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Sie nannte sich selber "des freien Waldes freies Kind", Hans Carossa bezeichnete die Bayerwalddichterin als "sanfte Rebellin" mit schwer zu ergründender "Doppelnatur". Heute apostrophiert man sie oft als "Heimatdichterin ohne Heimat": Emerenz Meier, geboren 1874 in Schiefweg im Bayerischen Wald, Gastwirtstochter und Bauernmagd, gelangte bereits als ganz junge Frau mit harten Geschichten und feinfühligen Gedichten – auch in bairischer Mundart – sowie mit ihrem einzigen Buch "Aus dem bayrischen Wald" zu großer Bekanntheit. 1906 wanderte sie aus wirtschaftlichen Gründen in die USA aus und starb dort 1928 in Chicago mit nur 53 Jahren. Lange wurde sie als Schriftstellerin unterschätzt. Umso mehr gilt es heute – nicht nur aus Anlass ihres 150. Geburtstags –, Emerenz Meier und ihr vielfältiges, in zwei unterschiedlichen Welten entstandenes Werk neu zu entdecken!
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Meinen Enkelbuben Michi und Leo
HANS GÖTTLER
»Sanfte Rebellin« zwischen
Bayerwald und Chicago
Biografien machen Vergangenheit lebendig: Keine andere literarische Gattung verbindet so anschaulich den Menschen mit seiner Zeit, das Besondere mit dem Allgemeinen, das Bedingte mit dem Bedingenden. So ist Lesen Lernen und Vergnügen zugleich.
Dafür sind gut 100 Seiten genug – also ein Wochenende, eine längere Bahnfahrt, zwei Nachmittage im Café. Wobei klein nicht leichtgewichtig heißt: Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert, aber nicht speziell vorgebildet ist.
Bayern ist von nahezu einzigartiger Vielfalt: Seine großen Geschichtslandschaften Altbayern, Franken und Schwaben eignen unverwechselbares Profil und historische Tiefenschärfe. Sie prägten ihre Menschen – und wurden geprägt durch die Männer und Frauen, um die es hier geht: Herrscher und Gelehrte, Politiker und Künstler, Geistliche und Unternehmer – und andere mehr.
Das wollen die kleinen bayerischen biografien: Bekannte Personen neu beleuchten, die unbekannten (wieder) entdecken – und alle zur Diskussion um eine zeitgemäße regionale Identität im Jahrhundert fortschreitender Globalisierung stellen. Eine Aufgabe mit Zukunft.
Dr. Thomas Götz, Herausgeber der Buchreihe, geboren 1965, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und legte mehrere Veröffentlichungen, vor allem zu Stadt und Bürgertum in Bayern und Tirol im 18., 19. und 20. Jahrhundert, vor. Darüber hinaus arbeitet er im Museums- und Ausstellungsbereich.
Vorwort
1 Kindheit und Jugend im Wald
Der Vorname Emerenz
Die Emerenz-Meier-Forscher
SENZ ALS WIRTSDIRNDL IN SCHIEFWEG
DIE UNVERBESSERLICHE VERSLSCHREIBERIN
SENZLS STARKER GERECHTIGKEITSSINN
EINSATZ FÜR UMWELT UND TIERWOHL
IM OBERNDORFER DICHTERIN-STÜBERL AB 1891
2 Die ersten Veröffentlichungen 1893/94
DIE ERSTE ERZÄHLUNG: »’S HASENPASSEN« (1893)
»KLETZEN« (1893) UND WEITERE GESCHICHTEN
»DER PFINGSTVOGEL« (1894) UND ANDERE FRÜHE ERZÄHLUNGEN
»SCHREIB, SENZL, SCHREIB!«
3 Ludwig Liebl, erster Berater und Freund
Emerenz’ erster erhaltener Brief
1895: ERSTER ZEITUNGSBERICHT ÜBER DIE SENZ
4 Gusti Unertl, zeitlebens beste Freundin
EINE ART LITERARISCHER SALON
GUSTI ALS LITERATURAGENTIN FÜR IHRE FREUNDIN
5 Erstes Buch: »Aus dem bayrischen Wald« (1896/97)
Aus dem bayrischen Wald (Einleitung)
Die Lokalpresse lobt Emerenz durch einen Wiener Literaten
Der Herausgeber besucht seine Dichterin 1897
6 Hans Carossa wandert 1898 zum »Dichterweib«
Brief Carossas an Emerenz (1898)
CAROSSA IST EIN »G’SCHMACHER BUA«!
CAROSSA PILGERT ZUR SANFT-REBELLISCHEN DICHTERIN
SENZ ALS »SELIGE VERDICHTUNG IHRER HEIMAT«
7 Wo bleibt das zweite Buch?
EMERENZ ALS REGIONALER STAR
EMERENZ BEDIENT BAYERNKLISCHEES
»MARTYRIUM« IN WÜRZBURG
8 Dichterwirtin in Passau 1902/03
THEATERDICHTERIN ODER NUR TEXTVORLAGENLIEFERANTIN?
EMERENZ ALS DICHTERWIRTIN IN PASSAU
»DER BUA« – EINE IHRER BESTEN GESCHICHTEN (1903)
9 1903/04: »Ich lebe in München.«
IHR BESTES MUNDARTGEDICHT »WÖDASCHWÜLN«
Erster und zweiter Brief an Hans Carossa
DAS GEDICHT »WÖDASCHWÜLN« IM SCHULISCHEN BEREICH
10 Langsamer Abschied vom Wald 1905
11 März 1906: »Wir fahren ins Amerika!«
ÜBERFAHRT MIT DER MUTTER
1907: ERSTE HEIRAT UND EIN HOCHZEITSFOTO
»GLÜCKLOS[E]« EHE, ABER EIN KIND!
1917: ZWEITE HEIRAT
12 Emerenz dichtet auch in Chicago
IN CHICAGO ENTSTANDENE GEDICHTE
EMERENZ SCHREIBT GEGEN PRÄSIDENT WILSON
13 Mehr als 50 Briefe an Gusti ab 1919
DIE »GANZE« EMERENZ
Erster Brief nach dem Ende des Ersten Weltkriegs
GEGEN DAS »VERPFAFFTE BAYERN«
EMERENZ ALS VIELLESERIN
HEIMWEH VS. CHICAGO ALS HEIMAT
Letzter erhaltener Brief an Hans Carossa
14 Letzte Lebensjahre und Tod 1928
FLUCHT VOR DER SCHWESTER NACH KANSAS CITY
Bier- und Weinrezept
AMERIKANISCHE PROSA
TOD AM 28. FEBRUAR 1928
15 Nachwirkungen bis heute
»SIE WAR EIN SO URWÜCHSIGES PRACHTVOLLES WESEN«
PEINKOFER KÜMMERT SICH UM SENZLS TEXTE
ERSTE ÖFFENTLICHE EHRUNG: OBERNDORF, 1955
100. GEBURTSTAG 1974
JOSEPH BERLINGER VERÄNDERT DIE EMERENZ-REZEPTION UND -FORSCHUNG
1991: GESAMMELTE WERKE BEI MORSAK
EMERENZ BEKOMMT EIN DENKMAL IN PASSAU
16 Schlusswort – Versuch einer Einordnung
»… DES FREIEN WALDES FREIES KIND«?
IHRE LYRISCHEN TEXTE
IHRE EPISCHEN TEXTE
IHRE BRIEFE
Anhang
VERZEICHNIS DER QUELLEN UND LITERATUR
BILDNACHWEIS
Dank
Im Herbst des Jahres 1987 begann ich, mich intensiver mit Leben und Werk der Dichterin Emerenz Meier aus dem Bayerischen Wald zu beschäftigen. Als Gastwirtssohn aus dem niederbayerischen Simbach am Inn empfand ich schon bald große Sympathie für die Gastwirtstochter aus Schiefweg bei Waldkirchen und bewunderte nicht zuletzt ihren Entschluss von 1906, in die USA, nach Chicago auszuwandern – wohl wissend, dass dieser Schritt nicht aus reiner Abenteuerlust geschehen war, sondern aus schierer ökonomischer Not erfolgte.
1991 konnte ich im Grafenauer Morsak Verlag eine ca. 1.000 Seiten umfassende Ausgabe ihrer Gesammelten Werke in zwei Bänden vorlegen; 2008 folgte ein »Emerenz-Meier-Lesebuch« mit dem Titel »… des freien Waldes freies Kind« und 2012 eine Überarbeitung der Werkausgabe von 1991 sowie eine von mir auf CD eingelesene Sammlung meiner Emerenz-Meier-Lieblingstexte.
2014 war das Büchlein »Das Hasenpassen« an der Reihe, in dem sieben frühe Erzählungen der Dichterin enthalten waren, die sie schon im Alter von 18 Jahren geschrieben und in einer Zeitung veröffentlicht hatte. Und im Februar 2018, zum 90. Todestag der Schriftstellerin, kam bei Morsak das Bändchen Emerenz Meier. Aus dem Bayerischen Wald und aus Chicago. Geschichten, Gedichte und Briefe einer sanften Rebellin heraus, gedacht als Angebot für das Lesepublikum, diese ganz besondere bairisch-amerikanische Dichterin in einer kleinen Auswahl-Buchausgabe kennenlernen zu können.
Daneben durfte ich in den fast vier Jahrzehnten meiner besonderen »Beziehung« zu Emerenz Meier / Emma Schmöller-Lindgren immer wieder auch kleinere Aufsätze mit biografisch-literaturwissenschaftlichem Schwerpunkt vorlegen, so dass zumindest einige Rätsel im Hinblick auf Leben und Werk der Dichterin gelöst werden konnten. Nicht alle ihre Geheimnisse sind aber endgültig gelüftet; vieles an Aufklärungsarbeit bleibt noch zu tun!
Am 3. Oktober 2024 steht nun ihr großer Gedenktag in den bairischen und deutschen Literaturkalendern: Emerenz Meier kann ihren 150. Geburtstag feiern! Der in Berlin erscheinende »Aufbau Literatur Kalender 2024« z. B. weist in den Tagen um den 3. Oktober 2024 herum auf viele andere weltberühmte und sehr bekannte Namen hin: Truman Capote, Jurek Becker, Benno Pludra, Graham Greene, Helga Schütz, Thomas Wolfe, Jeremias Gotthelf, Denis Diderot u. v. a. Es dürfte nachvollziehbar sein, dass mich als Emerenz Meiers Herausgeber und jetzt auch Biografen das alles mit Freude und Dankbarkeit erfüllt!
Und daher, schlicht und einfach: »Oiss Guade, lb. Emerenz!« zum 150., und »Happy Birthday, Emma!« –
Dein GöttlerHans / GeddlaHans
Emerenz Meier erblickte am 3. Oktober 1874 das Licht der Welt, zu Hause – wie damals üblich – im elterlichen Wirtshaus in Schiefweg bei Waldkirchen im Unteren Bayerischen Wald. Die Mutter der Emerenz trug denselben Vornamen, sie war eine geborene Raab und bei der Geburt ihrer Tochter, des fünften Kindes, bereits 39 Jahre alt. Sie stammte aus dem »Raabenhof« im benachbarten Richardsreut. Der Vater Josef Meier, Gast- und Landwirt, kam vom »Hirschlehenhof« in Manzenberg bei Büchlberg und war 37 Jahre alt. Josef und Emerenz Meier hatten das Anwesen in Schiefweg im Frühjahr 1866 für 6.800 Gulden erworben.
Der Vorname Emerenz ist eine Variante von Emerentia/Emerentiana (lat. die Verdienstvolle/die Würdige), deren römisch-katholischer Gedenk- und Namenstag am 23. Januar im alten Heiligenkalender steht. Die Hl. Emerentiana war eine Ziehschwester der Hl. Agnes und wurde um 304 n. Chr. in Rom gesteinigt. Interessanterweise findet sich bei der späteren Dichterin Emerenz Meier ein Gedicht, das mit folgender Zeile beginnt: »Sie haben Steine nach mir geschmissen«. Nomen est omen? Vielleicht bloß ein purer Zufall ohne jegliche Bedeutung! Oder …?
Das Anwesen war – wie Paul Praxl erforscht hat – der sog. »Restkomplex« des schon »zertrümmerten« Fuchsenhofes und trug die Hausnummer 10; Schiefweg gehörte damals zur Gemeinde Stadl im Bezirksamt Wolfstein. Heute heißt die Adresse »Schiefweg, Dorfplatz 9, 94065 Waldkirchen, Landkreis Freyung-Grafenau«; das mustergültig vom rührigen Schiefweger »Emerenz-Meier-Hausverein« renovierte Anwesen beherbergt seit 2000 das Wirtshaus »Zur Emerenz«, in dem man ganz hervorragend essen und trinken kann! Seit 2010 befindet sich darin auch das sehr sehenswerte Auswanderermuseum »Born in Schiefweg«.
Geburtshaus der Emerenz Meier in Schiefweg. – Aufnahme eines unbekannten Fotografen, ca. 1890.
Als die Meiers das Anwesen erwarben, umfasste es nur noch ca. zwölf Tagwerk – ca. 4 ha – Grund, besaß aber immer noch eine reale Wirtsgerechtigkeit, was bedeutete, dass Bier ausgeschenkt und verkauft werden durfte.
Max Peinkofer schilderte 1954 den Vater der Emerenz in einer biografischen Darstellung der Tochter als aufrechten, kernigen und trinkfesten Mann, der als Vieh- und Güterhändler oft und viel unterwegs gewesen sei; die Mutter kennzeichnete er als stille, eher versonnene Natur, Einschätzungen, die sich schon bei Hans Carossa 1941 finden lassen, der sie 1898 zum ersten Mal kennengelernt hatte. Bei Paul Praxl erscheint Josef Meier als »ein unruhiger Geist in einer unruhigen Zeit, stets Ausschau haltend nach einem ›Geschäft‹«, die Mutter schildert er als »gefühlvoll und arbeitsam«. Die Dichterin vereinigte wohl alle diese elterlichen Charaktereigenschaften in ihrer Person, das Unruhige, auch etwas Aufrührerische des Vaters genauso wie die stille Versonnenheit und Gefühlswärme der Mutter.
Von den Geschwistern der Emerenz haben das Erwachsenenalter erlebt: Petronilla (Lina) (1867–1952), Josef (1871– 1898), Maria (1876–1927) und Anna (1879–1954). Dem drei Jahre älteren Bruder Josef soll sich Emerenz sehr verbunden gefühlt haben. Er starb schon im Alter von 27 Jahren und wurde damit als einziges Meier-Kind aus dieser Generation in Waldkirchen begraben. Die drei Schwestern wanderten zu Beginn des 20. Jhs. auch in die USA aus: Ihre Namen lauteten dann Lina Maier, Mary Jacklin und Anna Gumminger.
Wichtigste Emerenz-Meier-Forscherin war zunächst ihre Freundin Gusti Unertl (1864–1941) aus Waldkirchen; nach deren Tod übernahm der bairische Dichter Max Peinkofer (1891–1963) diese Aufgabe; ab den 1970er-Jahren kann Paul Praxl (Jg. 1935) aus Waldkirchen als der unbestrittene Doyen der Emerenz-Meier-Forschung bezeichnet werden.
Aus der Kindheit der Emerenz weiß man einiges zu berichten, obwohl ein autobiografischer Lebensrückblick von ihr selbst fehlt. Emerenz, von klein auf »Senz« oder »Senzl« gerufen, lebte bis zu ihrem 17. Lebensjahr im viel besuchten elterlichen Wirtshaus. Sie musste frühzeitig in der Gaststube und in Haus und Hof mitarbeiten, beobachtete die Gäste genau und wuchs zu einem sehr begabten und lebhaften Mädchen heran. Eine frühe (ca. 1888) Fotografie, die im Museum »Born in Schiefweg« zu sehen ist, zeigt sie zusammen mit ihrer Mutter, beide wirken sehr ruhig, still und in sich gekehrt.
Im Gasthaus ging es sehr viel lebhafter zu. Bei den damals noch üblichen größeren Raufereien im Wirtshaus suchte Emerenz nicht etwa verschreckt das Weite, sondern verblieb mutig, wie Hans Carossa es beschrieb, mitten im wilden Schlachtgetümmel und versorgte die leidenschaftlichen Kampfgenossen, die u. a. mit Bierkrügen aufeinander einschlugen, immer wieder mit neuer Munition, indem sie ihnen flink und behende unversehrte Trinkgefäße zusteckte.
Erste Aufnahme von Emerenz Meier – hier mit ihrer Mutter. – Abzug voneiner Ferrotypie eines unbekannten »Schnellphotographen«, ca. 1888.
Eine gewisse geschwisterliche Rivalität bestand zur sieben Jahre älteren Schwester Petronilla, die ebenfalls sehr gescheit und energisch war. Petronilla dominierte als Älteste die jüngeren Geschwister und war selbst eine leidenschaftliche Leserin und Schreiberin. Schon bald, spätestens seit dem Schuleintritt der Emerenz bei den Englischen Fräulein in Waldkirchen 1881, wurde Petronilla aber von der jüngeren Schwester übertroffen. Eine ihrer klösterlichen Lehrerinnen lobte 1899 im Rückblick die sehr guten Lese- und Schreibfähigkeiten ihrer früheren Schülerin Emerenz.
Der weite und vor allem im Winter und bei schlechter Witterung beschwerliche Fußweg von Schiefweg in die Volksschule nach Waldkirchen vermochte Emerenz nicht zu schrecken. Mit zehn Jahren bereits las sie Texte von Goethe, Schiller, Heine, Platen und anderen Dichtern. Sie verschlang zahllose Romane, gute und weniger gute. Die kindliche Vielleserin suchte sich den umfangreichen Lesestoff in der ganzen Gemeinde zusammen. Große Teile der Dichtungen lernte sie auswendig, z. B. Stücke aus den Homerischen Epen »Ilias« und »Odyssee« sowie aus Dantes »Göttlicher Komödie«. Die gute und fleißige Schülerin befasste sich außerdem sehr gerne mit heimischen Sagen sowie Sternkunde. Noch in ihrer amerikanischen Zeit machte sie sich aus der Erinnerung und mit brieflicher Unterstützung durch die Freundin Gusti Unertl aus Waldkirchen Notizen zu diesen Themen.
In ihrer Volksschulzeit (1881–1888) und auch in den zwei Jahren danach, in der sog. Feiertagsschule, begann Emerenz mit dem dichterischen Schreiben. Sie verfasste insgeheim kleine Geschichten und Verse und schrieb außerdem Gelegenheitsgedichte auf Bestellung.
Von diesen allerersten Texten ist allerdings nichts erhalten geblieben. Die Meier-Eltern waren über die Schreibkunst ihrer Tochter ohnehin alles andere als erfreut und rügten – vor allem der Vater – scharf die »narrische Verslmacherei«. Sie wollten eben keine Tochter haben, die über den einfachen Stand, in den sie hineingeboren war, hinauswachsen konnte. Man brauchte eine fleißige Magd und Wirtsdirn in Haus und Hof, keine Dichterin. Die Verbote der Eltern fruchteten bei der mehr und mehr selbstbewussten und eigenständigen Tochter aber nicht. Emerenz schrieb einfach weiter und machte die Situation der jungen, weiblichen Schriftstellerin in einer illiteraten, dörflichen Gesellschaft zu einem Thema ihres Schreibens, etwa in dem Gedicht »Unverbesserlich«:
Unverbesserlich
Der Vater verbot mir das Dichten,Das Mütterchen stimmte mit ein:Ich soll nach dem Stande mich richten,Die Bücher dem Backofen weih’n.
Wohl hab’ ich es heilig versprochen,Zu tun, was ihr Wille gebeut,Das Wort hundertmal doch gebrochen,Das Schwören noch öfters bereut.
Doch gestern, zu Tränen gerühret,Erneut’ ich es nochmals bei Gott,Durch Bitten und Drohen verführetUnd weiter durch peinlichen Spott.
Ich ging in die dunkelste Kammer,Hielt über die Verse Gericht,Verfaßte dann in meinem JammerVerstohlen ein Klagegedicht.
(EM, GW, 2012, II, S. 129.)
Einen ganz besonderen Wesenszug der Volksschülerin Emerenz stellte zudem ihr schon früh ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit dar. Auch da waren ihre eigenen Erfahrungen in Haus und Hof das auslösende Moment. Vor allem die in der Schule erlebten Ungerechtigkeiten hatten sie immer bedrückt, gerade auch solche, die anderen Kindern zugefügt wurden. Emerenz, aber auch ihre Schwester Maria, konnten es nur schwer ertragen, dass die Kinder wohlhabenderer Eltern von den klösterlichen Lehrerinnen vorgezogen wurden. Diese Ungleichbehandlung bewegte die Meier-Töchter aus Schiefweg auch noch fast vierzig Jahre später in Chicago. Emerenz formulierte dort – zunächst im Auftrag ihrer Schwester Mary Jacklin – eine Beilage zu dem Schreiben an Gusti Unertl vom 23. September 1921. Darin heißt es:
»An die hochwürdigen Schwestern der engl. Fräulein Schule in Waldkirchen! Meine Schwester Mary Jacklin in Chicago läßt die würdigen Schwestern herzlichst bitten, die durch Frau Unertl übermittelten Sachen für die Suppenanstalt zu verwerten in der Weise, daß alle armen Kinder ohne Unterschied der Religion und des politischen Bekenntnisses ihrer Eltern davon bekommen. Die guten, sowohl wie die unartigen Kinder. Ja gerade letztere sollen bevorzugt werden, nicht um sie zu belohnen, sondern sie durch Güte zu bessern und froh zu machen. Denn die Menschen werden nicht boshaft geboren, sondern werden durch ungerechte Behandlung bös gemacht.«
Das war sicher auch die Meinung der Emerenz, die um diese Zeit, also 1921, aber schon etwas diplomatischer mit dem leidvoll erfahrenen Thema umgehen konnte, wie ihrer Vorbemerkung zu dieser Briefbeilage zu entnehmen war:
»Liebe Gustie ich lege nach Maries bestimmtem Willen zwar den Zettel bei, aber wenn Du denkst, daß es beleidigend und unnötig ist, übergib ihn nicht. Wir haben durch neunjahrlangen Schulbesuch die Klosterhexen zwar genügend kennengelernt u. wissen, daß sie selbst milde Gaben als Ruten benutzen für jene, die nicht nach ihrem Gusto sind. Aber man darf nicht immer seinem Sinn folgen, will man nicht manches noch schlimmer machen. In Amerika wird man sehr eigenwillig und rücksichtslos u. selbstsicher. Man mußte eben zu viel durch machen. Und man lernte alle Religionen bitterlich hassen als der Menschheit schlimmste Feinde.«
(EM, GW, 2012, II, S. 277.)
Der eben zitierte Zettel liegt auch noch heute beim Originalbrief, aufbewahrt im Tresor der Staatlichen Bibliothek Passau. Gusti Unertl hat ihn also tatsächlich nicht bei den Klosterfrauen abgegeben, hierin aber durchaus mit Emerenz’ Erlaubnis handelnd.
Neben ihrem Gerechtigkeitssinn hatte sich als weiterer Wesenzug ihr kritischer, leicht aufmüpfiger, aber stets wacher Geist immer wieder auch bei ihrer Mitarbeit in Haus und Hof gezeigt – als Kellnerin, Magd und vor allem als Hüterin der ihr anvertrauten Tiere. In ihrem Erzählfragment »Die Gänse« etwa schafft sie es hervorragend, sich als Gänsemagd in die Psyche ihrer Schutzbefohlenen hineinzuversetzen und im heutigen Sinn ökologisches und tierwohlbezogenes Bewusstsein in Abgrenzung von der traditionell denkenden Umwelt aufzubauen. Diese Zeilen, deren Entstehungszeit leider undatiert bleiben muss, vermitteln dem Leser unserer Tage zudem einen nachhaltigen Eindruck davon, wie hart und kalt das arbeitsreiche Leben im Wald damals war, gerade auch für die Kinder, die bei Ungehorsam oder auch nur Ungeschicklichkeit verbale und körperliche Gewalt der Eltern, Geschwister und der anderen Mitglieder einer patriarchalisch geprägten, dörflichen Gesellschaft zu gewärtigen hatten.
Und doch: trotz Kälte und Nässe und Angst vor Spott und Hohn und eventuellen Schlägen – das Hüten bot für das kleine Mädchen Emerenz auch die Möglichkeit, aus der rauen Alltagswelt zu entfliehen. Da konnte sie lesen, sinnieren, nachdenken und träumen, vielleicht auch die eine oder andere Zeile schreiben. In dieser Wunsch- und Traumwelt, mitten in der friedvoll schönen, aber auch bedrohlich harten Waldgebirgslandschaft, konnte Senzl eins sein mit der ganzen Natur, der Tier- und Pflanzenwelt. Hier war sie – wenn auch wohl immer nur für einige Augenblicke – »des freien Waldes freies Kind«. (EM, GW, 2012, II, S. 417.)
Im Jahre 1890 übernahm die älteste Schwester Petronilla (Lina) mit ihrem Bräutigam und späteren Ehemann Georg Maier das elterliche Anwesen in Schiefweg. Der Vater Josef Meier erwarb zusammen mit seiner Schwester Therese Eibl und deren Ehemann Mathias nun 1891 einen Bauernhof, das Haus Nr. 3, im benachbarten Oberndorf (Gemeinde Stadl, Bezirksamt Wolfstein), zu dem 52 Tagwerk – also ca. 17 ha – Grund und zehn Stück Großvieh gehörten. Die harte bäuerliche Arbeit wurde mehr, die karg bemessene Freizeit der Emerenz war dem Lesen, Schreiben und Studieren vorbehalten. Jetzt allerdings konnte dies in einem eigenen kleinen Dichterin-Stüberl geschehen, einem Raum, der der Senz im Austragshaus, im I(n)häusl des Hofes, überlassen worden war, ein Zufluchts- und Rückzugsort, den sie sehr schätzte.
In diesem Raum entstanden die ersten größeren Texte, die auch veröffentlicht wurden. Hier begann sie, die später eine leidenschaftliche Briefeschreiberin werden sollte, mit ihrer umfangreichen Korrespondenz. Das eigene Zimmer symbolisierte dabei fast so etwas wie den gesellschaftlichen Aufstieg der Emerenz, hier begann ihre Laufbahn als Heimatdichterin. Die Oberndorfer Jahre 1891–1902 waren wohl überhaupt die beste Zeitspanne der jungen, hoffnungsvollen Waldlerin, die Zeit also zwischen ihrem 17. und ihrem 28. Lebensjahr.
Die Gänse
Hu, wie es regnete! Dazu die grauen, kalten Nebel, die alles, Hügel, Gebüsch und Bäume einhüllten. Die Gänse quiekten kleinlaut, zupften nur hie und da ein dürres Grashälmchen aus dem braunen Wiesenboden und machten alle Augenblicke Anstalt, in geschlossener Reihe heimzumarschieren. Wenn ich sie dann mit der Gerte zurücktrieb, protestierten und schrien sie in fast verständlichen Lauten: »Ob denn das auch noch recht sei, in dieser Regenkälte hier stehen zu müssen? – Und wenn es noch gute Weide gäbe! Aber kein Körnchen und kein Rübchen.« – Und sie warfen mir so vorwurfsvolle Blicke zu, schimpften so bissig auf mich, daß ich nicht umhin konnte, einen Versuch zu machen, ihnen meine gänzliche Schuldlosigkeit an den traurigen Verhältnissen darzutun:
»Glaubts denn, daß ’s mi’ selber g’freut, das Hersitzen in Reg’n und Nebel? – Glaubts denn, daß mi’ nöt friert und hungert? – Aber wenn i’ enk jetzt schon hoamtreib, krieg i’ Schläg.«
Emerenz Meier. – Porträtfoto von 1898 vom kgl.-bayer. Hoffotografen Alphons Adolph, Passau.
Zur Beglaubigung dieser Worte brach ich in Tränen aus und schaute dann trostlos in die Luft. – Die Gänse betrachteten mich blinzelnd, ich mochte ihnen wohl selbst einige Teilnahme einflößen, wie ich unter einem zerrissenem Parapluie dasaß auf dem nassen Rain: eine kleine, schmutzige, blaugefrorene Person, barfuß in Holzschuhen, den Kopf dicht mit einem wollenen Tuch umwickelt. Die erstarrten Hände unter der Schürze versteckend, stellte ich Betrachtungen über Gottes Ungerechtigkeit an. […]
Da fiel mein Blick auf die Gänse, zuerst auf die Ganzweiße. Die knabenübermütigen Hiebe des Bruders [Josef] hatten gerade sie zumeist getroffen. Einen Flügel ließ sie hängen. Sie dazte still dahin, gab keinen Laut von sich. Aber ihre Augen schienen zu klagen: »Weh tut’s, ach! Indessen, – was muß man nicht alles leiden!« »Ja«, quiekte die Graue, »schließlich werden wir noch abgewürgt auch. – Wer hat mit uns Mitleid, wer fühlt Gewissensbisse, wenn er uns ißt? – Spotten, lachen tun die Menschen, derweil sie uns fressen, kauend mit vollen Backen. Und wir sind hilflos.«
Diesen Worten folgte ein förmliches Jammern und Stöhnen der Gänse. Todmüde, trübe blinzelnd watschelten sie dahin.
»Naa! Naa!« schrie ich nun erschüttert auf. »Glaubts es nöt, es is ja gar nöt wahr, meine Gansei!«
Aber weil ich wußte, daß es trotzdem fürchterliche Wahrheit, trieb ich sie, meinen eigenen Schmerz als nichts mehr achtend, liebevoll in den bereits mit frischer Streu versehenen Stall, füllte trotz meines erbärmlichen Zustandes je einen Barren mit reinem Wasser und trockenem Hafer, winkte den Lieblingen vielmals gute Nacht und ließ dann in der Wohnstube getrost das Strafgericht über mich hereinbrechen.
Es traf mich, als ich, befreit von der nassen, kotigen Kleidung im warmen Bette lag und war – eine duftende, heiße Kaffeesuppe nebst gebratenen Nudeln. Und – die Hauptsache nicht zu vergessen, – ein gutes Wort vom Mütterlein dazu.
(Aus dem Erzählfragment »Die Gänse«, EM, GW, 2012, I, S. 371–374.)
Lange Zeit war man in der Emerenz-Meier-Forschung der Meinung, die erste veröffentlichte Erzählung der jungen Dichterin sei 1893 ihre Geschichte »Der Juhschroa« gewesen, abgedruckt in der Passauer »Donau-Zeitung«. Diese Information hatte dereinst Max Peinkofer (1891–1963) in die Welt gesetzt, in seinem Lebensbild der Autorin von 1954. Zahlreiche Verfasser haben diese Aussage unhinterfragt übernommen – so auch der Autor dieser Biografie.
