Sechs Monate lang dauerte die Arbeit unausgesetzt, ehe ich an die letzte Lage kam, welches ich an den Ziegeln erkennen konnte, womit jedes Kasemattenzimmer inwendig ausgemauert war.
In dieser Zeit hatte ich nun Gelegenheit, mit einigen Schildwachen zu sprechen; unter diesen war ein alter Grenadier, Namens Gefhardt, den ich hier deshalb nenne, weil er in meiner Geschichte als ein Beispiel des großmütigsten Menschen auf Erden erscheinen wird. Von diesem erfuhr ich nun die ganze Lage meines Gefängnisses und alle Umstände, wie ich zu meiner Freiheit gelangen konnte.
Nichts fehlte mir als Geld, um einen Kahn zu kaufen und auf der Elbe mit ihm nach Sachsen zu fliehen. Durch diesen rechtschaffenen Mann machte ich Bekanntschaft mit einem Judenmädchen, namens Esther Heymannin aus Dessau, deren Vater daselbst auf zehn Jahre im Gefängnisse saß. Dieses redliche Mädchen, das ich nie sehen konnte, gewann zwei andere Grenadiere, die ihr Gelegenheit boten, so oft sie bei mir auf der Schildwache standen, mit mir zu sprechen. Ich machte von meinen Spänen einen langen, zusammengebundenen Stock, welcher bis vor die Palissadeneinfassung vor dem Fenster reichte: hierdurch erhielt ich Papier, ein Messer und eine Eisenfeile.
Ich schrieb an meine Schwester, die an den einzigen Sohn des Generals von Waldow verheiratet war, schilderte meinen Zustand, gab ihr Instruktion, wie sie für meine Freiheit arbeiten sollte und bat sie, daß sie diesem Judenmädchen dreihundert Reichstaler geben sollte, weil ich durch ihre Hilfe Möglichkeit gefunden hätte, aus meinem Kerker zu entfliehen.
Zugleich gab ich ihr einen beweglichen Brief an den kaiserlichen Minister in Berlin, Graf Puebla, mit, schloß einen Wechsel von tausend Gulden bei, um ihn in Wien einzukassieren und dieser Heymannin zu behändigen. Diese tausend Gulden hatte ich ihr als Belohnung für ihre Treue versprochen. Die dreihundert Reichstaler von meiner Schwester sollte sie aber mir bringen, und dann nebst ihren Grenadieren meine Anstalten zur sicheren Flucht befördern, welches auch unfehlbar entweder durch mein bereits damals halbfertiges Loch in der Mauer oder mit Hilfe der Jüdin und Schildwache durch Durchschneidung meiner Türen um die Schlösser herum geschehen wäre.
Die Briefe waren offen, weil ich sie nur um den Stock wickeln und ihr auf diese Art zustecken konnte.
Das arme redliche Mädchen geht also nach Berlin, gerade und glücklich zum Minister Graf Puebla. Er gibt ihr allen Trost, übernimmt Brief und Wechsel und befiehlt ihr, mit seinem Gesandtschaftssekretär, Herrn von Weingarten, zu sprechen, und alles zu tun, was dieser ihr befehlen würde.
Sie geht zu ihm und wird auf das freundlichste empfangen. Er fragt sie alles aus und sie vertraut ihm den ganzen Plan, durch Hilfe der beiden Grenadiere, zu meiner Flucht. Auch daß sie einen Brief an meine Schwester nach Hammer bei Küstrin zu tragen habe.
Er fordert diesen Brief, liest ihn, forscht alles aus, befiehlt ihr, sogleich zu meiner Schwester zu gehen, und gibt ihr zwei Dukaten auf die Reise, mit dem Befehl, bei ihrer Rückkunft wieder zu ihm zu kommen. Indessen wolle er die Zahlung des Wechsels per tausend Gulden in Wien besorgen und ihr sodann weitere Instruktion geben.
Das Mädchen geht freudig nach Hammer. Meine Schwester, die Witwe war und ihren Mann nicht mehr, wie im Jahre 1746, zu fürchten hatte, ist entzückt über die Nachricht, daß ich noch lebe, gibt ihr dreihundert Reichstaler und muntert sie auf, alles Mögliche zu meiner Rettung beizutragen.
Hiermit eilt sie, nebst einem Briefe an mich, nach Berlin zurück und bringt die Nachricht dem Herrn von Weingarten. Dieser liest meiner Schwester Brief und fragt die Jüdin alles ab, auch sogar die Namen der beiden Grenadiere. Er sagt ihr, die tausend Gulden wären noch nicht aus Wien angekommen, gibt ihr aber zwölf Dukaten, mit dem Befehl, nach Magdeburg zu eilen, mir die gute Nachricht zu bringen, dann aber sogleich nach Berlin zurückzukehren und ihre tausend Gulden bei ihm abzuholen. Das gute Mädchen fliegt nach Magdeburg, geht auf die Citadelle, begegnet aber zu ihrem größten Glücke vor dem Tore dem Weibe des Grenadiers, welches ihr mit Winseln und Tränen erzählt, daß ihr Mann nebst seinem ihr bekannten Kameraden tags vorher arretiert und, in Eisen scharf bewacht, festsäßen.
Die Jüdin hatte einen gesunden Verstand, roch den Braten, kehrte auf der Stelle um und flüchtete glücklich nach Dessau.
Nun will ich dieses wichtige und schreckbare Rätsel auflösen, weil ich nach meiner erlangten Freiheit von eben dieser Jüdin die ganze Relation schriftlich erhalten, die ich noch gegenwärtig wirklich in Händen habe.
Der Legationssekretär von Weingarten war, wie bald hernach weltkundig wurde, ein Verräter, welchem Graf Puebla zu viel vertraut hatte, der als Kundschafter wirklich in preußischem Sold stand und alle Geheimnisse der kaiserlichen Gesandtschaft, auch den in Wien entworfenen Kriegsplan, an das Berliner Ministerium verraten hatte. Er blieb auch bei bald darauf ausgebrochenem Kriege wirklich als ein Treuloser im preußischen Dienste zurück. Mich hatte er verraten, um den Wechsel per tausend Gulden in seinen Sack zu schieben. Denn sicher und erwiesen ist es, daß Graf Puebla meinen Wechsel wirklich nach Wien geschickt, und derselbe ihm den 24. Mai 1755 aus meiner Administrationskasse bezahlt, mir auch nach erlangter Freiheit hier angerechnet wurde. Denn nimmermehr kann ich glauben, daß der Minister selbst diese tausend Gulden für sich behalten habe, obgleich in Wien das Geld wirklich von ihm selbst quittiert ist, wie in der mir vorgelegten Rechnung zu lesen ist, die ich zum Beweis in Händen habe.
Da nun Weingarten das Judenmädchen auf das genaueste ausgekundschaftet hatte, so hat der Schelm, um tausend Gulden zu erobern, mich in das Verderben gestürzt und meiner Schwester Unglück und frühzeitigen Tod verursacht; und seine Verräterei war Ursache, daß ein Grenadier gehenkt wurde, der andere hingegen drei Tage Gassen laufen mußte.
Ich selbst geriet durch Weingartens Verräterei in die ungeheuren Fesseln, die mich noch neun Jahre folterten. Ein unschuldiger Mensch verlor am Galgen sein Leben. Meine redliche Schwester hingegen mußte mir auf ihre Kosten das neue Gefängnis in der Sternschanze bauen lassen. Der Fiskus strafte sie um eine Summe, die ich nie erfahren habe. Ihre Güter wurden bald hernach gänzlich ausgeplündert und in eine Wüstenei verwandelt. Ihre Kinder gerieten durch diese Begebenheit in die bitterste Armut, und sie selbst starb in der Blüte der Jahre, im dreiunddreißigsten, von Gram und Verfolgung, durch ihres Bruders Unglück und durch die Verräterei der kaiserlichen Gesandtschaft zugrunde gerichtet.
In meinem Kerker erfuhr ich in den ersten Tagen gar nichts. Bald aber kam mein ehrlicher Gefhardt wieder auf die Schildwache zu mir. Da aber die Posten verdoppelt waren und nunmehr zwei Grenadiere meine Türe bewachten, so war das Sprechen ohne Gefahr fast unmöglich. Indessen gab er mir doch Nachricht von den beiden unglücklichen Kameraden.
Der König kam eben nach Magdeburg zur Revue. Er selbst ist in der Sternschanze gewesen und hat in aller Eile das neue Gefängnis in derselben für mich zu bauen befohlen, auch die Ketten angeordnet, in die ich geschmiedet werden sollte.
Mein ehrlicher Gefhardt hatte seine Offiziere sprechen hören, daß dieses neue Gefängnis für mich bestimmt sei. Er gab mir Wind davon, versicherte mir aber, daß es vor Ende des Monats nicht fertig sein könnte.
Ich faßte also den Entschluß, eilfertig den Ausbruch meines Lochs in der Mauer zu beschleunigen und ohne auswärtige Hilfe zu entfliehen.
Möglich war es, denn von meinem Bette hatte ich einen Strick verfertigt, den ich an eine Kanone anbinden und mich vom Walle herunterlassen wollte. Über die Elbe wäre ich geschwommen, und da die sächsische Grenze nur eine Meile entfernt ist, so wäre ich auch sicher glücklich davongekommen.
Am 26. Mai wollte ich in die Nebenkasematte herausbrechen. Da ich mich aber unter dem Ziegelboden herausarbeiten wollte, fand ich dieselbe so fest ineinander gefügt, daß ich den Ausbruch auf den folgenden Tag verschieben mußte. Der Tag brach wirklich heran, als ich müde und matt aufhörte; und wäre jemand zufällig am folgenden in das Zimmer gegangen, so hätte man das bereits aufgewühlte Loch gefunden.
Der 27. Mai war ein neuer Unglückstag für mich. Mein Gefängnis war in der Sternschanze rascher fertig geworden, als man glaubte. Und eben, als die Nacht heranbrach und ich Anstalt zu meiner Flucht machen wollte, hielt ein Wagen vor meinem Gefängnisse still. Gott! Wie erschrak ich! Du allein weißt es, wie mir damals zumute war! Schlösser und Türen wurden geöffnet! In Geschwindigkeit versteckte ich noch mein Messer zur letzten Nothilfe an einem geheimen Orte auf dem Leibe, und in eben dem Augenblicke trat der Platzmajor nebst dem Major du jour und einem Kapitän in mein Gefängnis, zwei Laternen in den Händen.
Man sprach kein Wort, als: »Ziehen Sie sich an.« Dies war gleich geschehen, es war noch meine kaiserliche Uniform. Hierauf reichte mir jemand ein paar Eisen, mit welchen ich mich selbst übers Kreuz an Hand und Fuß schließen mußte. Dann band mir der Platzmajor mit einem Tuche die Augen zu, man griff mir unter die Arme und führte mich in den Wagen. Aus der Zitadelle muß man nun durch die ganze Stadt und dann erst zur Sternschanze wieder hinausfahren. Ich hörte nun nichts als das Geklirre der den Wagen umgebenden Bedeckung, in der Stadt aber einen gewaltigen Zulauf des neugierigen Volks, weil man ausgesprengt hatte, ich sollte in der Sternschanze enthauptet werden.
Sicher ist es auch, daß verschiedene Leute, welche mich damals mit verbundenen Augen durch die Stadt führen sahen, überall erzählt und geschrieben haben, daß am 27. Mai der Trenck in die Sternschanze geführt und daselbst ihm der Kopf vor die Füße gelegt sei. Die Offiziere der Garnison hatten auch den Befehl, dieses zu bekräftigen, weil niemand wissen sollte, wo ich geblieben war.
Endlich hielt der Wagen still. Man führte mich aus demselben in das neue Gefängnis und löste mir bei dem Scheine einiger Lichter das Tuch von den Augen. Aber, o Gott! wie regte sich mein Gefühl, als mir zwei schwarze, dem Teufel ähnliche Schmiede, mit einer Glutpfanne und Hammer bewaffnet, und der ganze Boden mit rasselnden Ketten bedeckt, in die Augen fielen.
Man griff sogleich zum Werke, und beide Füße wurden mir mit schweren Ketten an einem eisernen, in der Mauer befestigten Ringe festgeschmiedet. Dieser Ring war drei Fuß vom Boden erhaben, folglich konnte ich links und rechts etwa drei Fuß breit Bewegung machen. Dann wurde mir um den nackten Leib ein handbreiter Ring angeschmiedet, welcher mit einer Kette an einer eisernen, armdicken Stange zusammenhing, die zwei Fuß lang war und an deren beiden Enden man meine Hände in zwei Schellen befestigte. Das ungeheure Halseisen wurde mir diesmal noch nicht angelegt und folgte erst im Jahre 1756.
Nun sagte kein Mensch gute Nacht, alles ging in schreckbarer Stille fort, und ich hörte nacheinander vier Türen mit fürchterlichem Gerassel zuschließen.
Schildern kann meine Feder nicht, was in dieser ersten Nacht in meinem Herzen, in meinen Entschließungen kämpfte und den letzten Entschluß zurückhielt. Ich sah wohl ein, daß dieses Schicksal mir nicht auf kurze Zeit bestimmt sei, weil mir der nächst ausbrechende Krieg zwischen Österreich und Preußen bekannt war, und das Ende mit Gelassenheit abzuwarten, schien mir unmöglich. Dabei hatte ich Ursache zu zweifeln, ob man sich am Ende noch in Wien für mich interessieren werde, weil ich Wien aus Erfahrung kannte, auch wußte, daß die, welche meine Güter daselbst geteilt hatten, gewiß alles Mögliche tun würden, um mir die Rückkehr zu wehren. Mit diesen Gedanken verfloß die Nacht. Der Tag erschien, aber nicht in seinem Glanze für mich. Dennoch konnte ich in der Dämmerung meinen Kerker betrachten.
Die Breite war acht und die Länge zehn Fuß. Neben mir stand ein Leibstuhl, und vier Ziegel waren in der Ecke in die Höhe gemauert, worauf ich sitzen und den Kopf an die Mauer anlehnen konnte. Dem Ringe in der Mauer gegenüber, an den ich angeschmiedet war, war ein künstliches Fenster in der sechs Fuß dicken Mauer angebracht, in der Form eines halben Zirkels, aber nur einen Fuß hoch und zwei im Diameter. Von innen ging die Öffnung aufwärts gemauert bis an die Mitte, woselbst ein enges Drahtgitter befestigt war. Dann lief die Abdachung gegen die Erde hinaus, wo man dieses Luftloch oder Fenster mit dicht aneinander stehenden eisernen Stangen ebenso wie inwendig versichert hatte.
Da nun mein Gefängnis in dem Graben des Hauptwalls gebaut, von hinten an denselben gelehnt, inwendig acht Fuß breit und die Mauer sechs Fuß dick war, so stieß das Fenster beinahe an die Mauer des zweiten Walles; folglich konnte von oben her gar keines, von unten auf aber nur der Widerschein des Tageslichts in meinen Kerker, besonders durch ein so enges Loch, hereinbrechen, welches dreimal mit Eisen und Gittern versehen war. Mit der Zeit wurde mein Auge aber dennoch so an diese Dämmerung gewöhnt, daß ich eine Maus konnte laufen sehen. Im Winter aber, wo die Sonne gar nicht in den Graben schien, war bei mir ewige Nacht. Inwendig war vor dem Gitter ein Fenster, wovon die mittlere Scheibe zum Luftloch geöffnet werden konnte.
Neben dem hölzernen Leibstuhl, der alle acht Tage ausgetragen wurde, stand ein Wasserkrug.
In der Mauer konnte man den Namen Trenck von roten Ziegeln ausgemauert lesen, und unter meinen Füßen lag ein Leichenstein mit dem Totenkopf, unter welchen ich begraben werden sollte, und mit meinem Namen bezeichnet. Mein Kerker hatte doppelte Türen von zwei Zoll dickem, eichenem Holze. Vor denselben war eine Art von Vorzimmer mit einem Fenster, und dieses abermals mit zwei Türen verschlossen.
Weil nun der Monarch ausdrücklich befohlen hatte, daß mir absolut aller Umgang, alle Gelegenheit, mit Schildwachen zu sprechen, sollte abgeschnitten werden, damit ich keinen mehr verleiten könne, und deshalb der Kerker undurchdringlich gebaut werden müsse, so war der Hauptgraben, in welchem mein Palast prangte, von beiden Seiten mit zwölf Fuß hohen Palissaden geschlossen, und den Schlüssel zu dieser fünften Türe allein hatte der wachhabende Offizier. Mir selbst blieb keine andere Bewegung übrig, als auf der Stelle, wo ich angeschmiedet war, zu springen, oder den oberen Leib so lange zu schütteln, bis mir warm wurde. Mit der Zeit, als ich mich an die schweren Fesseln gewöhnt, konnte ich auch Seitenbewegungen von vier Fuß machen, wobei aber die Schienbeine litten.
Das Gefängnis war binnen elf Tagen mit Gips und Kalk ausgemauert worden, und gleich wurde ich hineingebracht, wobei jedermann glaubte, daß ich den neuen Mauerndampf in einem ganz geschlossenen Loche nicht vierzehn Tage überdauern würde. Wirklich saß ich etwa sechs Monate beständig im Wasser, welches von dem ungeheuer dicken Gewölbe ebenda, wo ich stehen mußte, beständig auf mich herabträufelte. Ich kann auch meine Leser versichern, daß mein Leib binnen der ersten drei Monate gar nicht trocken wurde, und dennoch blieb ich gesund.
So oft man zur Visitation kam, und dies geschah täglich um Mittag nach Ablösung der Wache, mußte man vorher die Türen einige Minuten offen lassen, sonst löschte der erstickende Dunst der Mauer die brennenden Lichter in der Laterne aus.
Mein Vorsatz war, dem Unglück zu trotzen und meinen Sieg trotz allen Hindernissen selbst zu erringen. Der Ehrgeiz, mir dereinst diesen Sieg selbst zuzueignen, war vielleicht die stärkste Triebfeder zu diesem Entschluß, welcher endlich durch wiederholte Prüfungen bis zu dem Grade des echten Heldengeistes heranwuchs, dessen Sokrates im grauen Haare sich gewiß in solchem Gewichte nicht rühmen konnte. Er war alt, hörte auf zu empfinden und trank den Giftbecher gleichgültig. Ich hingegen war im Feuer der Jugend, und das Ziel schien auf allen Seiten weit entfernt, wo ich hinstrebte. Die gegenwärtige Art der wirklichen Leibes-und Seelenfoltern waren von solcher Art, daß ich von meinem Gliederbaue wahrscheinlich keine Dauer erwarten konnte.
Mit solchen Gedanken rang ich, als es Mittag war und mein Käfig zum erstenmal geöffnet wurde. Wehmut und Mitleid war auf jeder Stirne meiner Wächter gemalt. Niemand sprach ein Wort, auch nicht einmal guten Morgen, und fürchterlich war ihre Ankunft, weil sie mit den noch nicht gewöhnten ungeheuren Riegeln und Schlössern an den Türen etwa eine halbe Stunde rasselten, ehe die letzte geöffnet wurde.
Man trug meinen Leibstuhl hinaus, brachte eine hölzerne Bettstelle oder eine Pritsche herein, nebst einer Matratze und guten wollenen Decken; zugleich auch ein ganzes Kommißbrot von sechs Pfund, wobei der Platzmajor sagte: »Damit Sie sich nicht mehr über Hunger zu beklagen haben, wird man Ihnen Brot geben, so viel Sie essen wollen.« Man schloß die Türen zu und überließ mich meinem Schicksale.
Gott! wie kann ich die Wollust schildern, die ich im ersten Augenblicke empfand, als ich nach elfmonatlichem, wütendem Hunger mich zum erstenmal sattessen konnte. Kein Glück schien mir im ersten Genüsse vollkommener als dieses, und keine Mühle zermahlt die harten Körner geschwinder, als damals meine Zähne im Kommißbrot wühlten. Ich fraß, ich rastete, stellte Betrachtungen an, aß wieder, fand mein Schicksal schon erleichtert, vergoß Tränen, brach ein Stück nach dem andern ab, und noch eh’ es Abend wurde, war mein Brot im Leibe.
Meine erste Freude dauerte aber nicht lange, und gleich lernte ich, daß ein übertriebener Genuß ohne Mäßigung Ekel hervorbringt. Mein Magen war durch so langen Hunger geschwächt, die Verdauung wurde gehemmt, der ganze Leib schwoll auf, mein Wasserkrug wurde leer, Krämpfe, Koliken und zuletzt Durst mit unglaublichen Schmerzen folterten mich bis zum andern Tage, und schon verfluchte ich die, welche ich kurz vorher deshalb segnete, weil sie mir satt zu essen gaben. Ohne Bett wäre ich in dieser Nacht gewiß verzweifelt. Meine grausamen Fesseln war ich noch nicht gewöhnt, die Kunst, in denselben zu liegen, hatte ich noch nicht so gelernt, wie sie mir endlich Zeit und Gewohnheit lehrten. Ich konnte mich wenigstens auf trockener Matratze sitzend krümmen. Diese Nacht war aber dennoch eine der grausamsten, die ich erlebt habe. Am folgenden Tage, da man meinen Kerker öffnete, fand man mich in einem erbärmlichen Zustande, wunderte sich über meinen Appetit und trug mir ein anderes Brot an. Ich protestierte, weil ich keines mehr zu bedürfen glaubte. Dennoch ließ man eins holen, gab mir zu trinken, zuckte die Achseln, wünschte mir Glück, weil ich allem Aussehen nach nicht lange mehr leiden würde, und schloß die Türen wieder zu, ohne zu fragen, ob ich anderer Hilfe bedürfe.
Drei Tage verflossen, bis ich wieder den ersten Bissen Brot essen konnte. Indessen war die sonst starke, standhafte Seele im kranken Leibe kleinmütig, und mein Tod wurde beschlossen.
Ich fand tausend Gründe, die mich überzeugten, daß es nunmehr Zeit sei, meinen Leiden ein Ende zu machen. Und da mich niemand gefragt hat, ob ich in die Welt kommen und geboren sein wollte, so glaubte ich auch, daß ich vollkommen berechtigt sei, gleichfalls, ohne jemand zu fragen, dieselbe zu verlassen, sobald mein Hiersein unerträglich wurde. Dennoch wollte ich den ersten Regungen eines verzweifelten Schmerzes mit aller möglichen Vernunft ausweichen und mir selbst Zeit lassen, alle Gründe und Gegensätze mit kaltem Blute abzuwiegen. Deshalb beschloß ich, noch acht Tage zu warten, bestimmte aber den 4. Juli zu meinem unfehlbaren Sterbetage.
Indessen sann ich auf alle mögliche Mittel, mir eigenmächtig zu helfen, oder in den Bajonetten meiner Wächter die Seele auszuhauchen.
Gleich am folgenden Tage wurde ich bei Öffnung meiner vier Türen gewahr, daß sie nur von Holz waren, und der Gedanke fiel mir ein, mit meinem aus der Citadelle glücklich herübergebrachten Messer die Schlösser auszuschneiden, sodann aber weiter meine Rettung zu versuchen. Wäre dann kein Mittel, dann sei es erst Zeit, den Tod zu wählen.
Nun ward sogleich der Versuch gemacht, ob es möglich sei, mich von meinen Eisen zu befreien.
Die rechte Hand brachte ich glücklich durch die Schelle, obgleich das Blut unter den Nägeln gerann, die linke aber konnte ich nicht herausbringen. Ich wetzte aber mit einigen Stücken Ziegelsteinen, die ich von meinem Sitze losschlug, so glücklich an dem nur nachlässig verschmiedeten Stifte der Handschelle, daß ich selbigen herausziehen und auch diese Faust befreien konnte.
An dem Ringe um den Leib war nur ein Haken mit der Kette an der Armstange befestigt; ich stemmte die Füße gegen die Wand und konnte ihn aufbiegen. Nun blieb mir noch die Hauptkette zwischen Mauer und Fuß übrig, ich drehte dieselbe übereinander — Kräfte hatte mir die Natur gegeben — sprengte mit Gewalt von der Mauer weg, und zwei Gelenke zersprangen auf einmal.
Von Fesseln frei, glaubte ich mich schon glücklich, schlich zur Türe, suchte im Dunkeln die Spitzen der durchgeschlagenen Nägel um das auswendig befestigte Schloß und fand, daß ich eben kein großes Stück Holz auszuschneiden hatte, um diese zu eröffnen. Gleich nahm ich mein Messer zur Hand, schnitt unten am Gerüste ein kleines Loch durch und fand die eichenen Bretter nur einen Zoll dick, folglich die Möglichkeit, alle vier Türen in einem Tage zu öffnen.
Hoffnungsvoll eilte ich nun zu meinen Eisen, um sie wieder anzulegen; doch, ach Gott! was waren hier für Schwierigkeiten zu übersteigen!
Das zersprungene Gelenk fand ich nach vielem Herumtappen und warf es in den Abtritt. Mein Glück war, daß man bis dahin gar nicht visitiert hatte, auch bis zum Tage der Unternehmung selbst nichts visitierte, weil man keine Möglichkeit zur Flucht vermutete. Ich band also mit einem Stück von einem Haarbande die Kette zusammen.
Da aber die Hand wieder in die Schelle zurücksollte, war sie vom gewaltsamen Ausziehen geschwollen, und aller Versuch unmöglich. Die ganze Nacht wurde auch an diesem Stifte gewetzt, der aber so stark verschmiedet war, daß alle Arbeit vergebens blieb.
Der Mittag, die Visitierstunde erschien, die Not, die Gefahr war da; der Versuch wurde erneuert, die Hand hineinzuzwingen; endlich gelang es mit Foltermartern, und man fand beim Hereintreten alles in Ordnung.
Den 4. Juli wurde kaum die Türe nach dem Visitieren geschlossen, so war auch schon die Hand aus der Schelle hinaus und alle Fesseln glücklich abgelegt. Sogleich ergriff ich mein Messer und fing die Herkulesarbeit an den Türen an. In weniger als einer Stunde war sie offen, weil sie einwärts aufging und die Querstange nebst dem Schlosse von außen hängen blieb.
Aber, o Gott! wie schwer ging es bei der zweiten! Das Schloß war bald umschnitten, aber da die Querstange an demselben befestigt war und die Türe hinaus geöffnet werden mußte, war kein anderes Mittel übrig, als sie über der Stange ganz durchzuschneiden.
Auch dieses wurde durch eine unglaubliche Arbeit möglich gemacht, und diese fiel mir desto schwerer, weil alles im Finstern allein durch Greifen bewerkstelligt werden mußte. Meine Finger waren alle wund, der Schweiß floß auf den Boden, und das rohe Fleisch blutete in den Händen.
Nun fand ich das Tageslicht. Ich stieg über die halbe Türe, im Vorgemache war ein offenes Fenster, ich kletterte hinauf und sah, daß mein Kerker im Hauptgraben des ersten Walles gebaut war. Ich sah vor mir den Aufgang auf denselben und die Wache etwa fünfzig Schritte von mir, auch die hohen Palissaden, die noch im Graben vor meinem Kerker zu übersteigen waren, ehe ich auf den Wall kriechen konnte. Meine Hoffnung wuchs und meine Arbeit verdoppelte sich, als ich zur dritten Türe griff, die wie die erste inwendig aufging, folglich nur die Umschneidung des Schlosses erforderte. Die Sonne ging unter, als ich auch mit dieser fertig war; die vierte mußte eben wie die zweite in der Quere durchschnitten werden, meine Kräfte hatten mich aber bereits verlassen, und das rohe Fleisch in beiden Händen machte mir alle Hoffnung schwinden.
Nachdem ich eine Weile gerastet, wurde dennoch auch diese angegriffen; wirklich war bereits etwa ein Fuß lang der Schnitt fertig, als mein Messer zerbrach und die Klinge hinausfiel.
Allsehender Gott! was war ich in diesem schrecklichen Augenblicke! Fand sich wohl jemals eines deiner Geschöpfe mehr gerechtfertigt als ich zur Verzweiflung? Der Mond schien hell, ich sah durch das Fenster mit starrem Blick den Himmel an, fiel auf meine matten Knie, suchte neuen Mut und Trost und fand keinen, weder in der Religion, noch in der Weltweisheit.
Ohne der Vorsehung zu fluchen, ohne mindeste Furcht vor meiner Vernichtung, noch vor der Gerechtigkeit eines Gottes, der unsres Schicksals Schöpfer ist, und der mir auch nur menschliche Kräfte in Vorfällen gegeben hatte, welche diese Kräfte weit überwiegen, empfahl ich mich dem möglichen Richter der Toten, ergriff das Stück meines Messers, durchschnitt mir die Adern am linken Arm und Fuße, setzte mich ruhig in den Winkel meines Kerkers und ließ mein Blut rieseln. Eine Ohnmacht bemeisterte sich meiner Sinne, und ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande sanft geschlummert habe.
Auf einmal hörte ich meinen Namen rufen, erwachte, und abermals rief man draußen: »Baron Trenck!«
Meine Antwort war: »Wer ruft?« Und wer war es? Mein redlicher Grenadier Gefhardt, der mir auf der Zitadelle alle Hilfe versprochen hatte.
Dieser rechtschaffene Mann war über mein Gefängnis auf den Wall hingeschlichen, um mich zu trösten.
Er fragte: »Wie geht’s ?« Ich antwortete, nachdem er sich zu erkennen gegeben: »Ich liege im Blute, morgen findet Ihr mich tot.« — »Was, sterben ?« erwiderte er. »Hier ist es viel leichter für Sie, zu entfliehen, als auf der Zitadelle. Sie haben gar keine Schildwache, und ich werde schon Mittel finden, Ihnen Instrumente zuzustecken. Können Sie sich nur herausbrechen, für das übrige lassen Sie mich sorgen. So oft ich hier auf der Wache bin, will ich Gelegenheit suchen, mit Ihnen zu sprechen. In der ganzen Sternschanze steht nur eine Schildwache vor der Wache und eine am Schlagbaum. Verzweifeln Sie nicht! Gott wird Ihnen noch helfen! Verlassen Sie sich auf mich.«
Nach einer kurzen Unterredung wuchs mein Mut. Ich sah noch Möglichkeit zur Rettung, eine geheime Freude durchwühlte meine Seele. Gleich zerriß ich mein Hemd, verband meine Wunden und erwartete den Tag, der bald hernach mit heiterer Sonne heranbrach.
Nun hatte ich noch Zeit bis Mittag, zu überlegen, was ferner zu tun sei. Was war anders für mich zu erwarten, als daß ich noch ärger mißhandelt und eingeschmiedet werden müsse, als bisher geschehen war, sobald man meine zerschnittenen Türen und zernichteten Fesseln finden würde.
Nach reiflicher Überlegung faßte ich also folgenden Entschluß, der mir glücklich und wider alles Vermuten gelang. Ehe ich aber diesen erzähle, will ich nur einige Worte von meinem damaligen Zustande vortragen.
Meine Mattigkeit kann ich niemand schildern. Das Blut schwamm im Gefängnisse, und sicher war nur noch wenig in meinen Adern übrig. Die Wunden schmerzten, die Hände waren von der ungeheuren Arbeit starr und geschwollen, und ohne Hemd stand ich da, weil es zur Verbindung meiner Adern dienen mußte. Der Schlaf überfiel mich, und kaum hatte ich Kräfte übrig, aufrecht zu stehen. Indessen mußte ich wachen, um meinen Plan auszuführen.
Mit meiner eisernen Armstange stieß ich nun die Ziegelbank, worauf ich saß, leicht auseinander, weil sie noch ganz neu gemauert war, und alle Steine legte ich mitten in mein Gefängnis.
Die inwendige Türe war ganz offen. Die obere Hälfte der zweiten verstrickte ich an Angeln und Schlosse mit meinen Ketten, so daß keiner hinübersteigen konnte.
Als nun der Mittag herankam, und man die äußere Tür öffnete, erschrak jedermann, daß die andre offen war. Man trat in das Vorgemach mit Erstaunen. Nun stand ich an der inneren Türe in der fürchterlichsten Gestalt, mit Blut bedeckt, wie ein Verzweifelter da, hielt in einer Hand einen Stein, in der andern das zerbrochene Messer und rief: »Zurück, zurück, Herr Major! Sagen Sie dem Kommandanten, daß ich nicht länger in Ketten leben will. Er soll mich hier totschießen lassen! Herein kommt kein Mensch! Ich werfe und schlage fünfzig Mann tot, eh’ einer hereinkommen kann, und für mich bleibt mir mein Messer. Sterben will ich hier, und das trotz Ihrer Gewalt.«
Der Major erschrak, konnte sich zu nichts entschließen und ließ den Vorfall dem Kommandanten melden. Indessen setzte ich mich auf meinen Steinhaufen und erwartete mein ferneres Schicksal. Mein geheimer Entschluß zielte aber damals wirklich nicht mehr auf Verzweiflung, sondern nur auf eine gute Kapitulation.
