4,99 €
Die Biografie von Lilo Günzler – in Zusammenarbeit mit Agnes Rummeleit entstanden – gibt Einblick in das Leben einer Frankfurter Familie, die den Sanktionen der Schreckensherrschaft schutzlos ausgeliefert war. Lilo Günzler und ihre Familie haben die Zeit des Nationalsozialismus überlebt. Darüber reden konnte sie erstmals nach 60 Jahren. Endlich war sie bereit, als Zeitzeugin vor Schulklassen über ihr Leben zu sprechen. Dem vielseitigen Drängen, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, gab sie nach langem Zögern nach.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2013
Lilo Günzler, Endlich reden In Zusammenarbeit mit Agnes Rummeleit © 2009 Henrich Editionen, Frankfurt am Main eBook 02/2014 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Layout und Satz: Henrich Druck + Medien Umschlaggestaltung: Wolfram Zeckai, Designgruppe Fanz & Neumayer Gesamtherstellung: Henrich Druck + Medien, Frankfurt am Main ISBN 978-3-943407-17-4www.henrich-editionen.de
In Zusammenarbeit mit Agnes Rummeleit ist aus meinen Aufzeichnungen und vielen intensiven Gesprächen diese Biografie entstanden. Ich danke Agnes Rummeleit für ihre Hilfe beim Aufarbeiten meiner Kindheit. Für ihr Zuhören, ihre Fragen und die vielen Stunden, die sie am Schreibtisch verbracht hat.
Lilo Günzler? Ja, die kenne ich gut. Das ist die, die 23 Jahre lang an der Minna-Specht-Schule unterrichtete, die Chefin des Theaterkreises St. Mauritius, die jahrelang im Pfarrgemeinderat tätig war, die jeden Sonntag in die Kirche geht, die 1. Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, und, und, und. Das ist die nette kleine Frau, die immer zu Fuß unterwegs ist, die kennt doch jeder in Schwanheim. Kennt sie wirklich jeder?
Ich lernte sie kennen, als meine Tochter 1990 in dem von ihr geschriebenen Heimatstück „En Dokter fer Schwanem“ das Kind „Mariechen“ spielte. Danach sahen wir uns ein-, zweimal im Jahr im Theaterkreis. Bis ich 1994 wieder in den Frankfurter Stadtteil Schwanheim zog, war das unser einziger Kontakt. Drei Jahre später kam ich als Kassiererin in den Vorstand des Heimat- und Geschichtsvereins Schwanheim. Immer öfter unterhielt ich mich nun mit Lilo. Nicht nur über die Vereinsarbeit, sondern auch über ihr bisheriges Leben, die Familie, die Enkel. Manchmal schwärmte sie vom alten Frankfurt, wo sie vor dem Zweiten Weltkrieg gewohnt hatte.
Im Jahr 2000 bot unsere katholische Pfarrgemeinde eine Reise nach Israel an. Der Einzelzimmer-Zuschlag für diese Tour war sehr hoch. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte Lilo, ob sie sich vorstellen könne, ein Doppelzimmer mit mir zu teilen. Sie lächelte verschmitzt: „Wenn du mein Schnarchen ertragen willst, soll es mir recht sein.“ „Na, so schlimm wird es nicht werden. Bestimmt haben wir viel Spaß zusammen. Ich bin sicher, das wird eine sehr eindrucksvolle Reise.“ Als ich diesen Satz so leicht dahin sagte, ahnte ich nicht, wie beeindruckend diese Reise für mich werden sollte.
Wir hatten uns gut vorbereitet, kannten alle Mitreisenden aus der Gemeinde und starteten frohgelaunt am 6. März 2000 nach Israel. Es war eine außergewöhnliche Tour, schon in den ersten Tagen erlebten wir unglaublich viel.
Lilo und ich verstanden uns prächtig. Abends ließen wir die Ereignisse des vergangenen Tages noch einmal Revue passieren und ich schrieb alles in unser Reisetagebuch. So auch am ersten Abend in Jerusalem. „Für heute bin ich fertig. Morgen gehen wir an die Klagemauer. Ich bin sehr gespannt darauf. Das wird bestimmt ein ganz besonderes Erlebnis werden.“ Lilo saß auf ihrer Bettkante und gab keine Antwort. „Lilo, was ist los, fühlst du dich nicht wohl?“ Ich konnte ihr Gesicht nur von der Seite sehen. Sie schaute mit ernster Miene auf einen zusammengefalteten Zettel in ihrer Hand. „Hast du heute auch aufgeschrieben? Lilo, warum sagst du nichts?“ „Ich denke an morgen. Morgen werde ich diesen Brief in die Klagemauer stecken.“ „In die Klagemauer! Aber das geht nicht, das ist für uns nicht erlaubt. Lilo, nur Juden dürfen Zettel mit Gebeten oder Bitten in die Klagemauer stecken.“ Plötzlich herrschte eine bedrückende Stille im Raum. Lilo blickte immer noch auf den Brief in ihrer Hand, atmete deutlich hörbar ein und sagte dann mit ruhiger, fester Stimme: „Diesen Brief werde ich für meine Mutter Ria in die Mauer stecken.“ „Für deine Mutter?“ entfuhr es mir. „Ja, für meine Mutter, sie war Jüdin.“ Ich saß wie erstarrt da und brachte kein Wort heraus. Lilo, unsere gut katholische Lilo hatte eine jüdische Mutter. „Möchtest du mir dazu was sagen, ich wusste gar nicht…“ Weiter kam ich nicht. „Nein, darüber will ich nicht sprechen, vielleicht später einmal.“ Ihr Tonfall duldete keine weitere Frage.
Ich lag an diesem Abend noch lange wach. Ist Lilo demnach auch Jüdin, was war mit dem Vater? Sie hatte nur von ihrer Mutter gesprochen. Auf jeden Fall ist sie das Kind einer Jüdin. Wieso ist sie dann katholisch, oder ist sie es vielleicht gar nicht?
Auf der Fahrt zur Klagemauer redeten und lachten unsere Mitreisenden wie immer. Nur wir beide waren bemerkenswert still. An der Klagemauer herrschte reges Treiben, und im Nu hatte sich unsere Gruppe verteilt. Ich ging mit Lilo auf die Frauenseite, wir sprachen kein Wort. Ich sehe heute noch das Bild vor mir, wie sie Schritt für Schritt, langsam, so als würde sie sich jeden Schritt überlegen, ganz bedächtig auf die Klagemauer zuging. Ich hatte nur Lilo im Blick, wie sie klein, aber energisch zwischen den vielen Menschen zur Klagemauer schritt. Sie blieb kurz an der Mauer stehen, steckte den Zettel in einen Mauerritz und kam vorsichtig rückwärts gehend zurück. Als sie wieder bei mir war, drehte sie sich um und sagte leise: „Ich denke, es hätte ihr gefallen.“ „Warum bist du rückwärts gegangen, Lilo?“ „Das tun Juden so.“ „Aber du bist keine Jüdin.“ „Aber eine Halbjüdin – ein Mischling ersten Grades.“
Erst fünf Jahre später sprach Lilo wieder mit mir über das Thema. Sie war sich nicht sicher, ob sie bei einer Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in unserer Gemeinde über ihr Leben sprechen sollte. „Willst du das, kannst du das, nach so langer Zeit? Möchtest du jetzt mit mir darüber sprechen?“ Langsam erzählte sie mir kleine Abschnitte ihres Lebens. Ich fragte immer weiter nach, und sie vertraute mir immer mehr an.
Nach der Gedenkfeier in der Gemeinde wurde sie von der Anne-Frank-Stiftung angesprochen, als Zeitzeugin über ihr Leben vor Schulklassen zu sprechen. Nach dem ersten Gespräch begann der Damm allmählich einzubrechen. Immer häufiger wurde sie zu Zeitzeugengesprächen eingeladen. Erst ein Jahr später durfte ich sie zu einem Gespräch begleiten. Schon nach wenigen Minuten saßen die Jugendlichen wie angewurzelt auf ihren Stühlen und lauschten dieser kleinen Frau, die mit klarer Stimme von den schrecklichen Erlebnissen ihrer Kindheit berichtete. Einige kämpften mit den Tränen und auch mir, die ich diese Ereignisse immer wieder mit Lilo durchgesprochen hatte, saß ein Kloß im Hals. Wiederholt schlug ich ihr vor, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben, aber sie wehrte ab.
Eines Tages im Frühjahr 2008 brachte Lilo mir die Vereinspost. Wir setzten uns gemütlich an den Tisch, redeten über den Verein und sie berichtete mir die Neuigkeiten aus Schwanheim. Plötzlich hielt Lilo mitten im Satz inne. „Ich würde gerne mein Leben aufschreiben.“ „Ist das dein Ernst?“ Ich war verblüfft. „Ja, Agnes, wenn du mir dabei hilfst.“ Ich schaute sie an und antwortete spontan: „Ja, ja, Lilo, ich helfe dir!“
Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, 1933
„Helmut, Liselotte zieht eure Schuhe an, es wird Zeit.“ Seit einigen Wochen durfte ich mitgehen, wenn Mama meinen 1 ½ Jahre älteren Bruder Helmut in den Kindergarten brachte. Ich wartete sehnsüchtig darauf, selbst in diesen Kindergarten zu gehen. Der Weg war nicht weit. Von unserer Wohnung im Wollgraben, über den Börneplatz, links an der Fronhofstraße vorbei, in die Dominikanergasse zum Kompostellhof. In diesem ehemals jüdischen Andachtsraum war der Katholische Kindergarten der Frankfurter Domgemeinde untergebracht.
Gleich am Eingang hatte ich in einer kleinen Kammer ein Spielzeugparadies entdeckt, das Kinderherzen höher schlagen ließ. Da die Tür meistens offen stand, war ich einmal unbemerkt hineingeschlüpft. Puppen lagen in Puppenwagen mit geblümten Kissen und spitzenverzierten Zudecken, es gab Teddybären, eine Puppenküche mit vielen kleinen Töpfen und winzigem Geschirr, hölzerne Pferdchen mit Wagen und in einer Ecke stand sogar ein großes Schaukelpferd. Staunend betrachtete ich die wunderschönen Sachen, von denen ich zu Hause nur träumen konnte. Nie hätte ich mich getraut, die anzufassen. Doch wenn ich erst selbst im Kindergarten sein würde, dürfte ich bestimmt hineingehen und mir ein Spielzeug aussuchen. In Gedanken saß ich auf dem Schaukelpferd, hatte einen Teddybären im Arm und träumte davon, in der kleinen Küche etwas für Teddy und meine Puppe Heidi zu kochen. Es war wie im Schlaraffenland. „Liselotte, hör auf zu träumen, du willst doch mitgehen.“ Mama holte mich aus meinen Gedanken zurück. Sie hatte schon die Wohnungstür geöffnet. Rasch lief ich hinter ihr und Helmut her.
Der unverwechselbare Geruch von frisch gebackenem Brot kam mir entgegen. Im Erdgeschoss war die Bäckerei der Familie Neubauer, der das Haus gehörte. Der Duft erfüllte das ganze Treppenhaus. Er zog bis zum vierten Stock, in unsere schöne, helle Dreizimmerwohnung. Noch heute verbinde ich den Geruch von frischem Brot und Brötchen mit meiner Kindheit im Wollgraben.
Im Frühjahr 1933, einige Monate nach meiner Geburt, waren meine Eltern mit Helmut und mir in den Wollgraben 10 in eines der Häuser auf der östlichen Seite der Straße eingezogen. Die um 1830 erbauten fünfstöckigen Häuser im klassizistischen Stil hatten einfache, schmucklose Fassaden, große, zweiflügelige Fenster und galten in jener Zeit als modernste Wohnbauten Frankfurts. Ganz anders die Häuser auf der westlichen, stadteinwärts gelegenen Seite. Sie waren fast 100 Jahre älter, unterschiedlich groß, hatten kleine Fenster, graue, verschmutzte Wände, winzige Dachgauben. Ständig wurde an irgendeinem gearbeitet. Eines aber hatten beide Straßenseiten gemeinsam: Im Parterre waren kleine Geschäfte, in denen die Bewohner alles einkaufen konnten, was sie zum täglichen Leben benötigten. In dieser Straße mitten im Herzen von Frankfurt kannte jeder jeden.
Meine Mutter arbeitete stundenweise bei der Bäckerfamilie Neubauer, versorgte deren Haushalt und die Wäsche, bügelte, putzte und kümmerte sich um die Kinder. Vermutlich war das auch der Grund dafür, dass wir die Wohnung im Haus bekommen hatten, denn eigentlich konnten sich meine Eltern eine so schöne, große Wohnung nicht leisten. Sie und „die Neubauern“, wie Mama sie nannte, hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Alle Zimmer der Wohnung waren durch Türen miteinander verbunden, was uns Kinder zu „Rundläufen“ verführte. Mama sah das nicht gerne, aber Papa schmunzelte nur und ließ uns unseren Spaß. Unser Leben spielte sich fast ausschließlich in der geräumigen Küche mit dem Fenster zum Hof ab. Am großen Holztisch wurde gegessen, gespielt, gebügelt, Papa las seine Zeitung oder bastelte mit uns. Später, als wir zur Schule gingen, brüteten wir hier über unseren Hausaufgaben. Der braune Küchenschrank beherrschte die Wand gleich neben der Tür zur guten Stube. Oben hatte er vier Türen. Hinter den beiden mittleren mit Glasscheiben und kleinen Gardinen standen das Zwiebelmuster-Geschirr, ein paar Gläser und die großen Tassen, in denen Mama das Geld für Miete, Lebensmittel, Kleidung und die Groschen für den Gaszähler aufbewahrte. Darunter war rechts und links jeweils ein kleines Fach mit einer Schnapptür für Lebensmittel. Wenn wir Kinder manchmal etwas Zucker naschten, versuchten wir, diese Tür so leise wie möglich zu öffnen, aber das Schnappgeräusch verriet uns fast immer. Dazwischen auf der freien Fläche stand auf einem gehäkelten Deckchen unser Brotkasten aus weißem Email.
Bevor Mama das Mittagessen kochen konnte, musste sie immer erst eine Münze in den Gaszähler werfen, damit für einige Zeit Gas aus der Leitung strömte. Einmal im Monat kam der Gasmann, um die Groschen aus dem Automaten abzuholen. Mit einem großen Schlüssel öffnete er den Zähler im Flur und schüttete die Münzen in einen Ledersack. Oft wechselte Mama dann bei ihm wieder zwei, drei Mark in Groschen, damit immer genügend Kleingeld für den Zähler in der entsprechenden Tasse lag. Im Winter gingen wir sparsam mit dem Gas um. Dann wurde schon frühmorgens der Küchenherd angefeuert. Er sorgte nicht nur für gemütliche Wärme, auch das Essen wurde auf dem Herd zubereitet und immer war warmes Wasser im „Schiff“, einem Behälter, in dem sich das Wasser durch die Herdwärme erhitzte. Nur in der Küche war es warm, alle anderen Räume blieben kalt. Morgens waren oft Eisblumen an den Fensterscheiben. Der Wasserstein aus rotem Sandstein in der Ecke neben dem Fenster stammte bestimmt noch aus der Zeit, als das Haus gebaut wurde. Jede Woche schrubbte Papa ihn mit einer großen Wurzelbürste sauber.
Die Stube neben der Küche nutzten wir nur zu Weihnachten oder wenn Besuch kam. Möbliert war sie mit einem Holztisch und vier Stühlen, in der einen Ecke stand ein einfaches Vertiko und in der anderen ein kleiner Ofen, der nur Weihnachten angeheizt wurde. Durch die Stube ging es in das zur Straßenseite gelegene Kinderzimmer. Mein Bruder Helmut und ich hatten jeder ein weißes, eisernes Kinderbett, einen Holzstuhl, auf den wir abends unsere Kleider legten, und einen gemeinsamen Kleiderschrank, in dem im unteren Bereich auch unsere Spielsachen untergebracht waren. Über unseren Betten hing ein Bild mit zwei Engeln, sie hatten große weiße Flügel und hielten jeder eine weiße Lilie in der Hand. „Das sind eure Schutzengel, die behüten euch, wenn ihr schlaft“ hatte Frau Neubauer gesagt, als sie uns das Bild schenkte. Meine Puppe Heidi saß auf meinem Kopfkissen. Ich liebte es, mich mit ihr ins Federbett zu kuscheln, das immer mit der gleichen Bettwäsche, weiß mit blauen Blümchen, bezogen war. Gelegentlich spielten Helmut und ich in unserem Kinderzimmer, entweder gemeinsam mit den Bauklötzchen oder jeder für sich. Helmut bastelte mit seinem Metallbaukasten. Ich spielte mit meiner Puppe Heidi, die genau wie wir ein kleines Eisenbettchen, verschiedene Kleidchen und sogar einen Mantel hatte. Herr Aulbach, der im zweiten Stock wohnte, war Schneider und hatte mir einen Wintermantel mit Kapuze aus braunem Pepitastoff genäht. Zu Weihnachten schenkte er mir den gleichen Mantel für meine Puppe. Meistens beschäftigten wir uns aber mit ganz einfachen Sachen. In der Küche legten wir zwei Decken über den Tisch und spielten darunter Höhle. Hatte Mama die Betten abgezogen und die drei Matratzen aufgestellt, versteckten wir uns dazwischen. Mit einer Kordel, die wir um den Kleiderhaken an der Wand geschlungen hatten, zogen wir Tassen oder Besteck in die Höhe, genauso wie die Bauarbeiter ihre Steine oder Eimer mit Mörtel an den Häusern gegenüber. Uns war nie langweilig!
Liselotte und Helmut, Weihnachten 1933
Das größte und schönste Zimmer mit zwei Fenstern zur Straßenseite war das Schlafzimmer meiner Eltern. Die Möbel hatten sie beim Möbelhaus Helberger in der Großen Friedberger Straße gekauft. Eine wunderbar zarte, weinrote Steppdecke lag auf den Betten. Darauf thronten zwei prall gefüllte weiße Paradekissen mit gestärkter Spitze. Die Wand darüber schmückte ein großes Bild mit goldfarbenem Bilderrahmen. Es zeigte einen Mann, der in einem weißen, langen Gewand auf einem Stein saß, einen Stab in der Hand hielt und vor dem zwei Lämmchen lagen. „Das ist Jesus, der gute Hirte, der über die Schlafenden wacht“, hatte mir Papa erklärt. Oft stand ich ehrfurchtsvoll vor diesem wunderschönen Bild. Eine Bettumrandung, zwei kleine Teppiche und ein großer mit langen Fransen, umrahmten beide Betten. Das ganze Zimmer machte auf mich einen herrschaftlichen Eindruck. Immer stand die Tür zum Flur offen und jeder, der uns besuchte, konnte einen Blick hineinwerfen. Das Schlafzimmer war Mamas ganzer Stolz. Das Geld für die Möbel hatte sich meine Mutter vor ihrer Ehe zusammengespart.
Als 18jähriges Mädchen hatte sie im Jahr 1916 ihr jüdisches Elternhaus in Somborn, einem kleinen Dorf am Rande des Spessarts, verlassen, um in Frankfurt bei jüdischen Familien als Dienstmädchen zu arbeiten. Ihre Mutter war drei Jahre nach ihrer Geburt gestorben. Sie blieb bei ihrem Vater wohnen. Die beiden älteren Schwestern, Rosa und Dina, gab der Vater zu Verwandten in Pflege. Ein Jahr später heiratete er wieder. Mit seiner zweiten Frau hatte er noch fünf weitere Kinder. Meine Mutter musste sehr früh im Haushalt mitarbeiten und auf die fünf Halbgeschwister Leopold, Arthur, Hugo, Betty und Else aufpassen. Zu ihren beiden leiblichen Schwestern hatte sie keinerlei Kontakt.
In Frankfurt ging sie im Gegensatz zu ihrem strenggläubigen Vater fast nie in die Synagoge. In all den Jahren hielt sie stets Kontakt zu ihrer Familie, immer wieder besuchte sie den Vater und brachte den jüngeren Geschwistern kleine Geschenke aus der großen Stadt.
Als sie nach einer kurzen Liaison mit einem jüdischen Handelsvertreter 1931 schwanger wurde, musste sie aufhören zu arbeiten und zog in ein kleines möbliertes Zimmer in der Fahrgasse. Dort lernte sie meinen Vater kennen, der im gleichen Haus wohnte. Er war ihr in dieser schweren Zeit eine große Hilfe, begleitete sie ins Krankenhaus und betreute sie und das Neugeborene, so gut er konnte. Ein Jahr später heirateten sie. Er versprach meiner Mutter, für den Buben zu sorgen, als wäre er sein eigener Sohn.
Nachdem meine Mutter einen Nichtjuden geheiratet hatte, durfte sie ihr Elternhaus nicht mehr betreten. Durch die vielen Jahre, die sie allein in Frankfurt gelebt hatte und für sich sorgen musste, war sie sehr selbstständig geworden. So war sie es, die bei uns zu Hause das Sagen hatte. So klein sie war, mit ihrer energischen Art beherrschte sie unsere Familie.
Mein Vater war 1923 gemeinsam mit einem Bekannten aus der Fremdenlegion nach Frankfurt gekommen. Wie viele Menschen in dieser Zeit der Massenarbeitslosigkeit, hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Auch nachdem er meine Mutter geheiratet hatte, verdiente er nur hin und wieder etwas Geld als Packer bei einer Umzugsfirma oder er bekam Stempelgeld. Ich erinnere mich gut daran, dass Mama ihn öfter aufforderte, zur Unterstützungskasse zu gehen. Dieses Geld in Anspruch nehmen zu müssen, war ihm sehr unangenehm. In dieser Zeit versorgte Papa den Haushalt, er kochte und putzte. Vor allen Dingen aber umsorgte er Helmut und mich, und wenn in der Bäckerei viel zu tun war, kamen auch Neubauers Buben Rudi und Kurt zu uns in die Wohnung. Papa faltete stundenlang mit uns aus Zeitungspapier Schiffchen oder Mützen. Immer hörte er uns zu, beantwortete unsere Fragen und wenn wir hingefallen waren, tröstete er uns liebevoll. Nur gesungen hat er nie mit uns, das kannte er nicht aus seiner Kindheit. Papa war der ruhende Pol unserer Familie. Als Helmut und ich schon im Kindergarten waren, umsorgte er immer noch die kleineren Jungen Hermann und Engelbert der Familie Neubauer.
Unsere Wohnung hatte bereits ein Badezimmer – für diese Zeit ein wahrer Luxus –, denn in den meisten Häusern gab es nur Toiletten, die auf halber Höhe zwischen den Stockwerken im Treppenhaus lagen. Drei Jahre, nachdem meine Eltern eingezogen waren, hatte Familie Neubauer die Küche verkleinert und ein Badezimmer einbauen lassen. Auf der einen Seite standen der kupferne Badeofen und die Badewanne und direkt unter dem Fenster die Toilette. Ein Waschbecken gab es nicht. Während der Woche machten wir Katzenwäsche am Wasserstein in der Küche. Mama wusch uns mit Waschlappen und Seife Gesicht und Hände, im Sommer wurden auch die Füße geschrubbt. Gebadet wurde nur am Samstag.
Vor der Renovierung hatte Papa am Samstag die Zinkwanne vom Speicher geholt. In großen Töpfen wurden Unmengen von Wasser erhitzt und in die Wanne gegossen. Nach dem Baden musste das Wasser wieder ausgeschöpft werden, eine mühevolle Arbeit. Das war jetzt viel einfacher. Zuerst heizte Papa den Badeofen mit Holz oder Kohlen an. Wenn das Wasser warm genug war, ging es in die Wanne. Helmut und ich konnten erst in der Wanne etwas planschen, Mama nannte es einweichen, bis sie mit der Kernseife und dem Waschlappen kam. Helmut ließ sich ohne zu murren einseifen und die Haare waschen. Papa hob ihn dann aus der Wanne, wickelte ihn ins Badetuch und ging mit ihm in die Küche. Jetzt kam ich dran. Mit dem großen Stück Seife wurde ich ordentlich eingeschäumt und danach der Schmutz der ganzen Woche gründlich abgerieben. Mit Schwung tauchte Mama mich wieder in die Wanne, um den Schaum abzuspülen. Sobald sie mir aber mit der Seife den Kopf einschäumen wollte, fing ich an zu schreien, denn immer lief mir etwas Seife in die Augen und diese brannten wie Feuer. „Liselotte, halt den Kopf nach hinten und brüll nicht so, dann läuft dir auch keine Seife ins Gesicht.“ Mit energischem Griff schob sie meinen Kopf in den Nacken, schäumte meine Haare ein und schüttete mit einem Becher Wasser über meinen Kopf. Einmal schrie ich so laut, dass Frau Neubauer aus dem ersten Stock eilte, um mich festzuhalten. Sie war noch strenger als Mama und vor Angst, dass sie mir das nächste Mal die Haare waschen würde, weinte ich nur noch leise vor mich hin. Nachdem ich diese Prozedur überstanden hatte, wurde ich kräftig mit dem Frotteehandtuch abgetrocknet und bekam ein frisches Nachthemd angezogen. Das war ein wunderbares Gefühl. Es roch so gut nach Seifenflocken und frischem Wind, ich konnte gar nicht genug daran schnuppern.
In der Küche hatte Papa bereits Brote geschmiert und mit etwas Wurst belegt. Wir aßen gemütlich mit unseren Eltern zu Abend. Papa trank dazu ab und zu ein Glas Bier, das er in einem Krug bei der Wirtschaft Best, drei Häuser weiter, geholt hatte. Mama nippte höchstens mal am Bier, trank aber sonst mit uns Kindern Tee. Ich liebte diese Samstagabende, alles war schön sauber, aus dem kleinen Volksempfänger erklang leise Musik und ich merkte ganz deutlich, dass auch meine Eltern diese Ruhe und Zufriedenheit genossen. Wenn ich dann in meinem Bettchen lag, lächelte ich die zwei Engel an der Wand an, nahm meine Heidi in den Arm und freute mich auf den Sonntag. Dann gab es frische Unterwäsche, Sonntagsbraten, Kinderfunk, und manchmal kam am Nachmittag Besuch zu Kaffee und Kuchen.
Endlich ist es soweit, ich komme in den Kindergarten. Eine große, braunhaarige Kindergartentante begrüßte uns Neuankömmlinge mit einem knappen „Guten Morgen. Ihr seid also die Neuen. Bei uns im Kindergarten gibt es Regeln, an die sich alle Kinder halten müssen. Hört also gut zu, ich sage es nur einmal.“ Wir waren viel zu aufgeregt, um alles zu behalten, aber wir lernten es schnell.
Jedes Kind bekam einen Kleiderhaken zugewiesen, dort hängten wir morgens unsere Jacken oder Mäntel auf. Die Schuhe mussten ausgezogen und unter das Bänkchen gestellt werden. Bevor wir in den Gruppenraum gingen, schlüpften wir in unsere Kindergartenschuhe. Vor und nach dem Frühstück und dem Mittagessen mussten alle Kinder ihre Hände waschen und nach dem Mittagessen wurde zwei Stunden geschlafen. Und wer in den Räumen laut geschrieen oder herumgetobt hatte, wurde zur Strafe für zehn Minuten in das „Kabuff“, einen kleinen, stockfinsteren Raum, gesteckt. So streng hatte ich mir meine Zeit im Kindergarten nicht vorgestellt, davon hatte Helmut mir nie etwas erzählt.
Spätestens beim Mittagessen wurde mir klar, der Alltag war weit von meinen Träumen entfernt. Zu Hause sagte Papa immer: „Iss nicht so schnell, kaue langsam, sonst verschluckst du dich.“ Hier im Kindergarten galten andere Regeln; alle Kinder mussten schnell ihre Teller leeren. Mindestens einmal pro Woche gab es Griesbrei oder Reisbrei. Ich mochte weder den einen noch den anderen. Gleich in der ersten Woche saß ich langsam löffelnd vor meinem Teller Griesbrei, in dem eine kleine Pfütze Himbeersaft schwamm. Schon bei dem Gedanken zog es mir durch den Magen. Aber es half nichts, ich musste mich überwinden etwas zu essen, sonst würde die Schwester mit mir schimpfen. Gerade hatte ich einen Löffel voll Brei heruntergeschluckt, da kam sie auf mich zu. „Trödel nicht so rum, die anderen Kinder sind schon fertig.“ Schneller als ich denken konnte nahm sie mir den Löffel aus der Hand, rührte den Saft und den Griesbrei zu einer schrecklich grauen Masse und mit den Worten: „Mund auf“ schob sie mir den Löffel voll Brei zwischen die Zähne. Noch bevor ich schlucken konnte, kam der nächste, und so ging es, bis der Teller leer war. „Na siehst du, es geht doch.“ Ihre energische Stimme trieb mir die Tränen in die Augen, aber vor Angst, sie könnte es sehen und mit mir schimpfen, lief ich schnell vom Tisch weg. Aber erst ein weiteres Erlebnis machte mir klar: Nur schnelles Essen würde mich vor weiteren Fütterungen bewahren. Als ich eines Nachmittags aus dem Kindergarten nach Hause kam, wunderte sich Papa über meine dicke Backe. „Ria“, Papa sagte immer Ria zu Mama, obwohl sie eigentlich Recha hieß, „schau dir mal unser Schlumpelchen an, ich glaube, sie hat Zahnweh.“ Sonst nannte mich nur Frau Neubauer Schlumpelchen, aber manchmal machte Papa sich einen Spaß daraus, sie nachzuahmen. Mama nahm mich auf den Schoß. „Mach mal den Mund auf.“ Mit dem Zeigefinger untersuchte sie meine Zähne und lachte. „Das sind keine Zahnschmerzen.“ Sie holte einen festen Klumpen Spinat aus meiner Backe. Beim Mittagessen hatte ich den Spinat, wie andere Kinder auch, ganz schnell in den Mund geschoben. Wir wollten ihn anschließend in die Toilette spuken. Ich hatte mich aber nicht getraut und so behielt ich den Spinat den ganzen Tag im Mund. „Das kommt davon, wenn man nicht alles isst, was auf den Tisch kommt“, sagte Mama lachend und gab mir einen leichten Klaps auf den Hintern.
Gruppenfoto Kindergarten, 1938 – Liselotte oben rechts mit weißer Schleife
Noch schlimmer als das Essen war für mich der Mittagsschlaf. Ich konnte und wollte nicht schlafen und lag immer wach auf dem kleinen Bettchen und wartete, bis die Zeit endlich vorbei war. Es war schrecklich, denn wir durften uns nicht drehen oder hinsetzen und schon gar nicht miteinander sprechen. Einmal, ich hatte mich mit einem Mädchen ganz leise unterhalten, erwischte mich die Schwester. Sofort wurde ich in das „Kabuff“ gesteckt. Mir grauste es fürchterlich in der Dunkelheit. Danach war ich lieber artig und still und musste nie mehr in diese dunkle Kammer. Von all den schönen Spielsachen, auf die ich mich so gefreut hatte, wurde keines aus der Spielzeugkammer geholt, kein Kind durfte jemals damit spielen. Nur zum alljährlichen Gruppenfoto kamen sie heraus und verschwanden danach wieder für ein Jahr.
Wir hatten zwei Kindergartentanten, die über ihrer Kleidung immer eine große weiße Schürze trugen, und eine Person in einem langen schwarzen Gewand. Ich konnte nicht erkennen, ob dieser Mensch eine Frau oder ein Mann war. Ich sah nur ein winziges Stück Gesicht aus einer schwarzen Kopfbedeckung streng auf mich herabblicken. Als ich Mama fragte, lachte sie nur schallend, gab mir aber keine Antwort. Erst Frau Neubauer verschaffte mir Gewissheit. „Das ist eine Frau, eine Nonne vom Orden der Franziskanerinnen.“ Viel konnte ich mit dieser Erklärung nicht anfangen, wusste aber endlich, dass es eine Frau war.
Nach einiger Zeit hatte ich mich gut eingelebt und freute mich jeden Tag auf den Kindergarten und das gemeinsame Frühstück. Wir saßen an den kleinen Tischen, tranken Tee oder Milch und verspeisten unsere mitgebrachten Frühstücksbrote. Oft bekam ich von Frau Neubauer ein Hörnchen oder ein frisches Brötchen und manchmal haben wir Kinder untereinander getauscht. Bei schönem Wetter spielten wir im Hof Fangen oder Verstecken, hier konnten wir laut lachen und toben. Eine Wiese, Spielgeräte oder einen Sandkasten gab es nicht. Im Winter oder bei Regen spielten wir in unseren Gruppenräumen mit Bausteinen, tanzten „Es geht eine Zipfelmütz’ in unserem Kreis herum“ oder sangen. Manchmal bekamen wir auch eine Geschichte vorgelesen.
Ein ganz besonderes Erlebnis waren die Ausflüge zum Mutterhaus unserer Nonne in die Lange Straße. Hinter dem prächtigen Haus lag ein wunderschöner Garten mit großen Bäumen, verwilderten Hecken, einer Wiese und kleinen Wegen. Wir Kinder rannten über die Wiese, zwitscherten wie die Vögel, versuchten die Schmetterlinge zu fangen, lachten, tobten und schlugen Purzelbäume. Auch die sonst oft zu strengen Tanten freuten sich mit uns. Die größte Sensation war die riesengroße, rot angestrichene Schaukel. Zwanzig Kinder konnten darauf sitzen. Die Schwestern hatten große Mühe, uns anzuschieben. Das war ein Jauchzen und Kreischen, wenn es hoch und runter ging; wir konnten gar nicht genug bekommen. Hier im Garten verging die Zeit wie im Flug und zum Abschluss des Tages bekamen wir von der Küchenschwester noch jeder ein Glas Kakao. Das war etwas ganz Besonderes, denn zu Hause gab es nur manchmal am Sonntag ein so köstliches Getränk. Als es einmal auf dem Rückweg anfing zu regnen, nahm die Nonne uns Kinder unter ihren großen breiten Mantel. Wir kicherten den ganzen Weg. Als ich am Abend Frau Neubauer davon erzählte, lachte sie herzlich: „Das war ja wie in dem Lied ,Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus‘.“ Ich kannte das Lied damals noch nicht, aber Frau Neubauer. Sie war eine gut katholische Frau und erzählte mir oft von Jesus und Maria, der Mutter Gottes.
Für uns Kinder war der Wollgraben unser Zuhause und Spielplatz in Einem. Wir Mädchen sprangen Hüpfseil, spielten „Hickelkreis“ oder warfen uns den Ball zu. Am meisten mochte ich „Hickelkreis.“ Mit Kreide malten wir Quadrate auf die Straße. Ein Stein wurde geworfen und in das Feld, in dem er liegen blieb durfte man nicht springen. Nun hüpfte man auf einem Bein von Feld zu Feld ohne abzusetzen. Wer auf einen Strich oder in das Feld mit dem Stein sprang, musste eine Runde aussetzen. Wenn sonntags keine Handwerker an einem eingerüsteten Haus arbeiteten, knoteten wir Mädchen ein Seil zwischen die Gerüststangen, legten ein Kissen hinein und schaukelten. Die Buben ließen lieber ihren Dopsch1 kreiseln, spielten Fußball oder Klicker2.
Am begehrtesten waren Rudis Roller und sein Dreirad. Rudi, der älteste Sohn der Familie Neubauer, wechselte sich immer mit den anderen Jungen der Straße ab. Sie jagten den Wollgraben hinunter bis an die Ecke zur Brückhof- und Fischerfeldstraße, umrundeten den Obelisk, der mitten auf den Platz stand, und sausten wieder zurück. Wenn die Buben keine Lust mehr hatten und lieber Fußball spielten, durften wir Mädchen auch manchmal mit dem Dreirad oder dem Roller fahren. In diesen Jahren kamen meistens nur Pferdewagen, Männer mit Drückkarren oder auf Fahrrädern durch die Straße. Mit den Pferdefuhrwerken rannten wir Kinder um die Wette. Die Buben versuchten auf die Wagen aufzuspringen, um ein Stück mitzufahren. Wenn das der Fuhrmann merkte, schimpfte er laut, scheuchte sie vom Wagen und ließ als Drohung seine Peitsche laut durch die Luft knallen. Wenn sich einmal ein Auto in den Wollgraben verirrte, liefen alle Kinder zusammen. Wir flüchteten auf den Bordstein, winkten dem Fahrer zu und freuten uns riesig, wenn dieser seine Hupe erschallen ließ. Einmal in der Woche kam der Pferdewagen der Firma „Eis-Günther.“ Er brachte Stangen-Eis für die Eisschränke der Bäckerei Neubauer und zum Lebensmittelgeschäft Euler, gegenüber der Bäckerei. Der Kutscher stieg von seinem Bock und zog mit einem großen, eisernen Haken die Eisblöcke von der Ladefläche. Dann bückte er sich und hob den schweren Eisblock auf die Schulter. Dabei splitterten immer kleine Eisstücke ab, die er in einen Korb warf, der hinten am Wagen hing. Im Sommer umringten wir den Pferdewagen und warteten darauf, dass der Eismann ein paar der heiß begehrten Stückchen verteilte.
Obelisk an der Brückhofstraße
Das größte Ereignis aber war, wenn ein sanftes Brummen den Zeppelin ankündigte. „Der Zeppelin, der Zeppelin kommt“ rief sofort der, der zuerst das Geräusch hörte und dann rannten alle zum Börneplatz. Hier auf dem großen freien Platz konnten wir den Zeppelin viel länger beobachten als in unserer schmalen Straße. Wir Kinder waren fasziniert und winkten mit beiden Armen. Manchmal flog er so tief, dass wir die Leute in der Gondel erkennen konnten. Erst, wenn der Zeppelin verschwunden war, rannten wir um die Wette wieder in den Wollgraben zurück.
Zeppelin über Hauptwache und Zeil
Nur ganz selten gingen meine Eltern mit Helmut und mir am Sonntag spazieren. Meistens spielten wir Kinder auch am Sonntag auf der Straße und meine Eltern sahen uns vom Schlafzimmerfenster aus zu. Sie legten sich jeder ein Kissen auf die Fensterbank und schauten sich das Treiben auf der Straße an. Mutter nannte es „Spazieren-Sehen“. Ich habe es sehr genossen, wenn sie uns von oben zusahen, immer wieder habe ich hoch geschaut und ihnen gewunken.
Ein- oder zweimal im Sommer machte Mama uns eine ganz besondere Freude. Wenn in der Bäckerei nicht viel zu tun war, holte sie Helmut, Rudi, Kurt und mich schon vor dem Mittagessen im Kindergarten ab. Ich genoss diese seltenen Tage sehr, denn ich konnte mich nie an das Mittagessen und den Mittagsschlaf gewöhnen. Neubauers Sohn Hermann saß schon im Kindersportwagen. Mama verstaute eine große Tüte Gebäck, eine Flasche mit Tee und eine Kolter3 in den Wagen. So bepackt zog sie mit uns fünf Kindern Richtung Ostpark. Auf der Treppe der Stadtbibliothek machten wir oft schon eine kleine Pause, und wir Kinder hüpften die Stufen rauf und runter. Weiter ging es durch die Ostendstraße am Ostbahnhof vorbei in den Ostpark. Sobald wir den Park sehen konnten, liefen wir voraus und suchten uns einen schönen Platz. Mama setzte sich mit dem kleinen Hermann auf die Decke und wir Großen zogen unsere Schuhe aus und flitzten über die Wiese. Es war ein wunderbares Gefühl, das Gras unter den nackten Füßen zu spüren, es war so weich und kribbelte so schön zwischen den Zehen. Hier im Ostpark waren viele Mütter mit ihren Kindern. Mama unterhielt sich mit den anderen Frauen und ließ uns Kinder nach Herzenslust toben. Wir rannten um die Wette, spielten Ball oder schlugen Purzelbäume. Einige Mädchen und ich sammelten Gänseblümchen, flochten daraus Blumenkränze und setzten sie uns oder unseren Müttern auf den Kopf. Alle genossen diese Ausflüge sehr, denn keines der Häuser im Wollgraben und den umliegenden Straßen hatte einen Garten oder eine Wiese zum Spielen. Als Krönung des Tages gab es auf dem Heimweg für jedes Kind ein Bällchen Eis in der Waffel. Die ganze Zeit überlegten wir, welche Sorte wir nehmen wollten. Es gab Schokoladen-, Erdbeer- oder Vanilleeis, meistens entschied ich mich für Vanille. Genussvoll an unserem Eis leckend, zogen wir heimwärts. Wenn ich dann müde und frisch gewaschen in meinem Bett lag, wünschte ich mir von meinem Schutzengel: „So schön soll es immer bleiben.“
