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Ich bin in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufgewachsen, in denen Transsexualität noch ein Fremdwort war. Mehr als 40 Jahre gefangen als Jens in meinem eigenen Schamkäfig und in dem Glauben, pervers und abartig zu sein. Verzweifelt mit mir selbst kämpfend, als Mann in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich hatte eine großartige Familie mit zwei Kindern. Sollte ich mit einem Coming-out alles gefährden? Begleitet von zahlreichen Vorbereitungen, wage ich in 2019 nach so vielen Jahren Schamkäfig mein Coming out bei Familie und Freunden. Es gibt viele bewegende Situationen, die so anders verlaufen, als ich vorher befürchtet hatte. Ich darf ein bisschen Nora sein, ohne mein bisheriges Leben aufgeben zu müssen. Während ich im Job weiterhin konsequent als Mann auftrete, kann ich im Privaten öfters Frau sein. Aber ich muss erkennen, dass auch dieser Zustand mich zerreißt. Mein Leben war ich eine als Mann verkleidete Frau, jetzt bin ich ein als Frau verkleideter Mann. Diese Schizophrenie muss ich überwinden. Nein, ich will nicht länger in zwei Identitäten leben. Der Haken nur: Ich will auch nicht mein bisheriges Leben aufgeben. Wieder muss ich eine Entscheidung treffen. Diesmal eine endgültige. In den Wüsten Afrikas reift im Januar 2020 der Entschluss, künftig ausschließlich als Frau leben zu wollen. Mit allen Konsequenzen, privaten wie beruflichen. Und so trete ich den letzten Wegabschnitt einer Transition an, wie sie ausgeprägter bei einem Mittfünfziger kaum sein könnte. Ich komme in eine zweite Pubertät und lerne, die Gesellschaft mit anderen Augen zu sehen. Heute lebe ich offiziell und gerichtlich anerkannt als Frau. Ich habe die schwerste Entscheidung meines Lebens umgesetzt. Und die beste für mein wahres Ich. Endlich Nora! Dieses Buch beschreibt kurzweilig meinen langen Weg.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Endlich Nora!
Aus einem Transgender-Leben Nora Dahmer
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... es ist nicht schwer, einen trans Menschen zu lieben …
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Dieses Buch ist all denen gewidmet, die trotz aller Veränderungen weiter zu mir stehen. Ohne euch wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin!
Impressum·
Nora Dahmer – Endlich Nora!
1. Auflage 04/2022
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Covergestaltung/Buchsatz:
Catrin Sommer – rausch-gold.comFotos: Monika Plump Fotografie
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Anschrift:
Nora Dahmer
c/oHBBN GmbH
Lengericher Landstraße 34
49078 Osnabrück
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ISBN 978-3-7546-4933-6
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www.noradahmer.de
Zur Autorin
Nora Dahmer, geboren 1963, lebt seit 2020 als trans Frau im Rheinland. Sie schildert ihren Weg in ihr neues Leben.
Inhalt
Vorwort
Wie es begann
Mein bisheriges Leben
Was war nur mit mir los?
Die Entdeckung
Ein echter Kerl
Chance zum Glück verpasst?
Es wird schlimmer
Vorbereitung zum Coming-out
Die imaginäre Jenny
Die Verwandlung
Es wird langsam ernst
Coming-out in meiner Familie
Identität und sexuelle Orientierung
Coming-out im Umfeld
Die Herausforderung der neuen Sozialisierung
Der Anschein eines weiblichen Äußeren
Die ersten Erlebnisse als Nora
Zerrissenheit
Die Entscheidung
Der Weg zur echten Nora beginnt
Medizinische Vorbereitungen
Nestbildung
Coming-out im Kundenkreis
Der Beginn des neuen Lebens
Zwischenergebnis einer langen Reise
Erste neue Lebensinhalte
Mein Appell an alle
Danksagung
Vorwort
Ein Buch zu schreiben ist eine Kunst für sich. Wenn es von der eigenen Verwandlung zur trans Frau handeln soll, wird es zu einer besitzergreifenden Herausforderung.
Begonnen mit der Schreiberei hatte ich Anfang Januar 2021. Ich wollte die Erlebnisse der letzten Jahre aufarbeiten und meine Vergangenheit chronologisch protokollieren. Im Mittelpunkt meines Lebenslaufes sollte die komplizierte Suche nach meiner geschlechtlichen Identität stehen. Ich ahnte damals nicht im Ansatz, auf welch emotionale Reise ich mich begeben würde. Ich durchschritt Täler, Wüsten und Höhen, begleitet von ebenso wunderschönen wie traurigen Erinnerungen. Immer wieder hielt ich in diesem reinigenden Schreibprozess inne, um eine tiefempfundene Dankbarkeit und Demut in mir wachsen zu lassen.
Diese literarisch-therapeutische Aufarbeitung war überaus lehrreich. Mir wurden viele Zusammenhänge klar, die ich vorher nur verschwommen oder zusammenhanglos wahrgenommen hatte. Das erste Rohmanuskript war noch wie ein komprimiertes Tagebuch angelegt. Sehr ehrlich und offen beschrieb ich alles, was mich so beschäftigte. Doch irgendwann inmitten des Schreibprozesses erkannte ich, dass ich einen Schritt weiter gehen musste. Meine ungewöhnliche Geschichte war ein Eingriff auch in die Geschichte meiner unmittelbaren Angehörigen – der Ehefrau, den Kindern und den Eltern. Meine inneren Konflikte waren in den letzten Jahren unfreiwillig auch zu ihren Konflikten geworden. Mit meinem späteren Coming-out im Alter von 57 Jahren waren unsere Lebensläufe dann jäh aus der gewohnten Umlaufbahn getreten. Und so hatten auch meine Lieben einen Anspruch darauf, zu erfahren, warum.
Ich wollte, dass sie noch besser verstehen, welche Kämpfe ich in den letzten Jahrzehnten in meinem Inneren ausgetragen hatte. Und so folgte ich dem wachsenden Wunsch, mich zu offenbaren. Mitfühlende Teilhabe statt Selbstverarbeitung – das Buchprojekt bekam einen neuen Sinn. Aber auch das sollte noch einmal erweitert werden.
Denn während ich so weiterschrieb, durchlebte ich eine biologische Besonderheit. Ausgelöst durch eine Hormonersatztherapie, befand ich mich mitten in meiner zweiten Pubertät. Phasenweise brach eine beglückende Euphorie in mir aus, die gepaart war mit vielen positiven, zwischenmenschlichen Überraschungen, die ich während meiner andauernden Transition vom Mann zur Frau machen durfte.
All diese Erfahrungen katapultierten mich in die dritte und letzte Stufe meines bescheidenen Buchprojekts: Mein Bericht sollte nicht nur mich therapieren und meine Familie verstehen lassen, warum ich nun die bin und ich der nie war. Mein Ehrgeiz war es mittlerweile auch, mit meinem Lebensbericht eine mögliche Wegbeschreibung im Rahmen einer Transidentität zu skizzieren.
Die ungeschönten Berichte über meine Schritte bis zum Coming-out und dann in der Transition mögen eine lebensnahe Lektüre sein für all die, die sich mit dem Thema trans konstruktiv auseinandersetzen wollen. Immer noch langsam, aber unaufhaltsam bahnt sich das Thema seinen Weg in die Mitte der Gesellschaft. Es würde mich daher sehr freuen, wenn ich meinen Beitrag dazu leisten kann, auch bei anderen Menschen ein Interesse hierfür zu wecken und so ganz nebenbei mit dem ein oder anderen Vorurteil aufräumen zu können.
Nicht meine Person, sondern die Erfahrungen der trans Frau Nora stehen im Fokus. Ich will den Leser*innen näherbringen, was Scham, Ängste, vorsichtige Annäherungen und einmal losgetretene Veränderungen mit einem Menschen machen, der auf der Suche nach seiner wahren Identität ist. Die Ehrlichkeit und Offenheit über meine Gedanken und Gefühle habe ich daher in der »öffentlichen Version« ganz bewusst beibehalten. Ansonsten hieß es umbauen, streichen, neuschreiben.
Es galt in allem, mein unmittelbares Umfeld und hier insbesondere meine Familie und die Freunde zu schützen. Ich habe mich daher in Absprache mit den Protagonisten dieses Buches dazu entschieden, alle handelnden Personen mit einem Pseudonym zu versehen. Ausnahmen gibt es bei den beruflichen Unterstützer*innen, die nach Absprache zum Teil mit echtem Namen aufgeführt werden.
Einige spezifische Aspekte wie die Frage einer möglichen chirurgischen Geschlechtsanpassung habe ich bewusst nur angeschnitten. Wie ich damit umgehe, ist für mich absolute Privatsache. Für Interessierte an diesem medizinischen Thema gibt es genügend Literatur, die die notwendigen, aber auch dramatischen Eingriffe in den menschlichen Körper aus Sicht der Betroffenen beschreibt, die sich für diesen Weg entschieden haben. Ob ich diesen Weg jemals wähle oder bereits gewählt habe, bleibt mein Geheimnis.
Wer sich nie intensiver mit der trans Welt beschäftigt hat, könnte bei einigen Begrifflichkeiten irritiert sein. Wenn ich zum besseren Verständnis in einigen Passagen Fachbegriffe in aller Kürze erläutere, habe ich keinen wissenschaftlichen Anspruch an meine Erklärungen. Mir ist allein wichtig, mit meinem gelernten Wissen interessierten Leser*innen diese Begrifflichkeiten näher zu bringen.
Mittlerweile sollte eine gendergerechte Sprache, insbesondere in einem Buch über einen transidenten Menschen, selbstverständlich sein. Ich tue mich aus alter Gewohnheit und manchmal auch aus Überzeugung immer noch etwas schwer damit. Ich bitte daher um Verzeihung, wenn ich versehentlich an einer Stelle die gendergerechte Schreibweise nicht umgesetzt haben sollte. Ganz gewiss wollte ich an diesen Stellen niemanden ausgrenzen. Entscheidend ist für mich, dass wir alle uns mit Respekt und Toleranz begegnen, ob im Gespräch oder in Schriftform.
Sehr viele trans Menschen haben das starke Bedürfnis ihren »Dead Name«, d. h. den alten Vornamen, nicht mehr zu hören oder lesen zu müssen. Für mich persönlich ist es aber kein Problem, wenn ich über meine Vergangenheit berichte, auch von Jens zu schreiben. Daher nutze ich es für mich bewusst, bitte aber alle Leser*innen, dies bei anderen trans Menschen als alles andere als selbstverständlich anzusehen.
Nach mehr als einem Jahr Schreibarbeit und mehreren Textversionen liegt jetzt das fertige Buch vor. Allen Beteiligten an der Entstehung sei Dank! Sie haben mir entscheidend dabei geholfen, dass ich bin, wie ich bin. Endlich Nora!
Wie es begann
Oktober 2021. Ich stehe vor dem Spiegel, ungeschminkt, die lockigen, immer noch dunklen Haare etwas strubbelig. Ich schaue in mein Spiegelbild und muss lächeln. Das bin ich, Nora! Noch immer ist der Anblick faszinierend. Sie ist wahrlich keine Schönheit, die aus dem Spiegel zurücklächelt. Sie ist auf ihre Art einzigartig. Ich selbst nenne mich mit einem leichten Augenzwinkern manchmal »schräg aussehend«. Aber ich fühle mich wohl mit dem, was ich sehe. Und das ist nach vielen Jahren das Wichtigste für mich.
In diesen Momenten ist es für mich noch surreal und unglaublich, was in den letzten zwei bis drei Jahren geschehen ist. Große Veränderungen im Leben kündigen sich nicht in Klarschrift an. Sie entstehen oft im Kleinen, im Verborgenen. So auch bei mir. Noch vor ein paar Jahren ahnte ich nicht, wie sich mein Ich entwickeln würde.
Es begann irgendwann im Frühjahr oder frühen Sommer 2018. Eines Nachts wachte ich auf, es war dunkel, der Wecker zeigte 1.20 Uhr an. Ich war schweißgebadet, hatte schlecht geträumt. Wovon, wusste ich nicht mehr genau. Ich drehte mich um und versuchte, weiterzuschlafen. Aber da war wieder diese Sehnsucht. Diese Sehnsucht, die mich schon seit so vielen Jahren quälte. Erst zwei Stunden später schlief ich wieder ein.
Über Wochen ging das so. Während das Einschlafen noch gut gelang, wachte ich fast jede Nacht wieder auf. Dann lag ich oft lange wach und versuchte, irgendwie wieder in den Schlaf zu finden. Stattdessen geriet ich in einen Strudel von Gedanken und Gefühlen, der mich immer unruhiger und das Einschlafen fast unmöglich machte. Viele Menschen schlagen sich aus den verschiedensten Gründen mit Schlafstörungen herum. Für mich war dieses Phänomen neu und ungewohnt. In der Vergangenheit hatte mich meine Sehnsucht selten um den Schlaf gebracht.
Wie sich herausstellte, ließen meine Wachphasen auch nach ein paar Wochen nicht nach. Im Gegenteil, ich schlief schlechter und schlechter. Selbst mit dem Einschlafen bekam ich Probleme. Die nächtliche Schlaflosigkeit wurde immer länger und quälender. Ich wälzte mich hin und her und grübelte. Warum bin ich nicht so, wie ich mich fühle? Wie kann ich mit dieser Sehnsucht in mir umgehen? Warum quält mich mein so gut gehütetes Geheimnis? Warum drängt es sich auf einmal weiter und weiter in mein Bewusstsein? Der tiefe innere Wunsch, endlich mein wahres Ich, die Frau in mir, leben zu lassen und nicht mehr der Mann zu sein, der ich gefühlt nie war. Diese Sehnsucht war es, die mich jetzt eingeholt hatte und nachts so fordernd umtrieb.
Meine aus der fehlenden Nachtruhe resultierende körperliche Erschöpfung nahm zu und machte mir tagsüber immer mehr zu schaffen. Ich hatte Kopfschmerzen, fühlte mich müde und matt und wurde lustloser. Dabei musste ich sehr leistungsfähig sein. Immerhin war ich täglich mit enormen beruflichen Herausforderungen konfrontiert. Meine Arbeit machte mir zwar viel Spaß, erforderte aber auch viel Energie. Energie, die ich irgendwann nicht mehr hatte.
Ich war damals Jens, lebte als 55-jähriger Mann ein eher unauffälliges, gutbürgerliches Leben. Ich war verheiratet und hatte zwei erwachsene Kinder, die bereits seit mehreren Jahren nicht mehr zu Hause lebten. Ich war Inhaber einer kleinen Beratungsfirma und lebte im Kölner Umland. Aufgrund meiner beruflichen Einbindung hatte ich nur wenige Hobbies, fühlte mich aber grundsätzlich wohl und oberflächlich ausgeglichen.
Ein wesentlicher Schwerpunkt meiner Arbeit bei meinen Kunden war das Krisenmanagement zur Vermeidung von Insolvenzen. Ich wurde von Kreditgebern und Wirtschaftsprüfern empfohlen, mit meinem Team inhabergeführten Unternehmen aus der Klemme zu helfen. Neben gutachterlichen Aufgaben musste ich sehr schnell Lösungen finden, Finanzierungen sichern und Menschen dafür gewinnen, eine neue Phase im Unternehmen einzuleiten. Unternehmen, die bis zu 500 Mitarbeiter hatten und in denen häufig wenig Know-how zur Krisenbewältigung vorhanden war.
Kurzum, ein stressiger, verantwortungsvoller und bei Erfolg sehr befriedigender Job, der alles andere als Alltagsroutine war, sondern von mir und meinem Team Kreativität und Begeisterungsfähigkeit erforderte.
Wie aber sollte ich analysieren, Strategien entwickeln und dann die Menschen begeistern, wenn ich gleichzeitig das Gefühl hatte, dass meine körperlichen Fähigkeiten immer mehr abnehmen? Im Nachgang staune ich auch heute noch darüber, wie viel Energie ich in solchen Phasen dennoch abrufen konnte.
Freunde und Familie haben in der Zeit zumindest nicht bewusst gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Meine Kinder waren geschockt, als ich ihnen in Gesprächen nach meinem Coming-out davon erzählte. Sie hatten keine Ahnung, dass es mir damals körperlich so schlecht ging. Meine Frau war die Einzige, die etwas bemerkte. Sie dachte, ich steuere auf ein Burnout zu. Ich muss insgesamt sehr gut geschauspielert haben. Letztendlich habe ich einfach funktioniert und irgendwie versucht, durchzuhalten.
Naiver Weise bin ich in den ersten Wochen davon ausgegangen, dass ich einfach nur abwarten muss, bis diese Phase der Schlaflosigkeit ein Ende findet. Dass ich irgendwann von selbst wieder fest schlafen würde. Wochen und Monate vergingen, und langsam wurde mir klar, dass dies keine Phase ist, sondern dauerhafte Realität. Meine Gedanken waren in einer Endlosschleife gefangen.
Wenn ich nachts wach im Bett lag, war auch meine Sehnsucht hellwach. Ich war verzweifelt. Seit gut 40 Jahren rief mir meine innere Stimme von Tag zu Tag lauter zu, dass ich, was ich zu sein schien, nicht bin. »Werde endlich du selbst und spiele nicht länger eine andere Person!« Aber es gab eine zweite innere Stimme, die sich ebenso Gehör verschaffte: »Ich gebe mein Leben nicht auf, auch wenn ich noch so gerne als Frau leben möchte.« »Ich will meine Familie nicht verlieren!« »Ich schaffe das auch noch für den Rest des Lebens!!« »Ich habe Angst, einfach nur Angst!!!«
Immer wieder die gleichen Fragen, die gleichen Antworten und das gleiche Gedankenkarussel – in der Stille der Nacht dröhnte meine innere Kakofonie.
Wenn es besonders schlimm war, dachte ich auch kurz darüber nach, dieser ganzen Tortur ein jähes Ende zu setzen. So sehr hatte ich mich mittlerweile also in meine Not hineingesteigert. Aber Gott sei Dank verwarf ich diese Gedanken ebenso schnell wieder, wie sie mich angesprungen hatten. Irgendwann trieb mich meine verzweifelte Müdigkeit dann doch in den Schlaf. Beim Aufwachen war ich stets zerschlagen und fast immer deprimiert.
Zum Glück bin ich eigentlich ein optimistischer Mensch und versuche so gut es geht, positiv zu denken. So gelang es mir in der Regel, die Phantome der Nacht recht bald nach dem Aufstehen zu verdrängen und mich dem Alltag zu stellen.
Ich suchte nach schnellen Lösungen, um diesen nächtlichen Teufelskreis zu durchbrechen. Sollte ich Schlaftabletten nehmen, um besser ein- und durchschlafen zu können? Vielleicht würde Alkohol am Abend helfen? All das verwarf ich schnell wieder, ich hatte Angst davor, in irgendeiner Form abhängig zu werden. Eine Sucht erschien mir wie der Anfang vom Ende. Das würde nur in einen anderen Teufelskreis führen, der mein eigentliches Problem auch nicht löste. Ich ließ zum Glück die Finger von all diesen Dingen.
Zum Arzt gehen kam für mich auch nicht in Frage. Mit irgendjemanden aus meinem engeren Umfeld zu sprechen, erst recht nicht. Kein Wort würde ich darüber verlieren, warum ich immer schlechter schlief. Über allem stand meine Angst, mein über vier Jahrzehnte wohlbehütetes Geheimnis zu lüften. Das Geheimnis, dass ich eigentlich eine Frau bin. Nichts erschien mir schlimmer, als meinen Schamkäfig zu öffnen. Warum aber wollte ich nicht zu mir stehen? Für mich war die eigentliche Antwort einfach: Ich hatte riesige Angst vor den Folgen eines Coming-out. Der mögliche Verlust all meiner geliebten Menschen überdeckte alles.
Mein bisheriges Leben
Ich kenne nicht die Motivation, warum dieses Buch gelesen wird. Es freut mich auf jeden Fall! Egal, ob ihr selbst trans Menschen, Angehörige von betroffenen Personen oder einfach nur neugierige Leser*innen seid, eines wird wahrscheinlich die Wenigsten interessieren: mein Lebenslauf in aller Tiefe. Ich bin weder prominent, noch habe ich ein außergewöhnliches Leben geführt. Bis auf meine Besonderheit, trans zu sein, meine im Laufe der Jahre erlittenen Qualen und meine Art damit umzugehen, gibt es nicht sehr viel, was Leser*innen interessieren wird. Daher fasse ich mich kurz und erzähle zu meinem persönlichen Hintergrund nur das Notwendigste.
Ich bin mitten in Westfalen als ältestes von vier Kindern aufgewachsen. Dem Anschein nach waren wir zwei Jungs und zwei Mädels. Für meine Eltern war es eine große Herausforderung, uns großzuziehen. Mein Vater war Ingenieur und arbeitete in leitender Funktion in einem Edelstahlwerk. Meine Mutter, eine gelernte Krankenschwester, kümmerte sich darum, den Betrieb zuhause aufrechtzuerhalten. Die beiden waren und sind bis heute sehr liebevolle Eltern und haben die Basis dafür gelegt, aus uns allen selbstbewusste Menschen zu machen. Ich bin ihnen dafür bis heute sehr dankbar.
Zwischen uns Geschwistern lag ein großer Altersunterschied, entsprechend turbulent ging es zuhause zu. Mein drei Jahre jüngerer Bruder Jonas und ich waren sehr unterschiedlich. Wir kabbelten uns häufig, wie das bei Jungen in dem Alter öfter der Fall ist. Meine kleine sechs Jahre jüngere Schwester Maren war da schon ruhiger. Nesthäkchen Lisa kam auf die Welt, als ich zwölf Jahre alt war. Insgesamt habe ich wenig Erinnerungen an meine frühe Kindheit. Ich weiß nur, dass ich sehr wohlbehütet aufgewachsen bin und einfach nur der ganz normale Wahnsinn einer kinderreichen Familie bei uns tobte.
Ich kam am 2. Januar 1963 auf die Welt. Die Hebamme kündigte mich mit den Worten »ich sehe dunkle Löckchen, das ist bestimmt ein Mädchen« an. Wie sich herausstellte, war das für alle an der Geburt Beteiligten ein Irrtum – scheinbar. Nur ich sollte wissen, dass die Hebamme tatsächlich recht hatte. Aber für diese Erkenntnis sollte ich noch rund 14 Jahre brauchen.
Nun denn. Ich ging zur Schule, machte Abitur und begann anschließend ein Studium in Mathematik und Informatik. Während des Studiums lernte ich meine Frau Helen kennen, mit der ich später zwei Kinder, Noel und Louisa, bekam.
Nach dem Studium begann ich meine berufliche Tätigkeit, wobei ich während des Studiums schon viel gearbeitet hatte und wusste, dass ich beruflich nichts machen wollte, was in Richtung Mathematik ging. Ich begann in einer Unternehmensberatung und studierte nebenbei noch Betriebswirtschaftslehre. Später wurde ich für knapp zehn Jahre Geschäftsführer in einem größeren Familienunternehmen. Ab Anfang des zweiten Jahrtausends war ich im Krisenmanagement für Familienunternehmen tätig und gründete 2009 mein eigenes Unternehmen in diesem Bereich. Rückblickend hatte ich ein aus meiner Sicht erfolgreiches Berufsleben und konnte dadurch ein privilegiertes Leben führen.
Was war nur mit mir los?
Sommer/Herbst 2018. Die Schlafprobleme und meine nächtliche Marter rissen nicht ab. Ich schleppte mich durch den Alltag. Ich wurde unkonzentrierter und gestresster. Jeder Tag nach einer zermürbenden Nacht wurde zur Folter. Es kam aber auch öfter vor, dass ich vor lauter Erschöpfung fast komplett durchschlief. Das war dann ein Segen. Der nächste Tag fiel direkt viel leichter.
In den Jahren zuvor, insbesondere 2017, hatte ich noch unglaublich viel Energie. Ich gründete eine weitere Firma und stürzte mich noch intensiver in mein berufliches Hamsterrad. Es wäre für alle Beteiligten bedeutend besser gewesen, ich wäre einfach kürzergetreten.
Wie sollte das aber nun auf Dauer mit mir weitergehen? Tatsächlich hoffte ich immer noch, dass diese Phase vorbei geht. Irgendwann musste ich doch wieder zur Vernunft kommen und mich damit abfinden, mich mit meinem wahren Ich zu arrangieren und es nicht ausleben zu wollen. Ich wollte doch nur meinen Frieden mit meiner Identität finden. Für mich stand auf jeden Fall fest, dass ich mein Leben selbst bestimmen wollte. Nicht eine mich quälende Sehnsucht sollte mir den Weg zeigen, sondern mein aktives Handeln. Aber hatte ich eine Chance?
Dass ich anders bin, habe ich zum ersten Mal aktiv mit 14 Jahren bemerkt. Ich ging damals in die neunte Klasse eines Gymnasiums. Dazu fuhr ich jeden Morgen mit dem Bus zur Schule. Ich ging meist allein zur Haltestelle und traf dort auf Rainer und Rudi, zwei Jungs, die im gleichen Ortsteil wohnten und mit mir in einer Klasse waren. Wir verstanden uns gut, waren aber keine Freunde. Wenn der Bus kam, stiegen wir gemeinsam ein. Oft saßen Tina, Susanne und Korinna aus unserer Klasse, die immer bereits eine Haltestelle vorher eingestiegen waren, zusammen in einem Viererblock. Wenn der Vierer auf der anderen Seite frei war, setzten sich Rainer, Rudi und ich dorthin. Während wir in Richtung Schule fuhren, beobachtete ich oft die drei Mädchen, wie sie quatschten und lachten, während wir Jungs meist nur schweigend dasaßen. Wir versuchten das ein oder andere Mal, durch coole Sprüche oder gezielte Albernheiten aufzufallen, hatten damit aber nur selten Erfolg bei den Mädels. Ich glaube, sie fanden uns meist eher doof.
Damals im Bus machte ich eine Entdeckung: Ich spürte einfach, dass ich in vielen solcher Momente neidisch auf die Mädchen war. Es war nicht das Lachen und Quatschen, es war irgendetwas anderes, was ich aber nicht hätte beschreiben können. War es ihre Kleidung und die Art, wie sie sich zurechtmachten, während wir Jungs immer irgendwie gleich angezogen waren?
Ich kann heute nicht mehr genau den Moment greifen, an dem ich zu erkennen begann: Ich bin ein Mädchen! Körperlich war das zwar eindeutig nicht der Fall, aber genauso fühlte ich mich!
Mich irritierte dieses langsam bewusster werdende Gefühl sehr stark, aber ich kam von dem Gedanken nicht los. Alles, was Mädchen wie beispielsweise Tina, Susanne und Korinna taten, beobachtete ich mit wachsender Neugier. Mich faszinierte so vieles, egal ob es die Frisuren, der Kleidungsstil oder einfach nur die Art ihrer Bewegung waren. Ich wurde richtig neidisch. Mit dem Verhalten meiner männlichen Schulkameraden konnte ich oft nicht viel anfangen. Wenn sie sich zum Beispiel aus Spaß balgten oder über Schulkameraden und Lehrer lästerten, fühlte ich mich, als wäre ich nur bedingt ein Teil von ihnen.
Ich fand die Mädchen aber auch auf eine andere Art sehr anziehend. Ich begann langsam zu pubertieren, und sah die Welt immer mehr aus den Augen eines heranwachsenden Menschen. Ich entwickelte Fantasien, wie es sei, eines dieser unerreichbaren Mädchen als Freundin zu haben. Die Fantasien gingen aber nicht über Händchen halten und flüchtige Küsse hinaus. Allein das schien mir schon utopisch genug. Aber ziemlich verlockend.
Ich ließ mir von meinem wachsenden Wunsch, ein Mädchen sein zu wollen, nichts anmerken. Ich war nur fürchterlich irritiert. Was war mit mir los? War es normal, so zu denken? Ein Mädchen sein zu wollen und gleichzeitig Mädchen attraktiv und anziehend zu finden? Ich wusste nicht, mit wem ich über diesen Zwiespalt reden sollte. Die würden mich doch alle für verrückt erklären. »Du bist ein Junge, wie man sieht!«, »Das sind doch alles nur pubertierende Fantasien!« oder »Das geht bestimmt bald weg!«. Mit solchen Antworten, da war ich mir sicher, würden mich Erwachsene abspeisen. Ganz klar: Ältere Menschen würden mich für verrückt halten. Und bei Gleichaltrigen wäre ich für den Rest des Lebens unten durch!
Aber warum fühlte ich so? Wieso hatte ich die Sehnsucht, genauso sein zu wollen wie einige Mädchen aus meiner Schule? Das Unwohlsein darüber, ein Junge zu sein, setzte sich in mir fest und wurde immer stärker. Auf der anderen Seite standen die Zweifel über den Ursprung dieser Gefühle: Steigerte ich mich einfach nur in eine fixe Idee hinein? Versuchte ich, andere Defizite zu kompensieren, weil ich mich mit den Jungs auf dem Schulhof nicht so recht identifizieren konnte?
Heute weiß ich, dass ich mich tatsächlich nicht gegen meine inneren Zweifel wehren konnte. Eine Geschlechtsidentität ist in jedem Menschen verankert. Allerdings sind nicht automatisch Mädchen Mädchen und Jungen Jungen. In seltenen Fällen fühlen sich Menschen einfach im anderen Geschlecht oder sich beiden nicht zugehörig. Das ist ein tief verankertes Identitätsgefühl, dass uns – warum auch immer – gegeben ist. Mir war langsam etwas bewusst geworden, was mir die Natur von Geburt an mitgegeben hat. Wie schon die Hebamme damals vermutet hatte: Ich war ein Mädchen.
Zu der Zeit, in der ich aufwuchs, wurde man nur selten mit Menschen konfrontiert, die im anderen Geschlecht leben wollten. Der Begriff der Transidentität, den ich gerade mit anderen Worten beschrieben habe, war in den siebziger Jahren nicht nur für mich weiter entfernt als die Vision einer Siedlung auf dem Mond.
Wenn der Geschlechterwandel im Fernsehen thematisiert wurde, waren es meist Filme, die die Rolle des als eine Frau verkleideten Mannes ins Lächerliche zogen. Wer erinnert sich nicht an »Charlie’s Tante«, »Manche mögen es heiß« oder »Tootsie«?
In dieser Zeit lernte ich auch das Schimpfwort »Schwuchtel« kennen, dass die Jungs schon mal gerne untereinander verwendeten.
