Einspruch nicht vorgesehen! - Andreas Tiede - E-Book

Einspruch nicht vorgesehen! E-Book

Andreas Tiede

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Beschreibung

Andreas Tiede beschreibt in seiner Autobiografie sein Aufwachsen in der DDR als Sohn strenggläubiger Eltern, seinen daraus resultierenden Wunsch, Priester zu werden und den Waffendienst aus Glaubensgründen zu verweigern. Früh erlebt er dadurch Anfeindungen, Widerstand und Repressalien. Zudem ist er über mehrere Jahre den sexuellen Annäherungsversuchen eines kirchlichen Würdenträgers ausgesetzt, die ihn verzweifeln lassen und schließlich zum Abbruch seines Theologiestudiums und zum Kirchenaustritt führen. Das Buch ist ein bewegendes und bestürzendes Zeugnis gelebter Zeitgeschichte. Der Autor wirft anhand seines Schicksals Licht auf die dunklen Seiten sozialistischer und klerikaler Machtstrukturen, ihrer Doppelmoral und Unterdrückung Andersdenkender bis weit in die Zeit nach der Wende. Zugleich macht Tiede aber auch Mut und zeigt, wie Hürden und Herausforderungen mit Rückgrat, Mut und Ausdauer schließlich überwunden werden können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Andreas Tiede

Einspruch nicht vorgesehen!

Eine Autobiografie zwischen klerikalem Missbrauch und Waffendienstverweigerung in der DDR

Andreas Tiede

Einspruch nicht vorgesehen!

Eine Autobiografie zwischen klerikalem Missbrauch und Waffendienstverweigerung in der DDR

© 2023 Andreas Tiede

Umschlag, Illustration: Marharyta Maiseyeva

Lektorat, Korrektorat: Stefan Schwidder

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

Paperback

978-3-347-89847-9

Hardcover

978-3-347-89849-3

e-Book

978-3-347-89851-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Einspruch nicht vorgesehen!

Titelblatt

Urheberrechte

Prolog

„Weißt du, wie viel Mücklein spielen?“

„Versprich mir, dass du Pionier wirst!“

„Andreas, deine Zukunft hängt davon ab!“

In der Kaderschmiede des Sozialismus

Der Teufel trägt Soutane

„Die Kirche ist ein Relikt des Kapitalismus!“

„Sie geben sich ja selbst auf!“

„So etwas werden wir nicht dulden!“

„Wir dachten schon, du kommst nie mehr wieder!“

„Und Sie wollen einen Krieg gewinnen?“

Helfer, Schwimmer, Grenzverletzer

„Ich wollte dir nur noch ‚Gute Nacht‘ sagen.“

Das saß wie ein Peitschenhieb

„Dort liegt des Rätsels Lösung.“

„Nein, von mir erfährst du nichts!“

Der Pfaffe in der Stanzerei

„Ich glaube, ich habe da was für dich.“

„An unserem Tisch sitzt ein Nicht-Genosse!“

Ein letztes Aufbäumen

„Du musst unternehmerisch denken!“

Aufbruch

Einspruch nicht vorgesehen!

Epilog

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Prolog

Kirche, Krieg und Sozialismus – bereits in jungen Jahren wurden diese drei Worte für mich zu Realitäten, die sich wie schwere Schatten über mein Leben ausbreiteten, mich bedrohten und gefangen nahmen. Sie wurden zu meinen größten Herausforderungen, an denen ich zweifelte, manchmal sogar verzweifelte. Doch ich konnte mich von ihnen befreien und mein eigenes Leben gestalten.

Als ich in Rostock das Licht der Welt erblickte, war der Zweite Weltkrieg erst wenige Jahre vorüber, das Trauma und die Folgen jedoch längst nicht überwunden. Der Verlust geliebter Menschen, Flucht und Vertreibung, von Bomben zerstörte Städte, körperliche und seelische Verletzungen – alles das war in den Köpfen der Menschen noch gegenwärtig und warf lange Schatten auf die Zeit nach dem Krieg. Ausgezehrt und müde von den Jahren der Angst und Entbehrungen hofften sie auf Frieden und ein lebenswertes Leben. Aber die Gräuel des Krieges hatten sich tief in viele Köpfe und Seelen eingebrannt, blieben ein Teil von ihnen, prägten sie weiterhin und auch das Leben ihrer Nachkommen. Eines dieser Kinder war ich.

Die Macht der SED-Politik versuchte, immer größere Bereiche unseres Lebens zu steuern. Der lange Arm dieser Partei reichte nicht nur bis in die Arbeitsstätten und Schulen, sondern auch in viele Winkel des Privaten hinein. Der SED-Staat bespitzelte, indoktrinierte, manipulierte, drohte und bestrafte. Und auch ich bekam seine Gewalt zu spüren.

Diesen beiden herausfordernden Kräften stand eine Macht gegenüber, die mich wie keine andere prägte und mein Leben beeinflusste – die katholische Kirche. Von klein auf lernte ich, Gott als meinen guten Vater zu lieben und ihm bedingungslos zu folgen. Er begleitete mich jeden Tag. Ich vertraute ihm, und er gab mir Halt.

Mit genauso großer Ehrfurcht blickte ich auf seine irdischen Vertreter. Meine Mutter lehrte mich, dass diese von Gott auserwählt seien, uns den rechten Weg in den Himmel zu weisen. Bereitwillig und demütig folgte ich ihnen.

Doch mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen, als einer von ihnen mir großes Leid zufügte, andere mir ihren Beistand verweigerten und mich wegstießen. In meiner Verzweiflung flehte ich immer wieder zu Gott, dem ich mich so nahe gefühlt hatte, doch der schien mich allein gelassen und vergessen zu haben. Mein Fundament, auf das ich mein weiteres Leben hatte bauen wollen, war von ihnen zerstört worden.

Es brauchte viele schmerzhafte Jahre und auch unerwartete Hilfen, bis ich endlich meinen Weg fand.

In meinem Buch teile ich den Weg meines Lebens: Ein Weg durch die gravierenden Nachwirkungen des vergangenen Krieges, durch den Alltag in der DDR mit seinen gefährlichen Klippen, mitten hinein in den Missbrauch und das Vertuschen durch Vertreter der göttlichen Nächstenliebe, hin zu Orten und Menschen, die mir Kraft gaben, mich schrittweise aus diesen Zwängen zu befreien. Ich wuchs mit meinen Aufgaben, überwand große Hindernisse und fand schließlich gestärkt zurück auf meinen Weg.

Ich konnte mich, trotz aller Rückschläge und dramatischen Wendungen, behaupten, habe es geschafft, mir ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen und dieses gegen alle Widerstände zu verteidigen.

Das alles hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

„Weißt du, wie viel Mücklein spielen?“

Abends vor dem Einschlafen sang ich voller Inbrunst mit meiner Mutter Margot und meiner zwei Jahre älteren Schwester Beate immer wieder mein Lieblingslied „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“. Ich spürte damals die Fürsorge Gottes um jedes Geschöpf, sei es auch noch so klein. Wenn er diese winzigen Mücklein, die ich mir schon genau angesehen hatte, sogar beim Namen nannte und sich so liebevoll um sie kümmerte, wie viel mehr musste Gott auch mich lieben und für mich sorgen!

Wenn meine Mutter uns nach dem Lied erklärte, wie sehr Gott uns liebte und uns durch den Tag begleitet hatte, faltete ich meine Händchen, um ihm zu zeigen, wie innig auch ich ihn liebte und ihm vertraute. Ich dankte ihm und fühlte mich in seinen Armen geborgen. Gestärkt mit der Zuversicht, dass er mich auch weiterhin beschützen und immer alles zum Guten wenden werde, schlief ich seelenruhig ein.

Ich war etwa drei Jahre alt, als wir aus einer dunklen Ein-Raum-Wohnung in unsere Neubauwohnung in die Grubenstraße zogen. Der Stadthafen, in dessen Nähe wir nun wohnten, lag dicht am alten Zentrum der Hansestadt Rostock an der Unter-Warnow, die nach ungefähr zwölf Kilometern bei Warnemünde in die Ostsee fließt. Zur Zeit unseres Einzugs wurden im Stadthafen viele Güter umgeschlagen, also von der Eisenbahn auf ein Schiff verladen oder umgekehrt.

Schaute ich aus unserem vierten Stock nach rechts aus dem Fenster, sah ich am Hafen einen fensterlosen Getreidespeicher, der alle umliegenden Häuser weit überragte. Er stand in der Nähe der Kaimauer und versperrte mir die freie Sicht auf die dahinter liegenden Schiffe.

Am entgegengesetzten Ende unserer Straße nahm ich in der Ferne eine Brücke wahr. Hinter dieser, so erklärte mir mein Vater, würde der Güterbahnhof beginnen.

Mitten auf der Straße vor unserem Haus verlief das Eisenbahngleis, das Hafen und Güterbahnhof verband. Mehrmals am Tag und mitten durch den Straßenverkehr fuhren dort kräftig fauchende DampfLokomotiven, die mühsam ihre schweren Güterwagen hinter sich herzogen. Vor jeder Straßenkreuzung pfiffen sie schrill und langgezogen. Das machte die Grubenstraße, in der wir nun wohnten, zu etwas ganz Besonderem.

Wenn unsere Familie an der langen Kaimauer des Hafens spazieren ging, eröffnete sich mir jedes Mal eine interessante Welt, in der immer wieder Neues zu entdecken war. Lange Rüssel sogen unter lautem Getöse das Getreide aus dem Bauch eines Schiffes und bliesen es in den hohen Speicher. Ich verfolgte genau, wie weiter hinten Kräne riesige Pakete aus den Ladeluken der Schiffe hievten und sie direkt auf die bereitstehenden Eisenbahnwaggons stellten. Andere Kräne hoben große Säcke und versenkten sie tief im Bauch eines anderen Schiffes.

Diese überwältigenden Eindrücke weckten meine Fantasie, und so spielte ich die Arbeit im Hafen an meinem Lieblingsspielplatz, der großen Badewanne, nach. Ich ließ den länglichen Deckel von Mutters Gänsebräter mit seiner vorne spitz zulaufenden Gießmulde schwimmen. Er hatte für mich genau die Form eines riesigen Schiffes. Quer über diese Form legte ich ein Frühstücksbrett und stapelte aus Bausteinen die Aufbauten – fertig war ein richtiges Schiff! Mit meinem Spielzeugkran lud ich vom Wannenrand Waren darauf, genauso, wie ich es bei unseren Spaziergängen im Hafen gesehen hatte. Mensch-ärgeredich-nicht-Figuren durften als meine Passagiere mitfahren. Schiff, Waren und Passagiere hatten ihre liebe Not, wenn Sturm aufkam, weil ich das Wasser heftig bewegte. So konnte ich stundenlang spielen.

Zu Hause bei meiner Mutter fühlte ich mich wohl. Sie sang bei jeder Gelegenheit mit uns Lieder. Bügelte, nähte oder stopfte sie unsere Strümpfe, saßen wir auf unseren kleinen Hockern in ihrer Nähe. Sie sang vor, und wir sangen mit. In allen täglichen Dingen kümmerte sie sich liebevoll um uns. Auch wenn mein Temperament mich mal wieder über Tisch und Bänke springen ließ, ermahnte mich meine Mutter liebevoll.

Sie gab mir auch tagsüber stets die Gewissheit, dass Gott sich freue, dass ich da war, mich liebe und mich behüte. Sie machte das nicht mit strengem Drill, sondern mit einfühlsamer Beharrlichkeit. Sie legte mir immer wieder ans Herz, dass der Himmel auf mich achten und mich bei allem, was ich mache, begleiten werde. Deshalb solle ich auch immer auf meinen Schutzengel, den Gott mir unsichtbar an meine Seite gestellt habe, vertrauen. Und ich solle stets daran denken, dass sogar ein böser Mensch ein Geschöpf Gottes sei und immer ein guter Kern in ihm schlummere. Deshalb müsse ich, wenn mir jemand Leid zugefügt habe, ihm verzeihen und ihn trotzdem lieben. Eine Einstellung, die mich nachhaltig prägte.

Gott war immer für mich anwesend und wurde mein Freund, dem ich auch meine Sorgen anvertrauen konnte. Wir beteten selbstverständlich morgens, abends, vor und nach jeder Mahlzeit. Wenn auf der Straße ein Martinshorn einen Krankenwagen oder die Feuerwehr ankündigte oder uns die Nachricht ereilte, dass ein uns bekannter Mensch schwer krank oder sogar gestorben sei, stellte meine Mutter eine Kerze auf den Tisch und zündete sie an. Gemeinsam beteten wir zu Gott und legten das Geschehen, den Kranken oder die Seele des Verstorbenen in seine gütigen Hände.

Meine Mutter wollte jeden Tag so leben, dass sie den Lehren und Normen der katholischen Kirche und damit auch Gottes Willen entsprach. Stets versuchte sie zu vermitteln und allen Menschen Gutes zu tun. Obwohl sie im Krieg Schlimmes erlebt hatte, besaß sie immer noch ein unerschütterliches Gottvertrauen.

1920 in Schlesien geboren, arbeitete sie später als Säuglingsschwester in Dresden. Dort überlebte sie im Februar 1944 die schweren Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner.

Meine Mutter sprach nie von sich aus über ihre Erlebnisse im Krieg. Sie litt eher still und weinte manchmal leise vor sich hin. Erst, wenn jemand sie direkt fragte, erzählte sie, wie die russische Armee Dresden einnahm, wie deren Soldaten Menschen willkürlich zusammentrieben, erschossen oder deportierten, wie sie Frauen vergewaltigten, brutal in Häuser eindrangen und die letzten persönlichen Gegenstände und Lebensmittel stahlen. Das alles hatte sich in ihre Seele eingebrannt.

Immer wieder lehrte sie uns, dass es nie wieder Krieg geben dürfe und alle Menschen, auch wir, sich immer vertragen und einander lieben sollten.

Mein Vater war völlig anders. Wenn er sich von Autoritäten oder Personen ungerecht behandelt fühlte, reagierte er cholerisch. Meinen Gehorsam, den ich ihm gegenüber schuldig war, hatte er mit seiner Hand im wahrsten Sinne des Wortes in meinen Hintern eingraviert. Er duldete keine Widerworte. Wenn ich wieder einmal allein auf großer Entdeckungstour gewesen war, meine Hosen zerrissen oder eine Vase vom Schrank hinuntergestoßen hatte, kannte sein Zorn keinen Halt mehr. Er legte mich übers Knie, zog mir mit einem Ratsch die Hose herunter und schlug mit der Hand auf meinen nackten Hintern ein. Ich fühlte mich in solchen Momenten ihm schutzlos ausgeliefert.

Kam Besuch, hatten wir artig an der Wohnungstür anzutreten, dem Besuch die Hand zu geben und laut und deutlich „Guten Tag“ zu sagen. Dabei musste Beate einen Knicks und ich einen Diener, also eine tiefe Verbeugung, machen. Machte ich diese nicht tief genug, gab mein Vater mir sofort einen Schlag auf den Hinterkopf, so dass mein Kopf nach vorne schnellte. „Nochmal!“, befahl er dann. Das war für mich furchtbar demütigend! Meine Mutter schwieg dazu. Sie lehnte so etwas ab, konnte ihn aber nicht umstimmen. Denn Verwandte, Bekannte und Nachbarn zeigten sich begeistert, wie gut er uns erzogen habe.

Am Wochenende saß er manchmal am Wohnzimmertisch, seine dampfende Tabakspfeife im Mund, vor sich ein Reißbrett, malte Karikaturen oder zeichnete Urkunden und verzierte sie mit alten Schriftarten. Alles, was er auf dem Tisch liegen hatte, zog mich magisch an: Die Farben, die Tuschefedern, die Tuschepatronen, die exakt angespitzten Bleistifte, die verschiedenen Zirkel, die unterschiedlich langen Lineale. Ich setzte mich daneben und wollte am liebsten mitmachen. Er zeigte mir zwar, wie er ein Lineal und den Zirkel benutzte, aber wenn ich es unbedingt selbst einmal versuchen wollte, klappte es selbstverständlich nicht. „Junge, geh‘ weg! Du kannst das nicht!“, schimpfte er dann.

Dieser Satz, den ich von ihm immer wieder hören musste, saß wie eine Ohrfeige. Er grub sich tief in mir ein und ließ in mir die Angst wachsen, versehentlich etwas falsch zu machen und dafür sofort getadelt zu werden.

Interessiert schaute ich zu, wenn mein Vater zu Hause etwas reparierte oder baute. Am liebsten hätte ich sofort mitgearbeitet, aber meine kleinen Hände konnten das Werkzeug noch nicht richtig umfassen. Mein Vater verlor sofort die Geduld. Mit den barschen Worten „Junge, du hast zwei linke Hände! Lass‘ das!“, nahm er mir das Werkzeug aus der Hand.

Auch, wenn ich seine Prügelstrafen und verbalen Erniedrigungen ablehnte, versuchte ich immer wieder, seine Erwartungen zu erfüllen und von ihm wenigstens ein bisschen Anerkennung zu erheischen. Ich fühlte mich schuldig, dass ich diese nicht erfüllen konnte. Anerkennung gab er mir kaum – und wenn, dann stets mit dem Hinweis, dass ich den richtigen Anforderungen längst nicht genügen würde.

Vater sorgte sich auch um uns Kinder. Meinen ersten luftbereiften Roller holte er vom Schrottplatz, überarbeitete ihn und gab ihm neue Farbe, so dass er wie neu aussah. Ebenso machte er es mit unseren ersten Fahrrädern und lehrte uns auch gleich das Fahrradfahren. Gemeinsam ließen wir auf den Uferwiesen der Warnow unsere selbst gebauten Drachen in den Himmel steigen, immer begleitet von seinem kritischen Blick und meiner Angst vor seinem gnadenlosen Urteil.

Mein Vater wurde 1921 in der Nähe von Breslau geboren und im Krieg zur Infanterie eingezogen. An der Ostfront durchlebte er die Hölle. Seine Erlebnisse, die er immer und immer wieder erzählte, habe ich noch heute in Erinnerung. Viele seiner Kameraden seien direkt neben ihm gestorben. Aber auch in der Gefangenschaft habe er ständig um sein Leben fürchten müssen. Dort hätten die deutschen Soldaten unter der Willkür und den Misshandlungen ihrer Bewacher gelitten. Einige seiner Kameraden seien wegen Nichtigkeiten erschossen worden, vor Hunger oder durch gefährliche Arbeiten zu Tode gekommen oder nachts in den unbeheizten Baracken erfroren. Nur ein Teil der deutschen Soldaten habe diese Torturen überlebt.

Jedoch fassungslos und zornig hatte er als Gefangener mit ansehen müssen, wie dieselben russischen Bewacher die deutschen Offiziere ehrfürchtig und zuvorkommend behandelten. Diese hätten weiterhin ihre Uniformen und ihre Haare auf dem Kopf behalten dürfen, erhielten viel besseres Essen und beheizte Unterkünfte. Sie stießen im gegenseitigen Respekt mit ihren Bewachern mit Wodka an, während er als einfacher Soldaten, der gegen seinen Willen eingezogen worden war und erzwungenermaßen mitmachen musste, nur Hunger, Demütigung, unaussprechliches Leid und der Tod vieler Kameraden geblieben war.

Unter seinen Erlebnissen aus Krieg und Gefangenschaft litt er noch viel heftiger als meine Mutter. Sie ließen ihn nie wieder zur Ruhe kommen. Bei Besuchen von Verwandten, Freunden oder Kollegen und bei jeder Familienfeier brachen diese Ereignisse regelmäßig aus ihm hervor, es war nur die Frage, zu welchem Zeitpunkt. Es genügte das unbedachte Wort eines Gastes über den Krieg oder über die politische Lage, sofort riss er das Thema an sich und erzählte über vergleichbare Ereignisse aus dem Krieg und der Gefangenschaft, nicht ohne auf den SED-Staat zu schimpfen, den er immer wieder als „eine Kopie des Dritten Reiches“ brandmarkte.

Ich schämte mich für meinen Vater. Seine Geschichten machten mir als Kind furchtbare Angst, und es gelang mir nicht, diese in Worte zu fassen. Erst als ich etwas größer war, mischte sich in diese Angst auch eine Ahnung, wie grausam der Krieg für alle Seiten gewesen sein musste, wie er die Menschen, die ihn überlebt hatten, zerstört und damit unfähig gemacht hatte, endlich inneren Frieden finden zu können. Dann empfand ich sogar Mitleid mit ihm.

Der Krieg war in unserer Familie allgegenwärtig, in den furchteinflößenden Berichten, in schockierenden Fotos der Zerstörung, in grausamen Schicksalen, in herzzerreißenden Tränen und oft in erdrückender Melancholie. Die bedrohlichen Schatten der Kriegserzählungen blieben genauso gegenwärtig wie die Märchen, die meine Mutter uns abends vorlas. Ein Märchen war aber eine kurze Geschichte mit einem guten Ende. Wenn sie den Deckel des Buches schloss, hatte sich das Gute durchgesetzt, und der Bösewicht war bestraft. Jedoch bei den Kriegsgeschichten konnte ich keinen Deckel zuklappen. Das Böse, das meine Eltern krank gemacht hatte, war immer gegenwärtig und schien unbesiegbar.

Wenn diese düsteren Bilder abends durch meine Gedanken huschten, flehte ich Gott an, dass die Menschen sich vertragen sollten und es nie wieder Krieg geben möge. Wenn Gott jeden einzelnen Menschen kannte und liebte, so dachte ich, müssten sich alle Menschen darüber freuen und untereinander Freunde sein. Dann könne es keinen Krieg mehr geben. Und so sang ich in der dritten Strophe des Abendliedes den Text mit voller Inbrunst:

„Gott im Himmel hat an allen /

Seine Lust, sein Wohlgefallen. /

Kennt auch dich und hat dich lieb, /

Kennt auch dich und hat dich lieb!“

Ich vertraute ihm fest, dass er es in Zukunft auch so lenken werde, und freute mich auf Sonntag, wenn ich Gott wieder in seinem Haus treffen würde und ihm dort das alles noch einmal ans Herz legen könne.

Der Sonntagsgottesdienst war für unsere Familie das zentrale Ereignis. Zum Gang in die Kirche zogen wir uns festlich an. Im Sommer trug ich stets eine kurze blaue Stoffhose, ein weißes Hemd und weiße Kniestrümpfe, meine Schwester ein schönes Kleid, meine Mutter ein feines Kostüm und Vater einen Anzug mit Schlips und einen Hut mit großer Krempe.

Wenn wir aus der Haustür traten, folgten uns viele Augenpaare. Etliche Nachbarn lehnten jeden Sonntag stundenlang auf einem Kissen in ihren offenen Fenstern und beobachteten gelangweilt die Straße. An unserer Kleidung sahen sie, dass die Familie wieder einmal in die Kirche ging, denn um diese Zeit und so herausgeputzt lief sonst niemand in dieser Wohngegend herum. Einige von ihnen hatten sich schon früher über uns lustig gemacht, sich kritisch über die Kirche und den Glauben an Gott geäußert oder diese sogar beschimpft. Wir trotzten den Blicken der Gaffer und schritten selbstbewusst weiter.

Auf dem Weg trafen wir manchmal Bekannte. Mein Vater hob bei der Begrüßung den Hut, nickte leicht mit dem Kopf und setzte ihn dann wieder auf. Wir Kinder mussten kichern, wenn ein heftiger Luftzug seinen Hut erfasste, ihn auf der Krempe rollte und im Zickzack die Straße entlangtrieb, hastig verfolgt von meinem schimpfenden Vater, der versuchte, ihn möglichst noch vor der nächsten Pfütze einzufangen.

Wenn wir in der Kirche waren und ich meine Anliegen Gott noch einmal ans Herz gelegt hatte, achtete ich beim Gottesdienst genau auf den Ablauf. Für mich war der Priester eine unheimliche Autoritätsperson. Zwar drehte er mir fast immer den Rücken zu, aber alle Leute um mich herum schienen ihm zu gehorchen, denn sie stellten, knieten oder setzten sich alle zur gleichen Zeit, ohne dass er etwas sagen musste. Manchmal machte ich in der Bank seine Bewegungen nach, breitete wie er die Arme aus, schloss sie wieder und beugte wie er die Knie. Wenn ich zu heftig agierte, zog mich meine Mutter sachte wieder an ihre Seite.

Leider konnte ich Gott nicht sehen. Doch dafür habe er uns hier auf Erden seine heilige Kirche gegeben, erklärte mir meine Mutter. Ich bemerkte, wie stark sie die Priester, die Ordensschwestern und die Seelsorgehelferinnen in der Gemeinde verehrte. Sie lehrte mich, dass diese Menschen von Gott auserwählt und beauftragt seien, uns gläubigen Menschen Gottes Willen zu verkünden und uns zu helfen, seine Gebote zu befolgen. Das rief in mir den Eindruck hervor, dass dies ganz besondere Menschen seien, denen wir grenzenlos vertrauen durften. Diese direkte Verbindung zum Himmel beruhigte mich und machte mich zuversichtlich, durch sie Gott als meinen Freund nahe bei mir zu haben.

Für unsere Familie war es eine furchtbare Nachricht, als die Ärzte bei meinem Vater eine Lungen-Tuberkulose diagnostizierten. Papa war also an der Lunge krank, mehr verstand ich damals nicht. Alle Medikamente und Behandlungen hatten nicht geholfen. Auch der frühere Aufenthalt in einer Heilstätte war ohne Erfolg geblieben. Ein Teil der Lunge müsse entfernt werden, sagte der Arzt meiner Mutter. Wie viel es tatsächlich werden würde, könne erst bei der Operation festgestellt werden. Deshalb werde diese in einer Spezialklinik in Berlin-Buch durchgeführt.

Ich hatte große Angst! Auch wenn er mir manchmal kräftig den Hintern versohlt und mich ungerecht behandelt hatte, so fühlte ich doch mit ihm mit, denn er war ja schließlich mein Papa. Die Andeutungen der Erwachsenen, was alles dabei passieren könne, beunruhigten mich fürchterlich. Würde er eine solche Operation überhaupt überleben?

Als er in Berlin operiert wurde, ließ meine Mutter ständig eine Kerze brennen, und wir Kinder machten mit unseren Gebeten den Himmel verrückt. Zum Glück kam bald die erlösende Nachricht, dass er auf dem Weg der Besserung sei, obwohl ihm ein ganzer Lungenflügel herausgenommen werden musste.

Nach Wochen des Bangens, Wartens und Betens entließen die Ärzte ihn aus der Klinik. Als er endlich wieder in der Türe stand, stürmten wir auf ihn zu und wollten ihm um den Hals springen. Er aber wehrte ab. Um den Lungenflügel zu entfernen, waren ihm auf dieser Seite mehrere Rippen abgesägt worden. Eine falsche Bewegung hätte dazu führen können, dass die noch unverheilten Stümpfe der Rippen sich in das Lungenfell spießten. Also tanzten wir vor Freude durch die Wohnung, dass er wieder da war.

Die Nachbehandlung machte es erforderlich, dass er sich monatelang in eine Lungenheilstätte begeben musste. Ich sah meine Mutter oft weinen und bekam eine Ahnung, wie stark wir in Not waren. Das wenige Geld, das wir nach der langen Krankheit meines Vaters noch erhielten, reichte weder für die Lebensmittel, noch, um unsere kaputten oder zu kleinen Schuhe und die verschlissenen Sachen zu ersetzen.

Als unser Pfarrer davon erfuhr, half er sofort. Er hatte die Möglichkeit, innerhalb unserer Kirche die Adressen von besonders bedürftigen Menschen an eine West-Diözese zu melden – und plötzlich erreichten uns Pakete von fremden Menschen aus Westdeutschland. Wenn der Postbote an unserer Tür klingelte, ein schweres, mit festem Packpapier umwickeltes und mit starkem Band zusammengeschnürtes Paket abgab, jubelten wir Kinder. Meine Mutter stellte es auf den Wohnzimmertisch, und wir kletterten auf die daneben stehenden Stühle, um besser sehen zu können. Wenn sie dann das Paket Knoten für Knoten aufknüpfte, duftete uns bereits der Inhalt entgegen. Wir freuten uns über jedes einzelne Stück, das sie dem Paket entnahm. Es sah alles anders aus, als wir es kannten – die bunten Verpackungen, festlichen Schleifen und angehängten Kärtchen mit lieben Grüßen, die uns meine Mutter vorlas.

Wir schlossen die Wohltäter in unsere Abendgebete mit ein, und meine Mutter schrieb aus vollem Herzen Dankesbriefe, in denen sie schilderte, wie wir alle uns darüber gefreut hätten. Diese Hilfe in der Not, die von fremden Menschen und dazu noch aus dem Westen kam, prägte sich mir ein.

Unsere finanzielle Not änderte sich erst, als mein Vater wieder arbeiten konnte. Die Rippen, die ihm fehlten, ließen eine körperlich schwere Arbeit nicht mehr zu. An seinen alten Arbeitsplatz auf der Werft konnte er nicht zurückkehren. Deshalb wurde er Energiebeauftragter eines kleinen Betriebes, der Kühlschränke für Schiffe herstellte.

Anfang Mai 1957 wurde mein Bruder Matthias geboren. Erst kurz vorher hatte ich am Rande mitbekommen, dass ich noch ein Geschwisterchen bekommen würde. Warum, wie und wann interessierte mich nicht so richtig. Dann war er da, der stets freundlich lächelnde Bruder.

Mutter war nun immer mit ihm beschäftigt und konnte nicht mehr so viel Zeit mit uns verbringen. Daher hockte ich morgens oft am Fenster und verfolgte aus der vierten Etage das Treiben auf der Straße. Manchmal sah ich, wie mein Freund Jörg aus der ersten Etage von seiner Mutter in den Kindergarten gebracht wurde. Die Brottasche baumelte um seinen Hals. Jörgs Mutter trieb ihn fast immer zur Eile, weil sie danach noch einen weiten Weg zur Arbeit hatte.

Ich brauchte nicht in den Kindergarten zu gehen. Meine Eltern sagten, sie würden unsere Erziehung nicht dem Staat überlassen. Manchmal schnappte ich aus ihren Gesprächen auf, dass dort schlimme Dinge über den Westen, den lieben Gott und die Kirche gesagt werden würden. Wenn mir aber Jörg erzählte, was sie alles Tolles gebastelt, welche Ausflüge sie unternommen und was sie dort gespielt hatten, interessierte mich das schon.

Beim Abendbrot erzählte ich das meinen Eltern. Sie antworteten, dass das auch für mich noch früh genug kommen werde. Nun sei meine Mutter zu Hause und immer für uns da.

„Versprich mir, dass du Pionier wirst!“

Auf unserem Wohnzimmertisch breiteten sich Hefte, Bleistifte, Radiergummi, Federtasche und Bücher aus. Meine Einschulung stand unmittelbar bevor. Sogar eine Schiefertafel für die ersten Schreibübungen war dabei und nicht zuletzt die Schultasche. Stolz lief ich mit ihr durch die Wohnung und krakelte auf der Tafel herum. Dann würde ich auch eine Schultüte mit Geschenken bekommen! Je näher der erste Schultag kam, desto mehr sprang ich durch die Wohnung.

Meine zukünftige Schule werde im ehemaligen Katharinenstift sein, erklärte mir meine Mutter. Dieses war ein alter Gebäudekomplex, der als Kloster St. Katharinen im 13. Jahrhundert erbaut und im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört worden war. Jetzt waren dort ein Altersheim und eine Schule untergebracht, die ungefähr 200 Meter von uns entfernt lagen.

Schon früh am Morgen schlich ich leise in das Wohnzimmer. Dort stand - in die Wohnzimmerecke gelehnt - die Schultüte! Die Ausbeulung des Papiers über dem Rand verriet mir, dass sie prall gefüllt sein musste. Sie war mit einer Schleife zugebunden, damit ich nicht zu früh den Inhalt erspähen konnte. Ich hob sie vorsichtig an und freute mich, dass sie schwer war. Daneben stand die Schultasche, die wir am Vortag gepackt hatten. Ich war furchtbar aufgeregt.

Als es endlich Zeit wurde, schulterte ich die Tasche und nahm die Schultüte in den Arm. Erwartungsvoll schritt ich mit meinen Eltern in Richtung Schule. Mein Herz pochte. Manchmal sprachen mich auf der Straße sogar Leute an und wünschten mir alles Gute zum Schulanfang.

Als wir den Klassenraum betraten, saßen bereits einige Kinder in den Schulbänken, alle mit ihren neuen Schultaschen, die sie neben den Bänken abgestellt hatten. Die Eltern standen an den Seiten des Raumes und hielten die Schultüten. Herr Benthien, unser neuer Klassenlehrer, begrüßte mich, hieß mich willkommen und zeigte mir meinen Platz. Ich gab meinen Eltern die Schultüte, stellte die Schultasche ebenfalls neben die Bank, setzte mich und wartete ab.

Immer mehr Schüler kamen.

Als unsere Klasse vollständig war, begrüßte uns Herr Benthien noch einmal, beglückwünschte uns zum Schulanfang und erzählte über unsere Schule, den Schulablauf, die verschiedenen Fächer und was uns in unserem neuen Lebensabschnitt erwarten würde. Dann rief er die Schüler einzeln mit Namen auf, fragte jedes Kind, wo es wohne und was es gerne mache.

Aufmerksam musterte ich jeden neuen Mitschüler. Die vielen Kinder, mit denen ich jetzt jeden Tag zusammen sein würde, waren ungewohnt für mich. Bisher war ich ja nur zu Hause bei meinen Eltern gewesen oder hatte mit Jörg oder mit wenigen anderen Kindern auf dem Hof gespielt. Das großtuerische Verhalten einiger Jungen aus meiner neuen Klasse erinnerte mich an manche Fieslinge auf unserem Hof, und ich bekam ein flaues Gefühl im Magen.

Auf dem Weg nach Hause verspürte ich einen unbändigen Drang, endlich das Geheimnis der Schultüte zu lüften. Kaum zu Hause angekommen, löste ich hastig den Knoten, der die Tüte verschlossen hielt. Zum Vorschein kamen zunächst meine Lieblings-Süßigkeiten, die ich in Erwartung noch besserer Geschenke erst einmal zur Seite legte. Schließlich zog ich unter großem Staunen ein Boot hervor. Es war ein Schlepper mit mehreren Schuten, die ich hintereinander anhängen konnte. Er konnte sogar von einer kleinen Flamme, die ich in das Führerhaus stellen musste, angetrieben werden. Die Hitze stieß das Wasser in kurzen Abständen hinten aus einer Öffnung hinaus. Der Schlepper und die angehängten Schuten fuhren dadurch mit einem Tuckern langsam durch das Wasser. Begeistert belud und entlud ich die Schuten und war von der gefüllten Badewanne kaum noch wegzubekommen.

Am Nachmittag kamen unsere Verwandten, um meine Einschulung zu feiern. Meine Mutter hatte meinen Lieblingskuchen gebacken - Eclairs mit Pudding gefüllt und mit Schokolade überzogen. Ich aß reichlich davon. Onkel und Tante machten Späße mit mir, meine Großeltern stießen auf mich an und ließen mich immer wieder hochleben. Ich freute mich, dass ich heute im Mittelpunkt stand und endlich ein Schulkind war!

Inmitten unserer Geselligkeit machte mein Onkel einen Witz. Er nahm die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“ auf die Schippe, die von der SED erst ein paar Wochen zuvor verkündet worden waren. Meine Eltern hatten sich über diese bereits aufgeregt. Mit seinem Witz gab er meinem Vater ein Stichwort, denn eines dieser Gebote forderte jeden Staatsbürger auf, seine ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen. Ich ahnte, was kommen würde: Mein Vater sah sich wieder in der Pflicht, die Meinung der Gäste zu korrigieren, egal, welche sie hatten. Lautstark betonte er, dass dieses Gebot die Vorstufe zu einer allgemeinen Wehrpflicht sei. Die SED habe nämlich in der Vergangenheit eine andere Meinung zum Waffendienst gehabt. Und er begann wieder einmal, von seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft zu berichten. Bei ihrer Ankunft in Frankfurt/Oder habe Wilhelm Pieck, damals noch SED-Vorsitzender, sie angebrüllt: „Ihr Kriegsverbrecher! Warum seid ihr in den Krieg gezogen?“ Etwas später habe er sogar hinzugefügt: „Nie wieder dürft Ihr eine Waffe in die Hand nehmen!“

Als mein Vater seinen Bericht beendet hatte, schwiegen alle Gäste betreten. Was sollten sie dazu auch sagen? Aber mein Vater konnte sich nicht beruhigen. „Und was macht die SED heute? Plötzlich ist der Wehrdienst wieder eine nationale Pflicht. Fehlt nur noch, dass sie wieder, wie im Dritten Reich, die Wehrpflicht einführen. Ohne mich!“

Doch jetzt mischte sich mein Opa ein. „Westdeutschland hat seit zwei Jahren wieder die Wehrpflicht. Ich kann darauf wetten, dass es hier bald genauso kommen wird.“

Die Diskussionen gingen an diesem Nachmittag leidenschaftlich hin und her und verdrängten wieder einmal jede Fröhlichkeit.

Vaters Erlebnisse von Krieg und Gefangenschaft hatte ich oft gehört. Sie quälten meine Seele. Wie gerne hätte ich ihn von dieser Last befreit, aber das ging nicht. Und obwohl meine Eltern mit ihrer Unzufriedenheit über die DDR wahrscheinlich Recht hatten, lastete ihre ständige Verdrossenheit schwer auf mir. Sie regten sich über die Propaganda der SED auf, die ihnen zwar eine gute Versorgung versprach, jedoch nicht in der Lage war, ausreichend Lebensmittel in die Läden zu bringen. Mein Vater schimpfte über den Aufbau der Pioniere und der FDJ, die - nach seiner Ansicht - genau nach dem Muster des Dritten Reiches organisiert und in eine schleichende Militarisierung eingebunden seien. Er fand es bezeichnend, dass die Uniformen der NVA denen der Reichswehr sehr ähnlich waren. Beiden Eltern war die ungezügelte und verlogene Hetze zuwider, die stets mit dem Zeigefinger Richtung Westen, aber immer weg von den eigenen, viel größeren Problemen wies. Die Diktatur der SED sahen sie deshalb als eine direkte Weiterführung der Diktatur des Nationalsozialismus an. Alles das hatte meine Eltern längst zu dem Ergebnis kommen lassen, dass sie im falschen Teil Deutschlands wohnten. In diesem Licht erschien ihnen der Westen als das wirklich freie, menschliche und verheißungsvolle Land.

Die Informationen, die uns aus diesem „gelobten“ Land täglich über das Radio erreichten, schienen das zu bestätigen. Ich erinnere mich noch an das grünlich glimmende Auge des Radios und die schwach beleuchtete Scheibe mit den vielen fremden Namen der Sender. Wenn der Nachrichtensprecher abends eindrucksvoll die Sendung „Das Echo des Tages“ ankündigte und dabei seine Stimme wie ein tatsächliches Echo verhallte, saß mein Vater aufmerksam in Richtung Lautsprecher gebeugt. In diesem Moment war es für den Rest der Familie Pflicht zu schweigen. Wenn der Nachrichtensprecher verkündete „An alle Hörer diesseits und jenseits der Zonengrenze“, spürten meine Eltern, dass „unser“ Westen an sie dachte, sich um sie sorgte und mit ihnen eins in ihrer Haltung gegen die DDR war. Sie lebten und urteilten, als ob sie Westbürger wären, die nur aus Versehen und zeitweilig in einem fremden Land festgehalten wurden.

Solche Meinungen blieben der SED und der Staatssicherheit damals nicht verborgen. Dass einfache Arbeiter im privaten Bereich oder sogar an ihrem Arbeitsplatz manchmal auf Staat, Partei und Wirtschaft schimpften, wurde von der Regierung der DDR und ihren Spitzeln fast immer still geduldet. Denn diese Art von Kritik war ein gewisses Ventil, mit dem die Bürger ihrem oft berechtigten Ärger Luft machen konnten. Wenn sich jemand besonders auffällig äußerte, wurde er möglicherweise durch die Staatssicherheit registriert und beobachtet, aber nicht gleich verhaftet. Zeitweilig ging sogar das Gerücht um, dass bestimmte Witze durch die Stasi selbst in Umlauf gebracht worden seien, um eine gewisse Entspannung zu schaffen.

Die DDR verfolgte und bestrafte allerdings sofort und mit aller Härte, wenn sich Menschen in ihrem Unmut oder Widerstand gegen die DDR in irgendeiner Form organisierten, Flugblätter verfassten oder sogar Vorbereitungen trafen, um in den Westen zu fliehen.

Da die lautstarken Kommentare meines Vaters aber stets im Privaten oder an der Werkbank erfolgten, blieben sie für unsere Familie zum Glück ohne weitreichende Konsequenzen.

Konnte ich mit meiner Mutter über Widersprüche und Konflikte jederzeit sprechen, war die Schule jetzt für mich eine völlig neue Erfahrung. Dort war ich auf mich allein gestellt. Meine Eltern hatten mich zwar immer wieder ermahnt, auf keinen Fall zu erzählen, worüber wir zu Hause sprachen. Aber auch ohne ihren Hinweis war mir längst klar, dass ihre Einstellungen und Sichtweisen mit jenen der Schule nicht übereinstimmten.

Mit diesen Spannungen im Kopf saß ich im Klassenraum, als uns die Pionierleiterin, die an unserer Schule für diese politische Organisation verantwortlich war, umwarb. Sie war jünger und viel freundlicher als unser Klassenlehrer. Sie hatte sich ein blaues Pioniertuch umgebunden. Rote Streifen an dessen Rändern zeigten ihren Rang. Um uns nahe zu sein, hatte sie sich nicht an den entfernt stehenden Lehrertisch, sondern lässig mit einer Pobacke auf den Rand der Tischfläche einer Mitschülerin in der ersten Reihe gesetzt und sprach mit weichen, einschmeichelnden, ja fast liebevollen Worten zu uns.

„Sicher werden die meisten von euch es kaum erwarten können, in die Jungen Pioniere aufgenommen zu werden, denn es ist wirklich schön, unserer Gemeinschaft anzugehören. Tolle Dinge werdet ihr als Jungpioniere erleben können. An den Pioniernachmittagen werden wir gemeinsam spielen, basteln, singen und manchmal auch Altstoffe sammeln. Wer möchte, kann auch gern mit anderen musizieren, tanzen, sogar Theater spielen. Außerdem könnt ihr viele wissenswerte Dinge über unsere sozialistische Heimat erfahren.“

Immer wieder brachen einige Kinder in Jubel aus.

„Unsere Pioniergruppe wird aus den Mitgliedern einen Gruppenrat wählen. Wir werden auch Wandzeitungen anfertigen, auf denen wir unsere schönsten Erlebnisse oder zu Feiertagen die Errungenschaften unserer sozialistischen Heimat darstellen und somit allen anderen zeigen werden.“

In der Begeisterung, die nun ausbrach, gingen ihre nächsten Worte fast unter. „Natürlich darf jeder frei entscheiden, ob er in die Jungen Pioniere eintreten möchte. Doch ich würde mich freuen, wenn jeder aus unserer Schulklasse dabei wäre.“

Feierlich las sie jetzt die zehn Gebote der Jungpioniere vor. Und ich hörte zum ersten Mal, was Pioniere Besonderes machten: Sie achteten die Eltern und alle arbeitenden Menschen, sie liebten den Frieden, sie lernten fleißig, waren gute Freunde, ordentlich und diszipliniert und halfen überall tüchtig mit, sangen und tanzten, spielten und bastelten gern.

Als sie endlich endete, war ich sprachlos. Warum zeichneten diese Dinge nur Pioniere aus? Sie waren eigentlich doch selbstverständlich! Jeder Mensch sollte sich so benehmen, dachte ich, und empfand diese komischen Gebote schon damals als eine Täuschung. Doch einige Schüler konnten es offenbar kaum erwarten, so schnell wie möglich dort mitmachen zu können. Ungestüm meldeten sie sich, stellten belanglose Fragen und redeten der Pionierleiterin nach dem Munde.

Obwohl es mir schwer fiel, mich ihrer warmherzigen Zuwendung und dem damit verbundenen Anliegen zu verweigern, schwieg ich und wartete ab, denn meine Eltern hatten mir freigestellt, in die Pioniere einzutreten oder nicht. Ihre Erfahrungen mit der DDR, die in meinem Kopf präsent waren, ließen mich erst einmal zögern. Und schließlich betonte die Pionierleiterin immer wieder, dass der Beitritt wirklich freiwillig sei. Ich glaubte ihr – und tröstete mich, dass ich ja etwas später immer noch eintreten könne.

Einige Wochen später war ich bei einer Mitschülerin zu Hause, und wir bereiteten eine gemeinsame Hausaufgabe vor. Als wir fertig waren und ich gerade gehen wollte, schloss ihre Mutter vor mir die Wohnungstür zu. „Du bist nicht bei den Pionieren! Ich lasse dich hier nicht eher raus, bis du mir versprichst, in die Pioniere einzutreten!“

Ich war geschockt und wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie aber streckte mir ihre Hand hin. „Versprich mir in die Hand, dass du gleich morgen in die Pioniere eintrittst!“

Mein Entsetzen muss sie mir wohl angesehen haben. Ich schwieg und schlotterte vor Angst. Was würde sie mit mir machen? Ich hatte noch nie erlebt, dass mich ein Erwachsener derart bedrohte. Meine Mitschülerin, die erst vor ein paar Tagen zur Gruppenratsvorsitzenden der Pioniergruppe gewählt worden war, stand direkt neben ihr und beobachtete mich mit Spannung.

„Versprich mir hier und jetzt, dass du gleich morgen in die Jungen Pioniere eintrittst!“, wiederholte ihre Mutter wieder und wieder und streckte mir jedes Mal dabei fordernd ihre Hand entgegen. Ich war vor Furcht erstarrt, weigerte mich aber trotzdem, ihr das Versprechen zu geben. Nach einer gefühlt endlosen Zeit schloss sie die Wohnungstür auf und ließ mich hinaus. Als ich die Treppen hinunterrannte, rief sie mir noch einmal hinterher: „Du musst in die Pioniere eintreten!“

Aufgewühlt und wie benebelt lief ich nach Hause. Ich berichtete meiner Mutter von diesem Erlebnis und brach dabei in Tränen aus. Sie tröstete mich und versprach, dass ich nie wieder zu dieser Klassenkameradin gehen brauche.

Nun hatte ich am eigenen Leib erfahren, dass meine Eltern mit ihrer Sicht auf die DDR und die SED-Genossen offensichtlich Recht hatten und sah einen Eintritt in die Pionierorganisation noch kritischer.

Und umso mehr freute ich mich, wenn ich an unserem wöchentlichen Religionsunterricht im Gemeindehaus unserer Kirche teilnehmen konnte. Ich fand es richtig spannend, mehr von Gott zu hören. Vorher hatte ich die anderen Kinder nur im Gottesdienst gesehen, nun saßen wir gemeinsam in einer richtigen Schulklasse, alles Kinder, die ebenfalls an Gott glaubten und sonntags in die Kirche gingen. Hier galt ich nicht als Außenseiter. Den Unterricht hielt die Mutter Oberin der Ordensschwestern. Sie war robust und packte kräftig zu, wenn eines der Kinder nicht stillsitzen wollte. Mir, der ich mit großer Ehrfurcht vor Erwachsenen und besonders vor den kirchlichen Würdenträgern erzogen worden war, wäre es nicht im Traum eingefallen, sie und ihren Unterricht zu stören.

Das erste Schuljahr ging vorbei, und ich war immer noch nicht in die Pionierorganisation eingetreten.

Mit dem Wechsel in die zweite Klasse bekam ich in der Schule auch einen neuen Banknachbarn. Günther wohnte gleich um die Ecke, direkt gegenüber vom Milchmann Nielsen. Sein Vater war Polizist. Manchmal flüsterten wir im Unterricht. Irgendwann erzählte er mir, dass er im Kino gewesen sei und einen spannenden Kriegsfilm gesehen habe. Nachdem er kurz die Geschichte des Filmes erzählt hatte, fragte er mich, ob ich denn überhaupt wisse, wie ein Hakenkreuz aussieht.

„Klar, das kennt doch jeder!“, antwortete ich und war über seine offensichtliche Unkenntnis überrascht.

„Wie sieht das denn aus?“, fragte er mich leise und schob mir einen Schnipsel Papier hin. Kurzerhand malte ich ihm mit meinem Füller ein kleines Hakenkreuz darauf. Da nahm er den Schnipsel, stand auf, ging nach vorne zur Lehrerin und hielt ihr diesen unter die Nase.

„Andreas malt im Unterricht Hakenkreuze!“

Bevor ich mich richtig besinnen konnte, eilte die Lehrerin zu mir. „Wie kommst du dazu, Hakenkreuze zu malen? Und das auch noch hier im Unterricht?“

Ich versuchte, mich zu entschuldigen und die Ursache richtigzustellen. „Er hat mir gesagt, ich soll eines malen. Er tat so, als ob er das nicht kenne, und ich wollte es ihm zeigen.“

Die Lehrerin war entrüstet. „So geht das nicht! Wir werden sofort mit deinen Eltern sprechen! Das passt ja gut. Als Einziger nicht in die Pioniere eintreten und dann auch noch in der Schule Hakenkreuze malen!“

Mein neuer Banknachbar tat so, als ob das alles normal sei. „Man darf keine Hakenkreuze malen!“, belehrte er mich jetzt laut vor allen anderen Mitschülern. So eine Falschheit hatte ich noch nie erlebt! Aber mir fehlten die Worte, ihm die richtige Antwort geben zu können.

Nach Schulschluss rannte ich nach Hause und erzählte meiner Mutter unter Tränen, was passiert war. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. „Junge, was machst du!“ Hastig riss sie Schranktüren auf, durchsuchte Fächer und sammelte schnell einige Zeitschriften zusammen. Dabei schimpfte sie ständig. Bald hatte sie einen kleinen Stapel in der Hand. So kannte ich sie gar nicht, sie reagierte völlig anders als sonst. Nun entfachte sie auch noch ein Feuer im Badeofen und verbrannte die Zeitschriften Seite für Seite.

Wie ich erst später erfuhr, besaßen meine Eltern Westzeitschriften, die sie unter der Hand mit anderen Leuten tauschten. Jetzt rechnete meine Mutter mit einer Hausdurchsuchung.

Das Gespräch zwischen meinen Eltern, dem Direktor und der Klassenlehrerin verlief zum Glück zu meinen Gunsten. Mein Vater legte dem Direktor dar, dass besonders er unter diesem Krieg gelitten habe und er deshalb solche Symbole und derartige Schmierereien nicht dulden würde. Er und seine Frau würden solch ein Gedankengut kategorisch ablehnen. Er konnte den Direktor überzeugen, dass es ein Einzelfall gewesen sei, der von meinem Mitschüler provoziert worden war.

Das Gespräch war für den Direktor eine gute Gelegenheit, meinen Eltern nochmals zu empfehlen, dass ich den Pionieren beitreten solle. Aber meine Eltern bestanden weiterhin darauf, diese Entscheidung alleine mir zu überlassen. Und ich hatte meine ersten Erfahrungen mit der DDR und ihrer „Freiwilligkeit“ gemacht. Deshalb zögerte ich weiter mit meiner Entscheidung.

Doch diese schlechten Erfahrungen traten für mich bald in den Hintergrund, denn mit dem Wechsel in die zweite Klasse durfte ich mich endlich bei den Ministranten bewerben. Wir würden eine richtige Gemeinschaft sein - nicht so eine gottlose wie die Pioniere in der Schule! Ich drängelte meine Mutter, mich endlich anzumelden.

Als wir uns das erste Mal trafen, gehörten etwa zehn Jungen zu unserer Gruppe. In den darauf folgenden Monaten übte unser Gruppenleiter mit uns den Dienst am Altar. Wir lernten von ihm, wie ein Ministrant den Gottesdienst vorbereitet, sich am Altar bewegt, welche Aufgaben und Handreichungen er im Gottesdienst auszuführen hat, was er darf und was nicht, wie er richtig mit den Altarglöckchen läuten und mit dem Weihrauchfass umgehen muss, welche Gewänder der Priester zur Messe anzieht und wie der Kelch für die heilige Messe eingedeckt wird. Besonders eifrig lernte ich das Stufengebet in lateinischer Sprache, das gleich zu Beginn der Messe vom Priester und den Messdiener vor den Altarstufen im Wechsel gebetet wurde. Ich war mit Eifer dabei und wollte ein guter Altardiener werden.

Am Ende dieses halben Jahres legte jeder von uns eine Prüfung ab, bei der ein Kaplan die gelernten Inhalte abfragte. In einem Sonntagsgottesdienst fand die lang ersehnte Aufnahme in die Schar der Ministranten statt. Wir standen im Altarraum in liturgischer Kleidung, traten bei Aufruf einzeln vor den Pfarrer, legten ein Versprechen ab, wurden gesegnet und reihten uns wieder ein.

Meinen Dienst als Messdiener versah ich zuverlässig und ehrfürchtig, so, wie es mir beigebracht worden war. Zu den großen Festtagsgottesdiensten durfte ich endlich als Fackelträger dabei sein. In langen Reihen trugen wir unter Leitung eines großen Ministranten die Leuchter vor den Priestern her und stellten uns in einer Linie feierlich vor dem Altarraum auf. Ich war glücklich, endlich dazugehören zu dürfen. Mein Wochenablauf füllte sich. Schule, Hausaufgaben, Religionsunterricht, Kinderchor, Ministrantenstunde und Ministrantendienst wechselten im steten Rhythmus.

Manchmal, wenn ich sonntags bereits in der Frühmesse Altardienst hatte, ging ich alleine in die Kirche – für die Kinder auf der Straße deutlich sichtbar an meiner guten Kleidung und an dem Gesangbuch mit seinen bunten Merkbändern, das ich fest mit meiner Hand umschloss. Einige riefen gehässige Bemerkungen hinter mir her. Ich wusste längst, wie böse diese gottlose Welt zu uns gläubigen Menschen war. Deshalb versuchte ich, tapfer zu bleiben, tat so, als ob ich es nicht hören würde, und ging weiter.

Besonders schwer fiel es mir aber, wenn ich auf unserem Hof spielte und plötzlich einige dieser Kinder auftauchten. Oft kamen sie direkt zu mir und beschimpften mich wegen meines Glaubens, falteten die Hände zum Himmel und „beteten“ laut schreiend zu Gott, dass er sie zum Millionär machen oder ihnen in der Schule nur Einsen geben möge. Meine Mutter gab mir den Ratschlag, einfach wegzugehen.

Als sie wieder einmal zu mir kamen und lästerten, ging ich tatsächlich weg. Doch sie liefen hinter mir her, lachten mich aus und umringten mich. Heinz aus unserem Nachbarhaus stellte sich direkt vor mich hin und versperrte mir den Weg. Als ich einen Schritt zur Seite treten und an ihm vorbeigehen wollte, trat er ebenfalls einen Schritt in dieselbe Richtung und warnte mich, ihn nicht zu berühren, sonst würde er mich verhauen. Jede Bewegung, mir einen offenen Weg zu suchen, machte er ebenfalls. Einigen der mich umringenden Kinder dauerte das zu lange, und schließlich schubste mich jemand von hinten, so dass ich gegen Heinz fiel und ein Ringkampf begann. Längst hatten sie herausgefunden, dass einer von ihnen mir nur leicht auf die Nase schlagen musste, um bei mir heftiges Nasenbluten auszulösen. Mein Blut floss wieder einmal in Strömen, ich heulte, und alle rannten unter Johlen davon.

Ich fühlte mich gedemütigt. Ich wollte mich nicht prügeln, denn das widersprach dem, was meine Mutter und die Kirche mich gelehrt hatten. Aber in so einem Moment halfen mir diese Weisheiten aus der Bibel nichts. Als ich mich bei meiner Mutter darüber beschwerte, immer nur stillhalten und mir eine blutige Nase holen zu müssen, gab sie mir einen Tipp, der Wunder wirken sollte.

Ein paar Tage später kam Heinz mit einigen anderen Kindern wieder zu mir, sie verspotteten und umringten mich, und Heinz verwickelte mich in eine kurze Schlägerei, bei der er mir wieder auf die Nase schlug. Das Blut rann sofort und kräftig. Ich heulte diesmal nicht, sondern hielt meine hohle Hand unter die Nase und fing das Blut auf. Alle umstehenden Kinder kreischten vor Vergnügen und zeigten mit dem Finger auf mich. Heinz kam dicht zu mir heran, um sich sein kühnes Werk genauer zu betrachten. Als sich aber genügend Blut in meiner hohlen Hand angesammelt hatte, klatschte ich ihm dieses mit einer Ohrfeige mitten in das Gesicht, so dass seine ganze Gesichtshälfte und sein Pullover mit meinem Blut beschmiert waren. Jetzt sah er viel schlimmer aus als ich. Sofort fing er an, laut zu heulen und nach seiner Mutter zu rufen. Nun hatte ich die Lacher auf meiner Seite, und keiner versuchte jemals wieder, mich direkt anzugreifen.

Trotz dieser kleinen Genugtuung war es für mich eine schlimme Erfahrung, zu einer ungeliebten Minderheit zu gehören. Einen Schutz dagegen gab es nicht, denn die Gottlosigkeit war von der SED geschützt. Also wollte ich tapfer und treu bleiben und mich den Erwartungen meiner Eltern und der Kirche als würdig erweisen.

In seinem neuen Beruf hatte sich mein Vater um Energiesparmaßnahmen und die Umsetzung neuer Energieverordnungen in seinem Betrieb zu kümmern. In Berlin gab es eine Dienststelle, an die er über die Ergebnisse berichten und sich über neue Verordnungen unterrichten lassen musste. Deshalb reiste er manchmal mit dem Zug dorthin. In Gedanken begleiteten wir unseren Vater auf seinen mehrtägigen Reisen. Wir schlossen ihn immer in unser Abendgebet ein.

Wenn er wieder zu Hause war, erzählte er uns von seinen Erlebnissen, besonders von den Eisenbahnfahrten. Dass viele Menschen versuchten, über Berlin in den Westen zu flüchten, wusste ich bereits aus dem Radio. In packenden Bildern schilderte mein Vater, wie die Polizei die Reisenden vor der Stadtgrenze von Groß-Berlin kontrollierte. Sie überprüften die Ausweise und sahen sich jeden Reisenden genau an. Wenn ihnen jemand verdächtig vorkam, verhörten sie ihn oder durchwühlten vor allen anderen Mitreisenden sein Reisegepäck. Sie waren immer auf der Suche nach versteckten Dingen, die zeigten, dass der Reisende beabsichtigte, nicht zurückkehren zu wollen. Konnte jemand den Verdacht einer geplanten Flucht nicht einwandfrei widerlegen, verhaftete ihn die Polizei. Denn wenn er erst einmal im Stadtgebiet von Groß-Berlin angekommen war, war der „Goldene Westen“ nur noch eine S-Bahn-Fahrt entfernt.

Diese Berichte meines Vaters, wie die Polizei mit Menschen umging, die doch nur in Freiheit leben wollten, wühlten mich innerlich auf und verfolgten mich sogar bis in meine Träume.

Im Frühjahr 1961 wurden die politischen Ereignisse immer dramatischer. Ununterbrochen spie das Radio Meldungen über die wachsende Zahl von Menschen aus, die der DDR den Rücken kehrten und in den Westen flohen. Wem die Flucht über Berlin zu weit oder zu riskant war, der versuchte es über die „Grüne Grenze“.

Auch in unserem Wohngebiet verschwanden ganze Familien. Milchmann Nielsen aus der Hartestraße floh über Nacht mit Frau und Kindern. Schüler aus meiner Klasse kamen plötzlich nicht mehr in die Schule. Jedes Mal erklärte uns die Klassenlehrerin, dass diese Schüler und deren Eltern die DDR verraten hätten. Familien aus unserer Kirchengemeinde fehlten plötzlich. In der DDR hatte sich eine riesige Aufbruchsstimmung breit gemacht.

Meine Eltern wären am liebsten selbst mit uns „abgehauen“, wie die Flucht in den Westen überall genannt wurde, aber wir waren jetzt drei Geschwister, mein Bruder Matthias erst vier Jahre alt. Es wäre zu offensichtlich gewesen, wenn unsere ganze Familie in der Eisenbahn gesessen hätte, selbst wenn mein Vater den Reiseauftrag seines Betriebes hätte vorweisen können. Außerdem war er schwach und sein Gesundheitszustand schlecht. Wenn auf der Flucht irgendetwas schiefgehen würde, kämen meine Eltern für viele Jahre ins Gefängnis. Mein Vater würde so etwas nicht überleben. Und wäre ihnen ihr eigenes Schicksal auch zweitrangig gewesen, uns Kinder hätten sie nie der Gefahr ausgesetzt, in ein staatliches Heim überwiesen zu werden.

An einem Sonntag im August saßen wir am Frühstückstisch. Mein Vater schaltete das Radio ein, um ein paar schwungvolle Klänge der gewohnten Sonntagsmelodien vom Westdeutschen Rundfunk zu genießen. Doch statt der Musik hörten wir nur aufgeregtes Sprechen.

„Seid mal ruhig!“, befahl mein Vater, und meine Eltern schauten sich beide entsetzt an. Nun bekamen wir mit, dass die DDR soeben die Grenze vollständig geschlossen hatte. Reporter berichteten von Kampfgruppen, die die Grenze mit Waffengewalt abriegelten, Stacheldrahtzäune errichteten und an bestimmten Abschnitten direkt auf der Grenzlinie eine Mauer bauten. Uns stockte der Atem. Wir standen um das Radio, bis es fast zu spät war, noch rechtzeitig zum Gottesdienst zu kommen.

Auch an den darauffolgenden Tagen konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Ich hatte furchtbare Angst, denn aus dem Radio kamen ständig neue Schreckensmeldungen. Wir hörten, wie verzweifelte Menschen versuchten, aus dieser ständig wachsenden Abschottung in letzter Sekunde auszubrechen. Ich malte mir diese furchtbaren Szenen in meiner Fantasie aus.

In unserer Zeitung und auf riesigen Plakaten sahen wir ausschließlich strahlende Gesichter von Kampfgruppen-Angehörigen, die entschlossen, aber mit freundlicher Mine, ihre Maschinenpistolen umfassten und von ebenso strahlenden Frauen Blumen überreicht bekamen. Doch für mich war das Gefühl, von unseren liebevollen Helfern in der Not und auch von den im Westen lebenden Verwandten abgeschnitten zu werden, furchtbar. Ja, ich hatte wirklich Angst, aber nicht vor den Westdeutschen, sondern vor diesem Staat.

„Andreas, deine Zukunft hängt davon ab!“

Unsere Klasse wurde im Sommer aufgelöst und wir Schüler auf andere Schulen verteilt. Mein Schulweg führte mich jetzt zum Alten Markt, etwa 300 Meter von zu Hause entfernt. Dazu musste ich die Fischbank und die Diebsstraße hochgehen, denn meine Schule stand auf dem ältesten Marktplatz von Rostock, dicht bei der Petri-Kirche und jener Stadtmauer, über die ich bereits als kleiner Junge gerne weit ins Land geschaut und die Zeit vergessen hatte.

Wenn ich morgens auf meinem Schulweg eilig den Trampelpfad quer über den Rasen zur Wollenweberstraße nahm, sah ich manchmal Monika, ein Mädchen etwa in meinem Alter, die oben am Fenster saß. Ich kannte sie, denn wir begegneten uns manchmal in unserem Wohngebiet, schließlich wohnte sie ja nur einen Wohnblock weiter. In meiner Altersgruppe war es verpönt, sich mit Mädchen abzugeben. Doch hätte ich gewusst, welchen Einfluss sie einmal auf mein Leben nehmen würde, wäre ich viel aufmerksamer dort vorbei und selbstverständlich ordentlich um den Rasen herumgegangen.

Mit Beginn des Schuljahres besprach unsere Klassenlehrerin Frau Stolle viele organisatorische Dinge mit uns. Ein wichtiger Punkt war die Wahl eines neuen Gruppenrates, der jeder Pioniergruppe einer Klasse vorstand. Sie fragte uns, ob jemand einen Vorschlag habe. Da schlug ein Mitschüler vor, dass ich als neues Klassenmitglied doch gleich eine Funktion übernehmen könne. Andere stimmten sofort zu.

„Nein, das geht nicht. Ich bin nicht in den Pionieren“, wehrte ich ab. Sofort wandten sich alle Köpfe zu mir.

„Wie? Wo gibt‘s denn so was? Nicht in den Pionieren?“, entrüstete sich mein Banknachbar. „Was bist du denn für einer?“

Auch in dieser Klasse gehörten alle Schüler der Pionierorganisation an. Die Klassenlehrerin, die längst Bescheid wusste, beschwichtigte gleich und lenkte mit weiteren Vorschlägen von mir ab.

In der folgenden Pause beäugten mich einige Mitschüler wie eine außergewöhnliche Spezies im Zoo. „Aber wieso bist du nicht in den Pionieren? Das ist doch nichts Schlimmes!“

„Ich möchte nicht“, wiegelte ich ab und versuchte, mich der Fragerei zu entziehen.

„Oder gehst du etwa in die Kirche?“, platzte es aus einem Mitschüler heraus. Lautes Gelächter erschallte. Ohne meine Antwort abzuwarten, blickte eine Schülerin in den Himmel, reckte ihre gefalteten Hände ebenfalls dorthin und leierte einen der üblichen Sprüche. „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm'!“ Wieder lauthals Gelächter in der Runde, die mit der Zeit auf mehrere Schüler angewachsen war.

„Ja, ich gehe in die Kirche“, antwortete ich etwas verhalten. Eigentlich hätte ich diese Diskussion gerne erst später gehabt, wenn ich mit meinen Klassenkameraden etwas vertrauter gewesen wäre. Andererseits, wenn ich so attackiert wurde, fühlte ich eine unumgängliche Pflicht, mich als Christ zu bekennen.

Sofort flogen mir unter lautem Gejohle die üblichen Sprüche um die Ohren. Doch ich ertrug sie tapfer.

Ein Mitschüler versuchte, mich zu verstehen. „Bernd geht doch auch in die Kirche, und der ist in den Pionieren!“

„Das ist allein meine Entscheidung“, antwortete ich. Das verstand er nicht. Langsam wurde das Thema für sie langweilig, und sie ließen von mir ab.

Ja, ich wusste, dass der größte Teil der Kinder und sogar der Ministranten aus unserer Gemeinde in die Pioniere eingetreten war. Aber ich erinnerte mich auch an die Erzählungen meiner Eltern, wie stark damals das Dritte Reich Druck ausgeübt habe, damit möglichst viele in die Hitlerjugend eintreten würden, wie viele diesem Druck nachgegeben hätten und was für ein schlimmes Ende diese Herrschaft letztendlich genommen hatte. Dem entgegen stand auch mein unerschütterlicher Glaube an Gott und an die Kirche. Ein Nachgeben, so war ich überzeugt, hätte dies alles in Frage gestellt.

Niemand war da, mit dem ich das in Ruhe und mit Wohlwollen hätte besprechen können. Und so wartete ich weiter - worauf, wusste ich nicht. Aber je länger ich wartete, desto mehr Gegenwind spürte ich, was wiederum zur Folge hatte, dass ich noch mehr Gründe fand, meine Entscheidung weiter hinauszuzögern. Schließlich gewöhnten sich die meisten Schüler daran, dass sich so ein seltenes Exemplar in ihren Reihen befand.