Elya 2: Das Bündnis der Welten - Dana Müller-Braun - E-Book

Elya 2: Das Bündnis der Welten E-Book

Dana Müller-Braun

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Beschreibung

**Kampf mit der Dunkelheit** Licht gegen Dunkelheit, Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse. Daraus besteht mittlerweile Elyas Leben. Doch lassen sich diese Dinge manchmal gar nicht so leicht voneinander trennen. Elyas Kräfte als weißer Drache schwinden zunehmend und sie weiß nicht mehr, wem sie überhaupt noch vertrauen kann. Letztendlich bleibt ihr aber nichts anderes übrig, als sich auf den geheimnisvollen Levyn und seine Freunde zu verlassen, um für den Erhalt ihrer Welten zu kämpfen. Denn die Fehde der verfeindeten Herrscher lassen die Grenzen dieser immer mehr verschwimmen. Wäre ihr Leben doch bloß nicht so ein Chaos und Levyn nicht so undurchschaubar… //Die romantisch-dramatische »Elya«-Trilogie umfasst die Bände: -- Elya 1: Der weiße Drache  -- Elya 2: Das Bündnis der Welten -- Elya 3: Das Licht der Finsternis//

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Dana Müller-Braun

Elya 2: Das Bündnis der Welten

**Kampf mit der Dunkelheit** Licht gegen Dunkelheit, Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse. Daraus besteht mittlerweile Elyas Leben. Doch lassen sich diese Dinge manchmal gar nicht so leicht voneinander trennen. Elyas Kräfte als weißer Drache schwinden zunehmend und sie weiß nicht mehr, wem sie überhaupt noch vertrauen kann. Letztendlich bleibt ihr aber nichts anderes übrig, als sich auf den geheimnisvollen Levyn und seine Freunde zu verlassen, um für den Erhalt ihrer Welten zu kämpfen. Denn die Fehde der verfeindeten Herrscher lassen die Grenzen dieser immer mehr verschwimmen. Wäre ihr Leben doch bloß nicht so ein Chaos und Levyn nicht so undurchschaubar …

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Vita

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© privat

Dana Müller-Braun wurde Silvester ’89 in Bad Soden im Taunus geboren. Geschichten erfunden hat sie schon immer – Mit 14 Jahren fing sie schließlich an ihre Phantasie in Worte zu fassen. Als das Schreiben immer mehr zur Leidenschaft wurde, begann sie Germanistik, Geschichte und Philosophie zu studieren. Wenn sie mal nicht schreibt, baut sie Möbel aus alten Bohlen, spielt Gitarre oder verbringt Zeit mit Freunden und ihrem Hund.

Wenn du Schwerter hebst, um Frieden zu stiften,

denk daran, dass du eine Stimme besitzt.

Denn Krieg ist das Gegenteil von Frieden und Liebe ein Teil von ihm.

Für die Personen, bei denen ich nie kämpfen musste, um meine Stimme zu finden und Frieden zu säen. Meine Familie.

Kapitel 1

»Deine Beine, Lya!«

Schwer atmend sehe ich hinab.

»Dein Ziel nie aus den Augen lassen!«

Ein Schlag trifft mich, als ich gerade wieder zu Myr aufschauen will. Ich stöhne und beuge mich vor, um das Blut auszuspucken. »Ich kann nicht mehr!«

»Willst du das deinen Feinden auch sagen?!« Er lacht herablassend.

»Meine Feinde kann ich anders töten!«, knurre ich voller Hass. Voller Mordlust.

Myr hebt seine Brauen. »Du kannst gar nichts, wenn du dich weiterhin nur verwandelst, wenn du wütend bist.«

»Wütend? So nennst du meinen Zustand nach Levyns Tod?!«

Er zuckt kurz zusammen. »Schluss für heute«, brummt er dann und löst die Handschuhe von seinen Fingern. »Denk an deine Beinarbeit, daran, dein Gesicht immer zu schützen. Und bitte, bitte behalt deinen Feind im Auge, Lya.«

»Warum? Weil Levyn mich hier in Acaris eingesperrt hat und demnächst Scharen von Boxkämpfern eintreffen werden?«

Ich mache eine wegwerfende Geste, woraufhin Arya leise lacht. Mein Blick wandert zum Fenster, wo sie sitzt und uns amüsiert zusieht.

»Glaub mir, Lya, hier in Acaris hast du mehr Spaß. Levyn sitzt in der Welt der Finsternis und liest ein altes Buch nach dem anderen, um herauszufinden, wie er dir dein Herz zurückgeben kann.«

»Kein Wunder, dass ihr ständig bei mir herumlungert«, maule ich, obwohl ich froh bin, dass sie hier sind. Froh, dass sie mich von Levyns Verschwinden, den Bildern seines toten Körpers in meinen Träumen und Tharys ablenken und mich normal behandeln. Nicht so, als wäre ich plötzlich ein Monster mit grauen Haaren.

»Was wirst du zur Krönungsfeier tragen?«, lenkt Arya ab.

Ich atme tief durch. »Tharys hat mir irgendein Kleid machen lassen.«

»Oh, in den passenden Farben zu seinem Outfit?« Sie zwinkert mir lasziv zu.

»Wohl kaum«, ist alles, was ich zurückgebe. Tharys wird dort mit seiner Verlobten auftauchen, also bin ich an dem Abend nicht mehr als eine Freundin, die bei ihm lebt. Eigentlich bin ich auch ohne diese Krönung nicht mehr als das. Außer der Tatsache, dass wir uns ab und zu von allem anderen ablenken. Er von seiner bevorstehenden Krönung und ich, ja ich …

»Ich dachte, ihr schlaft miteinander. Darf der Thronfolger seine Mätresse etwa nicht zur Krönung mitnehmen?« Arya schmunzelt, aber ich höre den Vorwurf in ihrer Stimme.

»Ich habe kein Herz. Schon vergessen? Ich darf also machen, was ich will. Auch wenn es auf euch herzlos wirkt«, zische ich und entledige mich des Tapes um meine Finger.

»Levyn denkt vielleicht, du seiest herzlos. Wir wissen es besser. Und Myr und mir ist durchaus bewusst, wie du am nächsten Tag aussiehst, wenn du mit Tharys das Bett geteilt hast. Voller Schuld.«

Aryas Blick lastet argwöhnisch auf mir. Sie will mich aus der Reserve locken.

»Schuld wem gegenüber? Levyn? Jemandem, der mich nie wollte und mich dann hier zurückgelassen hat? Sicher nicht.«

»Nicht ihm gegenüber. Dir gegenüber, Lya. Damit verrätst du dich selbst. Aber es ist nicht meine Aufgabe, dir zu sagen, mit wem du in die Kiste springen sollst.«

Myr beißt sich unruhig auf seiner Unterlippe herum. Ihm ist dieses Thema mehr als unangenehm. Nicht nur, weil Tharys sein Bruder ist und Levyn sein bester Freund. Nein, vor allem, weil es hier um mich und mein Sexleben geht. Vor ein paar Wochen hat er mir diese kleinen Pillen gegeben, die Drachen nehmen, wenn sie nicht schwanger werden wollen. Aber gesagt hat er dazu nichts.

»Richtig. Es ist nicht deine Aufgabe!«

Ich wende mich ab, um in mein Zimmer zu gehen. Arya aber erhebt sich und kommt auf mich zu. Ihre hellen Haare fallen wie weiche Wellen um ihr Gesicht und bedecken Teile ihrer zarten Haut. Doch ich weiß mittlerweile, so elfenähnlich, wie Arya wirkt, so kantig und brutal ist sie in ihrer Seele.

»Hör endlich auf, dich selbst zu bestrafen!«, sagt sie dicht neben meinem Ohr. Myr hört nicht mehr zu oder tut zumindest so.

»Womit sollte ich mich selbst bestrafen? Und weshalb?«

»Indem du jemanden bei dir hast, den du nicht liebst, um zu verhindern, dass du dir selbst eingestehen musst, dass du immer noch fühlst, Lya. Dass du mit Tharys schläfst, weil du ihn gerettet hast und nicht Levyn. Und das vor dir selbst begründen willst.«

»Tharys bedeutet mir etwas!«, gebe ich zwischen zusammengepressten Zähnen zurück.

Arya nickt und schenkt mir ein engelsgleiches Lächeln. »Ich weiß, dass er dir etwas bedeutet, sonst würdest du das nicht tun. Aber du liebst ihn nicht.«

Ich presse meine Lippen aufeinander und nehme allen Mut zusammen, zu gehen. Ich will nicht über mein Liebesleben oder meine Gefühle reden. Darüber, dass ich immer noch fühle. Dass ich es fast schon mehr tue als zuvor.

Während ich gehe, lege ich meine Hand auf die Brust. Nichts. Nur Leere. Grausame Leere, die mir beweist, dass etwas nicht stimmt. Aber eine Sache hat Levyn übersehen, als er mich hier zurückgelassen hat. Mein Herz mag aufgehört haben zu schlagen. Aber meine Seele … Meine Seele lebt.

Ich verbringe den Rest des Tages, wie ich sie in den letzten drei Monaten auch verbracht habe. Essen. Lesen. Schlafen. Hauptsache, keine Sekunde übrig lassen, in der ich mir Gedanken machen könnte. In der ich an ihn denken könnte.

Als ich abends auf meinem Bett liege und halbherzig in einem Buch lese, klopft es an meiner Tür. Ich ziehe meine Brauen zusammen. Tharys wird morgen gekrönt. In Acaris steht dem zukünftigen König in der Nacht davor eine Salbung und danach der Geschlechtsverkehr mit seiner Frau bevor, damit er als echter Mann zum König wird. Er kann es also nicht sein.

»Ja?«, frage ich, lasse das Buch aber nur ein wenig sinken.

Und trotz allem ist es Tharys, der in meiner Tür steht und mich mit seinen grellgrünen Augen anfunkelt.

»Was machst du hier?«, frage ich irritiert.

»Na ja, der Brauch besagt, dass ich heute Nacht das Bett mit meiner Zukünftigen teilen soll«, raunt er und kommt näher.

»Dann solltest du jetzt wohl bei deiner Verlobten sein«, entgegne ich kühl. Und auch das, was ich da sage, lässt mich kalt. Etwas, das mir Aryas Worte nur noch bewusster macht.

»Lya, du weißt, dass ich diese Verlobung löse, sobald ich König bin.«

Ich verkrampfe mich. In den letzten Monaten habe ich immer wieder gehofft, er würde nicht darüber reden. Nicht etwa, weil ich gern eine Ehebrecherin bin, nein. Sondern weil ich Tharys niemals geben könnte, was er will.

»Ich …«, stammle ich und lege das Buch zur Seite, während er vor meinem Bett stehen bleibt.

»Du willst nicht meine Zukünftige sein?«, hakt er nach. Seine Augen werden hart.

»Ich will einfach nichts sein«, entgegne ich wahrheitsgetreu.

»Lya, hör auf damit. Das Thema hatten wir schon so oft. Du bist so viel mehr, als du dir selbst einzureden versuchst.«

»Und du hast etwas Besseres verdient.«

Er verzieht den Mund, bevor er sich neben mich auf das Bett schmeißt. Seine Hose rutscht ein wenig hoch und erlaubt mir einen Blick auf seinen Knöchel, um den sich das Ende eines Tattoos schlängelt. Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Ich bin einfach blind für Tharys. Etwas, das meine Aussage nur bestätigt.

»Es gibt nichts Besseres.«

Ich schnaufe. »Können wir nicht einfach wieder zu dem Punkt zurückgehen, an dem wir abgemacht haben, dass das nur … Zeitvertreib ist?«

»Das ist es für dich?«

Ich nicke, obwohl das natürlich nicht ganz stimmt. Aber auch Tharys ist nicht wirklich ehrlich. Ja, er mag mich. Er mag mich sogar sehr. Aber ich sehe es in seinen Augen. Spüre es in der Art, wie er danach neben mir liegt und seine Arme um mich schlingen will. Er will mehr. Das mit mir, das, was er von mir bekommt, ist nicht das, was er sich wünscht. Nicht das, wovon er träumt.

»Du gibst mir die Schuld, oder?«, fragt er vorsichtig.

»Wofür?«

»Dafür, dass du mich und nicht ihn gerettet hast. Dafür, dass ich der Herrscher der Welt des Lichts bin, und dafür, dass du ihm dein Herz gegeben hast.«

Ich presse meine Zähne zusammen. Ich weiß, dass er keinerlei Schuld an all dem trägt. Ich weiß es, weil ich allein schuld daran bin.

»Tharys«, murmle ich, beuge mich zu ihm und streiche ihm eine dunkelblaue Strähne aus dem Gesicht. »Ich gebe dir nicht die Schuld.«

»Aber du willst, dass sich deine Entscheidung richtig anfühlt.«

Na super. Noch einer. Soll er sich doch mit Arya zusammentun.

»Möchtest du … Also … Lässt es dein Brauch zu, dass wir heute Nacht einfach nur … beieinander sind?«, frage ich mit belegter Stimme.

»Soll das heißen, dass du kuscheln willst?« Er hebt belustigt einen Mundwinkel.

»Nebeneinander liegen«, korrigiere ich ihn.

Er lächelt, nickt dann und zieht mich in seine Arme.

Diese Momente, in denen wir uns einfach so, ohne Sex, nah sind, gibt es nur selten. Vor allem, weil ich es nicht kann, wenn wir davor intim waren.

Levyn sieht mich herablassend an. Er sitzt auf einem schwarzen Thron, lacht und blickt auf mein Halsband.

»Dachtest du, dass du mich derart hintergehen kannst und ungeschoren davonkommst?«, fragt er mit bitterkalter Stimme, die von den schwarzen Wänden widerhallt.

Ich sage nichts. Ich versuche es, ja. Aber es ist, als wäre meine Zunge zentnerschwer.

»Du hast also nichts zu deiner Verteidigung zu sagen?« Er hebt eine Braue. »Tötet sie!«

Eine Klinge legt sich an meinen Hals. Eine kalte, metallene Klinge, die mir den Verstand raubt.

»Nein!«, schreie ich, doch es ist zu spät. Die Klinge zieht ihre Linie und ich ersticke. Ich ringe noch nach Luft. Spucke Blut. Aber Levyns Gesicht verschwimmt vor mir.

»Lya!«

Ich schreie. Immer und immer wieder. Und plötzlich gleiten diese Schreie sogar über meine Lippen. Hinaus aus meinem Mund.

»Lya!«

Ich blinzle, als mich etwas schüttelt. Mich grob an meinen Schultern zurück in die Realität holt. Tharys’ grüne Augen starren mich voller Sorge an.

Als ich begreife, wo ich bin, platzen die Tränen aus meinen Augen. Tharys zieht meinen Körper an sich und streicht mir sanft über den Kopf.

»Es war nur ein dummer Traum, Lya.«

Ich nicke an seiner Brust. Dabei weiß ich, das war nicht nur ein Traum. Das war viel mehr.

***

»Er tötet Leute!«

Arya und Myr mustern mich skeptisch, während sie sich den Mund mit Pancakes vollstopfen.

»Nehmt ihr mich überhaupt ernst?!«, schreie ich sie an.

»Levyn ist kein Mörder, Lya.«

»Ich habe es aber gespürt! Ich habe sein Herz gespürt!«

»Meinst du nicht, dass es vielleicht einfach ein Traum war, der …«

»Der was?«, unterbreche ich Myr.

»Na ja, der von dem Teil deines Unterbewusstseins kommt, der sich schuldig fühlt.«

Ich lasse mich in meinem Stuhl nach hinten sinken. Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Genau aus diesem Grund habe ich auch gezögert, ihnen davon zu erzählen. Aber … Ich habe Levyns Schmerz gespürt. Seine Seele, die geschrien hat.

»Lya, ich bin erst vorgestern hier angekommen. Und als ich gegangen bin, war Levyn noch kein blutrünstiger Mörder«, versucht Arya mich zu beruhigen.

Aber es hat keinen Sinn. Ich kenne Levyn. Und ich spüre ihn. Ich spüre ihn, seit er mein Herz in seiner Brust trägt. Und dieser Traum war kein normaler Traum.

»Tharys hat dich sicher gut beschützt.«

Ich werfe Arya einen vernichtenden Blick zu. Die aber zuckt nur belustigt mit den Schultern und vergeht sich weiter an den Pancakes. Ich kann keinen Bissen essen. Immer wieder tauchen Bilder vor mir auf, wie Levyn am Herd steht und diese dummen Dinger brät.

»Wird er … Wird er heute Abend …«

»Ja, er wird erscheinen. Er muss erscheinen«, beantwortet Myr meine unausgesprochene Frage.

Ich schlucke schwer. Seit drei Monaten war Levyn nicht hier. Er hat mir nicht einmal über Arya oder Lucarys eine Botschaft zukommen lassen, die sich mit ihren Aufenthalten hier abwechseln, damit ich nicht allein bin und wahrscheinlich, um Levyn Bericht zu erstatten, ob ich schon ein seelenloses Monster geworden bin. Myr hingegen ist die ganze Zeit bei mir geblieben.

»Was ist?«, fragt Arya, als sie meinen unsicheren Gesichtsausdruck bemerkt.

»Ich will ihn nicht sehen«, brumme ich und esse eine Erdbeere.

»Du kennst ihn doch. Er lässt sich kurz blicken und weg ist er«, wendet Myr ein.

Ich verziehe nur den Mund. Denn obwohl ich seine dummen Sprüche manchmal vermisse, will ich ihn wirklich nicht sehen. Will den Hass nicht spüren, den ich gespürt habe, als er zusammen mit Arya und Lucarys gegangen ist und mich hiergelassen hat. Ich will mich nicht weiter schämen. Nicht dieses Gefühl der Schuld spüren. Ich will es einfach nicht. Und schon gar nicht will ich wieder diesen Blick sehen, den er mir das letzte Mal zugeworfen hat. Als wäre ich nur noch zur Hälfte oder sogar gar nicht mehr die Person, die er kannte.

Und gerade als ich mir vornehme, ihn einfach nicht wahrzunehmen, spüre ich seine Gegenwart wie einen Sturm über mich hereinbrechen. Meine Glieder zucken. Mein Atem stockt.

Levyn ist hier.

***

Jusya steckt mir meine Haare zusammen, während ich das Gefühl unterdrücke loszuschreien. Vor allem, weil Levyn seit Stunden hier ist, aber ich ihn nicht zu Gesicht bekommen habe. Nein, er hat es nicht für nötig gehalten, mir wenigstens Hallo zu sagen.

Als Jusya fertig ist, ziehe ich das weiße Kleid an, das Tharys auf mein Bett hat legen lassen, und gehe zusammen mit Myr, der vor meiner Tür gewartet hat, hinunter in den Thronsaal. Mittlerweile nehme ich die Schönheit der blau schimmernden Diamanten nicht einmal mehr wahr.

Der Thronsaal ist prunkvoll geschmückt und mit Bänken ausgestattet. Vorn, neben dem Thron, sitzt Myrs Vater, der nur ins Leere starrt. Es hat nicht lange gedauert, bis die Wasserdrachen und vor allem die Bewohner Acaris’ begriffen haben, dass Nyla seinen Geist zerstört hat und Tharys schnellstmöglich König werden muss. Sie selbst wurde eingesperrt und redet seitdem kein Wort mehr.

»Dritte Reihe«, raunt Myr mir zu und deutet auf eine der Holzbänke, die mit weißen Lilien verziert sind.

Ich dränge mich an einigen Drachen vorbei, bevor ich an unserer Reihe ankomme und mein Blick auf … Levyn fällt.

Meine Seele brennt wie Feuer. Das Getuschel um mich herum erstirbt in meinen Ohren. Levyns Blick ist stramm nach vorn gerichtet.

Mein Mund öffnet sich. Will seinen Namen sagen. Will irgendetwas sagen. Aber wie in meinem Traum versagt mir die Stimme.

»Soll ich mich neben ihn setzen?«, flüstert Myr.

Ich schüttle den Kopf und setze mich. Neben Levyn, der so tut, als würde er meine Ankunft gar nicht bemerken. Aber seine Hände spannen sich unruhig an und sein Atem geht schneller. Kurz meine ich sogar zu hören, wie er meinen Geruch einatmet.

Er wendet sich einer jungen Frau neben sich zu und sagt etwas, das sie zum Lachen bringt.

Dunkelheit umhüllt mich. Dieser vertraute Geruch. Dieses Gefühl, anzukommen. Aber auch Wut, unbändige Wut.

»Sagst du mir jetzt nicht einmal mehr Hallo?«, durchbreche ich ihr Kichern.

Levyn lehnt sich angestrengt nach hinten, bevor er mir einen düsteren Blick zuwirft, der meine Brust brennen lässt. »Hallo, Lya.«

Am liebsten würde ich schreien. Ihn anschreien und meinen Körper, weil er mir mit dem Klang seiner Stimme das Gefühl gibt, endlich wieder zu Hause zu sein.

Ich starre Levyn ausdruckslos an, der sich längst wieder von mir abgewandt hat. Ich hingegen kann meinen Blick nicht von ihm nehmen. Nach einer Regung suchend starre ich auf seine Hände, die sich mittlerweile wieder entspannt haben.

Um mich herum wird es immer stiller. Ich wende meinen Blick ab.

Levyn beugt sich leicht zu mir und bringt damit meinen Atem zum Stillstand. »Achtung, kleiner Albino. Dein Lover kommt. Du willst doch nicht seine Krönung verpassen, nur um mich anzustarren«, raunt er dicht neben meinem Ohr.

Wie vom Blitz getroffen hebe ich meinen Kopf und berühre mit meiner Wange seine. Kein Zischen. Kein Schmerz, der in seinen Augen aufflackert. Stattdessen brandet Zorn in ihnen, als er den fehlenden Schmerz bemerkt.

Bevor ich etwas erwidern kann, rammt Myr mir seinen Ellbogen in die Taille. Ich richte meinen Blick auf den Mittelgang, wo gerade Tharys in seiner blauen Robe entlangschreitet und Levyn einen argwöhnischen Blick zuwirft. Der allerdings schenkt ihm nur ein süffisantes Lächeln.

Der Wasserdrache, eine Art Priester, der die Krönung durchführt, spricht in einer uralten Sprache der Wasserdrachen, was es mir noch schwerer macht, der Zeremonie zu folgen. Als er die Krone schließlich über Tharys’ Kopf hält, leistet der seinen Schwur, ebenfalls in der Sprache der Wasserdrachen.

»Ihh swere triuwe de fulka de wazzertrahho. Wone min herton in irn sela. Min wizza sin irn giferto. Sin irn bidarfa min geri. Ut min geist abafaran aba erda.«

»Ich schwöre Treue dem Volk der Wasserdrachen«, übersetzt Myr flüsternd für mich. »Wohne mein Herz in ihren Seelen. Mein Wissen sei ihr Gefährte. Seien ihre Bedürfnisse auch mein Verlangen. Bis mein Geist von dieser Erde verschwindet.«

Der Priester lässt die Krone auf seinen Kopf hinabsinken und Tharys wird augenblicklich von einem blauen Licht ummantelt. Es sieht wunderschön aus und lässt mich Levyn für ein paar Sekunden vergessen. Aber nur so lange, bis der sich neben mir erhebt.

Ohne zu begreifen, was ich da tue, greife ich nach seinem Arm. Er sieht mit angehaltenem Atem zu mir herab.

»Können wir bitte reden?« Die Stimme, die meinen Mund verlässt, ist anders, schwächer, als sie eigentlich klingt.

Die anderen Drachen um uns herum erheben sich ebenfalls und verneigen sich vor Tharys. Alle bis auf die anderen Herrscher, die majestätisch stehen bleiben, weil es sich für Könige nicht gehört, sich zu verneigen. Und keiner von ihnen steht über einem der anderen.

»Es gibt nichts zu reden, Lya.«

»Bitte!«, flehe ich und presse meine Lippen aufeinander, um nicht an der Schuld zu ersticken, die meine Kehle erfüllt.

»Schön«, sagt Levyn knapp und zieht mich dann mit sich in Richtung Terrasse.

Ich spüre Tharys’ Blick auf mir, als wir hinaus in die kühle Luft treten.

Als Levyn stehen bleibt und mich loslässt, starrt er mich erwartungsvoll an. »Rede!«

»Was soll das?!«

»Was soll was?«, entgegnet er mit zusammengeschobenen Brauen.

»Dein Auftritt hier. Die Tatsache, dass du mich seit Monaten ignorierst und mir nicht die Chance gibst, darüber zu reden.«

»Du kannst dich gern bei jedem hier ausweinen, Lya. Auch an Tharys’ nacktem Körper. Aber ich habe keine Zeit für diesen Unsinn.«

»Wir waren mal Freunde«, entgegne ich, weil mir nichts anderes einfällt.

Er atmet genervt und schwer aus. »Wir waren nie Freunde.«

Ich schlucke. Will noch etwa sagen, aber ich kann nicht. Meine Brust füllt sich mit brennender Säure.

»Alles in Ordnung, Lya?«

Ich schließe meine Augen, als ich Tharys’ Stimme erkenne. Ich will ihn anschreien, wegzugehen, und gleichzeitig will ich nichts mehr, als dass er mich hier wegbringt. Weg von Levyn.

»Keine Sorge, König der Wasserdrachen. Ich nehme sie dir nicht weg«, sagt Levyn tonlos. Beinahe so, als würde er ihm ganz sachlich die Wahrheit sagen. »Außerdem stehe ich nicht so auf Dreiecksgeschichten.«

Tharys tritt näher und mustert mich, als würde er an mir nach Wunden suchen. Aber die, die Levyn mir zugefügt hat, kann er nicht sehen. Niemand kann sie sehen.

Das bläuliche Wasser um uns herum sieht heute verdammt rot aus. Als würde darüber ein Feuer brennen.

Ich blicke hinauf in Levyns dunkle Augen, die immer noch auf Tharys gerichtet sind. Mustere die dunklen Schatten in ihnen, rieche den vertrauten Duft und etwas in mir spürt diese Verbundenheit zu ihm. Spürt sie und den Schmerz, den er mit seiner Abweisung in meiner Seele hinterlässt. Und als ich das alles spüre, erwürgt mich die Scham und etwas in mir fleht danach, hier rauszukommen. Weg von Tharys und dem, was ich mir und ihm antue. Weg von unseren Berührungen. Von dem, was ich getan habe.

Levyns Augen zucken kurz und richten sich dann auf mich. Und als ich seinen Blick erkenne, begreife ich, dass er gerade alles, was ich gedacht habe, mit angehört hat. Er presst seine Lippen aufeinander.

Tharys kommt einen Schritt näher.

»Verschwinde!«, knurrt Levyn.

»Das hier ist mein Königreich, Levyn. Bruderschaft hin oder her«, sagt Tharys bedacht und ruhig. Ich höre Levyns Kiefer unruhig knacken.

Bruderschaft? Was meint er damit? Etwa ein unausgesprochenes Gesetz zwischen Herrschern?

»Verschwinde von hier oder ich breche dir jeden Knochen einzeln, Tharys!«

Blinzelnd versuche ich zu begreifen, was Levyn da macht. Aber ich weiß es längst. Er hat meine Gedanken gelesen und die waren … eindeutig. Ich will nicht länger hierbleiben. Bei Tharys.

»Ich werde Lya nicht bei dir lassen. Du hast gar nichts bei ihr zu suchen! Sie gehört mir!«

»Ich gehöre dir?!«, wiederhole ich irritiert.

Levyn und Tharys tauschen seltsame Blicke.

»Was soll das bedeuten? Spinnst du?« Ich wende mich von Tharys ab und sehe zu Levyn. Er fixiert ihn, als würde er jede Sekunde auf ihn losgehen.

»Er meint gar nichts«, weicht Levyn aus.

»Ihr könntet ihr so langsam die Wahrheit sagen, meint ihr nicht?!«, ertönt Aryas Stimme hinter mir.

Ich zucke zusammen und starre dann alle drei nacheinander an.

Arya seufzt, kommt auf mich zu und leckt sich über ihre Lippen. »Levyn hat einen kleinen Handel mit Tharys geschlossen.«

Levyn funkelt Arya böse an.

»Was für einen Handel?«, wende ich mich an ihn. Sein Blick landet schuldbewusst auf mir. »Was für einen Handel, Levyn!?«, fordere ich lauter.

»Ich halte mich von dir fern, dafür macht er dich wieder zur Herrscherin der Lichtwelt«, sagt er knapp. Seine Stimme ist rau und belegt.

Ich öffne fassungslos meinen Mund. »Und wie soll das funktionieren?!«

Levyn schweigt.

»Indem er dich zur Frau nimmt«, erklärt stattdessen Arya.

Meine Lippen beben. Levyn wendet seinen Blick schuldbewusst von mir ab und dann sehe ich Tharys an, der dasteht, als hätte ihm gerade jemand einen Pfeil in die Brust gejagt.

»Und was sollte das? Ich war hier. Bei dir. Was hätte es geändert, wenn Levyn sich nicht von mir ferngehalten hätte?!«, fahre ich ihn an. Ich kann meine Gedanken kaum ordnen.

Tharys lacht kalt auf. »Du hättest mich doch keine Sekunde beachtet, wenn er hier gewesen wäre. Jeder Blinde sieht, wie besessen du von ihm und seiner Scheißdunkelheit bist!«

»Das ist nicht deine Entscheidung!«, schreie ich ihn an.

»Du hast keine Ahnung, wer er wirklich ist! Du siehst nicht einmal, dass er dir einen Sklavenring umgelegt hat, um dich gefügig zu machen, so wie alle anderen Frauen vor dir!«

Levyns Mund verzieht sich mit einem Knurren.

»Dieser Typ ist gefährlich, verdammt noch mal!«

»Wag es, Tharys! Wag es, noch ein weiteres Wort zu sagen, und ich reiße dein schönes Acaris in die Dunkelheit!« Levyns Stimme ist ein leises, raues Grollen, das mir eine Gänsehaut über den Körper jagt. »Du hast keine Ahnung, wer ich bin.«

»O doch, Levyn! Das weiß ich! Jeder weiß es. Und dank Nyla weiß auch Lya, was du Lyria angetan hast. Und trotzdem steht sie hier und hält mich für den Bösen, während ihr Herz in deiner Brust schlägt!«

Levyn sieht Tharys einfach nur an. Bedrohlich, ja, aber trotzdem bin ich mir sicher, dass er nichts unternehmen wird. Und wenn er es täte, würde er wahrscheinlich wirklich die ganze Stadt mit in den Untergrund reißen. Und das weiß er. Das ist der Grund, warum er nicht handelt.

»Lya, komm mit mir!«

»Nein!«, wehre ich ab. »Ich werde bei keinem von euch bleiben! Ich bin nicht euer Scheißspielzeug!«, brülle ich ihn an und gehe.

Dass weder er noch Tharys mir folgt, beweist mir nur noch mehr, wie sehr sie der Meinung sind, dass ich sowieso auf sie angewiesen bin. Nicht ohne sie kann.

»Myr!«, flüstere ich ihm zu, als ich an ihm vorbeigehe, und deute ihm, mir zu folgen. Mit erhobenen Brauen geht er mir nach, bis wir in meinem Zimmer angekommen sind.

»Was ist los?«, fragt er irritiert und beobachtet mich, während ich all meine Sachen aus meinem Schrank herauszerre und in meinem Zimmer verteile. »Ähm … Lya?!«

»Diese beiden Idioten haben einen Handel geschlossen! Kannst du das fassen?!«

»Könnte ich vielleicht, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wovon du sprichst.«

»Levyn hat Tharys versprochen, sich von mir fernzuhalten, damit er mich heiratet und ich wieder Herrscherin des Lichts werde!«

Myr starrt mich fassungslos an. »L… Levyn hat das getan?«

»Sie beide!«, entgegne ich, während ich Kleider zerreiße, die Tharys mir hat machen lassen. »Ich verschwinde von hier!«

»Und wohin gehen wir?«

»Wir?!«

»Na ja, ich bin auch sauer«, sagt er lachend.

Als ich gerade kurz davor bin, in sein Lachen einzustimmen, springt die Tür auf. Arya mustert das Chaos mit geweiteten Augen. »Mistest du aus?«

»Ich gehe!«, zische ich.

»Wo gehen wir hin?!«, fragt sie interessiert.

»Ihr habt sie doch nicht mehr alle!«, brumme ich, während ich mir das weiße Kleid vom Leib reiße und es in eine Ecke pfeffere, bevor ich mir die schwarze Hose und das Oberteil überziehe, mit denen ich hergekommen bin. »Ich gehe allein.«

»Wir werden dich nicht allein gehen lassen. Und du wirst es sicher auch nicht schaffen … ohne uns«, wendet Arya ein.

»Ihr seid Levyns beste Freunde!«

»Na und? Er darf so was nicht tun! Er ist verrückt geworden!«, mischt sich Myr wieder ein.

Ich zucke fürchterlich zusammen, als es laut gegen die Tür hämmert. Ich renne zu ihr und schließe den Riegel. Schwer atmend lehne ich mich dagegen.

»Lya. Lass mich rein. Ich erkläre dir alles«, raunt Levyn, als wüsste er genau, dass ich direkt hinter der Tür stehe.

»Ich bin es ehrlich gesagt leid, dass du mir im Nachhinein immer alles erklären willst!«, fauche ich.

»Lya …«

Ich atme tief ein.

Ich kann nicht bei Tharys bleiben. Ich kann aber auch nicht mit dir gehen. Ich kann es einfach nicht. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das von dir beschützt werden will. Hinter dessen Rücken du Dinge entscheidest, nur um mich zu schützen.

Ich kann es nicht aussprechen, deshalb denke ich es.

»Lya, ich …«

»Nein, Levyn. Ich werde gehen!«

»Nein!«, knurrt er hinter der Tür.

Ein lautes Poltern lässt mich erneut zusammenzucken. »Bringt mich hier weg!«

Arya und Myr starren mich wortlos an, während Levyn beinahe die Tür eintritt.

»Los!«, schreie ich.

Sie tauschen seltsame Blicke, bevor sie auf mich zukommen und meine Hand ergreifen.

»Hol Luft, Lya! Hol tief Luft!«, flüstert Myr mir zu.

Schon im nächsten Moment bin ich umgeben von erdrückend kaltem Wasser. Ich strample und bemühe mich, etwas zu erkennen. Ich ertrinke. Woher kommt dieses ganze Wasser? Schwarze Dunkelheit umhüllt mich. Ich werde sterben.

Als ich gerade einfach irgendwohin schwimmen will, greift eine Hand nach mir und zieht mich mit sich. Immer weiter und weiter. Ich schwimme, strample. Bemühe mich, gegen den Druck in meiner Lunge und das Verlangen, zu atmen, anzukämpfen, bis ich endlich Licht erkenne. Ich schwimme weiter, trete gegen das kalte Wasser und tauche endlich auf. Atme. Sauge die Luft in mich ein. Die kühle Luft, die mich umgibt.

»Raus hier!«, keucht Myr und zieht mich weiter, bis wir am Ufer ankommen. Hustend werfe ich mich auf den Boden und ringe nach Luft, bis ich mich umdrehe und auf den See hinter uns blicke. Ich erkenne ihn. Es sieht zwar alles ein wenig anders aus und das Licht hier ist nicht rot, sondern gelb, aber es ist der See, durch den Myr und ich nach Acaris gekommen sind.

»Sind wir …«, keuche ich.

»In der sterblichen Welt, ja. Levyn kann hier momentan nicht her. Er …«

Arya spricht nicht weiter. Stattdessen richtet sie sich auf und wringt einige Stellen ihres Kleides aus. Im Gegensatz zu mir hatte sie keine Zeit mehr, sich umzuziehen, weshalb sie immer noch den gelben Stofffetzen trägt.

»Lasst uns irgendeine Hütte finden, wo ich mir andere Klamotten besorgen kann«, flucht sie und stapft durch das dichte Gras.

»Arya mag Kleider nicht sonderlich«, flüstert Myr mir lachend zu.

***

Nachdem wir stundenlang herumgelaufen sind und die Sonne bereits untergeht, erscheint endlich eine kleine Hütte vor uns.

»Wundere dich nicht, die leben hier im hintersten Schweden noch, als wären sie Wikinger«, erklärt Myr, während Arya bereits gegen die Tür hämmert. Ein Mann mit einem langen Bart, der zu einem Zopf geflochten ist, öffnet. Er mustert Aryas Aufzug.

»Wir brauchen einen Unterschlupf für die Nacht.«

»Weil sie«, Arya deutet auf mich, »sonst euer Blut trinkt!«

Ganz langsam wandern die Augen des bärtigen Mannes zu mir. Warum zum Teufel sollte ich sein Blut trinken? Ist Arya bekloppt geworden?

»Du weißt, wer wir sind«, sagt sie bedrohlich.

Er hebt nur seine Brauen und mustert mich weiterhin.

»Sie ist der Nidhöggr. Der Toten-Drache!«

Der Mann zuckt kurz, lässt seinen Blick aber immer noch skeptisch auf mir ruhen.

Arya wendet sich ab und kommt zu mir. »Du bist die Einzige, deren Fährte die Venandi noch nicht kennen. Wenn wir uns in der sterblichen Welt verwandeln, würden sie uns sofort aufspüren. Also musst du dir Schuppen wachsen lassen, damit der Idiot uns glaubt«, flüstert sie mir zu.

Ich schlucke, schließe meine Lider und konzentriere mich auf die Schuppen. Auf mein Gesicht. Auf die Macht, die ich in meinen Gliedern spüre. Und dann zuckt das Brennen erst durch meine Schläfen und dann ganz langsam um meine Augen herum.

Der Bärtige starrt mich ungläubig an. »Kommt herein«, sagt er dann und geht in die Hütte.

Wir folgen ihm, nachdem ich die Schuppen habe verschwinden lassen. Im Inneren sitzt eine Frau am Tisch und mustert uns ohne jegliche Angst.

»Ihr seid Drachen?«, fragt sie beinahe tonlos, lässt ihren Holzlöffel in ihre Suppe sinken und erhebt sich.

»Ja. Das sind Myrian und Elya und ich bin Arya.«

»Ich bin Kjell und das ist meine Frau Grimhild«, erklärt der Mann und deutet auf die Bänke um den Tisch, damit wir uns setzen. Während er Suppe vom Kamin in weitere Holzschüsseln verteilt, geht Grimhild an einen Schrank und holt eine Tüte mit Steinen heraus, die sie zu uns an den Tisch bringt, in Becher fallen lässt und sie anschließend mit Wasser befüllt.

»Zieht euch aus, bevor ihr euch an den Tisch setzt!«, befiehlt sie nüchtern. Ich kann die Angst in ihren Augen zwar deutlich erkennen, aber sie bleibt ganz ruhig. Bleibt die Hausherrin, die uns nicht gestattet, mit nassen Klamotten an ihrem Tisch Platz zu nehmen. »Merit, bring ihnen trockene Kleidung!«, ruft sie zu einer kleinen Nische unter dem Dach.

Es dauert einen Moment, aber dann klettert ein blondes Mädchen, beladen mit Klamotten, die kleine Holzleiter herunter und überreicht uns die Sachen. Wir bedanken uns höflich, während Merit sofort wieder in ihrer Nische verschwindet und Grimhild mit ausgestreckter Hand dasteht. Sie lässt keinen Widerspruch zu, also entledigen wir uns all unserer Kleider, bis wir nackt vor ihr stehen und uns dann die ausladenden Stoffe überziehen. Ich mustere mich und die anderen. Myr hatte recht. Wir sehen aus wie Wikinger.

Grimhild nimmt unsere nassen Sachen und hängt sie vor dem Kamin auf. Kjell bittet uns, Platz zu nehmen, und das Erste, was ich tue, ist, mein Mineralwasser komplett auszutrinken. Ich spüre, wie die Kraft langsam wieder durch meine Adern fließt.

Auch die anderen beiden setzen sich, trinken ihr Mineralwasser und beginnen ihre Suppe zu essen. Keiner spricht ein Wort, bis wir unsere Löffel niederlegen und sich auch Grimhild wieder zu uns gesellt.

Kjell lehnt sich ein wenig nach hinten und mustert uns. »Das letzte Mal, als wir Besuch eines Drachen hatten, ist bereits achtzehn Jahre her. Ich war noch ein kleiner Junge und habe genau hier mit meinen Eltern gesessen«, sagt er trocken, fast so, als würde er eine Geschichte erzählen. »Ich gehe davon aus, dass dieselben Regeln gelten wie auch damals. Wir geben euch Mineralien, Essen und ein Bett für die Nacht und ihr werft einen Schutz gegen die Anguis über einen von uns.«

Ich presse meine Lippen aufeinander und mustere Arya, die Kjell bedrohlich fixiert. Dann aber steht sie auf, geht zu ihrem Kleid und zieht einen kleinen metallenen Anhänger heraus. Als sie ihn auf den Tisch legt, mustere ich die seltsame Form. Es sieht beinahe aus wie ein Anker, mit Runen verziert.

»Ein Anhänger in Form des Mjölnir«, erklärt Myr neben mir. »Der Hammer des Thors.«

Ich bemühe mich, meine Kenntnisse über die nordische Mythologie aufzurufen, als Kjells Blick mich trifft.

»Thor besaß einen magischen Hammer, den Mjölnir. Er war so geschmiedet worden, dass er nie sein Ziel verfehlte und immer wieder zurück in seine Hand flog.« Er nimmt den Anhänger in die Hand und deutet auf die Runen darauf. »Dies ist die Nachbildung des Hammers. Die Rune, die in der Mitte steht, ist die R-Rune. Sie beschützt Menschen durch die Kraft des Thors, wenn sie in den Krieg ziehen oder auf ein Schlachtfeld gehen.«

Ich beiße mir auf die Unterlippe und beobachte das wunderschöne Schmuckstück mit den faszinierenden Runen, die im roten Kaminlicht leuchten.

»Thor tötete einst den Midgardwurd mit seinem Hammer. Ein Schlangenwesen. Deshalb beschützt dieser Anhänger uns vor den Anguis.«

»Und der Drache, der damals hier war, hat euch einen solchen Anhänger nicht dagelassen?«, hake ich nach.

»Doch, das hat er«, erklärt Kjell und lehnt sich wieder nach hinten. »Merit trägt ihn. Und diesen hier wird fortan Grimhild tragen.« Er schiebt den Anhänger über den alten Holztisch zu seiner Frau.

»Und warum denkt ihr, dass ihr vor den Anguis Schutz braucht, aber vor uns nicht?«, frage ich geistesabwesend.

Myr zieht neben mir scharf die Luft ein.

»Weil Drachen für unseren Schutz sorgen. Das haben sie schon bei unseren Vorfahren getan. Deshalb ist der Kopf aller Wikinger-Schiffe in der Form eines Drachenkopfes geschnitzt.«

»Aber was ist mit dir? Wie schützt du dich, wenn dein Kind und deine Frau diese Anhänger tragen?«

»Ich werde kämpfen«, sagt er nüchtern.

Ich reibe mir nachdenklich über mein Gesicht.

»Eure größte Sorge sollten zurzeit nicht die Anguis sein. Die Venandi planen etwas. Das hat sich bis zu uns herumgesprochen. Sie brennen Dörfer nieder. Städte. Sie nehmen die sterbliche Welt ein.«

Ich verenge meinen Blick, als er so selbstverständlich über die Venandi und die sterbliche Welt redet. Als wüsste er, dass es noch mehr Welten gibt.

»Ich werde jetzt noch weiteres Holz sammeln. Der Junge soll mir dabei helfen. Das Mädchen schläft oben bei Merit und du hast noch ein Gespräch mit Grimhild vor dir.«

Ich hebe meine Brauen und warte nur darauf, dass Myr und Arya sich empören, aber sie gehorchen und ich bleibe allein mit Grimhild zurück, die mir ein Fell bringt und es mir um meine schmalen Schultern legt. Sie wartet noch einen Moment, bis Arya in der Nische verschwunden ist, bevor sie sich setzt und ihr Blick auf mich fällt.

»Du bist nicht der Nidhöggr«, stellt sie fest und füllt mein Glas nun mit irgendeinem Schnaps. Die Steine darin zischen leicht. »Der Drache, der Kjell damals hier besuchte … er war der Nidhöggr. Du bist sein Gegenstück, auch wenn du …« Sie mustert meine dunkelgrauen Haare. »Auch wenn du dich ihm bereits angepasst hast.«

Ich schlucke. Levyn war hier? Vor achtzehn Jahren?

»Der Nidhöggr war aber nicht das erste Mal da. Vor vierhundert und vor zweihundert Jahren besuchte er schon unsere Vorfahren. Es gibt sehr detaillierte Aufzeichnungen über seinen Besuch vor zweihundert Jahren. Das ist auch der Grund, warum wir euch auch noch nach Jahrhunderten Zuflucht gewähren. Und auch diese Begegnung werden wir für die Nachwelt festhalten.«

Sie legt ihre schmächtigen Finger aneinander. Ich mustere ihre blonden Haare, die sie zu einem wunderschönen Zopf geflochten hat, und ihre jugendliche Haut. Sie kann nicht viel älter sein als ich.

»Und was wollte der Nidhöggr von euch?«, frage ich vorsichtig und mustere die hölzerne Hütte und die unzähligen Töpfe und Schilde, die an der Wand hängen und das Licht des Kamins tanzend beleuchten.

»Der Nidhöggr, oder wie er bei euch heißt: der schwarze Drache, war schwer verwundet worden. Er blutete und bat um Hilfe, die meine Vorfahren ihm gewährten. Als sie seine Wunden versorgten, bemerkten sie, dass er keinen Herzschlag besaß. Auf seiner Brust prangte eine große Wunde, die sich aber durch seine Kräfte bereits schloss. Brunhild, Kjells Vorfahrin und Herrin des Hauses, forderte eine Erklärung dafür und er schwor ihr, dass er ihr die Geschichte aufschreiben würde, wenn er überleben würde. Also pflegte sie ihn weiter, bis er wieder genesen war. Bevor er ging, hielt er sein Versprechen und schrieb seine Geschichte auf.«

Mein Herz pocht laut. So laut, dass ich mir sicher bin, selbst Merit und Arya können es laut und deutlich hören. Ich bemühe mich, meinen Atem zu beruhigen, während Grimhild sich zu mir beugt.

»Deine Freunde wissen das. Sie wussten es, als sie dich hierhergebracht haben. Sie haben es genau deshalb getan. Du sollst seine Geschichte lesen. Sie verstehen. Und ich gestatte es dir, weil ich spüre, dass auch in deiner Brust kein Herz schlägt.«

Ich blinzle und lege eine Hand auf meine Brust. Da ist nichts. Aber wie habe ich dann gerade mein Herz pochen gehört? Wie kann ich es jetzt immer noch hören, da mir doch meine Hand ganz deutlich beweist, dass unter meiner Brust nichts schlägt?

»Er weiß, dass du hier bist«, erklärt Grimhild und ich muss nicht einmal fragen, wen sie meint. »Der schwarze Drache hat zum Dank an meine Vorfahren einen Schutz um diese Hütte gelegt, der ihn sofort spüren lässt, wenn jemand die Türschwelle überschreitet, der nicht zur Familie gehört. Er schwor, uns zu beschützen, wenn ein Feind durch diese Tür tritt. Aber er weiß, dass die Venandi seine Fährte kennen und herkommen, wenn sie ihn hier spüren. Und damit würde er uns, aber auch dich in Gefahr bringen.«

Ich lausche dem heftigen Pochen, das sich so real anfühlt. So nah. Als würde mein Kopf auf seiner Brust ruhen.

Grimhild steht auf und holt ein altes, zerfleddertes Buch zu uns an den Tisch. In den Einband sind weitere Runen geschnitzt worden.

»Ich werde zu Bett gehen. Du hast die Wahl, ob du es lesen möchtest oder nicht.«

Mit diesen Worten erhebt sie sich und geht. Ich sehe ihr noch einen Moment lang nach, wie sie mit ihrem langen Gewand die Leiter hinaufklettert, und starre dann wieder auf das Buch. Fahre mit meinen Fingern über die eingestanzten Runen und spüre förmlich die Macht, die dieses Buch in sich trägt. Die Geschichten, die über all die Jahrhunderte darin gesammelt wurden.

Levyns Herzschlag wird immer schneller. Und ich weiß, ich spüre, dass er nicht will, dass ich es lese. Trotzdem schlage ich es auf und blättere herum. Ich muss nicht lange suchen, denn ich erkenne Levyns Handschrift sofort.

Kapitel 2

Levyn

Ich war seit Tagen unterwegs. Ich konnte nicht fliegen, weil kein Luftdrache in meiner Nähe war. Aber ich musste zu ihr. Lyria hatte die Venandi um sich geschart, sie zu ihren Sklaven gemacht und sich und ihnen damit größere Macht gegeben, als man sich vorstellen konnte.

Endlich erkannte ich den riesigen Felsen und die Flussenge des Rheins vor mir. Oben saß wie immer Loreley und sang ihre Lieder. Sie hallten durch die Wasserenge, echoten vom Fels und ließen das Wasser beben. Ich war angekommen. Am heulenden, lauernden Felsen. Dem Lorley. Dank der wunderschönen Sirene, die oben auf ihrem Vorsprung saß, benannten die Menschen den Felsen nach ihr. Loreley. Aber ich kannte noch die alten Bezeichnungen und auch ihre Bedeutung. Lurren – heulen, schreien. Genau das, was Loreley tat, um die Seefahrer in den Abgrund zu reißen.

Ich lief weiter, bahnte mir einen Weg zu ihr. Lauernd, bedächtig. Loreley war nicht nur eine Sirene. Sie war die mächtigste Wassernixe, die es gab, und besaß magische Fähigkeiten. Als ich näher trat, erkannte ich Nyla, die Loreley die Haare kämmte und die Perlen und das Gold, das aus ihnen rieselte, in einer Kiste sammelte.

Loreley war nicht die böse Gestalt, für die die Menschen sie hielten. Sie tötete nicht aus niederen Beweggründen. Sie wollte nicht einmal töten. Aber ihre Stimme ließ ihr keine andere Wahl. So beschenkte sie die Familien der toten Seefahrer mit dem Gold und den Perlen, die ihre Haare beherbergten.

Als ich noch einen Schritt näher trat, verebbte ihr betörender Gesang. »Levyn«, hauchte sie mit ihrer melodischen Stimme und drehte sich mir zu.

Ich erstarrte, als ich ihr wunderschönes Gesicht sah. Nyla bedachte mich mit zornigen Blicken. Sie hatte es noch nie gemocht, wenn ich Loreley ansah.

»Was kann ich für dich tun?«

»Ich brauche deine Hilfe. Deine … Kräfte«, sagte ich und fixierte Loreley, um mein pochendes Herz zu überspielen.

Loreley redete nur deshalb mit mir, weil ich ihr nicht so verfallen war wie all die anderen. Sie hasste es. Sie sah es als Bürde an, die sie zu tragen hatte. Denn seit dem Tod ihres Geliebten war sie nicht mehr in der Lage zu lieben, war aber mit dem Fluch belegt, dass ihr all die Männer sofort verfielen. Einzig meine Dunkelheit erlaubte es mir, mich von ihrer Aura nicht vollkommen besessen zu machen.

»Wobei brauchst du meine Hilfe, Herrscher der Finsternis?«

Sie machte eine Handbewegung, damit Nyla verschwand. Sie gehorchte, wenn auch nur widerwillig. Loreley legte ihre mit blauen Bemalungen verzierten Beine übereinander und ihren Kopf schief. Ihre goldenen Haare glichen denen der anderen Nixen in keiner Weise. Aber Loreley war anders. Sie war weder so wie die Wasserdrachen noch wie die Nixen. Sie war einzigartig.

»Lyria … Sie … Sie nutzt die Verbindung zwischen dem schwarzen und dem weißen Drachen, um mich von ihr besessen zu machen.«

»So? Es gelingt also doch einer Frau auf dieser Erde, dich um den Finger zu wickeln.« Sie lachte singend. Ihre Stimme hallte in unendlichen Nuancen von den Felswänden wider und versuchte meine Sinne zu benebeln.

»Du musst mein Herz nehmen. So wie du es damals bei dir selbst getan hast.«

Sie verengte ihren Blick und musterte mich argwöhnisch. »Das willst du? Du weißt, was der Preis dafür ist?«

»Ja, Lor. Ich verliere mein Herz und werde nie wieder lieben können.«

»Das ist aber nicht alles. Lyria wird ebenfalls ihr Herz verlieren«, sagte sie ruhig.

Ich trat einen Schritt näher. »Hat er auch sein Herz verloren? Dein Geliebter?«

Niemand wusste, wer er war oder wie er hieß. Loreley hatte dafür gesorgt, dass sich niemand an ihn erinnerte.

»Ja.«

»Aber … er ist gestorben.«

»Nein, Levyn. Er ist erst gestorben, als ich kein Herz mehr besaß und mir seines nahm. Es ihm heraussog. In Wahrheit hat er mich verlassen und mir damit das Herz gebrochen, das ich dann hingab, weil ich es nicht mehr haben wollte.«

Ich schluckte. Diesen Teil der Geschichte hatte sie auch geheim gehalten. Also hatte sie ihren Geliebten getötet, weil sie so schrecklichen Liebeskummer verspürt hatte. Und wollte ich von Lyria freikommen, musste auch ich sie töten. Das war der Preis.

»Also verliere ich mein Herz und nehme ihres. Und dann? Sie kann nicht sterben, wenn ich lebe.«

»Erklär mir zuerst, warum es so wichtig ist, dass du dein Herz verlierst, Levyn.« Sie tippte sich nachdenklich auf ihre Oberlippe.

»Durch diese Verbindung bilden wir ein Gleichgewicht, das es so nicht geben darf. Meine Welt verschwindet. So wie auch die Welt des Lichts nach und nach verschwindet. Die Venandi gelangen in die sterbliche Welt, weil die Grenzen durch dieses Gleichgewicht verschwimmen. Die Anguis werden auch bald die Grenzen meiner Welt verlassen können. Es sterben Menschen. Ich darf Lyria nicht weiter lieben.«

»Weißt du, was ich in den letzten Jahrhunderten gelernt habe, während ich hier auf meinem Felsen saß und den untreuen Männern beim Sterben zusah? Ich habe ihn nie geliebt. Hätte ich ihn geliebt, hätte ich ihm sein Herz niemals genommen. Und ich hätte auch meines nicht gegeben. Denn wenn es um Liebe geht, Levyn, wird das Herz des anderen für einen selbst immer an erster Stelle stehen. Egal was es will und wie sehr es dein eigenes Herz verletzt.«

Ich dachte über ihre Worte nach. Darüber, ob ich Lyria wirklich liebe. Ob ich hier wäre und Loreley um so etwas bitten würde, wenn ich sie wirklich und wahrhaftig lieben würde.

»Lass dir noch eines gesagt sein, Levyn Leroux, Herrscher der Finsternis. Wenn du dein Herz hingibst, bekommt Lyria genau das, was sie will.«

»Wie sollte es das sein, was sie will?«, stieß ich verwirrt hervor.

Loreley musterte mich. Sie verschlang mich beinahe mit ihren hellblauen Augen. »Du hast es immer noch nicht verstanden, oder, Levyn? Nach all der Zeit, die du schon in ihrer Nähe bist.«

Ich kniff die Augen zusammen. Suchte nach dem, was sie meinen könnte. Doch da war nichts. Was hatte ich übersehen?

»Wovon redest du, Lor?«

»Davon, dass Lyria nicht der rechtmäßige weiße Drache ist. Sie besitzt nur seine Seele und sein Herz. Mein Herz.«

Ich stockte. Bilder prasselten auf mich ein. Bilder von Lyria, aber auch von Lor, die nicht wie ein normaler Elementdrache aussah. Keine grünen Augen. Keine blauen Haare. Sie war … Sie war …

»Du warst der weiße Drache«, stellte ich fest.

Sie nickte und deutete mir mit zwei Fingern, näher zu kommen. »Um mich von meinem Schmerz zu erlösen, musste ich ihr mein Herz und die Seele des weißen Drachen geben. Und glaub mir, auch wenn ich kein Herz mehr besitze, ich bereue diese Entscheidung jeden Tag meines Lebens.«

»Aber … Wie ist das möglich?«

»Lyria fand mich in meiner dunkelsten Stunde. Emyoel hatte mich wegen einer Nixe verlassen. Ich wünschte ihr den Tod. Stattdessen fand ich einen Weg, sie beide zu bestrafen, denn Lyria berichtete mir von einem Ritual, das mir all den Schmerz nehmen und dieser kleinen Nixe das Herz brechen würde, weil auch Emyoel sein Herz verlieren würde und nicht mehr fähig wäre, sie zu lieben. Die Bedingung, die sie mir nannte, war die Seele des weißen Drachen. Ich versprach sie ihr, woraufhin sie mir erklärte, dass sie mich und die Nixe schwer verletzen musste. Emyoel hatte nur eine Möglichkeit. War nur imstande, eine von uns zu retten. Wiederzubeleben, nachdem wir gestorben waren. Das war Emyoels besondere Kraft. Das ist die Kraft eines jeden Wasserdrachen. Die Wiederbelebung einer Person in seinem Leben. Da ich wusste, wie er sich entscheiden würde, zweifelte ich ihren Plan an. Aber Lyria erzählte mir vom Bündnis der Welten. Sie erklärte mir, dass Emyoel Teil der Tafelrunde war und somit ewig an seinen Schwur gebunden wurde. Einen Schwur für den Erhalt der Wasserdrachen. Denn er war ihr rechtmäßiger König. Und ich war die Königin, denn wir waren schon seit zwei Jahrhunderten verheiratet. Also musste er sich für mich entscheiden.

Ich glaubte ihr. Ließ mich auf den Handel ein und darauf, dass sie mir die Seele des weißen Drachen nehmen würde. Alles, was sie dafür brauchte, war mein herzloser Körper, der nach meinem Tod wieder erwachen würde, weil du, Levyn, irgendwo auf dieser Welt lebtest und mein Leben an deines gebunden war. So lange, bis Lyria mir die Seele nehmen würde. Also bestellte Lyria Emyoel und die Nixe zu sich. Sie wussten nichts von dem Hinterhalt. Als ich plötzlich bei ihnen auftauchte, begriff Emyoel zwar, dass es eine Falle war, aber es war zu spät. Lyrias Wachen verletzten die kleine Nixe tödlich und rissen mir das Herz heraus. Nur durch die Verbindung zu dir, Levyn, überlebte ich noch eine Weile. Ich sah dabei zu, wie Emyoel sich wehrte. Gegen die Spaltung seiner Seele. Aber er hatte keine Chance. Er war Mitglied des Bündnisses und somit gezwungen, die Königin seines Reiches zu schützen.

Er belebte mich wieder. Nicht seine dreckige Geliebte. Doch als Emyoels Geist wieder vollständig war, gab er der Nixe sein ganzes Herz, damit sie überlebte. Er starb innerlich, während sie sein ganzes Herz raubte.

Ich stand auf und rannte auf sie zu. So wie es der Plan war. Emyoel störte es nicht. Er hatte jegliches Gefühl für mich oder die Nixe verloren. Und als ich mich über sie beugte, raubte ich ihr ganzes Herz – ihres und Emyoels, das sie in ihrem trug, während Lyria mir meine Seele raubte.«

Ich starrte sie fassungslos an. Das konnte unmöglich passiert sein. »Wie konntest du ihr das Herz nehmen? Und wie konnte sie es Emyoel nehmen?«

»Das, Levyn, ist eine uralte Gabe der Drachen. Das Organ, musst du wissen, spielt dabei keine Rolle. Es lebt weiter in deiner Brust. Ohne zu schlagen. Was bedeutet es, wenn das Herz nicht mehr schlägt?«

»Dass man tot ist«, sagte ich kühl.

»Richtig.«

»Aber keiner von euch war tot!«, wandte ich ein.

»Wir waren es in der Welt der Sterblichen, aber nicht in der Welt der Dämmerung. Und das ist der Grund, warum auch ich irgendwann das Herz verloren habe, das ich der kleinen Nixe gestohlen habe. Ich bin in die Welt der Sterblichen gegangen und es hat keine Woche gedauert, bis ich nicht mehr als eine wandelnde Tote war. Denn in allen anderen Welten entscheidet dein Herz, deine Seele, ob du lebendig bist oder tot. In der sterblichen Welt allerdings bestimmt es dein Körper.«

»Warum lebst du dann?«

»Weil Lyria meine Seele genommen hat. Und ohne Seele kann man nicht sterben. Man ist verdammt, auf dieser Welt zu verweilen. Für immer.«

»Menschen, die keine Seele haben, können nicht sterben?«, hakte ich noch einmal nach.

Loreley nickte. »Der Tod ist für die Menschen nicht verständlich, weil sie sich daran festhalten, dass ihre Seele nicht einfach weg sein kann, wenn ihr Körper aufhört zu leben. Aber der Tod funktioniert genau andersherum. Der Körper stirbt erst dann, wenn deine Seele genommen wird, um höhere Kräfte zu entwickeln und das Universum vollständig zu machen. Als Lyria mir meine Seele raubte, nahm sie nicht wie abgemacht nur die des weißen Drachen. Sie nahm alles. Und durch das Leben in dem Herz der Nixe, das ich mir nahm, überlebte mein Körper. Überlebte den Moment. Und als ich dann in die Welt der Sterblichen ging, um mein Herz vollends zu verlieren, konnte der Tod mich nicht finden. Mich nicht holen, weil dort keine Seele war, die er hätte holen können. Und so lebte auch mein Körper weiter.«

»Warum genau erzählst du mir das alles?«, fragte ich, als mir das alles allmählich zu ehrlich und zu detailliert vorkam. Vor allem für eine Frau ohne Herz und ohne Seele.

»Weil du Lyria das Herz nehmen und mir meine Seele zurückgeben wirst, damit ich sterben und die Seele des weißen Drachen zurückkehren kann, bis der nächste rechtmäßige weiße Drache geboren wird. Und du bekommst das, was du willst. Du verlierst dein Herz und sie wird sterben.«

»In Ordnung«, sagte ich, ohne nachzudenken. Lyria musste sterben. Wenn ich vorher noch gezögert hatte, war mir spätestens jetzt klar, wie krank sie wirklich war.

»Eine Bedingung gibt es noch«, flüsterte Loreley mit ihrer melodischen Stimme und lächelte mich kühl an. »Die kleine Nixe von damals. Ich habe sie nie ganz ausgesaugt, weshalb sie in dieser Welt hier überleben kann. Du kennst sie.«

Ich verengte meinen Blick und sah zu der kleinen Schachtel, in der das Gold und die Perlen lagen. »Nyla«, stieß ich dann hervor.

»Ganz recht. Ich will, dass du sie nach meinem Tod verführst. Ich will, dass du ihr dreißig Jahre lang vorspielst, sie zu lieben, nur um sie dann zu töten. Ich will, dass sie es weiß. Dass sie sieht, dass es ihr Geliebter ist, der sie sterben lässt. Ich will, dass du ihr das Herz brichst, so wie sie meines gebrochen hat.«

Ich sog die kalte Luft um mich herum ein und sah an den Klippen hinab. Warum sollte ich das tun?

»Nyla und Lyria arbeiten schon seit mehr als einem Jahrhundert zusammen. Sie wollten, dass du zu mir kommst. Lyria wollte genau das. Aber was sie nicht gesehen hat, ist, dass ihr Plan diesmal nicht aufgehen wird, weil ich vorher dein Herz nehmen werde. Ich werde dich sterben lassen. Hier und jetzt. Ich werde dir das Herz nehmen und dich wieder zum Leben erwecken. Und in dem Moment, in dem dein Herz herausgerissen wird, wird auch ihres herausgerissen. Nur dass sie sterben wird, weil du lange genug tot sein wirst, damit die Seele des weißen Drachen ihren Körper verlässt und deine Wiederauferstehung nicht durch eure Seelen auch sie wiederbelebt. Wenn du stirbst, wirst du ihre Seele sehen können, und ich will, dass du sie in dich aufnimmst. Den Teil der Seele, der mir gehört. Hast du das verstanden?«

»Ich verstehe dich, Lor. Aber warum sollte ich einem Mädchen dreißig Jahre lang etwas vorspielen, nur um sie dann zu vernichten? Das kann ich nicht.«

»Das wirst du, Levyn. Das wirst du, weil du bereits einen Schwur geleistet hast.«

»Ich habe nichts geschworen!«, knurrte ich voller Zorn.

»Doch, das hast du. Du hast es in dem Moment getan, als dein Blut auf mein Gold und meine Perlen tropfte.«

Ich verengte meine Augen und sah hinab. Hinab auf meine blutende Hand. Hinab auf die Kiste, die von roter Flüssigkeit übersät war.

»Ein kleiner, unbedeutender Zauber, den mir deine Trance verschafft hat, als du meiner betörenden Stimme gelauscht hast.« Sie blinzelte und lächelte amüsiert. Aber trotzdem wirkte es kalt und herzlos. »Oh, Lyria ist da. Also können wir beginnen.«

Ich sah mich panisch um, doch ich erkannte sie nirgends. Bis mich die Lumen blendeten, die ihren weißen Körper umgaben. Ich wollte etwas sagen. Wollte das alles verhindern. Einen anderen Weg finden, Lyria loszuwerden. Doch da rammte sich etwas gegen meine Brust. Mit unmenschlicher Kraft stieß sich Loreleys Hand durch meinen Brustkorb und riss mein Herz heraus. Ich wünschte, ich hätte es gespürt. Schmerzen gespürt. Aber mein Körper zuckte nur noch leblos, während ich zu Boden sank.

Ich hörte noch Lyrias schmerzverzerrten Schrei. Sah noch, wie sie sich die blutende Brust hielt, bevor ich vollends in Dunkelheit gehüllt wurde.

***

Etwas tanzte vor meinen Augen herum. Ein Licht. Nein, zwei Lichter. Das eine war mir so vertraut, dass ich sofort wusste, was es war. Die Seele des weißen Drachen. Ich konnte Lyria retten. Ja, ich konnte es jetzt und hier tun. Konnte beide Splitter ihrer Seele ergreifen und mit mir zurückziehen. Ihre normale Seele und die des weißen Drachen. Aber ich wollte es nicht. Meine uralte Seele verbat es mir. Redete auf mich ein, dass Lyria diese Seele nur gestohlen hatte. Also griff ich nach dem anderen Teil, umklammerte es in meinem Geist und … schnappte nach Luft.

Grelles Licht ummantelte mich. Loreley tauchte über mir auf. Ich spürte, wie sie meinen Geist nach ihrer Seele durchsuchte. Und spürte auch, als sie sie mir nahm.

Ich setzte mich auf, wollte verhindern, dass sie sie in sich aufnahm. Dass sie starb und damit den Handel besiegelte. Aber da atmete sie bereits tief ein, schenkte mir noch ein letztes Lächeln und stürzte sich in die Tiefe.

Ich fühlte nichts. Rein gar nichts. Nicht einmal mehr meinen Herzschlag. Und ich wusste, alles, was mich vor dem retten konnte, was ich gerade geworden war, war die Seele des weißen Drachen.

Kapitel 3

Ich blinzle. Blinzle, um wieder in der Realität anzukommen, aber auch die Tränen weg. Es ist, als wäre ich nicht mehr vollständig ich gewesen, sondern auch Levyn. Ich habe es gespürt, als wäre mir das alles passiert.

Grob schlage ich das Buch zu und starre in die düster gewordene Hütte. Ein Teil von mir hofft, dass es nicht nur an dem Feuer liegt, das beinahe ausgebrannt ist, sondern dass Levyn mich holt. Zu ihm, in die Welt der Finsternis. Ich spüre seine Schmerzen so intensiv, dass ich nichts dagegen tun kann.

Die Tür springt auf und während Kjell sofort zum Feuer geht, um neues Holz aufzulegen, kommt Myr zu mir und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Grimhild hat es dir gezeigt«, stellt er viel eher fest, als dass er es fragt.

Ich nicke trotzdem.

»Er … Er würde uns vermutlich umbringen, wenn er wüsste, was wir getan haben. Dass wir dich hergebracht haben. Aber er hatte nicht genug Mut, es dir zu sagen. Dir seine Geschichte zu erzählen. Er musste damals diesen Schwur einlösen. Er hat fast ein halbes Jahrhundert mit Nyla verbracht. Aber …«

»Aber töten wollte ich sie nie.«

Levyns Stimme reißt mein Herz entzwei. Warum habe ich ihn nicht kommen gespürt?

»Ich habe diesen Mord so geplant, dass er schiefgeht. Es war ein Weg, den Schwur zu erfüllen, aber sie nicht zu töten. Denn Nyla war nur ein unschuldiger junger Drache, der sich in den falschen Mann verliebt hatte. Ihr meine Liebe vorzuspielen – daran führte kein Weg vorbei.«

Er kommt langsam auf mich zu. Seine Umrisse sind umgeben von dunklen Schemen. Von seiner Dunkelheit. Ich schlucke. Versuche meinen Körper zu beruhigen, aber er ist zu schwach.

»Du musst hier weg. Genauso wie ich.«

Er kommt noch näher. So nah, dass seine Nähe mich beinahe erdrückt.

»Warum? Weil ich sonst sterbe, weil ich kein Herz besitze?«, entgegne ich kühl.

Er schließt seine Augen und als er sie wieder öffnet, sind sie bedeckt von schwarzen Schleiern. »Ja«, sagt er knapp und stemmt seine Hände auf dem Tisch ab. »Ich werde eine Lösung finden. Werde dafür sorgen, dass du wieder hier sein kannst. Dass dein Herz wieder schlägt. Aber jetzt … musst du weg hier.«

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie auch Grimhild und Arya zu uns stoßen. Grimhild verneigt sich sogar vor Levyn. Er schenkt ihr ein warmes Lächeln.

»Ist sie wirklich gestorben?«, frage ich in die Stille.

»Wer? Lyria oder Loreley?«

Ich verenge meinen Blick. »Lyria.«

Wieder schließt er seine Augen, was Antwort genug für mich ist. Lyria lebt. Ohne die Seele des weißen Drachen und ohne Herz. Und wahrscheinlich war ich genau deshalb in der sterblichen Welt sicher.

»Sie …«

»Hast du sie geliebt?«, frage ich, ohne zu beachten, dass sie alle zuhören. Ich muss es wissen. Und diesmal wird er mir eine Antwort geben müssen.

»Es ist kompliziert. Das, was ich für sie gefühlt habe, ist das Einzige, was ich je in dieser Intensität für einen Menschen gefühlt habe. Ob es Liebe war … das kann ich dir nicht sagen, Lya.«

Weil er keinen Vergleich hat. Diese Erkenntnis trifft mich, auch wenn ich nicht wirklich weiß warum.

»Aber die Liebe unter Freunden, das, was ich für euch alle empfinde, ist größer als diese Besessenheit von Lyria.«

»Hast du nicht gerade erst gesagt, dass wir keine Freunde sind?«, frage ich nüchtern. Meine Sinne nehmen ihn kaum noch wahr. Nehmen nicht einmal mehr die Wärme des neu entflammten Feuers wahr.

»Ich bringe dich jetzt in die Welt der Dämmerung, Lya. Du wirst hier sterben. Ein paar Tage würde das Leben in dir reichen. Die Seele in dir. Aber nicht länger.«

Ich atme tief ein, nicke dann aber. »Du wirst dann allerdings gehen.«

Levyn wirft mir einen argwöhnischen Blick zu.

»Du verschwindest von mir. Und wenn Arya und Myr bei dir sein möchten, gehen sie mit dir. Aber ich möchte nicht mehr … bei dir sein.«

Ich will es nicht zugeben, doch ich habe Angst vor ihm. Angst, dass er mit mir das machen könnte, was er mit Lyria oder Nyla gemacht hat. Angst, dass er mich aus lauter Willen, mich zu beschützen, an Tharys verkauft. Aber vor allem habe ich Angst davor, dass er sich in meiner Nähe immer schuldig fühlen wird, weil mein Herz in seiner Brust schlägt. Und das will ich nicht. Ich will nicht, dass er meinetwegen leidet. Will, dass er lebt. Ohne ständig daran erinnert zu werden, wer ihn erst getötet hat, um ihm dann wieder das Leben zu schenken.

Levyn bedenkt mich mit einem traurigen Blick und ich bete, dass er nicht wieder in meinen Gedanken herumgeschnüffelt hat. »Und wo willst du hin?«

»Einfach nur weg …«