Enthüllungen - Schwesta Ewa - E-Book

Enthüllungen E-Book

Schwesta Ewa

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Beschreibung

Rotlicht. Rampenlicht. Knast. Das sind die ungewöhnlichen Koordinaten, die das Leben von Deutschlands berühmtester Ex-Nutte bestimmen. Eigentlich hatte Ewa Malanda den Absprung aus der Prostitution schon geschafft und sich als Rapperin eine vielbeachtete Karriere in der Musikindustrie aufgebaut. Doch mit der Prominenz endeten die Probleme nicht. Ewa rutschte in die Kriminalität ab, 2017 stand sie vor Gericht und muss nun für Jahre in den Knast. Zuvor erzählt Schwesta Ewa noch die ungeschönte Wahrheit über ihr Leben. Von ihrer traumatischen Kindheit, ihrer Vergewaltigung und dem Abdriften in das Rotlichtmilieu. Dabei wirft sie auch einen schonungslosen Blick auf die Abgründe unserer Gesellschaft und erzählt Geschichten, die die Fassaden des Bürgertums bröckeln lassen.

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2019

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SCHWESTA EWA

Enthüllungen

SCHWESTA EWA

Enthüllungen

DAS LEBEN FICKTAM HÄRTESTEN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Originalausgabe

5. Auflage 2020

© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Antje Steinhäuser, Dennis Sand

Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch, München

Umschlagabbildung: © Ondro

Layout: Daniel Förster, Belgern

Satz: Georg Stadler, München

Schmuckelement im Innenteil: shutterstock/laschi

Abbildungen im Innenteil: Ewa Malanda

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7423-0644-9

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0198-4

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0199-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

INHALT

Prolog

TEIL 1 – Der Beginn

TEIL 2 – Rotlicht

Zwischenspiel

TEIL 3 – Scheinwerferlicht

Epilog

PROLOG

Leben bedeutet mehr Träume zu haben, als die Realität zerstören kann. Denn es sind unsere Träume, die uns helfen, die Realität in den Stunden zu überwinden, in denen das Leben am härtesten zuschlägt. Ich weiß, wie sich solche Schläge anfühlen. Ich kenne sie seit meiner Kindheit. Ich erlitt sie in meiner Jugend und in meiner Zeit als Nutte. Ich kenne sie bis heute. Und ich weiß mit Sicherheit, dass kein Bulle, kein Freier und kein scheiß Zuhälter so hart zuschlagen kann, wie das eigene gottverdammte Leben.

Meine Geschichte beginnt mit ihrem Ende, denn meine Geschichte endet, wie sie begonnen hat: in einer undurchsichtigen Melange aus Gewalt, Prostitution und Verbrechen, die nur zusammengehalten wird von der vagen Hoffnung auf ein besseres Leben. Der Anfang vom Ende dieser Geschichte beginnt in Dortmund im September 2017. Ich war gerade zu Besuch bei Mike. Mike ist der Produzent, mit dem ich an meinem neuen Album arbeitete. Mein zweites Album als Schwesta Ewa. Meine Karriere als Rapperin nahm langsam Fahrt auf. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Musik einmal Geld verdienen könnte, aber so langsam war ich wirklich auf einem guten Weg. Aufmerksamkeit bekam ich zwar von Anfang an, aber mittlerweile nahmen mich die Leute auch als Künstlerin ernst. Oder sagen wir so: Mittlerweile nahmen mich mehr Leute als Künstlerin ernst, was wiederum nicht sonderlich schwer war, denn in meiner Anfangszeit als Musikerin war ich für die meisten Leute nichts als ein schlechter Witz. Im besten Fall. Aber das hatte sich geändert. Und mit diesem Album, dass ich mit Mike gerade aufnahm, sollte wirklich auch der letzten Kritiker überzeugt werden. Mir war das wichtig. Denn es ging hier nicht bloß um meine Musik. Es ging hier um mein Leben. Mein Leben, dass sich in den letzten vier Jahren radikal verändert hatte.

Zum ersten Mal schaute ich positiv in die Zukunft. Ich hatte das Gefühl, dass alles auf einem guten Weg war. Ich hatte einen Freund. Ich hatte ein laufendes Business. Ich hatte Zukunftspläne. Eine Perspektive. Etwas, wonach ich mein Leben lang gesucht habe. Und ich wollte diese positive Grundstimmung auf meinem neuen Album einfangen. Wir hatten noch nicht wirklich mit den Arbeiten begonnen. Es gab ein paar Skizzen, ein paar Beats. Aber der Großteil der Arbeit lag noch vor uns. Ich war erst am Vorabend angekommen und den haben wir genutzt, um mit ein paar Freunden auf dem riesigen Grundstück zu grillen. Wir haben bis spät in die Nacht hinein eine große Party gefeiert. Haben getrunken, gekifft und laute Musik gehört. Es waren die letzten Tage eines heißen Sommers. Das Wetter war noch immer verdammt gut und ich kam spät ins Bett. Zu spät. Es war eine verdammt kurze Nacht.

Ich lag also im Gästezimmer von Micha, als ich von einem lauten, einem dumpfen Schlag geweckt wurde. Zuerst dachte ich, ich bilde mir das ein. Aber es hörte nicht auf. Verdammt. Ich schaute auf den Wecker. 5 Uhr. Was zum Teufel ist das für ein Geräusch? Waren das etwa die Bauarbeiter? Mike erwähnte sowas. Irgendwas sollte in seinem Flur umgebaut werden, aber meine Güte, müssen die das um 5 Uhr morgens machen? Richtig unnötig. Ich dachte für einen kurzen Moment darüber nach, rauszugehen und den Jungs eine Ansage zu machen. Aber der Restalkohol hielt mich davon ab. Ich drehte mich um und zog mir das Kissen über den Kopf. Aber das Geräusch hörte nicht auf. Und es wurde immer lauter. PCHH, PCHH, PCHH.

Ich schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen. Versuchte mich auf etwas anderes zu konzentrieren.

PCHH, PCHH, PCHHH.

Dachte an das Album, das bald kommen würde, an die Beats, an …

PCHHHHH!

Ein lauter Knall. Ich schreckte hoch. Und dann standen plötzlich zwölf maskierte und uniformierte Typen in meinem Zimmer.

»Runter, runter, runter!«, schrien sie mich an. »Auf den Bauch legen, Hände hinter den Kopf!«

Ich war auf einen Schlag hellwach, der Restalkohol komplett verflogen.

»Was ist los?«, fragte ich. »Was geht ab?«

Die Kerle hatten Maschinenpistolen in der Hand, dunkelblaue Uniformen und Schutzwesten. Fuck, dachte ich. Das sind gar keine Bauarbeiter. Das sind Kripos. Ein Sondereinsatzkommando. Die Kerle hatten ein Flutlicht dabei, mit dem sie mir in die Augen leuchteten.

»Baaah, Mann! Mach das aus!«, schrie ich sie an. »Ich werde ja blind.«

Noch während ich das sagte, kam einer der SEK-Typen an mein Bett gelaufen und drückte meinen Kopf in die Kissen.

»Aller, bist du behindert?«, schrie ich. Ich dachte, ich wäre im falschen Film.

Ein zweiter Kerl sprang von hinten auf mich drauf und legte mir Handschellen an.

»Wollt ihr mich verarschen?«, schrie ich. »Ich bin doch keine Terroristin!«

Aber die Typen antworteten nicht. Schrien nur irgendwelche Begriffe in den Raum.

»Alles gesichert!«

»C43 alles klar!«

Ich verstand nichts. Mann, warum schreien die Kerle denn bei SEK-Einsätzen immer so rum? Das war genau wie in den schlechten Hollywood-Filmen. Wenn ihr euch nicht versteht, dann zieht doch einfach eure überdimensionalen Helme ab und redet normal miteinander. Aber ich war wohl gerade nicht in der Position, darüber mit den Kerlen zu debattieren. Ich lag auf meinem Bett, zwei Kerle auf meinem Rücken und zwei Typen vor mir, die ihre Waffen direkt auf meinen Kopf richteten.

»Seid ihr nicht ganz dicht«, schrie ich sie an. »Hier liegt eine nackte, mit Handschellen fixierte Nutte auf dem Bett – was haltet ihr mir eure Waffen ins Gesicht. Was soll ich denn machen?«

Aber statt mir zu antworten, rissen sie mich nur hoch.

»Jungs, kann ich mir vielleicht irgendwas anziehen? Bitte!«

Als sie sich vergewissert hatten, dass ich nirgendwo irgendwelche Tretminen oder Sprengfallen angebracht hatte, dass der Raum also wirklich, ganz wirklich, absolut sicher war, schmissen sie mir einen Bademantel über und führten mich ab. Keiner sprach mit mir. Ich hatte noch immer keine Ahnung was los war.

Als wir durch den großen, langen Flur liefen, kam uns Mike entgegen.

»Ewa, was hast du gemacht?«

»Wie, was habe ich gemacht? Ich werde hier gerade abgeführt, Kollege. Was hast du gemacht?«

Ich war mir komplett sicher, dass das Ganze nur ein Missverständnis sein konnte. Dass die Typen mich verwechselten. Oder dass ich nur ein zufälliges Opfer war. Dass es eigentlich um Mike ging. Was könnte er nur angestellt haben? Hatte er vielleicht Drogen in seiner Riesenvilla gebunkert oder hatte er … oh. In dem Moment fiel mir etwas ein. Janina. Verdammt. Die Sache. Ich hatte sie schon ganz vergessen. Janina war eine Stalkerin. Janina war psychisch krank und bettelte seit Monaten um meine Aufmerksamkeit. Als ich sie ihr irgendwann entzog, ist sie ausgerastet und zur Polizei gegangen, wo sie erzählte, dass ich sie verprügelt hätte. Das war natürlich nicht wahr. Aber mir war klar, dass die Polizei irgendwann gegen mich ermitteln könnte, wegen der Sache. Aber das rechtfertigte doch keinen gottverdammten SEK-Einsatz. Oder etwa doch?

Die Cops brachten mich in einen ihrer Wagen, der in der Einfahrt der Villa stand. Ein großer, schwarzer Mannschaftswagen. Sie setzten mich auf eine lange Bank zwischen drei Cops und schlossen die Türen.

»Kann mir mal einer sagen, was hier los ist?«

Schweigen.

»Hallo?«

Der Wagen fuhr los.

»Haaaaallo?«

Nichts. »Mann, Jungs. Ich bin eine Ex-Nutte. Vor ein paar Jahren hättet ihr mich einfach im Internet buchen können, da hättet ihr nicht mit Sturmmaske auflaufen müssen.«

Keiner von den Kerlen reagierte.

Man brachte mich zunächst in Polizeigewahrsam. Eine kleine dreckige Zelle. Auf dem Boden lag eine versiffte Matratze, an den Wänden Graffiti und andere Schmierereien. Ekelhaft. Ich schaute mir die vollgepissten Decken an, die auf der Matratze lagen. Würde ich mich da drauf legen, hätte ich sofort Hepatitis A bis Z. Was ich die ganzen Jahre über im Puff vermeiden konnte, würde ich mir jetzt hier einfangen, dachte ich. Scheiße. Hoffentlich klärt sich das bald. Ich war nervös.

Ich lief in meiner Zelle auf und ab. Ich hasste dieses Gefühl. Das Gefühl eingesperrt zu sein. Das Gefühl nicht zu wissen, was los war. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein. Ich fühlte mich wie ein Tiger in einem Käfig. Die Zeit schien überhaupt nicht zu vergehen. Die Minuten wurden zu Stunden und die Stunden fühlten sich an, als wären sie Tage. Ich wurde langsam verrückt. Irgendwann schloss endlich ein Wärter meine Zelle auf.

»Mitkommen«, wies er mich an. Er legte mir wieder Handschellen an und setzte mich in einen Polizeiwagen. Ich wurde vor Gericht gebracht, wo ich einer Untersuchungsrichterin vorgeführt wurde. Man brachte mich in einen kleinen Raum. An den Wänden standen Bücherregale voller Gesetzestexte. In der Mitte des Zimmers war ein Schreibtisch, an dem die Richterin saß. Eine kleine, strenge Frau, mit kurzen, roten Haaren. Sie las mir den Haftbefehl vor.

»Frau Malanda, gegen Sie wird wegen Menschenhandel, Steuerhinterziehung Körperverletzung, Zwangsprostitution, Nötigung und Zuhälterei ermittelt.« Ich schaute auf die Papiere in ihrer Hand. Der Haftbefehl war zwölf Seiten lang. Verdammte Scheiße.

Als die Richterin nach einer gefühlten Ewigkeit fertig war, sagte sie mir, dass ich in Untersuchungshaft komme. »Es besteht Fluchtgefahr«, erläuterte sie mir ihre Entscheidung. Fluchtgefahr? »Das ist doch Quatsch«, sagte ich. »Wohin sollte ich denn fliehen?«

»Nach Polen?« Die Richterin hatte ja überhaupt keine Ahnung. »Was will ich denn in Polen?«, fragte ich. Jeder Zigeuner in den Häfen von Koszalin beherrscht die Sprache besser als ich, ich kann nicht mal Polnisch schreiben und habe in dem Land nur eine zerstrittene Alkoholikerfamilie.«

Die einzige Fluchtgefahr würde bloß dann bestehen, wenn man mich nach Polen abschieben würde. Dann würde ich nämlich zurück nach Deutschland flüchten. Ich bin schließlich schon mein ganzes Leben lang hier.

Doch es brachte nichts.

»Frau Malanda«, sagte die Richterin mit kalter Stimme. »Machen Sie sich darauf gefasst, für eine ziemlich lange Zeit hier einzusitzen.«

»Das ist alles Unsinn«, sagte ich. »Die Vorwürfe sind völlig aus der Luft gegriffen! Dafür können Sie mich nicht einsperren.«

Die Richterin lächelte. »Sie haben ja jetzt ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken, warum Sie eingesperrt werden. Vielleicht auch über Ihr ganzes Leben nachzudenken. Alles Weitere wird sich im Prozess klären.« Dann wurde ich in eine Zelle gebracht. Mir hingen die Worte der Richterin noch nach.

Über mein Leben nachdenken. Das hatte ich nie gemacht. Mein Leben war eine Schnellstraße und ich war seit Jahren mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs. Ich hatte nie die Gelegenheit, mir darüber klar zu werden, was eigentlich alles passiert war. Wie werden konnte, was war und wie aus dem was war wurde was ist. Leben bedeutet mehr Träume zu haben, als die Realität zerstören kann. Meine Träume kannte ich gut. Aber meine Träume waren der Grund, meine Realität Tag für Tag zu verdrängen. Vielleicht war es Zeit, das zu ändern.

»Hey«, rief ich einen Wärter heran. »Habt ihr Papier für mich?«

»Papier?«

»Ja, Papier. Und einen Stift.«

»Willst du dein Geständnis aufschreiben, Kleine?«

»Sowas in der Art.«

Ich bekam mein Papier. Und fing an zu schreiben. Mein Geständnis. Mein Lebensgeständnis.

TEIL 1

DER BEGINN

Man muss drei Stufen hinaufsteigen, um ganz unten anzukommen. Um einen Blick in den Abgrund zu werfen. Es waren drei Stufen, die zum Roten Herz führten, der schäbigsten Kneipe im schäbigsten Viertel von ganz Koszalin. Mitten im Hafen. Am Rand der Stadt. Hier kamen die Menschen hin, die sonst nirgendwo mehr hingehören. Das Rote Herz war lieblos eingerichtet. Es standen ein paar Holztische und einige Barhocker herum, an den Wänden hing Schiffsdekoration: vier Paddel, zwei Kapitänsmützen und ein Rettungsreifen. Die Einrichtung war vollgekritzelt, der Boden klebte vom Bier und Dreck und in der Luft lag der Gestank von Schweiß, Alkohol und Zigarettenqualm. Aber jeden Abend war das Rote Herz bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Rote Herz war so etwas wie das Wohnzimmer der Vergessenen. Der vom Leben Vergessenen. Und davon gab es in Koszalin, davon gab es in Polen viele.

Die meisten Menschen, die in diesem Viertel lebten, hatten nichts. Sie besaßen nur das Nötigste und hangelten sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde oder von Krise zu Krise. Sie machten sich keine großen Gedanken über ihre Existenz. Lebten einfach vor sich hin und versuchten, irgendwie durchzukommen. Zu überleben. Es waren einfache Menschen. Die wenigsten hatten eine Schulbildung. Noch weniger hatten einen Job. Sie hatten Gelegenheitsjobs. Halfen mal hier, mal dort aus. Und wenn die Sorgen zu groß wurden, gingen diese Menschen in eine Kneipe und soffen sie einfach weg. Die Kneipe war der Mittelpunkt ihres Soziallebens. Der Ort, an dem alles aufeinandertraf, ein Marktplatz der gescheiterten Existenzen. Und das Rote Herz war der Ort, an den die Menschen gingen, die nicht bloß unten, sondern ganz weit unten waren. Das Rote Herz war ein Phänomen.

Genau wie meine Mutter. Sie war Bardame in dem Laden. Nacht für Nacht stand sie hinter dem Tresen und versorgte die Gäste mit Bier, Schnaps und harten Sprüchen. Jeder hier kannte sie. Meine Mutter war so eine Art Star der Halbwelt. Und so benahm sie sich auch. Sie war prollig, laut und schmiss mit Geld rum. Ihre Hände waren völlig überladen mit Schmuck. Billiger Fake-Goldschmuck, der sie aber nicht davon abhielt, einem besoffenen Gast ordentlich eine mitzugeben. Die nächtliche Kneipenschlägerei gehörte zum Roten Herz wie der Korn zum Bier. Und meine Mutter mischte immer mit. Sie teilte aus, sie steckte ein, sie schrie herum, sie langte zu. In Koszalin gab man ihr recht schnell den Spitznamen »das Wildschwein«. Und meine Mutter tat alles dafür, ihrem Ruf gerecht zu werden. Sie pflegte ihr Image wie andere Frauen ihre Fingernägel. Als Bardame stand sie im Zentrum des sozialen Lebens der Unterschicht. Sie hatte mit allen möglichen Menschen zu tun. Mit den Aufsteigern, den Absteigern, mit den Dealern, den Zuhältern, den Nutten, dem Abschaum und dem Gesocks. Meine Mutter behandelte sie alle gleich. Sie sagte, ein Mensch sei ein Mensch und einen Menschen bewerte sie nach seinem Verhalten, nicht nach seinem Status. Wenn er sie mit Respekt behandelte, dann behandelte sie ihn auch mit Respekt. Wenn er frech wurde, dann schallerte sie ihm eine. So war meine Mutter. Meine Großeltern hatten ein Problem mit meiner Mutter. Oma war Lehrerin und Opa war Förster und die beiden wollten unbedingt, dass Mama ein Studium absolviert. Tatsächlich begann sie ein Kunststudium. Machte sogar ihr Diplom. Aber nebenbei arbeitete sie viel lieber in der Kneipe. Das war ihre Berufung. Oma und Opa fanden es furchtbar. Erst als sie begriffen, dass Mama mehr Geld verdiente als die beiden zusammen, schlossen sie Frieden mit ihrer Tochter. Den Kneipenjob fanden sie zwar noch immer nicht so toll, aber sie akzeptierten es. Das Geld sprach nun einmal für sich.

Im Roten Herz verkehrten auch die Karsanow-Brüder. Jeder in der Stadt kannte die Karsanows. Sieben Brüder, die so ziemlich alles machten, was man machen konnte, um an Geld zu kommen. Diebstahl, Raub, Drogenhandel, Erpressung. Um die Großfamilie rankte sich ein Mythos. Es gab jede Menge Gerüchte. Eigentlich wusste niemand so genau, wer diese Kerle waren. Sie sprachen nicht viel und blieben unter sich. Notgedrungen. Denn es wollte ja auch niemand etwas mit ihnen zu tun haben. Jeder wusste, dass die Karsanows für Ärger standen. Dass sie in Geschäfte verwickelt waren, mit denen man besser nichts zu tun haben wollte, nicht mal hier, nicht mal im Roten Herzen. Dem Abgrund von Koszalin. Nur meiner Mutter war das egal. Sie scherte sich nicht um Konventionen und kannte keine Angst. Mit wem sie etwas zu tun hatte und mit wem nicht, das entschied sie selbst. Das Gerede der Leute kümmerte sie wenig, denn über sie wurde ja sowieso gesprochen, und vielleicht genoss meine Mutter es auch ein wenig, im Gespräch zu bleiben. Sie hing viel mit den Karsanows ab. Und irgendwann verliebte sie sich in den ältesten der Bande. Es war ein eher kurzes Abenteuer. Drei Monate, nachdem sie mit ihrem neuen Freund angebandelt hatte, wurde sie schwanger. Und drei Monate, nachdem sie schwanger geworden war, stürmte die Polizei die Wohnung von meinem Vater und verhaftete ihn. Warum sie das taten, ist vielleicht das größte ungelüftete Geheimnis meines Lebens. Ich habe so oft versucht, es herauszufinden, habe mit so vielen Verwandten gesprochen. Aber das Einzige, was ich herausfinden konnte, war, dass mein Vater etwas sehr, sehr Schlimmes getan hätte. Etwas, das so schlimm war, dass meine Mutter sich vor Rache fürchtete. Da mein Vater im Gefängnis war, wäre sie das Opfer geworden. Also tauchte sie unter. Am 16. Juli 1984 kam ich auf die Welt. Kurz darauf verließen wir die Stadt. Und verschwanden von der Bildfläche.

Bis heute hat meine Mutter mit mir niemals über diese Zeit gesprochen. Ich weiß nur, dass wir wie die Zigeuner von Stadt zu Stadt gereist sind. Drei Jahre lang. Die ersten Erinnerungen, die ich an mein Leben habe, sind Erinnerungen an die Angst. Es sind unkonkrete Erinnerungen. Mehr Gefühle als Bilder. Ich weiß, dass wir keinen festen Wohnsitz hatten. Dass wir mal bei Freunden, mal bei Verwandten untergekommen sind. Ich weiß nicht, ob ich diese Gefühle aus den Erzählungen konstruiere oder ob ich sie wirklich so hatte. Aber ich bilde mir noch heute ein zu wissen, wie ich mich damals gefühlt habe. Drei Jahre ging das so. Drei Jahre reisten wir kreuz und quer durch das Land. Ohne Geld. Ohne Schutz. Ohne Perspektive. Und irgendwann hatte meine Mutter genug von dem ewigen Versteckspiel. Sie wollte weg aus Polen. Endgültig. Sie wollte ein normales Leben führen. Ein Leben, in dem sie mit ihrer kleinen Tochter nicht ständig auf der Flucht war. Mit meinem Vater hatte sie sowieso überhaupt keinen Kontakt mehr. Aber er hatte noch drei Jungs aus einer vorherigen Beziehung, mit denen Mama eine lose Verbindung hielt. Ich selbst habe sie erst viel später kennengelernt – alle drei sitzen im Knast und unser Kontakt besteht darin, dass ich ihnen immer mal wieder Playstationspiele, Musik und Geld schicke.

Um einen Ausweg zu finden, ging Mama erst mal zurück nach Koszalin, zurück in das Rote Herz, und ließ dort alle ihre Kontakte spielen. Da wir in einer Hafenstadt lebten, hatte meine Mutter jede Menge Kontakte zu Matrosen, und niemand auf dieser Welt wusste besser, wie man aus Polen wegkommt, als ein Matrose. Einer von ihnen war Mama wohl noch einen großen Gefallen schuldig. Er hatte gute Connections und schaffte es, uns eine Greencard für die Vereinigten Staaten zu besorgen. Wir würden also in die USA gehen. Ich war noch zu klein, um zu begreifen, was das bedeutete. Aber meine Mutter freute sich wahnsinnig. Sie sprach von einem Neuanfang. Von einer neuen Chance. Meine Mutter packte alles zusammen. Alles was wir hatten. Es war nicht viel. Sie stopfte sämtliche Klamotten in unsere zwei Taschen: Jacken, Hosen, T-Shirts, Pullover. Dazu noch ein paar Thunfisch-Dosen und die zwei Flugtickets nach New York. Dann stiegen wir in einen Zug und fuhren nach Berlin.

Als wir am Bahnhof Zoo ausstiegen, betraten wir nicht nur ein anderes Land, wir betraten eine ganz neue Welt. Ich hatte schon viel gesehen. Viel Dreck, viel Leid, viel Elend. Aber das hier, das war größer und dreckiger und elendiger als alles, was es in Polen gab. Im Bahnhof saßen überall Menschen auf dem Boden. Menschen, die gar nicht mehr aussahen wie Menschen. Menschen, die wirkten, als wären sie Zombies. Sie lagen einfach da und starrten in die Luft. Ich konnte das nicht begreifen. Verstand nicht, was mit ihnen los war. Waren sie krank? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass sie mir fürchterliche Angst machten. Als wir den Bahnhof verließen wurde es auch nicht besser. Draußen standen leichtbekleidete Frauen und Mädchen mit Minirock, Netzstrumpfhose und BH. Es regnete. Aber sie standen trotzdem dort und das miese Wetter schien sie überhaupt nicht zu stören. Vielleicht konnten sie sich einfach keine Jacken leisten, dachte ich mir. Manchmal hielt ein Wagen an und die Mädchen stiegen ein und verschwanden dann. Es schien fast so, als würden sie auf die Autos warten, die sie mitnahmen. Ich begriff es nicht. Mir war alles so fremd. Und alle hier sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand. Ich fühlte mich völlig überfordert und klammerte mich an den Händen meiner Mutter fest.

Mama nahm das gar nicht wahr. Sie war in Gedanken ganz woanders. Wir liefen ein wenig durch die Stadt. Berlin war größer und furchteinflößender als alle anderen Städte, die ich bisher gesehen hatte. Es waren so viele Menschen, so viele Eindrücke, die ich kaum verarbeiten konnte.

»Wir gehen uns jetzt etwas zu essen besorgen«, sagte meine Mutter irgendwann und zeigte auf einen Laden. »Edeka« stand da in leuchtenden Buchstaben. Das Geschäft war sehr groß. Sehr sauber. Sehr aufgeräumt. Das kannte ich nicht aus Polen. Dort waren Lebensmittelläden immer klein und vollgestopft und meistens auch ziemlich dreckig. Wir streiften durch die Gänge, gingen zu den Kühlregalen und Mama nahm sich einige Packungen Wurst und Käse und steckte sie in eine ihrer beiden großen Taschen. Sie tat das ganz selbstverständlich. Für mich war das nichts Außergewöhnliches. Meine Mutter hatte auch in Polen geklaut. Das war in meinen Augen ganz normal. Ich wusste zwar, dass andere Menschen normalerweise mit den Waren zur Kasse gingen und sie dort bezahlten, aber für Mama galten nun einmal andere Regeln. Das war schon immer so und ich habe das nie wirklich hinterfragt. In einem der Gänge stand ein Aufsteller, der aussah wie eine Mickey Maus und in dem kleinen vergitterten Kasten vor dem Aufsteller lagen ganze viele bunte Kinder-Walkmans, die auch aussahen wie Mickey Maus. Die Ohren waren die Lautsprecher und die Nase der Play-Button.

»Den will ich haben«, sagte ich und blieb stehen. Mama seufzte und steckte den Walkman in die Tasche. Dann verließen wir den Supermarkt.

»Moment«, rief uns jemand hinterher, als wir gerade durch die Schiebetür gingen.

Ich begriff nicht, was er sagte, weil ich noch kein Wort Deutsch konnte, aber ich ahnte, dass er wollte, das wir stehen bleiben. »Geh weiter«, flüsterte mir meine Mutter auf Polnisch zu.

»Halt!«, rief der Mann jetzt etwas bestimmter und griff meine Mutter an der Schulter.

Mama versuchte ihn sofort mit einem polnischen Redeschwall mundtot zu machen. Sie plapperte irgendetwas vor sich hin. Sehr laut, sehr aggressiv. Aber es funktionierte nicht. Der Typ ließ sich nicht beeindrucken und riss ihr eine der beiden Taschen aus der Hand.

»Pomoc, Pomoc!«, schrie meine Mutter laut auf Polnisch und machte ein fürchterliches Drama. »Hilfe, Hilfe, Hilfe!«

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Am liebsten wäre ich den Kerl angesprungen und hätte ihm die Augen ausgekratzt. Aber ich wartete auf ein Zeichen von Mama.

»Nix Hilfe«, entgegnete der Mann. »Ladendetektiv. Und Sie: Diebin!« Er zog den Walkman und den Käse und die Wurst aus der Tasche. »Mitkommen.« Mama wehrte sich noch ein wenig, merkte dann aber wohl, dass es sinnlos war. Der Typ hatte seinen Punkt und das nahmen auch die anderen Menschen wahr. Mama gab Ruhe und folgte dem Mann.

Er führte uns in einen kleinen Hinterraum, wo er uns Fragen stellte. Wir verstanden gar nichts. Er versuchte es in verschiedenen Sprachen, versuchte zu gestikulieren. Nichts. Es hatte keinen Sinn. Aber selbst wenn meine Mutter ihn verstanden hätte, sie wäre wahrscheinlich trotzdem nicht bereit gewesen zu kooperieren. Nach einer guten Stunde ließ uns der Ladendetektiv alleine. »Ihr bleibt hier«, sagte er. Mama lächelte. »Nie mit diesen Leuten reden«, gab sie mir als Lektion mit. »Manchmal regelt sich auch alles von ganz alleine. Wenn man einfach nur die Klappe hält.«

Ich nickte und schaute mich in dem kleinen Zimmer um. Ein paar Stühle, ein Metalltisch und an der Wand stand ein vollgestopftes Regal mit Ordnern und Akten. Es war alles andere als gemütlich.

»Wann können wir hier weg?«, fragte ich.

»Bald bestimmt«, antwortete Mama. Ich schaute auf die Uhr, die an der Wand hing. Sie war kaputt. Der Sekundenzeiger tickte bloß auf der Stelle. Mama und ich schwiegen uns an. Dann kamen drei Männer in den Raum.

»Kurwa!«, fluchte Mama. Es war die Polizei. Sie hatte wohl gehofft, dass der Detektiv uns einfach so laufen ließ. Stattdessen rief er die Polizei und die nahmen uns mit und setzten uns auf die Rückbank ihres Polizeiwagens. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie wir langsam durch die regennassen Straßen fuhren. In den Pfützen spiegelten sich die Lichter der Stadt. Die Sonne ging langsam unter, als wir auf dem Revier ankamen. Es war ein großer, sehr hektischer Raum. Überall standen Schreibtische und an diesen Schreibtischen saßen Polizisten, die hektisch telefonierten. Die Polizisten brachten meine Mutter in einen kleinen Raum, wo man sie erneut verhörte. Um mich kümmerte sich derweil eine Frau in Uniform. Sie brachte mir Stifte und Papier und wollte mit mir etwas malen. Aber ich hatte keine Lust zu malen. Ich wollte zu meiner Mutter. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit ihr machen würden. Die Polizistin sprach auf mich ein, aber ich verstand kein Wort. Es war eine ewig lange Tortur. Zwar ließ man uns am Ende des Tages gehen, aber wir hatten nicht bloß unseren Flug verpasst – auch die Greencard wurde uns gestrichen. »Nix mehr können reisen USA«, machte uns der Bulle in Idiotendeutsch klar. Und konnte sich dabei ein blödes Lächeln nicht verkneifen.

»Was machen wir jetzt, Mama?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie. Der Polizist hatte ihr noch eine Karte mit einer Adresse in die Hand gedrückt. Das war ein Asylantenheim. Dort durften wir für zwei Nächte erst einmal bleiben. Am nächsten Morgen liefen wir durch die halbe Stadt auf der Suche nach einer Telefonzelle.

»Ruf mich, wenn jemand kommt«, sagte Mama, ging in den gelben Kasten rein. Ich fragte mich, wo Mama das alles gelernt hatte. Sie telefonierte eine gute Stunde herum. Als sie wieder aus dem gelben Kasten kam, sagte sie mir, dass wir morgen nach Kiel fahren würden. Dort wohnte die Freundin einer Freundin, die uns eine Unterkunft besorgen könnte. Ich nickte. Dann gingen wir zurück in das Asylantenheim und ich legte mich auf die dreckige Matratze und dachte nach.

Wir würden also nach Kiel ziehen. Ich versuchte mir den Namen der Stadt zu merken. Kiel. Eine Hafenstadt. Im Norden. Direkt am Meer. Das war alles, was meine Mutter mir erzählte. Aber diese paar Sätze reichten schon aus, um meine Fantasie anzuregen. Kiel war vielleicht nicht Amerika, aber Kiel, egal wie Kiel war, Kiel war auf jeden Fall besser als Berlin. Alles war besser als Berlin. Ich hatte das Bild von einer felsigen Küste vor Augen, dachte an riesige Schiffe, die im Hafen anlegten, dachte an Kapitäne und Matrosen, die in Kneipen saßen und von ihren Abenteuern erzählten. Das war für mich Kiel. Ich war wahnsinnig gespannt und konnte es kaum noch erwarten.

Ich half meiner Mutter, unsere Klamotten wieder in die beiden verschlissenen Taschen zu stopfen, die wir dabeihatten. Da wir unseren Besitz in den letzten Tagen noch um ein wenig zusätzliches Diebesgut angereichert hatten, kamen wir jetzt auf zwei große Taschen und vier vollgestopfte Aldi-Tüten. Als wir fertig waren, legte ich mich in das kleine Bett im Asylheim, schloss meine Augen und dachte an Kiel. Dachte an unsere Zukunft, die hoffentlich besser werden würde als unsere Vergangenheit, die uns in die ziemlich unerträgliche Gegenwart führte, in der wir uns gerade befanden. Ich schlief ein und träumte von dem Meer.

Am nächsten Morgen weckte Mama mich.

»Steh auf«, sagte sie grob. »Wir müssen los.«

Ich schnappte mir die ganzen Aldi-Tüten und folgte meiner Mutter, die mit den schweren Taschen voranging. Wir liefen quer durch Berlin, liefen an einer langen Hauptstraße entlang, liefen durch riesige Häuserschluchten, vorbei an den vielen Menschen, die mich unfreundlich anstarrten, und kamen endlich an einem großen Busbahnhof an. Mama gab mir ein Zeichen, dass ich die Tüten ablegen konnte. Wir setzten uns neben unser Gepäck auf den Boden und warteten. Die Zeit verging. Menschen gingen an uns vorbei, ohne uns zu beachten. Irgendwann nahm ich sie gar nicht mehr wahr. Sah nur noch ihre Schuhe. Mama wirkte die ganze Zeit sehr nachdenklich. Ich wusste nicht, was sie bedrückte. Warum freute sie sich nicht? Es war doch ein Abenteuer, das auf uns wartete. Eine große, aufregende Hafenstadt, die wir noch erkunden könnten. Aber Mama hatte schlechte Laune. Die ganze Fahrt über sprach sie kein Wort, schaute nur aus dem Fenster und starrte auf die Autobahn. Irgendetwas machte ihr Sorgen. Ich merkte, dass es in ihrem Kopf arbeitete.

Nach ein paar Stunden erreichten wir endlich Kiel. Unser neues Zuhause. Es war kalt und regnerisch. Der Wind wehte noch ein bisschen schärfer als in Berlin.

»Wo gehen wir jetzt hin, Mama?«

Meine Mutter antwortete mir nicht. Sie stand einfach nur am Bahnhof und schaute sich um. Die Zeit verging. Eine Stunde. Zwei Stunden. Drei Stunden. Sie legte ihr Gesicht in die Hände und schüttelte nur den Kopf. Dann raffte sie sich auf und suchte nach einer Telefonzelle. Ich musste draußen warten. Mama telefonierte nicht sehr lange, aber dafür umso lauter. Ich verstand nicht genau, was sie sagte. Aber sie sagte es sehr, sehr wütend. Sie kam mit einem hochroten Kopf aus der kleinen gelben Box.

Die Abmachung mit der Freundin von Mamas Freundin war wohl doch noch nicht so konkret gewesen, wie es zunächst klang. Sie wollte uns eigentlich abholen. Aber daraus wurde offenbar nichts.

»Planänderung«, sagte Mama, nahm mich an die Hand und zog mich hinter sich her. Wir folgten einfach den anderen Menschen, die mit aufgezogenen Kapuzen und großen Regenschirmen über dem Kopf alle in dieselbe Richtung liefen. Irgendwann erreichten wir die Innenstadt.

»Mama, wo gehen wir denn jetzt hin?«, fragte ich sie noch mal. Ich ging davon aus, dass sie einen Plan hätte. Auch wenn es ein geänderter Plan war, aber meine Mama hatte immer irgendeinen Plan.

»Da«, sagte sie und zeigte auf ein großes Gebäude mit leuchtenden, grünen Buchstaben an der Fassade.

»Was ist das?«

»Ein Kaufhaus.«

Es sah sehr edel aus. Der Boden war mit hellen Fliesen ausgelegt, überall standen symmetrisch angeordnet kleine Regale mit Parfums und Kosmetika. Es roch ganz toll. Die Menschen hier trugen Klamotten, die sehr teuer aussahen. »Gaff nicht so«, motzte Mama und fuhr mit mir die Rolltreppen hoch und runter, bis wir die Abteilung gefunden hatten, die sie offenbar suchte. Die Camping-Abteilung.

»Such dir einen aus«, sagte sie.

Ich schaute sie fragend an.

»Na los.«

Sie zeigte auf den Tisch mit den vielen bunten Schlafsäcken. Ich wühlte ein wenig herum, bis ich einen mit einem Mumien-Aufdruck in den Händen hielt. In so einem comicartigen Ägypten-Style. Das fand ich schick.

»Den da«, sagte ich.

Meine Mutter nickte, griff nach dem Mumienschlafsack und stopfte ihn umständlich in eine der Aldi-Tüten. Dann verließen wir den Laden, als wäre gar nichts passiert. Draußen gab sie mir unsere Beute.

»Hier, Ewa, pass gut darauf auf. Das ist jetzt erstmal dein neues Bett.«

Ich verstand nicht so wirklich, was sie mir damit sagen wollte, aber ich traute mich auch nicht zu fragen. Mama würde schon einen Plan haben. Ich war mir ganz sicher.

Dann marschierten wir weiter. Raus aus der Innenstadt. Die Straßen und die Häuser waren sehr viel kleiner als Berlin. Das hatte ich erwartet. Aber wo waren die Schiffe? Die Seemänner? Ich fing an, Kiel ziemlich enttäuschend zu finden. Wir liefen durch die Stadt. Irrten im Regen umher, bis wir irgendwann einen größeren Park fanden.

»Hier«, sagte meine Mutter. »Hier wohnen wir jetzt.«

Ich schaute mich um. Der Park war leer. Das lag wahrscheinlich an dem miesen Wetter, bei dem kaum jemand unterwegs war. Nur ein paar vereinzelte Gestalten führten ihre Hunde aus. Der Park bestand aus vielen großen Wiesen, die durch Gehwege und kleine Seen voneinander getrennt waren. Der Boden war von dem Regen schon ziemlich aufgeweicht. Und überall standen Bäume, die nach und nach ihre Blätter verloren. Aber Häuser sah ich hier keine. Wo bitte würden wir denn hier wohnen, fragte ich mich. Und was war bloß aus der Freundin von Mamas Freundin geworden?

Wir gingen zu einer Parkbank, wo Mama alle Tüten und Taschen abstellte.

»Setz dich. Warte hier. Und pass bloß auf unsere Sachen auf, hörst du?«

»Ja, Mama.«

Ich zog die Taschen und die Aldi-Tüten und den Mumienschlafsack ganz nah an mich heran und ließ unseren Besitz nicht aus den Augen.

Ich sah, wie sie zwischen den Bäumen verschwand. »Wo gehst du hin?«, rief ich Mama noch hinterher. Aber sie antwortete nicht mehr. Zum Glück hatte der Regen mittlerweile aufgehört. Eigentlich war die Ecke ja ganz schön, dachte ich. Wenn wir hier ein kleines Haus hätten, dann ließe es sich doch gut leben. Und wenn das Wetter gut wäre, würden bestimmt auch viele andere Kinder kommen, mit denen ich spielen könnte. Ich stellte mir vor, wie das wohl wäre: ein normales Leben zu führen. Freunde zu haben. Das kannte ich alles nicht. Ich kannte nur das Leben auf der Flucht. Während ich mir vorstellte, wie meine Zukunft in Kiel wohl aussehen könnte, kam ein Mann auf mich zu. Er war groß, ziemlich dünn und ungepflegt. Er hatte komische Beulen im Gesicht. Er bewegt sich langsam, aber er kam näher. Ich fixierte ihn und griff instinktiv nach unseren Tüten und den Taschen. Ich war bereit, sie zur Not mit meinem Leben zu verteidigen. Ich hatte ja auch keine Wahl. Wenn er sie klauen würde, würde Mama mich sowieso umbringen. Der Kerl wirkte nicht ganz zurechnungsfähig. Er torkelte und hatte seinen Blick nur auf die Tüten gerichtet.

»Na«, schrie er und murmelte etwas vor sich hin.