Ella U. - Ullrich Kamuf - E-Book

Ella U. E-Book

Ullrich Kamuf

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Beschreibung

Die 1920er Jahre sind eine Zeit, in der die Gesellschaft als Repressionsinstitution einen geringeren Einfluss auf die Entwicklung und Entfaltung der Menschen ausübte als im Kaiserreich zuvor und im Dritten Reich danach. Ausdruck dieser Offenheit, manche sagen: Instabilität, waren politische Kontroversen von links bis rechts um die Deutungshoheit in Deutschland. Die vorliegende Studie zeigt eine Möglichkeit auf, wie diese Offenheit genutzt werden konnte; sie ist dem Begriff der Neuen Frau verpflichtet.

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Bildnachweis

U1 Stadtplan Plauen 1922, (Vogtland Bibliothek Plauen)

U1, S. → S. →, Familienbilder (Privatbesitzt U. Kamuf)

S. →, Mode, Vogtländischer Eine Anzeiger Jugend und Tageblatt 1. Mai 1927

Carmen, Margarita, Ilse, Renate,

Rolf , Walther, Dietrich, Gert

gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Fächer der Erinnerung

1919

Revolutionstagebuch

Hausierer

Uniformjacke

Kaminkehrer

Bär

Zeugnisse

Max U.

Haselbrunn

Kolonialwaren

1920

Max Hölz

Hölz. Die Familie beim Abendbrot

Provinzstadt, Weltstadt

Kurt, Walther. Baustelle

1921

Erster Freideutscher Jugendtag

Jugend(-bewegung). Ella, Kurt, Walther

Wandervogel

Freideutscher Jugendtag

Inflationsheilige

Bündische Jugend

Tanzen. Ella

1922

Von Deutscher Republik

Republik. Die Familie beim Abendbrot

Jüdische Deutsche

Vogtländischer Stollen

1923

Was ist liberal?

Martha U.

Familienfoto

Politische Haltung. Familie

1924

Migration

Briefe von Ida

Nach dem Brief. Martha

Spitze

1925

Arbeitsplatz. Ella

Das Mädchen an der Orga Privat

Protestantische Ethik

Die Angestellten

Ehrlichkeit der deutschen Kleinbürger Reichspräsident

Die Familie beim Abendbrot

Glühlampenparadox

1926

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Theater. Ella

Trömel

Spielzeit 1926/27

Film

Film, Theater. Ella

Freibad Haselbrunn. Ella

Enteignungsgesetz. Familie

1927

Seit ich ihn gesehen

Begegnung. Ella, Josef

Korruption. Max, Martha

1928

Aus dem Reich der Mode

Jumperkleid. Friedel, Ella

Kurt, Ella, Josef

Geliehenes Leben. Ella

Liebe

§218

1929

Sozialisierung der Frau

Aufgebot bestellen

Aussteuer

Hochzeit. Familie

Zitierte Literatur

Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat, der findet immer neue Glieder, neue Stäbe, kein Bild genügt ihm, denn er hat erkannt: es ließe sich entfalten, in den Falten erst sitzt das Eigentliche: jenes Bild, jener Geschmack, jenes Tasten um dessentwillen wir dies alles aufgespalten, entfaltet haben; und nun geht die Erinnerung vom Kleinen ins Kleinste, vom Kleinsten ins Winzigste und immer gewaltiger wird, was ihr in diesen Mikrokosmen entgegentritt.

Walter Benjamin, Berliner Chronik

Die vorliegende Arbeit handelt von Ella U. Ella wurde 1906 geboren, sie war 1919 dreizehn Jahre alt und sie heiratete 1929, dreiundzwanzigjährig. Das sind die einzig sicheren Daten. Alle anderen Daten sind unsicher. Ellas Lebensbeschreibung sowie die Beschreibung ihrer Lebensumstände und die aller auftretenden Personen können so gewesen sein. Die beschriebenen Orte gab oder gibt es, die Gestalt, die sie hier annehmen, muss nicht mit der Realität übereinstimmen. Die Absicht dieser Studie ist, einer Person, Ella U., in einer deutschen Stadt im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts beim Aufwachsen zuzusehen. Der Autor hat dazu auf Erinnerungen, wissenschaftliche und belletristische Literatur zurückgegriffen. Seine Erkenntnisse hat er mit Ella U. verknüpft. Der Autor glaubt aber nicht, dass er dieser Person zu viel zugemutet hat. Gelungen wäre die vorliegende Arbeit dann, wenn sie den „Jahreszahlen ihre Physiognomie“ (Benjamin) geben konnte.

Die handelnden Personen und ihr Geburtsjahr:

Die Eltern

Martha U.

1872

Max U.

1875

Deren Kinder

Friedel

1893

Ida

1895

Kurt

1899

Walther

1903

Ella

1906

Nebst weiteren Personen, die im Text genannt werden.

Wir begeben uns in eine Zeit, in der alles zur Krise wird: Staats-, Finanz- und/oder Wirtschaftskrise, moralische Krise, Kulturkrise, Krise der Philosophie, der Kunst, der Literatur, des Romans, der Lyrik, des Theaters, Generationskrise, Krise der Geschlechter, Ehekrise, Krise der Liebe.1 Verunsicherung oder Chance? Gehen wir die Sache positiv an: Der pubertierenden Ella nutzen die Krisen derart, dass ihre eigene Entfaltung zur Frau durch weniger gesellschaftliche Vorschriften behindert wird. ‚Weniger‘ soll einfach nur heißen: Die Gesellschaft als Repressionsinstitution tritt zurück und ermöglicht in den zwanziger Jahren Freiräume und Entwicklungen, die Ella zuvor im Kaiserreich und danach in der umfassend reglementierenden Gesellschaft des Nationalsozialismus nicht gehabt hätte. Die Entwicklung in den zwanziger Jahren ist dennoch prekär:

„Von der verlogenen Prüderie unserer Zeit zu sprechen, ist dem Psychoanalytiker, dessen Wissenschaft so stark unter diesem Faktum zu leiden hat, eine liebe Gewohnheit. Ich darf sie um so eher festhalten, als ich Eltern und Erzieher unter den Lesern dieses Buches erwarten darf. Und in diesen Funktionen sind Alle auch heute noch prüde. Aber es soll nicht vergessen sein, daß der Kreis der Schamlosen in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel größer geworden ist. Noch weniger aber sei vergessen, daß die programmatische Schamlosigkeit derselben fatalen psychischen Situation entspringt wie die Prüderie. Eins kann unvermittelt ins andere übergehen. Beide Extreme bieten nicht die Atmosphäre, in der Erziehungswissenschaft und psychologische Wissenschaft gedeiht.“ (Bernfeld)

Dem Autor ist die reale Person Ella bekannt. Sie lebte in Plauen und an anderen Orten in Deutschland ein ganz normales Leben. Normal meint, dass außer dem familiären, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Kreis ihr Leben unbekannt blieb, normal auch gegenüber den Zeitläufen, denen sie weder nur angepasst noch mit ausgeprägtem Widerspruchssinn begegnete. Unter jedem Grabstein soll bekanntlich eine ganze Weltgeschichte begraben liegen. Die Mehrzahl dieser Geschichten ist in den geschriebenen Weltgeschichten unerwähnt. Das wird sich, bezogen auf Ella, auch nicht ändern. Dennoch bildet sie in der vorliegenden Re-Konstruktion den Kristallisationspunkt, in dem, um noch einmal Benjamin zu zitieren, eine „Physiognomie“ der zwanziger Jahre erzählt wird.

Untersuchungen zu den zwanziger Jahren in Deutschland sind unübersehbar. Meist beziehen sie sich auf die Kapitale Berlin. Ganz anders ist die Lage anderer Großstädte in Deutschland. Die zwanziger Jahre sind nur Teil größerer Untersuchungen, das gilt auch für Plauen. So die Studie zum Selbstverständnis der Plauener Bürgerschaft (Friedreich: Der Weg zur Großstadt) oder die zur wirtschaftlichen Bedeutung Plauens (Erhard: Das Glück auf der Nadelspitze). Für das berühmte Kaffee Trömel fehlt eine entsprechende Studie. Einzeldarstellungen über Plauen und das Vogtland waren hilfreich bei der Erforschung und Niederschrift und können als Beleg der Plauener Geschichte gelesen werden. Etliches hier Niedergeschriebene ist fiktiv und steht unter dem Verdikt‚ ‘so könnte es gewesen sein‘. Nicht erklärt wird, was welcher Seite zuzuordnen ist.

Die Hervorhebung der Jugend als besonderem Lebensabschnitt beginnt im 18. Jahrhundert mit dem (männlichen) Jüngling gehobener Schichten, erreicht später alle (männlichen) Jugendlichen in der Absicht, die Zeit zwischen Schulende, meist dem Abschluss der Volks- oder Bürgerschule, und dem Militärdienst zu überbrükken. Die Einschränkung auf die männlichen Jugendlichen wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts überwunden und alle Personen zwischen der „beschränkten Geschäftsfähigkeit“ und dem Erreichen der „unbeschränkt entscheidungs-, verpflichtungs- und haftungsfähigen“ Teilnahme am Gesellschaftsleben gelten als Jugendliche. (Frehsee) Die ökonomischen Umbrüche befördern die „frühe Selbständigkeit“. „Infolge der Industrialisierung und der Auflösung der ursprünglichen Einheit von Arbeiten und Wohnen hat die Familie für die große Masse der Bevölkerung ihre umfassende Funktion als Lebensraum und Ort der gemeinschaftlichen ökonomischen Existenzsicherung verloren.“ (Frehsee) Je nach Gusto wird diese Selbständigkeit als „Krankheit“, die „Pubertät gefährlich“ und die Jugend selbst „kritisch“ gesehen oder als eine Zeit, in der man dem Jugendlichen mit „Toleranz, Verständnis und vor allem Geduld begegnen sollte“. (Frechhoff) Die pädagogischen Maßnahmen folgten entsprechend.

Die elf Kapitel sind mit den Jahreszahlen von 1919 bis 1929 überschrieben. Sie geben für Ella den biographischen Rahmen vor. Nicht möglich war es allerdings, ausschließlich Texte des jeweiligen Jahres zu versammeln. Die – zweispaltig gedruckten – langen Zitate stammen – mit wenigen Ausnahmen – aus den zwanziger Jahren. Diese und die eigenen Texte beziehen sich auf diesen Zeitabschnitt, nehmen allerdings auch Bezug auf die Zeit vor 1919. Ein Vorgriff über das Jahr 1929 hinaus erfolgt nicht. In welcher Weise die zwanziger Jahre als Vorbereitung auf das folgende Jahrzehnt und den Nationalsozialismus gesehen werden müssen, bleibt mithin ungesagt. Die Akteure der zwanziger Jahre konnten diese Zukunft nicht wissen.

Mein herzlicher Dank gilt Verwandten und Freunden, die mir mit ihrer Erinnerung helfen konnten. Helmi Karst, Viktoria Kamuf und Rolf Kamuf haben das Manuskript mit kritischem Blick gelesen. Fehler gehen dennoch allein auf meine Rechnung. Mein Dank gilt auch den Mitarbeitern der Vogtland Bibliothek und denen des Stadtarchivs in Plauen.

Noch eine Anmerkung: Der Nachweis der Zitate im Text entspricht nicht dem in wissenschaftlichen Publikationen üblichen. Einem Zitat ist nur der/die VerfasserIn angefügt. Die Literaturliste führt zur Belegstelle.

1 Diese Zusammenstellung folgt Hartmut Vollmer: Liebes(ver)lust

1919

Revolutionstagebuch

Hausierer

Uniform

Kaminkehrer

Bär

Zeugnisse

Max U.

Haselbrunn

Kolonialwaren

KLEMPERER, VIKTOR: MAN MÖCHTE IMMER WEINEN UND LACHEN IN EINEM. REVOLUTIONSTAGEBUCH 1919.

Nur ganz kurze Zeit ließ sich die Politik ausschalten. Weihnachten und im Januar wurde in Berlin blutig zwischen Spartakus und Regierungstruppen gekämpft, Noske erhielt diktatorische Gewalt, es sah so aus, als könnte jeden Augenblick die Diktatur aus den Händen der Sozialdemokraten und Zivilisten in die eines rechtsradikalen Generals übergehen, Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden ermordet. All das geschah, während die Wahl zur Nationalversammlung bevorstand, all das wirkte ungemein auf die Stimmung in Leipzig. Hier waren die Unabhängigen die stärkste Partei, und nichts war ihnen in Leipzig so verhaßt wie die ‚Leipziger Neuesten Nachrichten‘. Vor ihrem Volkshaus verbrannten sie die Zeitung zusammen mit allerhand reaktionären Flugblättern, und vor dem Verlagshaus der ,Leipziger Neuesten Nachrichten‘ demonstrierten die Arbeitslosen. Kopke sagte mir, an diese Demonstrationen sei man nun schon gewöhnt, sie verliefen gänzlich harmlos, regelmäßig erscheine eine Deputation beim Chefredakteur, verlange höflich den Abdruck einer Erklärung, erhalte sie bewilligt und ziehe dann höflich ab. Die Erklärung erscheine darauf regelmäßig unter dem Schutzschild des Satzes: ,Wir werden gezwungen, die folgende Notiz abzudrukken.‘ Am 17 . Januar aber wurden die ,Neuesten Nachrichten‘ gezwungen, ein Extrablatt zu drucken und verteilen zu lassen: ,Wir verurteilen hiermit auf das entschiedenste die Ermordung Liebknechts und Rosa Luxemburgs und erklären, daß diese Zustände nur unter der Regierung Ebert - Scheidemann einreißen konnten.‘ Und dieser Zwang war nicht höflich, sondern durch einen Sturm auf das Verlagshaus ausgeübt worden. Wir sahen das meiste des angerichteten Schadens noch zwei Tage später, als wir uns dort die ersten einlaufenden Resultate der Wahl zur Nationalversammlung sagen ließen. Bilder waren zertrümmert, Klubsessel zerschnitten, Handsatzkästen ausgeschüttet worden. ,Aber die großen Maschinen haben sie geschont‘, sagte Harms zum Trost, ,davor haben die deutschen Arbeiter doch Respekt.‘ Er und Kopke, obgleich mindestens Harms wesentlich weiter rechts stand als ich, hatten die Regierungssozialisten gewählt. Weil man eben in diesem Augenblick die Regierung stützen müßte, sagten sie, ,und weil sich die Liberalen zum Regieren unfähig gezeigt haben‘, setzte Harms hinzu. In früheren Jahren hatte ich auch einmal gegen die innere Überzeugung aus bloßer Opportunität die Sozialdemokraten gewählt: ich hatte damals die schärfste Opposition unterstützen wollen. Inzwischen war ich reifer geworden und hatte hinzugelernt, die Vertiefung in Montesquieu hatte mich nicht nur philologisch und literarisch bereichert. Auch ging es diesmal nicht um die Wahl zu irgendeinem Abgeordnetenhaus, sondern zu einer gesetzgebenden Versammlung. Es wäre mir, es wäre uns beiden wie ein Verrat vorgekommen, einer anderen Sache unsere Stimme zu geben als dem Liberalismus. (Daß wir das erstemal gemeinsam wählen durften, verstärkte mir die Feierlichkeit der Szene. Als meine Frau hinter den Vorhang trat, um ihren Stimmzettel zu couvertieren, mußte ich an meine Backfischschwärmerei für ,Melitta‘ und ,Ruth‘, an meine zeitweilige Begeisterung für die Frauenemanzipation zurückdenken.) Ich bin dann in späteren Jahren nicht mehr davon abgewichen, meine Stimme den Liberalen zu geben, die sich von jetzt an Demokraten nannten. Immer wieder bekam ich zu hören: ,Ihre Zeit ist abgelaufen‘, oder Sie sind in der gegenwärtigen Situation machtlos‘, oder ‚Sie haben keine Köpfe in ihrer Partei‘, oder auch einfach ,Stimmvergeudung‘. Nein! es war keine Stimmvergeudung, mochte auch der eine oder andere Einwand zutreffen. Die eigentlich menschliche Welt ist mir die europäische, und Europa ist durch den Liberalismus geworden und lebt durch den Liberalismus. Er ist die reine, die allein europäisierende Lehre. Man muß sich zu ihr bekennen, auch da und gerade da, wo sie im Augenblick machtlos und mißachtet ist.

HAUSIERER

Es klingelt, Ella öffnet. Draußen steht ein Hausierer mit einem Bauchladen.

Ist deine Mutter zu Hause?

Muddl, kommst du mal!

Martha kommt. Ella bleibt neben ihr stehen.

Der Krieg hat uns alle zu Heimatlosen gemacht. Die ganzen Jahre im Feld, die Familie kennt mich kaum noch und jetzt bleibt mir nur noch, Bürsten zu verkaufen. Schuhbürste, Kleiderbürste, Scheuerbürste. Grobe und feine Borsten. Fühlen Sie!

Für die Schuhe könnte ich schon eine brauchen. Was soll die denn kosten?

Die kostet 10.

10?

Sie wissen doch, die Kinder. Das wenige, das man zum Essen bekommt, ist auch noch überteuert. Wir sind immer die Dummen. Die anderen feiern schon wieder und trinken Schampus und machen mit die Weiber rum.

Bitte! Das Kind!

Entschuldigung! Wie alt bist du denn?

Dreizehn.

So, so. Wissen sie, wenn die Kinder klein sind, dann treten sie einem auf die Füße und wenn sie groß sind, dann treten sie einem aufs Herz.

Wichtig ist doch, dass das Bäumchen gerade wächst.

Wir sind immer die Gelackmeierten. Sie hier im Beamtenhaus haben es gut. Ihr Mann ist doch Beamter?

Was hat denn das damit zu tun? Also 10 wollen Sie haben. Ella, geh mal in die Küche und hol mir meine Geldbörse. Hier sind 10. Und grüßen Sie mir ihre Frau und ihre Kinder.

Danke schön auch. An der anderen Tür hab ich schon geklingelt. Die sind wohl nicht da?

Nein, nein. Die sind bei der Arbeit und kommen erst gegen Abend wieder nach Hause.

Ach so. In einem halben Jahr komme ich wieder bei Ihnen vorbei. Danke nochmals. Dann wünsche ich einen schönen Tag.

Das wünsche ich ihnen auch.

Martha schließt die Tür.

UNIFORMJACKE

Kurt kommt aus der Innenstadt. Er trägt nach wie vor Teile seiner Uniform. Ohne jegliche Zeichen, gewendet und dennoch erkennbar als kaiserlicher Rock. Eine Gruppe Männer, ersichtlich Angehörige des Plauener Arbeiter- und Soldatenrats, werden auf ihn aufmerksam. Sie verfolgen ihn. Kurt geht schneller, er eilt. Er erreicht das Haus in der Pausaer Straße, schließt die Haustür, rennt die Treppe hinauf, in die Wohnung. Kurze Zeit später klingelt es an der Wohnungstür. Martha geht langsam zur Tür, öffnet.

Ist der Lump hier rein gegangen?

Hier gibt es keinen Lumpen.

Einer mit der kaiserlichen Uniformjacke.

Hier im Haus gibt es schon lange keine Kaiserlichen mehr.

Aber irgendwo hier im Haus muss er doch sein.

Hier rein ist jedenfalls niemand; das hätte ich merken müssen.

Dann ist er weiter nach oben geflüchtet.

Martha schließt die Tür. Sie bleibt stehen, versucht ihren Atem wieder zu kontrollieren. Dann geht sie langsam in die Küche.

Du kannst mit deiner Jacke nicht mehr auf die Straße gehen. Wirf sie weg!

Und was soll ich bei dem Wetter anziehen?

Wir werden für dich schon was finden. Friedel kennt doch mit ihrer Näherei einige Leute, die dir vielleicht eine Jacke leihen können.

Leihen?

Ist beim Rathaus am Altmarkt nicht ein Fundus eingerichtet? Geh mal dort vorbei!

Mach ich. Jetzt muss ich allerdings warten, bis die Kerle aus dem Haus sind.

KAMINKEHRER

Es klingelt an der Wohnungstür. Ella öffnet. Draußen steht der Kaminkehrer. Schwarz von Ruß. Ella guckt etwas erschrocken.

Huh!

Ella ist mehr als irritiert und läuft in die Küche. Die Mutter kommt. Sie ist empört.

Ich erzähl dem Mädchen, dass der Kaminkehrer deshalb schwarz im Gesicht ist, weil er Kamine zu reinigen hat und Ruß ist eben nun mal schwarz. Und Sie haben nichts Besseres zu tun, als dem Kind Angst einzujagen. Pfui!

Angst? Ich bin hier, um die Esse zu reinigen. Zum Kamin komme ich über das Dach.

Dann kommen Sie rein.

Ella hat sich in das Zimmer der Mädchen zurückgezogen.

Der Kaminkehrer reinigt die Esse und verlässt wieder die Wohnung.

Martha schließt die Tür.

Das wär nicht nötig gewesen, sagt sie, als sie in die Küche zurückkommt.

Als der plötzlich die Augen aufriss, bin ich richtig erschrocken. Dabei denke ich immer an Marienkäfer als Glücksbringer, wenn ich einen Kaminkehrer sehe. Müssen Erwachsene immer so blöd sein?

Nicht immer, aber manchmal sind sie es.

BÄR

Ihren Bären braucht Ella zum Einschlafen längst nicht mehr. Er gehört aber dennoch zum Bestandteil ihres Bettes und ihres Wohlbefindens. Er sieht reichlich zerschunden aus. Kein Wunder, wenn er über Jahre überallhin mitgenommen wird. Dabei verliert er sein linkes Auge. Auch die intensivste Suche hat keinen Erfolg. Das Auge bleibt verschwunden. Der Zuneigung tut das keinen Abbruch. Nur einmal ist das Verhältnis mehr als getrübt. Kurt und Walther haben einen Einfall.

Meinst Du nicht, dass der Bär mal gewaschen werden müsste?

Stimmt, wie der aussieht! Da wird Ella aber staunen.

Und wie sie staunt. Erst ist der Bär nicht da wo er sonst immer sitzt, nämlich in ihrem Bett. Er hängt auf der Wäscheleine, angeklammert, platschnass, ein Bild des Jammers. Tränen fließen und wollen nicht versiegen. Martha kann für ihre Jungs auch nicht viel Verständnis aufbringen.

Fällt euch nichts Besseres ein, als Ellas Bär vollends zu ruinieren?

Wollten wir gar nicht, wir wollen ihr nur einen Gefallen tun.

Was für einen Gefallen? Sie wird schon selbst wissen, wie sie ihren Bären pflegen will. Wie kriegt ihr ihn nun wieder trocken?

Ich nehm mein Handtuch.

Es dauert dann schon noch einige Zeit, bis Ella ihren Bären wieder in den Arm nehmen kann.

Wie gesagt, das ist jetzt auch schon wieder einige Zeit her und der Bär ist einfach nur noch da.

ZEUGNISSE

Hast du dir die Zeugnisse der Kinder angesehen?

Sollte ich?

Ich denke schon.

Warum?

Weil sie gute Noten haben.

Das erwarte ich von meinen Kindern.

Du könntest sie aber auch mal loben.

Zeig mal her!

Ella hat in Deutsch und in Rechnen sehr gut. Da sollte sie doch einen kaufmännischen Beruf ergreifen.

Meinst du eine Lehre?

Eine Lehre oder weiter auf die Schule gehen. Da gibt es doch die Handelslehranstalt.

Und wie lange dauert diese Schulzeit?

Soviel ich weiß, haben die einen einjährigen Kursus.

Und was ist sie dann?

Weiß ich nicht. Immerhin wird sie ein Zeugnis haben, mit dem sie sich bei einer Firma bewerben kann. Von Vorteil wird das schon sein.

Reden wir doch mal mit ihr.

Du hast recht. Heute Abend beim Abendbrot.

MAX U.

Max U. geht im Dienstanzug mit Mütze zur Arbeit. Max gehört zum Bahnpersonal der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahn, die ab 1918 Teil der Reichsbahn wird. Er ist „Telegraphenaufseher“ und überwacht die Telegraphen- und Signaltechnik im Bezirk Plauen. Seit 1906 macht er diese Arbeit. Auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz verlässt er das Haus in der Pausaer Straße durch die Tür, die zum Hof führt. Der Hof grenzt an das tiefer gelegene Bahngelände des Oberen Bahnhofs. Ein Zaun trennt Hof und Abhang, ein Tor gibt den Weg frei, eine Treppe führt nach unten. Auf dem Hang hat sich Buschwerk breitgemacht, Himbeersträucher stehen da, auch Blumen haben sich angesiedelt, Ringelblumen in ihrem sternförmigen Rot-Gelb leuchten hervor. Auf dem Teil des Hangs ohne Büsche und Blumen legen die Frauen ihre gewaschene Wäsche auf den Rasen zum Bleichen. Unten angekommen überquert Max U. die Gleise, er ist immer über die Gleise gegangen. Und im Gegensatz zu Jakob, der erst später in der Literatur auftauchen wird2, bleibt er stets unversehrt. Im Dienstgebäude sind manchmal schon Kollegen da, Max U. konnte auch der Erste sein, der Letzte war er nie. Die Begrüßung ist herzlich, nicht überschwänglich. Die Frage nach dem Befinden wird mit einem „Es wird schon!“ beantwortet, man geht eher wortkarg miteinander um. Heute steht für Max Außendienst auf dem Dienstplan. Für den Außendienst ist natürlich das Wetter von entscheidender Bedeutung. Vermutungen werden ausgetauscht. Heute bleibt es kalt, es wird warm, es könnte Regen geben. Und im Laufe des Tages wird sich der eher wortkarge Umgang auch nicht ändern. Wenn man zu zweit im Gleisfeld unterwegs ist, sind die Gespräche eher fachlicher und technischer Art. Max U. trägt sich in den heutigen Dienstplan ein.

Der Obere Bahnhof von Plauen liegt an der Strecke, die Nürnberg mit Leipzig verbindet. Die Bahngleise beschreiben einen großen Bogen, an dessen unterster südlicher Seite der Obere Bahnhof liegt. Vom Bahnhof aus gesehen führen die Gleise nach Westen und Norden, biegen dann wieder nach Westen und Süden ab: Schönberg, Gutenfürst, Feilitzsch, Hof. Die andere Richtung verläuft zunächst nach Osten und danach nach Norden: Jössnitz, Reichenbach, Neumark. Diese Gleise teilen sich in einen Strang nach Norden, der Plauen mit Leipzig und nach Osten, der Plauen mit den Orten Zwickau und Chemnitz verbindet. Ein weiterer Gleisstrang geht nach Süden zu den Orten Oelsnitz, Adorf, Brambach und Eger. Zum Wartungsbezirk Plauen gehören noch die Nebenstrecken von Mehltheuer nach Gera, die von Weischlitz über den Unteren Plauener Bahnhof nach Gera, die von Oelsnitz nach Zwickau und die von Adorf nach Chemnitz. Anfang der 20er Jahre kommt die Strekke Plauen – Lottengrün ins Stickereirevier hinzu.

Max U. fährt mit einem Streckenwärterkollegen zum Bahnhof Jocketa. Der weitere Weg wird zu Fuß zurückgelegt. Der Schienenoberbau wird in Augenschein genommen. Markantestes Merkmal der Prüfung erfolgte aber über die Ohren. Ein Hammer, an langem Stil, wird im Rhythmus der Begehung gegen die Schienen geschlagen. Hell und klar schallt der Klang zurück, wenn das Gleis ohne Risse oder Brüche ist. Bei Schäden am Gleis stirbt der Klang rasch ab, bleibt als jämmerlicher Rest in der Luft hängen. Das Auge wird wieder gebraucht bei der Betrachtung der Gleisgeometrie, im Zweifelsfalle wird mit einer Schablone das Schienenkopfprofil auf mögliche Abnutzung hin geprüft. Routiniert werden Weichen, Kreuzungen und Stoßlücken geprüft, bei Bedarf geölt oder geschmiert. Die Freileitungen und das Freileitungsgestänge werden kontrolliert. Auch die Signalanlagen müssen zuverlässig arbeiten. Die Zwei, die nebeneinander durch das Gleisbett gehen, reden wenig miteinander. Es bleibt meist bei technischen Hinweisen. Die große Vertrautheit ist nicht nur ein angenehmer Nebeneffekt bei der Arbeit, sondern kann auch lebensrettend sein. Die zu begehende Strecke ist für den Zugverkehr nicht gesperrt. Damit man rechtzeitig aus dem Gleisbett kommt, ist sicherlich die Kenntnis des Fahrplans von Nutzen. Noch wichtiger ist aber der Seh- und Hörsinn, der einen ankommenden Zug meldet. Und zwei Augenpaare oder zwei Ohrenpaare, die sich nicht wechselseitig ablenken, sind da von Nutzen.

Die einzigen Personen, denen sie begegnen, sind die zahlreichen Schrankenwärter. Dort ist vor allem Max aktiv. Jede einzelne Straße und jeder Feldweg, die über Gleise führen, sind durch Schranken geschützt. Er prüft die Funktionsfähigkeit des Telegraphen. Alle dienstlichen Mitteilungen laufen hierüber. Trotz der Entwicklung der drahtlosen Telegraphie zu Beginn des Jahrhunderts nutzt die Reichsbahn weiterhin das Kabel zur Übertragung von Mitteilungen. Jeder Zug wird angekündigt und der Schrankenwärter muss wissen, wann die Schranke zu schließen ist. Man kennt sich. Man kennt die Familien, fragt nach dem Befinden der Frau und nach dem schulischen Fortkommen der Kinder. Technisches muss geklärt werden. Routine eben. Manchmal vermitteln die Schrankenwärter auch zwischen der Stadt und dem Land. Angefangen hatte es im ersten Kriegsjahr 1915. „Versorgungsengpässe“ hieß es im Politsprech. Was soll ich morgen auf den Tisch stellen, schon wieder nur Rüben, ist deren volkstümliche Variante. Und da fingen die Schienen- und Telegraphenwärter an die Schrankenwärter zu befragen, ob sie nicht Lebensmittel entbehren könnten. Max hätte sich in seiner Zurückhaltung, vielleicht war es auch Stolz, nicht getraut, so anzufragen. Sein Kollege war es. Zum Schrankenwärterhaus gehört nämlich auch ein Garten, mal kleiner, mal größer. Angebaut wird alles an Obst und Gemüse, was die Familie übers Jahr braucht. In manchen Jahren meint es die Natur besonders gut mit ihr und bringt Früchte im Überfluss. Gibt der Schrankenwärter den Überschuss an die Städter ab, dann hat er einen geringen Nebenverdienst und die Stadtbewohner etwas Abwechslung auf dem Küchentisch. Einige, nicht alle, sehen auch zu, dass nicht nur der eigene Garten in den Umschlag einbezogen ist, sondern auch die umgebenden Bauern ihre Produkte wohlfeil loswerden. Sicherlich ist das Vogtland aufgrund seiner geografischen Bedingungen keine Gegend für ausgedehnte Landwirtschaft. Es reicht zum Leben. Wird mehr produziert, kommt eben der Schrankenwärter ins Spiel. Obst und Früchte wechseln den Besitzer. Wir reden letztlich über kleine Mengen. Die Taschen, die Max und sein Kollege bei ihrer Inspektion auf den Schultern tragen, sind schon gefüllt mit Werkzeugen und Schmiermittel und dem Henkeltopf fürs Mittagessen. Platz ist noch da, jedes Kilogramm mehr muss selbstverständlich auch getragen werden. Im Steckrübenwinter 1916/17, Folge von Kartoffelfäule und britischer Seeblockade, war allerdings auch die Schrankenwärterquelle versiegt. Man aß also wieder nur Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenkoteletts, Steckrübenpudding, Steckrübenmarmelade und Steckrübenbrot.