Erinnerungen an das 20. Jahrhundert - Manfred Jannot - E-Book

Erinnerungen an das 20. Jahrhundert E-Book

Manfred Jannot

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Beschreibung

Manfred Jannot, zu Beginn des Dritten Reiches geboren, im Zweiten Weltkrieg zur Schule gegangen, hat im ersten Arbeiter- und Bauernstaat studiert, getingelt und malocht, hat dreimal geheiratet, ist zweimal geschieden und hat vier Kinder gezeugt. Sein Leben lang hat er alles gegeben, das Richtige zu tun. Das war manchmal falsch, oft nicht leicht, aber niemals schlecht. Klarsichtig und mit genauer Sprache erzählt er in diesem Buch sein Leben, bis zu dem Punkt, an dem einer seiner Söhne unvermutet zurückkehrt.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Es gibt Dinge und Erlebnisse im Leben, an die erinnert man sich noch nach Jahrzehnten. Für den Außenstehenden mögen sie oft banal erscheinen, für den, der sie erlebt hat, sind sie von außerordentlicher Bedeutung, weil sie sich tief und unauslöschlich in das Gedächtnis gegraben haben.

Ich liege in meinem Kinderbett. Mein Vater hat seinen Anzug an und einen Schlips umgebunden. Er erscheint mir fremd. In ihrem schönsten Kleid sitzt meine Mutter vorm Spiegel und kämmt sich das Haar besonders sorgfältig. Da ahne ich, dass ich bald allein gelassen werde. Mein Vater setzt sich auf den Bettrand, streichelt mir das Haar und mit ruhiger Stimme erzählt er mir, dass sie bald wiederkommen, ich keine Angst haben und vor allem nicht weinen soll. Ich sei doch schon ein großer Junge. Außerdem werden sie mir etwas Schönes mitbringen. Meine Mutter steckt die sorgfältig in Pergamentpapier eingewickelte Doppelschnitte in ihre Handtasche. Dann fällt die Kammertür ins Schloss. Ich bin allein und fürchte mich im halbdunklen Zimmer vor den Schatten, die die Möbel werfen. Die Stille macht mir Angst. Ich möchte weinen, aber die Angst vor dem Nichts drückt mir die Kehle zu. Wenn ich nun für immer allein sein muss, weil meine Eltern nicht wiederkommen? Wohin sind sie gegangen? Warum weiß ich nicht, wo sie sind? So viel Ungewissheit. Endlich nimmt mich der Schlaf in seine gnädigen Arme.

Am anderen Morgen ist es hell in der Schlafkammer. Sie sind wieder da. Die Angst war umsonst. Der Wuschelkopf meiner Mutter kämpft sich unter der Federdecke hervor; Vater schläft ruhig und tief. Neben mir auf dem Stuhl steht das versprochene schöne Mitbringsel: ein mit brauner Schokolade überzogener Mohrenkopf, gefüllt mir süßer weißer Sahne. Der Stammvater aller Dickmänner. Aber die gab es ja damals noch nicht, oder doch?

Dass es Vaters einziger Anzug war, wahrscheinlich sein Hochzeitsanzug, als er auf meinem Bettrand saß und beruhigend mit mir sprach, das konnte ich noch nicht wissen. Auch meine Mutter in ihrem schönsten Kleid hatte nur noch ein Kostüm und ein oder zwei Kleider für kühlere Tage im Kleiderschrank. Die Doppelschnitte in ihrer Handtasche war eine Sparmaßnahme, weil sie sich in der Tanzpause das Paar Wiener Würstchen nicht leisten konnten, die ein Arbeitsloser aus einem Thermosbehälter, den er an einem Gurt vor sich hertrug, zum Kauf anbot. Die paar Groschen mussten ja noch für das versprochene Mitbringsel reichen, und die Rate für die Schlafzimmermöbel war auch bald fällig.

Es war ein ganz normaler Tag. Ich spielte mit meiner rosafarbenen Gummipuppe allein vor dem Haus, in dem wir zur Miete wohnten. Ich mochte die Puppe sehr, denn wenn man auf ihren Bauch drückte, gab sie einen lustigen Quietscher von sich. Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Horde großer Jungs vor mir. Sie hatten sich aus Stöcken und Bindfäden Flitzebogen und Pfeile gebastelt. In ihren Gürteln steckten Holzmesser, und einige hatten Hühnerfedern im Haar. Dass es Indianer auf Kriegspfad waren, das konnte ich noch nicht wissen, sonst wäre ich ins Haus geflüchtet. Ohne ein Wort zu sagen, nahm mir der größte Junge die Gummipuppe weg, klappte ein richtiges Taschenmesser auf und schnitt meiner Puppe den Kopf ab. Dann zerschnitt er auch den Puppenkörper. Sie quietschte fürchterlich. Die rosafarbenen Schnipsel warf er mir achtlos vor die Füße. Ich war über das Zerstückeln meiner Puppe so entsetzt, dass ich nicht schreien konnte. Mit ausgestreckten Händen und stumm vor Schreck rannte ich ins Haus zu meiner Mutter. Als sie endlich begriff, was geschehen war, hatten sich die Indianer lachend und stolz auf ihre Heldentat aus dem Staub gemacht. Zurück blieben die rosaroten Gummischnipsel und ein unglücklicher kleiner Junge. In meiner kindlichen Naivität konnte ich nicht ahnen, dass dieses Spiel bereits ein paar Jahre später millionenfach zu brutalem Ernst werden sollte.

Die Zeit blieb nicht stehen. Ich war größer geworden und stromerte mit meinen Freunden durch unseren Heimatort. Von der Größe her hätte es für eine Kleinstadt gereicht, aber der Ort hatte keinen Bahnhof und blieb deshalb – das nehme ich an – ein Dorf. Aber ein Dorf wird geprägt von Bauern, Kühen und Schweinen. Das alles gab es aber auch nicht, denn die Felder rund um den Ort wurden von einem Rittergut, zu dem auch eine Schäferei gehörte, mit seinen Knechten und Mägden und den Tagelöhnern bewirtschaftet. Alle anderen, außer den Krämern, den Gastwirten, den Lehrern, dem Pfarrer und dem Bürgermeister, der hier „der Schulze“ genannt wurde, waren Bergleute. Alle waren Bergleute, meine Opas, meine Onkel, mein Vater, eben alle, die ich kannte. Auf Knien krochen sie mit ihren Presslufthämmern in der Tiefe des Berges für einen Hungerlohn den Erzadern hinterher – Staublunge inklusive. Der Kaiser brauchte das Kupfer, Hitler erst recht. Am wenigsten brauchten es die Bergleute selbst. So hart wie die Arbeit, so rau und herzlich war das gesamte Leben. Kameradschaft war alles.

Im Sommer kamen die polnischen Schnitter mit ihren Familien, um die Ernte einzubringen. Die Großmutter – die Babuschka – blieb mit den kleinsten Kindern in der Scheune, wo alle schliefen, und kümmerte sich um das Abendbrot. Alle waren auf den Feldern. Im Akkord mähten die Männer das Getreide, die Frauen banden es zu Garben und die Kinder stellten die Puppen auf, wo die Getreidegarben bis zum Dreschen nachtrocknen konnten. Wochenlang kein eigenes Zuhause. Viele junge Männer blieben nach der Ernte im Ort und wurden Bergleute. Das war allemal noch besser als das Zigeunerleben zur Erntezeit. Sie heirateten deutsche oder auch ihre polnischen Mädchen und über Jahrzehnte hieß jede dritte oder vierte Familie bei uns Kowalsky, Wischnewski oder Wischinsky. Das störte keinen. Unter Tage zählte nur Kameradschaft. Man musste sich auf seinen Partner verlassen können, egal ob er Wischinsky oder Müller hieß. Das Wort Integration kannte keiner.

So hart, wie die Arbeit war, so deftig wurde gefeiert. Ostern und Weihnachten waren nicht so wichtig. Aber Pfingsten, da wurde das Dreckschweinfest gefeiert, ursprünglich ein heidnischer Brauch: Der Frühling vertreibt den Winter. Die Dreckschweine waren die Pfingstburschen, die den grauen Winter verkörperten. Wie zum Karneval mussten sie sich etwas einfallen lassen, sie waren Teufel, Ochsengespann oder Ziegenböcke und wälzten sich im Bach oder eigens dafür vorbereiteten Suhlen. Den Frühling verkörperten die drei Läufer, von Kopf bis Fuß in engen Kniehosen ganz in Weiß gekleidet, auf den Köpfen Blütenhüte mit bunten Bändern bis zur Hüfte. Die Läuferpeitschen mit dem kurzen kräftigen Stiel und meterlangen Seil ließ man über die Köpfe kreisen, um mit kurzem Ruck in entgegengesetzter Richtung einen scharfen Peitschenknall hervorzubringen. Das Peitschenkonzert zu dritt wurde ganzjährig heimlich geübt, denn zu Pfingsten musste das Peitschenkonzert makellos funktionieren. Um Läufer zu werden, musste man viele Jahre untadeliger Pfingstbursche sein. Beim Vertreiben des Winters aus dem Wald ging es hart zur Sache. Alles, was laufen konnte, war auf den Beinen. Wenn die Läufer ihre Peitschen in kurzen Abständen dreimal knallen ließen, hieß es für die Dreckschweine Abmarsch Richtung Heimat. Die Dreckschweine gingen nicht immer freiwillig. Die Läufer trieben sie mit ihren Peitschen aus dem Wald. Wehe, ein Dreckschwein hätte einen Läufer in Weiß beschmutzt! Der Ausschluss aus dem Pfingstverein wäre die Strafe gewesen. Diese Schande riskierte keiner.

Zwei Stunden später marschierten alle Pfingstburschen, und dabei lag die Betonung auf „alle“, frisch gewaschen mit einer roten oder weißen Pfingstrose im Knopfloch bei Blasmusik durchs Dorf bis zum Festplatz. Der Sommer hatte den Winter besiegt, und für alle begann der Tanz auf der festlich geschmückten Tanzfläche. Für uns Kinder gab’s Waldmeister- oder Himbeerbrause und dazu noch eine Rolle Drops.

Das Glück war vollkommen.

Weniger beachtet begann das Pfingstfest schon ein paar Tage früher. Da wurden die bestellten Pfingstmaien – also junge Birkenbäumchen – per Pferdewagen im Ort verteilt. Zu diesem Zweck hatten sich die Pfingstburschen in mehrere Gruppen aufgeteilt und fuhren von Haus zu Haus. Begleitet wurden die Burschen von ein paar Musikern und einem Kutscher. Das Verteilen der Maien ging so: „Wir bringen für die Familie Soundso die bestellte Pfingstmaie“ – Tusch! – „Die Familie Soundso lebe hoch!“ – Tusch!

Das Honorar für das Bäumchen – manchmal waren es auch zwei – wurde eingesammelt. Der Hausherr gab eine Runde Schnaps oder ein Bier aus, und die Birkenbäumchen wurden in die vorbereiteten Wassereimer vor der Tür gestellt. Die Kapelle spielte ein paar Walzertakte, und der Hausherr tanzte mit seiner Gattin auf dem Hof oder auf der Straße. Am Nachmittag war der Wagen leer, die Pfingstburschen, die Musiker und der Kutscher waren voll. Nur die Pferde blieben nüchtern, und die kannten den Weg nach Hause, Gott sei Dank, ganz genau.

Meine Eltern waren schon mehrmals im Ort umgezogen, aber unsere Wohnverhältnisse blieben trotzdem miserabel. Die neue Wohnung bestand aus einer ausgemauerten Giebelstube auf dem Dachboden eines relativ großen Hauses. Die Schlafstube lag eine Treppe tiefer am Ende eines langen, fensterlosen, dunklen Ganges. Das Klo war wie immer auf dem Hof. Der einzige Wasserhahn für die drei Familien, die in dem Haus wohnten, befand sich auf dem dunklen Flur. Durch zwei Fenster in der Giebelwand der Wohnstube waren über die Dächer des Dorfes hinweg die riesige blauschwarz schimmernde Schlackenhalde und die Kupferhütte zu sehen. Die tapezierte kleine Brettertür in der anderen Wand führte in eine winzige Abstellkammer unter das nackte Ziegeldach.

Eine Neuheit gab es allerdings: Durch die Fenster der Stube war ein sich in regelmäßigen Abständen wiederholendes Schauspiel zu beobachten, das besonders bei Nacht sehr beeindruckend war. Wenn der Abstich am Schmelzofen der Kupferhütte erfolgte, zuckelte kurz darauf eine Feldbahnlok mit drei Kipploren bis an den äußersten Rand der Schlackenhalde. Schattenhaft wie Kobolde machten sich ein paar Männer an den Loren zu schaffen. Plötzlich ergoss sich dann ein gewaltiger weißglühender Lavastrom aus den Kipploren über den Steilhang der schwarzen Halde. Der Widerschein der Glut verlor sich in der Weite des dunklen Himmels. Bei frostigem und windstillem Wetter war das Bersten und Knacken der sterbenden Glut bis in unsere Stube zu hören. Nach ein paar Minuten glich die erkaltende Lava einer verschorften Wunde, unter deren Rissen die neue junge Haut rosa hervorschimmerte.

Eben in dieser Stube wachte ich eines Morgens auf. Meine Oma hatte mich geweckt und erzählte mir, dass ich nunmehr eine kleine Schwester habe. Wahrscheinlich hatte mich mein Vater in die Stube getragen, weil in der Nacht bei meiner Mutter die Wehen einsetzten. Dann wurde mir das erst vor ein paar Stunden geborene rosarote Bündelchen von Schwester gezeigt.

Für meine Mutter wurde das Leben mit zwei Kindern unter den jämmerlichen Wohnverhältnissen noch beschwerlicher. Wo sollte sie mittags nach dem Essen das Baby zum Schlafen hinlegen? In die Kammer eine Treppe tiefer am Ende des dunklen Ganges? Da hätte sie jegliche Kontrolle über das Kind verloren. Also wurde ein gebrauchtes Kinderbett besorgt und in die Abstellkammer unter das Ziegeldach gezwängt. Für die Nacht schlief das Baby wie immer im Himmelbett neben den Ehebetten meiner Eltern. Jetzt brauchte meine Mutter nur das tapezierte Brettertürchen öffnen, um nach dem Rechten zu sehen.

Eines Tages, Hannchen war inzwischen ein gutes halbes Jahr alt, meldete sie sich nicht zur gewohnten Zeit nach dem Mittagsschlaf. Weil alles ruhig blieb, dachte meine Mutter an nichts Schlimmes. Die Zeit verstrich, aber Hannchen blieb stumm. Meine Mutter wurde stutzig, öffnete die Brettertür und erstarrte. Im Kinderbett lag nicht ihr pausbäckiges, hellhäutiges Kind, sondern ein schwarz glänzender Mohr: Hannchen hatte durch die Gitterstäbe hindurch das dicht daneben stehende Regal leer geräumt, auf dem allerlei Haushalsutensilien gelagert waren. Eine Büchse mit schwarzer Schuhcreme fand ihr Wohlgefallen. Die schwarze Creme hatte sie mit kindlichem Eifer gleichmäßig auf ihrem Gesicht und im Bett verteilt. Wie viel sie von der Schuhcreme gegessen hatte, war nicht festzustellen. Nach dem gründlichen und nicht ganz schmerzfreien Bad verspeiste sie jedenfalls ihren Brei und nahm das Fläschchen mit großem Appetit. Trotz intensiver nachträglicher Beobachtung konnten bei ihr keine Schäden an Leib und Leben festgestellt werden.

Zu jener Zeit war es üblich, dass Kinder zu Hause geboren wurden. Geburtshelfer waren die Hebamme und die Mutter der Schwangeren. In der Küche sorgte der werdende Vater für heißes Wasser und wachte für den Fall aller Fälle. Trat der Fall aller Fälle ein, war es meistens schon zu spät, denn der einzige Doktor für zwei oder drei Dörfer wohnte weit weg und war schwer zu erreichen. Wenn das Neugeborene starb, und es starben viele damals, dann war das traurig, aber nicht tragisch, denn die meisten Leute hatten schon Kinder. Doch wehe, wenn die Gebärende die Geburt nicht überlebte! Dann blieb der Vater mit ein paar Halbwaisen allein zurück. Manchmal starb auch die Mutter im Kindbett und das Neugeborene überlebte, das war der schlimmste aller Fälle.

Wenn wir Kinder krank waren, zum Beispiel Masern, Röteln oder Ziegenpeter hatten, dann wurden alle Kinder zusammen in ein Zimmer in Quarantäne gesteckt. Der Doktor oder die Gemeindeschwester kam, und es wurde Medizin verabreicht. War der Spuk vorbei, ging es hinaus in die Freiheit.

Abgesehen von ein paar Klär- und Jauchegruben waren die sanitären und hygienischen Verhältnisse im Dorf katastrophal. Es gab keine Kanalisation und keine Kläranlagen. Die meisten Abwässer des Dorfes liefen über die Straßen und Gossen in den Bach. Dort bauten wir Kinder Dämme, stauten das Wasser und badeten darin. Wenn der Schäfer mit seinen Schafen abends von der Weide kommend durch den Ort zog, dann stürzten sich Hunderte von Schafen mitsamt ihren Hütehunden in den Bach und tranken gierig das Wasser. Aber die Tiere tranken nicht nur. So gesehen hätten wir immer krank sein müssen.

Im Erdgeschoss dieses Hauses, in dem in einer Juninacht meine Schwester das sogenannte Licht der Welt erblickte, besaß ein Friseurmeister einen sehr gut ausgestatteten Herren- und Damensalon. An seiner Seite ein Geselle und ein Lehrling. Der Meister war ein großer, schlanker Mann mit kastanienbraunem Haar und feurigen dunklen Augen. Er spielte Gitarre und sang wie Caruso. Obwohl ihm im Ersten Weltkrieg in Flandern oder vor Verdun für Kaiser und Vaterland von einer Granate ein Bein abgerissen worden war, war er voller Lebensmut. Was genau geschehen war, darüber sprach er nie. Seinen Humor hat er nicht verloren. Trotz seines Holzbeins war er bei den Frauen sehr beliebt, sehr zum Ärger seiner Gattin. Der Meister liebte Kinder über alles, hatte aber keine eigenen.

Wenn morgens keine Kundschaft zu bedienen war, beschäftigte er sich mit mir und meinem Spielfreund, der auch im Haus wohnte. Er lehrte uns die Uhr und brachte uns Lieder bei, natürlich mit einem Haufen Schabernack. Ich weiß heute noch einen Vers zu einer Melodie, die ich meinem Vater unterm Weihnachtsbaum vorsingen sollte, weil der ständig eine kleine Stummelpfeife rauchte. Das Liedchen ging so:

Wenn Weihnachten ist,

Wenn Weihnachten ist,

dann raucht mein Vater die Pfeife.

Wenn der Tabak alle ist,

Wenn der Tabak alle ist,

dann raucht er Pferdescheiße.

Natürlich kannten meine Eltern die Quelle des Unfugs genau, nachdem ich den Vers vorgesungen hatte.

Wenn mein Spielfreund und ich mit anderen Kindern in Streit gerieten und uns auf dem Platz vor dem Haus prügelten, dann lehnte der Meister, auf sein Holzbein gestützt, an der Ladentür, achtete auf Fairness und feuerte uns mit lauten Rufen an. Er war wie ein großer Junge, und wir mochten ihn sehr.

Es war ein schöner, warmer Sonntag. Wie immer mussten wir Kinder unsere guten Sonntagssachen anziehen. Für mich waren das Halbschuhe, weiße Kniestrümpfe mit bunten Bommeln und der verhasste Matrosenanzug aus einer blauen Wolle, mit dem großen Seemannskragen, der so fürchterlich kratzte. Ich hasste den Anzug. Unter Androhung von Prügel, sollte ich die Sachen schmutzig machen, wurde ich aus der Stube entlassen. Meinem Freund Heinz ging es nicht anders. Von Frühjahr bis Herbst liefen wir barfuß und sonntags so etwas! Wir waren völlig hilflos. Dann machten wir das, was wir meistens taten: Wir zogen uns bis auf Hemd und Unterhose aus und versteckten die Sonntagssachen im Schuppen. Auf dem Hof spielten wir mit Murmeln, das waren kleine gebrannte Tonkugeln, und rutschten auf Knien über das Pflaster. Das ganze Dorf döste friedlich und ruhig in der sonntäglichen Nachmittagssonne. Auch die Deutsche Dogge Senta lag verschlafen vor ihrer riesengroßen Hundehütte.

Die Hündin hatte vor einem Vierteljahr einen Wurf Welpen zur Welt gebracht, die aber alle schon verkauft waren. Die Tiere hatten Stammbaum, waren reinrassig und der ganze Stolz des Friseurmeisters. Der letzte Welpe war erst vor ein paar Tagen abgeholt worden, der junge Rüde mit seinen dicken Pfoten war da schon fast so groß wie ein Terrier. Da der Hof ringsum von Gebäuden umgeben war, durften sich die Hunde frei bewegen. Sie waren gut erzogen und nicht bissig. Jetzt aber hatte der Friseurmeister die Dogge an eine lange Kette gelegt, weil er befürchtete, die Hündin könnte in einem unbeobachteten Augenblick durch das Hoftor entwischen, um nach ihren verlorenen Jungen zu suchen.

Wir hatten Senta völlig vergessen und waren in unser Murmelspiel vertieft. Plötzlich stand die Dogge über uns. Ich spürte das warme, noch immer etwas geschwollene Gesäuge der Hündin an meinem Kopf. Unvermutet packte die Dogge Heinzchen und schleppte ihn in die Hütte. Erst nach einer ganzen Weile kam sie heraus und legte sich vor dem Eingang ruhig nieder. Ich war starr vor Schreck. Nach einer sehr, sehr langen Atempause schrie ich Zeter und Mordio. Unsere Mütter schreckten aus der Mittagsruhe, stürzten auf den Hof und kreischten hysterisch, als sie bemerkten, dass Heimchen fehlte und wahrscheinlich tot und zerfleischt in der Hundehütte lag. Der unnatürliche Lärm mitten in der Sonntagsruhe hatte auch den Friseurmeister aufgeschreckt. So schnell, wie es sein Holzbein zuließ, stürzte er auf den Hof. Er hatte die Situation sofort erfasst, pfiff Senta bei Fuß und angelte Heinzchen, der verängstigt und noch etwas feucht von der Hundezunge, aber völlig heil war, aus der Hundehütte. Als sich der erste Schreck gelegt hatte, Heinzchen gesund und unversehrt unter uns weilte, da bemerkten unsere Mütter, dass wir gar keine Sonntagssachen anhatten. Außer Senta fanden das alle eigenartig.

Der Freitag war ein besonderer Tag. Wenn mein Vater Frühschicht hatte, war er schon am Nachmittag mit dem Wochenlohn zu Hause. Meine Mutter zog ein hübsches Kleid an, Hannchen und der Kinderwagen wurden aufgeputzt, und ich musste Schuhe und ein sauberes Hemd anziehen. Dann zogen wir zu dritt los. Zuerst in den Krämerladen. Wie immer standen vor dem Ladentisch ein Fass Salzheringe und ein Fass mit Sauerkraut oder sauren Gurken. An Bindfäden hingen Holzzangen an den Fässern, und wer wollte, konnte sich das Gewünschte aus den Bottichen fischen. Auf dem Ladentisch lag unter einer Glasglocke ein Riesenwürfel gute Butter oder Margarine. Die Rückwand des Ladens bestand aus unendlich vielen Schubkästen, die mit Grieß, Mehl, Zucker, Salz, Linsen, Graupen und grünen Erbsen gefüllt waren. Mit kleinen, halbrunden Schaufeln wurde die gewünschte Ware in Tüten gefüllt und abgewogen. Die Krämerfrau schrieb die Preise der einzelnen Posten auf einen Zettel und rechnete alles zusammen. Wenn genug gekauft wurde, gab es für die Kinder einen Bonbon aus einem großen Glas. Meine Mutter bezahlte erst die Schulden der vergangenen Woche, ehe sie neue Ware kaufte; die Schulden auf der schwarzen Tafel wurden dann gelöscht. Beim Bäcker und beim Fleischer wurde nicht angeschrieben. Geld für ein Brot musste immer da sein. Wenn es beim Fleischer für zwei Koteletts nicht mehr reichte, dann blieb der Sonntag eben fleischlos und es wurde aus Markknochen eine kräftige Suppe gekocht.

Am Ortsrand hatte ein Konsum aufgemacht. Dort herrschte eine andere, eine neue Verkaufskultur. Vor der gläsernen Ladentheke standen keine Heringsfässer. Die meisten Waren waren abgepackt und brauchten nicht mehr gewogen zu werden. Selbst die Butter und die Margarine waren fabrikmäßig in fettundurchlässiges Papier eingeschlagen. Männer und Frauen in gleichfarbigen Kitteln bedienten die Kunden. Für gekaufte Ware gab es Rabattmarken, die man am Jahresende in Bares eintauschen konnten. Der Nachteil war: Es gab kein halbes Stück Butter, wenn das Geld nur für ein halbes Stück reichte.

Der Spaziergang durchs Dorf dauerte. Mutter traf viele Bekannte auf ein Schwätzchen. Ich langweilte mich, zerrte am Kinderwagen und wollte nach Hause. Da kamen die Nachbarin von früher, dann ihre Freundin Frieda, ihre Schwester und meine Tante Emmie auf der Straße entgegen. Manchmal trafen wir sogar meine Oma. Wenn wir am frühen Abend wieder zu Hause waren, hatte mein Vater den Kessel im Waschhaus angefeuert und die große Zinkwanne bereitgestellt. Das große Schrubben begann. Alle Kinder im Haus wurden abgeseift: mein Freund Heinz, sein großer Bruder Kurt, ich und noch ein paar andere. Hannchen war noch zu klein und bekam ein Extrabad. Nach dem Abendbrot ging es mit frischem Nachthemd ins Bett.

Im Dorf gab es drei Kneipen. In der einen war der Tanzsaal zum Kino umgebaut. Hier wurden die ersten Stummfilme und etwas später die ersten UFA-Tonfilme gezeigt, natürlich alles noch schwarz-weiß. Die Filmqualität ließ sehr zu wünschen übrig, weil die Filme schon in tausend anderen Kinos gelaufen waren. Am Sonntagmorgen drängelten sich die Dorfkinder schon lange vor dem Einlass am Kinoeingang, um für 20 Pfennig den neuen Mickey-Mouse-Zeichentrickfilm nicht zu verpassen. Auch für mich waren das die ersten Kinoerlebnisse.

In der zweiten Kneipe probte jeden Sonntagmorgen der Bergmannschor, in dem auch mein Opa sang. Am Wochenende und an Feiertagen war im großen Saal Tanz für Jung und Alt.

Die letzte Kneipe war eine typische Fuhrmannskneipe, denn sie lag direkt an der Hauptstraße. Hier hielten die Pferde von allein an. Die Kutscher tranken ein oder zwei Helle und dazu einen Kurzen. Auf der Straße ruhten die Pferde und fraßen Hafer aus umgehängten Futterbeuteln. Am Sonntag kamen keine Fuhrleute, da saßen die invaliden Bergleute, manche waren nicht älter als fünfzig, in der Gaststube, tranken zwei, drei Bier, rauchten ihre Sonntagszigarre und philosophierten über Gott und die Welt. Nebenan, über dem Hausflur, lief in einer dürftig eingerichteten Eisdiele eine Eismaschine. Hier kauften die jungen Burschen für ihre erste Jugendliebe ein Waffeleis. Zu diesem Zweck musste der Wirt aus der Gaststube gerufen werden. Je größer die Eistüte, umso größer die Verehrung. War die Eiswaffel übergeben und bezahlt, verschwand der Wirt wieder hinter dem Tresen. Wenn die Verliebten Glück hatten, dann bleiben sie allein, bis das Eis aufgeschleckt war.

Mit Kehrschaufel, Handfeger und dem kleinen gelben Handwagen, den unser Opa selbst gebaut hatte, zogen mein älterer Cousin Heinz und ich durch das Dorf. Wir waren auf den Spuren der Pferdegespanne, denn wir sollten Pferdeäpfel sammeln. Die waren als Dünger bei den Kleingärtnern sehr begehrt. Auch unser Opa war scharf drauf. So sammelten wir eifrig, was die Pferde hier und da verloren hatten. Die Fuhrmannskneipe galt als besonders ergiebig, weil dort viele Pferde im Stehen kackten. Allerdings war die Bergung der gelben und grünen Äpfel nicht immer ganz einfach, weil sie oft zwischen Pferd und Wagen lagen. Da warteten wir geduldig, bis der Kutscher sein Bier ausgetrunken hatte und mit seinem Gespann davonfuhr.

War unser Wägelchen voll, trabten wir in Opas Garten. Die Parzelle war ohne Strom und Wasser und ein Spiegelbild preußisch-deutscher Gründlichkeit. Der Hauptweg führte schnurgerade zur Eingangstür der winzigen Laube. Daneben stand akkurat die Regentonne unter der Dachrinne. Alle Beete waren exakt rechtwinklig zum Hauptweg ausgerichtet und die Stachelbeer- und Johannisbeersträucher standen, säuberlich verschnitten, in Reih und Glied. Ein Stückchen Wiese zum Spielen gab es nicht. Jede Ecke wurde zum Anbau von Gemüse genutzt. Der Garten war also keineswegs als Hort der Erholung und Entspannung gedacht, sondern diente der Ernährung der Familie. Wenn wir unseren Pferdemist abgeliefert hatten, durfte Heinzchen für uns eine Handvoll Beeren pflücken. Ich musste auf dem Hauptweg stehen bleiben und durfte nicht zwischen die Beete. Es hätte ja sein können, dass ich in meiner kindlichen Unbekümmertheit auf eine Pflanze getreten wäre, oder ich hätte beim Beerenpflücken ein Zweiglein abgeknickt. Diese Behandlung fand ich schon als kleiner Junge beleidigend. Freiwillig wäre ich niemals zu Opa in den Garten gegangen.

Alles, was geerntet wurde, musste Oma einkochen: Bohnen, Erdbeeren, Schwarzwurzeln, Johannis- und Stachelbeeren, eben alles. Kartoffeln, Möhren und Kohl wurden im Keller gelagert. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie das meine Großmutter neben all der anderen Arbeit in ihrer winzigen Mansardenküche bewerkstelligt hat. Die schräge Küche hatte nicht einmal ein richtiges Fenster, sonder nur ein gläsernes Oberlicht. Das Trinkwasser war eine Treppe tiefer im Hausflur. Der schwarze, dreistufige, gusseiserne Ofen war Winter wie Sommer in Betrieb. Einen Teller warme Gemüsesuppe oder eine heiße Tasse Malzkaffee mit einem Schluck Ziegenmilch hielt Oma jederzeit bereit. Wenn ich sie besuchte, war ihre erste Frage: „Hast du Hunger oder Durst?“

Die Wohnung der Großeltern war eine einzige Katastrophe. In der Schlafkammer standen die Ehebetten hintereinander unter der Dachschräge. Das Fensterchen an der Giebelseite war so klein, dass nur der Kopf hinauspasste. Nur die Wohnstube war ein wenig ordentlicher, ein Raum mit geraden Wänden und zwei großen Fenstern. Aber eben diese Stube mit seinem grünen Plüschsofa, einem Vertiko, einem ovalen Tisch und ein paar gepolsterten Stühlen blieb mit zugezogenen Vorhängen ganzjährig verschlossen. Nur an Feiertagen wurde der Kachelofen angeheizt, und die ganze große Familie traf sich zum Kaffee aus Sammeltassen bei den Großeltern. Das war wie mit den Sonntagssachen, alles musste und sollte ein Leben lang halten. Die Wegwerfgesellschaft entwickelte sich erst ein paar Jahrzehnte später.

Zwei-, dreimal im Jahr besuchte meine Oma ihre älteste Tochter, meine Tante Else, in der großen Stadt. Weil ich noch nicht zur Schule ging, nahm sie mich immer mit. Wir liefen meist schon in der Nacht durch mehrere Dörfer zum Bahnhof in der Kreisstadt. Der Weg war endlos weit. In mondhellen Nächten kürzten wir den Weg oft ab und liefen über Trampelpfade durch pechschwarze, jahrhundertealte Schieferhalden. Die Stille, die Einsamkeit und die Dunkelheit zwischen den haushohen Schieferbergen ließen das Herz schon etwas schneller schlagen.

Am Bahnhof war alle Furcht vergessen. In der spärlich beleuchteten Bahnhofsvorhalle kaufte Oma die Fahrkarten. Zu dem Beamten sagte sie nicht: „Bitte eine Fahrkarte für mich und ein Kind hin und zurück“, sondern das hörte sich so an: „Ein Billett eineinhalb hin und retour.“ Das Wort „Ticket“ gab es damals noch nicht. Auf dem Bahnsteig bestaunte ich die gewaltige Lokomotive mit den riesigen roten Rädern und den mächtigen Schwungarmen. Wenn die Lok weißen Dampf zischend ausatmete und lautstark schwarzen Qualm ausstieß, dann war sie für mich ein zu Eisen gewordenes starkes Riesentier. Hoch oben lehnte sich ein Mann aus dem Fenster, dem dieses schnaufende und zischende Untier gehorchte. Von da an war ich mir sicher: So ein Mann wollte ich später auch mal werden.

Unser Vater hatte einen mutigen Schritt getan und den ewigen Zyklus „Einmal Bergmann, immer Bergmann“ durchbrochen. Er arbeitete jetzt in einem weit entfernten Werk als Chemiearbeiter. Der weite Weg dorthin kostete viel Zeit, aber Vater verdiente gutes Geld und für seine Familie nahm er das in Kauf. Mutter hatte jetzt ein paar Kleider mehr im Schrank und war Kunde im Konsum. Die peinliche Anschreiberei hatte ein Ende. Wenn Vater sonntags zu Hause war, gab es Rouladen mit Rotkohl und grünen Klößen.

Doch dieses Glück währte nicht lange. Opa war, obwohl preußisch-national erzogen – oder vielleicht deshalb –, politisch sehr wachsam. Seiner Voraussage, es werde bald Krieg geben, wollte keiner seiner Söhne und Schwiegersöhne so recht glauben. Aber Hitler holte Österreich „heim ins Reich“ und annektierte den Sudetengau im Handstreich. Die Welt schwieg, und die Nazis wurden dreister. Mit dem hinterhältig inszenierten Anschlag auf den Sender Gleiwitz war der Grund gefunden, Polen zu überfallen. Der Zweite Weltkrieg war entfacht. Vater wurde Soldat und half gegen seinen Willen, er wurde ja nicht gefragt, wie Tausende andere Männer auch nicht, der siegreichen deutschen Wehrmacht bei der Unterwerfung Polens und Frankreichs. Wo früher zur Erntezeit die schlesischen Schnitter untergebracht waren, warteten jetzt französische Kriegsgefangene auf das Kriegsende und ihre Entlassung. Sie mussten noch viele Jahre warten. Der Überfall auf die Sowjetunion stand laut Geheimplan „Barbarossa“ kurz bevor.

Zu diesem Zeitpunkt war Vater im besetzten Frankreich stationiert und hatte das Glück seines Lebens: Er wurde UK gestellt. UK hieß: Er wurde als Fachkraft von seinem Werk, das zur I.G. Farben gehörte, für unabkömmlich erklärt. Die Entlassung aus der Wehrmacht bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als dass er dem Konzern mit Leib und Leben zu dienen hatte. Im zweiten Kriegsjahr arbeiteten in der Großindustrie fast ausschließlich Zwangsdienstverpflichtete und Kriegsgefangene. Die Konzerne brauchten deshalb zumindest ein paar deutsche Fachkräfte, um mit den Fremdarbeitern die Produktion zu sichern und um Sabotagen zu verhindern. Die Fachkräfte mussten dazu möglichst nahe am Produktionsort wohnen, um diese kriegswichtige Aufgabe wahrzunehmen. Das hieß, dass Vater eine Werkswohnung in der Stadt zugewiesen bekam. Der Möbelwagen kam, wir übersiedelten in die Stadt nahe beim Werk.

Die Wohnung war für die damalige Zeit hochmodern: die Küche mit Speisekammer, das Bad mit Wanne, Badeofen und Wasserklosett. Die Eltern hatten ein Schlafzimmer, und meine Schwester und ich schliefen in einem eigenen Raum, und dazu eine separate Wohnstube für die ganze Familie. Meine Mutter war überglücklich. Für uns hatte ein neues Zeitalter begonnen, wir waren in der Zukunft angekommen.

Noch lange vor dem großen Umzug hatte auch für mich ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Ich wurde eingeschult. Im Ranzen lagen eine Schiefertafel, ein Rechenbuch und eine Lesefibel. Aus dem Ranzen baumelten an zwei Bindfäden ein feuchter Schwamm und ein Lappen zum Abtrocknen der Tafel.

Meine erste Lehrerin war Fräulein Aschenbach. Auch nach siebzig Jahren erinnere ich mich gern an sie und habe ihren Namen nicht vergessen. Jeden Tag kam sie mit schwarzen Halbschuhen, schwarzen Strickstrümpfen, dreiviertellangem Rock und dunkelblauer Bluse mit schneeweißem Bubikragen ins Klassenzimmer. Sie war eine Pädagogin von der Haarwurzel bis zur Zehenspitze. Nie laut, immer freundlich und von unendlicher Güte.

In der ersten Klasse lernten wir die etwas steife Sütterlinschrift. Die Buchstaben auf der geschundenen Schiefertafel wollten nicht gelingen, weil sich der Schreibgriffel ständig in den Riefen verirrte, die schon Generationen vor mir mit ungelenker Hand in den Schiefer geritzt hatten. Da half Fräulein Aschenbach und führte die Kinderhand mit unendlicher Geduld, bis die Buchstaben wie gedruckt aussahen. Ab dem zweiten Schuljahr wurde die lateinische Schrift gelehrt, die sich schneller und flüssiger schreiben ließ. Die Schiefertafeln wurden abgeschafft, wir schrieben jetzt mit Federhalter und Tinte. Immerhin hatte unsere Schule vier Klassenzimmer, zwei Jahrgänge wurden jeweils in einem Raum unterrichtet. Obwohl ich ein ungestümer und an Freiheit gewöhnter Junge war, im Unterricht verhielt ich mich diszipliniert und lernte gern und fleißig.

In den Ferien besuchte ich, so oft es ging, meine andere Oma, die in einem Nachbardorf in einer Bergarbeitersiedlung wohnte. Die Siedlung bestand aus mehreren langen, sehr hässlichen, grauen Blöcken. Die Häuser hatten Flachdächer. So hässlich die Siedlung auch aussah, so gab es für ihre Bewohner doch einen entscheidenden Vorteil, denn zu jeder Wohnung gehörten auch ein bescheidenes Stallgebäude und ein winziges Gärtchen. Dadurch war es den Bergleuten möglich, ein Schwein zu füttern und eine Milchziege oder ein paar Kaninchen zu halten. Das Futter für die Tiere und die Winterkartoffeln verdienten sich die Familien mit Kind und Kegel in der Getreide- und Kartoffelernte bei den Bauern in der Umgebung. Die geleistete Arbeit wurde in Naturalien bezahlt. In diesem Milieu lebte auch meine Oma Berta.

Sie war eine starke, vom Schicksal hart geprüfte Frau. Sie sprach mehrere Sprachen mit dem typischen rollenden R der Osteuropäer. Jahrelang folgte sie meinem Großvater, der Zimmermann war, mit der ganzen Familie durch halb Europa von einer Großbaustelle zur nächsten. Ihre fünf Kinder hatten alle unterschiedliche Geburtsorte. Mein Vater wurde zum Beispiel in Neu-Heune in Polen geboren. Dieses Zigeunerleben fand ein jähes Ende, als Großvater bei der Arbeit tödlich verunglückte. Wie sollte das Leben nun weitergehen, mit fünf Kindern ohne Ernährer? Der Zufall wollte es, dass einem Vater mit sechs Kindern die Frau bei der Geburt des siebten Kindes starb. Der Witwer brauchte dringend eine Mutter für seine Kinder, besonders für das Neugeborene. Bittere Notwendigkeit zwang die beiden zur Ehe. Von Liebe und Zuneigung konnte keine Rede sein. Vom ersten Tag ihrer Ehe schliefen Mann und Frau getrennt. Für zwölf Kinder wurde nicht gekocht; da wurden Pellkartoffeln auf die lange Tafel gekippt, die Großen mussten für die Kleinen mitschälen. Dazu gab es Wurst oder Quark, Stampfkartoffeln mit Buttermilch, manchmal auch eine Specksoße. Alle saßen auf Bänken rechts und links von der Tafel, nur die Eltern hatten Stühle an den Tischenden.

Die Stiefgeschwister blieben nicht allzu lange zu zwölft. Die Mädchen gingen mit 14 Jahren aus dem Haus und arbeiteten als Dienstmädchen bei reichen Leuten in der Stadt. Die Jungen suchten sich irgendwo eine Lehrstelle oder sie wurden wie ihre Väter Bergleute.

Nach den Erzählungen meines Vaters war das Leben in der Großfamilie zwar ärmlich, aber die Stiefgeschwister verstanden sich gut und hielten zusammen. Trotz der Armut wurde viel gefeiert, musiziert, gesungen und auf dem Hof getanzt. Im meiner Heimat gibt es ein Sprichwort: „Wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu.“ Wenn die Geschwister bei schönem Wetter auf dem Hof musizierten, dann trafen sich sehr bald alle jungen Leute aus der Nachbarschaft.

Als ich Oma besuchte, war diese Zeit längst vorbei. Nur ein paar Relikte erinnerten and die Vergangenheit. Unter einer langen Bank stand noch leicht verstaubt eine Ziehharmonika. An der Wand hing eine Mandoline, die keiner mehr spielte. In der Trecke, so nannte meine Oma die Schublade im Küchenschrank, lag zwischen allerlei Krimskrams eine leicht verstimmte Mundharmonika. Die Geschwister waren in alle Winde verstreut. Von Vaters Stiefgeschwistern habe ich nur Onkel Bernhard kennengelernt. Dem hatte gleich in den ersten Kriegstagen eine Kugel den linken Unterarm weggerissen. Jetzt war er frontuntauglich und durfte auf Staatskosten Bergbau studieren. Vaters leibliche Geschwister waren ebenfalls alle ausgeflogen. Sein jüngster Bruder Edmund diente beim Arbeitsdienst und Bruder Otto bei der Polizei. Tante Melitta hatte in einem weit entfernten Dorf einen Kleinbauern geheiratet. Vaters älteste Schwester Maria habe ich nie zu Gesicht bekommen.

Nach all dem Trubel in den längst vergangenen Jahren war es für Oma ungewöhnlich einsam und still geworden. Wenn ich dann als siebenjähriger Steppke unverhofft vor der Tür stand, war sie immer freudig überrascht. Der Opa war selten zu Hause. Er sagte nie, wohin er ging, und Oma interessierte es auch nicht. Daran war sie in den vielen Jahren ihrer Zweckehe gewöhnt. Wenn der Stiefopa da war, dann sah er mich nicht. Er schien durch mich hindurchzublicken. Er begrüßte mich nicht und er hat nie mit mir gesprochen, nicht ein einziges Wort. Für ihn war ich nicht existent, ich war eben nicht sein Fleisch und Blut.

Um so inniger war mein Verhältnis zur Oma. Wir lasen gemeinsam Zeitung. Lesen auf Deutsch fiel ihr schwer, und sie las immer nur die großen Überschriften. Dabei führte sie ihren Zeigefinger unter den Buchstaben entlang, und ihre Lippen formten langsam die Wörter. Das ging bei mir schon wesentlich schneller, und so half ich Oma beim Zeitunglesen. Wenn sie den Strohsack für ihr Bett mit frischem Haferstroh stopfte, dann durfte ich über Nacht bleiben. Abends löste sie den strengen Knoten, und ihr dunkles langes Haar fiel weit über ihre Schultern. Im weißen Nachthemd erschien sie mir wie ein Engel. Im Bett kuschelten wir uns dicht aneinander. Das frische Haferstroh knisterte im Strohsack, und Omas Körper war warm und fest. Ich fühlte mich geborgen. Über dem Bett hing der gekreuzigte Jesus. Aus dem Nachbarraum hörte ich, wie die große Standuhr zur vollen Stunde schlug. Oma beendete unsere Unterhaltung, betete ganz leise. Mich hat sie aber nicht zum Beten angehalten, und wir haben auch nie über Religion gesprochen. Die Besuche bei der Oma zählen zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Mit dem Umzug in die große Stadt sah ich meine Oma nur noch selten.

Natürlich war die Verwandtschaft neugierig auf die neue Wohnung. Tante Emmie kam, schaute sich alles an und sagte mit Bewunderung in der Stimme zu meiner Mutter: „Lotte, du wohnst ja wie eine Prinzessin.“ Oma hatte nur Augen für die Küche. Kein frisches Wasser mehr schleppen, und das Waschwasser kommt gleich in den Ausguss. Im Sommer wird der Ofen nicht geheizt, denn für das Mittagessen reicht der zweiflammige Gaskocher. Zu all dem Luxus noch ein großes, helles Küchenfenster. Für Oma war das alles etwas unwirklich. Nur Opa fühlte sich in der neuen Umgebung fremd und unwohl. Er schlich bedrückt durch die Wohnung und machte einen unglücklichen Eindruck. Auf die Frage, ob ihm etwas fehle, antworte er, dass er mal auf den Abort müsse. Er sagte nicht Klo oder WC, er sagte Abort. Meine Mutter zeigte ihm das Klo im Badezimmer. Darauf Opa: „Das geht nicht, ich kann doch nicht in eure Wohnung scheißen!“ Es war viel Überredung nötig, um Opa auf die Toilette zu bringen.

Der Krieg wurde immer härter und unmenschlicher. Die Seeblockade der Britischen Inseln durch deutsche U-Boote war gescheitert. Durch den Einsatz des neuen Funkortungssystems – des Radars – waren die U-Bootjäger zu Gejagten geworden. Die U-Boote konnten sich nicht mehr vor den englischen Zerstörern und Flugzeugen verstecken und erlitten riesige Verluste an Menschen und Material. Die Bombardierung Londons und anderer englischer Städte musste wegen zu hoher Verluste eingestellt werden. Stattdessen schlugen die Engländer zurück und bombardierten ihrerseits das Ruhrgebiet und die ersten deutschen Großstädte. Im Pazifik überfiel das faschistische Japan in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den US-amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor. Die Verluste der Amerikaner waren enorm. Nun kämpften die Amerikaner gegen Japan und erklärten auch dem faschistischen Deutschland den Krieg. An der Ostfront kam der Vormarsch der deutschen Truppen durch den hartnäckigen Widerstand der Roten Armee endgültig zum Stehen. Der Krieg hatte sich zum Weltbrand ausgeweitet. Die Todesanzeigen deutscher Soldaten in den Zeitungen, „Gefallen für Führer und Vaterland“, wurden täglich länger und die monatlichen Lebensmittelrationen immer kürzer. Die Deckung des täglichen Bedarfs war nur noch über Lebensmittel-, Kleider- und sogar Raucherkarten möglich. Alles Lebenswichtige war rationiert. Da hatte zum Beispiel eine Kleiderkarte 100 Punkte pro Jahr. Dafür konnte ein Anzug gekauft werden, sofern es noch einen zu kaufen gab. Allerdings waren dann alle Punkte verbraucht, und der Kauf von ein Paar Strümpfen oder einem Hemd wurde unmöglich. Die Nichtraucher waren im Vorteil, die tauschten ihre Zigarettenpunkte gegen Lebensmittelpunkte ein. Das ist nur ein Beispiel, wie der Krieg in seiner Brutalität und Totalität jeden menschlichen Lebensbereich erfasste.