3,99 €
0,00 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €
Hannah Fanning kehrt zurück: die neunzehnjährige Studentin, die zwischen zwei Welten lebt, macht sich unfreiwillig wieder auf die Reise in das magische Naytnal. In Hannah brennt die Erkenntnis: Freiheit hat ihren Preis. An ihrer Seite steht Dawson, der Mensch, der ihr Halt gibt – und zugleich die Verletzlichkeit, die der neue Gegner zu nutzen droht. Als ein Fremder aus ihrer Vergangenheit auftaucht, entzündet sich ein gefährliches Dreieck aus Vertrauen, Verlangen und Verrat. Auf der alten Sternenwacht, einem ausgedienten Schiff, segelt die Crew durch Stürme aus Lügen, Dämonen-Piraten und Inseln voller Prüfungen, aber die elf Meere Naytnals fordern mehr als Mut: sie verlangen Entscheidungen. Da tauchen plötzlich Stimmen aus den Tiefen des Ozeans auf, die Hannah zum Bösen verführen wollen... Düster, romantisch und unbarmherzig: ELEVEN SEAS fragt, was es kostet, eine Anführerin zu sein – und ob Liebe stark genug ist, um das Schicksal zu bändigen. (Band 2 der Fantasy-Reihe THE STORY OF HANNAH FANNING.)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Für meine Freundin.
Deine Träume bereichern mein Leben.
Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Ich bin glücklich, an deiner Seite sein zu dürfen.
Elias
ELEVEN HILLS
(The story of Hannah Fanning – Buch 1)
ELEVEN SEAS
(The story of Hannah Fanning – Buch 2)
ELEVEN TEMPLES
(The story of Hannah Fanning – Buch 3)
ELEVEN NIGHTS
(The story of Hannah Fanning – Buch 4)
Der Flur im Humanities Building riecht nach Teppichreiniger und heißem Staub, so wie immer, wenn die Klimaanlage versucht, gegen Los Angeles anzukämpfen. Es ist dieser typische UCLA-Geruch aus Papier, Schweiß und zu viel Kaffee. Eigentlich müsste ich mich daran festhalten können – an Normalität, an Dingen, die erklärbar sind.
Stattdessen klebt Feuchtigkeit an meiner Haut.
Ich bleibe mitten im Gang stehen, so abrupt, dass eine Studentin hinter mir fast in mich hineinläuft. „Sorry“, murmelt sie, ohne hinzusehen, und schiebt sich an mir vorbei. Ihre Flip-Flops klatschen über den Boden, als wäre nichts.
Ich hebe die Hand und berühre die Wand. Kalte, glatte Farbe. Doch meine Finger kommen feucht zurück, als hätte ich gerade in Nebel gegriffen. Ein feiner Film, kaum sichtbar, aber da. Ich reibe Daumen und Zeigefinger aneinander. Salz. Nicht viel. Nur ein Hauch, der sofort in die Haut zieht.
„Okay“, flüstere ich, und der Ton klingt nicht wie ein Witz.
Der Sternanhänger unter meinem Shirt wird warm. Nicht die angenehme Wärme von Körperkontakt, sondern ein warnendes Glimmen, als hätte jemand in der Ferne ein Streichholz angezündet. Ich schlucke und ziehe das Kettchen ein Stück heraus, nur so weit, dass ich die elf Punkte zwischen meinen Fingern fühlen kann.
Elf, denke ich plötzlich, und die Gedanken schmecken wie Metall.
Hannah, sagt ein vernünftiger Teil in meinem Kopf. Du hast zu wenig geschlafen. Du hast zu viel gelernt. Das ist Kondenswasser. UCLA hat alte Gebäude. Los Angeles ist komisch. Fertig.
Ein anderer Teil von mir – der Teil, der weiß, wie sich eine Welt anfühlt, wenn sie dünn wird – bleibt still und hört zu.
Ein Flüstern läuft über den Flur, so leise, dass es in jedem anderen Moment wie Einbildung wäre. Es klingt wie Wellen, die weit entfernt an Holz schlagen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber rhythmisch. Beharrlich.
Ich sehe mich um. Niemand reagiert. Niemand hält inne. Niemand wirkt, als würde er ein Meer in der Universität hören. Die Stimmen um mich herum sind normal: „Hast du die Lektüre gelesen?“ – „Die Zwischenprüfung ist brutal.“ – „Ich schwöre, der Professor …“
Ich zwinge mich, weiterzugehen. Meine Beine fühlen sich schwer an, als hätte ich zu lange am Strand gestanden. Jede Bewegung reibt an dem Anhänger. Ich stecke ihn wieder unter den Stoff, damit ich nicht wie eine Person aussehe, die mitten im Flur einen Nervenzusammenbruch bekommt.
Als ich die Treppe runter gehe, sehe ich es.
Salzspuren. Feine weiße Linien auf den Stufen, als hätte jemand mit feuchtem Schuhwerk Sand vom Meer heraufgetragen. Aber es ist kein Sand. Es ist kristalliner. Glitzernder. Und ich weiß, ohne es erklären zu können, dass es nicht von hier ist. Es ist nicht Santa Monica. Es ist nicht Malibu. Es riecht nicht nach sonnigem Urlaub.
Es riecht nach Tang und kaltem Eisen.
Mein Magen zieht sich zusammen.
Ich bleibe am Treppenabsatz stehen und blicke nach unten, als würde ich auf eine Welle warten, die gleich um die Ecke schwappt. Es ist lächerlich. Es ist die UCLA, verdammt. Es ist Beton, Neonlicht, Studenten, die nicht wissen, wie man leise isst.
Und doch.
Der Anhänger wird noch einmal warm, fast heiß. Ich fahre zusammen, als hätte mich jemand mit einem Finger gekniffen. Ich greife wieder danach, und in dem Moment sehe ich kurz – wirklich nur kurz – ein Bild, das nicht hierher gehört: schwarze Säulen, fallende Sterne wie Asche, das Licht der Sternenseelen-Schale.
Ich blinzle. Weg.
„Hannah?“
Die Stimme kommt von hinten. Ich drehe mich um, und da ist Dawson.
Er trägt einen Rucksack, wie immer, eine dunkelgraue Jacke, die ihn auch an warmen Tagen begleitet, weil er immer so tut, als würde Kälte ihn nicht stören. Sein Haar ist etwas länger geworden, und er hat diese Art, seinen Blick auf Dinge zu richten, als würde er durch sie hindurch etwas anderes sehen.
Seit Naytnal ist dieser Blick anders. Früher war er still, weil er musste. Jetzt ist er still, weil er wählt. Und manchmal, wenn er spricht, wirkt es immer noch, als müsse er sich daran erinnern, dass er es kann.
„Du bist… blass“, sagt er, leiser als die Umgebung es erfordert.
„Ich bin nicht blass“, antworte ich reflexhaft. Dann höre ich mich selbst, und es klingt wie die Art von Lüge, die das Moor liebt. Ich seufze. „Okay, vielleicht bin ich blass.“
Dawson tritt näher, seine Augen fixieren nicht mein Gesicht, sondern meine Hände. „Was ist los?“
Ich zögere. Es ist absurd, mitten im Treppenhaus der UCLA über Salzmagie zu sprechen. Und doch ist es noch absurder, es nicht zu tun.
Ich drehe mich halb zur Treppe, zeige auf die Spur. „Siehst du das?“
Dawson beugt sich vor. Seine Finger streifen über das Weiß, und ich sehe, wie sich seine Pupillen minimal verengen. Er nimmt etwas zwischen Finger und Daumen, reibt es, schmeckt es nicht (Gott sei Dank), aber er riecht daran. Sein Gesicht bleibt ruhig, doch seine Schulter spannt sich an.
„Salz“, sagt er.
„Ja“, flüstere ich.
Er hebt den Blick zu mir. „Nicht von hier.“
Ich spüre, wie mein Brustkorb sich ein Stück entspannt, nur weil er es sagt. Weil ich nicht allein bin in diesem „Das ist falsch“.
„Im Flur war es feucht“, sage ich. „Und… ich hab’s gehört.“
„Was?“
„Wellen“, sage ich leise.
Dawson schließt die Augen einen Moment, als würde er prüfen, ob er etwas in sich selbst findet. Dann öffnet er sie wieder. „Ich auch“, sagt er.
Mir wird kalt. „Was meinst du mit ‚auch‘?“
Er schaut sich um, ob jemand zuhört. Eine Gruppe Studenten geht vorbei, laut, lachend. Keiner achtet auf uns. Dawson senkt die Stimme.
„Nachts“, sagt er. „Ich liege im Bett, und ich höre…“ Er schluckt, als würde er das Wort nicht mögen. „…ein Flüstern. Wie Wasser. Wie… als würde jemand unter meiner Tür entlang sprechen.“
Mein Herz klopft härter. „Seit wann?“
„Drei Nächte“, sagt er. „Vielleicht vier. Ich dachte erst, es ist… die Heizung. Oder meine Nachbarn.“
„Und jetzt?“
Sein Blick wird ernst. „Jetzt denke ich, es ist Naytnal.“
Das Wort hängt zwischen uns wie ein Tropfen, der nicht fallen will.
Ich nehme einen tiefen Atemzug. In meinem Kopf flackern Bilder auf, ungebeten: die schwarzen Säulen, die Entität, ein Name, den ich noch nicht kenne, aber dessen Geschmack ich vielleicht schon im Mund trage – Salz und Angst.
„Wir müssen in die Bibliothek“, sage ich plötzlich.
Dawson blinzelt. „Warum?“
„Weil…“, ich suche nach einer rationalen Brücke, „…wenn ich jetzt in mein Seminar gehe und so tue, als wäre das nichts, drehe ich durch. Und in der Bibliothek sind wir…“ Ich zucke mit den Schultern. „…wenigstens zwischen Büchern. Das fühlt sich sicher an.“
Dawson nickt. „Okay.“
Wir gehen nebeneinander über den Campus, und alles sieht aus wie immer: Palmen, Studenten, Skateboards, Sonne. Aber ich fühle mich, als würde ich durch eine Kulisse laufen. Als wäre das echte Gewicht unter der Oberfläche.
In der Bibliothek ist es kühler. Ruhiger. Das Licht ist gleichmäßig, die Geräusche gedämpft. Ich will glauben, dass das Meer hier keinen Zugang hat. Trotzdem rieche ich es sofort, als wir eintreten: ein kurzer Hauch von Tang, so flüchtig, dass ich fast glaube, ich hätte es mir eingebildet – und doch spüre ich, wie Dawson neben mir kurz innehält.
„Du riechst es auch“, sage ich, ohne Fragezeichen.
Dawson nickt. „Ja.“
Wir setzen uns an einen Tisch im hinteren Bereich, dort wo die Fenster klein sind und die Welt draußen weiter weg. Ich lege meine Tasche ab, als wäre sie schwerer als sonst. Dawson setzt sich mir gegenüber, zieht sein Notizbuch heraus, als wolle er Struktur herstellen.
„Okay“, sagt er leise. „Was machen wir?“
Ich starre auf die Tischplatte. Holzmaserung. Kratzer. Ein eingetrockneter Kaffeefleck. So banal. So beruhigend. Und doch brennt der Anhänger auf meiner Haut.
„Wir überprüfen den Keller“, sage ich schließlich.
Dawson nickt sofort, als hätte er dieselbe Entscheidung schon längst getroffen. „Heute?“
„Jetzt“, sage ich. Meine Stimme klingt fester, als ich mich fühle. „Bevor es schlimmer wird. Bevor… es sich ausbreitet.“
Dawson legt die Hand auf den Tisch. „Hannah“, sagt er, und sein Ton ist so ruhig, dass er mich zwingt, nicht in Panik zu kippen. „Wenn wir runtergehen, könnte…“
„Ich weiß“, flüstere ich. „Es könnte wieder dünn werden.“
Er nickt. „Und wir haben jetzt… ein Leben hier. Wenn wir...“
„Wenn wir wieder gezogen werden“, beende ich. Mein Magen zieht sich zusammen. „Ja.“
Wir sind still. In dieser Stille höre ich, ganz leise, wieder das Wellenflüstern. Nicht laut. Aber da. Es ist wie ein Rhythmus unter allem, wie ein zweites Herz in der Bibliothek.
„Es ist schon hier“, sage ich leise. „Es kommt nicht erst, wenn wir in den Keller gehen.“
Dawson atmet aus. „Okay“, sagt er wieder. Dieses Wort ist sein Anker. Unser Anker. „Dann gehen wir.“
Wir packen unsere Sachen. Draußen ist die Luft warm, und es fühlt sich falsch an, dass die Sonne scheint, während irgendwo zwischen Beton und Neon ein Meer anklopft. Wir gehen schneller, als wir müssten. Nicht rennend – ich will keine Aufmerksamkeit – aber zielgerichtet.
Der Weg zum alten Gebäudeteil ist vertraut. Zu vertraut. Ich erinnere mich an den ersten Schritt durch den Spiegel, an das Gefühl von kaltem Wasser aus Schatten. Ich erinnere mich an Dawsons Hand, an sein Flüstern, an das Codewort. Und ich erinnere mich an die naive Version von mir, die dachte, es wäre ein einmaliges Abenteuer.
Der Eingang zum Kellerbereich ist abgeschlossen, wie immer. Aber Dawson hat den Schlüssel – oder besser gesagt: er hat die Fähigkeit, so zu tun, als hätte er einen. Früher hätte er Magie benutzt. Jetzt benutzt er… Geduld und Wissen. Er kennt die Hausmeisterroutine. Er kennt die Zeiten, in denen niemand da ist. Und er hat sich, seit Naytnal, angeeignet, Dinge zu öffnen, ohne sie zu brechen.
„Du bist erschreckend gut darin“, murmle ich, als er das Schloss knackt.
Dawson grinst kurz. „Ich hab… viel Zeit gehabt. Früher.“
Ich weiß, was er meint: die Zeit als gebundener Wächter, als jemand, der in menschlicher Hülle in menschlichen Fluren stand und wartete. Das Gewicht davon hängt kurz zwischen uns. Dann öffnet sich die Tür.
Kühle Luft schlägt uns entgegen. Der Geruch verändert sich sofort: Staub, Beton, Metall. Und darunter… Salz.
Der Kellerflur ist leer. Unsere Schritte hallen. Das Neonlicht flackert leicht, als hätte es selbst Angst. Ich schlucke und spüre, wie mein Anhänger wieder warm wird.
„Hörst du es?“, flüstere ich.
Dawson nickt. „Ja.“
Das Wellenflüstern ist hier deutlicher. Es klingt, als würde Wasser hinter den Wänden entlanglaufen. Aber ich weiß: In diesen Wänden ist kein Wasser. Nicht normalerweise.
Wir erreichen den Raum mit dem Schrank. Mein Herz hämmert so laut, dass ich fast nicht höre, wie Dawson atmet. Ich öffne die Tür, und der Geruch trifft mich wie eine Hand: Tang, kaltes Holz, etwas Altes.
Der Schrank steht da.
Der Spiegel ist schwarz.
Ich bleibe stehen, als hätte mich jemand an den Boden genagelt.
„Er war nicht…“, beginne ich und schlucke. „…so, oder?“
Dawson tritt an meine Seite. Seine Hand streift meine. „Nein“, sagt er leise. „Er war… ruhig.“
Jetzt ist er es nicht.
Die Oberfläche des Spiegels ist nicht einfach schwarz. Sie bewegt sich. Wie Öl. Wie eine Wasseroberfläche in völliger Dunkelheit. Und an den unteren Kanten – da, wo Rahmen auf Beton trifft – glänzt etwas.
Ein Tropfen. Dann ein zweiter. Wasser.
Es läuft aus dem Spiegel, langsam, als würde die andere Seite sich nicht mehr an Regeln halten. Es ist nicht klar. Es hat einen Hauch von Grau, wie Wasser, das durch Asche gefiltert wurde. Es sammelt sich in einer kleinen Pfütze, und ich sehe darin kurz ein Sternlicht flackern, als wäre es ein Spiegel von etwas, das nicht hier ist.
Mein Atem stockt.
„Naytnal…“, flüstere ich.
Dawson stellt sich leicht vor mich, nicht als Wächter, sondern als Instinkt. „Nicht anfassen“, sagt er.
„Ich muss es verstehen“, flüstere ich, und ich hasse, dass es wahr ist. „Wenn es hier durchkommt, dann...“
„Dann kommt es zu uns“, sagt Dawson. Seine Stimme ist rau, aber fest. „Und dann ist es nicht mehr nur… unser Geheimnis.“
Ein weiterer Tropfen fällt. Dann noch einer. Es ist, als würde der Spiegel schwitzen.
Ich taste nach meinem Anhänger und ziehe ihn hervor. Die elf Punkte fühlen sich heiß an. Er reagiert auf den Spiegel wie auf einen Magneten. Meine Hand zittert.
„Hannah“, sagt Dawson leise. „Wir können auch… gehen. Wir können Hilfe holen. Lys...“
„Lys ist nicht hier“, sage ich scharf, dann bereue ich den Ton sofort. Ich atme aus. „Sorry.“
Dawson schüttelt den Kopf. „Ist okay.“
Ich schaue wieder auf den Spiegel. Die Oberfläche pulsiert minimal. Nicht wie ein Herz. Eher wie eine geöffnete Kehle.
Und dann höre ich es. Nicht mehr nur Wellen. Ein Wort. Kein englisches Wort. Kein deutsches. Ein Klang, der sich in meinen Kopf legt wie ein nasser Finger auf Papier.
Hannah.
Ich friere ein.
Dawson spürt es. „Was?“, fragt er sofort.
„Es…“, flüstere ich. „Es sagt meinen Namen.“
Dawson wird blass. „Wer?“
Ich schlucke. „Ich weiß nicht.“
Der Spiegel bewegt sich stärker, als würde er auf meine Aufmerksamkeit reagieren. Wasser läuft schneller. Die Pfütze wächst. Es riecht intensiver nach Tang, und darunter ist ein Geruch, den ich aus Naytnal kenne: dieses kalte Eisen, das nach alten Bündnissen schmeckt.
„Das ist nicht Rom“, flüstert Dawson plötzlich.
Ich starre ihn an. „Woher weißt du das?“
Er legt die Hand an seine Kehle, als würde er die Resonanz seiner eigenen Stimme spüren. „Weil…“, er atmet schwer, „…Rom klang anders in meinem Kopf. Das hier… klingt wie…“ Er sucht nach Worten. „Wie offene See. Wie etwas, das nicht bittet. Das zieht.“
Mir wird schlecht.
Ein dünner Strahl Wasser läuft jetzt aus dem Rahmen, als hätte jemand auf der anderen Seite eine Kante geöffnet. Es tropft nicht mehr. Es fließt.
„Wir müssen es schließen“, sage ich panisch.
„Wie?“, fragt Dawson, und ich höre, dass er ebenfalls keine Antwort hat.
Ich blicke auf die Pfütze. In ihr spiegelt sich nicht die Kellerdecke. Sie spiegelt… etwas anderes. Für einen Moment sehe ich dunkles Wasser, das sich bewegt. Und darüber einen Himmel, aus dem Sterne fallen wie Asche.
Mein Magen krampft.
„Nein“, flüstere ich. „Nicht schon wieder.“ Ich lehne mich reflexartig an Dawson, und er nimmt mich in den Arm.
Der Spiegel gibt ein Geräusch von sich, ein tiefes, nasses Seufzen. Dann kommt die Stimme wieder, klarer, näher: „Komm.“
Dawson packt meine Hand. „Nein“, sagt er laut, an den Spiegel gerichtet, als könnte ein Wort in einem Keller ein Meer aufhalten. „Nicht so.“
Der Anhänger in meiner Hand wird glühend heiß. Ich zucke, will ihn fallen lassen, aber ich halte ihn fest. Es ist, als würde er sagen: Du bist der Anker. Du bist der Punkt, an dem es ansetzt.
Mein Kopf rast. Wenn das Meer Naytnals jetzt durch diesen Spiegel drückt, dann ist das kein zufälliger Riss. Es ist ein Ruf. Ein Ziehen. Vielleicht etwas, das die Hügel nicht mehr halten können und das sich jetzt in den Meeren sammelt. Vielleicht die Entität, die im Hort zwar gebannt ist, aber… fähig, Wellen zu schicken.
„Hannah“, flüstert Dawson, und seine Stimme holt mich zurück. „Atme.“
Ich atme ein. Der Atem ist kalt und salzig. Ich atme aus. Und ich zwinge mich, nicht an Kontrolle zu denken, nicht an „ich befehle“. Sondern an Bündnis. An Halten. An das, was ich am elften Hügel gelernt habe: Du kannst nicht alles schließen, indem du es zu sperrst. Manchmal musst du es neu weben.
Ich hebe den Anhänger. Halte ihn vor den Spiegel.
„Wenn du mich rufst“, sage ich leise, und ich weiß nicht, ob ich zur Stimme spreche oder zu mir selbst, „dann sag, warum.“
Die Oberfläche des Spiegels bebt. Wasser spritzt leicht, als hätte ich eine Grenze berührt. Und dann sehe ich im Schwarz etwas aufleuchten: elf Punkte, wie mein Anhänger – aber verzerrt, als würde ein anderes System versuchen, mein Symbol zu kopieren.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken.
„Es kennt dich“, flüstert Dawson.
„Oder es will mich“, antworte ich.
Das Wort „will“ schmeckt nach Besitz.
Die Stimme kommt wieder, diesmal wie ein Flüstern direkt an meinem Ohr, obwohl niemand hinter mir steht: „Krone. Meer. Schwelle.“
Ich schnappe nach Luft. Wörter. Hinweise. Es ist kein reines Ziehen. Es spricht in Fragmenten, wie Naytnal es tut, wenn es etwas nicht direkt sagen kann, ohne es zu füttern.
„Meer“, flüstere ich.
Dawson nickt, langsam. „Es ist… anders als beim ersten Mal.“
„Ja“, sage ich. „Das hier sind nicht Hügel. Das ist… etwas, das in Bewegung ist.“
Der Wasserfluss verstärkt sich plötzlich, als hätte der Spiegel genug von unserem Zögern. Ein dünner Strom läuft über den Beton, in Richtung Flur. Ich sehe ihn, und mein Kopf macht sofort ein Bild: Salzwasser in UCLA-Fluren. Studenten, die ausrutschen. Nachrichtenberichte. Panik. Und dahinter – Naytnal, das sich nicht mehr versteckt.
„Scheiße“, flüstere ich.
„Hannah“, sagt Dawson schnell. „Wenn es rausläuft...“
„Ich weiß“, sage ich.
Ich knie mich hin, ohne nachzudenken, und lege die Hand knapp über die Pfütze. Nicht hinein. Nur darüber. Ich spüre die Kälte, die aus dem Wasser aufsteigt. Es ist nicht LA-kalt. Es ist Naytnal-kalt. Es trägt einen Hauch von Dunkelheit, aber auch… Magie.
„Was machst du?“, fragt Dawson, alarmiert.
„Ich…“, meine Stimme zittert. „Ich versuche, es zu halten.“
„Nicht mit Kontrolle“, sagt er sofort, als hätte er Angst, dass ich in alte Muster falle.
Ich nicke.
„Nicht mit Kontrolle.“
Ich schließe die Augen und summe einen Ton, ganz leise, so leise, dass er eher in meinem Brustkorb vibriert als in der Luft. Ein Ton, der nicht „Befehl“ ist, sondern „Bindung“. Ein Ton, der sagt: Du gehst nicht weiter, ohne dass wir uns sehen. Ohne dass wir es gemeinsam tragen.
Das Wasser reagiert.
Nicht dramatisch. Es wird nicht zu Eis. Es verdampft nicht. Aber der Fluss verlangsamt sich. Als würde jemand auf der anderen Seite kurz innehalten, überrascht, dass ich nicht schreie, nicht befehle, nicht fliehe.
Dawson kniet sich neben mich, vorsichtig. „Kann ich...“, beginnt er.
„Ja“, flüstere ich. „Leg deine Hand… hier. Nicht ins Wasser. Nur… in die Nähe.“
Er tut es. Seine Hand ist warm, und ich spüre, wie seine Nähe den Ton stabilisiert. Nicht Magie im klassischen Sinn – er hat sie ja großteils verloren – sondern Präsenz. Menschlichkeit. Ein Anker, der nicht glänzt, aber hält.
„Ich höre es“, flüstert Dawson plötzlich. „Es… spricht…“
„Was sagt es?“, frage ich, ohne den Ton zu verlieren.
Dawson schluckt.
„Es sagt… es braucht…“ Er blinzelt, als müsste er die Worte übersetzen. „…einen Schlüssel. Eine Schale. Und…“ Er schaut mich an, erschrocken. „…dich.“
Mein Magen krampft. „Natürlich“, flüstere ich. „Natürlich braucht es mich.“
Die Stimme im Spiegel wird lauter. Nicht schreiend. Einfach näher. Als würde sie ihre Geduld verlieren.
„Die Meere sterben.“
„Die Ketten wachsen.“
„Komm.“
Ich öffne die Augen. Der Spiegel ist noch immer schwarz, noch immer fließend, aber die Oberfläche zeigt jetzt etwas klarer: eine weite, dunkle Wasserfläche. Und darüber keine Sonne – nur einen Himmel aus nassem Stahl.
„Dawson“, flüstere ich. „Wir können es nicht hier halten. Nicht lange.“
Er nickt, langsam. Seine Gesichtsmuskeln sind angespannt. „Ich weiß.“
„Und wenn wir gehen…“, beginne ich.
„Dann folgt es vielleicht“, sagt er.
Ich schlucke. Das ist die Frage: Werden wir gezogen, oder ziehen wir es an? Ist der Spiegel ein Ruf nach uns oder ein Weg für es zu uns?
Mein Anhänger glüht noch immer, aber nicht mehr so heiß. Eher wie ein Herz, das schneller schlägt.
„Was ist mit dem Bündnis?“, flüstere ich. „Was ist mit Naytnal? Wir haben doch…“
„Wir haben es gebannt“, sagt Dawson leise. „Nicht erlöst.“
Der Satz trifft mich wie ein sanfter Schlag, weil er so wahr ist. Wir haben nie behauptet, es sei vorbei. Wir haben nur behauptet, wir würden wach bleiben.
Und jetzt ist Wachsein dran.
Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen, weil ich plötzlich das Gewicht der Doppelwelt so stark fühle: UCLA, Prüfungen, ein normales Leben, das ich mir gerade wieder aufgebaut habe. Und gleichzeitig Naytnal, Hügelräte, Hort, Meere, die nach Hilfe rufen. Es ist unfair, dass beides „mein“ sein soll.
„Ich will nicht wieder weg“, flüstere ich, ehrlich, klein.
Dawson schaut mich an, und seine Augen werden weich. „Ich auch nicht“, sagt er. Dann atmet er aus. „Aber…“
„Aber wir können auch nicht so tun, als wäre nichts“, ergänze ich.
Er nickt.
Das Wasser fließt wieder etwas stärker. Der Spiegel pulsiert. Als würde die andere Seite merken, dass unser Ton nur eine Pause war.
Ich stehe langsam auf. Dawson folgt mir. Wir sehen beide auf die Pfütze, die jetzt wie eine Grenze aussieht. Das Wasser hat die Oberfläche des Betons verändert – dunkler, glänzender. Es sieht aus, als wäre ein Stück Naytnal in den Keller gefallen.
„Wenn wir gehen“, sage ich, und meine Stimme ist fester, als ich mich fühle, „dann gehen wir nicht als Opfer. Nicht als Instrumente.“
Dawson nickt. „Als Entscheidung“, sagt er.
„Als Bündnis“, flüstere ich.
Ich schaue in den Spiegel. Das Schwarz schaut zurück. Ich spüre die dünne Stelle zwischen den Welten. Und ich spüre, dass Naytnal nicht bittet. Es zieht. Aber ich kann trotzdem wählen, wie ich antworte.
„Nicht heute“, sage ich leise, an die Stimme gerichtet, die mich ruft. „Nicht unvorbereitet.“
Das Wasser hält kurz inne, als hätte es verstanden oder als wäre es wütend. Dann fließt es weiter, ein bisschen, als würde es sagen: Du hast nicht so viel Zeit, wie du glaubst.
„Wir brauchen… etwas“, murmle ich. „Einen Plan. Eine Absicherung. Vielleicht...“
„Vielleicht Lys erreichen“, sagt Dawson sofort.
„Wie?“, frage ich. „Wir sind hier. Sie ist dort.“
Dawson zieht die Stirn kraus. „Der Anhänger“, sagt er langsam. „Und dein Lied. Vielleicht… ist das nicht nur Symbol. Vielleicht ist es… Funk.“
Ich atme ein. Der Gedanke ist verrückt. Und gleichzeitig: In Naytnal waren Namen Frequenzen. Stimmen Realitäten. Warum sollte der Anhänger nicht ein Resonanzpunkt sein?
Ich nehme den Sternanhänger in beide Hände. Die elf Punkte drücken in meine Haut. Ich schließe die Augen und summe denselben Ton wie vorhin, aber diesmal in Richtung des Anhängers, als würde ich ihn stimmen wie ein Instrument.
„Lys“, flüstere ich, und ich spreche den Namen nicht wie einen Ruf ins Leere, sondern wie ein Setzen eines Fadens. „Lys. Wenn du mich hörst…“
Der Anhänger wird warm. Nicht brennend. Warm wie Antwort.
Für einen Sekundenbruchteil sehe ich vor meinem inneren Auge Lys’ Gesicht – nicht klar, eher wie ein Schattenbild. Und höre eine Stimme, ganz leise: „Hannah.“
Ich reiße die Augen auf. Dawson starrt mich an. „Hast du...?“
Ich nicke, atemlos. „Ja.“
Der Spiegel pulsiert stärker, als wäre er eifersüchtig auf den anderen Kontakt.
„Sag ihr“, flüstert Dawson schnell. „Sag ihr, es kommt durch.“
Ich atme ein, halte den Anhänger fest, summe den Ton, und spreche so klar ich kann, obwohl meine Kehle trocken ist.
„Der Spiegel ist offen. Wasser kommt. Es ruft nach den Meeren. Es braucht die Schale… und mich.“
Ein kurzes Flackern in meinem Kopf, wie ein Blitz ohne Licht. Dann Lys’ Stimme, nur ein Hauch, wie ein Wind über Papier.
„Haltet. Nicht folgen, bevor ihr wisst, wer ruft. Schließt den Keller. Salz ist ein Tor.“
„Wie schließen?“, flüstere ich panisch.
Die Antwort kommt wie ein Satz, der halb verschluckt wird.
„Bindet die Schwelle mit einem Namen. Nicht mit einem Befehl. Dann ist es weg.“
Ich stehe da, atme schwer.
Dawson schaut mich an, als würde er versuchen, nicht in Panik zu kippen.
„Ein Name“, murmelt er. „Nicht Befehl. Nicht Kontrolle.“
Ich nicke. „Ein Name, der… Grenze bedeutet.“
Mein Kopf rast. Naytnal-Namen. Schwellenklänge. Der Drachenwächter. Der Chorgrund. Die Art, wie ein Ton eine Realität setzen kann.
„Eleven Hills“, flüstere ich plötzlich.
Dawson blinzelt. „Was?“
„Das Codewort“, sage ich schnell. „Es war nie nur Code. Es war… eine Benennung. Ein Rahmen. Wenn wir es damals benutzt haben, hat es… uns gekoppelt. Vielleicht können wir jetzt… entkoppeln.“
Dawson nickt langsam. „Dann… sag es. Sing es.“
Ich atme ein. Ich stelle mich direkt vor den Spiegel, weit genug, dass ich nicht nass werde, nah genug, dass ich den Druck spüre. Meine Hände zittern. Der Anhänger liegt schwer zwischen meinen Fingern.
Ich summe. Dann spreche ich, nicht laut, aber klar, als würde ich eine Linie in die Luft ziehen.
„Eleven Hills.“
Der Spiegel bebt.
Das Wasser stockt kurz.
Ich wiederhole es, diesmal mit mehr Ton, mehr Struktur, wie ein kleines Lied.
„Eleven Hills.“
Und dann füge ich hinzu, fast instinktiv, weil ich spüre, dass es fehlt: „Nicht hier.“
Der Spiegel macht ein Geräusch, als würde jemand an einer Tür rütteln. Wasser spritzt. Für einen Moment denke ich, ich habe es schlimmer gemacht.
Dann – ganz langsam – zieht sich die Oberfläche zurück, als würde sie sich erinnern, dass sie Grenzen hat. Nicht weil ich sie befohlen habe. Weil ich sie benannt habe.
Das Wasser hört nicht sofort auf, aber es wird weniger. Der Strom wird zu Tropfen. Die Tropfen werden zu einzelnen, zögerlichen Punkten.
Dawson atmet hörbar aus. „Es funktioniert“, flüstert er.
Ich halte den Ton, bis meine Kehle brennt. Bis der Spiegel wieder schwarz und glatt ist, nicht beweglich, nur dunkel. Bis das Wasser auf dem Boden still bleibt, nicht mehr nachdrängt.
Als ich endlich aufhöre, fühlt sich mein Körper an, als hätte ich einen Marathon gesungen. Meine Beine sind weich.
Dawson fängt mich am Ellbogen, als ich kurz schwanke. „Hey“, sagt er leise. „Atmen.“
Ich atme. Der Keller riecht immer noch nach Tang, aber weniger. Der Spiegel ist still. Doch die Pfütze ist da. Ein Stück Meer auf Beton. Ein Beweis, dass das nicht nur Einbildung war.
„Es ist nicht vorbei“, flüstere ich.
Dawson schüttelt den Kopf. „Nein.“
Ich starre auf das Wasser. Es spiegelt jetzt die Neonlampe – ganz normal. Aber wenn ich genau hinschaue, sehe ich darunter ein kurzes Flackern, als würde eine andere Oberfläche durchscheinen.
„Die Meere“, flüstere ich.
Dawson nickt. „Sie rufen.“
„Oder etwas ruft durch sie“, sage ich.
Er schaut mich an, und ich sehe, dass er denselben Gedanken hat: Eine neue Macht. Eine neue Art von Entität, maritim, hierarchisch, piratisch. Etwas, das liebt, wenn Menschen in Reihen stehen und gehorchen.
Ich schließe die Augen kurz und sehe wieder fallende Sterne.
Dann sehe ich eine schwarze See.
„Wir müssen uns vorbereiten“, sage ich.
Dawson nickt. „Ja.“
„Und wir müssen… normal bleiben“, füge ich hinzu, bitter. „Zumindest nach außen.“
Er lächelt schief. „Du bist schlecht im Normal-Acting.“
„Du auch“, murmele ich.
Er lacht leise, dann wird er wieder ernst. „Hannah“, sagt er, und seine Stimme ist warm, aber fest. „Wenn es wieder passiert… wenn der Spiegel uns zieht…“
„Dann gehen wir zusammen“, flüstere ich.
„Und wir sagen es“, ergänzt er. „Wenn wir Angst haben. Wenn wir kippen.“
Ich nicke. „Bündnis.“
„Bündnis“, sagt er.
Wir verlassen den Keller, schließen die Tür, als könnten wir damit eine Welt aussperren. Ich weiß, dass es nicht so funktioniert. Trotzdem ist es ein Ritual, das mir hilft.
Oben auf dem Campus ist die Sonne noch da. Studierende laufen an uns vorbei. Jemand trägt ein Surfbrett, lacht. Das Meer ist nur ein Freizeitort für diese Menschen.
Für mich ist das Meer plötzlich ein Ruf.
Als wir über den Beton gehen, spüre ich den Anhänger wieder kühl werden. Nicht ruhig. Nur… wartend. Wie ein Stern, der weiß, dass Nacht kommt.
„Dawson“, sage ich leise, während wir zwischen Palmen laufen.
„Ja?“
„Wenn wir zurückgehen“, flüstere ich, „dann ist es nicht nur Naytnal, das uns verändert. Es wird auch… hier verändern.“
Er nickt langsam. „Ich weiß.“
Ich schaue in den blauen Himmel, der so unschuldig aussieht. Und ich denke: Naytnal greift nicht mehr nur nach uns in Träumen. Es drückt Wasser durch einen Spiegel in der UCLA. Das ist nicht romantisch. Nicht abenteuerlich. Das ist… eine Invasion in Zeitlupe.
Und trotzdem, während Dawson neben mir geht und seine Hand meine kurz streift, spüre ich etwas, das mich hält: nicht Kontrolle, sondern Nähe. Nicht Herrschaft, sondern Mut.
Der Wind riecht für einen Sekundenbruchteil nach Tang. Dann wieder nach Sonne.
Aber ich weiß, was darunter liegt.
In den nächsten Tagen tue ich alles, was man tut, wenn man versucht, eine drohende Katastrophe mit Routine zu beschwichtigen.
Ich gehe in Vorlesungen. Ich schreibe Notizen. Ich lache über etwas, das eine Freundin sagt, und tue so, als wäre mein Lachen nicht an einem Faden befestigt. Ich stehe in der Mensa und starre auf eine Salatschüssel, während in meinem Kopf Wellen gegen Holz schlagen. Ich sitze nachts am Fenster und halte den Sternanhänger fest, bis meine Finger weh tun, als könnte Schmerz ein Beweis sein, dass ich hier bin.
Doch die Anomalien verschwinden nicht. Sie werden dreister.
Am zweiten Tag finde ich Salz in meinem Bücherregal. Feine Kristalle auf der Kante eines Lehrbuchs, das ich seit Wochen nicht angefasst habe. Am dritten Tag ist die Luft in einem Seminarraum so feucht, dass die Kreide an der Tafel verschmiert wie auf nassem Stein. Eine Dozentin wischt genervt über ihre Brille und sagt irgendwas von „schlechter Klimaanlage“. Niemand widerspricht.
Am vierten Tag riecht die Bibliothek so stark nach Tang, dass ich beinahe würgen muss.
Und Dawson… Dawson hört nachts nicht mehr nur Wellen. Er hört Sätze.
Er schreibt sie mir morgens auf einen Zettel, weil er nicht will, dass er sie laut sagt, als könnte ein Name dadurch fester werden.
KOMM. SCHWELLE. SALZ. KRONE.
Ich falte den Zettel so klein, dass er in meiner Faust verschwindet.
„Das ist nicht… zufällig“, murmle ich, und meine Stimme klingt in meinem Zimmer zu dünn.
Dawson sitzt auf meinem Bett, die Ellbogen auf den Knien, die Hände ineinander verschränkt. Seine Runen sind blass, kaum sichtbar. Aber ich sehe, wie sich ein Muskel in seinem Kiefer bewegt, als würde er gegen ein Echo ankämpfen.
„Nein“, sagt er leise. „Es ist ein Zug.“
„Und wir haben den Spiegel geschlossen“, sage ich, obwohl ich weiß, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Wir haben ihn gebunden. Wir haben ihn beruhigt. Aber er ist nicht tot.
Dawson hebt den Blick.
„Er ist still“, sagt er. „Aber… ich fühle ihn.“
Ich schlucke. „Wie?“
Er zögert. Dann legt er eine Hand auf seine Brust, genau dort, wo früher das Blutband brannte. „Wie eine Narbe“, sagt er. „Man sieht sie nicht. Aber wenn das Wetter kippt, spürt man sie.“
Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Ich spüre meinen eigenen Anhänger unter dem Shirt wie eine zweite Haut. Warm, wenn es will. Kalt, wenn es lauert.
„Vielleicht sollten wir nicht mehr runter in den Keller“, sage ich, und ich hasse, wie sehr ich diese Entscheidung als Flucht empfinde.
Dawson nickt langsam. „Ja.“
Wir sagen das am Nachmittag. Wir sagen es abends noch einmal, als wir uns in der Bibliothek gegenüber sitzen und versuchen, zu lernen. Wir sagen es wie ein Mantra: Nicht runter. Nicht füttern. Nicht provozieren.
In der Nacht darauf werde ich von einem Geräusch geweckt, das nicht in mein Zimmer gehört.
Tropfen.
Nicht die Tropfen eines undichten Rohres. Diese Tropfen haben Rhythmus. Als würden sie zählen.
Ich setze mich auf, atme einmal scharf ein, und der Geruch trifft mich sofort: Tang. Salzig. Kalt.
Mein Sternanhänger brennt.
„Dawson“, flüstere ich, bevor ich überhaupt nachdenken kann, und greife nach meinem Handy. Meine Finger sind klamm. Ich tippe seine Nummer.
Es klingelt nicht einmal, da höre ich seine Stimme, heiser, wach, als wäre er schon lange wach.
„Hannah“, sagt er. Kein Hallo. Nur mein Name.
„Du hörst es auch“, flüstere ich.
„Ja“, sagt er. Und dann, als würde er selbst erschrecken, dass er das nächste Wort ausspricht: „Es ist… hier.“
„Wo?“
Ein kurzer Atemzug.
„Im Flur“, sagt er. „Vor meiner Tür. Es…“ Er schluckt. „…schabt.“
Mein Herz hämmert so laut, dass ich fast nicht höre, was er sagt. Ich schwinge die Beine aus dem Bett, ignoriere, dass ich barfuß bin. Mein Zimmer ist im Studentenwohnheim, nicht weit von seinem. Wir wohnen nicht zusammen, aber nahe genug, dass Nähe möglich ist, ohne sie zu erzwingen.
„Bleib drin“, sage ich, obwohl ich weiß, dass er das nicht tun wird.
„Hannah, nein“, sagt er sofort. „Nicht allein.“
„Ich komme zu dir“, antworte ich. Ohne, dass er die Chance hätte, ein weiteres Widerwort zu geben, lege ich das Handy zur Seite.
Ich ziehe mir im Dunkeln eine Jacke über, schnappe den Anhänger, als müsste ich ihn kontrollieren, obwohl er mich längst kontrolliert. Im Flur ist es still, aber die Luft ist… anders. Feucht. Ein Hauch von kalter See in einem Gebäude, das nach Teppich riechen sollte.
Meine nackten Füße machen leise Geräusche auf dem Boden. Der Flurlichtsensor springt an und taucht alles in dieses fahlgelbe Licht, das jeden Schatten älter macht.
Und da sehe ich es.
Eine Spur aus Wasser.
Nicht viel. Nur ein dünner Film, der aus einer Ecke kommt, als hätte jemand einen Eimer verschüttet. Aber es glänzt. Und in diesem Glanz liegt etwas Unmögliches: In der Wasseroberfläche spiegelt sich nicht der Flur.
Für einen Herzschlag sehe ich eine andere Decke. Dunkel. Niedrig. Und… Himmel dahinter, wie nasses Eisen.
Ich bleibe stehen, atme nicht.
„Hannah?“, höre ich Dawson am Handy, leise, angespannt.
„Ich sehe es“, flüstere ich.
„Wo?“
„Im Flur“, sage ich, und mein Blick folgt der Spur, bis sie zu Dawsons Tür führt.
Seine Tür ist geschlossen. Aber der Spalt darunter ist dunkel, als wäre dahinter kein Zimmer, sondern… Tiefe.
Und aus diesem Spalt tritt Wasser. Langsam, beharrlich, als würde es nicht tropfen, sondern atmen.
Ich gehe einen Schritt näher, und der Anhänger in meiner Hand wird so heiß, dass ich ihn fast fallen lasse.
Dann höre ich es: Nicht nur Wellen. Eine Stimme, die nicht in Sprache spricht, sondern in Bedeutung.
Jetzt.
„Dawson“, flüstere ich, und meine Stimme zittert.
„Ich bin hier“, sagt er, und ich höre plötzlich seine Schritte von innen. Er ist nicht mehr am Telefon in meinem Ohr, er ist hinter der Tür.
„Mach nicht auf“, sage ich schnell.
„Hannah, es...“
Die Tür bebt.
Nicht stark. Nicht wie ein Angriff. Eher wie ein Atemzug dagegen, als würde sich etwas auf der anderen Seite an die Tür lehnen.
Dawson schweigt. Ich höre nur seinen Atem. Dann sagt er leise: „Es ist nicht draußen. Es ist… durch.“
„Nein“, flüstere ich.
Ein weiterer Ruck. Wasser läuft schneller.
Und dann passiert etwas, das sich nicht wie ein Ereignis anfühlt, sondern wie ein Gesetz.
Der Flur wird kalt.
Nicht „nachts kalt“. Sondern „Weltwechsel kalt“.
Das Licht flackert, als würde die Elektrizität kurz nicht wissen, in welcher Realität sie fließen soll.
Und ich spüre ein Ziehen im Bauch, wie damals am Spiegel – nur aggressiver, ungeduldiger. Kein höfliches „tritt ein“. Ein Griff.
Ich presse die Lippen aufeinander, versuche zu atmen. Der Anhänger in meiner Hand pulsiert wie ein Herz.
„Hannah!“, ruft Dawson, diesmal laut genug, dass ich ihn durch die Tür höre, nicht nur durch das Telefon.
Ich strecke die Hand aus, berühre das Holz der Tür. Es ist nass. Und unter dem Nass ist etwas… glattes. Wie Glas. Wie Spiegel.
„Nein“, sage ich, als könnte das Wort Regeln setzen.
Die Tür gibt nach. Nicht wie Holz, das bricht. Sondern wie eine Oberfläche, die weich wird.
Die Welt kippt.
Ich habe noch genug Zeit, um Dawsons Tür sich öffnen zu sehen – oder etwas, das wie Dawsons Tür aussieht. Dahinter steht Dawson, die Augen weit, die Hand ausgestreckt. Für einen Moment berühren sich unsere Finger – ich spüre seine Haut, warm, real.
Dann zieht etwas an uns beiden.
Ein Ruck, als würde eine Welle uns am Knöchel packen.
Das Flurlicht explodiert in einem weißen Flackern.
Und der Boden verschwindet.
Ich falle nicht. Ich werde gezogen. Als hätte mich jemand in einen kalten Schlund gekippt. Es ist wie durch den Spiegel, aber schneller, brutaler, ohne das sanfte „Ölgefühl“. Wasser rauscht in meinen Ohren, obwohl ich nicht nass werde. Oder vielleicht bin ich nass, und es interessiert meinen Körper nur nicht, weil andere Regeln greifen.
Ich schreie, glaube ich. Oder ich öffne den Mund und es kommt kein Ton.
Dann trifft etwas meinen Rücken – nicht hart, aber abrupt. Ich rolle, reiße die Augen auf, und die Luft in meiner Lunge ist plötzlich schwer, salzig, kalt.
Ich liege auf schwarzem Sand.
Über mir hängt ein Himmel, der aussieht, als hätte ihn jemand in Wasser getränkt und dann über Metall gezogen: grau, glänzend, schwer. Nasses Eisen. Kein Sternenhimmel. Keine Sonne. Nur ein Licht, das nicht entscheidet, ob es Tag sein will.
Der Wind ist rau. Er riecht nach Meer, aber nicht nach Urlaub. Er riecht nach Tiefe und alten Schiffen und etwas, das unter Wasser verrottet.
„Hannah!“
Dawsons Stimme.
Echt. Laut. Nah.
Ich drehe mich, rutsche im Sand, und da ist er, ein paar Meter entfernt, ebenfalls auf dem Boden, halb auf den Knien. Sein Haar ist nass, obwohl es nicht regnet. Sein Blick ist wild, aber er lebt. Er ist hier.
Ich krieche zu ihm, ohne nachzudenken. Meine Hände graben sich in den Sand. Der Anhänger hängt schwer an meiner Brust, kalt geworden, als hätte er sein Ziel erreicht.
Dawson packt meine Schultern. „Bist du...“
„Ja“, stoße ich hervor. Meine Stimme klingt anders hier. Dicker. Als würde die Luft Worte verschlucken. „Ja. Ich bin… da.“
Er zieht mich kurz in seine Arme, fest. Kein romantischer Moment. Ein Überlebensmoment. Trotzdem spüre ich darin die Linie unserer Liebe – nicht als Drama, sondern als Halt.
Ich atme gegen seinen Hals und rieche Salz in seinen Haaren. Er riecht nach UCLA und Naytnal zugleich, als hätte die Schwelle uns gemischt.
„Das war… nicht der Spiegel“, flüstere er.
Ich schlucke. „Nein.“
Ich schaue mich um.
Wir sind an einer Küste. Schwarzer Sand, dunkle Felsen, die wie Zähne aus dem Boden ragen. Das Meer ist da – ein breites, dunkles Wasser, das sich bewegt wie ein Tier, das im Schlaf atmet. Die Wellen sind nicht freundlich. Sie schlagen nicht schäumend, sondern zäh, schwer, als würde das Wasser selbst dicker sein.
In der Ferne sehe ich etwas, das wie ein Hafen aussehen könnte – aber es ist zu still. Keine Lichter. Keine Schiffe. Nur Ruinen.
„Wo sind wir?“, flüstere ich.
Dawson sieht zum Meer, als würde er lauschen. „Nicht in den Hügeln“, sagt er.
„Küste“, murmele ich. Mein Magen dreht sich. „Die Meere.“
Das Wort löst etwas aus. Ein Flüstern läuft über die Wellen, kaum hörbar, aber da: Komm.
Dawson presst die Lippen zusammen. „Es zieht immer noch“, sagt er.
„Ja“, sage ich. „Aber langsamer.“
Wir stehen auf. Meine Beine sind wackelig. Der Sand klebt an meiner Jeans, nass und kalt. Ich spüre den Wind unter meiner Jacke, als würde er versuchen, mich zu öffnen.
Und dann sehe ich Bewegung zwischen den Felsen.
Zuerst denke ich an Schatten. Dann tritt eine Gestalt hervor, und ich erkenne sie an der Haltung, bevor ich ihr Gesicht sehe: als würde sie immer bereit sein, den nächsten Pfeil zu schießen.
Eira.
Sie ist dünner als ich sie in Erinnerung habe. Ihr Haar ist strähnig, ihr Gesicht wirkt eingefallen, als hätte sie zu lange nicht geschlafen. Ihr Bogen hängt an ihrer Schulter, und ihre Augen sind scharf, aber müde.
„Ihr seid endlich da“, sagt sie, und ihre Stimme ist heiser, als wäre jedes Wort mit Sand geschliffen.
Mein Herz macht einen kleinen Sprung. „Eira!“
Sie kommt näher, aber nicht schnell. Als würde sie sich die Energie einteilen müssen. „Nicht so laut“, murmelt sie, dann sieht sie Dawson an, und in ihrem Blick flackert kurz etwas wie Respekt.
„Du sprichst noch.“
Dawson nickt nur. „Ich spreche.“
Eira schnaubt leise. „Gut.“
„Was ist passiert?“, frage ich sofort. Ich merke, wie meine Stimme sich überschlägt. „Warum… warum zieht es uns...“
Eira hebt die Hand.
„Nicht hier“, sagt sie knapp. „Der Wind trägt mehr als Geräusche.“
Ich schlucke und sehe mich um. Der Strand wirkt leer, aber in Naytnal ist „leer“ oft eine Lüge.
Eira dreht sich um und winkt uns, ihr zu folgen, hinein zwischen die Felsen. Dawson greift nach meiner Hand, und ich halte sie fest. Nicht weil ich Angst habe, sondern weil ich mich erinnern will, dass wir zusammen sind. Dass wir nicht getrennt werden, wenn es dunkel wird.
Zwischen den Felsen ist ein schmaler Pfad. Das Gestein ist feucht, als hätte es das Meer in den Poren. Manchmal tropft Wasser, und jeder Tropfen klingt zu laut.
Wir gelangen in eine kleine Mulde, geschützt vor dem Wind. Dort brennt ein winziges Feuer – nicht groß genug, um uns zu wärmen, aber groß genug, um zu sagen: Hier war jemand. Hier hält jemand Stand.
Und neben dem Feuer steht Lys.
Sie wirkt noch erschöpfter als Eira. Ihre Kleidung ist zerrissen, ihre Haare sind streng zurückgebunden, aber Strähnen haben sich gelöst und kleben an ihrer Stirn. In ihren Augen liegt etwas, das ich nicht kenne: nicht nur Sorge, sondern Druck. Als hätte sie zu lange versucht, ein System zusammenzuhalten, das sich in Bewegung setzt.
Als sie mich sieht, lässt sie die Schultern minimal sinken.
„Hannah“, sagt sie, und mein Name klingt in ihrem Mund wie ein Werkzeug und ein Gebet zugleich.
Ich gehe auf sie zu, und sie umfasst meinen Unterarm. Kein höfischer Gruß, keine Distanz. Nur Erleichterung, dass ich da bin.
„Du bist… nass“, sage ich dumm.
Lys lacht kurz, trocken.
„Alles ist nass“, murmelt sie. „Sogar die Dinge, die nicht nass sein sollten.“
Dawson tritt näher. „Wir wurden gezogen“, sagt er ohne Umwege. „Nicht durch den Spiegel. Durch...“
„Durch Salz“, unterbricht Lys. „Durch Feuchtigkeit. Durch Orte, die dünn werden. Es breitet sich in eurer Welt aus, weil…“ Sie hält inne, und ich sehe, dass ihr der nächste Satz wehtut. „…weil wir es nicht mehr halten.“
Mein Magen fällt. „Was meinst du?“
Lys deutet in Richtung Meer, obwohl wir es hier nicht sehen. „Naytnal heilt“, sagt sie. „Die Hügelräte funktionieren. Der Hort hält die Entität… begrenzt. Aber sie ist nicht verschwunden. Sie hat gelernt.“
„Gelernt, was?“, frage ich.
Eira setzt sich schwer auf einen Stein, der wie ein nasser Knochen aussieht. „Gelernt, wo sie wachsen kann“, sagt sie heiser. „Nicht im Zentrum. Nicht in den Hügeln, wo ihr neue Bündnisse webt. Sondern dort, wo ihr alte Muster noch nicht gebrochen habt.“
Lys nickt. „Die Meere“, sagt sie leise.
Ich spüre, wie der Anhänger gegen meine Brust drückt, als hätte er das Wort erwartet.
„Die Meere haben ihre eigene Ordnung“, fährt Lys fort. „Und Ordnung auf Schiffen ist… Hierarchie. Befehle. Gehorsam. Angst, weil Wasser immer Tod bedeutet, wenn man fällt.“
Eira spuckt in den Sand. „Perfekter Boden für etwas, das von Kontrolle lebt.“
Ich schlucke. „Die Entität ist in den Meeren?“
Lys hebt die Hand, als wolle sie präzise sein. „Nicht… komplett“, sagt sie. „Sie ist gebannt. Aber wie ein Rauch, der durch Ritzen zieht. Sie hat sich in die Meere abgesetzt. In Strömungen. In Häfen. In Kapitänsbefehle. In Piratenverträge.“
„Und deswegen…“, beginne ich.
„Deswegen verlieren die Hügelräte den Küstenkontakt“, beendet Lys. „Die Küstenorte antworten nicht mehr. Unsere Boten kommen nicht zurück. Schiffe verschwinden. Die Meere sind… zu.“
Dawson runzelt die Stirn. „Zu?“
Eira lacht humorlos. „Du kannst nicht in See stechen, wenn die See dich nicht lässt.“
Mir wird schwindelig. „Aber… wir haben ein Wächterbündnis. Wir haben Hügelräte. Warum hilft das nicht?“
Lys’ Blick wird hart. „Weil ihr Bündnis im Landesinneren wirkt“, sagt sie. „Und weil die Meere alte Verträge haben, die älter sind als Rom. Älter als eure Prophezeiung. Dort regieren andere Namen.“
Ein kalter Windstoß fährt in die Mulde. Das Feuer flackert. Ich höre draußen wieder Wellen.
„Wer regiert die Meere?“, frage ich, obwohl ich die Antwort fürchte.
Eira und Lys tauschen einen Blick.
„Früher“, sagt Lys langsam, „gab es einen Herrscher der Meere. Nyromo. Nicht wie ein Kaiser. Eher wie ein Prinzip. Eine Stimme, die Strömungen ordnete, ohne zu besitzen.“
„Und jetzt?“, flüstere ich.
Eira knirscht mit den Zähnen. „Jetzt regiert etwas anderes“, sagt sie. „Etwas, das… nimmt.“
Lys senkt die Stimme. „Ein Dämon“, sagt sie. „Oder eine Dämonenform. Ein Name, den man ungern ausspricht, weil Namen Türen sind.“
Mein Anhänger wird kalt. Ein unangenehmes Kalt, wie Metall im Schatten.
Dawson sagt es trotzdem, ruhig: „Drakar.“
Lys blinzelt, scharf. „Woher...“
„Ich habe es gehört“, sagt Dawson, und ich sehe, wie er sich bei dem Satz selbst anspannt, als würde er den Klang ausspucken wollen. „Nachts. Im Flüstern. Zwischen den Wellen.“
Eira atmet aus. „Dann ist er näher, als ich dachte.“
Ich schlucke. „Wer ist Ar... Drakar?“, korrigiere ich mich schnell, aber mein Gehirn stolpert. Das Meer. Das Ziehen. Der Gedanke an einen Namen, der wie ein Haken ist.
Lys’ Gesicht wird düster. „Er ist der, der die See in Besitz verwandelt“, sagt sie. „Er hat Nyromo getötet… oder zerschlagen. Und seitdem…“
„Seitdem wachsen die Ketten“, ergänzt Eira.
„Ketten?“, frage ich.
Eira zeigt auf Dawsons Hand, die meine hält. „Nicht eure“, sagt sie rau. „Andere. Verträge. Blutflaggen. Piraten, die Seelen handeln. Drachen, die über Strömungen wachen und sich kaufen lassen. Alles, was ihr in den Hügeln mühsam dezentralisiert habt, sammelt sich auf dem Meer wieder in einer Faust.“
Ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt. Wut ist gefährlich. Wut füttert. Und trotzdem ist sie da.
„Und ihr habt uns gezogen“, sage ich, und meine Stimme klingt vorwurfsvoll, obwohl ich weiß, dass sie es nicht absichtlich getan haben.
Lys schüttelt den Kopf sofort. „Nein“, sagt sie. „Wir haben versucht, euch zu warnen. Wir haben den Spiegel gebunden, so gut wir konnten. Aber die Meere… sie finden andere Wege.“
„Salz“, flüstere ich.
„Salz ist überall“, sagt Lys leise. „In eurer Welt. In Tränen. In Schweiß. In Luft am Meer. Wenn etwas die Schwelle sucht, findet es Salz.“
Ich starre auf meine Hände. Ich denke an die Spuren auf der Treppe. An das Wasser vor Dawsons Tür. An die Art, wie es nicht gefragt hat. Wie es genommen hat.
„Wir hatten keine Wahl“, flüstere ich.
„Doch“, sagt Dawson plötzlich. Seine Stimme ist ruhig, aber fest. „Wir hatten eine Wahl, wie wir gehen. Wir haben uns gehalten.“
Ich schaue ihn an. Sein Blick ist auf mich gerichtet, nicht auf Lys, nicht auf Eira, nicht auf Naytnal. Und ich spüre, wie sich mein Brustkorb minimal entspannt, weil er Recht hat: Das Ziehen war Zwang. Aber das Halten war unsere Entscheidung.
Eira schnaubt. „Rom hätte euch nicht gezogen“, sagt sie.
Ich zucke zusammen bei dem Namen. Rom. Nicht mehr Kaiser. Wandernder Hüter. Buße. Ich sehe kurz sein Gesicht ohne Krone, am Palastkorridor, die erhobene Hand. Ich frage mich, ob er weiß, was hier passiert.
„Wo ist Rom?“, frage ich.
Lys’ Blick wird kurz schwer. „Er ist unterwegs“, sagt sie. „Er wandert. Er versucht, Küstenorte zu erreichen, aber…“ Sie presst die Lippen zusammen. „Ohne Macht ist er langsam. Und die See lässt ihn nicht passieren.“
„Die See lässt niemanden passieren“, murmelt Eira.
Ein Moment lang ist nur das Knistern des Feuers da und das entfernte Atmen der Wellen.
Ich fühle mich plötzlich sehr müde.
„Also“, sage ich leise, „was jetzt?“
Lys und Eira sehen mich an, als hätten sie auf diese Frage gewartet, seit die erste Salzspur im Palast auftauchte.
Lys spricht zuerst.
„Wir brauchen euch“, sagt sie schlicht.
Eira ergänzt: „Wir brauchen euch beide.“
Dawson hebt eine Augenbraue. „Warum?“, fragt er, und ich höre den alten Schmerz unter der Frage: Ich habe wenig Magie. Ich bin nicht mehr das Siegel. Was kann ich sein?
Lys antwortet ruhig: „Weil Hannah eine Stimme hat, die Bündnisse webt“, sagt sie. „Und du…“ Sie schaut Dawson direkt an. „Du bist der Beweis, dass ein Band brechen kann, ohne dass ein Mensch bricht. Du bist… ein Gegenargument gegen Drakar.“
Dawson schluckt. Ich spüre, wie seine Finger meine fester drücken, als würde er sich vergewissern, dass er wirklich da ist.
„Und ihr wollt, dass wir… in See stechen“, sage ich, und der Satz klingt lächerlich, weil ich gerade noch eine Studentin war, die über Hausarbeiten gestöhnt hat.
Eira lacht trocken. „Ja“, sagt sie. „Willkommen in Naytnal. Hier ist nichts lächerlich.“
Lys nickt. „Die Meere sind in elf Bereiche geteilt“, sagt sie. „Elf Meere, jedes mit eigenem Gesetz, eigener Strömung, eigener Verderbnis. Wenn wir Drakar finden wollen, müssen wir durch sie hindurch. Und wenn wir Nyromos Rest finden wollen, müssen wir…“
Sie bricht ab, als hätte sie etwas zu früh gesagt.
„Nyromo ist nicht nur tot“, sagt Dawson leise, und ich sehe, wie er den Gedanken aus den Flüstern zusammensetzt. „Er ist… verteilt.“
Lys’ Augen weiten sich kurz. Dann nickt sie. „Ja“, sagt sie. „Wir glauben, Drakar hat Nyromo zerschlagen, damit niemand die See wieder frei ordnen kann. Seine Teile treiben durch die Meere. Wer sie vereint, kann Drakar die Nahrung nehmen.“
Ich spüre, wie mir schlecht wird. Nicht aus Angst. Aus der schieren Größe der Aufgabe.
„Und die Hügelräte?“, frage ich. „Wenn wir weg sind...“
„Die Hügelräte halten das Land“, sagt Lys. „Aber sie können die See nicht erreichen. Der Küstenkontakt ist weg. Und ohne Küsten… wird Naytnal wieder isoliert. Dann wird Drakar stärker. Dann wird auch der Hort wieder instabil.“
„Und dann kommt das Wasser wieder nach UCLA“, flüstere ich.
Eira nickt langsam. „Genau.“
Der Gedanke trifft mich wie eine Ohrfeige. Das hier ist nicht nur Naytnal. Das hier ist unsere Welt, die plötzlich nicht mehr sicher ist, weil Salz überall ist.
„Okay“, sage ich, und ich höre, wie das Wort in mir wie ein Stein fällt. „Okay. Dann…“
Dawson schaut mich an. „Dann?“
Ich atme ein. Der Wind riecht nach Metall und Tang. Der Himmel hängt schwer. Das Meer atmet wie ein Tier, das wartet.
„Dann kämpfen wir nicht gegen ein Monster“, sage ich leise. „Sondern gegen ein System.“
Lys’ Blick wird scharf. „Ja.“
„Und wir werden nicht gewinnen, indem wir jemanden töten“, sage ich weiter, weil ich die Wahrheit aus dem elften Hügel noch im Körper habe. „Sondern indem wir… die Regeln ändern.“
Eira legt den Kopf schief. „Du klingst, als würdest du schon regieren“, sagt sie, halb Spott, halb Anerkennung.
Ich schlucke. „Ich will nicht regieren.“
„Du willst halten“, murmelt Lys.
Ich nicke.
„Ich will halten.“
Dawson atmet aus. „Dann müssen wir zuerst… überleben“, sagt er trocken.
Eira grinst kurz. „Das ist meistens Schritt eins.“
Ein Geräusch draußen lässt uns alle erstarren. Nicht laut, aber anders als Wellen. Ein Knacken. Als würde Holz brechen. Oder als würde etwas Schweres über Stein schleifen.
Eira greift sofort nach ihrem Bogen. Lys steht auf, die Hand an einem kleinen Messer, das ich vorher nicht gesehen habe. Dawson zieht mich instinktiv hinter sich, und ich will ihn dafür schütteln, weil er nicht mehr mein Wächter ist – aber mein Körper nimmt den Schutz trotzdem an, weil Angst manchmal schneller ist als Ideologie.
„Was ist das?“, flüstere ich.
Eira lauscht. „Schritte“, murmelt sie. „Mehrere.“
Das Feuer flackert, als würde der Wind plötzlich die Richtung ändern. Ein kalter Hauch schiebt sich durch die Mulde, und ich rieche etwas Neues: faulige Süße, wie verrottetes Seetangholz.
„Piraten“, flüstert Lys.
Mein Magen zieht sich zusammen. „Schon?“
Eira zieht einen Pfeil aus dem Köcher. „Die Küste ist nicht sicher“, sagt sie, und ihre Stimme ist so müde wie bitter. „Sie ist… die Tür.“
Dawson beugt sich zu mir. „Kannst du…“, beginnt er.
Ich weiß, was er meint: Kann ich singen? Kann ich Licht machen? Kann ich etwas, das uns schützt, ohne es zu füttern?
Ich schließe die Augen kurz. Spüre den Anhänger. Spüre mein Lied. Spüre die Wellen.
„Ja“, flüstere ich. „Aber nicht laut.“
Ich beginne zu summen, kaum hörbar. Ein Ton, der nicht „Angriff“ ist, sondern „Schleier“. Ein Klang, der die Aufmerksamkeit nicht anzieht, sondern streut. Wie Nebel, aber aus Stimme.
Eira schaut mich kurz an, überrascht, dann nickt sie, als hätte sie verstanden: Nicht Macht zeigen. Nicht füttern.
Das Knacken draußen wird lauter. Schatten bewegen sich zwischen den Felsen. Ich sehe nichts direkt, aber ich fühle Präsenz. Eine Art hungrige Neugier.
Komm, flüstert etwas in meinem Kopf, aber diesmal klingt es nicht wie das Meer. Es klingt wie ein Mensch, der lächelt.
Eira hebt den Bogen, zielt auf eine Lücke zwischen zwei Steinen.
Dann tritt jemand hervor.
Nicht Lys. Nicht Rom. Nicht ein bekannter Verbündeter.
Ein Mann, oder etwas, das sich wie ein Mann bewegt, mit einem Mantel, der tropft, obwohl es nicht regnet. Sein Gesicht ist halb im Schatten, aber ich sehe etwas, das mich sofort frösteln lässt: Seine Augen wirken zu hell, zu glänzend, als würden sie Licht reflektieren wie nasse Steine.
Und hinter ihm – zwei weitere Gestalten, dünn, beweglich, mit Klingen, die nicht metallisch glänzen, sondern dunkel schlucken.
Eira spannt den Bogen. „Noch einen Schritt“, knurrt sie, „und du wirst füttern, was du suchst.“
Der Mann hebt beide Hände, langsam, als wäre er höflich. „Füttern?“, sagt er, und seine Stimme ist weich wie Öl. „Ich suche nur… Reisende.“
Lys tritt vor, die Augen kalt. „Diese Küste gehört nicht dir“, sagt sie.
Der Mann lächelt. „Noch nicht“, murmelt er.
Mein Ton hält. Mein Herz rast.
„Wer bist du?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass Namen Türen sind. Aber manchmal muss man wissen, welche Tür vor einem steht.
Der Mann schaut mich an, und in seinem Blick liegt etwas, das mich wie eine kalte Hand berührt: Er erkennt mich. Nicht Hannah von UCLA. Hannah als Krone-ohne-Krone.
„Eine, die zu spät kommt“, sagt er leise. Dann kippt sein Lächeln. „Aber immerhin kommt.“
Eira zieht den Pfeil noch fester. „Sag deinen Namen oder stirb ohne ihn.“
Der Mann lacht leise. „Oh, Kind der Hügel“, sagt er. „Du weißt doch: Auf See… gibt man seinen Namen nur, wenn man ihn verlieren will.“
Lys’ Stimme ist ein Messer. „Dann geh.“
Der Mann neigt den Kopf, als würde er überlegen. Dann sagt er, fast freundlich: „Wir sehen uns wieder.“
Und er zieht sich zurück, so leise, dass es beinahe wirkt, als wäre er nie da gewesen.
Die Schatten hinter ihm gleiten weg.
Das Knacken verstummt.
Die Mulde atmet wieder.
Ich lasse den Ton langsam ausklingen. Meine Kehle brennt. Mein Körper zittert.
Eira lässt den Bogen sinken, flucht leise in ihrer Sprache.
„Was war das?“, frage ich.
Lys’ Gesicht ist hart. „Ein Bote“, sagt sie. „Oder ein Jäger.“
„Für Drakar?“, flüstere ich.
Lys nickt langsam. „Für etwas, das die Küste schon als Besitz betrachtet.“
Dawson schaut in die Richtung, in der die Gestalten verschwunden sind. Seine Augen sind dunkel. „Dann ist es schlimmer, als wir dachten“, sagt er.
Ich spüre, wie der Anhänger gegen meine Haut drückt, als würde er zustimmen.
„Wie kommen wir von hier weg?“, frage ich, und in der Frage steckt mehr als „weg von diesem Strand“. Sie meint: Wie kommen wir in ein System hinein, das gerade kippt?
Eira zeigt zum Meer, unsichtbar hinter den Felsen.
„Mit einem Schiff“, sagt sie trocken.
Lys nickt.
„Mit einem alten Schiff“, sagt sie leise. „Einem, das nicht nur segelt. Sondern… erinnert.“
Ich sehe Dawsons Gesicht. Er weiß es auch.
Wir haben es beide schon gehört, ohne es zu kennen: Sternenwacht. Ein Wrack, ein Ritual, ein Schiff als Charakter.
Mein Magen zieht sich zusammen vor Angst und vor Vorfreude, weil beides sich ähnlich anfühlt, wenn man auf eine Schwelle zugeht.
„Dann“, sage ich, und meine Stimme klingt rau, „finden wir dieses Schiff.“
Dawson tritt näher, legt seine Hand auf meinen Rücken, nicht als Besitz, sondern als Stütze. „Zusammen“, sagt er.
„Zusammen“, flüstere ich.
Und draußen, hinter den Felsen, schlägt das Meer gegen den Strand, als würde es lachen.
Der Weg zur „Sternenwacht“ beginnt nicht mit einer Karte, sondern mit einem Gefühl in den Knochen.
Wir laufen, bis meine Beine schwer werden und der Sand in meinen Schuhen scheuert wie ein kleiner, sturer Fluch. Die Küste ist kein Strand, wie ich ihn aus LA kenne, kein Ort für Handtücher und Sonnencreme. Sie ist zerfurcht, zernagt, als hätte das Meer sie seit Jahrhunderten mit schlechten Launen bearbeitet. Schwarze Steine liegen wie gebrochene Zähne im flachen Wasser. Dazwischen glitzert Salz, nicht hell und freundlich, sondern wie kalter Schorf.
Eira geht voraus, lautlos, obwohl der Untergrund alles andere als leise ist. Sie findet die Wege zwischen den Felsen, die nicht rutschen, die nicht aufbrechen, die nicht zu nah am Wasser sind. Lys folgt ihr mit einem Bündel unter dem Arm – Stoff, Leder, irgendetwas, das wie Kartenmaterial aussieht, aber ich sehe nur Fragmente. Dawson bleibt bei mir, eine halbe Schulterbreite Abstand, wie jemand, der gelernt hat, Nähe nicht mit Kontrolle zu verwechseln. Trotzdem ist er da, konstant. Wenn der Wind auffrischt, streift seine Hand meinen Ellbogen, als würde er prüfen, ob ich noch im Körper bin.
„Wie weit?“, frage ich, weil meine Stimme sonst in meinem Kopf stecken bleibt und sich dort in Angst verwandelt.
Eira antwortet nicht sofort. Sie bleibt stehen, lauscht. Der Wind fährt durch ihre Haare, und sie sieht aus wie eine Figur aus einem Gemälde, das nie fertig wurde.
„Nicht weit“, sagt sie schließlich. „Aber das Meer…“ Sie verzieht den Mund. „Es tut so, als wollte es uns umdrehen.“
„Es will uns zurück zu den Hügeln bringen?“, murmle ich.
Lys schnaubt, trocken. „Nein. Es will, dass wir aufgeben, bevor wir anfangen.“
„Das ist… nett“, sage ich.
Dawson macht ein Geräusch, das fast ein Lachen ist. „Willkommen im Meer.“
Ich werfe ihm einen Blick zu. Seine Augen sind wach, aber in ihnen liegt auch ein Schatten, den ich seit der UCLA kenne: die Erinnerung an Nächte, in denen er Dinge hörte, die er niemandem erklären konnte. Jetzt ist dieser Schatten nicht mehr isoliert. Wir hören es alle.
Das Flüstern der Wellen ist nicht nur Wasser. Es ist Sprache ohne Wörter, ein ständiges Komm. Komm. Komm. Und darunter etwas, das wie ein Grinsen klingt.
Wir steigen über einen Felsgrat, und plötzlich öffnet sich die Küste in eine Bucht. Das Wasser liegt hier ruhiger, aber nicht friedlich. Eher wie eine Hand, die sich entspannt, weil sie schon weiß, dass sie gleich wieder zupacken wird.
Und dort, halb im Wasser, halb im Schlamm, liegt es.
Die „Sternenwacht“.
Ich bleibe stehen, weil mein Körper nicht sofort akzeptieren kann, was meine Augen sehen.
Das Schiff ist groß – größer als alles, was auf diesem schmalen Küstenstreifen logisch wäre. Es sieht aus, als hätte die Bucht es verschluckt und dann wieder ausgespuckt, zu müde, um es ganz zu verdauen. Der Rumpf ist dunkel, fast schwarz, mit grünen, verkrusteten Linien, wo Salzwasser und Zeit ihre Arbeit getan haben. Teile des Decks sind abgesackt, als hätten sie irgendwann aufgegeben. Die Masten sind noch da, aber sie sind schief, wie Knochen, die falsch verheilt sind. Segel hängen in Fetzen, die im Wind wie alte Haut flattern.
Und trotzdem hat das Schiff eine Präsenz, die größer ist als sein Verfall. Als würde es sich erinnern, wie es einmal war.
„Da ist sie“, sagt Eira leise. Kein Pathos. Nur Fakt.
„Sie sieht… tot aus“, flüstere ich.
Lys’ Blick ist hart, aber in ihren Augen glimmt etwas wie Respekt. „Schiffe sterben nicht so wie Menschen“, sagt sie. „Sie warten.“
Dawson steht neben mir und sagt nichts. Ich spüre, wie sein Atem langsamer wird. Er starrt auf das Schiff, als würde er etwas in ihm erkennen, das nicht sichtbar ist.
„Runen“, murmelt er schließlich.
Ich folge seinem Blick.
Am Kiel – da, wo das Schiff im Schlamm liegt, dort, wo das Wasser bei jeder kleinen Welle daran leckt – glimmen Linien. Nicht hell. Nur ein schwaches, altes Leuchten, wie Glut unter Asche. Runen, die sich über Holz ziehen, als wären sie eingravierte Adern. Sie wirken nicht wie Dekoration. Sie wirken wie… Funktion.
„Es atmet“, flüstere ich, und das ist kein poetischer Satz. Ich sehe, wie das Wasser um den Rumpf minimal pulsiert, als würde das Schiff mit ihm in einem Rhythmus stehen.
„Es liest“, sagt Lys. „Die Meere. Die Strömungen. Die Lügen in den Wellen.“
Ich schlucke. „Und es ist verflucht.“
Eira nickt, ohne mich anzusehen. „Jedes gute Werkzeug ist verflucht. Sonst wäre es längst in falschen Händen.“
„Wie kommt man rauf?“, fragt Dawson.
Eira zeigt nach links. Dort ragt ein Teil des Stegs aus dem Schlamm, halb zerbrochen, aber begehbar, wenn man nicht zimperlich ist. Das Wasser darunter ist dunkel und still, als würde es uns beobachten.
„Nicht reinfallen“, sagt Eira.
