Nyxa 2: Die Macht von Atlantis - Dana Müller-Braun - E-Book

Nyxa 2: Die Macht von Atlantis E-Book

Dana Müller-Braun

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Beschreibung

**Der Fluch der Drachen** Kaum ist Nyxa ihrem Traum von grenzenloser Freiheit ein Stück nähergekommen, scheint dieser in Tausend Splitter zu zerspringen. Denn vor der eigenen Bestimmung zu fliehen, ist schwerer als gedacht. Ihre Feinde sind ihr bereits dicht auf den Fersen und Nyxa sieht nur noch eine Chance, ihr drohendes Schicksal abzuwenden. Gemeinsam mit dem unergründlichen Piraten Captain Black Night macht sie sich auf die Suche nach einem magischen Ort, der mehr Mythos als wahre Begebenheit ist: Atlantis. //Alle Bände der überwältigenden Nyxa-Trilogie: -- Nyxa 1: Das Erbe von Avalon -- Nyxa 2: Die Macht von Atlantis -- Nyxa 3: Die Rache der Nemesis// //Weitere Romane aus der Drachenwelt von Dana Müller-Braun: -- Elya 1: Der weiße Drache -- Elya 2: Das Bündnis der Welten -- Elya 3: Das Licht der Finsternis// Die »Elya«-Trilogie ist abgeschlossen.  

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Nyxa 2: Die Macht von Atlantis

**Der Fluch der Drachen** Kaum ist Nyxa ihrem Traum von grenzenloser Freiheit ein Stück nähergekommen, scheint dieser in Tausend Splitter zu zerspringen. Denn vor der eigenen Bestimmung zu fliehen, ist schwerer als gedacht. Ihre Feinde sind ihr bereits dicht auf den Fersen und Nyxa sieht nur noch eine Chance, ihr drohendes Schicksal abzuwenden. Gemeinsam mit dem unergründlichen Piraten Captain Black Night macht sie sich auf die Suche nach einem magischen Ort, der mehr Mythos als wahre Begebenheit ist: Atlantis.

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Vita

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© privat

Dana Müller-Braun wurde Silvester ’89 in Bad Soden im Taunus geboren. Geschichten erfunden hat sie schon immer – Mit 14 Jahren fing sie schließlich an ihre Phantasie in Worte zu fassen. Als das Schreiben immer mehr zur Leidenschaft wurde, begann sie Germanistik, Geschichte und Philosophie zu studieren. Wenn sie mal nicht schreibt, baut sie Möbel aus alten Bohlen, spielt Gitarre oder verbringt Zeit mit Freunden und ihrem Hund.

»Und wenn ich tausend Wege ginge,

nur der gemeinsame ist mein Ziel.

Und wenn ich tausend Welten sähe,

ich fühle sie erst mit dir.

Denn auf tausend Wegen zählt nur der eine mit dir.

Weil die Kunst des Lebens nicht darin besteht, Wege einsam zu gehen, sondern allein und trotzdem als wir.«

Privater Eintrag im Logbuch, Schiffsjunge Black Night

Für meine Lektorin Martina, weil wir die Wege allein gehen und trotzdem als wir.

Kapitel 1

»Nyxa?«

Ich beiße die Zähne zusammen und presse ein gequältes »Ja« heraus. Terrys nähert sich mir mit Bedacht. Beinahe so, als wäre ich ein verwundetes Tier. Er hebt eine Hand und kommt ganz langsam näher, berührt meine Schulter.

»Du bist hier in Sicherheit.«

»Ich weiß«, gebe ich bitter zurück. Ich bin in Sicherheit. Night ist derjenige, der es nicht ist. Ich atme schwer und bewege meine Schulter dann so, dass Terrys’ Hand von ihr sinkt. »Sag mir, was da passiert ist. Sag mir …«

»Nyxa …« Seine Stimme klingt belegt und rau.

Ich verziehe meinen Mund zu einem Fauchen. »Nein! Komm mir nicht mit Nyxa. Ich will Antworten«, zische ich. »Warum hat er das getan? Und warum wusstet ihr, was zu tun ist? Warum …«

»Black hat uns auf diese Situation vorbereitet.«

»Was? Aber … Warum? Er ist ein Schakal. Er hat mich in Avalon eingesperrt und an die Insel gebunden.«

»Ganz offensichtlich hat er dich nicht an Avalon gebunden.«

»Das sehe ich auch!«, gebe ich zornig zurück. »Aber er hat es gesagt.«

»Was Black sagt und was er wirklich tut und was ihm wichtig ist, sind sehr unterschiedliche Dinge.«

»Sag mir jetzt, was da passiert ist!«, knurre ich nun und sehe mich in der kleinen Hütte um, in die sie mich gebracht haben. Nicht nur die Wände, sondern auch die Möbel sind aus einem dunklen Holz gefertigt. Decken und Felle liegen auf der kleinen Nische, auf der ich sitze, und das Fenster wird von Vorhängen verziert. Mein Herz stolpert, als meine Augen die Glasscheibe erreichen und ich dahinter Sterne erblicke. Bittere Galle steigt meine Kehle hinauf. Brennende Wut und Reue. Ich habe ihn allein gelassen. Allein gegen …

»Black kannte Morgan«, gibt Terrys endlich mehr Informationen preis. »Sie nahm ihm das Versprechen ab, dich zu schützen.«

»Das hat ja hervorragend geklappt.«

»Hat es. Es ist alles genau nach seinem Plan gelaufen.«

»Und wie sah der aus?« Ich rücke weiter in die Ecke meiner Pritsche, um nicht weiter das Licht des Mondes zu sehen.

»Es ist kompliziert. Morgan wollte zwar, dass du herrschst. Aber in all den Jahren hat Black nichts anderes getan, als zu verstehen zu versuchen, wie er es schaffen kann, dich herrschen zu lassen und gleichzeitig zu schützen.« Er verzieht den Mund. »Er kam zu einer Lösung. Er verstand, dass beides zusammen nicht geht. Also nahm er dir die Herrschaft und schenkte dir das Leben.«

»Warum sollte nicht beides gehen? Wir hätten heirat…«

Mir versagt die Stimme.

»Da gibt es etwas, was du nicht weißt, Nyxa. Ich wünschte, Morgan, Myrian oder sogar Black wäre hier, um es dir zu sagen. Aber … nun muss ich das wohl tun.«

Ich blinzle, als ich seine angestrengte Körperhaltung bemerke. Sein Blick ist auf meine Beine gerichtet.

Er seufzt, bevor er seine Hand auf mein Bein legt. »Myrian hat mir erzählt, dass du als Kind sehr oft versucht hast, ihn durch dein Feuer zu manipulieren. Und Black erzählte mir dann, dass du es bei einem Wachmann und bei ihm getan hast.«

»Bei ihm?« Ich weite meine Augen. »Ich habe Night nie …«

»Nyxa … hör mir einfach zu.«

Ich nicke.

»Black weiß, dass du es nicht mit Absicht getan hast. Aber du hast ihn manipuliert.«

»Wann?«, frage ich mit kaum hörbarer Stimme. Sie gleicht eher einem Flüstern.

Terrys senkt seine Lider und reibt seine Lippen aneinander. »Als ihr euch geküsst habt«, gibt er dann schwach zurück.

Mein Körper bebt und Hitze steigt mir in mein Gesicht. »Ich …« Ich habe keine Ahnung, was ich sagen will. Ob es eine Entschuldigung werden soll oder viel eher das Abstreiten seiner Behauptung. »Er wollte mich nicht küssen?«, frage ich stattdessen, während in mir eine geballte Ladung Scham zu explodieren droht.

»Das hat er mir nicht gesagt«, raunt Terrys und sieht mich nun an. Seine grünen Augen strahlen Mitleid aus, das ich nicht gebrauchen kann. Ich fühle mich schon so, als hätte ich Night sexuell belästigt.

»Aber er hat dein Feuer in sich gespürt und er hat auch gespürt, dass die Zweifel in ihm für einen kurzen Moment einfach verschwunden waren.«

»Aber …« Ich will erwidern, dass das doch etwas Normales ist. Dass sein Verlangen nach mir und meinen Lippen daran schuld sein könnte, dass die Zweifel kurzzeitig verschwunden sind. Doch ich bekomme keinen Ton heraus.

»Außerdem gab es da wohl noch eine Situation.«

»Und die wäre?«, frage ich mit gebrochener, schambeladener Stimme.

»Nyxa … ich bin nicht die richtige Person für das hier.«

»Und die wäre?!«, wiederhole ich meine Frage deutlicher.

Er seufzt wieder. »In der Höhle in Terreia, in der ihr euch vor dem Gewitter verstecken musstet.«

»Was?!«, stoße ich hervor. »Was hätte ich da tun sollen?!«

Terrys wird immer nervöser, während er sich die braunen Haare aus dem Gesicht streift. »Er sagt, du hast ihn so manipuliert, dass er Lust bekommen hat.«

Ich öffne erschrocken meinen Mund, aber nichts verlässt ihn. Night hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.

»Was kann ich dafür, wenn er Lust auf mich hat?«

»Das ist kompliziert, Nyxa. Er hatte Lust auf dich.« Ich spüre, wie schwer ihm diese Worte fallen. »Auch von sich aus. Aber er hat auch irgendwann dein Feuer gespürt. Gespürt, dass du ihn manipulierst, und sich dann rausgezogen.«

»Ich …« Zornestränen laufen mir glühend heiß über meine Wangen. »Nein!«, wehre ich dann endlich ab.

Was will er damit sagen? Dass ich eine Verführerin bin? Ein Monster, das andere zum Sex zwingt? Ich schließe kopfschüttelnd meine Augen.

»Und was soll das alles bedeuten?«, frage ich dann, nachdem Terrys nichts erwidert.

»Es bedeutet, dass du eine … Kurtisane bist.«

»Was?!«, schleudere ich ihm wieder entgegen und schlage seine Hand weg. »Eine was?!« Meine Stimme klingt hysterisch und hoch.

»Das ist nur eine Bezeichnung für die Feynen, die ihre Kräfte durch das … Körperliche ziehen.«

»Was? Nein! Und was soll das mit meinem Urfeuer zu tun haben?!«

»Nyxa … Das hier ist schwer genug. Aber so viel solltest du über dich selbst wissen …« Er macht eine kurze Pause. »Du hast die Macht, dir das zu holen, was du willst. Das Problem ist, dass dein Urfeuer, oder irgendeine andere Gabe, die du besitzt, Erinnerungen löschen kann. Und das bedeutet, dass du jemandem all seine Erinnerungen nehmen würdest, kämst du ihm zu nah. Du bist einfach generell zu mächtig. Deshalb hat Black dich zu einer Vestalin gemacht.«

»Das ist nicht wahr!«, stoße ich hervor, während weitere Tränen über meine Wangen laufen. »Er wollte das!«

Terrys hebt seine Brauen und mustert mich mit einem Anflug von Eifersucht. Aber es ist mir egal. »Das bestreitet niemand«, sagt er dann knapp.

»Habe ich das bei dir auch gemacht?«

Er verengt seinen Blick. »Hattest du eine Vision, als wir uns geküsst haben?«, stellt er eine Gegenfrage.

»Nein.«

»Dann … hast du es getan oder zumindest versucht.«

»Nein«, sage ich wieder nur.

»Doch, Nyxa. Wäre keine Gabe im Spiel gewesen, hättest du eine Vision gehabt. So hast du nur versucht meine Erinnerungen zu manipulieren, statt meine Zukunft zu sehen.«

Meine Lippen beginnen zu beben. »Du wolltest es also nicht?« Immer mehr Scham droht meine Brust zu zerfetzen.

»Nyxa«, sagt er entsetzt und legt seine Hand an meine Wange. »Spinnst du? Ich will nichts mehr als …«

»Manipuliert zu werden?!«, knurre ich. Er atmet schwer. »Wer sollte so etwas wollen? Wer sollte mich wollen?!«

»Es ist anders, als du denkst. Du bist etwas Besonderes.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich bin nur jemand, der sich das zurechtmanipuliert, was er will.«

»Na wenigstens heißt das, dass du mich küssen wolltest«, gibt er mit einem schiefen Lächeln zurück.

»Ich …« Wieder versagt mir die Stimme. »Aber ich kann doch nur das Gedächtnis löschen. Erinnerungen, die kurz zuvor passiert sind.«

Terrys räuspert sich und streicht mir vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er mich traurig ansieht, aber nichts sagt. Und das braucht er auch nicht, denn ich habe es längst begriffen.

»Ich kann Erinnerungen ändern«, stelle ich eher fest, als dass es eine Frage ist.

Terrys senkt seinen Blick, was Antwort genug ist.

»Deshalb …«, flüstere ich dann tonlos und starre ins Leere.

»Deshalb was?«

»Du … Night … Eryt …«

Ich kneife die Augen zusammen, um das bittere Brennen hinter ihnen zu verdrängen. Aber es bleibt. Acyra hatte recht. Ich manipuliere mir die Gefühle der Männer. Ich sorge dafür, dass sie mich wollen. Keiner von ihnen will wirklich mich. Nein, das war alles nur ich. Ich habe das … erzwungen. Die Erkenntnis erschlägt mich.

»Oh Gott«, stoße ich heiser hervor und breche in echtes Weinen aus. Kehlige, raue Laute und Husten verlassen meinen Mund, während Terrys mich an seine Brust zieht und behutsam über meinen Kopf streicht.

Irgendwann hebe ich meine Hände an seine Brust und schiebe ihn weg. »Ich will das nicht wieder bei dir tun.«

»Nyxa, du kannst mich nicht auf diese Art manipulieren.«

»Aber du sagtest doch, dass ich …«

»Du hast vielleicht dein Urfeuer bei mir eingesetzt, aber meine Erinnerungen kannst du nicht manipulieren.«

»Und warum nicht?«

»Erstens bin ich ein Herrscher. Und zweitens bin ich dein Gegenstück.«

»Was hat das damit zu tun?«, frage ich irritiert.

Er lächelt wieder, während mir eher zum Kotzen zumute ist. »Meine Seele ist ein Teil unserer Seele. Würdest du meine Erinnerungen beeinflussen, würdest du damit auch deine Seele beeinflussen. Und das ist nicht möglich, Nyxa.«

Ich starre ihn sekundenlang einfach nur an. Terrys ist also der Einzige, den ich auf die Art niemals dazu manipulieren würde, mich zu wollen. Nur bei ihm würde ich sicher sein können, dass er mich um meinetwillen liebt und nicht, weil ich es herbeimanipuliert habe.

»Wir … Wir müssen Night helfen.«

Terrys sieht mich so durchdringend an, dass es wehtut. Ich will das alles vergessen. Was er getan hat und das, was ich getan habe. Alles, was noch zählt, ist, dass wir ihn da rausholen und dann … ja dann … Hauptsache, er kommt da raus. Er hat sich meinetwegen gegen die Schakale gestellt und Zeus das Herz herausgerissen. Er musste ganz allein gegen sie alle kämpfen.

»Natürlich. Wir lassen ihn nicht im Stich. Keiner von uns. Aber wir wissen nicht …«

»Was?«, frage ich mit bebender Stimme.

»Ob er noch lebt.«

Er spricht das aus, wovor ich Angst habe, seit wir hier gelandet sind. In der sterblichen Welt, die mir nach all dem so düster und grausam vorkommt.

»Dann müssen wir zurück«, wispere ich, ohne wirklich zu wissen, was ich da sage.

»Wir arbeiten an einem Plan.«

»Und der wäre?«

»Wenn du mitkommst, besprechen wir alles«, gibt er sanft zurück und fährt mir mit seinem Daumen über meine Wange.

Ich werfe einen Blick auf die Tür, hinter der ich die Stimmen der anderen höre. Ich habe kaum Erinnerungen daran, wie ich hierhergekommen bin. Es war Eryt, der meinen sich windenden und schreienden Körper gepackt und hergetragen hat. Nach gefühlten Stunden hat er mich auf dieser Pritsche abgelegt und versucht auf mich einzureden. Aber ich erinnere mich nicht an seine Worte. Ich erinnere mich nur an das, was ich immer und immer wieder gesagt habe.

Wir müssen zurück.

»Na komm«, raunt Terrys und lächelt halbherzig, als er mir seine Hand hinhält, um mir aufzuhelfen. Ich ergreife sie und gehe dann zusammen mit ihm in den Raum, in dem die anderen an einem Tisch sitzen. Ich erkenne Eryt, Acyra, Kalysha und Syras. Von den Vestalinnen sind nur Maryla und Kessy da.

»Wo sind die anderen?«

»Sie haben es nicht geschafft.«

Ich frage nicht, ob das bedeutet, dass sie noch in Avalon oder tot sind. Die Antwort will ich nicht hören.

»Nyx.« Eryt erhebt sich und stürmt auf mich zu, berührt mein Gesicht und meine geschwollenen Augen. Scham ballt sich erneut in mir. Habe ich auch ihn immer nur manipuliert? So sehr, dass er mich wollte?

Ich weiche einen Schritt zurück, während er seinen Blick verengt und mich skeptisch mustert.

»Hast du es ihr gesagt?« Sein Blick wandert zu Terrys, der langsam nickt. »Nyx, ich …«

»Ich will nicht darüber reden«, wehre ich schnell ab. »Wie kommen wir zurück nach Avalon?«

»Wir haben dich gerade erst von dort befreit«, lacht Acyra halbherzig und unehrlich. Ich sehe den Schmerz in ihren Augen. Sehe, dass sie Angst um Night hat. Ihr Gegenstück.

»Woher wusstet ihr alle, was zu tun ist?«

Ich werfe einen Blick auf Kessy, die einmal in der Bibliothek zu mir gesagt hat, dass sie das alles nur für mich tun. Ist das wirklich wahr? Es muss so sein.

»Black hat uns alle instruiert, was zu tun ist, wenn er das Spiel nicht länger mitspielen kann«, ergreift sie das Wort. »Wir wissen schon sehr lange, wofür wir all das Training absolviert haben. Wir wurden unser Leben lang dazu ausgebildet, dich zu schützen.«

Ich atme schwer. Warum?

»Und keiner von euch hat in Erwägung gezogen, mir das zu sagen?« Ich sehe vor allem Eryt und Terrys an. Von den anderen erwarte ich nicht, dass sie mir gegenüber loyal sind.

»Es ist ein wenig anders, als du das jetzt vielleicht denkst, Nyx«, sagt Eryt und blickt dann zu einem freien Stuhl.

Ich setze mich und verschränke die Arme vor meiner Brust.

»Ja, Black hat uns instruiert. Aber er hat es uns auch vergessen lassen. Erst in dem Moment, als er sich gegen Zeus stellte, hat er die Erinnerungen daran wieder in uns ausgelöst«, erklärt Eryt ruhig und fährt sich durch sein dunkelblaues Haar.

Ich sehe zu den anderen, aber ich muss nicht nachfragen. Ich weiß, dass sie es wussten, aber nichts gesagt haben, weil sie Night treu ergeben sind.

»Würden … Würden sie ihn töten? Können sie das?«, frage ich mit bebender Stimme. Bilder blitzen vor mir auf. Bilder von ihm, wie die Schakale auf ihn losgegangen sind. Und wir haben ihn dagelassen.

»Hätte nicht wenigstens einer von euch bei ihm bleiben können?« Ich sehe vor allem Kalysha und Syras an. Sie sind doch seine Crew. Sie …

»Nein. Das wollte er nicht. Und Black wird mit den Schakalen schon fertig.« Syras’ langes Haar glänzt in dem flackernden Licht des Feuers im Kamin.

»Aber er hat Zeus getötet …«

»Ja, das hat er«, wirft nun Terrys ein und setzt sich neben mich. »Was bedeutet, dass Black jetzt der oberste Schakal ist. Also besteht Hoffnung, dass er es da rausgeschafft hat.«

»Hoffnung«, wiederhole ich gebrochen. Mein Herz versetzt mir einen Stich nach dem anderen. Es sehnt sich so sehr nach Night, dass ich kaum atmen kann.

»Hoffnung«, bestätigt Terrys.

Bedrückende Stille legt sich über uns, bis Acyra das Wort ergreift.

»Wir werden zurückgehen. Aber ohne dich.«

»Was?« Ich starre sie fassungslos an. »Nein! Ich komme mit!«

»Das können wir nicht. Wir haben es Black versprochen. Du musst in Sicherheit sein.«

»Ich komme mit!«, protestiere ich erneut.

»Nein, Nyxa«, sagt nun Terrys und legt behutsam seine Hand auf meinen Arm. »Du bleibst hier.«

Ich beiße vor Wut die Zähne zusammen. »Und wie wollt ihr ihn da rausholen?«

»Wir gehen da hin und holen ihn.«

Kalyshas Stimme kommt mir fremd vor, weil ich sie so lange nicht gehört habe.

»Was, wenn er …«

»Er ist nicht tot. Acyra wüsste es«, wehrt Kalysha ab.

Ich sehe zu Acyra, die nickt. Natürlich. Sie würde spüren, wenn der andere Teil ihrer Seele tot wäre.

»Wir werden dich in Sicherheit bringen«, wendet Eryt ein.

»Und wohin?«, frage ich resigniert. Ich vermisse Night. Ich will nichts mehr, als dass sie ihn zurückholen. Aber ich weiß auch nicht, wie ich mit ihm umgehen soll, nach alldem, was ich jetzt weiß.

»Nach … Acaris.« Seine Stimme klingt belegt. Er will mich dort nicht wieder einsperren, hat aber genau das vor.

»In Ordnung«, gebe ich einfach nur zurück, damit das alles nicht noch länger dauert.

»Dann wäre das ja geklärt«, sagt Acyra und erhebt sich augenblicklich. »Ihr geht nach Acaris und wir nach Avalon.«

Ich atme bebend ein und erhebe mich ebenfalls.

Terrys und Eryt kommen mit mir. Wir fliegen eine ganze Weile, bis wir an einem kleinen See ankommen, hineingehen und uns verwandeln. Wir wandern durch die Welten und vor mir erscheint der wunderschöne Saphirpalast, der immer noch an einigen Stellen sein blaues Licht verloren hat. Die Straßen sind leer, als wir durch die Kuppel hineingelangen und stumm bis zum Schloss laufen.

»Du solltest dich ein wenig ausruhen«, sagt Eryt, als wir im Thronsaal stehen und vor mir immer wieder das Bild der Schakale auftaucht. Unter ihnen Night.

Mein Herz brennt wie Feuer.

»Sie werden ihn da rausholen. Black ist sehr stark, Nyx.«

Ich sehe Eryt tonlos an. Ich weiß, wie stark Night ist. Ich habe es an meinem eigenen Leib erfahren.

»Ich gehe in die Bibliothek«, flüstere ich dann und drehe mich um.

Als ich dort angekommen bin, lasse ich meine Finger zart über die Buchrücken wandern. Schwer atmend setze ich mich in meine kleine Ecke und ziehe die Beine an. Was, wenn Night doch etwas zugestoßen ist? Was, wenn er … wenn er gegen sie alle keine Chance hatte? Das alles ist nur meine Schuld. Ich bin schuld daran, dass Night … ja, was? Dass er sich geopfert hat? Ich schüttle den Kopf und umklammere meine Beine. Das alles kommt mir wie ein bitterer Traum vor. Und ich verstehe immer noch nicht, warum nicht einige von ihnen bei Night geblieben sind. Sie hätten nicht alle mit mir mitkommen müssen.

»Nyx?«

Ich schließe meine Augen und atme tief durch, bevor ich sie wieder öffne und Eryt ansehe, der sich lässig gegen eines der Bücherregale lehnt.

»Darf ich?«, fragt er, weil er genau weiß, dass das hier mein Ort ist.

»Sicher«, gebe ich knapp zurück und er setzt sich auf den kleinen Sessel neben meiner Nische, auf dem sonst immer Lyn saß. Lyn, der jetzt bei Myr und Levyn ist. Lyn, der … jetzt nicht mehr hier ist. Niemand ist mehr hier, den ich sonst für selbstverständlich gehalten habe. Nur Eryt.

»Ich würde dir gern ein paar Dinge erklären. Ich weiß, dass Terrys das schon getan hat, aber …«

»Aber du willst selbst mit mir darüber reden, dass ich dich gezwungen habe, mich zu wollen?«, gifte ich, obwohl er recht wenig dafür kann. Es ist allein meine Schuld.

Er presst seine Lippen aufeinander und sieht mich nachdenklich an. »Du hast das bei mir nicht gemacht, Nyxihixi.«

»Und woher willst du das wissen?«

Hitze strömt durch meinen Körper in meine Wangen und zaubert ein Lächeln in Eryts Gesicht.

»Ich wollte dich schon, da wärst du nicht einmal auf die Idee gekommen, mich zu berühren.«

Er zwinkert, während ich an die Zeit denke, in der er für mich nur der große starke Bruder von Lyn war, den ich beinahe schon vergöttert habe. Und ja, ich hätte ihn niemals berührt. Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis er mich zur Begrüßung und Verabschiedung umarmt hat. Ich erinnere mich, dass ich damals beinahe umgekippt wäre, weil die Schmetterlinge in meinem Bauch mich betäubt haben.

»Und wenn wir später zusammen waren – so zusammen waren –, habe ich nie eine Hitze gespürt, die von dir ausging. Nie.«

»Warum habe ich es dann bei Night gemacht?«

Meine Gedanken wandern zu dem Abend in der Lagune. War das auch der Grund dafür, dass er sich nicht gewehrt hat? Dass ich ihm einfach die Kapuze habe abziehen können? Ich erinnere mich an diese glühende Hitze in mir. Es muss so gewesen sein. In den letzten Wochen war ich so sauer darauf, dass Night mich manipuliert hat, während ich genau dasselbe getan habe.

»Ich kann dir nicht beantworten, was genau an Black dich dazu verleitet, ihn manipulieren zu wollen. Vielleicht liegt es daran, dass du dir unsicher bist.«

»Unsicher?«, frage ich irritiert.

»Ja, du glaubst vielleicht nicht, dass Black dich wirklich will.«

»Und bei dir war ich mir da also sicher? Das glaubst du doch selbst nicht, Eryt«, brumme ich resigniert und halb lachend. Denn niemals hätte ich damals geglaubt, dass der große Bruder meines besten Freundes jemals etwas anderes in mir sehen könnte als die kleine dumme Nyxa, die ihm hinterherrennt.

»Ich habe dir nie einen Grund gegeben, daran zu zweifeln, was ich von dir will, Nyx.«

»Doch, das hast du. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, habe ich dich vergöttert und war mir sicher, dass ich nur ein nerviges kleines Mädchen für dich bin.«

Er hebt einen Mundwinkel. »O ja. Das war am Anfang.«

»Also war es wirklich so?«, frage ich beinahe geschockt.

»Natürlich. Du warst fünfzehn und wirklich … aufsässig. Und echt nicht gerade … sehr entwickelt«, stammelt er.

Ich öffne vor Schock und Scham den Mund, aber entgegne nichts. Denn er hat recht. Als ich nach Acaris kam, hatte ich nicht einmal wirklich Brüste. Ich senke meinen Blick.

»Du sahst aus wie eine Dreizehnjährige«, lacht Eryt, wofür er einen Fausthieb gegen die Schulter erntet. »Aber dann … dann kam ich von einem meiner Einsätze zurück. Ich bin in den Thronsaal gegangen und habe mit Myr gesprochen. Und dann … kamst du rein. Zusammen mit Lyn, aber … ich konnte nur dich ansehen.« Er schüttelt lachend den Kopf. »Ich wollte es mir ja ausreden. Aber du hast es mir wirklich nicht leicht gemacht.«

»Nicht leicht?« Ich lache ebenfalls, wage es aber nicht, ihn noch einmal anzusehen.

»Weißt du noch, was du damals gesagt hast?«

Ich runzle die Stirn.

»Du bist hineingestürmt, hast mich kaum wahrgenommen und verkündet: Lyndrias ist ein dummes Mädchen, das mich aufzieht, weil ich Brüste habe. Und weil ich nicht raus darf, wirst du mir einen BH kaufen und dich dabei hoffentlich in Grund und Boden schämen.«

Er lacht laut, während ich erschrocken meine Augen aufreiße und mich erinnere. Ich habe an dem Tag viel zu spät bemerkt, dass Eryt ebenfalls da war, und mich danach tagelang in meinem Bett versteckt.

»Peinlich …«

»Glaub mir, ich habe dich angesehen … und es war einfach nur die Wahrheit. Du hattest plötzlich Brüste.«

»Bitte rede nicht über meine Brüste«, brumme ich halb lachend. »Vor allem nicht darüber, als sie plötzlich gewachsen sind.«

Er verzieht den Mund und sieht mich dann durchdringend an. »Da war auf jeden Fall kein Feuer, das mich beeinflusst hat.«

»Nur meine Brüste«, gebe ich schmunzelnd zurück.

»Hey!«, macht er und hebt seine Arme. »Ich habe dich nicht auf deine Brüste reduziert. Glaub mir. Ich habe dich nur plötzlich anders angesehen.«

»Schon gut«, beruhige ich ihn und werfe dann einen Blick auf die Bücherregale. »Warum seid ihr alle mitgekommen? Warum ist niemand von euch bei Night geblieben?«

Er atmet schwer. »Weil Black wusste, dass wir keine Chance gegen einen Schakal hätten.«

»Und was ist jetzt? Warum können sie jetzt dorthin?«

»Weil Black hoffentlich alle Schakale erledigt oder unterworfen hat«, gibt er lachend zurück.

»Hoffentlich«, brumme ich, während mein Herz einen Satz macht. »Es tut mir leid«, flüstere ich dann und ernte dafür einen fragenden Blick. »Das mit Terrys und Night und …«

»Und dass du mich nicht mehr so ansiehst?«

Ich schlucke Steine. Verdammte Felsen. Oder vielleicht sogar Rasierklingen. Mein Herz brennt wie Feuer und meine Kehle schnürt sich zu.

»Ich mache dir deshalb keine Vorwürfe. Es gab eben eine Zeit lang nur mich. Ich habe ehrlich gesagt damit gerechnet, dass du mich nicht mehr willst, wenn du auf diese Welt losgelassen wirst.«

»Was?!«, entgegne ich geschockt.

Er verzieht den Mund zu einem unehrlichen Lächeln. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du mich immer noch so toll findest, wenn du erst mal in eine Welt voller charmanter, gut aussehender Drachen entlassen wirst.«

Ich hebe meine Brauen und versuche meine Gedanken zu ordnen. Am liebsten würde ich irgendetwas sagen. Aber was?

»Du bist mein bester Freund«, flüstere ich also.

Er nickt und streicht mir vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht. »Ich weiß, Nyxihixi. Und du bist meine beste Freundin. Doch ein Teil in mir wird dich immer mehr lieben, als es zwischen Freunden erlaubt ist.« Er macht eine kurze Pause. »Aber dieser Teil existiert in dir nicht. Und deshalb hast du mich auch nie manipuliert.«

Ich erwidere nichts, weil alles, was ich jetzt sagen würde, falsch wäre. Ich weiß selbst ganz genau, dass meine Gefühle für Night anders sind, als sie je zu Eryt waren. Und auch Terrys gegenüber fühle ich etwas anderes.

»Und was mache ich jetzt?«

»Womit? Mit deinen Gefühlen?«, hakt er nach und zwickt mir in den Arm. »Erst mal müssen wir Black herholen. Dann … solltest du ihn vielleicht nicht noch mal zum Sex zwingen wollen. So was kann Beziehungen zerstören.«

»Das ist nicht witzig!«, brumme ich, während Eryt versucht ein Lachen zu unterdrücken.

»Ein bisschen schon«, sagt er dann und presst sofort die Lippen aufeinander, als hätte er sich an seinen eigenen Worten verbrannt.

»Ich werde ihn nie wieder manipulieren. Wenn es sein muss, fasse ich ihn nicht mehr an. Hauptsache, er lebt und ist sicher.«

Eryt mustert mich, ohne etwas zu sagen. Und so sitzen wir noch ewig hier. Schweigend nebeneinander. Wie früher. Nur dass jetzt alles anders ist.

Kapitel 2

Laute Schreie tönen durch den Palast. Erschrocken erhebe ich mich aus der kleinen Nische in der Bibliothek und renne sofort los. Als ich im Gang zum Thronsaal bin, erkenne ich die Stimme. Es ist Kessy. Neben mir erscheint Eryt, als wir gerade die Tür erreichen und ich auf Kessy starre. Ihr gesamter Körper ist blutverschmiert.

»Helft mir!«, schreit sie uns an, weil wir wie erstarrt stehen geblieben sind. Mein Blick wandert an ihrem geschundenen Körper hinab. Hinab zu … Maryla.

»Was?!«, hauche ich und stürme auf sie zu. »Was ist passiert?«

»Sie wurde von einem Schakal gekratzt«, erklärt Kessy völlig atemlos. Ich reiße Marylas Oberteil nach oben und starre auf die tiefen Kratzer. »Bitte hilf ihr!«

Kessy klingt plötzlich zerbrechlich. Maryla scheint ihr wirklich etwas zu bedeuten.

Ich presse meine Lippen aufeinander, schließe meine Augen und lege meine Hände auf die klaffenden Wunden. Ich suche in mir nach meiner Kraft. Nach meinem Druiden-Ich. Ganz langsam spüre ich diese warme Heilkraft in mir. Marylas Körper bebt. Aber ich bin nicht stark genug. Meine Kräfte sind zu schwach. Trotzdem heilen ihre Wunden ein wenig.

»Sie muss sich verwandeln«, sage ich, als ich meine Augen öffne und sehe, dass die Wunden immer noch so fürchterlich bluten. Schwarz bluten.

»Sie ist noch zu schwach«, ertönt Eryts Stimme neben mir. »Du musst sie noch ein wenig mehr heilen, Nyx. Du weißt, dass du diese Kraft hast, wenn du dein Urfeuer nutzt.«

Ich nicke und schließe wieder meine Augen. Ich spüre das Mal in meinem Gesicht heiß aufglühen. Immer mehr Kraft fließt durch meinen Körper hin zu meinen Armen und überträgt sich dann auf Maryla, bis sie hustend zu sich kommt. Ihre Augen drehen sich immer wieder weg, aber Kessy beugt sich über sie und schlägt ihr immer wieder sanft in ihr Gesicht. »Verwandle dich!«, fordert sie.

Maryla schüttelt den Kopf. »Ich kann nicht.«

»Doch, du kannst! Du musst!«, fleht Kessy und hebt ihren Kopf ein wenig an. »Los!«

Marylas Körper verkrampft sich und endlich stoßen Schuppen durch die Haut um ihre Augen und die Wunden schließen sich komplett. Als auch das letzte bisschen Haut zusammengewachsen ist, verschwinden ihre Schuppen und sie verliert das Bewusstsein. Aber jetzt ist sie außer Gefahr, also sehe ich hoch zu Kessy. »Was ist passiert?«

»Ein Schakal …«

»Was ist mit den anderen? Mit Night?!«, fordere ich, während Terrys erschrocken zu uns tritt.

»Sie …« Kessy stockt und beginnt bitter zu weinen. Mein Herz bricht und bricht.

»Kessy!«, brülle ich sie an und packe ihre Schultern, schüttle sie immer und immer wieder.

»Ich … Sie waren so viele und …«

»Kessy!«

Ich schreie und werde immer unsanfter. Sie zuckt unter meinem festen Griff zusammen, während Eryt versucht mich von ihr zu ziehen, ich ihn aber wegschlage. Panik ergreift mich und meine Stimme.

»Was ist mit Night?! Sag mir, was mit Night ist! Ich muss wissen …«

»Ich bin hier, Arrow.«

Ich erstarre, bevor ich in der Lage bin mich umzudrehen. Dort stehen sie. Sie alle. Aber ich nehme nur Night wahr. Mein Herz weiß nicht, ob es brechen oder heilen soll. Es lähmt mich. Alles in mir ist taub. Nights Blick ist kalt und gefühllos auf mich gerichtet. Ich mache einen Schritt auf ihn zu. Strecke meine Finger aus, als wollte ich nachsehen, ob er nur ein Geist ist. Er weicht zurück – und dann begreife ich, dass etwas anders ist. Aber was?

»Was …«

Meine Lippen beben. Meine Augen suchen Night immer und immer wieder ab. Versuchen in seinen blauen Augen, die von den Schatten seiner Kapuze bedeckt werden, etwas zu sehen. Gefühle zu sehen. Aber da ist … nichts. Rein gar nichts.

»Was ist passiert?«, richte ich mich an Syras, weil ich von Night keine Antwort erwarte.

»Wir …«

»Lass uns reden.« Nights Stimme klingt geschäftsmäßig.

Meine Kehle brennt bitter, als ich nicke und er dann einfach vor in die Bibliothek geht, ohne mich noch einmal anzusehen. Was ist passiert?

Er stoppt erst, als er an einem Bücherregal ankommt und sich dann ganz langsam zu mir umdreht. »Wie geht es dir?«

Ich hebe meine Brauen. »Das fragst du mich? Jetzt?«

»Was soll ich dich sonst fragen? Ob du gut gegessen hast?«

»Night …«, flüstere ich ungläubig und nähere mich ihm wieder. Er zuckt kurz, aber dieses Mal weicht er nicht vor mir zurück. »Was ist passiert?«

Endlich berühre ich seine Finger. Hitze strömt durch mich hindurch. Und obwohl ich weiß, dass ich ihn gerade nicht manipuliere, sondern das eine andere Hitze ist, ziehe ich sofort meine Hand weg.

»Wann genau?«

»Night!«

Er hebt nur seine Brauen und stöhnt dann leicht. »Ich habe drei der Schakale getötet, die anderen haben sich mir unterworfen.«

»Was?«

»Was was? Sie haben mich als neuen Rudelführer anerkannt«, sagt er ironisch.

Ich öffne den Mund vor Fassungslosigkeit. »Und was ist dann mit Maryla passiert?«

»Meine Hündchen waren etwas ungezogen.«

»Was haben sie mit dir gemacht?«, frage ich, weil er so anders ist. Das hier vor mir ist nicht der Night, den ich kenne.

»Nichts.«

»Bitte rede mit mir!«

Ich nähere mich ihm erneut und stelle mich dicht vor ihn. Meine Hand wandert ganz langsam zu seiner Kapuze. Er hindert mich nicht, also schiebe ich sie ein wenig nach hinten und mustere seine Narbe, die mir so vertraut ist.

»Worüber soll ich mit dir reden, Arrow? Ich dachte, du hasst mich.«

»Ich könnte dich nie hassen«, flüstere ich. Seine Augen zucken kurz. »Niemals. Ich … Ich hatte Angst um dich. Ich dachte …«

»Mir geht es gut«, erwidert er knapp.

»Aber du bist anders!«, zische ich zornig. Es macht mich so wütend und hilflos.

»Vielleicht liegt das ja daran, dass du mich nicht berührst.«

Ich beiße die Zähne zusammen, bis mein Kiefer pochend schmerzt. »Du warst mir auch schon ohne meine Brührungen näher als jetzt«, gebe ich kleinlaut zurück, weil ich nicht wirklich imstande bin, mich für meine Manipulationen zu rechtfertigen.

»Das liegt in der Vergangenheit, Nyxa.«

Er nutzt meinen Namen wieder als Waffe gegen mich. Und wie ein echter Dolch rammt er sich in mein Herz.

»Was soll das alles? Du hast mich nach Avalon geholt. Du hast gegen mich gekämpft. Du hast mich gezwungen, diesen Jungen zu töten. Du …«

»Genau. Das alles habe ich getan. Und trotzdem stehst du jetzt vor mir wie ein liebeskrankes naives Mädchen, Nyxa. Hast du keinen Funken Selbstachtung in dir?!«

Ich öffne fassungslos meinen Mund, doch statt Worten verlassen nur Tränen meine Augen. Mein Herz versetzt mir dumpfe Schläge.

»Ich habe dafür gesorgt, dass du sicher bist. Vor ihnen und vor dir selbst. Ich habe dafür gesorgt, dass du bei deinem Gegenstück bist. Mehr muss ich nicht tun.«

»Was?« Ich starre ihn fassungslos an.

»Was was?«, sagt er wieder.

»Du hast mich daran gehindert, ihn zu heiraten!«, schreie ich voller … Panik. Ja. Das, was ich in mir spüre, ist Panik, Night zu verlieren. Er hat recht. Ich bin ein dummes naives Mädchen ohne Selbstachtung.

»Ich musste zuerst dafür sorgen, dass du keine Herrscherin wirst.«

»Und warum?«

»Weil die Schakale dich dann getötet hätten.«

»Und deshalb all das? Dass du mich zur Vestalin gemacht hast? Die Urelemente … Du hättest mit mir reden und ich hätte auf Avalon verzichten können.«

»Hättest du nicht. Morgan hat Regeln festgelegt, falls du das vergessen hast. Hätte ich dich also lieber töten sollen, damit du mir meine Herrschaft nicht streitig machen kannst?«

Ich schnaube, weil ich kaum glauben kann, was hier passiert. »Und warum hast du die Schakale nicht gleich getötet und sie unterworfen? Warum die Spiele?!«

»Ich kann keinen meiner Brüder angreifen, außer, ich werde von ihnen angegriffen. Als du mir sagtest, Zeus würde mir das Herz herausreißen wollen, konnte ich zuschlagen.«

»Soll das heißen, dass du dich zwischen mich und Zeus gestellt hast, damit du ihn angreifen kannst?«

»So ungefähr.«

Ich weiche einen Schritt vor ihm zurück, bevor ich doch wieder auf ihn zugehe und nach seinem Arm greife. »Night …«

»Nyxa«, entgegnet er kühl.

»Was hat das alles zwischen uns geändert?«

»Außer, dass ich ein Versprechen an Morgan gehalten habe und jetzt frei bin?«, fragt er und zieht wieder den kleinen schwarzen Würfel aus seiner Tasche, um ihn zwischen seinen Fingern tanzen zu lassen.

»Frei von mir?«, frage ich mit bebender Stimme.

»Ja«, raunt er und sieht mich direkt an.

Ich wünschte, er würde seinen Blick abwenden müssen. Dann könnte ich noch hoffen, dass er lügt. Aber er sieht mich ehrlich und kühl an.

»Es ist vorbei. Du bist jetzt bei Terrys und ich herrsche über Avalon, bis ich dich nach deiner Hochzeit als Regentin einsetzen kann. Nur so konnte ich mein Versprechen halten. Und durch die … Ehe mit Terrys bist du dann trotz deiner Herrschaft in Sicherheit.«

Ich ziehe meinen Arm wieder weg und nicke. Mein Herz verkrampft und krümmt sich wie ein verletztes Tier. Aber jetzt ist es genug. Ich schiebe all die Hoffnung, dass Night nur verletzt war, beiseite. Verbanne sie und nicke wieder. »Es tut mir leid.«

»Was?«, hakt er mit zusammengeschobenen Brauen nach.

Ich mustere seine starken Schultern und diese große Statur. »Dass ich dich manipuliert habe.«

Er schweigt. »Ich habe es überlebt«, sagt er dann knapp und lässt meinen Körper mit seinen Worten beben. »Mir tut leid, dass … dass du in das alles mehr hineininterpretiert hast, Nyxa.«

Ich keuche laut auf. Das war der Schlag, der mich meine Fassung verlieren lässt. Dieser eine gezielte Schlag in meinen Magen und mein Herz. Ich zwinge mich, meine Hand bei mir zu behalten und ihn nicht zu schlagen.

»Was war das in Avalon in deinem Bett?«, frage ich und hasse mich selbst dafür.

Er leckt sich über seine Lippen und kommt näher. Näher und näher. Bis er direkt vor mir steht und ich seinen betäubenden Geruch rieche und seinen kühlen Atem auf meiner Haut spüre. »Die anderen Schakale mussten denken, dass ich mehr von dir will, Nyxa. Das tut mir leid. Ich wollte dir wirklich niemals wehtun. Aber sie mussten mich angreifen. Sie mussten …«

»Es reicht!«, stoße ich keuchend hervor. »Es reicht, Night!«

Er leckt sich erneut über seine Lippen und nickt.

»Ich bin froh, dass du lebst.«

Mit diesen Worten drehe ich mich um und gehe. Meine Schritte werden immer schneller und schneller, während immer mehr nasse Perlen über meine Wangen wandern. Irgendwann renne ich, bis ich endlich mein Zimmer erreiche, mich neben mein Bett kauere und unendliche schmerzhafte Sekunden und Minuten einfach nur weine. Weine, bis keine einzige Träne mehr übrig ist. Und als ich irgendwann meine Sicht zurückerhalte, aber trotzdem nur in Leere starre, begreife ich, was mein dummes Herz fühlt. Und dass Night nie dasselbe für mich empfunden hat.

***

Die nächsten Tage werde ich in Ruhe gelassen. Wahrscheinlich hätte ich auch mit allem, was in meiner unmittelbaren Nähe ist, nach demjenigen geworfen, der in mein Zimmer gekommen wäre. Und ganz offensichtlich spüren sie das alle.

Der Erste, der sich irgendwann in mein Zimmer wagt, ist Terrys. Ich spüre seine Anwesenheit wie einen Schleier aus Heilung um mein Herz.

»Du musst jetzt essen«, sagt er knapp, kommt zu mir und stellt einen Teller mit Brot vor mir ab. »Ich habe dich lange genug allein gelassen. Jetzt reicht es.« Er klingt ernster und härter als sonst.

Ich presse meine Lippen zusammen und nicke dann ganz leicht.

»Ich hätte dich gern davor bewahrt, dass er dir das Herz bricht, Nyxa. Aber …«

»Er hat mir nicht das Herz gebrochen«, lüge ich und schließe bitter meine Augen.

»Doch, das hat er. Und es ist okay. Jeder von uns hat mal ein gebrochenes Herz. Es heilt wieder. Glaub mir.«

»Ich verstehe es nicht.«

»Was verstehst du nicht? Dass er dich nicht liebt?«

Seine Stimme klingt zornig und seine Worte versetzen mir einen Stich in die Brust.

»Nein. Ich verstehe meine Gefühle nicht.«

Er hebt seine Brauen. »Da schließe ich mich an.« Er lacht und berührt dann aufmunternd meine Wange. »Gefühle versteht man nicht. Das ist nichts, was unser Verstand begreifen könnte.«

»Zum Glück«, murmle ich brummend. »Würde mein Verstand das hier begreifen, würde er mich wohl innerlich verprügeln.«

Terrys lacht wieder. »Liebeskummer vergeht, Nyxa.«

Ich schlucke schwer. Einen Moment lang will ich mich gegen dieses Wort wehren. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, ist es genau das, was mich gerade diese unmenschlichen Schmerzen empfinden lässt. Ja, ich bin das erste Mal in meinem Leben ein ganz normales neunzehnjähriges Mädchen, das Liebeskummer wegen eines Jungen hat. Und obwohl ich mir mein Leben lang gewünscht habe, normal zu sein, würde ich das hier gern auslassen.

»Was denkst du?«, fragt Terrys irgendwann.

Ich starre ihn ausdruckslos an, weil ich tatsächlich gerade darüber nachgedacht habe, Night so zu manipulieren, dass er mich doch will. Ich bin ganz offensichtlich am tiefsten Tiefpunkt aller tiefen Abgründe dieser Welten angekommen. Herzlichen Glückwunsch, Nyxa. Jetzt hat der letzte Funken Verstand, der zuvor schon viel zu mickrig war, auch noch den Absprung über die Klippe geschafft und sich endgültig verabschiedet.

Und das Schlimmste ist, dass ich gerade wirklich den Entschluss fasse, Night zu manipulieren. Es ist falsch und … noch eine Million andere Dinge, die mich sicher direkt in die Hölle katapultieren werden. Aber ich muss es tun. Nur einen Kuss, einen einzigen Kuss, und auch nur um wirklich sicher zu sein, dass er mich nicht mehr will.

»Ich muss noch etwas erledigen«, nuschele ich, bevor ich es mir anders überlegen kann.

»Du willst zu ihm«, stellt Terrys enttäuscht fest.

Ich atme schwer. »Es gibt eine Sache, die ich noch machen muss. Und dann …«

»Dann gibst du ihn auf?«

In seiner Frage schwingt eine andere mit. Er will nicht nur wissen, ob ich Night aufgebe, sondern vor allem, ob ich ihm eine Chance gebe.

»Ja«, sage ich ehrlich und verlasse den Raum.

Syras ist der Einzige, der mir sagt, wo ich Night finde. Und ich bin mehr als irritiert, als er eine Wohnung in Acaris nennt, die im Nixenviertel liegt.

»Er ist ausgezogen?«

Die Frage ist seltsam, weil Night nie hier gewohnt hat. Aber an meinem Verstand und dem, was ich von mir gebe, brauche ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr zu zweifeln. Der hat sich vor langer Zeit verabschiedet und ist vor ein paar Minuten endgültig verstorben.

Ich stürme aus dem Saphirschloss und laufe die schmalen Gassen entlang, bis ich die Adresse erreiche, die Syras mir genannt hat. Laute Musik dröhnt durch die Fenster einer Wohnung im obersten Stock. Ich runzle die Stirn und gehe durch die offene Tür hinauf, bis ich an der Wohnungstür ankomme und klopfe. Es dauert einen Moment, bis die Tür geöffnet wird und ein irritierter Night vor mir steht. Er ist … nackt. Komplett nackt. Ich zwinge mich, meine Augen nur auf seinem Gesicht ruhen zu lassen und wieder zu atmen.

»Komm rein«, raunt er und geht vor.

Dieses Mal kann ich meine Augen nicht oben halten. Nein, mein Blick landet direkt auf seinem Hinterteil. Seinem nackten Hinterteil, das wirklich nett anzusehen ist. Ich schelte mich innerlich für diese Gedanken.

»Wusstest du, dass ich es bin?«, frage ich, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass er jemandem so die Tür öffnet, wenn andere nicht einmal sein Gesicht sehen dürfen.

»Dein Geruch hat schon vor zwei Minuten die komplette Straße und meine Wohnung erfüllt«, gibt er knapp zurück und kommt nun mit einer schwarzen Hose bekleidet zurück in das ausladende Wohnzimmer.

»Mein Geruch?«, frage ich irritiert und stehe da wie bestellt und nicht abgeholt, während meine Augen über seinen nackten Oberkörper und ein Tattoo an seinen Rippen wandern. Ein heulender Wolf. Oder ein Schakal. Ich weiß es nicht und bin auch nicht wirklich in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Ja, dein Geruch. Ich habe einen sehr ausgeprägten Geruchssinn.« Er schnippt mit dem Finger und die laute Musik wird augenblicklich leiser.

»Und wonach rieche ich?«

Er hebt seine Brauen. »Nach …« Er stockt. »Streichhölzern.«

»Was?!«

Er sieht mich ausdruckslos an und streicht sich dann sein nasses Haar zurück. »Willst du was trinken?« Er schlendert in die Küche und holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. »Whiskey habe ich nicht da. Ich habe nicht … mit dir gerechnet.«

»Ich will nichts. Danke«, murmle ich und beginne langsam an meinem Vorhaben zu zweifeln. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich kann ihn doch nicht einfach manipulieren, mich zu küssen. Das wäre nicht fair. Und auch ziemlich armselig. Trotzdem will ich nichts mehr als das.

»Was willst du hier, Nyxa?« Er öffnet sein Bier und lehnt sich gegen die Küchentheke.

Ich trete einen Schritt näher. »Ich … Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht?«, hakt er mit erhobenen Brauen nach.

»Warum wohnst du hier?«

Er trinkt einen Schluck und leckt sich dann über seine Lippen. »Wo soll ich sonst wohnen? In deinem Zimmer?« Er zwinkert und ich verdrehe genervt die Augen.

»Bleibst du hier? Oder …«

»Oder werde ich wieder davonsegeln?« Er lacht. »Ich bin zwar frei, aber so frei auch wieder nicht.«

»Soll heißen, dass du mich noch weiter beschützen musst?«, frage ich und gehe zu ihm in die Küche, stelle mich genau gegenüber von ihm an die Kücheninsel und werfe einen Blick auf seine nackten Arme. Ich müsste nur meine Hand ausstrecken und …

»Ja. Die Schakale sind nicht unbedingt treu. Und … es gibt viele Bedrohungen in unseren Welten.«

Ich schlucke und sehe hinauf. Er mustert mich, als würde er in mir nach einer Antwort darauf suchen, was ich wirklich hier will.

»Kam Terrys etwa noch nicht, um dich zu trösten?«

»Weshalb trösten?«, frage ich gelangweilt und unehrlich.

Night hebt gelassen einen Mundwinkel. »Du hast nicht in den Spiegel gesehen, bevor du dich entschlossen hast, herzukommen, nicht wahr?«

Ich weite erschrocken meine Augen. »Was?!«

Er grinst wieder. Aber etwas in seinem Blick wirkt, als würde ihm mein Anblick wehtun. »Deine Augen sind verquollen, Ar…« Er stoppt sich selbst, bevor er den Namen sagen kann, den er mir gegeben hat. Aber in mir löst das ein solches Verlangen aus, dass ich alle Zweifel vergesse, einen Schritt auf ihn zugehe und seinen Arm packe. Statt eine Vision zu sehen, spüre ich die Hitze in mir und sehe dann, wie Nights Augen aufglühen.

»Arrow …«

Dieser Name aus seinem Mund lässt mein Herz brennen. Aber es tut weh. Es tut so weh, weil ich das hier nur herbeimanipuliere. Trotzdem kann ich meine Hand nicht zurückziehen. Ich nähere mich ihm. Er senkt seine Lider, kurz bevor er seine Hand in meinen Nacken legt und zugreift.

Eine Stimme in mir schreit mich an, dass ich das hier nicht darf. Dass ich ihn nicht dazu zwingen darf, mich zu küssen. Aber ein viel mächtigerer Teil in mir drängt mich genau dazu. Und dann rücke ich selbst vor und lege meine Lippen ganz sanft auf seine.

Als ich mich nach nur wenigen Sekunden von ihm löse, laufen Tränen über meine Wangen und sofort ziehe ich meine Hand zurück. Scham und Hass auf mich selbst bilden eine Faust, die meine Brust von innen zu zerschlagen droht.

»O Gott«, flüstere ich fassungslos. »Es tut mir so leid … ich …«

Night weicht einen Schritt zurück. Ich wage es nicht ihn anzusehen. Will nicht die Abscheu in seinen Augen sehen, die er jetzt mit Sicherheit empfindet.

»Hast du dir gerade einen Kuss manipuliert?«

Seine Stimme klingt rau und heiser. Sein Atem geht schnell. Ich presse die Augen und Lippen zusammen und nicke.

»Oh Scheiße, Arrow. Das ist so verdammt heiß.«

»Was?« Endlich blicke ich zu ihm hinauf. Und in seinen Auge steht keineswegs Abscheu. Nein, in ihnen breiten sich Hunger und Verlangen aus.

Ich weiche zurück und gehe zur Tür. »Das bist nicht du. Ich habe dich manipuliert. Und das wirkt noch.«

Heiße Tränen treten in meine Augen, während ich die Tür öffne. Doch plötzlich steht wie aus dem Nichts Night neben mir und schließt sie wieder. Sein Arm ruht neben meinem Gesicht. Er atmet schnell und schwer, seine hellblauen Augen fest auf mich gerichtet.

»Deine Manipulationen halten nicht sonderlich lange, Nyxa. Und ich bin ziemlich … mächtig.«

Ich schlucke schwer. Verdammt. Ich muss hier irgendwie schnellstmöglich verschwinden. Ihm so nah zu sein tut weh. Vielleicht dachte ich in einem Anflug von Übergeschnapptheit, dass das hier mein Herz heilen würde. Aber jetzt weiß ich, dass es noch mehr wehtun wird, sobald diese Situation vorbei ist.

»Du willst mich nicht«, presse ich hervor und rücke nach hinten, bis mein Rücken gegen die Tür stößt.

»Das habe ich so nie gesagt.«

»Sondern?«

»Dass ich nicht mehr als das von dir will.«

»Nicht mehr als das Körperliche?«

Er verengt seinen Blick. »Wer könnte es mir verübeln? Du … bist heiß.«

»Ich … Was?«

Das hier läuft in eine ganz falsche Richtung. Denn egal, wie sehr ich mich nach Night sehne, das hier reicht nicht. Es reicht einfach nicht. Night bedeutet mir mehr.

Ich drehe mich und berühre wieder die Klinke, als ich plötzlich Nights Hand an meiner Taille spüre.

»Bleib noch ein bisschen«, raunt er dicht neben meinem Ohr. »Bitte.«

»Warum? Du willst mich nicht.«

Er schweigt, bevor er sich räuspert und meinen Körper mit Leichtigkeit zu sich dreht. »Ich will dich bei mir haben. Jetzt gerade.«

»Für was?«

»Fürs Kuscheln.« Er zwinkert und hebt einen Mundwinkel. »Außer natürlich, du willst lieber mit Terrys kuscheln.«

»Ich will mit keinem von euch kuscheln«, zische ich und gehe dann an ihm vorbei zur Couch und setze mich resigniert darauf. Wann genau ist es passiert, dass Night mir so viel bedeutet, dass ich sogar damit leben würde, ihm nicht nah zu sein, wenn er dafür ein Freund sein kann?

»Willst du jetzt doch etwas trinken? Wenn du willst, gehe ich runter und besorge dir …«

»Night …«, flüstere ich flehend. »Bist du jetzt so, weil die Manipulation noch wirkt? Bitte sei ehrlich.«

Er leckt sich über seine Lippen und kommt zu mir, geht vor mir in die Hocke und legt seine Hände auf meine Beine. »Sie wirkt nicht mehr.«

»Und warum bist du dann jetzt so … so anders?«

»Ich hatte einen schlechten Tag.«

»Einen schlechten Tag?« Ich starre ihn argwöhnisch an.

»Es ist ein bisschen mehr als das, Nyxa. Ich kann nicht mit dir zusammen sein. Ich will es nicht. Trotzdem habe ich dich gern. Und es tut mir leid, dass das bei unserem letzten Gespräch falsch rüberkam.«

»Du magst mich. Aber nicht genug?«

»Genug … Das hat nichts mit genug zu tun. Es ist einfach ein anderes Mögen.«

Ich nicke und atme dann tief durch. »Ich hätte wirklich gern einen Whiskey.«

»Dein Wunsch sei mir Befehl«, schnurrt er, erhebt sich und verschwindet aus der Wohnung, ohne sich ein Oberteil überzuziehen.

Ich warte mit pochendem Herzen. Ich habe mir einen Kuss manipuliert und Night hat mich dafür nicht verurteilt. Und jetzt sitze ich hier und … was? Was soll das hier werden? Und was soll das bringen? Night will mich nicht. Nicht so wie ich ihn. Aber will ich das überhaupt? Oder benehme ich mich gerade einfach wie ein Mädchen, das eben das will, was es nicht haben kann?

Als die Tür laut ins Schloss knallt, drehe ich mich mit einem halbherzigen Lächeln zu Night um. Nur dass dort nicht Night steht, sondern der Kerl aus dem Wald in Terreia, den ich für einen Wolf hielt. Ich blinzle und mustere ihn irritiert. Und dann entdecke ich die schwarze Kapuze, die an seinem Rücken ruht. Und da begreife ich es. Er ist kein Wolf. Er ist einer der Schakale. Er hat mich belogen.

Langsam stehe ich auf und lasse ihn nicht aus den Augen. »Was willst du hier?«

»Die Frage sollte eher sein, was du hier willst«, knurrt er und fixiert mich mit seinen hellen Augen. »Du bist nicht sicher bei ihm.«

»Ach nein?«, fauche ich. Was bildet der sich eigentlich ein?

»Komm mit mir«, flüstert er und erstarrt, als hinter ihm die Tür aufgeht und Night erscheint. In seiner Hand ruht eine Flasche Whiskey. Sein Oberkörper ist immer noch nackt.

Ganz langsam legt er den Kopf ein wenig schief. »Das ist interessant«, raunt er dann bedrohlich. Er ist beinahe einen Kopf größer als der Schakal.

»Lass sie gehen, Black!«

Night blinzelt irritiert und geht dann zur Küchentheke, um die Flasche abzustellen. »Sie kann gehen, wann sie will, Jury. Ich halte sie hier nicht gefangen.«

»Dann gehen wir«, richtet dieser Jury sich wieder an mich.

»Und warum?«, frage ich beinahe zu lässig dafür, dass ein Fremder in Nights Wohnung steht und mich zum Mitkommen bewegen will.

Night lehnt sich gegen die Küchentheke und verschränkt seine Arme vor der Brust. »Ja, Jury, erklär Nyxa doch, warum du willst, dass sie mit dir kommt.« Er lacht und sieht ihn abwartend an. Er scheint das hier wirklich amüsant zu finden.

»Er ist gefährlich!«

»Gefährlich?«, lacht Night und hebt seine Brauen.

»Ja! Ich weiß, was für einen Pakt du geschlossen hast!«

»Und welchen?«, erkundigt sich Night interessiert. Ich hingegen weiß nicht wirklich, was ich machen soll, also lasse ich sie ihr seltsames Gespräch führen.

»Mit Morgan!«

Ganz plötzlich ändert sich Nights Haltung und er geht bedrohlich auf den Schakal zu. »O Jury. Du willst mich nicht sauer machen.«

»Was für einen Pakt meint er? Dass du mich schützt?!«

»Da ist noch mehr!«, sagt Jury und Night knurrt bedrohlich.

Ich gehe auf ihn zu, packe Night und schiebe ihn von ihm. »Entweder sagst du mir jetzt, was er meint, oder er sagt es mir.«

Night verengt zornig seine Augen. »Er hat keine Ahnung, wovon er redet.«

»Ach nein? Ich erinnere dich ungern, Black Night, aber vor mehr als hundert Jahren …«

Night greift mit übermenschlicher Geschwindigkeit nach Jurys Hals und hebt ihn ein wenig an. »Halt dein dummes Maul!«

»Night!«, schreie ich fassungslos und ziehe an seinem Arm. Er knurrt, als wäre er eine Bestie, doch dann lässt er ihn los und sieht mich an. Beruhigt sich mit jedem Atemzug. »Verschwinde!«, zische ich dann und sehe Jury an.

»Was?«, hustet der.

»Verschwinde hier!«, wiederhole ich.

Jury schüttelt den Kopf und murmelt irgendetwas, geht aber und knallt die Tür hinter sich zu.

»Ich kann es dir nicht sagen«, raunt Night und geht zur Küche zurück, um ein Glas mit Whiskey zu füllen.

»Habe ich mir gedacht«, gebe ich genervt zurück. »Aber du musst.«

»Du kennst doch das Versprechen, das ich deiner Mutter gab, Nyxa.«

»Nenn mich nicht so!«, schreie ich ihn plötzlich an.

Er zuckt kurz, kommt dann zu mir und reicht mir das Glas.

»Was war da noch?«

Er atmet tief ein und aus. »Mein Gott, du bist wirklich nicht einfach.«

»Ich habe nie etwas anderes behauptet.«

»Ich gab ihr das Versprechen, dich mit Terrys zusammenzubringen und die Finger von dir zu lassen. Zufrieden?«

Blinzelnd starre ich ihn an. »Vor mehr als hundert Jahren? Da konnte sie doch noch gar nichts von mir wissen.«

»Sie war eine sehr begabte Seherin, Nyx…« Er stoppt sich selbst.

»Hast du mich deshalb von dir gestoßen?«

Ich höre selbst, dass meine Stimme hoffnungsvoll klingt. Aber diesen Ton kann ich nicht zurücknehmen.

Night verzieht das Gesicht und fährt sich angestrengt durch seine Haare. »Hör zu, Arrow. Du kennst Terrys. Du liebst Terrys. Du liebst ihn, seit du zehn Jahre alt bist.«

»Was?« Ich starre ihn ungläubig an. »Meinst du nicht, dass ich das wüsste?«

»Offensichtlich hat Morgan unterschätzt, wie sehr dich ihre Experimente beeinflussen.«

»Was für Experimente? Kannst du mal Klartext mit mir sprechen?« Ich fühle mich so leer, dass ich nicht einmal Angst vor dem haben kann, was er da sagt.

»O Mann«, macht Night und fährt sich erneut durch die Haare. »Dass du mich so manipuliert hast, dass ich mit dir schlafen wollte, das erzählt Terrybaby dir. Aber das hier kann er nicht.«

Ich nehme einen großen Schluck Whiskey, weil ich langsam das Gefühl habe, den Verstand zu verlieren. Bilde ich mir das alles nur ein?

»Setz dich!«

Ich nehme sofort auf dem Sofa Platz.

»Morgan schickte dich nach Terreia«, beginnt er, während ich in mir nach diesen Erinnerungen suche. Aber da ist nichts. Ich war nie zuvor in Terreia.

»Du warst zehn. Und Terrys war … neunzehn.«

»Was? Terrys ist viel älter als ich«, wende ich irritiert ein.

»Ja, aber … Ach Arrow.« Er legt seine Hand auf mein Bein und streicht ganz sanft mit dem Daumen über den Stoff meiner Hose. »Morgan hat einen Zauber bei dir angewendet, der dich versteinern ließ, während unsere Welten … in Gefahr waren.«

Ich weiß nicht warum, aber ich beginne hysterisch zu lachen. »Das ist …« Ich kann kaum sprechen, so sehr lache ich. »Das ist das Bescheuertste, was ich je gehört habe. Wie viel hast du schon gesoffen, Night?«

»Hör mir zu!«, fleht er. »Du warst in Terrys verliebt. Als du damals Terreia wieder verlassen hast und ich nicht mehr da war, ging auch Terrys und ließ seine Familie hinter sich. Morgan versteinerte dich und versteckte dich, bis der weiße Drache erweckt wurde. Elya.«

»Aber … aber … das wüsste ich doch.«

»Wirklich? Du wüsstest es, wenn du während all der Zeit in diesem Kellerloch hundert Jahre geschlafen hättest?«

Ich öffne fassungslos meinen Mund. »Das ist nicht witzig, Night«, flüstere ich tonlos.

»Ich weiß. Damit würde ich nie spaßen, hörst du?«

Langsam wandert meine Hand vor meinen Mund. Kann das wirklich wahr sein? Aber wie ist das möglich?

»Als du aufwachtest, hattest du Terrys komplett vergessen. Das war … Sagen wir, es war nicht ganz das, was Morgan geplant hatte. Also bat sie Belamy, mich bei einem seiner Besuche mitzubringen, und erinnerte mich an den Blutschwur, den ich ihr geleistet habe.«

»Und der beinhaltete, dass du mich mit Terrys zusammenbringst?«

Er nickt, während ich versuche die Dinge zu ordnen, die er mir da sagt.

»Ich war wirklich versteinert?«

»Ja.«

»Wie geht das?«

Er schließt die Augen, dann nimmt er mir mein Glas ab und trinkt selbst einen großen Schluck. »Dein Vater ist ein Templer. Und die können …«

»Versteinert weiterleben«, vervollständige ich.

»Ja.«

»Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte? Kannten wir uns auch?«, frage ich trocken und lache halbherzig auf.

Night greift in seine Tasche und ich weiß genau, dass er wieder nach seinem komischen Würfel fasst. Aber dieses Mal zieht er ihn nicht raus.