Er ging voraus nach Lhasa - Nicholas Mailänder - E-Book

Er ging voraus nach Lhasa E-Book

Nicholas Mailänder

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Beschreibung

Der Kopf und die treibende Kraft hinter Sieben Jahre in Tibet Das faszinierende Leben des großen, geheimnisumwitterten Himalaya-Pioniers Sie gehört zu den großen Abenteuern der Moderne: Die Geschichte der beiden österreichischen Bergsteiger, die im Jahr 1944 aus einem Gefangenenlager im Norden Indiens fliehen, die ungeheuren Weiten des tibetischen Hochlands im Winter überwinden und schließlich in Lumpen die verbotene Stadt Lhasa erreichen, wo sie die traditionelle tibetische Gesellschaft in den letzten Jahren ihrer Blüte als Zeitzeugen erleben. Während einer der beiden Flüchtlinge, Heinrich Harrer weltberühmt wurde – sein Bestseller Sieben Jahre in Tibet, wurde mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt -, blieb Peter Aufschnaiter (1899–1973) weitgehend unbekannt. Dabei war er der Kopf und die treibende Kraft hinter dem aufsehenerregenden Abenteuer: Er kannte Tibet aus langjährigen Studien, zeichnete Karten, sprach fließend Tibetisch und er hatte die Energie und Entschlossenheit durchzuhalten und weiterzugehen, wo sein Gefährte längst aufgeben wollte. Wer aber war dieser geheimnisumwitterte Mann, der auch nach dem Einmarsch der Chinesen nach Tibet und der Flucht des Dalai Lama im Himalaya blieb und sich um die Entwicklung Tibets und Nepals wie kaum ein anderer verdient machte? – Mit dieser akribisch recherchierten, ersten umfassenden Biographie, illustriert mit einzigartigem, historischem Bildmaterial, wird einem der größten Entdecker, Bergsteiger, Kartographen und Entwicklungshelfer des 20. Jahrhunderts erstmals die Beachtung geschenkt, die er verdient – und die wahre Geschichte hinter dem Mythos packend erzählt.

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Seitenzahl: 650

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Nicholas Mailänder, unter Mitarbeit von Otto Kompatscher

ER GING VORAUS NACH

LHASA

PETER AUFSCHNAITER. DIE BIOGRAPHIE

INHALT

Vorwort

Kapitel 1

EIN KIND SEINER ZEIT UND UMGEBUNG

Kapitel 2

FREUNDE FÜRS LEBEN

Kapitel 3

ZWEIMAL AM KANGCHENJUNGA

Kapitel 4

IN DER ALPINEN MACHTZENTRALE

Kapitel 5

WENDEPUNKT NANGA PARBAT

Kapitel 6

FAST FÜNF JAHRE HINTER STACHELDRAHT

Kapitel 7

FLUCHT ÜBER DAS DACH DER WELT

Kapitel 8

WO EIN WILLE IST, IST AUCH EIN WEG NACH LHASA

Kapitel 9

ZWEI FREMDE FASSEN FUSS IN DER HEILIGEN STADT

Kapitel 10

AUFBAU IM NIEDERGANG

Kapitel 11

WIEDER IM LAND DER BÄREN UND RÄUBER

Kapitel 12

DER LANGE ABSCHIED VOM DACH DER WELT

Kapitel 13

MACHTKÄMPFE IN KATHMANDU

Kapitel 14

IN INDISCHEN DIENSTEN

Kapitel 15

HELFEN, FORSCHEN, HELFEN

Kapitel 16

DIE BILANZ EINES LEBENS

Nachwort von Dr. Martina Wernsdörfer, Völkerkundemuseum der Universität Zürich

Anhang

Zeittafel zu Peter Aufschnaiters Leben

Der Staat Tibet (1913–1950)

Der Tibetische Buddhismus im Überblick

Literatur und Quellen

Personenverzeichnis

Bild- und Kartennachweis

Dank

VORWORT

Vor rund zehn Jahren beauftragte mich der Tyrolia-Verlag mit der Neuherausgabe von Peter Aufschnaiters Schriften über sein Leben in Tibet, die 1983 von Martin Brauen veröffentlicht worden waren. Teil meiner Aufgabe war eine rund achtzigseitige Lebensbeschreibung des Verfassers.

Je intensiver ich mich mit den vielfältigen Texten beschäftigte, die Brauen im Namen von Peter Aufschnaiter publiziert hatte, desto mehr faszinierte mich die Persönlichkeit des der Öffentlichkeit kaum bekannten Tiroler Bergsteigers, Forschungsreisenden, Kartografen, Archäologen und Entwicklungshelfers. Immer deutlicher meldete sich der Wunsch, die Biographie dieses fast vergessenen Menschen zu ergründen. Der Verlag stimmte meinem Vorschlag zu, den Fokus zu erweitern und die Beschreibung des gesamten Lebenswegs von Peter Aufschnaiter zum Gegenstand des Buches zu machen. Damit wurde die ursprüngliche Aufgabe aber nicht fallengelassen – denn Aufschnaiters Tibettexte sollten zu einem zentralen Bestandteil seiner Biographie werden.

Dass ich im Zuge der Recherchen auf meinen Koautor Otto Kompatscher stoßen würde, war fast unausbleiblich. Dieser 1939 in Klobenstein/Ritten (Südtirol) geborene und seit seiner Kindheit im Raum Kitzbühel in Tirol lebende Aufschnaiter-Forscher hatte sich seit Mitte der 1990er Jahre intensiv mit seinem prominenten Landsmann beschäftigt und zahlreiche Bild- und Textdokumente gesammelt. Vor allem hatte Otto Kompatscher aber im Auftrag des Völkerkundemuseums der Universität Zürich, im Speziellen durch Dr. Martin Brauen, die in Gabelsberger-Stenographie-Zeichen verfassten Tagebücher Aufschnaiters in lateinische Schrift transkribiert und damit der Forschung einen Schatz von unermesslichem Wert zugänglich gemacht.

Da wir uns gut verstanden, beschlossen Otto Kompatscher und ich, das Projekt „Aufschnaiter-Biographie“ gemeinsam durchzuführen. Dabei ergab sich wie von selbst eine Arbeitsteilung: Otto steuerte zahlreiche Fachtexte und Primärdokumente bei, darunter das von Aufschnaiter verfasste Buchmanuskript mit 36 Kapiteln, welches dem von Martin Brauen publizierten Werk zugrunde gelegen hatte. Meine Aufgabe bestand im Erschließen, Einordnen und Ergänzen des Materials, in der Entwicklung des Buchkonzepts – und zu guter Letzt – auch im Verfassen des Textes.

Angelehnt an meine ursprüngliche Aufgabenstellung – die Neuveröffentlichung von Peter Aufschnaiters Tibetschriften – ließ ich ihn seine Lebensgeschichte so weit wie möglich in seinen eigenen Worten erzählen. Diese Zitate sind an ihrer Schriftfarbe leicht zu erkennen. Die Interpunktion und die Orthografie in Aufschnaiters Texten wurden dem heutigen Gebrauch angeglichen und zusätzliche Absätze eingefügt. Auslassungen sowie von mir angefügte Anmerkungen und Ergänzungen sind mit eckigen Klammern gekennzeichnet. Die von Aufschnaiter sehr häufig benutzten Wörter „haben“ und „sein“ ersetzte ich bisweilen durch situativ passende Verben. Auch nahm ich mir die Freiheit, umfangreiche geomorphologische oder kulturhistorische Ausführungen wegzulassen, wenn sie den Blick auf die eigentlichen Reiseerlebnisse verstellten. Durch diese vorsichtigen Eingriffe gelang es, die Sicht freizumachen auf Schilderungen von poetischer Schönheit, die belegen, wie tiefgehend Menschen und Landschaft in Tibet Peter Aufschnaiter berührt hatten.

Das Manuskript seines Buches hatte Aufschnaiter am Tag vor seinem Tod mit einem rohen Felsklotz verglichen, aus dem jemand wie sein Freund Paul Bauer erst eine Figur machen müsste. Diese Vorstellung begleitete mich vier Jahre lang bei meinen Bemühungen, aus einer Unmenge von Zeugnissen eine Lebensbeschreibung zu formen, die auch der Dargestellte gutgeheißen hätte.

Der Leserin und dem Leser wünsche ich viel Freude bei der Erkundung des ereignisreichen Lebens von Peter Aufschnaiter mit seinen zahlreichen Brüchen und Wendungen. Unsere Zeitreise beginnt mit einer Zugfahrt im Spätherbst 1890 in das verarmte Tiroler Bergbaustädtchen Kitzbühel, auf der wir den späteren Skipionier Franz Reisch kennenlernen. Er sollte Peter Aufschnaiters väterlicher Freund werden und seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen.

Nicholas Mailänder, im Herbst 2018

KAPITEL 1

EIN KIND SEINER ZEIT UND UMGEBUNG

Einer musste ja in den sauren Apfel beißen! Was blieb ihm aber anderes übrig? Schließlich hatte die Mutter ihn gebeten, nach dem kleinen Zweiggeschäft der Familie Reisch in Kitzbühel zu schauen. Sein schwerkranker Bruder Rudolf hatte es mehr schlecht als recht geführt, bis ihn die bereits während seiner Lehrzeit eingefangene Tuberkulose endgültig aufs Krankenlager zwang. Missmutig blickte Franz Reisch durch das Fenster des Erste-Klasse-Abteils der „Giselabahn“ hinaus auf das nebelfeuchte Brixental. Der hochaufgeschossene Mann in den späten Zwanzigern putzte umständlich seinen Zwicker, wodurch die Luft draußen aber auch nicht klarer wurde. Aus den tiefhängenden Wolken rann ein feiner Nieselregen. Kein Mensch war auf den abgeernteten, nassen Wiesen und Feldern zu sehen. Kurz gab eine Wolkenlücke den Blick frei auf die unteren Hänge der Hohen Salve, überzuckert vom ersten Schnee. Darunter die Häuser des Marktes Hopfgarten, zusammengedrängt um die prächtige barocke Pfarrkirche mit den hoch aufragenden Zwillingstürmen, die selbst in dieser Novemberödnis noch etwas Zuversicht verbreitete.

Franz Reisch wusste nur zu gut, dass die Menschen hier im Brixental nichts zu lachen hatten. Schließlich hatte 1875 die Eröffnung der Salzburg-Tiroler Bahn den unvermittelt mit der „großen Welt“ verbundenen Gemeinden nicht nur Gutes gebracht. Nun, 15 Jahre später, litten die fast noch mittelalterlich wirtschaftenden Bauern unter dem Preisverfall durch importierte Agrargüter, und das Kleingewerbe tat sich schwer mit den preislich günstigen und oft auch hochwertigen Industrieprodukten, die mit der Eisenbahn ins Tiroler Land kamen. Wenn er nur an die sogenannte Sensenfabrik von Johann Zimmermann in Oberndorf dachte! Da gab es außer dem wassergetriebenen Hammerwerk keine einzige Maschine. Gedengelt und geschliffen wurde noch von Hand. Und auch der unproduktive Bergbau hier im Brixental und drüben in Kitzbühel lag in den letzten Zügen.1

Der junge Kaufmann schüttelte den Kopf. Von seiner Heimatstadt Kufstein aus war er weit herumgekommen im deutschsprachigen Raum und wusste sehr wohl, wie „draußen“ gewirtschaftet wurde.

In wenigen Minuten würde er in Kitzbühel ankommen. Franz Reisch strich sich über den gepflegten Schnurrbart, hob den bewährten ledernen Reisekoffer mit den verkratzten Metallecken aus dem Gepäcknetz, drückte den flachen dunkelgrauen Hut auf seinen blonden Lockenschopf und schlüpfte in den aus schwerem britischen Tweed gefertigten Ulster-Mantel. Mit ihm stiegen drei weitere Reisende aus, Bauern und Handwerker aus dem Umland. Reisch ging durch den vornehmen klassizistischen Bahnhof und marschierte mit weit ausholenden Schritten im Nieselregen am Rande der geschotterten Hauptstraße entlang, bis eine Gasse nach rechts hineinführte zwischen die heruntergekommenen Häuser des alten Bergarbeiterstädtchens. Die wenigen Einheimischen, die dem gut gekleideten Fremden begegneten, erwiderten seinen freundlichen Gruß mit scheuer Zurückhaltung. Bald hatte Reisch den Stadtplatz passiert, dessen Pflaster große schadhafte Stellen aufwies, und das große dunkle Haus erreicht, in dem sein jüngerer Bruder Rudolf eine Lebzelterei und Konditorei betrieben hatte. Dem Kranken ging es schon sehr schlecht; er starb am 12. Dezember 1890.2

Es dauerte nicht lange, bis Franz Reisch das vom Bruder hinterlassene Geschäft wieder einigermaßen in Schwung gebracht hatte. Die Lebzelter beschäftigten sich mit dem Handel und der Verarbeitung von Honig. Sie kauften Honig und Bienenwachs bei den Bauern auf. Das Wachs, das die Bauern lieferten, schickte Franz Reisch seinem Bruder Josef nach Innsbruck zur Verarbeitung und bekam die fertigen Kerzen und Wachsstücke geliefert. Damit versorgte die Firma Reisch alle Kirchen im Umkreis, und auch die Bauern handelten für das Wachs die Kerzen ein. Hauptgeschäft war aber der aus dem Honig gefertigte Zelten, ein Lebkuchen, der in den umliegenden Dörfern besonders in der Weihnachtszeit sehr gefragt war und im Sommer auf die Almen geschickt wurde. Ein weiteres populäres Produkt der Firma Reisch war ihr in der Konditorei gebrannter Kaffee.

In den Jahren 1893 bis 1895 investierte Reisch einen guten Teil des ihm zustehenden Erbes in ausgedehnte Reisen. Der Grund dafür, dass er aus der elterlichen Firma ausbezahlt wurde, mag in seiner kränklichen Verfassung gelegen haben. Später scheint es ihm gelungen zu sein, die ihn heimsuchenden Migräneattacken durch Alpenfahrten einigermaßen in den Griff zu bekommen.3Franz Reischs erste Auslandsreise führte über Mainz, Köln und Rotterdam nach New York und weiter über Pittsburg zur Weltausstellung in Chicago. Im folgenden Jahr ging es über Triest zunächst nach Damaskus, von dort nach Jerusalem und Ägypten und zurück über Venedig, Mailand und das Berner Oberland. Hier konnte Reisch den bereits blühenden Schweizer Fremdenverkehr in Augenschein nehmen. Die letzte große Reise führte über Norwegen nach Spitzbergen. Nach und nach eignete er sich eine gut sortierte Materialsammlung zu den Themen Tourismus, Verkehrswesen und Sport an.4

Der großgewachsene junge Kaufmann kleidete sich stets korrekt nach der in Deutschland üblichen Herrenmode der Gründerzeit mit Stehkragenhemd, Krawatte, Weste, dunklem Sakko und dunkelgrauer Hose. Einen Hut trug Reisch nur selten. Kein Wunder, dass diese urbane Erscheinung in der kleinen Bauern- und Knappenstadt anfangs skeptisch beäugt wurde. Den Haushalt des Junggesellen führte eine Wirtschafterin, die auch für ihn kochte. Die Abende verbrachte der lebenslustige Reisch in den verschiedenen Wirtshäusern der Stadt. Bald war er besonders im Gasthaus Tscholl in der Hinterstadt (heute Hotel Harisch) ein gerngesehener Gast, der mitreißend von seinen Erlebnissen erzählen konnte. Beim Tscholl trafen sich die Honoratioren – die Mitglieder des Stadtrats, die leitenden Beamten des Forstamts, des Gerichts, des Bergamts und der Bezirkshauptmannschaft, die Ärzte, Apotheker, Notare und Anwälte sowie die Geistlichkeit.

Schnell erkannte Franz Reisch, dass diese Herrschaften zwei unterschiedlichen politischen Lagern angehörten. Dass der Geist des Vormärz – trotz des gescheiterten Oktoberaufstandes – in Kitzbühel noch immer zahlreiche Anhänger hatte, war auf den damaligen Bürgermeister Joseph Traunsteiner zurückzuführen. Der war nicht nur Apotheker in Kitzbühel gewesen, sondern auch ein international anerkannter Botaniker. Traunsteiner hatte in Wien studiert und sorgte dafür, dass sich das damals wirklich noch freiheitliche Gedankengut von 1848 – dem Ideal eines demokratisch regierten großdeutschen Staates verpflichtet – in der Tiroler Kleinstadt fest verankerte. Als Zeichen dieser deutschnationalen Gesinnung soll 1848 über dem Kitzbüheler Rathaus die schwarz-rot-goldene Fahne geweht haben. Wie ein Zeitzeuge berichtete, wurde sie bis ins Jahr 1933 bei besonderen Anlässen gehisst.5

Die Kirche beobachtete die Verbreitung des bürgerlich-liberalen Gedankenguts mit erheblichem Unbehagen und versuchte nicht nur von der Kanzel aus gegenzusteuern. Auch in Kitzbühel wurde ein konsequent monarchistisch orientierter Meisterverein gegründet, um einem Abdriften der Handwerker ins „freiheitliche“ oder gar ins sozialdemokratische Lager entgegenzuwirken. Bei den von jeher eher links eingestellten Bergleuten war da so oder so Hopfen und Malz verloren. Denn die dachten und wählten aus tiefster Überzeugung sozialdemokratisch.

Franz Reisch war Peter Aufschnaiters Förderer und väterlicher Freund.

Obwohl auch Franz Reisch – wie die meisten studierten Herren beim Tscholl – aus seiner Sympathie für die „freiheitlich“-großdeutsche Sache keinen Hehl machte, war er kein Freund des Lagerdenkens, sondern suchte den Ausgleich zwischen den Parteien. Reisch war als Handelsvertreter und Reisender schon weit in der Welt herumgekommen und ein hervorragender Unterhalter. Wenn er von seinen Erlebnissen erzählte, hingen die Zuhörer an seinen Lippen. Bald engagierte sich Franz Reisch auch im örtlichen Männergesangsverein und bei den Turnern. Sein Frohsinn war ansteckend und die Kameraden hatten viel Spaß an seinen ungewöhnlichen Einfällen, mit denen er die Vereinsveranstaltungen würzte. Um es kurz zu machen: Ursprünglich hatte Franz Reisch nur so lange in Kitzbühel bleiben wollen, bis er einen qualifizierten Geschäftsführer für den örtlichen Filialbetrieb seiner Familie gefunden hatte. Aber es gefiel ihm so gut in Kitzbühel, dass der junge Kaufmann beschloss, das Städtchen zum dauerhaften Lebensmittelpunkt zu machen.

Als sich Franz Reisch im Januar 1893 zwei lange Bretter, die vorn in hochgezogenen Spitzen ausliefen, unter die Stiefel schnallte, um mit ihnen über verschneite Hänge zu Tal zu rutschen, dachten die meisten Einheimischen, der wunderliche Neubürger sei endgültig übergeschnappt. Dabei hatte Reisch nur den damaligen Bestseller Auf Schneeschuhen durch Grönland des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen gelesen, in dem sich der Autor begeistert über den Skisport äußerte. Kurz entschlossen hatte sich Reisch aus Skandinavien ein Paar Ski besorgt und begann nun, sie zu erproben. Nicht als reines Transportmittel wie die Schneereifen, sondern als spaßorientiertes Sportgerät! Bald bot Reisch das Laufen in der Ebene und auf den kleineren Hügeln zu wenig Abwechslung, sodass er immer weiter in die Bergregion vordrang. Schnell lernte er, bergauf und bergab recht steile Hänge zu überwinden, und beschloss im März des Jahres, dem 1998 Meter hohen Gipfel des Kitzbüheler Horns mit Ski einen Besuch abzustatten. Am besten, wir lassen Franz Reisch selbst berichten, wie er wieder hinunterkam: „Die Abfahrt nun war grandios zu nennen. Die bergauf eine Stunde lange Strecke Horngipfel–Trattalpe fuhr ich in rasendem Saus in drei Minuten, sodass ich noch ein gutes Stück den Hügel oberhalb der Alpe hinauffuhr. Dieser herrliche, alle Kräfte anspornende Genuss ist nun der schwierige Punkt der Skiverwendung im Hochgebirge.“ Es war die erste hochalpine Skiabfahrt in Österreich, die Franz Reisch hier beschrieb.6

Reisch fiel es nicht schwer, andere für sein neues Hobby zu begeistern. Zusammen mit einigen Kitzbüheler Bürgersöhnen gründete er die Skiriege des örtlichen Turnvereins. Ihnen war vor allem daran gelegen, ihre Fahrtechnik unter der Anleitung von Reisch zu perfektionieren. Damit war Franz Reisch auch der erste Kitzbüheler Skilehrer. Bald zeigten einige englische Gäste, die bisher nur Schlittschuh gelaufen waren und Schlittenpartien unternommen hatten, ebenfalls lebhaftes Interesse für den weißen Sport. So begann die von Reisch ausgebildete Truppe gut geschulter Skiläufer gegen Mitte der 1890er Jahre ihr Können an die englischen Gäste auf Schloss Lebenberg weiterzugeben, der ersten Winterpension in Kitzbühel.

Trotz seiner Wehmut wegen des beginnenden Massenandrangs, erkannte Reisch schnell das ungeheure Potenzial des Skisports für die Entwicklung des Tourismus in seiner neuen Heimat. War bislang das klimatisch begünstigte Südtirol in der kalten Jahreszeit von den Touristen bevorzugt worden, so bot der Wintersport die Möglichkeit, deren Interesse auf den schneereichen Norden des Landes zu lenken! Reisch machte sich daran, das sterbende Bergbaustädtchen in einen blühenden Fremdenverkehrsort zu verwandeln.

Der Jungunternehmer wusste nur zu gut, dass die Naturschönheiten, die Kitzbühel zweifellos zu bieten hatte, den Ansprüchen der gehobenen Gesellschaft nicht genügten. Um zum Treffpunkt der Reichen und Schönen zu werden, musste die Stadt auch Komfort bieten und über ein hochklassiges Image verfügen. Also exzellentes Catering, stilvolle Hotels mit ansprechenden Zimmern und Suiten und geräumigen Speisesälen. Dazu geschmackvolle Unterhaltungsmöglichkeiten, Kulturangebote und gepflegte Parkanlagen.

Ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung dieser Zielvorstellung war die Gründung des Hotelbau-Vereins durch Franz Reisch, unterstützt durch seinen Freund Josef Herold und den „freiheitlichen“ Innsbrucker Politiker und Handelskammersekretär Anton Kofler. Im Rahmen einer Vollversammlung dieses Vereins am 9. März 1902, an der rund sechzig Mitglieder aus Kitzbühel und Umgebung teilnahmen, wurde der Plan für ein neues großes Hotel vorgestellt. Der Bericht im Kitzbüheler Bezirksboten endet mit einem besonderen Lob: „Herrn Reisch gebührt für seine außerordentliche Bemühung und verständige Thätigkeit, den Bau eines Hotels ins Werk zu setzen, die größte Anerkennung, die auszudrücken wir auf diesem Wege uns berufen fühlen.“7

Entgegen den Erwartungen, war das 1903 eröffnete Hotel Kitzbühel nicht gleich ein großer Erfolg, weil es zunächst nur für den Sommer ausgestattet war – ein schwerer Fehler. 1906 erfolgte der Ausbau für den Winterbetrieb und in der Folge die Umbenennung in Grandhotel. Damit begann der Aufstieg des Hauses, der sich 1911 mit dem Umbau zum Hotel mit 150 Zimmern konsolidierte.8 Für Kitzbühel markiert das Grandhotel den Einstieg in den überregional bedeutenden Wintersport. Von 1902 hatte der Fremdenverkehrsort eine rege Bautätigkeit verzeichnet: Nicht weniger als elf neue Häuser waren zusammen mit dem imposanten Hotelbau entstanden, darunter mehrere Restaurants und nicht zuletzt auch das bis zum heutigen Tag beliebte Kaffeehaus Reisch.

Ins Jahr 1902 fiel auch die Gründung der – ebenfalls von Reisch initiierten – „Wintersportvereinigung Kitzbühel“. Bereits seit 1895 hatten in Kitzbühel regelmäßig Skirennen stattgefunden, bald auch mit ausländischer Beteiligung. Der Verein sollte nicht nur den Skisport fördern, sondern sich auch um das Rodeln, die Durchführung von Trabschlittenrennen und die Anlage eines Eislaufplatzes kümmern. Um den Wintersport zu einem tragfähigen Faktor des Tourismus zu machen, startete der umtriebige Fremdenverkehrsmanager um diese Zeit eine aufwändige PR-Kampagne.

Kein Wunder, dass Franz Reisch, der Geist und Motor hinter dieser stürmischen Entwicklung, im Jahr 1903 zum Bürgermeister von Kitzbühel gewählt wurde! Gleich vom Beginn seiner Amtszeit an wurde der Bau einer neuen Volksschule zu einem seiner wichtigsten Vorhaben. Als Kind hatte Reisch in Kufstein die stark von dem fortschrittlichen Dekan Matthias Hörfarter geprägte Volksschule besucht, in der auch Geografie und Biologie gelehrt wurden, was im Tirol der 1870er Jahre eher eine Ausnahme war. In Kitzbühel traf der in dieser modernen Schulatmosphäre aufgewachsene Bürgermeister auf den für neue Ideen aufgeschlossenen Schulmann Franz Walde. Dieser hatte schon seit Jahren vergeblich für den Ausbau des äußerst beengten Schulhauses in der Kirchgasse plädiert. Reisch jedoch, von Kufstein her ideale Schulverhältnisse gewöhnt, konnte den Gemeinderat davon überzeugen, gleich Nägel mit Köpfen zu machen und vor den Toren der Stadt im „Krautviertel“ einen großzügigen Neubau zu erstellen. Der 1905 begonnene und ein Jahr später eingeweihte Schulbau orientierte sich stilistisch an den urbanen Vorbildern der Gründerzeit: Weite Gänge, großzügige Treppen und hohe, lichtdurchflutete Klassenräume machen die Schule noch heute zu einem einladenden Lernort. Das Äußere des Gebäudes entsprach dem historischen Geschmack der Gründerzeit und integriert gelungen klassizistische Elemente mit Zitaten aus der mittelalterlichen Architektur.9

In Aufschnaiters Jugend war Kitzbühel eine verarmte Bergarbeiterstadt.

Zu den ersten Schülern, die in der neuen Lehranstalt unterrichtet wurden, zählte der damals siebenjährige Ernst Reisch, der älteste Sohn des Bürgermeisters, der am 7. April 1896 die Tochter des Gastwirtes in der Hinterstadt, Maria Tscholl, geheiratet hatte. Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1908 zeigt den am 4. März 1899 geborenen Ernst neben seinem besten Freund, dem damals neunjährigen Peter Aufschnaiter10, dessen Vater im Gewerbegebiet unfern des Krautviertels als Tischlermeister eine Werkstatt betrieb. Vater Peter Aufschnaiter stammte aus dem Dorf Aurach und hatte seinen Lebensmittelpunkt aus beruflichen Gründen nach Kitzbühel verlegt. Hier bezog er mit seiner Frau Katharina, geborene Seiwald – der Tochter des Bärenwirts von St. Johann – im zweiten Stock des Ganzerhauses in der Vorderstadt eine enge Wohnung. Durch die in dicke Mauern gesetzten kleinen Fenster drang nur wenig Licht. Hier brachte Frau Katharina Aufschnaiter am 2. November 1899 ihren ersten und einzigen Sohn zur Welt, der am folgenden Tag auf den Namen Petrus getauft wurde.11 Später nahm die Familie noch die verwaiste Maria Stranitzer auf, die vom kleinen Peter innig geliebte Ziehschwester.

Da die Familie Reisch schräg gegenüber von den Aufschnaiters in derselben Straße wohnte, ist davon auszugehen, dass sich Ernst und Peter bereits als Buben kennengelernt und angefreundet hatten. Die beiden Väter kannten sich von der Kitzbüheler Feuerwehr her, der Reisch eine Zeitlang als Hauptmann vorgestanden hatte.12 Schon früh dürfte der natur- und sportbegeisterte Franz Reisch den bewegungsfreudigen und phantasiebegabten Buben die heimische Bergwelt gezeigt haben, im Sommer wandernd und zur Winterzeit auf seinen geliebten Skiern: Der Skipionier berichtete explizit, dass er „mit kleinen Buben über steile Lehnen bergab fuhr“.13 Ein Zeitzeuge schildert, wie sehr sich Reisch für den skilaufenden Nachwuchs einsetzte: „Wie oft sind wir mit Vater Reisch zur ersten Kitzbüheler Skisprungschanze gewandert, haben gemeinsam mit ihm Schnee geschaufelt, den Hang getreten – wenn kein anderer Zeit und Lust hatte, den eifrigen jungen Springern zu helfen, sicher war Vater Reisch da mit seiner Bubenschar und blieb stundenlang an der Schanze, Schaufel oder Rechen in der Hand, bis der letzte Sprung vollendet war.“14

Franz Reisch dürfte auch dafür gesorgt haben, dass die Buben schon frühzeitig in den Kitzbüheler Turnverein eintraten, den er vom Beginn seines Aufenthaltes in Kitzbühel an stark gefördert hatte. Diesen Verein hatte der damalige Bürgermeister Josef Pirchl im Jahr 1870 gegründet. Obwohl Franz Reisch und sein Freund Josef Herold, der jahrzehntelang das Amt des Turnwartes innehatte, eigentlich alle Bevölkerungsschichten einbinden wollten, trat der Kitzbüheler Turnverein um 1890 dem Tiroler Turngau bei und zählte von diesem Zeitpunkt an zu den völkischen Vereinen. Die politische Ausrichtung war nicht nur dezidiert antisemitisch, sondern auch stramm großdeutsch.

So endete 1899 eine gemeinsame Turnfahrt mit dem Kufsteiner Verein nach Kiefersfelden mit einem klaren Bekenntnis zur großdeutschen Einheit: „Noch ein Mal klang stark und mächtig das Bismarck-Lied als Zeichen treuer deutscher Zusammengehörigkeit durch die Hallen des Bahnhofs und mit kräftigem Heil-Ruf und deutschem Handschlag verabschiedete man sich mit der Hoffnung, bald wieder in fröhlicher Gemeinschaft etliche Stunden verbringen zu können.“15 Die im erwähnten Bismarcklied enthaltene politische Positionierung ist unzweideutig:

Nun steige der Begeistrung Flamme

Helllodernd auf in unserem Sang:

Dem Manne gilt’s von deutschem Stamme,

Dem Helden, der den Drachen zwang.

Der an des Rheines Rebenborden

Gepflanzt des Reiches mächtgen Baum,

Dem Mann, durch den zur Wahrheit worden

Der Väter sehnsuchtsvoller Traum.

[ ]

So lasst uns denn den Namen nennen

Des Meisters, der das Reich gebaut.

Wem Lieb und Treu im Herzen brennen,

dem ist’s ein freudenvoller Laut.

Hinbrause es wie Sturm und Wetter

Vom Alpenschnee bis an den Belt:

Heil dir, des Vaterlandes Retter,

Heil Bismarck, dir, du deutscher Held!16

An der Wiener Hofburg wären wohl weder diese Töne noch der flammende Bericht im Kitzbüheler Bezirks-Boten mit übermäßiger Begeisterung aufgenommen worden.

Im frisch-fromm-fröhlich-freien Jugendturnen, in dem sich Peter Aufschnaiter von klein an auszeichnete – er hatte die Note 1 im Turnunterricht quasi gepachtet – ging es klarerweise hauptsächlich um die Entwicklung von Bewegungsfreude und Gewandtheit, aber die ideologische Begleitmusik dürfte dennoch mehr oder weniger subtil ihre Wirkung getan haben.

Ihre Schulzeugnisse weisen Peter Aufschnaiter und Ernst Reisch von der ersten Klasse an als Musterschüler aus. Im ersten Schuljahr (1905/06) enthält das Zeugnis von Aufschnaiter sieben Mal die Note 1 und nur einen Zweier.17 Im folgenden Schuljahr ist auch dieser „Makel“ getilgt.18 Der ab Klasse drei gültige Fächerkanon belegt die Aufgeschlossenheit der für das Curriculum Verantwortlichen für die Erfordernisse dieser durch eine rasante wirtschaftliche Entwicklung in Österreich und Deutschland gekennzeichneten Epoche: Religion, Lesen, Schreiben, Unterrichtssprache (Sprachlehre, Rechtschreiben, Aufsatz), Rechnen in Verbindung mit geometrischer Formenlehre, Naturgeschichte und Naturlehre, Geografie und Geschichte, Zeichnen, Gesang, Turnen und – für die Mädchen – weibliche Handarbeiten.19

Wir können davon ausgehen, dass Ernst Reisch und Peter Aufschnaiter nach Erledigung ihrer Schulaufgaben das ganze Jahr über noch viel Zeit blieb, das Tal der Kitzbüheler Ache sowie die umliegenden Berge zu erkunden. Ihre Jugend dürfte sich in den großen Zügen kaum von jenen Jahren unterschieden haben, die Herbert Rosendorfer in seinem autobiographischen Text Kindheit in Kitzbühel so anschaulich beschrieben hat: „[…] tiefe, stille, schneeverborgene, heimelige Winter, […] heiße, blaue, über glitzernde Moore und hohe Nadelwälder äthersummende Sommer und […] unbeschreiblichen, in seinen Farben so erlesenen, von Heuduft durchwehten Herbst, voll flimmernder, flammenfarbener Birken im goldenen Riedgras der hohen Moore habe ich dort gelebt. […] Obwohl es sicher viel Regen und Sturm gegeben hat, zeigen sich diese Jahre wie eine Kette von goldenen, sonnenüberstrahlten Tagen, ohne Anfang und ohne Ende, ohne Angst und ohne Sorgen: meine Jugend“.20

Franz Reisch sorgte dafür, dass Peter Aufschnaiter im Jahr 1911 nach der Volksschule an das Reform-Realgymnasium Kufstein wechseln konnte.21 Mit seinem Freund Ernst zusammen bezog er Quartier in der Maderspergerstraße Nr. 4 bei der Witwe Rosina Zanier, die eng mit der Familie Reisch befreundet war. Sie lebte in einem repräsentativen Bürgerhaus im „besseren“ Viertel der Stadt, auf der schmalen Ebene zwischen der Festung und den steil aufstrebenden Waldhängen des Kaisergebirges.

Die in ihn gesetzten schulischen Erwartungen erfüllte der junge Aufschnaiter voll und ganz. Hier die Noten des Schuljahres 1915/16: Religionslehre: sehr gut, Lateinische Sprache: sehr gut, Italienische Sprache: sehr gut, Geschichte und Geografie: sehr gut, Mathematik: gut, Naturgeschichte und allgemeine Erdkunde: gut, Darstellende Geometrie: gut, Freihandzeichnen: sehr gut, Gesang: sehr gut, Stenographie: sehr gut.22

In seinem zwölften Lebensjahr nahm Peter Aufschnaiter an einem Ausflug des Männergesangsvereins Kitzbühel teil, links im Bild sein Vater.

In den ersten Jahren am Kufsteiner Reform-Realgymnasium las Peter Aufschnaiter das dreibändige Werk Transhimalaja des schwedischen Forschungsreisenden Sven Hedin.23 Diese Lektüre scheint den Lebensweg des Gymnasiasten nachhaltig beeinflusst zu haben. In den Jahren 1905 bis 1908 hatte Sven Hedin die Wüsten Persiens, das westliche Hochland Tibets und den Transhimalaya erforscht, der danach vorübergehend Hedin-Gebirge genannt wurde. Der Forscher besuchte den 9. Panchen Lama in der Klosterstadt Trashi Lhünpo in Shigatse. Als erster Europäer drang Sven Hedin in die Kailash-Region vor. Er „entdeckte“ den heiligen Manasarovar-See und den noch heiligeren Berg Kailash, der gemäß der buddhistischen und hinduistischen Mythologie als Mittelpunkt der Welt gilt. Wichtigstes Ergebnis der Expedition war jedoch die Auffindung der Quellen des Indus und des Brahmaputra. Von Indien aus kehrte Hedin mit dem Schiff über Japan nach Stockholm zurück, wo ihm ein triumphaler Empfang bereitet wurde.24 In seinem lebendig geschriebenen Bericht über diese Forschungsreise schildert Hedin nicht nur anschaulich die durchmessenen Landschaften, sondern gewährt auch Einblick in die Sitten und Gebräuche der Einheimischen, wobei der Faktor Spannung nicht zu kurz kommt. Dass der prominente Autor gewandt mit Tuschfeder und Zeichenstift umgehen konnte und auch den Fotoapparat professionell handhabte, wird dem scharfsinnigen Tiroler Gymnasiasten kaum entgangen sein. Und dass Sven Hedin die Sprachen Latein, Französisch, Deutsch, Persisch, Russisch, Englisch und Tatarisch, Türkisch, Kirgisisch, Mongolisch, Tibetisch sowie einige persische Dialekte beherrschte und auch auf Chinesisch kommunizieren konnte25, dürfte den ausgesprochen sprachtalentierten Tischlersohn nicht nur beeindruckt, sondern auch angespornt haben, es seinem bewunderten Vorbild möglichst gleichzutun.

Sven Hedins schmaler Band Drei Jahre im innersten Asien, in dem der Forscher berichtet, wie er als Pilger verkleidet das „verbotene“ Land bereiste, erschien bei Westermann in der Reihe wissenschaftlicher Volksbücher und dürfte vor dem Ersten Weltkrieg zum Bestand praktisch jeder deutschen und österreichischen Schulbibliothek gehört haben. Herausgeber war der bekannte Bremer Reformpädagoge Fritz Gansberg. Sein Vorwort wird womöglich in manchem phantasiebegabten Jugendlichen den Wunsch geweckt haben, einmal Ähnliches zu leisten:

„Unerforschte Länder zu bereisen und in wegloser, einsamer Wildnis ganz auf sich gestellt zu sein, das ist von jeher kühnen, tatkräftigen Männern als verlockendes Ziel erschienen. Sie fühlen sich wundersam erhoben in dem Gedanken, über Berge und Hochländer zu wandern, die vor ihnen noch keines Menschen Fuß betrat, und Flüsse und Seen zu befahren, die weder einen Herrn noch überhaupt einen Namen haben. Der Wind flüstert ihnen ins Ohr, dass dieser Fluss hier viele tausend Jahre nur auf sie gewartet habe, um sie auf seinem Rücken in wunderbare Fernen zu tragen, flüstert ihnen zu, dass diese unendliche, leere todbringende Ebene nur dem gehöre, der sich aus Eigenem in ihr behaupten könne. Aber es ist doch noch ein anderes großes Ziel, das unsere Forschungsreisenden in die Ferne lockt; es handelt sich ja für sie vor allem darum, unser Wissen von der Erde zu vermehren und von den durchreisten Ländern genaue Karten zu entwerfen; und damit dienen sie dem allgemeinen Wohl und allen denen, die später einmal dieselben Gegenden bereisen müssen. […] Der erste Reisende ist der Pfadfinder, der Held, der Ländereroberer. Er muss alles, so weit menschliche Voraussicht denken kann, vorbereiten; er muss sich die besten Hilfskräfte, die besten Instrumente und den besten Vorrat wählen; er muss sich an die Strapazen des Naturlebens beizeiten gewöhnen und muss sich alle Erfahrungen früherer Forschungsreisender zunutze machen. Aber wenn das alles geschehen ist, so müssen auch die Zweifel schweigen; nun vorwärts mit voller Kraft! Denn dem Mutigen gehört die Welt!“26

Es ist nicht nachweisbar, aber höchstwahrscheinlich, dass auch Peter Aufschnaiter dies gelesen hat. Fest steht jedoch, dass er sich den Geist, der aus diesen Zeilen spricht, zu eigen gemacht und sich die Fähigkeiten systematisch angeeignet hat, die laut Gansberg Voraussetzung sind für die von ihm beschriebene Forschertätigkeit.

Als Gymnasiast erwarb sich Peter Aufschnaiter hervorragende Kenntnisse im Englischen und Italienischen. Nach Aussage seiner Freunde begann er bereits während der Gymnasialzeit auch mit dem Studium der indischen Sprache Hindi, des Nepali und des Tibetischen.

Durch den „großdeutschen“ Geist des Kitzbüheler Turnvereins geprägt, trat Peter Aufschnaiter der völkisch orientierten Jungburschenschaft (JB) Germania Kufstein bei, zu deren „Alten Herren“ auch der aus Würzburg stammende „Kaiserpapst“ Franz Nieberl zählte.27 Es ist anzunehmen, dass der körperlich gewandte Schüler mit diesem bewunderten Vorbild und renommierten Bergsteiger seine ersten richtigen Klettertouren im Wilden Kaiser unternommen hat.

Inzwischen war drüben in Kitzbühel Aufschnaiters väterlicher Freund und Sponsor Franz Reisch in schlimme kommunalpolitische Turbulenzen geraten. Sein einst untrüglicher Instinkt scheint Reisch nach fast zehnjähriger erfolgreicher Amtszeit im Stich gelassen zu haben. Er sah jetzt nicht mehr den Wintersport als Zugpferd der touristischen Entwicklung an, sondern wollte Kitzbühel nach dem Vorbild von Davos zu einem Kurort für die Oberschicht machen. Als der erfolgsgewohnte Bürgermeister seine Pläne nicht gegen den Widerstand im Gemeinderat durchboxen konnte, legte er sein Amt im Sommer 1913 verbittert nieder.

Am Horizont der Geschichte braute sich inzwischen Unheil zusammen. Das mit der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn verbündete Deutsche Reich hatte sich durch sein politisch ungeschicktes Verhalten isoliert. Während Frankreich und Großbritannien mit Abschluss der Entente im Jahr 1904 ihre kolonialen Streitigkeiten beigelegt und sich drei Jahre später mit Russland im Mittleren Osten geeinigt hatten, wurde die aufstrebende Großmacht Deutschland von den Entente-Mächten zunehmend als Störenfried empfunden. Beide Seiten trafen ihre Vorbereitungen für einen militärischen Konflikt. Am 28. Juni 1914 erschoss ein serbischer Fanatiker in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau. Obwohl die Regierung Serbiens einem österreichischen Ultimatum – das fast unannehmbare Forderungen enthielt – weitestgehend nachkam, scheiterten die britischen und deutschen Vermittlungsbemühungen. Österreichs Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli setzte einen fatalen Automatismus in Gang: Russland reagierte mit der Mobilmachung gegen Österreich, darauf erklärten die Deutschen den Russen den Krieg; die ausweichende Antwort der mit ihnen verbündeten Franzosen wurde von Berlin prompt mit einer Kriegserklärung quittiert. Während die Deutschen ihren von dem verstorbenen Generalstabschef Schlieffen in seinen Grundprinzipien entwickelten Präventivschlag ausführten, zogen die österreichischen Truppen gegen Serbien und Russland ins Feld.

Der junge Peter Aufschnaiter (2. v. r.) als Kaiserjäger an der Presanella-Front.

Weder im Westen noch im Osten verlief der Kriegsauftakt plangemäß für die Mittelmächte. Der deutsche Vormarsch kam Anfang September 1914 an der Marne zum Stillstand. Auf dem Balkan fiel es den Österreichern unvorhergesehen schwer, mit der relativ kleinen serbischen Armee fertig zu werden, und in Galizien war Russland in der Offensive. Als Italien am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, hatte der bereits mobilisierte Teil der österreichischen Armee alle Hände voll zu tun, die Russen in den Karpaten abzuwehren. Deshalb wurden am 18. Mai die Tiroler Standschützen alarmiert, die gemeinsam mit dem Deutschen Alpenkorps eilig die strategisch wichtigsten Positionen der Gebirgsfront zwischen den Karawanken und dem Ortler besetzten.

Am 3. März 1917 erhielt Peter Aufschnaiter „wegen Einrückens zum Militärdienst ein vorzeitiges Versetzungszeugnis“ mit einem Notendurchschnitt von 1,0 und der Anmerkung „Zum Aufsteigen in die nächste Klasse vorzüglich geeignet“28. Am 10. März wurde der Gymnasiast zum k. u. k. 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger einberufen und an der Dolomitenfront im Abschnitt Brenta-Adamello stationiert.29

Um den Tonale-Pass nördlich des Adamello-Massivs wurde zwischen den österreichischen und italienischen Hochgebirgstruppen jahrelang erbittert gekämpft. Denn wer den Tonale beherrschte, konnte auch problemlos durch das Val di Sole das Etschtal erreichen und nach Bozen vordringen. Noch im August 1918 erfolgte ein erbitterter italienischer Großangriff gegen den Tonale-Pass und die benachbarten Gipfelgebiete. Die Alpini besetzten die Punta San Matteo (3684 m), den Monte Mantello (3537 m) und den Gletschergipfel (3502 m). Dies bedeutete höchste Gefahr für die österreichischen Frontabschnitte. In einem gewagten Stoßtruppunternehmen gelang es den Österreichern, die dominierende Punta San Matteo zurückzuerobern. Es war der höchstgelegene Kampfplatz des Ersten Weltkriegs und die letzte siegreiche Kampfhandlung der kaiserlichen Armee. Am Ausgang des Krieges änderte die Eroberung der Punta San Matteo aber nichts.

Bis ans bittere Ende harrten die österreichischen Truppen in ihren Stellungen am Tonale-Pass aus. Mit dem Eintreten eines zwischen Österreich und Italien vereinbarten Waffenstillstands legten sie am 3. November die Waffen nieder. Die Tiroler Kaiserschützen zogen – von ihren italienischen Gegnern begleitet – noch unter Waffen hinunter durchs Val di Sole. Erst im Tal gaben die österreichischen Soldaten ihre Gewehre ab und ließen sich gefangen nehmen.30 Unter ihnen auch der Zugführer Peter Aufschnaiter, dessen 19. Geburtstag auch sein vorerst letzter Tag in Freiheit gewesen war.

Wie es Peter Aufschnaiter als Kriegsgefangener in Riva am Gardasee ergangen ist, schildert er anschaulich in einem Brief an seine Ziehschwester Maria Stranitzer, die sich in Branzoll aufhielt:

Liebste Schwester!

Riva, den 4. Juni 1919

Schon längere Zeit ist verstrichen, seit ich von daheim und von Dir die erste Post bekam. Seitdem langte nichts mehr ein. Nach Österreich braucht halt die Post noch immer sehr lange. Im Übrigen hoffe ich aber jetzt zuversichtlich, nach Hause zu kommen, denn der Friede wird jetzt doch bald abgeschlossen sein. Vor einigen Tagen sind übrigens schon die ersten Befehle gekommen betreffend unserer Heimkehr. Wie gefällt es Dir sonst in „Italia“? Ich denke, es wird so ziemlich gleich sein, nur mehr zu essen halt. Mir geht es jetzt ganz gut, aber trotzdem habe ich keinen sehnlicheren Wunsch, als endlich einmal heimzukommen. Im Anfange allerdings hat es mir nicht so gut gefallen, denn ich hatte die Hoffnung, jemals die Heimat wiederzuschauen, ziemlich aufgegeben, da ich eine schwere Krankheit durchmachte und dadurch sehr geschwächt wurde, dass ich Monate nachher mich kaum aufrecht zu halten vermochte, da ich nie genügend Nahrung bekam, um mich zu erholen.31 Erst in der allerletzten Zeit habe ich mich einigermaßen wieder erholen können, sodass ich jetzt wieder ganz gut ausschaue. Über das Essen könnte man sich hier nicht beklagen. Darum schauen wir auch jetzt alle gut aus, während uns allen, als wir hierherkamen, der Tod bei den Augen herausschaute. So sagen die Italiener hier immer. Nur zu rauchen kann man hier beinahe nichts bekommen. Da müsste man einer „Signorina“ bekannt sein, was aber einem armen, „prigioniero“, wie ich bin, nicht möglich ist, da er immer hinter einem Drahtverhau eingesperrt ist. Wir hatten nämlich Pech. In derselben Kaserne, in der wir uns befinden, ist auch eine ungarische Zenturie, die früher ganz freien Ausgang hatte. Sie haben aber so schreckliche Dinge ausgeführt, dass sie so eingesperrt wurden und wir natürlich auch darunter leiden. Die Gegend ist hier prächtig und immer eine frische, kühle Seeluft.

Dass mir nicht früher eingefallen ist, Dir zu schreiben, kommt daher, weil ich immer glaubte, Du seiest nicht mehr in Branzoll. Denn gerade von Branzoll hat mir einer erzählt, dass dort beim Rückzuge die Ungarn so schrecklich gehaust hätten. Wenn ich Dir früher geschrieben hätte, hätte ich mir viel schrecklichen Hunger ersparen können. Ich bitte Dich daher, wenigstens für diese kurze Zeit noch diese Vermittlerrolle zu übernehmen und mir etwa 40–50 Lire zu schicken. In der sicheren Annahme, dass Du mir die Bitte nicht abschlagen werdest, habe ich die Mutter schon gebeten, Dir diesen Betrag zu senden. Besuchen kann ich Dich leider nicht, wie Du ja jetzt selbst sehen wirst. Du würdest mich vielleicht anfangs gar nicht erkennen, denn ich bin in nagelneue italienische Montur gekleidet. In der Hoffnung, bald wieder einige lb. Zeilen von Dir zu bekommen, sendet Dir die herzlichsten Grüße

Dein dankbarer Peter32

Wenige Wochen später, am 15. August 1919, wurde Peter Aufschnaiter in Innsbruck der Heimkehrer-Entlassungsschein ausgestellt.33 Er erhielt 50 Kronen Kostgeld und eine Fahrkarte nach Kitzbühel. Die Bevölkerung dort stand unter Schockstarre. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hatte aufgehört zu existieren. Am 28. Oktober 1918 hatte sich Tschechien abgelöst und einen eigenen Staat gegründet. Tags darauf folgten bereits weitere Nationen wie Kroatien und Slowenien. Am 30. Oktober wurde in den deutschsprachigen Gebieten der Staat Deutschösterreich gegründet und der Sozialdemokrat Karl Renner zum Staatskanzler ernannt. Schließlich wurde am 3. November von Österreich und Ungarn die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, die am Folgetag in Kraft trat. Italien besetzte daraufhin neben Südtirol auch Triest und das österreichische Küstenland.

Peter Aufschnaiter (links) vor der Matura-Prüfung am Realgymnasium Kufstein.

Wirtschaftlich ging es dem einstmals aufblühenden Fremdenverkehrsort Kitzbühel inzwischen alles andere als gut. Die von Reisch initiierten Investitionen hatten zu einer starken Verschuldung der Gemeinde geführt. Aufgrund des kriegsbedingten Ausbleibens in- und ausländischer Gäste konnten die Zinsbelastungen nicht durch Einnahmen ausgeglichen werden. Besonders der Bau einer Badeanstalt am Rande des Ortes und der dadurch notwendige Ausbau des Elektrizitätswerks hatte die Gemeinde viel Geld gekostet, den Bürgermeister lokalpolitisch stark unter Druck gebracht und letztlich zum Rücktritt veranlasst. Der Krieg führte dann zum Konkurs seiner Brauerei, und das Sporthotel wurde als Lazarett genutzt. Diese Misserfolge nagten an dem ehemals unverwüstlich scheinenden Mann.

Der kollektiven Depression in seinem Umfeld zum Trotz verfolgte Peter Aufschnaiter weiter zielbewusst den von ihm eingeschlagenen Weg. Vom 29. bis 31. Oktober 1919 legte er am Reform-Realgymnasium Kufstein die Reifeprüfung ab – wie zu erwarten „mit Auszeichnung“34 – und immatrikulierte sich am 5. Dezember 1919 in der Philosophischen Fakultät der Universität Innsbruck.35

Die Weihnachtstage verbrachte Aufschnaiter in Kitzbühel im Kreise der Familie und Freunde und stieg am 6. Januar 1920 zusammen mit seinem Freund Ernst Reisch und dessen Vater mit Skiern auf den Hahnenkamm. Was dann geschah, lassen wir uns am besten von einem Zeitzeugen berichten, dem Kitzbüheler Lokalhistoriker, Bauerngelehrten und sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Hans Filzer:

„Am Dreikönigstage gegen Abend eilte die Kunde durch unser Städtchen, der Realitätenbesitzer Altbürgermeister Herr Reisch sei bei einer Skiabfahrt tödlich verunglückt. Die genauere Feststellung ergab jedoch, dass kein tödlicher Sturz oder Anprall vorlag, sondern ihn während der Fahrt ein Schlagfluss ereilte. Mit Herrn Reisch tritt ein Mann aus dem Leben, der in Kitzbühel gewaltig umgestaltend wirkte. Die Anerkennung für diese Umgestaltung steht aber seit einer Reihe von Jahren oftmals in einer sehr bösen Kritik.

Noch nie hat bisher ein Mann in Kitzbühel eine solche bauliche Umgestaltung in so kurzer Zeit ins Leben gerufen oder gefördert, das ganze Geschäftsleben in eine völlig geänderte Situation hinübergeführt, sich mit all seinem Können für ein Vorhaben derart eingesetzt. Sicher würde vieles anders dastehen, hätte Herr Reisch nie in unserer Mitte gelebt, aber ebenso sicher wären wir trotzdem in dies Fahrwasser gelangt, denn in Kitzbühel drängten die Verhältnisse noch viel mehr als in anderen Ortschaften darauf hin, eine neue Erwerbsquelle ausfindig zu machen. Die Frage ist nur die, ob dieser Übergang ohne die zielbewusste Führung dieses Mannes besser gelungen wäre. […]

Meinen [sozialdemokratischen] Parteigenossen, die ihm mitunter auch wegen seiner alldeutschen Allüren gram waren, möchte ich sagen: Wer nichts unternimmt, mag leicht der gute Mann sein, im Zahnrad unseres wirtschaftlichen Lebens verbleibt er aber eine Null ohne jede Bedeutung, und nur im Kopfe des Toren ist der ein Mann, dessen Schaffen stets mit Erfolg gekrönt ist.“36

Dass diese Würdigung des visionären Unternehmers und Lokalpolitikers aus der Feder eines erklärten politischen Gegners stammt, unterstreicht umso mehr die Bedeutung von Franz Reisch für den Aufstieg des verarmten Bergbaustädtchens Kitzbühel zu einer der ersten Adressen im alpenländischen Tourismus. Sein geistiger Ziehsohn Peter Aufschnaiter hatte als Schüler und Soldat alles getan, um die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wir können davon ausgehen, dass der grundanständige Franz Reisch mit seiner begeisterten Tatkraft, mit seiner Weltoffenheit und dem klaren Blick für das Notwendige und Mögliche dem „Peterl“ sein ganzes Leben lang Vorbild geblieben ist.

ANMERKUNGEN

1Vgl. Hans Wirtenberger: Viel zu elegant für Kitzbühel, Kitzbüheler Heimatblätter, 1993 Nr. 2, S. 101–102. Wido Sieberer (Hg.): Kitzbühels Weg ins 20. Jahrhundert. Von Landwirtschaft und Bergbau zu Sommerfrische und Wintersport, Kitzbühel 1999, S. 12–17.

2Vgl. ebd.

3Vgl. E-Mail von Hans Wirtenberger an den Verfasser vom 20. 02. 2018.

4Vgl. Hundert Jahre „Skibürgermeister“ Franz Reisch, 1. Fortsetzung. Kitzbüheler Anzeiger 19. 10. 1963, S. 3–4, 3.

5Vgl. Wido Sieberer (Hg.): Kitzbühels Weg ins 20. Jahrhundert, Kitzbühel 1999, S. 14.

6http://www.skikitz.org/ksc/geschichte/mit-dem-schi-aufs-horn-1893/ abgerufen am 25. 08. 2015.

7Kitzbüheler Bezirks-Bote, 16. 03. 1902, ohne Seitenangabe.

8Vgl. E-Mail von Dr. Wido Sieberer an den Verfasser vom 19. 02. 2018.

9Vgl. 100 Jahre Volksschulgebäude, Sonderausgabe von Stadt Kitzbühel Nr. 6/2007, S. 5–6, 14–15.

10Vgl. ebd., S. 8 oben.

11Vgl. Auszug aus dem Taufbuch der Kirchengemeinde Kitzbühel, Tiroler Landesarchiv https://apps.tirol.gv.at/bildarchiv/#1512408899364_19.

12Vgl. E-Mail von Hans Wirtenberger an den Autor vom 22. 02. 2018.

13http://www.skikitz.org/ksc/geschichte/mit-dem-schi-aufs-horn-1893/ abgerufen am 25. 08. 2015.

14Hundert Jahre „Skibürgermeister“ Franz Reisch, 3. Fortsetzung. Kitzbüheler Anzeiger 02. 11. 1963, S. 3–4, 3.

15Kitzbüheler Bezirks-Bote 20. 06. 1899, S. 4.

16http://volksliedarchiv.de/text3868.html abgerufen am 25. 08. 2015.

17Vgl. Zeugnis Peter Aufschnaiter Schuljahr 1905/1906 der Volksschule Kitzbühel, Archiv Volksschule Kitzbühel.

18Vgl. Zeugnis Peter Aufschnaiter Schuljahr 1906/1907 der Volksschule Kitzbühel, Archiv Volksschule Kitzbühel.

19Vgl. Zeugnis Peter Aufschnaiter Schuljahr 1908/1909 der Volksschule Kitzbühel, Archiv Volksschule Kitzbühel.

20Herbert Rosendorfer: Autobiographisches: Kindheit in Kitzbühel und andere Geschichten, München 2001, S. 42.

21Vgl. Martin Brauen (Hg.): Peter Aufschnaiter – Sein Leben in Tibet, Innsbruck 1983, S. 14.

22Vgl. Zeugnis Peter Aufschnaiter Jahrgang 1915/1916 des Reform-Realgymnasiums Kufstein, Stadtarchiv Kitzbühel, Personenakte Peter Aufschnaiter.

23Vgl. Peter Aufschnaiters Brief an Sven Hedin vom 08. 09. 1947, abgedruckt in: Martin Brauen (Hg.), Peter Aufschnaiter – Sein Leben in Tibet, Innsbruck 1983, S. 87.

24Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Sven_Hedin abgerufen am 22. 01. 2016.

25Vgl. ebd.

26Fritz Gansberg: Vorwort (1912) zu: Sven Hedin, Drei Jahre im innersten Asien, Braunschweig und Hamburg, 1921, S. 5–7, 5/6.

27Vgl. Acta Studentica, 37. Jg. Juni 2006 Folge 156, S. 15.

28Zeugnis Peter Aufschnaiter 1916/1917 des Reform-Realgymnasiums Kufstein, Stadtarchiv Kitzbühel, Personenakte Peter Aufschnaiter.

29Vgl. Martin Brauen (Hg.): Peter Aufschnaiter – Sein Leben in Tibet, Innsbruck 1983, S. 14.

30Vgl. Heinz von Lichem: Der einsame Krieg, Bozen 1988, S. 226–232 und 246.

31Aufschnaiter war an der nach dem Ersten Weltkrieg grassierenden „Spanischen Grippe“ erkrankt. Anm. NM.

32Stadtarchiv Kitzbühel, Personenakte Peter Aufschnaiter.

33Heimkehrer-Entlassungsschein, Stadtarchiv Kitzbühel, Personenakte Peter Aufschnaiter.

34Reifezeugnis, Stadtarchiv Kitzbühel, Personenakte Peter Aufschnaiter.

35Matrikelschein in der Personenakte Aufschnaiter, Stadtarchiv Kitzbühel, Personenakte Peter Aufschnaiter.

36Hundert Jahre „Skibürgermeister“ Franz Reisch, 1. Fortsetzung. Kitzbüheler Anzeiger 19. 10. 1963, S. 3–4, 4.

KAPITEL 2

FREUNDE FÜRS LEBEN

Wir wissen nicht, warum Peter Aufschnaiter sein Studium an der Universität Innsbruck nach rund einem Jahr abbrach. Wir wissen aber, dass er sich während des Sommersemesters 1921 und in den anschließenden Ferien ausgiebig dem Bergsteigen widmete: Zwischen dem 15. Mai und dem 22. August finden wir allein im Hüttenbuch der südlich des Ellmauer Tors im Wilden Kaiser gelegenen Gaudeamushütte nicht weniger als zwölf Eintragungen des bergfleißigen Philologie-Studenten.

Wir wissen natürlich auch, mit wem Peterl im Kaiser unterwegs war. Meistens war das der aus Innsbruck stammende und seit 1920 in Kitzbühel ansässige Rechtsanwalt Dr. Otto Zimmeter. Bis zur Abschaffung des Adels in der Republik Österreich im Jahr 1919 hatte seine Familie von Zimmeter-Treuherz geheißen. Weitere Bergkameraden waren der Saalfelder AV-Sektionsvorsitzende und Notar Dr. Fritz Rigele sowie der spätere langjährige Rektor der Kitzbüheler Volksschule Michael („Much“) Wieser. Die Bergfreunde waren nicht nur allesamt verdiente Weltkriegsveteranen, die an der Alpenfront gekämpft hatten, sondern sie teilten auch die großdeutsche Gesinnung.

Die ausgeführten Bergfahrten lassen auf eine steil ansteigende Leistungskurve des alpin ambitionierten Studenten schließen, die am 21. August ihren Höhepunkt fand in einer Begehung der renommierten Dülfer-Führe durch die Fleischbank-Ostwand, gemeinsam mit dem Kufsteiner Ausnahmekletterer Franz Weinberger.

Ermutigt durch den Erfolg, versuchte sich Peter Aufschnaiter wenige Wochen später zusammen mit seinem Freund Otto Zimmeter nochmal an diesem Markstein der klettersportlichen Entwicklung. In einem Artikel schilderte der Rechtsanwalt anschaulich, wie es ihnen dabei ergangen ist:

„An einem strahlenden Septembermorgen gingen mein lieber Freund Peter Aufschnaiter und ich die Fleischbank-Ostwand an. Frohgemut kletterten wir darauf los, benützten aber gewissenhaft die vorhandenen Sicherungshaken, die in genügender Anzahl im Fels staken; denn gottlob hatte schon seit geraumer Zeit kein Hakenmarder mehr in der Wand gehaust. Leichtfüßig übertanzten wir die beiden Quergänge, die anstrengende Kaminreihe überlisteten wir in feiner Kletterei an der rechtseitigen Wand, dann kam der hübsche Gang um den Pfeiler und nun standen wir am unteren Ende der bekanntanstrengenden Schlussrisse. […]

Sie beginnen mit einer plattigen Steilrampe; knapp rechts von ihr ist eine mannshohe schwarze Höhle in die Wand geschnitten. Peterl stieg die Rampe hinan; die musste aber ekelhaft schwer sein; denn es schien, als ob er überhaupt nicht vom Fleck käme. Endlich hatte er sie hinter sich und befand sich nun genau oberhalb der Höhle; ich stieg nach; bei Gott, diese Stelle hatte sich gewaschen; die war wirklich bluthart und fürchterlich kraftraubend! Da setzte nun ein schwefelgelber Riss an, der wenig vertrauenserweckend aussah und weiter oben in der Wand versickerte. Ich stand auf einem handtellergroßen Plätzchen; zu meinen Füßen stak ein alter verrosteter Dülferhaken, wohl ein getreuer Zeuge jener berühmten Neufahrt durch Dülfer und Schaarschmidt. Durch einen Schnappring verband ich Haken und Seil und Peterl hing sich an den Riss wie ein Hetzhund an seine Beute. Er verklemmte seinen rechten Fuß ganz verzweifelt in dem Riss, schob sich mühsam und vorsichtig empor und keuchte dabei vor Anstrengung wie eine schadhafte Dampfmaschine. Bald kam er zu einem Felsnagel, der wie ein fauler Zahn wackelte; Peterl gab ihm zwar ein paar wuchtige Hammerschläge auf den Schädel; das nutzte aber auch nicht besonders viel; er kettete das Seil durch einen Federring an den Haken und kletterte wieder weiter. Peter war am oberen Rissende angelangt und musste nun mit weit ausgestrecktem Arm nach links hinüberlangen, um dort einen Griff zu erreichen und sich mit seiner Hilfe aus dem Riss nach links auf kletterbaren Fels hinüberzuschwingen. Ehedem schlug er aber zur Sicherung noch einen Felsnagel und hakte ein. Ich folgte seinem Tun mit gespanntester Aufmerksamkeit. Er befand sich jetzt ungefähr 20 Meter fast senkrecht über meinem Standplatz und langte nun hinüber nach links zu jenem Felszacken, der den Schlüssel zum Weiterweg bedeutet.

Plötzlich stieß sich Peterl mit einem sehr unstandesgemäßen Fluch von der senkrechten Wand weg und sauste auch schon vollkommen lautlos mit unglaublicher Geschwindigkeit knapp neben mir vorbei in die Tiefe. Mein erster Gedanke war: Wenn nur das Seil und die drei Haken halten, sonst liegen wir alle beide in wenigen Sekunden drunten in der Steinernen Rinne! Ich riss das Seil ein wie ein Verrückter. Die beiden oberen Haken wurden durch die fürchterliche Wucht des Sturzes aus der Wand gerissen, als wenn sie in Butter gesteckt hätten. Doch, Gott sei’s gedankt, der ehrwürdige Dülferhaken hielt. Er war eisenhart mit dem Berg verwachsen und hielt treu und fest wie dieser.

Als ich glaubte, dass der Sturz bald beendet war, hielt ich das Seil mit der übermenschlichen Kraft des Verzweifelten; blutige Hautfetzen flogen aus den Handflächen, doch mich beherrschte nur der einzige Gedanke: Nur das Seil nicht auslassen! Endlich hatte ich die Gewalt des Sturzes gebrochen, ich war Herr des Seiles geworden und fühlte, dass mein Freund frei schwebte; durch eine Kette unerhörter Glücksfälle war Peter gerade in die Höhle rechts der Rampe hineingependelt; er hatte sich dabei allerdings den Fuß schwer verletzt und seinen Schädel tüchtig angehaut, dass ein Teil der Rampe wie die richtige Fleischbank eines Metzgers aussah; er redete auch, als ich mich voll Angst um sein Schicksal zu ihm hinuntergeseilt hatte, allerhand irrsinniges Zeug daher, doch ich war heilfroh und dankte dem Himmel, dass ich ihn lebend antraf. […]

Wie ich dann um Hilfe schrie und gehört wurde, wie uns noch in später Abendstunde der Oberländer Dr. Hamm von der Steinernen Rinne aus Rettung für morgen früh versprach und uns dadurch das Warten zu einem aufregenden Erlebnis machte, wie wir mitten in der Fleischbank-Ostwand eine zwar bitterkalte, aber hochromantische, mondscheinumglänzte Beiwacht hielten und dabei wie die Murmeltiere schliefen, wie uns dann die wackere Kufsteiner Rettungsmannschaft mit ihrem Obmann Klammer an der Spitze aus den Felsen holte und dabei alles wie am Schnürchen ging, wie ich noch einen Morgenbummel über die Karlspitze machte, wie mir dann am Ellmauertor durch den Stripsenjochwirt mit einer Flasche Schnaps, die ich vor Freude und Durst unsinnigerweise über den Kopf austrank, der bisher größte Rausch meines Lebens angehängt wurde, sodass ich auf Grutten den Fernsprecher nicht mehr bedienen konnte – das soll alles nur nebenbei gesagt sein!“1

Wir können also davon ausgehen, dass Peter Aufschnaiter im Herbst 1921 mit einigen Kopfblessuren sein Studium der Landwirtschaft an der Technischen Hochschule München antrat. Den im Programm der Technischen Hochschule des Jahres 1921/22 enthaltenen dringenden Rat, „vor Beginn des Hochschulstudiums sich längere Zeit in der Landwirtschaft praktisch auszubilden“, hatte der lädierte Studienanfänger in den Wind geschlagen.2 Dies dürfte eine entschuldbare Unterlassung gewesen sein; denn am Beginn des agrarwissenschaftlichen Studiums an der Technischen Hochschule München stand damals die Aneignung der theoretischen Grundlagen im Vordergrund: „Da bei einem großen Teil der Fächer des Landwirtschaftsstudiums und seiner Grund- und Hilfswissenschaften im Winterhalbjahre mit den grundlegenden Vorlesungen begonnen wird und das Sommerhalbjahr auf das im Winter gewonnene Wissen aufbaut, so ist das Studium im Winterhalbjahr zu beginnen.“3 Den Weg von seiner Studentenbude in der Adelgundenstraße 10 im Stadtteil Lehel zur rund zweieinhalb Kilometer entfernten Hochschule legte Peter Aufschnaiter wohl auf dem Fahrrad zurück, um dann von der Luisenstraße einige Treppenstufen zu ersteigen und weiter in den Hörsaal zu humpeln.

Ziemlich sicher ist auch, dass der Studienanfänger nach dem erlittenen Schaden nicht für den gutmütigen Spott sorgen musste, als er eines Abends das Nebenzimmer des Restaurants „Domhof“ betrat, wo seit neuestem die Versammlungen des Akademischen Alpenvereins München (AAVM) stattfanden. Die Quellen weisen darauf hin, dass der frischgebackene Studiosus agrarius in diesem sowohl gesellschaftlich als auch alpinsportlich elitären Zirkel von Beginn an willkommen war.4 Damals schon hatte dieser zwar kleine, aber feine Verein bereits international einen sehr guten Namen.

Die Gründung des AAVM war im Jahr 1892 von jungen Münchner Spitzenbergsteigern wie Albrecht von Krafft und Rudolf Reschreiter sowie den Brüdern Josef und Ernst Enzensperger ausgegangen, die durch anspruchsvolle Erstbegehungen in den Nördlichen Kalkalpen von sich reden gemacht hatten. Der Akademische Alpenverein München war keine Sektion des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, sondern eine verbandsunabhängige alpinistisch orientierte Studentenverbindung. Viele ihrer Mitglieder gehörten auch der DuÖAV-Sektion Bayerland an, einer Sektion, deren „Ideal der bergsteigerischen Tat“ dem AAVM sehr nahestand.5

International in Erscheinung trat der AAVM, als sein Mitglied Adolf Schulze am 26. Juli 1903 als erster Mensch den Gipfel der extrem schwierigen Uschba im Kaukasus erreichte. Im August desselben Jahres setzten seine AAVM-Kameraden Ludwig Distel, Georg Leuchs und Hans Pfann noch eins drauf und überschritten den Süd- wie den Hauptgipfel des Bergriesen in einer fünftägigen Gewalttour. Neun Jahre später markierten die „Akademiker“ Hans Dülfer und Werner Schaarschmidt den Beginn der „klassischen Moderne“ im Klettersport durch ihre Erstbegehung der Peter Aufschnaiter inzwischen gut bekannten Fleischbank-Ostwand im Kaisergebirge. Im darauffolgenden Jahr legten Hans Dülfer und Wilhelm von Redwitz mit der Erstbegehung der Direktführe durch die Westwand des Totenkirchls die Latte noch etwas höher.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten Mitglieder des AAVM sofort an diese stolze alpine Tradition angeknüpft. Der 1893 in München geborene Jurastudent Emil Gretschmann war in der Vorkriegszeit als Mitglied der Alpenvereinssektion Bayerland mit dem ebenfalls zu dieser Sektion gehörenden Klettergenie Paul Preuß in Kontakt gekommen und hatte sich unter dessen Einfluss dem lupenreinen Freiklettern verschrieben. Gretschmann gab diese Haltung an seinen AAVM-Kletterlehrling und alpinen Senkrechtstarter Herbert Kadner weiter, der sich wenige Monate zuvor, am 1. Mai 1919, im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beim Sturm auf den von der „Roten Armee“ besetzten Hauptbahnhof eine schwere Schussverletzung zugezogen hatte.6

Kadner war nicht der einzige AAVMler gewesen, der sich damals als Freikorps-Milizionär oder als Angehöriger der rechtslastigen Einwohnerwehr an der „Befreiung“ der bayerischen Landeshauptstadt beteiligt hatte. Im Verlauf des Weltkriegs hatte sich der kleine Verein von einem Zusammenschluss eher unpolitischer Bergbegeisterter zu einer nationalkonservativen Gesinnungsgemeinschaft gewandelt. Dazu mag auch beigetragen haben, dass 27 von rund 260 Mitgliedern auf den Schlachtfeldern geblieben oder an im Kriegsdienst zugezogenen Leiden verstorben waren.7 Der Jahresbericht des AAVM über die Kriegsjahre schließt mit einer programmatischen Aussage:

„Der Krieg ist anders ausgegangen, als wir hofften. Von innen heraus zermürbt, brach unser Vaterland zusammen, unbesiegt von den Heeren seiner äußeren Feinde. Machtlos stehen wir jetzt da, wehrlos hasserfüllten Feinden preisgegeben, durch innere Unruhen fast an den Rand des Verderbens gebracht. Kein Hoffnungsfünkchen scheint die düstere Zukunft zu erhellen. […] Aber sollen wir nun tatenlos zusehen, wie der Zusammenbruch unseres Vaterlandes weiter und weiter schreitet? Nein und tausendmal nein! So gewiss wie der AAVM im Kriege seine Pflicht tat, so gewiss werden wieder Zeiten kommen, in denen man mit Achtung und Ehrfurcht den deutschen Namen in der Welt nennen wird, Zeiten, in denen kein Welscher mehr wagen wird, deutsches Alpenland zu vergewaltigen.

Mitzuhelfen, dass diese Zeit bald kommen möge, das ist eine Aufgabe, würdig des AAVM […] Lasst uns darangehen, Männer zu erziehen, die die Traditionen unserer Väter hochhalten, Männer, die noch Freude haben an Kampf und Sieg, wie ihn die Bergwelt hundertfach verheißt! Ein körperlich gesundes Geschlecht wird auch gegen geistige Fäulnis gefeit sein.

Da mitzuarbeiten sei unsere vornehmste Aufgabe!“8

Obwohl das Bergsteigen für die tonangebenden Mitglieder des AAVM nach dem Vertrag von Versailles gewissermaßen zu einer Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln geworden war, dürfen wir uns Herbert Kadner und seine Freunde vom AAVM aber nicht als verbissene, allein aufs Politische fixierte Haudegen vorstellen. In einem als „Erlebnis Fels“ titulierten Essay machte der neue Stern am alpinen Himmel deutlich, was ihm am extremen Klettern vor allem wichtig war: „Darum möchte ich mich auch gegen eine allzu scharfe Betonung eines Gegensatzes zwischen Gefühls- und Leistungsalpinismus wenden. Es gibt nur eine Form des Bergsteigens, die Berechtigung hat: Jene, die das Streben nach Erhebung aus den Niederungen des Alltags verkörpert.“9

Als der Artikel von Herbert Kadner im Mai 1921 in der Zeitschrift Der Alpenfreund erschien, hatte ein Spaltensturz in den Ötztaler Alpen dem Leben des Verfassers bereits ein jähes Ende gesetzt. Der Tod Herbert Kadners überschattete noch das Vereinsleben, als Peter Aufschnaiter im Herbst 1921 begann, an den wöchentlichen Versammlungen des AAVM teilzunehmen. Die Trauer um Kadner hielt aber weder die „Aktiven“ noch die „Alten Herren“ davon ab, am 17. Dezember 1921 das 29. Stiftungsfest der alpinen Studentenverbindung im Restaurant „Deutsches Haus“ gebührend zu feiern. Die Bergsteigermaler Rudolf Reschreiter und Ernst Platz sorgten durch ihre pikanten Beiträge zur Kneipzeitung für Erheiterung während des offiziellen Teils der Veranstaltung, nach dessen Beendigung „noch an einem anderen Ort bis Morgengrauen weitergezecht wurde“.10

Im Verlauf des Wintersemesters konnte Aufschnaiter seinen alpinen Lehrmeister Franz Nieberl begrüßen, der bei den Münchner „Akademikern“ einen Vortrag über seine Erfahrungen an der Kleinen Halt im Kaisergebirge hielt, wo ihm noch kurz vor Kriegsausbruch zusammen mit Hans Dülfer die Erstbegehung der abweisenden 700 Meter hohen Nordwestwand gelungen war. Aufschnaiter scheint schnell heimisch geworden zu sein im Kreis der Münchner Studenten-Bergsteiger. In der letzten geschäftlichen Sitzung vor dem Osterfest des Jahres 1922 wählten sie ihn zum Ersten Schriftführer des Vereins.11

Im Winter 1921/22 dürfte Aufschnaiter wiederholt daheim in Kitzbühel gewesen sein, von wo aus er auf die verschneite Goinger Halt im Kaiser gestapft ist und mit Skiern den Kamm Ehrenbachhöhe – Großer Rettenstein – Falsenhöhe überschritten sowie das Kitzbüheler Horn und das Kitzsteinhorn erklommen hat. Im Sommer 1922 suchte „Petrus“ Aufschnaiter – wie er im AAVM-Tourenbericht genannt wird – nicht nur die Hörsäle und Übungsräume der TH München auf, sondern fand auch noch reichlich Zeit, sich in den unterschiedlichsten Gebirgsgruppen herumzutreiben. Die in den Publikationen des AAVM veröffentlichten Fahrtenberichte belegen, dass die bisweilen geäußerte Vermutung falsch ist, Peter Aufschnaiter habe nach seinem schweren Sturz in der Fleischbank-Ostwand das extreme Klettern aufgegeben. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass es ausgerechnet diese Fleischbank-Ostwand war, die als eine der ersten Touren in seinem Fahrtenbericht für das Jahr 1922 aufgeführt wird: Sich mit einer Niederlage abzufinden – darauf hatte Peter offenbar keine Lust. Zu den zahlreichen durchgeführten Touren zählten auch der schwierige Campanile Basso – die „Guglia“ – in der Brenta und mit der Westverschneidung des Predigtstuhls seines Vereinskameraden Emil Gretschmann auch eine der damals schwierigsten Kletterfahrten im Wilden Kaiser.

Auf derselben Doppelseite, auf der Aufschnaiters Fahrtenbericht abgedruckt ist, finden sich auch die Tourenlisten zweier ebenfalls neu aufgenommener Mitglieder des AAVM, denen namhafte Besteigungen in den Schweizer Hochalpen geglückt waren: Paul Bauer und Julius „Jules“ Brenner. Beide sollten in Peter Aufschnaiters Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Ihnen war im Sommer 1922 die Besteigung von nicht weniger als zwölf Viertausendern im Wallis gelungen, darunter sehr anspruchsvolle Berge wie das Matterhorn und die Dufourspitze des Monte Rosa! Diese Leistung ist noch beachtlicher, wenn man die Umstände bedenkt, unter denen diese Unternehmungen stattfanden. Die Bedingungen schildert Paul Bauer in eindrucksvoller Eindringlichkeit:

„Der Geburtsort unserer Auslandsbergfahrten ist das Isartal vor München. Freund Brenner und ich hatten uns einmal mittellos – 1922 in der Inflationszeit – dorthin zurückgezogen. […] Das Feuer lohte des Nachts, die Stadt, das ganze Deutschland, für das wir fünf Jahre lang jede Stunde zum Sturm anzutreten bereit waren und das uns nun so schrecklich fremd geworden war, das alles lag in unserem Rücken meilenfern […] Nahe war uns nur die Natur, unsere stets getreue Freundin, die uns so manchesmal mit einem goldenen Abendhimmel die schwersten Schlachttage, die bittersten Verluste hatte vergessen lassen […] Unsere Gedanken wanderten von einem Ende der Welt zum anderen und verweilten überall, wo Menschen im Kampf stehen mit der unberührten Natur; schließlich hefteten sie sich an den silbern schillernden Fluss vor uns, sie folgten seinem Lauf zu den Bergen, sie flogen von Gipfel zu Gipfel bis zu Fernen, die uns, den von einem Wall der Verleumdung, der Feindschaft, der Armut eingeengten Deutschen, damals unerreichbar waren. […] Die Worte flossen langsam über das Feuer hinüber und herüber, sie wurden bestimmter, zielgerichtet. Als der Morgen graute, da erhoben wir uns von unseren Felsen, der Plan war in allen Einzelheiten fertig: Proviant für sechs Wochen aus Deutschland mitnehmen, Entfernungen mit dem Rad zurücklegen, im Zelte wohnen. – Es wäre zum Lachen, wenn es uns nicht gelingen würde, allen Schwierigkeiten zum Trotz die hohen Berge dort drunten zwischen Italien und der Schweiz aufzusuchen; es musste gelingen, denn es war höchste Zeit für uns, aus der drückenden Enge, in die der Krieg Deutschland geschlagen hatte, herauszukommen.“12

Für Paul Bauer und Julius Brenner hatte dieser Befreiungsschlag auch eine politische Dimension: Sie waren entschlossen, „den Wall, den wirtschaftliche Knechtung und die feindliche Hasspropaganda um Deutschland aufgerichtet hatten, niederzureißen, um deutschem Bergsteigertum in der Welt wieder Anerkennung zu verschaffen. Der erste Vorstoß erfolgte im Jahre 1922 in die Schweiz …“13

Ihre alpinen Leistungen schützten Bauer und seine Freunde jedoch nicht vor dem Spott ihrer Vereinskameraden. Eine Karikatur in der AAVM-Kneipzeitung des Jahres 1922 zeigt sie in total abgerissener Montur vor einem Schweizer Hotel. Bildunterschrift: „Würdige Vertreter des Deutschtums im Ausland“. Die Kneipzeitung des Jahres 1925 enthält eine Zeichnung, auf der Paul Bauer gerade verspätet einen Sitzungsraum betritt. Sprechblase: „Ich weiß zwar nicht, was mein Vorredner gesagt hat, aber ich bin dagegen!“ In Münchner Bergsteigerkreisen dürfte sich niemand darüber gewundert haben, dass Adolf Hitler für diesen streitbaren Geist und seine Freunde „bereits 1923 der Mann [war], den wir nicht antasten ließen.“14 Aber das war nur eine Seite der Medaille. Paul Bauer war auch ein treuer Kamerad, dem das Wohl eines ihm nahestehenden Bergfreundes weit wichtiger war als weltanschauliche Unterschiede. So setzte sich Paul Bauer nach dem Sturz der Münchner Räterepublik im Mai 1919 erfolgreich für die Freilassung des inhaftierten Rotarmisten Otto Herzog ein.15 Obwohl politisch konträr gesinnt, waren beide Mitglieder der wertkonservativen, renitenten und leistungsorientierten Alpenvereinssektion Bayerland.

Paul Bauer war einer von Aufschnaiters besten Bergfreunden.

In Paul Bauers Umfeld gab es da noch einen akademischen Bergfreund namens Wilhelm Fendt, der gemäß einer beim AAVM kursierenden Anekdote am 9. November 1923 bei Hitlers Umsturzversuch mitgemischt haben soll! Am Marsch auf die Feldherrnhalle wäre er nur deshalb nicht dabei gewesen, weil er die Oberföhringer Brücke gegen die anrückende Reichswehr hätte sichern müssen – schwer bewaffnet mit einer sechsschüssigen Pistole. Es hieß, Fendt hätte seinen Aufnahmeantrag in den AAVM mit einem einzigen Satz begründet, nämlich „Ich war beim Freikorps.“16

Ein weiteres ehemaliges Freikorpsmitglied in den Reihen des AAVM war der Medizinstudent Eugen Allwein. Im Jahr 1917 hatte er sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet. Nach Kriegsende wechselte der junge Soldat ins Freikorps Oberland. Ende April 1919 nahm er an einer Feldschlacht gegen die „Rote Armee“ bei Dachau teil und mischte anschließend mit bei der „Befreiung“ Münchens. Wegen seiner Mitwirkung an dem militärisch zwar erfolgreichen, politisch jedoch wirkungslosen Sturm auf den Annaberg in Schlesien am 21. Mai 1921 verpasste Allwein das Notabitur für Kriegsteilnehmer daheim in München. Aufgrund „seiner Verdienste um Reich und Vaterland“ ermöglichte der Rektor des Wilhelms-Gymnasiums dem Freikorpskämpfer jedoch den Zugang zum Studium durch eine handschriftlich ausgestellte „ordre du mufti“.

Zu dem Freundeskreis um Paul Bauer im AAVM zählte damals auch der am 10. November 1900 in München geborene Wilhelm „Willo“ Welzenbach.