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Hässlich, Hexe, Hure - das sind die Botschaften, die die Kindheit von Anna Gruber, Jahrgang 1938. Begleiten Sie uns mit auf ihre bewegte Lebensreise, vom mit wenig Selbstwert ausgestatteten rothaarigen Flüchtlingskind zur emanzipierten Frau. Sie liebt leidenschaftlich und leidet ebenso im Spannungsfeld zwischen zwei Männern und ihrem Dasein als berufstätige Mutter. "Nur Hausfrau sein", auf diese Rolle möchte sie sich nicht reduzieren lassen. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels des Frauenbildes der 60er und 70er Jahre, erkämpft sie sich ihren eigenen beruflichen Weg gegen alle Widerstände. Sie wird zur engagierten Kämpferin für die Rechte von Müttern. Der Verlust eines Sohnes erschüttert sie tief. Und so macht sie sich erneut auf, ihre Lebensreise nachzuzeichnen, um Antworten zu finden.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Fanny & Horst
Prolog
Oktober 2016
Kindheit
Die Flucht
Vater
Havighorst
1950 - Nordrhein-Westfalen
Fanny
Intermezzo 1
Intermezzo 2
Intermezzo 2 am 27. April 2015
Erinnerungen
Hausfrauenjahre
Intermezzo 3
Intermezzo 4
Die letzten Ehejahre
Intermezzo 6
Manfred
April 1979
Die Briefe zwischen Manfred und Anna 1971 - 1979
Das Jahr 1973
Das Jahr 1974: Das Examensjahr
Das Jahr 1975
Das Jahr 1976
Das Jahr 1977
Das Jahr 1978
Die Kinder
Bernd - Die unvorstellbare Katastrophe
Die Beerdigung
Nachhallerinnerungen
Kämpferisch
27. Oktober 2017
Epilog
Ich bin ein Mauerblümchen. Ich bin ein Flüchtlingskind. Meine feuerroten Haare unterscheiden mich von meinen Altersgenossinnen. Mein Gesicht, meine Arme, meine Beine, meine Schultern sind über und über mit Sommersprossen bedeckt. Später bleicht »Schwanenweiß« die braunen Flecken im Gesicht. Braun gebrannt zu sein ist in. Ich bin weiß-blass. »Eine hässliche Tochter ist eine Strafe«, höre ich eine Wohnungsinhaberin zu meiner Mutter sagen. Ich bin elf Jahre. Der Satz bleibt haften. In der Kindheit verfolgen mich Jungens mit Sprüchen wie: »Rotfuchs, die Hecke brennt, die Feuerwehr kommt angerennt« oder »Schon wieder ein Fuchs und keine Flinte«. Besonders schlimm empfinde ich: »Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Volksgenossen«. Worte wie Flüchtlingspack oder Polakken lasse ich nicht an mich heran. Ich fühle mich nicht so. Später trägt der aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Vater auch dazu bei, dass ich mich hässlich finde: An einem Rosenmontag wage ich es, meine langen Haare offen zu tragen. »Du siehst aus wie eine Hure«, schreit er mit leichenblassem Gesicht. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, was eine Hure ist. Ich begreife jedoch, dass das nichts Gutes bedeutet. Viel später frage ich mich, wovor der Vater Angst hatte. Eine Frage, die ich mir bei der Begegnung mit Männern später noch oft stellen werde. Das sind die Botschaften, die meine Kindheit begleiten: hässlich, Hexe und Hure.
Ich bin 77 Jahre alt. Ich bin mit Manfred auf dem Bauernhof meines Sohnes Nicolas. Eigentlich sind es zwei Bauernhöfe, die der Sohn für die Familie gekauft hat. Ich durfte sie »Gütchen« taufen. Die Höfe stammen aus den Jahren 1740-1745. Es sind Fachwerkbauten. Die umgebaute Scheune bewohnen mein Mann und ich als Ferienhaus. Ein Streuobsthof. Apfelernte und Apfelpressen sind angesagt. Der Hof produziert Apfelprodukte für den Eigenbedarf. Viel Arbeit. Äpfel aufsammeln, sie in Säcke füllen, in die Remise transportieren, auf den Hänger des Landrovers heben, zum Entsaften fahren und dort auf die Bänder kippen und aussortieren, die Kartons mit Apfelsaft wieder auf Hänger hieven, auf den Hof in den Lagerraum transportieren, dort einordnen. Manfred und Anna bekommen Hilfe von den Nachbarn. Der Sohn ist mit seinen Führungskräften auf einer kleinen Reise. Hinzu kommen kochen, backen, mit Freunden ein Apfelfest feiern und dabei noch einmal Apfelbäume schütteln und die Äpfel auflesen. 2,2 Tonnen Äpfel sind das Ergebnis: Goldparmäne, Sternrenette, Weißer Winter-Glockenapfel, Rheinischer Winterrambur, Jakob Lehel, Boskop, Prinzenapfel und viele andere sehr alte Sorten. Viel zu viele in diesem Jahr 2016. Die Bäume sind immer noch voll. Walnüsse und Maronen warten auch darauf, geerntet zu werden. Freunde machen einen Besuch. Es ist noch Zeit für Diskussionen über die Flüchtlingsproblematik in unserem Land. Viel Einigkeit. In welchem Deutschland werden unsere Enkel leben? Eine Enkelin berichtet über ein Projekt in ihrer Schule. Erzählt von dem Spalt, der durch sie geht. Angst und Mitleiden. Erfülltes Alter für meinen Mann und mich.
Seit Wochen denke ich über mein Leben nach, versuche, meine Geschichte zu schreiben. Viele Berg- und Talfahrten. Abgründe, Trauer, Euphorie, Glück, Katastrophen. Das macht das Schreiben nicht leichter. Meine Kindheit: Geboren werde ich in Ostpreußen. Dort heißen alle Annchen, Lenchen, Trudchen, Mariechen, Hildchen. Ich werde Anna getauft, Annchen also. Ostpreußen verniedlichen gerne. Im Februar 1938 komme ich in einer Kleinstadt am Rande von Ostpreußen zur Welt. Eine Hausgeburt. Ich bekomme die Namen Anna, Gertraud Gruber. Sowohl Gertraud als auch Gruber erinnern an die Herkunft des Vaters aus dem Pongau im Salzburger Land. Ich bin eine schwere »Marjell«, wie Mädchen in Ostpreußen genannt wurden. »Nur« eine Marjell, das wird sich später zeigen. Ich wiege knapp über neun Pfund. Meine Kinder werden ähnlich schwer sein. Zwei Jahre später wird mein Bruder Udo geboren. Ebenfalls eine Hausgeburt. Tante Hilde erzählt folgende Geschichte: Der Vater kommt aus dem Schlafzimmer, dem Geburtsraum. »Sag Udo«, befiehlt er. »Sag Udo, sag Udo!« Ich schweige. Der Vater legt mich übers Knie und prügelt auf mich ein. »Sag Udo!« Der Stammhalter ist geboren. Die Marjell sollte ihn gebührend empfangen. Tante Hilde nimmt mich an die Hand und geht mit mir spazieren. Lange sagt sie. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Tante Hilde beruhigt mit den Worten, dass den Vater die Geburt des Bruders wohl sehr aufgeregt habe. Die Erzählung macht diese Nicht-Erinnerung zu einer Jahrzehnte andauernden Last für mich. Die erste eigene Erinnerung setzt zwei Jahre später ein. Ich habe mir Lust verschafft, indem ich die Beine aneinandergepresst habe. Die Eltern kommen am späten Abend nach Hause und entdecken, dass ich einen roten Kopf habe. »Davon wird man dumm«, schreit die Mutter und wieder prügelt der Vater auf mich ein. Die Angst, dass man von Selbstbefriedigung dumm wird, behalte ich bis ins Erwachsenenalter. Sexualität war für meine Generation ein Tabuthema. Wenn ich etwas nicht schaffe, ist sie sofort wieder da, die Angst, dumm zu sein. Ich bin 45 Jahre alt und mache gerade eine Zusatzausbildung zur Supervisorin. Die Lehrsupervisorin lacht schallend, als sie die Geschichte hört. Ich erzähle sie zum ersten Mal einem anderen Menschen. »Da müsste ja die ganze Menschheit dumm sein«, sagt sie. Im selben Jahr widerspreche ich meinem Vater. Ich bin zum zweiten Mal verheiratet. Wieder brüllt der Vater mit schneeweißem Gesicht: »Wie kannst du es wagen, deinem Vater zu widersprechen?« Diesmal lacht der Ehemann. Aber es gibt auch schöne Erinnerungen. Ich muß vier Jahre alt gewesen sein. Auf dem Hof hinter unserem Haus arbeitet ein »Fremdarbeiter«. Ein Franzose. Wir blicken vom Wohnzimmerfenster oft hinunter zu diesem Mann. Eines Tages gibt mein Vater mir ein Stück Brot. »Bring das dem Mann der unten arbeitet. Du mußt sagen, Voulez vous de pain. Dann gibst Du ihm das Brot.« Ich übe den mir fremden Satz einige Male. Dann steige ich die Treppen zum Hof hinunter. Ich kann meinen Satz nun, gehe auf den Mann zu, lächle und sage: »Voulez vous de pain?« Der Mann lächelt auch, nimmt das Brot und sagt: »Merci«. Ich strahle, drehe mich um und kehre zurück in die Wohnung. Ich bin stolz auf mich und glücklich. Der Vater lobt mich.
War meine Familie das, was man damals eine normale deutsche Familie nannte? Der Vater war Buchhändler, seine Ehefrau, meine Mutter, eine mithelfende, sehr tüchtige Geschäftsund Hausfrau. Nebenbei war sie auch Mutter. Die deutschen Tugenden Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß und Ehrlichkeit haben mehr oder weniger mein Leben bestimmt. Die geschilderten Erlebnisse wirken wie Stempel, die mir aufgedrückt wurden. Die Farben sind immer noch schwer abzuwaschen. Mein Selbstbewusstsein ist nicht das Beste. Meine Entmündigung, vielleicht besser meine Entschärfung beginnt früh. Die Lehrsupervisorin rät mir dringend, mich von meinen Eltern zu lösen. Das kann und das will ich auch nicht.
Im Jahr 1944 füllt sich seit Wochen der Marktplatz der kleinen Stadt mit immer neuen Soldaten. Schloßberg, die kleine Stadt nahe der litauischen Grenze, wird zum Auffanglager. Der Krieg scheint verloren. Im Juni sind die Alliierten in der Normandie gelandet. Dort ist auch der Vater, erzählt die Mutter voller Sorge. Anfang Juli wird die vierte Armee in einer Kesselschlacht bei Minsk von der Roten Armee vernichtend geschlagen. Es ist Anfang September. Die Wahrheit sickert langsam durch. Der Bevölkerung ist es verboten, zu fliehen. Soldaten kommen in das Geschäft der Mutter. Papier für einen Brief an die Familie, an die Liebsten zu Hause. Die Mutter teilt Formulare aus, deren Rückseite beschreibbar ist. Papier gibt es nicht mehr. Postkarten auch nicht. Die Soldaten warnen eindringlich. »Verlassen sie die Stadt, gehen sie, nehmen sie ihre Kinder und gehen sie. Die Russen stehen vor den Toren der Stadt.« Dann ein Angebot. Auf einem Fahrzeug im Laderaum ist noch Platz. Die Mutter zögert. Unentschlossen schaut sie nach draußen. Einfach alles verlassen? Eine Entscheidung treffen ohne ihren Mann? Es ist September, ein schöner Herbsttag. In einer langen, schlaflosen Nacht, entschließt sie sich, zu gehen. Einpacken, Auspacken, Zaudern, Verwerfen, Weinen. Wenig bleibt mitzunehmen. Abfahrt am nächsten Morgen, früh um fünf. Am 11. Oktober 1944 bricht die Rote Armee in die Stadt ein. Sie wird fast vollständig zerstört. Die Russen sind im Siegesrausch. Sie töten, plündern, vergewaltigen, zerstören. Nur wenige überleben und werden nach Sibirien verschleppt. Meine kluge Mutter hat gehandelt. Verreisen, hat die Mutter gesagt. Ich erinnere mich an die Reise zum Vater in den Harz. Aus dem Zugfenster habe ich zerstörte Häuser und auf den Bahnsteigen weinende Menschen gesehen. »Wir werden ihnen schon zeigen, was eine Harke ist.« Ein Satz der Mutter, der mir Mut und Hoffnung macht. Verreisen. Der kleine Bruder kommt diesmal mit. Nur den Teddy darf ich mitnehmen. Mutter aber hat das silberne Besteck eingepackt. Ich wundere mich. Dabei soll ich doch in die Schule.
»Auf dich haben wir gerade noch gewartet Rotköpfchen«, hatte der Mann in der Schule gesagt. Wartete er nun nicht mehr? Ich habe viele Fragen im Kopf. Warum schleppt die Mutter ein dickes Federbett mit? Warum sind alle so traurig? »Wohin reisen wir denn?«, frage ich. In den Westen sagt die Mutter. Verreisen in den Westen. Ich nehme meinen Teddy. Eine Hand hat die Mutter nicht frei. Der Bruder, der Koffer, das Federbett. Ich beginne, zu weinen. Wir steigen in einen Militärtransporter. Die Soldaten rücken zusammen, damit die kleine Familie Platz findet. Erinnerungen an die Flucht sind wie Fotografien. Blitzschlagartig tauchen sie in meinem Kopf auf. Die Bilder erschrecken mich. Ich lerne, die Angst machenden fortzuscheuchen. Beharrlich kommen sie immer wieder. Ein einsames Haus. Ich biege um eine Hausecke, weinend laufe ich zur Mutter. Soldaten erschießen Menschen. »Das sind Feinde«, sagt die Mutter. Der kleine Bruder ist verschwunden. Die Mutter ist in Panik. Kopflos läuft sie hin und her, verschwindet minutenlang. Ich bin allein. Ich soll auf das Gepäck aufpassen. Die Zeit steht still. Kein Mensch ist da, den ich kenne. Es wimmelt von Menschen, Militärfahrzeugen, Soldaten, Pferdefuhrwerken, hoch beladen, weinenden Kindern. Ich habe große Angst, dass die Mutter nicht wiederkommt, mich nicht findet. Endlich wird der Bruder gefunden. Soldaten hatten ihn zwischen sich auf den Führerstand gesetzt. Das Gefühl von Verlassenheit wird ein Stück von mir. Auch heute noch taucht es immer wieder auf. Es erklärt vielleicht, warum ich in meinem späteren Leben so schwer loslassen kann. Ich kann es auch kaum ertragen, wenn ein Stuhl neben mir leer bleibt.
In Potsdam trete ich am Morgen auf die Straße und sehe nur noch zerstörte, qualmende Häuser. »Wo sind wir hier?«, frage ich. »Das ist der Krieg«, sagt die Mutter. Nach einer langen Nacht in einem stickigen Luftschutzkeller mit unentwegten Detonationen draußen, kein tröstendes Federbett. Die Mittelwand des Zimmers, in dem die Familie wohnt, ist eingefallen. Das Familienbett mit Schutt bedeckt. Bald ziehen wir weiter. Die Habseligkeiten werden eingepackt. Dann gibt es ein zufälliges Treffen mit Tante Hildchen auf einer Straße in Berlin.
»Kind, wie siehst du denn aus?«, fragt sie. Ich habe altersgemäße Zahnlücken und die Sommersprossen sind auch gewachsen. Kein hübsches kleines Mädchen mehr. Aber die Flucht wird gemeinsam fortgesetzt. Tante Hilde hat eine freie Hand für mich mitgebracht.
Irgendwo unterwegs ein Pferdestall als Schlafstätte erfüllt mit lebendigen Geräuschen. Ich habe Angst. Die Pferde sind so groß, sage ich. Aber die Mutter und Tante Hilde und das Federbett sind da. Verlässlich und warm. Unterwegs übernachten wir in Ludwigslust in einem Schafstall. Ich kann nicht aufhören zu fragen, was denn Ludwigs Lust ist. Die Mutter schweigt. Immer wenn wir heute die Autobahn nach Berlin nehmen, fällt mir diese Geschichte ein. Die Flucht endet in Havighorst in Schleswig-Holstein. Die Erinnerungen werden deutlicher. Ich bin sieben Jahre alt. Die Familie wird in Havighorst bis zu meinem elften Lebensjahr bleiben.
Der große Raum der Dorfschule ist gefüllt mit Matratzen. Auf den Matratzen liegen Menschen, dicht an dicht. Mutter, Bruder und Anna teilen sich eine. Dann werden die Menschen auf die einzelnen Höfe und Häuser im Dorf aufgeteilt. Zwangseinweisungen. Die Mutter, der Bruder und ich bleiben in der Schule und bekommen dort einen Raum. Ich bin fast acht Jahre alt, als ich eingeschult werde. Der Lehrer mag mich. Ich werde seine Lieblingsschülerin. Meiner verletzten kleinen Seele tut das gut. Ich finde so etwas wie Gleichgewicht. Das ändert sich von einem Tag auf den anderen. Plötzlich steht ein Mann in der Tür und sagt: »Ich bin euer Vater«. Die Dreieinigkeit mit Mutter und Bruder zerbricht. Sie müssen ihr Zimmer jetzt mit diesem fremden Mann teilen. Ich hasse diesen Mann. Mutter teilt ihr Bett jetzt mit ihm.
Der Vater kommt 1947 als Kriegsheimkehrer nach Havighorst. Nach Ende des Krieges 1945 landete er in kanadischer Gefangenschaft. Er hat einen Lungen- und Leberschuss und ist sehr dünn. Für mich sieht er erschreckend aus. Er wird entnazifiziert. Dafür geht er sieben Kilometer zu Fuß ins nächstgelegene Städtchen Reinfeld. Da er nicht in der Partei, sondern nur im Automobilclub der NSDAP war, ist das eine kurze Sache. Nach wieder sieben Kilometer Fußmarsch kehrt er erleichtert ins Dorf zurück. Bald wird er in einer, heute würde man das wohl Arbeitsbeschaffungmaßnahme nennen, beschäftigt. Er wird wieder nach Reinfeld beordert. Kriegsheimkehrer arbeiten dort mit Stroh. Sie kleben Kästchen. Acht Stunden täglich.
Ich bekomme ein Poesiealbum geschenkt. Es besteht aus einfacher Pappe mit einem Rücken aus Militärstoff und linierten Blättern. Die Vorderseite ist kunstvoll mit Stroh beklebt. In der Mitte prangt mein Monogramm AG. Ich bin sehr glücklich, als ich dieses Geschenk bekomme. Ich hüte es und besitze es immer noch.
Auf die letzte Seite hat mein Vater folgendes geschrieben:
Liebe Anna!
Wenn Du einst in fernen Jahren
dieses Büchlein nimmst zur Hand,
soll es Dich an den erinnern,
der Dir dieses Büchlein band.
Dein Pappi
Havighorst, den 21. August 1948
Mich berühren auch heute noch die schöne Schrift, der Text, den er wohl selbst gedichtet hat und die liebevolle Handarbeit.
Als ich mich gerade an den heimgekehrten Vater gewöhnt habe, kommt plötzlich eine Tante meiner Mutter nach Havighorst und zieht auch noch in das Zimmer. Für mich wird die Situation unerträglich. Der Lehrer spürt meine Not. Ich bekomme eine kleine Mansarde unter dem Dach ganz für mich allein. Manchmal frage ich mich heute, wie das wohl auf die anderen Familienmitglieder, vor allem auch auf Tante Annchen, gewirkt haben mag. Eine Neunjährige bekommt ein Einzelzimmer. Der Lehrer lädt mich zu seinem Geburtstag ein. Ich darf die älteren Jungen im Vorflur der Schule in Rechnen unterrichten. Ich bin Linkshänderin. Das geht natürlich nicht. Ich muss mit der rechten Hand schreiben. Ich lerne es schnell. Der Lehrer lobt mich oft für meine gute Schrift. Ich kann nun mit beiden Händen schreiben. Linkshänderin bleibe ich trotzdem. Ob Essen, Nähen, Tischdecken immer ist alles verkehrt herum. Das bleibt mir erhalten. Das Umfunktionieren hat eher Verwirrung in meinem Gehirn geschaffen. Sagt jemand rechts, zum Beispiel beim Autofahren, fahre ich prompt links. Havighorst wird zum Paradies. In meiner Mansarde kann ich lesen und träumen. Wenn ich aufwache höre ich das Gurren einer wilden Taube. Auch dem Vater komme ich langsam näher. Er besorgt Bücher von Verlagen, bei denen er vor dem Krieg Kunde war. Der Germanische Sagenborn, die Biene Maja werden zu Freunden. Manchmal liest der Vater vor dem Kanonenöfchen auch etwas vor.
Kleines Dorf in Schleswig-Holstein. Wenige Bauern, viele Flüchtlinge.
Besitzer: Milch-Kartoffel-Fleisch-Eier-Fahrrad-Wiesen-Kühe-Pferde-Häuser-Blumen-Gärten-Möbel-Besitzer.
Habenichtse: Das sind Vater, Mutter, Bruder und ich.
Wir haben unseren Stolz, sagt der Vater. Wir können arbeiten, sagt die Mutter. Die Mutter tut das. Ich helfe fleißig. Ährenlesen, die Ähren dreschen, das Korn rösten, in der Kaffeemühle mahlen, Brote backen, Rüben schnitzeln und Sirup einkochen, ein Schwein haben. Nachts aufstehen und zum Stall laufen: Iffi, bist Du noch da? Wurst machen, Kartoffeln auf abgeernteten Feldern suchen, Rüben verziehen, auf Pferdekoppeln Champignons suchen, Erbsen pflücken, braches Holz sammeln für das Kanonenöfchen. Die Mutter und ich. Wir haben unseren Stolz und unsere Ehre, sagt der Vater. Als Statussymbol trägt er seine Krawatte. Der Aufgeschlippste sagen die Dorfbewohner.
Havighorst, unendliche Weite, weiß-blauer Himmel, Zäune und Jauchegruben zum Hineinfallen. Bauern mit Knüppeln, zerrissene Kleider, Vogelschießen, Umzug mit Blumenbögen, Cosmea, Astern und Rosen. Gute Schülerin, Gewittergüsse, lauwarme Pfützen, barfuß auf Stoppelfeldern. Jungensmarjell, sagt Tante Hilde und flickt wieder einmal mein Kleid. Die nachgerufenen Sprüche bleiben. »Schon wieder ein Fuchs und keine Flinte«. Ich gründe eine Mädchenbande. Jungens verprügeln. Todesmutig stürzen sich die 10-Jährigen auf die meist drei Jahre älteren, größeren und stärkeren Jungens. Es gibt blaue Flecken und vom Stürzen wunde Knie. Ich muss lernen, dass Mädchen so etwas nicht tun. Das sagt auch der geliebte Lehrer. Sittsam, bescheiden und rein. Die Entschärfung nimmt ihren Lauf.
In meinem Bauch beginnt langsam ein Topf zu wachsen. Traurigkeiten, Ärgernisse, Kümmernisse, vor allem Wut lege ich in diesem Topf ab. Der Topf hat einen fest verschlossenen Deckel. Ein Dampfdruckkochtopf. Dieser Topf wird mich bis ins hohe Erwachsenenalter begleiten. Selten merke ich, dass der Topf nun randvoll ist. Dann beginnt er zu explodieren. Der Dampf wird abgelassen. Für die Menschen, die der Dampf trifft, kommt das oft unerwartet. Nur sehr langsam lerne ich, den Topf rechtzeitig zu leeren, das heißt die Ärgernisse, Kümmernisse und die Wut anzusprechen und mit Menschen darüber zu reden. So gibt es immer wieder Menschen, die mir dabei helfen. So sagt eine Schwiegertochter: »Du hast ja recht, aber warum so heftig.«
Vieles bleibt auf der Strecke. An regelmäßiges Hände und Gesicht waschen, sich duschen, sich baden, Zähneputzen, Finger- und Fußnagelpflege habe ich keine Erinnerung. Es gibt ein Plumpsklo auf dem Hof. Auch im Winter, im Dunklen, muss ich über diesen Hof laufen. Polen sind unterwegs und räubern, heißt es. Ich gestehe mir keine Angst zu. Ich will stark und mutig sein. Es gab wohl ein Waschbecken auf dem Flur. Gab es Baderituale am Wochenende, gab es eine Zahnbürste, Seife, Nagelfeile? Wohl kaum. Ich habe keine Erinnerung. Es gab Krätze, Flöhe, Haare scheren, Entlausungsaktionen. Stank ich? Stanken viele? Für mich bleibt Hygiene ein Leben lang ein Problem. Ich lerne mich waschen, mir mehr oder weniger regelmäßig einmal täglich die Zähne putzen, einmal in der Woche zu baden oder zu duschen. Wenn ich höre, dass Menschen sich täglich duschen, staune ich immer noch. Ich habe im Alter noch eine glatte Haut, alle Zähne, niemals Hauterkrankungen oder gar Neurodermitis. Wie viel an Hygieneritualen habe ich an meine Kinder weiter gegeben? Gab es Ermahnungen? »Hast du deine Zähne schon geputzt, wasch dir die Hände.« Wahrscheinlich. Ich wollte eine gute Mutter sein. Später wundere ich mich über die Zahnputz- und Waschrituale der beiden Knaben. Irgendwo müssen sie das ja her haben. Der Älteste studiert neben Humanmedizin auch noch Zahnmedizin. Er tröstet mich, tägliches Zähneputzen kann durchaus genügen, wenn du es gründlich machst.
Es gibt noch ein einschneidendes Erlebnis in meinem jungen Leben. Ich bin acht Jahre alt, als der Lehrer einen Film ankündigt. Die Fenster werden verdunkelt, eine Maschine wird hereingebracht. Der Lehrer sagt etwas von großer Schuld. Der Film beginnt. Ich begreife nicht. Menschen mit großen Augen und sehr dünn. Der Vater sah ähnlich aus, als er aus dem Krieg nach Hause kam. Viele Menschen auf einem Berg übereinandergelegt. Was ist mit ihnen? Sie sind ermordet worden, sagt der Lehrer, von uns, den Deutschen. Das Gedächtnis ist gnädig. Es packt nach hinten. Trotzdem bleiben Bilder im Kopf. Ich lerne weiter, solche Bilder zu verscheuchen. Leichter Kopfnebel macht sich breit. Das wird ein Leben lang meine Strategie bleiben. Ich verdränge, lege beiseite. Mein Kopf will sich nicht erinnern. Vielleicht rettet mich das vor Depressionen.
Auch ich, Lieblingsschülerin des Lehrers, muss in der Ecke stehen. Ich habe mit einer Banknachbarin geschwätzt. Der Lehrer schlägt mit einem Rohrstock quer über die Hände. Auch wenn man nicht zuhörte, gab es diese Strafe. Jungen werden härter bestraft. Die ganze Klasse muss ansehen, wie der Lehrer den Bruder auffordert, seine Hose herunterzulassen. Der Rohrstock fährt fünfmal über sein Hinterteil. Bei leichteren Vergehen darf die Hose angelassen werden. Abschreiben, vergessene Hausaufgaben, Prügeleien, Unaufmerksamkeiten und Aufsässigkeiten werden so geahndet. Regelmäßige Prügelstrafe in der Familie gab es nicht. Es gab die cholerischen Ausbrüche des Vaters. Die Mutter verteilt hin und wieder Backpfeifen. Sie droht auch, den Gashahn aufzudrehen, wenn die Kinder nicht parieren.
Und ich? Als sehr junge Mutter und vor meinem Studium verpasse ich manchmal eine Ohrfeige. Wie oft? Mein Gedächtnis hat gelernt, beiseitezulegen.
Als ich elf Jahre alt bin, geht der Vater ins Rheinland. Er wird dort mit einem Verwandten ein Geschäft eröffnen. Die Familie soll später folgen. Die Währungsreform verändert Deutschland. Es gibt Kopfgeld. 40 Mark für den Vater, 40 Mark für die Mutter, 40 Mark für mich, 40 Mark für den Bruder. Jetzt haben alle gleichviel Geld, sagt die Mutter. Aber manche haben doch Pferde, Kühe und Häuser, sage ich. Geld haben jetzt alle gleichviel, sagt der Vater. Ein tröstlicher Gedanke. Ich habe Zweifel. Nachdem der Vater mit einem Onkel das geplante Geschäft eröffnet hat, wird die Familie nach Holderberg, in ein kleines Dorf am Niederrhein ziehen. Sie werden für eine Übergangszeit bei den Großeltern wohnen. In Havighorst habe ich die Mutter für ein paar Monate jetzt wieder ganz für mich. Brombeeren sammeln und Marmelade kochen, Klopse aus Kornschrot braten und essen. Im Bett kuscheln. Briefe an den Vater schreiben. Ein Kleid für den Westen bekommen, von Tante Hilde genäht aus einer alten Gardine. In den Westen ziehen zu Oma und Opa, Tante, Onkel und den Kusinen. Die Mutter freut sich so. Der Abschied fällt mir nicht schwer. Während der Flucht habe ich so viele Abschiede überstehen müssen. Mobilität und Flexibilität habe ich gelernt. Das wird mich mein Leben lang begleiten. Eine lange Zugfahrt und viel Neugier. Ein Abenteuer.
Immer noch das Jahr 1950
Ein Dorf im Rheinland. Holderberg. Wieder ein Zimmer. Ein ehemaliger Gastraum für Großmutter, Großvater, Mutter, Vater, den Bruder und mich. »Es riecht noch nach Bier«, sagt der Großvater. »Das geht auch nicht weg«. Für mich beginnt eine gute Zeit. Mit Großmutter Senfgurken einlegen. In Salizyl eingelegt, sagt die Mutter vorwurfsvoll. Klopse, Eingelegtes und Eingemachtes, Kochen mit Großmutter Klärchen. Gesunde Ernährung war für die Mutter offensichtlich schon 1950 ein Thema. Mauscheln, Sechsundsechzig, das große Los. Spielen mit den Großeltern und ein paar Pfennige gewinnen. An Großmutters Geburtstag alle um einen Tisch. Streuselkuchen und Blümchenkaffee und spielen, spielen, spielen. Spielen wird ein Leben lang für mich eine Leidenschaft bleiben. Scrabble und Doppelkopf.
»Schmackostern, Schmackostern, sechs Eier, Stück Speck, sonst geh ich nicht weg.« Am Ostermorgen klopft die Großmutter mit einer Rute auf meine Ecke des Bettes. Danach gibt es Ostereier. Vielliebchen-Essen in der Adventszeit. Wenn eine Haselnuss zwei Kerne hat, darf sich jeder etwas wünschen. Was habe ich mir gewünscht? Ich weiß es nicht mehr. Der Großvater, ein alter Dorfschullehrer, erklärt mir die Welt. Er bringt mir Stopfen wie gestrickt bei. Er meldet mich in der Schule an. Ich bin jetzt fast zwölf Jahre alt. »Ich glaube, sie ist eine Kluge«, sagt er stolz zum Kollegen. »Wir werden sehen«, erwidert der. Später beim Kopfrechnen staunt er. »So muss es gehen«, erklärt er den anderen Kindern. Ich bin das geliebte, älteste Enkelkind. Ich habe viel gelernt in diesen Monaten. Dass ich etwas wert bin, hat mir der geliebte Lehrer schon beigebracht. Hier festigt es sich. Im Jahr 1951 ziehen wir weiter. Nach Homberg am Niederrhein, einer Kleinstadt. Wir bekommen ein Zimmer bei einer Familie mit einer 3-Zimmer-Wohnung. Natürlich sind wir unerwünscht. Die Verwandten wohnen in einem großen Haus. Wir sind jetzt die armen Verwandten aus dem Osten. Nun findet er Genugtuung der Onkel Max.
Der Großvater, Dorfschullehrer, wollte noch in letzter Minute seine Hochzeit mit der Tochter verhindern. Max stammte aus einer Familie, die nicht »standesgemäß« war, und er hatte alle Kinder dieser Familie unterrichtet. Mittlerweile ist Max ein anerkannter Ingenieur.
Ich mache an den Wochenenden Wallfahrten zu den Großeltern. Einige Kilometer zu Fuß, mit dem Schiff über den Rhein, wieder einige Kilometer hüpfen auf stillgelegten Bahnschienen. Dort werde ich herzlich empfangen. Die Großeltern freuen sich. Ich fange Fliegen und bekomme für jede einen Pfennig. Stundenlang wird Karten gespielt. Es wird gemauschelt. Ich gehe mit dem Großvater spazieren und er erklärt mir die Natur. Ich erlebe, wie er jeden Morgen der Großmutter einen Teelöffel gehackten Knoblauch ans Bett bringt. »Er liebt seine Frau sehr«, sagt der Vater. Ich verstehe das gut. So geliebt zu werden muss schön sein.
Wieder ein Umzug in ein Zimmer: Auch diese Wohnungsinhaber der 3-Zimmerwohnung tun sich schwer. Warum sind sie nicht dageblieben, wo sie herkommen. Das wundert mich heute gar nicht. Ich würde mich auch schwertun, wenn heute in unser Haus eine ganze Familie einquartiert würde. Die Familie lebt jetzt in Duisburg-Wanheimerort. Dort hat der Vater sein neues Geschäft aufgemacht.
Ich bestehe darauf, die Mittelschule zu besuchen. Das ist ein harter Kampf. Ich gegen den Vater. Du heiratest ja doch. Du kannst ja hinterher die höhere Handelsschule besuchen. Ich setze mich durch. Aber der Vater verlangt, dass ich eine Klasse überspringe. Die zehn Mark Schulgeld hat die Familie eigentlich nicht. Ich muss den Schulweg zum Teil zu Fuß meistern, um zehn Pfennig zu sparen.
Von einer einklassigen Volksschule auf eine Mittelschule in einer Großstadt, eine Mädchenschule. Ich muss eine Prüfung machen, um aufgenommen zu werden. Diese bestehe ich. »Wer weiß, ob wir dich behalten«, sagt die Lehrerin. Ich beiße mich durch. Es ist schwer. Mir fehlen die Grundlagen in Englisch und Grammatik. Ich bin nun nicht mehr die Beste, die geliebte Schülerin. Andere Mädchen sind ähnlich alt und die Lehrerin versteht nicht, welchen Sinn es hat, dass dieses Mädchen eine Klasse überspringt. Jetzt bin ich ein Flüchtlingskind in ärmlichen Kleidern und nicht besonders klug. Mein Markenzeichen ist ein Zopf, der mit einem Schnürsenkel zusammengebunden ist. Die Angst dumm geworden zu sein durch Selbstbefriedigung, ist wieder da. Ein Flüchtlingskind, das Hilfe braucht. Eine der Klassenkameradinnen erkennt meine Not. Ich werde eingeladen, bei ihr zu übernachten. Eine große Wohnung. Ilse teilt ein Zimmer mit ihrer Schwester. Da passe ich auch noch rein. Plötzlich erscheint die Mutter und holt mich ab. »Du hast kein Nachthemd mit«, sagt sie. »Du kannst von mir eins haben«, sagt die Freundin. Aber die Mutter ist unerbittlich. Wir gehen. Ich verstehe nicht. Ich weine. Später stellt sich heraus, dass sich die Mutter geschämt hat, weil die Unterwäsche gestopft war. Viel später erzählt die Freundin folgende Geschichte: »Du kamst in unsere Klasse. Deine Kleidung sah ein bisschen merkwürdig aus. Du trugst einen Zopf, der hinten mit einem Schnürband zusammengebunden war.« »Mein erster Gedanke war«, erzählt sie, »um dieses Mädchen muss ich mich kümmern.« Das tat sie ja dann auch.
Nachdem die vierköpfige Familie sieben Jahre in einem Zimmer bei fremden Menschen gewohnt hat, bekommt sie eine erste kleine Wohnung. Sozialen Wohnungsbau, nannte man das damals. Zwei Zimmer, keine Küche, die Toilette auf dem Flur eine Treppe tiefer. Aber da passte auch noch Besuch rein, Übernachtungsbesuch. Ostpreußen, Verwandte, halten zusammen: Tante Annchen, Tante Lieschen, Onkel Nantchen, Tante Trudchen. Nacheinander, versteht sich. Die Familie wohnt in der Gärtnerstraße. Dort gibt es auch ein kleines Kino. Ich verlasse gerne diese Wohnung. Ich lese, bin in der Stadtbücherei oder gehe ins Kino. Dick und Doof, Pat und Patterson, Mickey-Mouse. Die Leidenschaft für Bücher und Kino werde ich ein Leben lang behalten.
Hässlich, Hure, Hexe, Flüchtlingskind, mit diesem Selbstbewusstsein gehe ich in die Pubertät. Hässlich ist schwer zu akzeptieren. Schließlich will ich heiraten, Kinder bekommen, eine eigene Wohnung haben, ein zu Hause haben. Der Spruch des Vaters: Du brauchst kein Abitur und ein Studium schon gar nicht. »Du heiratest ja doch!«, tut seine Wirkung. Ich tue mein bestes mit Schwanenweiß. Ich kenne weder Lippenstift noch Schminke. Die Mutter hält viel von Wasser, Seife und Nivea-Creme. Hure? Ich bin Jungfrau. Von Aufklärung ist im Elternhaus nie die Rede. Auch in den Büchern, die ich lese, ist von den Vorgängen zwischen Mann und Frau wenig zu lesen. In der Stadtbücherei gibt es einen verschlossenen Schrank. Dort vermute ich Aufklärung. Aber der Schrank bleibt verschlossen. Mündig wird man erst mit 21 Jahren. Die Freundinnen wissen auch nicht mehr. Filme wie: »Grün ist die Heide« oder »Ich tanze mit dir in den Himmel hinein«, Romane von Courths-Mahler, die ich unter der Bettdecke lese, versprechen Prinzen und Grafen und ein glückliches Ende. Aufklärung bringen sie nicht. So denke ich noch über das 14. Lebensjahr hinaus, Kinder kämen aus dem Bauchnabel. Mit 18 Jahren halte ich zum ersten Mal Händchen mit einem Mann. Das scheint der Himmel auf Erden zu sein. Hexe? Da ich viel lese, kenne ich natürlich Hexen aus Märchen. Das sind böse, mächtige, alte Frauen. Ich empfinde mich weder als böse, noch als mächtig und alt. Ich sammle wieder Verletzungen und Kränkungen. Ich sammle schnell und viel. Der Dampfdruck-Kochtopf muss sich immer wieder entleeren. Es kommt zu Explosionen, zu Wutausbrüchen. Diese treffen manchmal Menschen, die es gar nicht verdient haben und nicht wissen, was ihnen da passiert. Das führt zu Irritationen und macht mich dann zur Außenseiterin.
Mit 15 Jahren gibt es den ersten Verehrer. Ich kann mein Glück kaum fassen. Vor dem Fenster der Wohnküche, die gleichzeitig Schlafzimmer für mich und meinen Bruder ist, steht ein schwarzhaariger Jüngling mit einem blauen Fahrrad und klingelt halbstundenlang. Ich schaue verstohlen durch das Fenster. Der Vater verbietet es. Das Klingeln geht wochenlang weiter. Dann höre ich, dass der Knabe sich nach meinen Sommersprossen erkundigt hat. Das finde ich empörend. Also stelle ich mich bei nächster Gelegenheit vor dem Knaben auf und erkläre: »So, nun kannst du dir meine Sommersprossen genau ansehen.« Die Klingelei endet abrupt.
