Einsam wirst du sterben - U.H. Wilken - E-Book

Einsam wirst du sterben E-Book

U. H. Wilken

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Beschreibung

Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Als die Soldaten irgendwo in den Bergen waren, griff er in der Dämmerstunde das Fort an. Auf keuchenden Pferden hetzten sie heran und drangen ins Fort ein, ritten ihre steten Runden auf dem großen Platz und schossen schrill schreiend. Hoch wirbelte die riesige Staubwolke aus dem Fort empor und hüllte die Palisaden ein. Als der Morgen kam, waren die Apachen verschwunden. Die Gefallenen hatten sie mitgenommen. Im Fort ging die Flagge auf Halbmast. Die Stunde der Toten hatte begonnen. Voll verbissener Wut kauerten die Soldaten hinter den Deckungen der Palisaden und starrten sich die Augen aus nach den Apachen – doch kein einziger Krieger kam. Noch immer ritt die Patrouille ahnungslos durch das heiße Land. Sie suchte die Apachen, die spurlos verschwunden waren. Nicht weit von Fort Bliss lag El Paso del Norte. Und ein Siedlertreck war unterwegs nach El Paso. Die Männer und Frauen ahnten nicht, daß in der letzten Nacht so manche Soldaten und Apachen in einem sinnlosen Kampf gefallen waren. Doch niemand zählte in diesem Land die Toten. Auf beiden Seiten nicht. Und der Treck zog vorbei an namenlosen Gräbern. Meile um Meile zogen die Gespanne die schwerbeladenen Wagen. Oben hockten Frauen und Kinder. Männer ritten nebenher. Und den Wagen, wohl zweihundert Yards voraus, ritt ein großer und erfahrener Mann. Gun Dodson. Dodson wußte, was vor ihnen lag. Die Verantwortung für diesen Treck lastete schwer auf ihm, doch er war ein Mann, der sich der Verantwortung und der Pflicht niemals entziehen würde. »Vorwärts?« schrie er heiser zurück. »Schneller! Wir haben es bald geschafft!« Wo waren die Indianer? Siehst du sie, Gun Dodson?

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die großen Western – 220 –Einsam wirst du sterben

Der Treck führt durch Apachengebiet

U.H. Wilken

Als die Soldaten irgendwo in den Bergen waren, griff er in der Dämmerstunde das Fort an.

Auf keuchenden Pferden hetzten sie heran und drangen ins Fort ein, ritten ihre steten Runden auf dem großen Platz und schossen schrill schreiend.

Hoch wirbelte die riesige Staubwolke aus dem Fort empor und hüllte die Palisaden ein.

Als der Morgen kam, waren die Apachen verschwunden.

Die Gefallenen hatten sie mitgenommen. Im Fort ging die Flagge auf Halbmast. Die Stunde der Toten hatte begonnen.

Voll verbissener Wut kauerten die Soldaten hinter den Deckungen der Palisaden und starrten sich die Augen aus nach den Apachen – doch kein einziger Krieger kam.

Noch immer ritt die Patrouille ahnungslos durch das heiße Land. Sie suchte die Apachen, die spurlos verschwunden waren.

Nicht weit von Fort Bliss lag El Paso del Norte.

Und ein Siedlertreck war unterwegs nach El Paso. Die Männer und Frauen ahnten nicht, daß in der letzten Nacht so manche Soldaten und Apachen in einem sinnlosen Kampf gefallen waren.

Doch niemand zählte in diesem Land die Toten. Auf beiden Seiten nicht.

Und der Treck zog vorbei an namenlosen Gräbern.

Meile um Meile zogen die Gespanne die schwerbeladenen Wagen. Oben hockten Frauen und Kinder. Männer ritten nebenher. Und den Wagen, wohl zweihundert Yards voraus, ritt ein großer und erfahrener Mann.

Gun Dodson.

Dodson wußte, was vor ihnen lag. Die Verantwortung für diesen Treck lastete schwer auf ihm, doch er war ein Mann, der sich der Verantwortung und der Pflicht niemals entziehen würde.

»Vorwärts?« schrie er heiser zurück. »Schneller! Wir haben es bald geschafft!«

Wo waren die Indianer? Siehst du sie, Gun Dodson? Du bist mißtrauisch wie ein alter Wolf, der schon mal in eine Falle geraten war. Du witterst die Apachen und kannst den Namen Cochise nicht vergessen. Dabei kennst du ihn nicht und hast ihn auch noch niemals gesehen. Aber es gibt schreckliche Dinge an den Lagerfeuern zu erzählen. Männer, Frauen und Kinder soll er umgebracht haben. Und jetzt bist du mit all diesen Leuten unterwegs, Gun Dodson.

Es war ein heißer, trockener Tag, der das Atmen zur Qual machte, als Gun Dodson die kleine Stadt zum erstenmal sah. Er schrie die Kunde nach hinten, und die Siedler kamen herangeritten. Sie saßen nicht gut im Sattel, aber das war nicht wichtig. Wichtig allein war, daß sie schießen und auch treffen konnten. Bisher war es zu keinen großen Kämpfen gekommen.

»El Paso«, sagte Dodson und streckte den Arm aus. »Wir sind da, Männer.«

El Paso lag unter flimmernder Luft und erwartete sie mit Wasser, Schatten und Ruhe.

Und sie fuhren hinunter…

*

Gun Dodson ließ die Schöpfkelle in den Kaffeekübel sinken und entfernte sich mit dem Blechbecher in der Linken aus dem Feuerkreis. Er sah nicht zurück, wo die schweren Wagen zu einer Wagenburg zusammengefahren worden waren und wo die Männer und Frauen ihr karges Mahl einnahmen.

Er lehnte sich an die noch warme Wand eines Adobehauses und trank langsam. Vor ihm lag die schäbige und staubige Straße von El Paso del Norte. Lautlos war die Nacht über das Grenzland gefallen. Aus den Häusern sickerte gelber Lichtschein.

Der Wind hatte sich gedreht. Von den fernen, dunklen Indianerbergen kam der dumpfe Totengesang der Apachen herüber.

Wir müssen hindurch, dachte er, aber es wird die Hölle sein.

Ein Mann in zerschlissener Kleidung kam die Straße heraufgetorkelt und hielt sich oft an den Pfosten der Vordächer fest. Immer wieder suchte er Halt an den Wänden.

Gun Dodson trank und sah ihm entgegen. Er kannte ihn schon. Dabei waren sie erst zwei Tage in der Grenzstadt. Viele Leute verachteten diesen alten, heruntergekommenen Scout, den die Armee wegen ständiger Trunkenheit aus ihrem Dienst entlassen hatte.

»Hörst du es?« lallte Paddy und umarmte den Pfosten. »Sie sind wieder auf dem Kriegspfad, die verdammten Indsmen. Und gleich wird die Patrouille El Paso verlassen. Wahnsinn ist das, Wahnsinn… He, wie heißt du?«

»Dodson.« Gun kippte den Rest Kaffee in den Staub. Er straffte die Schultern und streckte den langen, sehnigen Körper.

»Geh noch nicht weg, Dodson«, lallte Paddy und zeigte mit zitternder Hand auf ihn. »Du bist der Treckführer dieser Verrückten da hinten auf dem Hof, nicht wahr? Du willst sie nach Kalifornien bringen.«

»Stimmt!«

»All right«, nickte Paddy und schluckte würgend, »das ist gut. Aber du wirst einen Scout brauchen, der das Land im Westen kennt. Allein wirst du es nicht schaffen.«

»Ich habe schon einen Scout«, murmelte Gun und drückte sich von der Wand ab. »Lonesome Canon. Der kennt den Weg.«

»Sicher, aber er wird mit der Patrouille hinausreiten. Die Blauröcke wollen nach Fort Bliss. Du brauchst einen anderen Scout.«

»Lonesome Canon ist ein guter Scout«, erwiderte Gun Dodson mit flüchtigem Lächeln. »Er wird zurückkommen. Morgen läuft sein Dienst in der Armee ab. Dann wird er uns nach Westen führen. Noch was, Paddy?«

Paddy wankte um den Pfosten herum und stolperte zu Gun Dodson hinauf. Er sah ihn mit trüben Augen an und zog die Mundwinkel herunter.

»Du verachtest mich auch, nicht wahr? Du denkst auch, daß ich ein verdammter und heruntergekommener Säufer bin, wie? Ah, du brauchst mir nichts zu sagen! Ich sehe es dir an. Geh zum Teufel!«

Schwankend entfernte er sich und näherte sich dem nächsten Saloon.

Gun sah wieder die Straße hinauf. Aus einer Hofeinfahrt bog nun die Doppelreihe der Patrouille in klirrendem Trab in die Straße ein und bewegte sich in fester Formation an ihm vorbei. Voraus ritt Lonesome Canon und grüßte ihn mit knapper Handbewegung. Dann hatte die Patrouille El Paso verlassen, ritt im Schatten des hohen Berges davon und zog nach Norden, wo sich der Sand in bewegungslosen Wogen um die Felsen wellte.

Langsam ging Gun Dodson nach den Wagen zurück. Seit vielen Wochen waren sie nun schon unterwegs, und Fort Smith am Arkansas, ihr Ausgangspunkt, lag endlos viele Meilen zurück im Osten. Auf der Route der Overland Mail hatten die schwerbeladenen Wagen tiefe Furchen in den fruchtlosen Boden gezogen, waren über die weiten Ebenen gerollt und hatten sich durch die Flüsse gewühlt. Nun standen sie hier in El Paso, und die Gespanne erholten sich für den Treck weiter nach Westen.

Neben dem Feuer blieb er stehen, warf den Becher auf die ausgebreitete Plane und sah in die abgemagerten und von vielen Strapazen bereits gezeichneten Gesichter der Männer und Frauen. Und noch immer war der schaurige, dumpfe Totengesang zu hören.

»Legt euch schlafen«, sagte er. »Wer weiß, ob wir überhaupt noch Schlaf finden werden, wenn wir erst einmal draußen sind.«

Ein bärtiger, untersetzter Mann kam näher.

»Hast du mit dem Lieutenant der Patrouille nicht sprechen können, Gun?«

»Doch – aber er hat bestimmte Order und kann uns keinen Geleitschutz geben. Fort Bliss ist von den Apachen angegriffen worden. Es hat Verluste gegeben. Aber dafür wird uns Lonesome Canon führen. Morgen ist sein Dienst zu Ende. Dann haben wir den besten Scout, den es nur geben kann.«

Bald lagen die Siedler auf und unter den Wagen, hatten sich in die Decken gerollt und schliefen, während zwei Mann wachten und mit Gewehren umhergingen.

In der Stadt wurde es langsam ruhiger.

Gun Dodson fand keine Ruhe. Er ging durch die verstaubte Stadt und verharrte oftmals draußen im gleißenden Sand. Der Mond stand riesengroß über den Bergzügen, und Tausende von Sternen funkelten am wolkenlosen Himmel.

Die Stunden rannen dahin.

Rastlos wanderte Gun umher. Dann kam er wieder am Saloon vorbei, der als einziger noch geöffnet war. Dort im Raum hockten auch die Männer, die für die Sicherheit der Stadt wachten und sich gegenseitig stündlich ablösten.

Als Gun eintrat, sahen die Männer ihn forschend an. Sein braungebranntes und hartes Gesicht kam in den Lichtschein. Aschblondes Haar fiel unter dem durchschwitzten Hut hervor. Die um die langen Beine geschlungenen Chaps rieben aneinander, als er zur Theke ging. Er lehnte sich an und bestellte Whisky. Mit dem Glas in der Hand ging er an einen freien Tisch und setzte sich.

»Wann wollt ihr denn los?« fragte einer der Männer.

»Morgen.«

»Das würde ich mir noch überlegen. Die Apachen sind jetzt wild auf jeden weißen Skalp.«

»Sie werden genug mit den Soldaten zu tun haben«, murmelte Gun und trank langsam. »Das ist unsere Chance.«

»Das nennst du Chance?« Der Mann preßte den Atem heraus und ruckte auf und nieder, als lache er, doch die Augen hatten nichts von ihrem ernsten Ausdruck verloren. »Chance? Ich merke, daß du noch nicht lange in diesem Grenzland bist, Dodson! Draußen vor der Stadt wimmelt es von Apachen! Cochise ist unterwegs. Ja, ich würde auch mal gern nach California gehen, Dodson, und das Meer sehen. Es soll ein großes Meer sein, weit, ganz weit. Aber das ist für mich nur ein Traum. Ich bin allein, habe keine Frau und keine Kinder – aber ich bleibe hier, weil ich ohne Skalp nicht herumlaufen will. Savvy?«

Gun setzte das Glas langsam ab und sah zur dunklen Tür. Der Totengesang war hier im Saloon kaum noch zu hören. Fernab schlug dumpf und schwer eine Trommel. Raunend strich der Nachtwind über die niederen Dächer der Häuser.

»Es ist unsere einzige Chance«, murmelte er düster. »Cochise wird mit den Soldaten beschäftigt sein. Wir müssen hindurch. Jetzt oder nie. Wenn wir es morgen nicht schaffen, dann niemals.« Er biß die Zähne zusammen, und die Muskelstränge traten hart unter der sonnengebeizten Gesichtshaut hervor. »Ich und drei Männer sind für den Treck verantwortlich. Die Leute wollen nach Kalifornien. Wir werden sie hinbringen. Dafür wurden wir bezahlt.«

Die Männer sahen ihn abtastend und befremdet an.

»Nur ein Narr fährt durchs Indianerland«, sagte der Sprecher kopfschüttelnd. »Cochise hat Port Bliss angegriffen, als die Patrouille weg war. Er hat genau gewußt, daß nicht mehr so viele Soldaten im Fort sein konnten. Und jetzt reitet die Patrouille zurück und wird ihm in die Falle gehen.« Ächzend drückte er sich vom Stuhl hoch und nahm einen Schluck aus der Flasche. »Er ist schlau, gerissen. Er kann denken. Das ist für uns alle gefährlich. Ich will dir einen guten Rat geben, Dodson: Bleib in El Paso! Kehrt nicht um und fahrt auch nicht weiter. Wir haben hier Proviant für Monate und Wasser genug. Yeah, es wird nicht jedem von uns recht sein, wenn ihr hierbleibt und uns den Proviant mit wegeßt, aber das sollte euch egal sein.«

Er verstummte und horchte nach draußen. Auch Gun Dodson und die anderen lauschten. Die Männer packten ihre Gewehre. Einer sagte leise: »Das kann nicht die Ablösung sein. Wir sind noch nicht dran.«

»Das ist auch nur einer«, knurrte der Sprecher.

Schlurfende Schritte kamen näher und dann tauchte Paddy hinter der Tür auf, versoffen und heruntergekommen, stieß die Tür auf und wankte herein. In den Händen hielt er leere Whiskyflaschen. Mit glasigem Blick steuerte er auf die Theke zu, fiel dagegen und ließ die Flaschen fallen.

»Gib mir ’ne neue Flasche, alter Junge«, sagte er zum Keeper. »Ich muß in Form bleiben. Bald sind die Apachen hier. Dann will ich kämpfen, verstehst du?«

»Geld?« fragte der Keeper.

»Hab’ ich noch«, grinste Paddy und griff in die ausgebeulte Tasche. »Die glorreiche Armee hat mir drei Monatslöhne gegeben. Ja, ich hab’ noch was. Gib schon die Flasche her!«

»Erst das Geld, Paddy.«

»Du bist ein richtiger Sülzkopf, Keeper!« knurrte Paddy zornig. »Kann ein ordentlicher Mann nichts auf Kredit bekommen?«

»Du bist also blank, wie? Dann hinaus mit dir! Da ist die Tür!«

»Ich werde es mir merken, du Lump!« keuchte der Scout, wankte herum und wollte zur Tür.

Da warf einer der Männer ein Zwei-Cent-Stück in den blechernen Spucknapf.

»Da ist was für dich, Paddy!« sagte er grinsend. »Hol’s dir!«

In Paddys Augen leuchtete es jäh auf. Er stürzte zum Spucknapf und stand davor. Und er schluckte würgend und sah dann unsicher hoch, sah Gun Dodson an, der in der Nähe saß.

Gun Dodson sagte kein Wort. Doch in den grauen Augen war irgend etwas, das Paddy zurückhielt, das ihn noch die letzte Ehre behalten ließ.

»Nein«, sagte er, »ich tu’s nicht.«

Wieder kam ein Centstück herangeflogen und klirrte hinein.

»Nun, Paddy?« grinste der Mann. »Wie ist es? Vier Cent sind im Topf. Für einen alten, erfahrenen Scout ist das doch eine Kleinigkeit. Du brauchst ja nicht hineinzugreifen, Paddy… Laß es drin. Der nächste Tramp wird es sich schon herausholen.« Da zuckte es in Paddys Gesicht. Er fiel auf die Knie und starrte in den Spucktopf. Tränen liefen ihm übers eingefallene Gesicht. Die Hand flatterte heftig, als er sie anhob und dem Topf näherte.

»Paddy!«

Hart klang Gun Dodsons Stimme durch den Salon.

Der Scout zuckte zusammen und wurde steif. Er sah Gun qualvoll an und flüsterte: »Ich brauch den Whisky. Dodson! Ich kann ohne Whisky nicht mehr leben! Ich habe meine Frau und die Kinder verloren, verstehst du das? Und jetzt muß ich trinken. Es geht nicht mehr anders.«

»Die Geschichte hat er uns auch schon erzählt!« brüllte einer der Männer lachend. »Glaub sie ihm nicht, Dodson!«

Paddy sah zu den Männern hinüber. Er war grau wie Asche.

»Ihr Hundesöhne!« flüsterte er. »Ihr gemeinen Geier! Ihr wollt mich quälen! Bei euren Weibern kommt ihr nicht an den Zügel, und darum wollt ihr euch mit mir einen Spaß machen.«

»Komm her, Paddy!« sagte Dodson ruhig. »Du bekommst von mir die Flasche. Keeper, bring sie her!«

Paddys Augen leuchteten auf wie die eines Kindes. Er wischte sich die Tränen weg und erhob sich, kam heran und setzte sich.

Dodson sah ihn nicht an. Er blickte kalt zu den Männern hinüber und sagte dunkel: »Ihr seid dran mit der Wache. Geht raus!«

»Langsam, Dodson.« Sie erhoben sich und sahen ihn zornig an. »Misch dich da nicht ein. Dieser Scout ist ein elender Säufer. Bettelt jeden an. Soll er doch die Jauchekübel aus der Stadt fahren.«

Gun schob Paddy die volle Flasche hin, die der Keeper gebracht hatte.

»Danke, Mr. Dodson«, flüsterte der alte Scout. »Sie sind ein guter Mensch. Der beste, den es hier in El Paso gibt, und ich…« Er brach ab, setzte die Flasche an den Mund und trank gierig.

»Ich bin Gun Dodson, mehr nicht«, erwiderte Gun ruhig. »Sauf von mir aus so lange, bis du unter den Tisch fällst. Und morgen wirst du dir die paar Cents aus dem Spucknapf angeln und wieder von neuem beginnen.«

Paddy ließ die Flasche auf den Tisch sinken und schüttelte den Kopf.

»O nein, Mr. Dodson. Mein Wort darauf.«

Gun winkte ab, denn er glaubte dem alten Scout nicht. Die Männer standen noch immer am Tisch und sahen ihn fast feindselig an.

»Du gönnst uns wohl keinen Spaß, wie?« dehnte einer. »Du willst mit uns Kummer und Verdruß haben, nicht wahr?«

Gun verzog das Gesicht zu flüchtigem Lächeln, an dem seine Augen keinen Anteil hatten.

»Vielleicht werdet ihr auch einmal so wie Paddy«, sprach er dann ernst. »Das ist manchmal nur ein kleiner Schritt, und dann ist man drin.«

Am Stadtrand schrie jemand laut und scharf. Hufgetrappel kam näher. Das Pferd schien nicht mehr gelenkt zu werden. Es lief von einer Straßenseite zur anderen und keuchte laut. Zaumzeug rasselte hörbar. Plötzlich verhielt das Pferd vor dem Saloon. Während Gun und die anderen Männer noch abwartend im Saloon standen, polterten schwere Schritte über den Brettersteg. Schmerzerfülltes Stöhnen tönte herein. Zuckende Hände stießen die Türflügel auf. Schwankend kam ein Mann herein. Wirr hing ihm das lange Haar ins verzerrte schweißnasse Gesicht. Er preßte die Hand auf die Brust und stierte die Männer an. Rot war die Hemdbrust. Mühsam quälte er sich weiter, torkelte zum Tisch, stützte sich darauf, rutschte aus und fiel mit einem erstickten Schrei zu Boden. Bewußtlos lag er vor Gun Dodson.

»Das ist – Lonesome Canon!« flüsterte einer der Männer erschrocken. »Er ist doch mit der Patrouille hinausgeritten!«

Gun kniete sofort bei Lonesome Canon nieder und zerriß das Hemd über der Wunde. Der Schaft eines abgebrochenen Apachenpfeils ragte aus der Wunde hervor.

Zu spät! dachte Gun erschüttert. Das kann er nicht überleben!

»Whisky, schnell!« sagte er heiser.

Der Keeper wollte eine Flasche holen, aber da streckte Paddy den Arm aus und reichte Gun die Flasche Whisky.

Gun sah ihn seltsam prüfend an, und Paddy zuckte nur stumm die Achseln.

Nimm sie nur, sagte sein Augenausdruck, ich brauche sie nicht mehr.

Todesstille war im Saloon. Die Männer standen reglos, wie festgewachsen. Gun Dodson versuchte, dem Scout Whisky einzuflößen, doch es mißlang. Er mußte warten, bis Lonesome Canon wieder zu sich kam.

Die Sekunden rannen dahin. Niemand sprach ein Wort. Jeder wußte aber, daß Lonesome Canon in den Hinterhalt der Apachen geraten war. Es mußte furchtbar gewesen sein.

Der Lichtschein geisterte über das bleiche Gesicht des Scouts. Die Augenlider zuckten. Leises Stöhnen kam über die blutleeren Lippen. Dann sah Lonesome Canon auf und in das Gesicht von Gun Dodson.

»Apachen«, flüsterte er mühsam. »Viele – plötzlich da – Hinterhalt – Patrouille verloren – großer Gott, die Männer sind tot!«

»Langsam, Lonesome Canon«, sagte Gun ruhig. »Wir wissen schon. Du bist als einziger entkommen?«

»Ja – glaub ich. Kein Weg frei zum Fort. Überall Apachen… Sah ein paar Soldaten, die flohen irgendwohin.«

Gun nickte und schluckte hart. Er fühlte, wie ihm der Schweiß am Körper hinunterlief.

»Hier, trink, Lonesome Canon.«

Der Scout hatte Mühe, etwas Whisky zu trinken. Schwaches, müdes Lächeln huschte dann über sein aschgraues Gesicht.

»Mein letzter – Tag bei der Armee, Dodson, jetzt ist es aus. Ich kann euch nicht mehr nach Westen bringen – hörst du? Zu spät. Dodson… Bleibt in El Paso, fahrt nicht weiter! Sonst werdet ihr alle – sterben!«

Die Zeit stand für Lonesome Canon still. Er war tot. Der Tod hatte ihn von seinen Qualen erlöst.

Steif kam Gun Dodson hoch, sah in die Gesichter der Männer und ging langsam zur Tür, stieß sie milde auf und wanderte mit hängenden Schultern davon.

*

Der Tag graute, als er sich aus der Decke rollte und aufrichtete. Die dumpfen Trommellaute dröhnten von den Bergen herüber. Rauchsäulen stiegen von den Bergkuppen empor und lösten sich in der grauen Wand der Dämmerung auf.

Es war ein kühler, trister Morgen.

Gun drehte sich herum und sah, wie zwei Männer das Feuer anbliesen und Holz nachlegten. Von den Wagen kamen zwei Frauen herüber, die den Morgenkaffee brühen wollten, und zwischen den Wagenlücken tauchten Hawk, Lucky und Jim auf – drei verwegene junge Burschen mit harten Gesichtern und übernächtigten Augen. Sie hatten Wache gestanden und näherten sich nun Gun Dodson. Er und sie drei hatten den Höllenjob übernommen, diesen Treck zur Küste zu bringen.

»Was ist nun ohne Scout?« fragte Hawk und stieß den Hut vom roten Haar. »Willst du es trotzdem wagen, Gun?«

Sie lauschten den Trommelschlägen und sahen sich ernst und fragend an. Hawk war Texaner und hatte sie alle gut bis nach El Paso führen können. Aber von hier aus wußte auch er nicht mehr weiter.

Der schwarzhaarige Jim kannte das Land westlich des Rio Grande ebensowenig, und der blonde Lucky kannte das Land nur vom Hörensagen.

»Sie trommeln wie die Wahnsinnigen«, murmelte Lucky und kniff die Augen unruhig zusammen. »Vielleicht feiern sie ihren Sieg über die Patrouille!«

Gun Dodson schüttelte den Kopf. Er schlug sich den Staub aus der Kleidung und deutete dann nach den Bergen hinüber.

»Sie sind weit weg«, sagte er bedächtig, »und sie sind im Norden. Wir aber wollen nach Westen. Wir müssen an den Apachen vorbei. Sie werden das Land nach Norden hin beobachten und nicht mit einen Wagentreck rechnen. Aber irgendwann werden sie vielleicht die Wagenspuren entdecken und uns folgen. Dann werden wir kämpfen müssen.«