Erdmut - Anselm Schröter - E-Book

Erdmut E-Book

Anselm Schröter

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Beschreibung

Anselm Schröter hat in vorliegendem Buch das Leben seiner Mutter, Erdmut Schröter, skizziert. Nach umfangreichen Recherchen und unter Verwendung vielfältiger Quellen hat er die Entwicklung einer Frau dargestellt, die in einem wechselvollen Schicksal durch das 20. Jahrhundert geschritten ist. Der Werdegang der Protagonistin ist eingebettet in die historischen Phänomene der Zeit. Hatte die Frau noch eine einigermaßen unbeschwerte Jugend in einer Pfarrersfamilie während der Zwischenkriegszeit erlebt, so wurde sie durch ihre Entscheidung, sich an einen von der nationalsozialistischen Ideologie begeisterten Junglehrer zu binden, ziemlich schroff aus ihren Träumen gerissen. Aus einer Lehrerfrau wurde eine Offiziersfrau, eine Mutter, später eine ausharrende Frau eines Kriegsgefangenen. Der Autor ordnet die Flucht aus Schlesien in Etappen ein. Auch die erschütternden Versuche, eine Familie im Nachkriegsdeutschland am Leben zu erhalten, sind eindrücklich zu verfolgen. Viele Illustrationen veranschaulichen Erdmuts Leben.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Anselm Schröter hat in vorliegendem Buch das Leben seiner Mutter skizziert. Nach umfangreichen Recherchen und unter Verwendung vielfältiger Quellen hat er die Entwicklung einer Frau dargestellt, die in einem Schicksal voller bizarrer Wendungen durch das 20. Jahrhundert geschritten ist. Der Werdegang der Protagonistin ist eingebettet in die historischen Phänomene der Zeit. Hatte die Frau noch eine einigermaßen unbeschwerte Jugend in einer Pfarrersfamilie während der Zwischenkriegszeit erlebt, so wurde sie durch ihre Entscheidung, sich an einen von der nationalsozialistischen Ideologie begeisterten Junglehrer zu binden, ziemlich schroff aus ihren Träumen gerissen. Aus einer Lehrerfrau wurde eine Offiziersfrau, eine Mutter, später eine ausharrende Ehegattin eines Kriegsgefangenen. Der Autor ordnet die Flucht aus Schlesien in Etappen ein. Auch die erschütternden Versuche, die Familie im Nachkriegsdeutschland am Leben zu erhalten, sind eindrücklich zu verfolgen. Viele Illustrationen veranschaulichen Erdmuts Leben.

Anselm Schröter wurde 1954 in Hessen geboren. Nach dem Studium in Gießen zog er 1982 mit Familie nach Lesotho, um fünf Jahre lang für den Deutschen Entwicklungsdienst als Lehrer, später auch als Dozent zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr und etlichen Wirren in der alten Heimat landete er schließlich an einer Privatschule in Annweiler in der Pfalz. Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er dort Biologie und Chemie. Diese Zeit wurde von einem dreijährigen Tätigkeit an der Deutschen Schule in Mexico City, sowie von ausgedehnten Reisen unterbrochen. Seit 2016 lebt und arbeitet er im beruflichen Ruhestand.

Inhalt

Figuren der Handlung

Orte der Handlung

Vorwort

1. Kapitel: Kindheit und Jugend

2. Kapitel: Die Herkunft von Johannes Schröter

3. Kapitel: 1939 – Wirren

4. Kapitel: In froher Erwartung

5. Kapitel: Kriegszeit

6. Kapitel: Böses Erwachen: 1945

7. Kapitel: Verzweiflung und Elend: 1946

8. Kapitel: Glauben und Zweifeln: 1947

9. Kapitel: Wiedervereinigung mit Tücken: 1948

10. Kapitel: Keine Ruhe: 1949

11. Kapitel: Konsolidierung: Die 50er Jahre

Epilog

Danksagung

Figuren der Handlung

Generation der Großeltern

Alexander Klinkert, geb. 1875, gestorben 4.10.1940, genannt Opi

Gertrud, geb. Schammer, geb. 1886, gestorben 27.12.1985, genannt Omi

Friedrich Schröter, geb. 1886, gestorben 8.2.1948, genannt Opa oder Vater

Erna, geb. Arnold, geb. 1888, gestorben 1976, genannt Oma

Generation der Eltern

Erdmut, geb.1915, gestorben Neujahr 2008, genannt Mutti, Protagonistin des Buches

Schwester Ruth, geb. 1912

Schwester Benigna, geb. 1914, früh gestorben 1931

Schwester Maja oder Maya, geb. 1917, sowie ihr verschollener

Mann Helmut Gruhl

Bruder Manfred, geb. 1922, gefallen in Libyen

Bruder Cord-Berend, geb. 1925, gestorben 1952

Johannes Schröter, geb. 1913, gestorben 7.1.1994, genannt Vati

Schwester Hanna, geb. 1914, sowie ihr Mann Felix Eisele

Bruder Gerhard, geb. 1916

Schwester Christa, geb. 1919 (?)

Bruder Siegfried, geb. 1921

Bruder Gottfried, geb. 1925; ein Nutznießer der „späten Geburt“, wie Helmut Kohl es einmal so treffend ausdrückte. Durch Vermittlung von Bruder Borngräber ließ er sich nach dem Krieg als angehender Lehrer im Spessart nieder und diente den Flüchtlingen seiner Familie als erste Anlaufstelle. Zeitweise wohnten mit ihm seine Mutter, seine Schwester Christa, sein Bruder Siegfried und sein Bruder Johannes mit Sohn Volker, in sehr beengten und finanziell kaum erträglichen Verhältnissen…

Meine Generation

Bruder Volker, geb. 1940 in Deutscheck (Alt-Strunz) gestorben 2022 Schwester Bettina, geb. 1941 in Herrnhut, genannt Tia

Bruder Knut, geb. 1944 in Herrnhut, genannt Knüti

Bruder Rainer, geb. 1950 in Hintersteinau

Anselm, geb. 1954 im Krankenhaus in Kirberg bei Linter, der Verfasser

Kordula, Tochter von Maya, Erdmuts Schwester

Beni, Tochter von Ruth, Erdmuts Schwester

Weitere Personen:

Berend und Ellen Roosen, Verwandte mütterlicherseits, bei denen Erdmut ein Hausarbeitsjahr absolvierte

Bruder Borngräber, genannt BMW, ein Bibliothekar aus Neuhof bei Fulda. Durch seine evangelikale Gesinnung beeinflusste er die Familie Schröter schon in der Jugend von Johannes. Er wurde für alle moralischen Fragen eingeschaltet, gab aber auch, ohne gefragt zu sein, gerne seine gewichtigen Meinungen zu allen Lebensfragen. Einer nationalsozialistischen Gesinnung unverdächtig konnte er direkt nach dem Krieg wichtige Verbindungen zum Roten Kreuz knüpfen. Durch ihn fand der erste Kontakt von Johannes aus der Gefangenschaft zu seiner Frau statt. Er war auch erster Anlaufpunkt nach der Entlassung von Johannes.

Siegfried Beyer, Pfarrer, Bettgenosse von Johannes während der Gefangenschaft, guter Freund der Familie

Familie Simon und Familie Riep, Bauersleute, bei denen Erdmut arbeitete

Klinger, Henninger, Eufinger, Belling, Wingelberg, Nagel, weitere Bauern in Polkau, bei denen Erdmut arbeitete

Ehepaar Niehus, Lehrer, Nachfolger von Johannes und Mitbewohner in Polkau

Herr Görling, Bürgermeister von Polkau, ein eher sympathischer Mann

Orte der Handlung

Die Ziffern vor den Ortsnamen beziehen sich auf die Karte auf dem hinteren Umschlag!

1. Gnadenfrei. Geburtsort von Erdmut. 1742 als Herrnhuter Kolonie gegründet. 1928 als politische Gemeinde mit Ober-Peilau und Mittel-Peilau zusammengeschlossen. Hier arbeitete Opi als Pfarrer, wuchs Mutti auf. 1945 wurde es umbenannt in Zagórze, 1947 in den heutigen Namen Piława Górna. Die deutschen Anwohner wurden vertrieben und durch meist Zwangsausgesiedelte aus der damaligen Ukraine, dem heutigen Ostpolen ersetzt. Der berühmte Missionar und Tibetologe August Hermann Francke wurde hier geboren!

2. Alt-Strunz. Der Name hat wohl slawische Wurzeln. Im Rahmen der nationalsozialistischen Germanisierung wurde er um 1937 in Deutscheck umbenannt. Ab 1945 dann polnisch (Stare Strącze). Etwa sechs Kilometer südöstlich Schlawa (Sława), zwölf Kilometer nordwestlich liegt Fraustadt (Wschowa). In Deutscheck wurde Volker geboren.

2. Rädchen (Radzyń). Nachbardorf von Schlawa. Hier arbeitete Opa als Lehrer, wuchsen mein Vater und seine Familie im Lehrerhaus auf.

2. Fraustadt (Wschowa). Meine Eltern besuchten das Gymnasium in dieser Kreisstadt.

3. Herrnhut. Stadt in der Oberlausitz, am Rand des Zittauer Gebirges, Sachsen. 1727 gegründet von Graf Zinzendorf als Zentrum der pietistischen Brüdergemeine. Omis Familie stammt von hier. Für einige Jahre lebte Mutti hier. Bettina und Knut kamen in Herrnhut zur Welt. Herrnhut diente vorübergehend auch als Fluchtstützpunkt vor dem Vormarsch der Russen zu Ende des 2. Weltkriegs. Noch heute ist unsere Familie sehr stark mit diesem Ort verbunden, etliche Verwandte lebten und leben hier.

4. Polkau. Kreis Osterburg, Bezirk Stendal, Sachsen-Anhalt. Bauerndorf. In diesem Ort erhielt Vati seine erste Stelle als Dorfschullehrer. Später, während und nach dem Krieg hauste meine Familie hier, bevor die Übersiedlung in den Westen gelang.

5. Neuengronau. Kreis Schlüchtern. Vatis jüngster Bruder Gottfried arbeitete hier als Junglehrer. Sein Lehrerhaus diente als Anlaufstelle für Flüchtlinge und Heimkehrer der Familie Schröter. Vati lebte hier mit Volker, später auch der Rest der Familie.

5. Hintersteinau. Kreis Schlüchtern. Vati erhielt 1949 hier seine erste Arbeitsstelle als Lehrer nach dem Krieg. Bruder Rainer wurde hier 1950 geboren.

6. Linter. Kreis Limburg. Vati wurde 1952 hierher versetzt. Ich wurde als letztes Kind der Famillie 1954 im nahegelegenen Krankenhaus von Kirberg geboren.

6. Limburg. Letzter Aufenthaltsort und Lebensmittelpunkt der Familie. Vati erhielt eine Stelle als Rektor einer Grund- und Hauptschule.

Vorwort

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Vergangenheit meiner Familie. In gewisser Hinsicht bedrücken, aber auch faszinieren die komplizierten, verschlungenen Wege, auf denen sich die Menschen der Kriegsgeneration bewegt haben. Die großen Brüche, Abgründe während den Jahren des nationalsozialistischen Terrors, die jeden damals zwangen, sein Leben nachhaltig zu verändern, können wir heute nur schwer nachempfinden. Mein Ansatz, diese Zeit anhand des Lebens meiner Mutter zu veranschaulichen, liegt nun vor dem geneigten Leser.

Wenn ich mir meine umfangreichen Vorarbeiten in Erinnerung rufe, dann stoße ich immer wieder mit Unmut auf den von mir gewählten Zeitpunkt. Warum habe ich mich nicht schon früher, zu Lebzeiten meiner Eltern, mit deren Lebensgeschichte befasst? Warum erst jetzt? Das kollektive Gedächtnis der Zeitgenossen, die ich zu dem Projekt kontaktiert habe, ist im Begriff zu schwinden. Die Erinnerungen erodieren, es bleiben nur Bruchstücke übrig, die sich allzu oft an alten Fotos entlang hangeln oder an den wenigen im Familienkreise kursierenden „Stories“. Diejenigen Personen, auf die es ankommt, die Verwandten, liegen meist schon seit vielen Jahren unter der Erde, ihre Zahl schrumpft im Sauseschritt. Einer der Letzten, aus denen ich noch das eine oder andere Detail „herauskitzeln“ konnte, mein ältester Bruder Volker, ist auch schon vor mehr als einem Jahr, viel zu früh verstorben.

Schon jetzt möchte ich alle diejenigen ermahnen, die spüren, das eigene Leben hätte ausreichenden Wert, für die Nachwelt konserviert zu werden: Führt eine Chronik, rechtzeitig, noch bevor die Müdigkeit, die Lahmheit des Alters euch bremst!

Etliche Quellen standen mir zur Verfügung: Doch zunächst einmal sollte ich die Triebfeder erwähnen, die alles ins Rollen gebracht hat. Schon immer haben mich die historischen Zusammenhänge interessiert, in denen meine Vorfahren sich bewegt haben.

Als meine Mutter noch lebte, habe ich in einer Art neugieriger Beschäftigungstherapie mit ihr in mühevoller, akribischer Kleinarbeit einen großen Stapel grauer Zettelchen durchgearbeitet. Ihr verstorbener Ehemann hatte diesen Haufen hinterlassen, irgendwann tauchte er auf (s. Abb. 25). Wir beide entzifferten – immer wieder half eine Lupe - die mikroskopisch kleinen Schriftzüge, die der Vater während seiner Kriegsgefangenschaft mit einem grauen Bleistift auf dem ebenso grauen Papier hinterlassen hatte. In zackiger Sütterlin-Schrift hatte er zwischen 1945 und 1948 in Frankreich hinter Gittern sein Tagebuch niedergeschrieben, grau auf grau. Ich saß nun an vielen Wochenenden neben meiner Mutter und tippte Wort für Wort die Chronik, die sie mir diktierte, in den Computer.

Damit begann meine Beschäftigung mit der Vergangenheit der Familie.

Allmählich vertiefte ich mich immer stärker in die erhaltenen Dokumente. Die meisten tauchten allerdings erst nach dem Tod meiner Mutter auf. So fiel sie leider als Quelle für Erklärungen aus.

Sie führte ihr ganzes Leben ein mehr oder weniger lückenloses Tagebuch, über das später noch zu reden sein wird. Erst nach ihrem Tod erhielt ich Zugriff darauf.

In den folgenden Jahren grub ich Zug um Zug einen Schatz aus: Meine Eltern waren während ihrer Ehe immer wieder über lange Zeiträume getrennt. Der Kontakt während dieser Epochen bestand in einem oft unglaublich intensiven Briefverkehr. Für mich als Nachkomme bildet die riesenhafte Korrespondenz, die weitgehend erhalten blieb, ein bequemes Guckloch in das Innenleben meiner Eltern während des Krieges, in der Nachkriegszeit, bis hin zur „Wiedervereinigung“ der Eheleute und abschließender Familienformation.

Darüber hinaus haben viele Telefonate mit meinen Geschwistern, meiner Cousine Beni in Herrnhut, Cousine Rosmarie Peper und anderen Verwandten Detailwissen hervorgezaubert.

Besagte Rosmarie hat in ihrer Freizeit ein Ahnenbuch erstellt, das meine Verwandtschaft mütterlicherseits tatsächlich bis zu Wilhelm den Eroberer, ins 11. Jahrhundert zurück verfolgt. Natürlich verfügt sie auch über präzises Wissen, wenn wir über die Vorfahren der Familie Schammer gesprochen haben.

Ohne historische und politische Recherche hätte ich viele Bemerkungen, die in den Briefen auftauchten, nicht recht einordnen können. Das Internet hilft sehr, wenn Mutti von einem Film aus dem Jahr 1932 schwärmt oder Johannes seiner Frau in Kriegszeiten das Buch eines Autors empfiehlt, der längst aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist…

Gottfried, der jüngste Bruder meines Vaters hat seine Lebenserinnerungen in einem Buch dargelegt, das zum besseren Verständnis der damaligen Zustände beitragen konnte (Gottfried Schröter, 1993, Leben läßt sich nicht zensieren, Wuppertal und Zürich).

Vor mir steht eine veritable Aktentasche. In ihr stecken die Tagebücher meiner Mutter, jedes Jahr in einem kleinen orts- und zeitüblichen Notizkalender aufnotiert. In den Vorkriegskalendern findet man nationalsozialistische Werbung, dazu Feiertage, wie wir sie heute wohl nicht mehr feiern. Ab 1946 lernen wir dann die Errungenschaften der sozialistischen Welt kennen, auch ändert sich das Vokabular! In den 50er Jahren übernimmt dann die westdeutsche Wirtschaft, Autohäuser oder Sparkassen die Gestaltung der Büchlein.

Meine Mutter vermied es, nach ihren Erfahrungen mit Bespitzelung und dem Öffnen von Briefen, in ihren Tagebüchern allzu private Details preiszugeben. Tief hatte sich nach 1945 die Furcht in ihr Gemüt eingegraben, alles verbergen zu müssen, was mit der Nazi-Vergangenheit unseres Vaters zu tun haben könnte. Sie verbrannte damals viele Dokumente, beseitigte alle Spuren! Seitenweise füllt sie die Rubriken mit Zustandsberichten über ihre Wäsche.

Besonders erfreut es sie, wenn das Wetter eine schnelle Trocknung noch am gleichen Tag ermöglicht. Woche für Woche lesen wir, wie sie ihr Tagewerk erledigt. Sie weicht die Wäsche ein, wäscht, trocknet, legt zusammen, freut sich über das gute Wetter, beklagt regen und Kälte; sie stopft, näht, strickt; sie kocht, putzt, sammelt, arbeitet. Sie erledigt Unmengen von Korrespondenz, nicht nur an ihren Mann, auch an einen großen Kreis von Verwandten. Diese Beschreibungen langweilen auf Dauer; insgesamt geriet es mir doch manchmal zu einem zähen Vergnügen, die Seiten durchzuarbeiten.

Nur selten schimmern ihre Gefühle, Ängste, Abenteuer, ihre Schmerzen und Sorgen zwischen den Zeilen hervor, Momente, die den geduldigen Chronisten belohnen.

Viel intensiver nahm ich an Erdmuts Leben teil, als ich ihre Brief-Korrespondenz durcharbeitete. Die Texte sind durchtränkt von Emotionen, mit unerfüllter Liebe, mit Freude an den Kindern, mit einem bunten Strauß an Sorgen über die Gegenwart, die Zukunft, ihre Existenz. Man findet aber auch Hinweise auf ihre Interessen, ihre Tätigkeiten der Existenzsicherung, ihre Kirchenarbeit, ihre Bemühungen, über ein bloßes „Funktionieren-Müssen“ hinaus zu leben.

So entfaltete sich in ihrem Schriftverkehr noch einmal das Leben einer Frau, die stets versuchte, zu gestalten, aber von Kindesbeinen an durch mancherlei Zwänge daran gehindert wurde. Dies alles versuche ich in dem Buch darzustellen, wobei der Fokus in der Schilderung der Lebensumstände vor, während und direkt nach dem Krieg liegt. Ich, hoffe, dem historisch interessierten Leser mit dem vorliegenden Buch einen lebendigen Einblick in das Leben einer schlesischen Familie des 20. Jahrhunderts zu geben.

Die Original-Zitate im Buch sind in einem erkennbar veränderten Schrifttyp gehalten. Ich habe mich bemüht, aus Gründen der Authentizität die zeitgenössische Orthographie und auch die Abkürzungen weitgehend zu erhalten. Kurze Abschnitte sollen dem Leser die Möglichkeit geben, die Geschehnisse historisch-politisch einzuordnen.

1. Kapitel: Kindheit und Jugend

Am 22. Juni 1915 erblickte Erdmut das Licht der Welt. Der Erste Weltkrieg tobte seit wenigen Monaten, weit weg von Gnadenfrei im Eulengebirge, das irgendwo im Osten des Deutschen Reichs liegt (s. hinterer Umschlag). Wenn überhaupt, hatte man zu dieser Zeit vaterländische Gefühle – das Heer drang butterweich nach Osten vor. Kriegsnot herrschte – noch – nicht.

Die Eltern werden gedacht haben: Schon wieder ein Mädchen! Nach Ruth und Benigna nun das dritte Töchterchen! Was die Eltern Klinkert dazu getrieben haben mag, ihr Kind mit dem Namen Erdmut zu beehren, ist leider in keinem Dokument überliefert.

Die Frau des Fürsten von Zinzendorf hieß Erdmuthe Dorothea. Ihr Mann hatte im 18. Jahrhundert die Brüdergemeine in Herrnhut, im Zittauer Land, gegründet (s. hinterer Umschlag). Den Namen Erdmuthe kann man noch als weiblich ausmachen. Allerdings wurde „Erdmut“ bis ins hohe Alter meiner Mutter häufig fälschlicherweise als Männername identifiziert. Post war regelmäßig an Herrn Erdmut Schröter gerichtet (oder Edmund, oder Hartmut...), ein Umstand, der meine Mutter zeit ihres Lebens ein wenig provozierte.

Der Vater, Alexander Klinkert, arbeitete als Prediger in der Kolonie der Brüdergemeine, das Einkommen reichte kaum zum Überleben. Er stammte aus einfachen Verhältnissen; sein Vater war Gerber, auch seine Mutter stammte aus einem Gerberhaus.

Seine Frau Gertrud dagegen, aus gutem Hause, drängte auf eine sicherere Stellung. Gertruds Vorfahren stammten aus Norddeutschland; Reeder und Fabrikbesitzer kann man im Stammbuch entdecken. Ihr Vater, Oskar Schammer, wirkte zu dieser Zeit in Herrnhut, dem Stammsitz der Brüdergemeine, als Missionsdirektor. Er starb erst 1932. Noch heute findet man in Herrnhut das „Schammer-Haus“, das an diesen Herrn, meinen Urgroßvater, erinnert! Meine Omi hatte mit ihrer Gattenwahl eher einen gesellschaftlichen Abstieg vollzogen. Dementsprechend wurde sie immer als eine gebildete Frau aus gutem Hause beschrieben, die ihre Familie und den Haushalt regierte. Auch wir Enkel sollten später immer wieder Kostproben ihrer Großbürgerlichkeit genießen: Die Teestündchen nachmittags, selbst verfasste Gedichte, eine gepflegte Kommunikation und eine dominante Ausstrahlung verbinde ich in der Erinnerung mit meiner Großmutter.

Erdmuts Vater bewarb sich in den nächsten Jahren auf eine Stelle als Pfarrer in der Landeskirche. Dazu musste er sich im Konsistorium in Breslau einem Kolloquium unterziehen, da seine Ausbildung als Brüdergemeine-Pfarrer wohl nicht mit einem akademischen Studium vergleichbar war. Zwischen 1917 und 1925 wurden meiner Omi drei weitere Kinder geschenkt. Der Platz und das Geld reichten einfach nicht mehr (s. Abb. 2 und 3).

Erdmut hat gemischte Erinnerungen an den Ort ihrer Kindheit. Üblicherweise verfügten die Pfarrhäuser damals über viel Platz, ein Pfarrbüro, Räume für Frauenhilfe und andere gemeindliche Aktivitäten. Das Haus war eingerahmt von einem großen Garten mit vielen Apfelbäumen, die die Kinder auch zum Klettern nutzten. Die ältere Schwester brachte ihr das Fahrradfahren bei. Es hätte sich alles so schön entwickeln können.

Mit 10 Jahren erkrankte unsere Mutter schwer an einer typhusartigen Infektion. Sie hatte sich an einem Grashalm geschnitten, und die Wunde am Finger eiterte. Eine Krankenschwester im Krankenhaus reinigte und verband ihr den Schnitt. Unglücklicherweise pflegte die Schwester gleichzeitig Typhus-Patienten.

Erdmut erkrankte in der Folge so schwer, dass Vater Alexander eines Abends seinen Kindern sagte: „Der liebe Heiland wird wohl euer Schwesterchen zu sich nehmen.“ Doch nach langem Ringen erholte sie sich. Weil das Herz durch die Infektion ernsthaft angegriffen war, erhielt sie für ihre gesamte Schulzeit ein Attest und musste nie am Sport teilnehmen. So wurde sie eher unsportlich, blieb aber zäh!

1928 zog die Familie Klinkert endlich nach Alt-Strunz, Niederschlesien (heute polnisch: Stare Stracze. Zwischen 1937 und 1945 wurde das Dorf in „Deutscheck“ umbenannt. Siehe auch den hinteren Umschlag) Die Pfarrersleute bewohnten dort in den nächsten Jahren ein geräumiges Pfarrhaus mit herrlichem Garten. Auf Bildern aus dieser Zeit erkennt man auch einen hochherrschaftlichen Dobermann, der die großbürgerlichen Ansprüche meiner Omi noch unterstreicht.

Vor etlichen Jahren fuhr ich mit meiner Familie im Wohnmobil durch Polen, auf der Spur meiner Vorfahren. Wir besuchten die Orte, wo meine Eltern ihre Jugend verbrachten, konnten uns so ein lebendigen Eindruck von der Atmosphäre verschaffen, in der sie damals groß geworden sind: Alt-Strunz, wo Erdmut im Pfarrhaus groß wurde, und Rädchen, wo Johannes im Lehrerhaus aufwuchs.

Beide Dörfer liegen in einem der vielen Urstromtäler, die sich recht einförmig von Mecklenburg bis nach Sibirien ziehen. Sie sind gekennzeichnet durch einen eher unfruchtbaren sandigen Boden, Birkenwälder, Seenplatten und nur geringfügige Erhebungen. Das Klima ist kontinental, mit kalten Wintern und heißen Sommern, die Dörfer stehen weit auseinander. Im Sommer sammelt man Beeren und Pilze, erfrischt sich in einem der vielen Seen.

Die Dörfer verband damals eine Bahnlinie, die inzwischen längst stillgelegt ist, mit der Kreisstadt Fraustadt (heute: Wschowa).

Beide Eltern besuchten hier das Gymnasium. Morgens wurden die Waggons von Fahrschülern geflutet, das bildete wahrscheinlich einen Höhepunkt im Tagesablauf der Schüler. In jener Bahn haben sich meine Eltern kennengelernt.

1918 erkrankte die ältere Schwester Benigna an einer Rippenfellentzündung, die sie nie mehr aus ihren Fängen entließ. Ihr früher Tod im Jahr 1932 legte einen ersten Schatten auf das fröhliche Haus (s. Abb. 4).

Erdmut absolvierte das Gymnasium in Fraustadt mit gutem Erfolg und legte 1934 ihr Abitur ab ( s. Abb. 6). Aus heutiger Sicht frage ich mich, wie stark die Schule die Weltanschauung unserer Mutter beeinflussen konnte. Nachweislich gab es eingefleischte Nazis unter den Lehrern. Diejenigen, die dem Regime kritisch gegenüber standen, hielten sich „weise“ zurück. Einige jüdische Mitschüler verschwanden in den Jahren nach 1933, viel geredet wurde jedoch darüber nicht. Erdmut wuchs in einer Familie auf, die sich mit der neuen nationalsozialistischen Ideologie arrangierte. Man funktionierte, half bei der Erfassung von Ariernachweisen mit: Der Pfarrer musste aus verschiedenen Kirchenbüchern die Familiendaten vier, fünf Generationen zurück recherchieren, um dann erleichtert festzustellen, dass kein Mitglied jüdischer Abstammung dazwischen steckte. Dazu mussten Pfarrbüros quer durch Deutschland angeschrieben werden, um die Lücken der Stammbücher aufzufüllen. Es kamen immer wieder kuriose Dinge zum Vorschein. Zu Lebzeiten meines Vaters blieb in seinem Stammbuch ein „schmutziger“ Fleck: Der Pfarrer Klinkert hatte bei der Erstellung des Schröterschen Stammbuchs herausgefunden, dass Vatis Großmutter väterlicherseits, also eine meiner Urgroßmütter, aus einer unverheirateten Beziehung hervorgegangen war. Ihr Name „Rosina Stritzke“ wurde in Gegenwart unseres Vaters besser nicht in den Mund genommen, da konnte er ziemlich unberechenbar reagieren.

Rosina Stritzke – das Synonym für Unmoral in meiner Kindheit!

Wahrscheinlich werden die Eltern Klinkert mit gemischten Gefühlen beobachtet haben, dass ihr ältester Sohn Manfred zum fanatischen Hitlerjungen heranwuchs (s. Abb. 5). Die Eltern hatten zwar eine reservierte Haltung dem neuen Regime gegenüber, fügten sich aber ins Unvermeidliche. Die evangelische Kirche und auch die Brüdergemeine erfanden sich in dieser Zeit immer wieder aufs Neue, um Wunsch und eskalierende Realität in Einklang zu bringen. Dass Erdmuts Mutter dem neuen menschenverachtenden Regime gegenüber eine ziemlich kritische Einstellung hatte, zeigt folgender Brief an ihre Tochter, die sie bis ins hohe Alter gern „Dudelkind“ oder „Dudelchen“ nannte:

„Altstrunz, am 21.11.35

Mein Dudelchen,

… Also vor einigen Wochen kommen Fletchers mit ihrem Auto in Glogau an, da steht schon ein Wachtmeister und überreicht dem Herrn Major einen Zettel. Er reicht ihn seiner Frau, nach dem Lesen, und sagt ihr: „Ich werde verhaftet!“ Sie fragen noch weshalb, aber das weiss der Beamte nicht, es sei von Liegnitz so verfügt worden. Also er kommt in eine Zelle, wo er endlich erfährt, dass es wegen eines Briefes sei, den er an Blaul geschrieben hat in dem Sinne, dass er nicht noch Kartoffeln fürs Winterhilfswerk geben könne, da die Abgaben auf Kartoffeln und Rüben schon so hoch seien, dass das schon ein großer Beitrag der Landwirte fürs W.H.W. wäre. Und wie er haben auch hier im Kreis viele Landwirte geschrieben, nur vielleicht in verbindlicherer Form und nicht an solche Leute wie unseren Blaul, der sich auf kein Verhandeln einlässt, sondern gleich die Sachen anzeigt. Fletcher musste früh mit den Landstreichern zusammen in den Hof zum Waschen, ein altes Polenweib war auch dabei, und die fragten nun alle,was er denn verbrochen habe, und einer der Vagabunden erzählte, er habe im Dusel nur mal „Heil Moskau“ gesagt. Die Beamten, die ihn zum Teil kannten, seien sehr nett gewesen, und nach seiner politischen Stellung befragt, hat er immer nur geantwortet, sie sollen sich da bei seinem Freunde, dem General, erkundigen, der kenne seine politische Stellung ganz genau. Und Frau Fletcher hat zu den Beamten gesagt, also dies sei wohl der Dank des Vaterlandes an einen alten Soldaten, der sein Leben eingesetzt habe für seine Volksgenossen. Sie durfte nur unter Bewachung mit ihrem Mann sprechen und er sollte in ein Konzentrationslager kommen, als plötzlich ein Telegramm aus Berlin kam: „Fletcher sofort freilassen.“ Sind das nicht himmelschreiende Zustände? Frage doch mal Onkel Berend, ob es denn Mittel gibt, einen solchen Mann wie Blaul aus seinem Amt zu bringen. Er richtet ja nichts wie Unheil an und macht vor allem das 3. Reich nur lächerlich, denn jeder freute sich natürlich diebisch, als Fletcher am Sonntag wieder in der Kirche sass. Eine Parteigenossin, Rittergutsbesitzerin aus dem Kreis, war auch empört und ist für Fletcher zum Landrat gegangen und hat ihrer Empörung über die Verhaftung sehr energisch Luft gemacht. Der Kommandant von Glogau hat sich ebenfalls für ihn verwandt und sehr unverhohlen sich über den Fall geäußert. Sind das nicht unglaubliche Zustände?…“

Was 1934/1935 geschah: Ein Nichtangriffspakt wird zwischen Polen und Deutschland geschlossen; SA-Chef Röhm wird erschossen; Hindenburg stirbt; Himmler wird Chef der Gestapo; Hitler wird nach „Volksabstimmung“ mit 90% Zustimmung Führer und Reichskanzler; im März 1935 erfolgt die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht; antisemitische „Nürnberger Gesetze“ werden erlassen. Die Hakenkreuzflagge wird zur alleinigen deutschen Reichsflagge erklärt.

Was konnte, was durfte eine Tochter aus „gutem“ Hause damals mit ihrem tadellosen Abitur anfangen (s. Abb. 8)? Heute würde man zwangsläufig an ein Studium denken. Bei Klinkerts jedoch war für die ältesten Töchter eine Heirat vorgesehen. Erst Maja, als dritte Tochter, durfte ab 1937 ein Lehrerstudium absolvieren. Unsere Mutter schreibt an einer Stelle, die Eltern hätten es wohl Maja nicht recht zugetraut einen Mann zu finden. Also gab es für sie die zweitbeste Lösung: Eine Berufsausbildung!

Eigentlich sollte unsere Mutter zumindest ein Jahr zuhause bleiben, im Pfarrbetrieb aushelfen. Glücklicherweise schrieb schon bald eine gute Bekannte der Familie aus Winterthur in der Schweiz, ob eine der Klinkert-Töchter zur Verfügung stände. Familie Reinhart fragte nach einer Gesellschafterin für Helen, ihr Töchterlein, für ungefähr ein Jahr. Am Ende wurde es ein halbes Jahr. Hoch erfreut und aufgeregt packte Erdmut und fuhr schon im April 1934 nach Aarau. Sie besuchte mit ihrer neuen Freundin, S´Helenli, die Haushaltsschule. In einem Brief an die Eltern schreibt sie:

„…Wir haben immer allerhand für die Schule zu tun. Zuerst werde ich noch kurz den Stundenplan schreiben: Montag von 8-11: Kochen. Dienstag von 8-11: Nähen. Mittwoch von 8-11: Haushaltungskunde, von 14-17: Flicken. Donnerstag von 8-11: Nähen. Freitag von 8-11: Sticken und Sonnabend von 8-11: Nähen. Kochen haben wir morgen das 1. Mal. Wir freuen uns beide nicht sehr darauf, weil wir da mit so jungen und schrecklich albernen Mädchen zusammen sind. Außerdem spricht die Lehrerin da meist Schweizer Deutsch, sodaß ich sie kaum verstehe…“

Allmählich erlernt sie den neuen Dialekt. Sie genießt den Wohlstand ihrer Umgebung. Auf der anderen Seite empfindet sie deutlich die politische Spannung, die in diesen Jahren zwischen den beiden Ländern herrscht. So schildert sie am 22. April ihren Eltern:

„…Die größten Deutschenfreunde sind sie auch nicht gerade. Besonders Walter liebt es, sich über allerhand lustig zu machen, so z.B. auch über die 1-Pfennig-Marke. Ein Bruder von Herr Reinhart, der in Alexandria ist, besuchte einmal Hitler in München, und er hatte einen sehr guten Eindruck von ihm. Über die innere Politik Deutschlands denkt man hier sehr gut, nur nicht über die äußere. Sie glauben, daß die äußere Politik einmal für Deutschland noch recht gefährlich werden könnte. In unseren Briefen müssen wir recht vorsichtig sein. Es ist mir von allen Seiten geraten worden. Gertli sagte, daß eine Zeitlang alle Briefe von ihr nach Hause (Schweiz) geöffnet wurden…“

Und weiter unten erzählt sie von der Spannung, die sie beim Übertritt von Deutschland in die Schweiz empfand:

„…Mit meinem Koffer ist soweit alles gut gegangen. Sehr angenehm war die Zollbehörde nicht. Der Jüngling am Zoll fragte mich, ob ich Geschenke habe. Da ich nicht in Verlegenheit kommen wollte, sagte ich, daß ich eine Vase habe. Ich sollte sie nun vorführen, konnte sie aber nicht finden. Erst als ich ihm vorführte, daß sie klein und aus Glas sei, beruhigte er sich. Zoll- und Paßkontrolle ist ja viel strenger als an der tschechischen Grenze. Nach dem 1. Mai soll man ja nicht mehr als 50,- M über die Grenze nehmen dürfen, allerhand…“

Am 6. Mai schreibt sie interessiert über die politische Entwicklung in Deutschland aus Schweizer Sicht:

„…Über den 1. Mai in Deutschland wurde hier in den Zeitungen recht gut kritisiert. Große Sachen wurden darüber geschrieben, daß Göring nicht mehr preußischer Innenminister ist. Was für eine Rede hat Hitler am 1. Mai gehalten? Radio haben Reinharts nicht. Herr Reinhart stört das Radio…“

Man versteht auch das Folgende besser, wenn man sich in die 19-jährige Erdmut hinein versetzt, die in ihrer neuen Aarauer Umgebung Menschen recht unverblümt und ohne Achtung über das herauf dämmernde Tausendjährige Reich spekulieren hört: Auf der einen Seite ist sie ja stolz, eine Deutsche zu sein. Auf der anderen Seite verliert sie vorübergehend jegliche Ehrfurcht vor den Nazis:

„…Ich habe sonst wirklich zu leiden, daß ich ein deutsches Mädchen aus dem 3. Reich bin. Herr Achtnich-Wehrli fragte gleich, wo ich meine braune Bluse hätte etc. Die Zeitungen sind auch zum größten Teil nicht sehr deutschfreundlich. Heute stand z.B. darin, daß das Vertrauen und die Begeisterung für Hitler immer mehr zunehme, aber die Gegensätze zwischen unteren Parteiorganen und Volk immer schärfer werden. Die Richtigkeit dieser Behauptung werdet ihr ja sicher am besten beurteilen können…“

Am 15. Juni schreibt sie fast abfällig:

„…Dann stand auch mal in der Zeitung, daß … Hitler sich augenblicklich in Italien rum drückt. Die Zeitungen sind voll davon, voll Tatsachen und Vermutungen. Heute las ich, daß Hindenburg nicht mehr lange machen wird und sein Nachfolger natürlich Hitler wird und der Kanzler dann Göring, dessen Gesundheitszustand viel zu wünschen übrig ließe.

Hitler würde als Präsident natürlich nicht nur eine Dekorationsfigur werden, sondern die Verfassung würde geändert, nach der Hitler dann eine ähnliche Stellung wie Roosevelt inne hätte. Mal sehen, was wird…“

Im Oktober fand das lustige Leben ein frühes Ende. Erdmut kehrte anlässlich der Silbernen Hochzeit der Eltern in ihre Heimat zurück (s. Abb. 7). Sie war noch nicht lang zuhause, so erhielt ihre Mutter eine neuerliche Anfrage: Im Haushalt eines Onkels solle eine Klinkert-Tochter doch bitte aushelfen. Man besprach sich und sagte für den Oktober 1935 zu. Der Onkel, Berend Roosen, ein Nachfahre der bekannten Reeder-Dynastie, lebte mit seiner Frau kinderlos in Halle und tat als Polizeipräsident Dienst. In diesem Jahr wurde er pensioniert und plante eine Luftveränderung aufs Land nach Brandenburg, in eine wunderschöne Villa am Werbellinsee, nach Altenhof in der Schorfheide. Erdmut würde ihnen beim Umzug helfen.

Bis es so weit war, half meine Mutter zu Hause aus. Sie leitete die Jungmädchenstunde, half bei Bibelstunde und Nähstunde.

Montags kam die Frauenhilfe dazu. Auch assistierte sie bei der Konfirmandenprüfung. Täglich suchte sie im Pfarrbüro Arier-Nachweise zusammen und stellte die Urkunden aus.

Ihrem sehr knappen Tagebuch 1935 entnehmen wir nur wenige politische Äußerungen:

25.Februar: „Mein Kampf“ in der Frauenhilfe vorgelesen.

1. März: Heimkehr der Saar. Große Feiern in Saarbrücken.

16. März: allgemeine Wehrpflicht!

21. Mai: Große Reichstagsrede von Hitler.

Privat – der Leser wird sich an den geplanten „Beruf“ unserer Mutter erinnern, nämlich einen Mann zu angeln! – schwebt Erdmut 1935 zwischen zwei interessierten Kandidaten. Ein gewisser Helmut hat zuerst seinen Fuß in der Tür. Am 17. März vertraut sie ihrem Tagebuch an: „Helmut schreibt und schreibt nicht“. Am 1. April: „Liebe ich Helmut noch?“

Das Pendel neigt sich zum zweiten Jüngling, einem Johannes Schröter. Der unternimmt offensichtlich einige Anstrengungen, sich ihr näher zu bringen. Um Ostern 1935 bahnt sich eine Freundschaft zwischen meinen Eltern an. Denn am 23. April, am Osterdienstag, lädt er sie zu einer großen Radtour ein. Im Anhang des Tagebuch 1935 schreibt Erdmut ihr Gefühl zum 23. April auf: „Es war ein kurzer, stiller Abschied. Ein Händedruck, ein letzter, lieber Blick in die getrübten Augen.“

Im Anschluss daran zitiert sie handschriftlich aus einem Rundbrief, den Johannes verfasst hat. Der Ton im Brief muss ihr wohl imponiert haben. Der Autor des Schreibens war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt und tat Dienst beim Militär, nahm an einem Manöver teil. Die Notation ist ideologisch aufgebläht und bietet ein gutes Beispiel der NS-Sprache und sozialdarwinistischer Terminologie; man findet kaum noch Fremdwörter, ein Wort wie Sympathie sticht schon heraus; Viktor Klemperers Sprach-Analyse LTI (Lingua Tertii Imperii) lässt grüßen. Beispielsweise kommt das Wort „schnarrend“ mit Bezug auf die Stimme mehrfach vor, viele Sätze haben einen militaristischen oder Blut-und-Boden-Bezug:

„Früh zwischen 5 und 6 wecken. Die schnarrende Stimme des U.v.D. (Unteroffizier vom Dienst) schreit: „Aufstehen!“ Der Waschraum füllt sich mit halbnackten, sehnigen Leibern. Kaltes Wasser rieselt und spritzt, einige freundliche Worte flattern umher und bald steht man im grauen Rock. Viel zu tun hat der Stuben- und Flurdiensthabende… .

Wenn die anderen gemütlich ihr Kommissbrot futtern (Verzeihung, man spricht hier etwas gröber), dazu den schwarzen Kaffee saufen, müssen wir drei zuerst besorgen, den langen Flur fegen, andere wieder den Waschraum … usw. aufwischen, die Stube von allerhand Unrat reinigen, alles sehr gründlich. Diese Menschen, zu denen ich auch gehöre, sind sehr bedauernswert. Oftmals treten sie mit leerem Magen zum Kampf an. Aber auch von diesen gibt’s … …, zu den letzteren gehöre ich auch. Ich meine die, die raffiniert genug sind, den U.v.D. zu hintergehen. Niemals ist das Wetter maßgebend. Es gibt immer noch niemanden, der den Krieg im Saal stattfinden lässt.

Vor Burgau hatten wir einen Kampf. Durch die schneidige Luft schob sich die Marschkolonne westwärts. Große Flocken trieben an Helm und Gesicht. Vorne ritt der Hauptmann, dann und wann vorziehend zu gehen, denn es war nicht so warm. In Jakobsburg (?) „Halt“. Tornister abgelegt. Biwak. Befehl: „Schröter, bauen Sie mit ihrer Abteilung ein Zugzelt.“ Als alter Fahrtenbulle kannte ich mich ja ein wenig aus unter den Zelttüchern. Bald stand´s auf, das Zelt, kriegsmäßig am dunklen Waldrand und war auch vom angenommenen Luftgegner nicht einsehbar. Am hohen Feuer standen und saßen wir und aßen hinterher aus der Gulaschkanone … Da hättet ihr femininen Wesen von damals euch bestimmt eine Scheibe abschneiden können. Gut, dass ihr jetzt auch das lernt und wichtiger ist´s, dem Manne etwas Schmackhaftes zuzubereiten, als ihm geistige Abhandlungen über die Willensfreiheit, den kategorischen Imperativ, oder über das Für und Wider des absoluten Pessimismus zu geben. Jeder von den jüngeren Menschen sehnt sich nach der Frau, die das Heim liebevoll gestaltet und Rat und Kraft und Liebe genug besitzt, dem Mann im Kampf ums Dasein damit zu beglücken, Frauen, die praktisch denken und nicht solche, die durch Lesen von Romanen sich der oftmals mühsamen Wirklichkeit entziehen, im Ernstfall, wenn´s ums Ganze geht, völlig resigniert versagten…

Sorgen sind da, den Menschen ins Gleichgewicht zu bringen, wie die Chausseebäume das Auto zwingen, den rechten Hang zu fahren. Denke dir die „Bäume“ in deinem Leben nicht weg, täusche dich nicht über ihren Zweck und ihre Daseinsberechtigung hinweg, du könntest sonst verunglücken. Du warst immer nett und gut in der Schule, aber nicht wahr, gefaßt und stille zu wandern ist etwas Großes und Erhabenes. Daß sich die Mädels so verleugnen, ist doch allerhand. Trotzdem ich weiß, daß ihre Sympathien mehr den Jungens gelten und über deren Leben mehr grübeln und träumen, als über ihre Genossinnen, so bringen sie´s nicht fertig, die Bengels bei der Anrede zuerst zu begrüßen und dann die Mädels. Typisch die Emma! (Ein Spitzname von Erdmut!) Sie bringt es einfach nicht fertig, einmal nicht zu schauspielern. Sie tut so, als könnte kein Junge ihr jemals verliebte Blicke entlocken. Alle lassen dich, verstanden?

Oder sind euch Mädels lieber und wertvoller als die Kategorie Mann, die sich für euch in die Brust werfen? Lacht bloß nicht!…“

Darunter notiert Erdmut ein wenig spöttisch, aber beeindruckt und mit mädchenhafter Phantasie:

„Der Hannes hätte lieber Prediger werden sollen. Ich habe gehört – Rädchener Urwaldmensch, der jetzt unter die Menschen gegangen ist – Du willst Offizier werden? „Melde gehorsamst mein größtes Erstaunen, Herr Leutnant, da es dem Herrn Leutnant doch zuerst gar nicht gefallen haben soll?“ Trotzdem mein Glückwunsch!! Wenn ich mal dann dir begegne, wirst du dann im schnarrenden Ton zu deinen Kollegen sagen: „ Ja, Gott, da die Kleine, die war auch mal in meiner Klasse, na über die Zeiten ist man ja weg, Gott sei Dank“ und wirst sporenklirrend vorbeirauschen. Mensch, fauch nicht zu sehr, so´n schlechtes Herz hast du wohl auch nicht, was?“

Bis in den Oktober hinein lebt Erdmut im Pfarrhaus in Alt-Strunz. Am 3. Oktober 1935 beginnt ihr nächster Lebensabschnitt.

Sie reist nach Halle, um das Gewerbe einer Hausfrau zu erlernen.

Ihr Onkel Berend Roosen holt sie in seiner Uniform des Polizeipräsidenten mit einem Dienstwagen am Bahnhof ab – ziemlich Respekt einflößend. Im Verlauf der nächsten Wochen entwickelt sie zum Onkel eine sehr herzliche Beziehung. Ständig genießt sie Sinfoniekonzerte, Opern, Operette - die ganze Palette der Großstadt-Kultur.

Man bietet dem Mädel vom Lande einiges! Allerdings verlangt Tante Ellen zunehmend ihre Mitarbeit. Zwar wird im Haushalt ein Mädchen beschäftigt, meist aus „den alten Ostgebieten“, wie Erdmut nach Hause schreibt. Sie ist für das „Grobe“ zuständig, während Erdmut als Tantes Assistentin arbeitet. Sie erlernt die feine Küche, ist für das Kochen verantwortlich, für die Wäsche und das Bügeln.

Sie hilft beim Packen des Hausstands, als der Umzug nach Brandenburg ansteht. Tante Ellen kann schon mal garstig zu ihr werden. Die ältere Dame spürt eine gewisse Eifersucht ihrem Mann gegenüber, der gern mit Erdmut herum turtelt, ihr des Abends vorliest, sogar mit ihr tanzt. Er führt sie beispielsweise, natürlich in Uniform, zum BDM-Fest aus. Erdmut notiert des öfteren: „Onkel Berend ist entzückend!“ Um Weihnachten klopft das Heimweh an die Türe ihres Herzens. Im Tagebuch bekennt sie: „25. Dezember.

Trauriger Weihnachtstag. Zweimal geheult.“

Was 1936 geschah: Der Locarno-Vertrag wird gekündigt und das entmilitarisierte Rheinland wieder ins Reich eingegliedert; Olympiade in Berlin; die Wehrpflicht wird zweijährig; Antikominternpakt zwischen Deutschem Reich und Japan; das faschistische Italien tritt bei (Achsenmächte); der spanische Bürgerkrieg beginnt, nachdem die Volksfront Wahlen gewonnen hat, Franco wird faschistischer Caudillo.

Roosens, die jetzt nahe Berlin wohnen, verlassen immer wieder für einige Tage ihr Haus. Dann vertritt sie Erdmut. In der geräumigen Villa verkehren in dieser Zeit häufig bis zu sechs Hausgäste, die von ihr betreut werden müssen. Sie hat ein Faible für schneidige junge Offiziere. Lobend erwähnen die Gäste häufig Roosens gegenüber die nette aufmerksame junge Dame. Wöchentlich besucht Erdmut das Kino in Eberswalde, notiert die Filme in ihrem Tagebuch. Dank ihres Onkels lernt sie die Berliner Kulturszene intensiv kennen, verkehrt in militärischen Kreisen, verbringt einen Abend sogar in Gegenwart von Göring.

Im August 1936 fiebert sie mit ihren Landsleuten auf dem Olympia-Gelände, notiert:

„Zum Reichssportfeld gefahren. Beginn der olympischen Spiele.

Mit Manfred (ihr Bruder besucht sie zu dieser Zeit!) den Führer sehen!!

Luftschiff Hindenburg. Olympiagedanke. Fackelläufer. Berlin ganz zur Olympiade geschmückt.“ Und sie vermerkt stolz: „16.8. Wir haben 33 Goldmedaillen. Die meisten der Welt.“

Beim Lesen erschreckt mich die Eintragung schon eine Woche später, am 24.8.: „Hitler hat eine allgemeine zweijährige Wehrpflicht verkündet.“ Wie ahnungslos tappte das deutsche Volk in sein Verderben!

Im September 1936 besucht sie für einige Wochen ihr Elternhaus in Alt-Strunz, trifft sich mit ihren beiden Kandidaten, Helmut und Johannes. Richtig klar liegen die Verhältnisse noch nicht, als