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Im September 1990 fliegen die Autorin mit ihren Kindern und ihrem kubanischen Ehemann nach Havanna. Die DDR erlebt die letzten Tage ihrer Existenz, das sozialistische Lager zerfällt, und bisherige Bündnispartner, wie Kuba, müssen ihre Landsleute zurück in die Heimat holen. Ehen zwischen Ausländern und Deutschen stehen vor Zerreißproben. Trennung, unter Deutschen bleiben, oder in die Heimat des anderen gehen, so lauten die Alternativen. Die Familie der Autorin entscheidet sich für Kuba. Kuba selbst befindet sich in einer wirtschaftlichen Notsituation. Die Lebensadern zu den ehemaligen Verbündeten dorren aus, es fehlt an Energieträgern, Öl, Ersatzteilen, Lebensmitteln. Die Autorin erlebt mit ihrer Familie drei schwierige Jahre in El Silencio, einem kleinen Bergdorf in der Provinz Guantanamo. In eindringlicher und bewegender Weise schildert sie ihre persönlichen Erfahrungen im kubanischen Provinzalltag und ermöglicht dem Leser einen wohl einmaligen Einblick in das Kuba dieser Tage.
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2016
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In Liebe meinem Mann Vladimir
und unseren Kindern
Maria, Yanays, Soraida und Mike
gewidmet.
Euch, die ihr mir das Leben spannend und lebenswert macht.
Kerstin Velazquez Revé
El Silencio
Kuba ist so schön, oder:
was braucht der Mensch?
Tausche Jeans gegen Flugticket.
Impressum
Autorin : Kerstin Velazquez Revé
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Neuausgabe, 2. eBook EPUB Auflage, ISBN-13-EPUB: 978-3-943865-02-8
Weitere Ausgaben:
Neuausgabe, 2. eBook PDF Auflage, ISBN-13-PDF: 978-3-943865-01-1
Neuausgabe, 1. Taschenbuch Auflage, ISBN-13-: 978-3-943865-03-5
© DEVA | David Enneper Verlag und Agentur, Berlin | 2016
Erstmals erschienen 1996 im © Verlag am Turm GmbH, Berlin als Taschenbuch unter der ISBN-13: 978-3-932075-00-1.
Edition Buchholz www.deva-berlin.com/edition-buchholz
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Lektorat: Karoline Streicher, Dörte Streicher, David Enneper
Gestaltung und Umsetzung: Dörte Streicher | G & H - Agentur für Design | www.grafik-und-herstellung.de
Bilder: Kerstin Velazquez Revé
Umschlaggestaltung: Dörte Streicher
Titelbild: Kerstin Velazquez Revé
Inhalt
Titel
Widmung
Familienfoto
El Silencio Foto
Impressum
Vorwort
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Glossar
Autorin
Back Cover
Vorwort
Liebe Leser!
Kuba – es gibt sehr verschiedene Erlebnisse und Gefühle, die wir Menschen mit dieser wunderschönen karibischen Insel verbinden. Als ich 1988 die Ehe mit meinem Mann Vladimir, gebürtiger Kubaner, einging, wusste ich wenig über Kuba, war und bin aber von diesem Sohn Kubas begeistert. Mit seinem frischen Auftreten, seinem wunderschönen Lächeln, seiner charmanten Art mit Menschen umzugehen und mit seiner wunderbaren Kraft, die er ausstrahlte, eroberte er mein Herz. Ja, irgendwann wollten wir mal Kuba besuchen, das stand fest. Doch zunächst war Vladimir vertragstechnisch in der DDR gebunden und ließ sich zum Zerspanungstechniker im Berliner Bremsenwerk ausbilden. 1989 wollte er dann in seinem Beruf die Meisterausbildung beginnen. Doch der Mauerfall November 1989, brachte nicht nur eine politische Wende für uns Deutsche und Europa, sondern auch für viele DDR-Bürger eine ganz persönliche Wende. So auch für unsere kleine Familie bestehend aus Vladimir, unseren drei kleinen Töchtern (Maria 6 Jahre alt, Yanays 2 Jahre und Soraida gerade 5 Monate alt) und natürlich mir.
Im März 1990 kam dann die Information, dass alle Kubaner, die sich noch unter Vertragsbedingungen der ehemaligen DDR in Deutschland aufhielten, jetzt zurück nach Kuba geschickt werden. Das war ein Schock für uns! Wann muss Vladimir wirklich weg? Für wie lange bleibt er weg? Lässt Kuba ihn wieder zurück? Werden wir uns je wiedersehen? Was wird hier aus mir und unseren Kindern allein in einer mir fremden neuen Welt, in der als erstes die Krippen und Kindergärten geschlossen und dezimiert werden? Ich arbeite als Krankenschwester in drei Schichten. Wie soll das weiterhin funktionieren ohne Kindergärten und dann auch noch allein, ohne meinen Ehepartner, der ebenfalls Geld verdiente bisher? Hunderte Fragen! Dann im April die Nachricht, dass Vladimir’s Flug im September 1990 nach Kuba geht. September erst! Zeit, um einen kühlen Kopf zu bekommen und nach einer passenden Lösung zu suchen.
Mein Deutschland wurde mir fremd. Plötzlich über Nacht gab es lauter fremde Produkte in unserer Kaufhalle mit intensivem Geruch. Aus den Kaufhallen in meiner Nähe wurde Spar und Aldi und Kaisers. Neu war auch, dass nicht mehr in jeder „Kaufhalle“ alle Preise gleich waren. Nun war in der einen das Obst, das Brot usw. günstiger als in der anderen. Oder es gab Sonderangebote... Hier wieder günstiger als dort. Das machte mich verrückt. Ich war es gewohnt, in die Kaufhalle zu gehen, an der ich gerade ohnehin vorbei kam, konzentriert und zügig einzukaufen, was ich wirklich brauchte und fertig. Jetzt begann die Rennerei nach dem günstigsten Angebot, was sehr zeitaufwendig wurde und einfach nur nervte. Weniger Zeit, die ich nach der Arbeit mit unseren Kindern verbringen konnte. Dann kam die Änderung der Währung. Wahnsinn, was nun losging. Bis zu 6.000 DDR Mark wurden 1:1 in die Deutsche Mark, das von vielen DDR-Bürgern so begehrte Westgeld, umgetauscht. Der Rest dann nur zur Hälfte. Wir hatten keine 2.000 DDR Mark auf dem Konto liegen und so fragten Freunde, ob wir von ihnen Geld übernehmen und nach dem Tausch wieder zurück geben könnten. Die ehemaligen DDR-Bürger tauschten hin und her. Ich fuhr auch rüber in den Westen ab Bornholmer Straße, um dort mein Begrüßungsgeld von 100,00 DM pro Person abzuholen. Im Prinzip sah es hier aus wie bei uns, nur die Geschäfte waren übermäßig bunt und voll und es gab viele bunte Werbeplakate und Lichter in den Straßen, dass es mir persönlich einfach zu viel und ich froh war, als ich wieder über die Bornholmer Straße den Westen verließ und in den Straßen der Prenzlauer Promenade wieder zu Hause war.
Ich grübelte, was zu tun sei. Ohne Kindergartenplatz konnte ich nicht mehr arbeiten gehen, nicht mal in einer Schicht. Dann wird man im Westen arbeitslos. Was ist das „arbeitslos“? Was bedeutet das für dein persönliches Leben? Ich habe immer meinen Lebensunterhalt allein verdient. Wie soll das gehen ohne Arbeit? Ich liebe meinen Beruf...
Vladimir teilte mir dann im Mai 1990 mit, dass er organisiert hat, dass wir einfach mit ihm zusammen im September 1990 nach Kuba fliegen. Was das im Einzelnen bedeutet, diesmal sich nicht nur fremd zu fühlen im eigenen Land (wie in Deutschland), sondern auch noch die Sprache, die Spielregeln des dortigen Lebens, sogar die Lebensmittel vollkommen fremd zu erleben und zu packen, davon erzählt dieses Buch „El Silencio – oder was braucht der Mensch“, eine Geschichte weit weg von Deutschland und trotzdem hautnah erlebte Auswirkungen der Wende in Europa auf Kuba.
So klein ist doch die Welt und wir leben alle auf derselben Erde!
Die erste Auflage des Buches „El Silencio“ erschien 1996 im „Verlag am Turm“. Sehr schnell waren alle 2.000 Exemplare verkauft. Viele Leser ergriff diese Geschichte der persönlichen Auswirkungen des Mauerfalls in Deutschland, das Leben einer Familie in Mischehe und dem Zeitgeschehen live erlebt auf Kuba Provinz Guantanamo in der periodo especial, so wie Fidel Castro diese schweren Jahre 1990 bis 1994 auf Kuba nannte, als für die karibische Insel ab sofort alle Handelsverträge mit den sozialistischen Bruderländern aufgehoben wurden, weil der Untergangs des Sozialismus in Europa auf der Tagesordnung stand. Man stelle sich so etwas mal für Deutschland vor! Keinerlei Handelsbeziehungen mehr und dazu Verschärfung der Blockaden durch die USA! So dass heute ca. 20 Jahre später immer noch Interessenten auf spannenden Umwegen an mich herantreten, und mich fragen, ob es noch Bücher zu kaufen gäbe. So kam letztendlich die Idee, dieses Buch als eBook wieder neu herauszugeben. Herzlichen Dank für diese Möglichkeit an Herrn David Enneper.
Nun tauchen sie ab in eine interessante Geschichte einer schon nicht mehr existierenden Welt. Denn all das ist Zeitgeschichte live erlebt.
Kerstin Velazquez Revé Autorin
Kapitel I
Die Stewardess gab über Funk durch: „In wenigen Minuten sind wir über Havanna. Temperatur 30°C. Es regnet stark.“ Sie wünschte uns dennoch einen schönen Aufenthalt in Kuba. Es waren nicht nur Touristen an Bord. Unter den Passagieren befanden sich dreißig junge Kubaner, die nach mehreren Ausbildungsjahren in der DDR die Rückreise in ihr Heimatland angetreten hatten. Einer von ihnen war mein Ehemann Vladimir. Im Gegensatz zu den anderen Landsleuten flog er mit seiner ganzen Familie. Dazu gehörten außer ihm und mir unsere drei kleinen Töchter: Maria, gerade 6 Jahre alt geworden und seit zwei Wochen stolzes Schulkind, Yanays mit drei Jahren und Soraida mit genau 14 Monaten. Ich war zu jener Zeit im siebten Monat schwanger. Man hatte uns gesagt, dass es ein Sohn werden wird. Obwohl noch nicht geboren, hatte er in mir schon eine Reihe Aufregungen verkraften müssen. Denn bevor wir in diesem Flugzeug saßen, gab es sehr viele organisatorische Dinge zu erledigen.
Die meiste Arbeit machte mir das Verpacken unserer gesamten Habe, angefangen vom Kochgeschirr über Kleidung bis hin zum vollständigen Mobiliar unserer Wohnung. Das war nicht nur ein einfacher Umzug, sondern alles musste so sicher verstaut werden, dass es unbeschadet die weite Reise von der DDR übers Meer nach Kuba per Schiff überstand. Dazu kam noch, dass unser Flug nach Havanna auf den 13.09.1990 fiel, aber alle Container schon zwei Wochen vorher für den Versand gepackt und versiegelt sein mussten. Zum Glück war ich noch im Mutterjahr mit Soraida. So hatte ich den ganzen Tag Zeit, sobald sie schlief, zu sortieren, zu organisieren und zu packen. Die Behördengänge erledigte ich dann in den letzten beiden Wochen. Das gab viele Laufereien zu denen ich überall meine kleine Tochter mitnahm, während Maria und Yanays im Kindergarten spielten und mein Mann arbeiten war. So manches Mal hatte mir mein runder Bauch bald die Puste genommen. Aber letztendlich hatten wir doch alles zur rechten Zeit erledigen können.
Der 14-stündige Flug bot mir nun Zeit zu verschnaufen, mich zu erholen, Kräfte zu sammeln und ein wenig nachzudenken.
Noch vor wenigen Monaten hätte ich niemals geglaubt, dass ich bereits im September 1990 zusammen mit meinem Mann und unseren Töchtern für unbestimmte Zeit nach Kuba fliegen würde.
Doch der Fall der Mauer zwischen der DDR und der BRD führte notgedrungen zur Änderung all unserer Pläne.
Was ab Oktober 1989 in der DDR plötzlich begann, wurde zum Orkan, zum tosenden Meer. War wie Dammbruch und Überflutung positiven und negativen Lebensstückgutes von West nach Ost. Drohte plötzlich alles im Osten hinweg zu spülen was bisher das Leben in der DDR und den anderen Ostblockländern ausgemacht hatte. Niemand wusste, was noch an Werten, alten Gesetzen und Gewohnheiten bleiben würde. Für und Wider prallten aufeinander. Heiße Diskussionen. Nicht alles war bei uns schlecht und liquidierungswürdig. Enorm, wie reibungslos die Währungsunion ablief. Einmalig, dass in unserem Land in jener Zeit kein Blut floss. Trotzdem glich alles einer Vergewaltigung. Das einfache Volk taumelte in den stürmischen Wogen dieser Zeit. Sehr viele glaubten nun begänne das Paradies auf Erden. Der „goldene Westen“ gebe auch ihnen Glanz, Reichtum und Freiheit, sie bräuchten nur aus den Vollen zu schöpfen.
Andere versuchten, die sich in unserem Leben bewährten Dinge einer menschenwürdigen Existenz, mit hinüber zu retten in die Flut der neu entstehenden Gesetze und Moralvorstellungen. Ein harter Kampf.
Das Meer stürmte. Auch ich besuchte trotz Schwangerschaft an vielen Abenden Gesprächs- und Diskussionsrunden, die nach Lösungen von vorher nicht gekannten, sich unvermeidlich einschleichenden Problemen suchten. Z. B. was wird aus Kindern, Frauen, Rentnern und den anderen schwachen Mitgliedern der Gesellschaft wenn nur noch Stärke und Profit regieren? Wir waren uns einig: „Frauen zurück an den Herd“ – keinesfalls. Wir waren berufstätig, dadurch unabhängig, selbstbewusst und stark, waren gewohnt zu wirtschaften, zu planen, wollten uns und unsere Kinder in einer Gesellschaft, in der nur der Mann was zählt, nicht an die Wand spielen lassen. Wir entwarfen Gesetze und leiteten sie weiter zur Volkskammer. Wir hatten tatsächlich Hoffnung zu verhindern, dass uns, kritiklos und ohne gefragt zu werden, die Gesetze des Westens übergestülpt werden. Wir wollten verhindern, dass Kinderkrippen, Kindergärten und Jugendclubs geschlossen werden. Wie sollten wir ohne Kindereinrichtungen arbeiten gehen? Warum sollten Jugendliche nicht sinnvoll ihre Freizeit gemeinsam in Jugendclubs verbringen? Wie kann man sie vor Vereinsamung, Planlosigkeit, Gewalt und Rauschgift schützen? Was bedeutet es arbeitslos zu sein? Wie kann man damit weiterleben? Wir diskutierten bis in die Nächte hinein. Es war eine aktive Zeit. Es war noch alles möglich. Wir hatten es noch in der Hand das vereinte Deutschland mitzuformen, seine neuen Gesetze mitzubestimmen. Ich war Feuer und Flamme. Doch spürte ich auch die Uneinigkeit bei Lösungsvorschlägen, Ratlosigkeit und unsere Unwissenheit im Umgang mit dem Neuen.
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