Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Erlebnisse und Geschehnisse im Konzert- und Dienstleistungsbetrieb Musik. Die musikalischen Genres geben eine Mauerschau der Geschehnisse wieder. Die Personen, die seinen Weg begleiten sind Inhalt seiner Reflexionen. Sinn und Unsinn einer Berufskarriere werden sichtbar
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Siegfried Liebl
Er und die Anderen
Geschichten eines Klavierspielers
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
3. Chor, leider(Sonatine)
5. Anthropogyn (Adaption)
6. Pit (Ragtime)
7. (Impromptu)
8. Fronleichnamsfest (Andante)
9. Diven (Blues)
10. Orgelspiel (Toccata)
11. Nachbarschaft (Scherzo)
12. Weihe des Hauses (Variation)
13. Endspiel(Fuge)
14.Theater( Fantasie)
15.Sterben (Adagio)
16. Ein Unfall (Paraphrase)
17.Quadrophon (Charakterstücke)
18.à la carte (Intermezzo)
19.Déjà vu (Allegro)
20.Millennium (Presto)
21.Oper und so (Aria)
22.Klavierstunden (Arabesque)
23. 2050 (Valse triste)
24.Von Melodie zu Melodie (Coda)
Impressum neobooks
Widerwillig hatte er die Offerte seines Schlagzeug spielenden Kollegen angenommen. Jener war Ende 60 und hatte eine Vollglatze. Sein Aussehen erinnerte stark an Kojak und den mittelalten Alfred Biolek, den er selbst auch trefflich Unterlippen stülpend nachahmen konnte. Sie zelebrierten das immer gleiche telefonische Begrüßungsritual, das sie einst von einem ehemaligen kroatischen Bandleader übernommen hatten. Dieser hatte ihn einmal stolz mit den Worten „ich grüße den zweitbesten Pianisten“ angerufen, worauf er schlagfertig erwiderte:“…und ich grüße den erstbesten!“ Die Ironie des verbalen Konters blieb vom Adressaten unerkannt, weil Stefan, der auch ein wenig ungarisches Blut in sich hatte, des gemeinen Hintersinns der deutschen Sprache nicht mächtig war. Wolle, der Schlagzeuger, unterbreitete ihm also das Mucken-Angebot. Musiker haben Mucken und Gigs und sogar eine eigene Sprache, welche die Anfangsbuchstaben eines jeden Wortes mit einem nachfolgenden „e“ ans Ende des Restwortes hängt. So können sie etwaige Beschwerden über einen unsympathischen Gastgebers lauthals verkünden und den Gegner dabei noch freundlich anlächeln.
Die Gage für 3 Stunden spielen-was sich letztendlich auf 5 Stunden anhäufte- solle 250€ betragen. Rechnung nebst Überweisung kämen von der Stadtverwaltung. 5 Stunden, und das noch open air! Er konnte sich bildlich vorstellen, wie er, Wolle und der noch ältere Andreas am Kontrabass leiden würden, wenn sie sich die Seele aus dem Leib spielen würden, und keiner nähme Notiz davon. Der Pianist kannte dies, da er nebenbei- und das schon seit seinem Musikstudium vor nunmehr 40 Jahren- mit einem anderen Drummer spielen musste, der- abgesehen von den bizarren Spielorten- eine äußerst begrenzte Auffassungsgabe von Musik und Rhythmus hatte. Jener war eigentlich sein Leben lang Klassiker, Notist und Pauker in einem bayrischen Sinfonie-Orchester und vor Jahren durch intensive Image-Kampagnen zum Jazzpreisträger seiner mittelgroßen Heimatstadt erkoren worden. Neulich erst spielten der Pianist und der liebe Tobias bei einer drögen Dorfveranstaltung in einem Schlosshof. Die Sonne brannte ihnen ins Gesicht, denn das provisorische Podium war blöderweise zur Südseite hin ausgerichtet. Auch der bulgarische Geiger, der nebenbei Tenorsaxofon spielte, um seine Vielseitigkeit zu beweisen beziehungsweise von seiner vererbten balkanesischen Schlampigkeit abzulenken, brachte seine Instrumente in den Spielpausen zum Schutz vor weiterer Verstimmung in kühlere Regionen. Tobias war schon vorsorglich mit Nick- Knatterton-Mütze angetreten; es wurde ihm vor wenigen Tagen erst ein Karzinom aus der Schädeldecke geschnitten, und er wollte der Sonne wahrlich keine neue Nahrung geben. An solchen Tagen werden Minuten zu Stunden und man verflucht seinen Berufsstand sowie das fressende, glotzende und saufende Publikum. Musikalisch gesehen war es ein Wettkampf zwei gegen 2, und keiner wusste eigentlich, wer von ihnen gerade falsch spielte; dazu kamen die peinlichen Ansagen des fränkisch sprechenden Perkussionisten. Er hatte die seltsame Angewohnheit, beim Sprechen ganze Worte und Halbsätze zu verschlucken. Auch beim Musizieren konnte bei ihm das eine oder andere Viertel fehlen oder dazukommen. Tobias und der Pianist lächelten sich dann kopfschüttelnd an.
Sollte es wieder eine solche Pleite werden, wo man sein ganzes Equipment anschließend einen halben Kilometer zum Auto schleppen muss, weil es keine andere Zufahrt oder Parkmöglichkeit gibt? Er sagte dennoch zu. Einige Tage später rief Wolle noch einmal an, um die notwendigen Bankverbindungen abzufragen, da er alle Gagenrechnungen selber schreiben wollte. Er war sparsam bis geizig geworden, seit er eine reiche ehemalige Metzgersgattin, die sich vor einigen Jahren seinetwegen hatte scheiden lassen, als Frau an seiner Seite hatte. Er meinte, man solle sich doch fahren lassen, um eine Parkgebühr von 6 Stunden in der Innenstadt zu vermeiden. Dem Pianisten leuchtete das ein.
Am Vormittag des besagten Sonntags, an dem sie zu einer Kunsthandwerks-ausstellung im berühmten Innenhof der Großstadt spielen sollten, tröpfelte es immer wieder vom Himmel, und er hatte Bedenken, ob seine Elektronik Schaden nehmen könnte. Am Spielort angekommen war er Zusehens erleichtert ob des kleinen Zeltes, unter dem sie alle Zuflucht finden würden. Man war mit 3 Autos im Konvoi gefahren und schlängelte sich durch den engen Parcour der mit allerhand nutzlosem Zeug vollgebudeten Innenstadt. Dieser Ort war voll von Billigläden und fress to go-Tempeln. Die Leute auf den Straßen waren allzeit schlecht gekleidet und vermittelten eine völkische Zufälligkeit. Zudem tränkte der Dunst von abgestandenem Speisefett und intensivem Körpergeruch die geistige Aura dieser City. In den Wochenzeitungen und Tagesanzeigern dieser Region waren immer Menschen mit aufgedunsenen und rot schimmernden Gesichtern zu sehen, die gerade ein einschlägiges Event mit Bravour absolviert hatten. Sie hatten immer irgendwelche Gläser in der Hand, und so war es letztendlich egal, an welchem Tage man diese Blätter aufschlug.
Als die drei ihre Instrumente aufgebaut hatten, waren sie heilfroh, dass der geringe Platz unter dem weißen Alu-Zelt ausgereicht hatte. In den Spielpausen wollte Wolle über seinen i-pod Berieselungsmusik einspielen.
Und so wartete man die zu verbleibenden 20 Minuten ab, bis man endlich zu spielen beginnen sollte. Musiker vertreiben sich in solchen Situationen ihre Zeit mit Wortspielen, Witzen oder Zoten. Man muss dies verstehen, sind doch diese Menschen schöpferisch und innovativ veranlagt und deshalb ständig auf Standby programmiert. An diesem Tag erzählte Wolle die Geschichte des König Lud, der auf seiner Burg zu Kerzenschein und bei offenem Fenster regelmäßig masturbierte. Nachdem die Burg aber keinen Namen hatte, wurde sein Volk, das bei seines Herrschers nächtlichem Treiben ständig Zeuge war, zwecks Betitelung des aristokratischen Stammsitzes befragt. 95% kamen trotz schlechter Deutschkenntnisse zum selben Ergebnis…..
Der Pianist kannte sich beim equalizing seiner Verstärkeranlage gut aus, und so kam es auch nicht zu unerwünschten Rückkopplungen und Pfeifattacken. Die Passanten im Innenhof nahmen die Musiker erst wahr, nachdem diese zu spielen begonnen hatten. Als Pianist kann man sich hinter eine Sonnenbrille flüchten oder man betrachtet das schwarz-weiße, antiaparte Gebiss seiner Tastatur. Man fällt nie mit der Tür ins Haus und startet etwa mit einem up-time Titel. Die Presse hatte sie in einer kleinen Notiz mit „fetzigem Jazz“ angekündigt. Wortschöpfer solcher Termini haben wahrscheinlich mit der Bildungsnähe eines Millionen-Publikums geflirtet. Wolle, der Schlagzeuger und Bandleader für eben diesen Tag hatte jenen Presseartikel ebenfalls mit missbilligendem Augenzwinkern quittiert. Andreas aber war glücklich, wieder einmal mit seinem geliebten Ensemble spielen zu können. Die drei waren eine verschworene Einheit, bei der jeder einzelne riecht, was der andere vorhat. Üben gilt in diesen Kreisen der Musik als verpönt; man hat ein Repertoire mit ausreichender stilistischer Vielfalt oder man dümpelt dahin, wie der Jazzpreisträger und sein bulgarischer Geiger.
Allmählich hörte der Regen auf ,und die Sonne zeigte sich. Hatte der Wetterbericht nicht anderslautendes vorausgesagt? Sei`s drum! Den 3 Freunden war es nur recht, wie sich immer mehr Menschen Stühle schnappten, um diesem einzigartigen Konzert zu lauschen; ein Konzert, das zu drei Vierteln aus Instrumentalmusik bestand, Musik, bei der keiner die nötige Liebesinformation- oder was man zu tun und zu lassen hätte- mitlieferte. Man spielte 45 Minuten und hatte dann bis zum vollen Glockenschlag eine Trink- und Entspannungspause. Die Menge hatte zwar keinen Eintritt bezahlt, doch sie harrten auf den kommenden Set und hörten sich von Minute zu Minute besser in Swing und Adaption ein. Neben Standard-Titeln der Swing Ära kamen ganz neue und faszinierende Mixturen von Klassik und syncopated Music zu Gehör; und in den Gesichtern dieser Zufallsmenge von Menschen zeichnete sich neben Bewunderung ein Glücksgefühl der seltenen Art ab. Ein lächelndes Miteinander ergriff Besitz von allen, die an diesem Sonntagnachmittag den berühmten Innenhof der Stadt säumten. Als dann die große Kirchenglocke ans 6- Uhr- Gebet gemahnte, und die treuesten der treuen eine Zugabe dieser Band einforderten, improvisierte der Pianist zum Klang des tiefen g spontan den Choral „Wie schön leucht` uns der Morgenstern“ als jazzige, religiöse, klassisch zeitlose und dankbare Paraphrase. Ja, es war ein Konzert, welches sich zu spielen gelohnt hatte; und alle, die es erlebt hatten, waren dieser Meinung.
Eigentlich wollte er nur spazieren gehen. In Sichtweite auf einem Feld wurde etwas aufgeblasen. Sein Sohn drängte ihn ungeduldig, sich dem Geschehen anzunähern. Ein Fernsehteam filmte eifrig mit. Man wollte den Beitrag zeitnah senden. So geschah es dann auch.
Sie war Ende 30 und stand an der Reling eines Heißluftballons, der hoch über einem Walde schwebte, und sprach mit gefalteten Händen ein herzer-weichendes Gebet für ihn, der kürzlich an Diabetes verstorben war, und dessen Asche nun in einer Holz-Urne mit unterseitigem Klappverschluss außerhalb des Korbes befestigt war: „ Mein kleiner Liebling, Du warst mein Lebensinhalt und Du hast mir immer alles verziehen; ich danke Dir dafür!“ Neben ihr stand auch noch die 10jährige Tochter und schaute hilflos aufs Weidengeflecht. Der Ballonführer hatte die Luftbestattunszeremonie kurz zuvor mit den Worten „wir sind heute zusammengekommen, um von Putzi Abschied zu nehmen“ begonnen.
Was für eine clevere Marketing-Idee, dachte er: Ballonbestattung für Hunde. Abrieseln der Asche über unbewohntem Gebiet (so will es der Gesetzgeber!). Er hatte sich schon manchmal gefragt, warum so viele Menschen beim Husten bellen. Ihm wurde schlagartig klar, dass manche Zeitgenossen ihr defektes Seelenimplantat standhaft vor ihren Mitmenschen verschweigen.
Die Ballonfahrt, speziell zu Pietätszwecken, kostet schlappe 1250€. Dieses Land lechzt nach Elend, Krieg und Hungersnot, wo es dann volksliedhaft heißt: „ Die Kinder schrei`n nach Kaviar, sie wissen`s noch wie`s früher war“; dann darf man auch ungeniert sagen: „Wir sind auf den Hund gekommen“! Er erinnerte sich daran, dass in diesem Land der Tierschutz mehr Mitglieder als der Kinderschutz hat.
P.S. Wem diese Geschichte zu kurz erscheint, dem sei gesagt: Der Hund war klein und hatte ein kurzes Leben.
Dienstag-, Mittwoch- und Donnerstagabende waren außerhalb der Schulferien für den Chorgesang verplant. Er sang nicht in einem oder mehreren Chören; nein, er leitete sie. Das Vereinswesen nach deutscher Art, das bis in seine Tage Gauchorleiter zu Führern ernennt, prägt nach-haltig die Sängerschaft der einzelnen Bundesländer. „ Frisia non cantat“ hat schon Tacitus in seiner „Germania“ bemerkt. Es gibt in der Tat ein sängerisches Qualitätsgefälle, das sich reziprok von Nord nach Süd hinzieht. Die Anzahl der Vereine steigt, je mehr man sich den Alpen nähert. Eine Daumenregel sagt auch, dass ein Chor nur so gut singt wie sein Leiter, pardon, Leiterin. Es gibt immer mehr Frauen, die dem Führerprinzip in Haus und Beruf folgen.
Bei ihm hingegen war es reiner Zufall, dass er ein Angebot diesbezüglicher Art bekam. Er hatte als Pianist den Gesangverein seiner Wohnstadt beim Konzert begleiten dürfen. Mittelmäßig, hemdsärmelig und laut kamen ihm die Menschen mit ihren aufgerissenen Kehlen vor. Er saß in Sichtweite zum Dirigenten schräg und nah am Publikum, das an langen Biertischen lärmend vor sich hin tafelte. Die Sänger und Sängerinnen auf der halbhohen Bühne störte dies nicht, denn sie waren auf die rudernden Gesten des Leiters programmiert, der mit seinem Schlagmuster, das zu groß war und sempre forte suggerierte, fast alle Blicke im Saale auf sich zog. War es Leidenschaft oder die bloße Abwehr gegen die Wand des permanenten Grummelns der anwesenden Zuschauer? Deutliche Liedschlüsse veranlassten schließlich zu Beifall, und ein verirrtes Bravo durfte nicht fehlen, schon aus Tradition nicht. Die Gage war ordentlich, und er vergaß diesen Abend in stickiger Luft bei zu geringer Raumhöhe schnell.
Eines Tages sagte sich der gesamte Vorstand der Singgemeinschaft bei ihm an, und die Herren klagten über den erwähnten Chorleiter. Schlechte Menschenführung, Probenausfälle, finanzielle Ungereimtheiten usw. sähen sie als ausreichenden Anlass, den Herrn seiner Funktion zu entheben. Der Pianist wollte seinerseits nicht den Königsmörder spielen. Man versprech ihm aber reichlich Entgelt für fürderhin zu leistende Dienste. Da er bald ein neues Auto kaufen wollte, machte ihm das Angebot mit Sondervergütungen bei Ständchen, Beerdigungen und Konzerten gierige Gedanken und er war sich damals nicht im klaren, auf was er sich da einlassen würde. Er sagte zu und startete nach den großen Schulferien mit dem Probenmarathon Kinderchor, junger Chor, gemischter Chor( In Stunden: 18 bis 19 Uhr, 19 bis 20 Uhr und schließlich 20 bis 22 Uhr)-jeden Donnerstag. Das größte Problem bereitete ihm die kritische und abwarten-de Haltung der eingefleischten Fans seines Vorgängers, allesamt aus der Gruppe „Junger Chor“. Junge Menschen sind im allgemeinen treu und wechseln ungern die Pferde. Er hatte aber gerade einige Songs zu „Hair“ arrangiert, die er gekonnt und mit pädagogischem Geschick einstudierte. Er war gewohnt, mit jungen Menschen umzugehen. Sein Charme und sein pianistisches Können überzeugten schließlich.
Die Alten hingen sowieso an seinen Lippen. Die Menge an singendem Personal war frappierend, die Niveauunterschiede ebenfalls. Die Soprane, die in den 40igern standen, kannten kein Passagio; deshalb war auch beim zweigestrichenen „e“ Schluss mit halbwegs sauberem und einheitlichem Singen.
Frauen waren noch nicht lange ins Geschehen integriert, da der Chor mit einer Tradition von 150 Jahren ursprünglich ein reiner Männerchor war, der sogar den Aderlass zweier Weltkriege einige Zeit kompensieren konnte. Mit dem gesellschaftlichen Umbruch der späten 60er Jahre veränderte sich das Männerbild, die Liedinhalte und das Selbstbewusstsein der Bevölker-ung. Elvis und die Beatles hatten ihren Teil dazu beigetragen, Radio und TV spülten immer mehr angelsächsisches Melodiengut ins Land (obwohl die ausländischen Stars und Sänger sich anfänglich auf die Verbreitung der jeweiligen deutschen Textversion ihrer Hits eingelassen hatten). Die sturen Vereine verschliefen diesen Trend und betrieben keine Jugendarbeit. Ihre Männer entschliefen nach und nach in den Armen des deutschen Mägde-leins.
Als Chorleiter lebte er nun mit der Schizophrenie der Literatur. Die einzelnen Altersgruppen beäugten sich argwöhnisch und verachteten insgeheim den musikalischen Geschmack der jeweils anderen. Bei Kon-zerten sollte er daher ein gemeinsames Lied spielen und singen lassen, um so wenigstens vor dem anwesenden Publikum den Anschein der Gemeinschaftlichkeit erscheinen zu lassen. Mit Diplomatie war es ihm noch immer gelungen, ein tragbares Konzept auf die Beine zu stellen. Der anschließende Dank mit Trollinger und Blumen war mehr als berechtigt.
Komischerweise war die Solidarität bei Stadtfesten mit Bewirtung oder beim Altpapiersammeln vollkommen intakt. Seit 7 Jahren trinkt er keinen Alkohol mehr, und sein Blutdruck dankt es ihm. Den genannten Chor leitet er seit nunmehr 25 Jahren. Die Alten sind (wenn sie nicht gestorben sind) noch älter geworden, die Stimmen leiser und…schöner! Die wachsende Qualität in den Jahren seiner Tätigkeit lässt Menschen singen, die Enkel waren und jetzt Eltern sind; sie lässt alten Damen und hageren Greisen die Ästhetik der Musik verspüren, wie es sie in der guten alten Zeit nie gege-ben hatte.
Den Kinderchor leiten seit langem andere. Er wollte sich nicht an Wunsch-geschöpfen aufreiben, wenn er wieder einmal wegen Überforderung kritisiert werden sollte. Modisch infantiles (wenn auch international) und die permanente Sucht nach einstimmigen Pillepalle- Musicals mit dem Stimmambitus einer kleinen Sexte waren ihm zeitlebens suspekt.
