Erinnerungen eines Glückspilzes - Herbert Dr. Urlaub - E-Book

Erinnerungen eines Glückspilzes E-Book

Herbert Dr. Urlaub

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Beschreibung

Nach wiederholter schwerer Erkrankung, beschließt Harro Freitag aufzuschreiben, was ihm in seinem Leben wichtig erschien. Er glaubte, dass er vielleicht keine Gelegenheit mehr haben könnte, etwas zu schreiben. So wurde es ein "Schwanengesang". Er schreibt: "Ich habe ein glückliches Leben gehabt, oder besser gesagt, ich glaube viel Glück gehabt zu haben. Von den glücklichen Momenten in seinem Leben möchte er Freunde und Bekannte erzählen. So z.B. wie er unerwartet zu einer Tochter kam und die große Liebe seines Lebens nach einigen Umwegen fand. Daher titelt Harro, die Hauptperson im Roman, seine Biographie "Erinnerungen eines Glückspilzes".

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Erinnerungen eines Glückspilzes

Herbert Urlaub

Roman

Impressum: © 2021 Herbert Urlaub

Design Umschlaghintergrund: Marc Urlaub

Lektorat: Elke A. Urlaub und Eleonore Urlaub

Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-23191-7 (Paperback)

 

978-3-347-23192-4 (Hardcover)

 

978-3-347-23193-1 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Widmung

Ich widme dieses Buch zuerst der wichtigsten Person in meinem Leben – meiner lieben Frau Elke Annemarie. Dass ich sie getroffen habe und ihre Liebe gewinnen und erwiedern durfte, ist das Beste, was mir je passiert ist. Sie ist meine Freundin, Geliebte und Beraterin, und ich fürchte — manches Mal ist sie schlauer als ich.

Auch widme ich dieses Buch meinen lieben langjährigen Freunden und engen Verwandten, die, ich gebe es zu, in diesem Buch zu kurz kommen. Natürlich denke ich an dieser Stelle ebenfalls mit viel Zuneigung an einige wenigen Freundinnen, denen ich in Liebe verbunden war, die ich aber aus Diskretionsgründen nicht erwähnt habe.

Vorwort

Die Personen in diesem Roman sind nicht gänzlich frei erfunden, aber ich habe sie alle ein wenig verfremdet. Ein Großteil der Handlung ist meiner Phantasie entsprungen, dennoch haben sich immer wieder biographische Elemente eingeschlichen. Einige Episoden habe ich eingefügt, um etwas für die Phantasie meiner mänlichen Leser zu schreiben. Was die beschriebenen Orte anbelangt, die gibt es wirklich und die ich als Autor alle kennengelernt habe. Warum ein Grossteil der Geschichte in der Schweiz spielt, ist einfach zu erklären; da habe ich gelebt, da war ich oft sehr glücklich und habe wunderbare Menschen kennen gelernt. Das Land muss man lieben! Die noch viel aufregenderen Geschichten, die ich mit meinen Brüderm und mit unsererem abenteuerlustigen Vater erlebt haben, behalte ich mir noch für ein weiteres Buch vor. Warum habe ich dieses Buch geschrieben? Es entstand eigentlich unter dem Eindruck, nach wiederholter schwerer Erkrankung, eventuell nie mehr schreiben zu können. Zunächst hatte ich ein anderes Ende und einen anderen Titel vorgesehen. Dann habe ich mich aber dafür entschieden, es so zu nennen, was es beinahe geworden wäre – mein letztes Werk. Nach einer ganzen Reihe wissenschaftlicher und drei belletristischer Veröffentlichungen wurde es so ein „Schwanengesang“. In der Tat ist es vermutlich mein letztes Buch, weil ich an dem vorletzten schon schreibe. Ich wollte mit diesem letztem Buch Freunden und Bekannten mitteilen, dass ich, wenn ich denn sterben müsste, ein schönes Leben geführt habe. Meine Freundinnen und Freunde kommen zu kurz in diesem Buch, obwohl sie noch wichtiger in meinem Leben waren und zur Zeit noch sind, als die Förderer und Mentoren, die für meinen beruflichen Werdegang prägend waren.

Es gab nicht sehr viele gute Freunde in meinem Leben, weil ich den Begriff „Freund“ immer sehr eng gesehen habe. Aber die wirklichen Freunde haben mich über einen Großteil meines Lebens, sogar über Jahrzehnte, begleitet und mein Leben bereichert. Einige Freunde, die verstorben sind, leben im meinen Gedanken so weiter, ebenso wie meine viel zu früh verstorbenen Brüder, als ob sie noch bei uns wären. Als ich mich von meinem älteren Bruder im Krankenhaus verabschiedete, bevor er drei Tage danach verstarb, sagte er mir, dass er mich lieb habe. Danach wurde mir klar, dass man den Menschen, die man liebt, es auch einmal sagen muß! Allerdings sollte man dabei vorsichtig sein, dass solch ein „Geständnis“ nicht falsch verstanden wird. Jedenfalls habe ich damit auch schon befremdliche Reaktionen ausgelöst.

Ich habe ein glückliches Leben gehabt, oder besser gesagt, ich glaube viel Glüch gehabt zu haben. Glück ist meiner Auffassung nach etwas Vorrübergehendes, aber dann hatte ich es oft. Daher titelt Harro Freitag, die Hauptperson des Romans, seine Biographie „Erinnerungen eines Glückspilzes“.

Harro Freitag

Die Mönche der Abbaye d'Hauterive hatten Doktor Harro Freitag, als solcher war er später identifiziert worden, auf ihrem üblichen gemeinsamen Mittagsspaziergang, an seinem Lieblingsplatz an einen Steinblock angelehnt sitzend gefunden. Es war ein Felsabri, unter dem er gerne saß, unweit der Abtei, wo es einen Durchbruch der Sarine durch die beiderseits steilen grauen Felsen gibt. Es ist ein wirklich sehr schöner Ort dort an dem Flüsschen, das bei den Deutschschweizern Saane heißt. Seine Ufer werden fast das ganze Jahr mit grünem Rasen voller bunter Wildblumen gesäumt. An dieser Stelle hat die Sarine Gefälle und sprudelt durch das Tal, bis es sich oberhalb der Abtei öffnet und die Fluten sich in ein größeres Becken ergießen und beruhigen können. Aber oberhalb des Abri wird der Blick immer auf die Sarine durch Haselnussbäume versperrt. Man sieht sie nicht mehr, aber man weiß doch, sie ist da. Manchmal wenn der Wind gut steht, obwohl der Ort recht windgeschützt ist, hört man die Mönche, in der nicht allzu fernen Abtei, Choräle singen. Die Laute brechen sich an den Felswänden, und mit dem unstetigen Wind kommen und verebben Bruchstücke, der manches Mal schwermütigen Musik. Da sind auch, soweit man es hören kann, kraftvolle Baritone, die sich in der zweiten Stimme in einer Art Wechselgesang kunstvoll über die Sopranstimmen des Grundchors erheben.

Er hatte seiner Frau Beatrice einmal erklärt, dass der Platz ihm Schutz böte, außerdem inspiriere und zu ihm spräche, da er vor zehntausenden von Jahren schon Steinzeitmenschen als Unterschlupf diente. Dieser letzte Aspekt des Platzes interessierte Beatrice zugegebenermaßen herzlich wenig. Er selber hatte ja dieses besondere Interesse für Geschichte und Anthropologie in den letzten zehn Jahre entwickelt.

Weil er zu lächeln schien, glaubten die Mönche zunächst, dass er schliefe. Das Smartphone war ihm aus der Hand gefallen und lag vor ihm auf dem Boden. Da hob einer der Brüder das Gerät auf, schüttelte ihn und sprach ihn an, um ihm zu sagen, er möge aufwachen. Dann hielt er ihm sein Handy hin, als wollte er es ihm geben. Als er ihn nochmals wachrütteln wollte, weil sie ja annahmen, er schliefe, kippte er mit dem Oberkörper zur Seite auf den Boden. Dann sah nicht nur der Bruder, der vor ihm stand, dass ihm schaumiger Speichel aus dem Mund getropft war, sondern jetzt begriffen auch die anderen Mönche, dass mit ihm sehr wahrscheinlich etwas nicht in Ordnung war und er vielleicht das Bewusstsein verloren hatte.

Um es kurz zu machen, einer der Mönche lief zur Abtei zurück, um einen der Ordensbrüder, der Arzt war, herbeizurufen. Der musste feststellen, dass der Mann tatsächlich ohne Bewusstsein war und wahrscheinlich einen Herzinfarkt irgendwann im Laufe des Morgens gehabt hatte. Schnell wurde erste Hilfe geleistet, um ihn zu stabilisieren. Nach knapp einer Viertelstunde traf ein Rettungswagen aus Fribourg ein, der ihn in das Spital brachte. Zwischenzeitlich war seine Frau über den Vorfall verständigt worden. Sie fuhr sofort zu dem Spital und wurde auch zu ihm in sein Zimmer gelassen. Allerdings war er kaum ansprechbar, da er nach einem Eingriff durch schwere Medikamente sediert war. Er lächelte sie an und streckte seine Hand nach ihr aus, die sie auch ergriff. Dann, als ihm die Augen immer wieder zufielen, strich sie ihm über die Wange, beugte sich vor und gab ihm einen Kuss: „Morgen komme ich wieder. Schlaf mein Lieber. Ich bin so froh, dass du lebst.“

Sie ging schnell aus dem Zimmer, damit er nicht sehen sollte, wie ihr die Tränen die Wangen herunter liefen. Beatrice konnte in der folgenden Nacht nur sehr wenig schlafen, nachdem sie die schlimme Nachricht erhalten hatte und nicht rational verarbeiten konnte. Es war für sie aus heiterem Himmel heraus geschehen. Was passiert war, erschien ihr zu surreal, was wohl auf alle unerwarteten schlimmen Ereignisse zutreffen mag. Sie war noch einmal an Harros Schreibtisch gegangen und hatte den PC hochgefahren, der glücklicherweise gestattete, dass sie sich als Gast anmelden konnte. Auch den Drucker schaltete sie ein. Sie benötigte ja für ihren Besuch in der Klinik eine ganze Reihe von Dokumenten, die auf dem PC abgelegt waren. Auch wenn sie nicht daran denken mochte, dass das Schlimmste einträte, musste man immer damit rechnen, so dass sie Vollmachten, Patientenverfügungen und Unterlagen für zusätzliche Versicherung ausdruckte.

Wie sie vermutet hatte, fand sie auch sein letztes angefangenes Buch als Dokument auf dem Desktop. Sie würde ihn bei ihrem Besuch in der Klinik fragen, wenn es ihm denn passte, ob er an dem Manuskript an seinem Platz an der Sarine weiter gearbeitet hatte und ob sie es lesen dürfte. Jetzt aber war es oberste Priorität, ihn nicht mit diesen unwichtigen Dingen zu belasten, sondern mit ihm zu sprechen, wenn sie ihn sähe.

Er hatte aber auch Ordner mit Bildern von ihr und sich aus glücklicheren Tagen angelegt. Da waren viele schöne Bilder mit Harro zusammen. Wieder und wieder hatte sie den Brief gelesen und auch zum wiederholten Male die Bilder angeschaut, auf denen sie zusammen Arm in Arm zu sehen waren. Sie war zwischen Weinen und Lachen hin und hergerissen, weil sie sich erinnerte, wie sie zusammen herumgealbert hatten, als sie einige der Bilder mit Selbstauslöser gemacht hatten. Ohne eingebildet zu sein, durfte sie feststellen, dass sie wesentlich jünger aussah, als es ihre 58 Jahre gestatteten. Sie hatte sich ihre schlanke Figur Dank regelmäßiger Übungen im Fitnessstudio bewahrt. Auch ihr volles kastanienbraunes Haar war noch nicht ergraut, obwohl sich hier und da schon ein paar graue Strähnchen zeigten. Nun gut, es ließ sich nicht verheimlichen, dass an einigen Stellen in ihren Haaren auf dem Kopf diese Strähnen erschienen, aber sie und auch Harro fanden es eigentlich attraktiv. Jemand, der Beatrice nicht kannte, war zunächst von irgendetwas an ihr irritiert; es waren ihr relativ dunkles Haar und dazu strahlend helle graublaue Augen.

Sie wurde aus ihrem Grübeln durch das Läuten des Telefons aufgeschreckt. Sie nahm den Mobilapparat, der auf dem schönen alten Schreibtisch stand, aus der Halterung und meldete sich kurz mit einem ‚hallo‘. Wegen der vielen anonymen Anrufe von Werbefirmen und Callcentern, obgleich das Anrufen ohne Aufforderung verboten war, meldete sie sich, ebenso wie es Harro gehalten hatte, nicht mehr mit Namen. Der Schreibtisch, der Harro fast sein ganzes Leben von Wohnung zu Wohnung nach jedem Umzug begleitet hatte, war auf einem langen Weg zusammen mit anderen Möbeln per Schiff aus dem heutigen Namibia gekommen, nachdem Deutschland sich aus der ehemaligen Kolonie zurückziehen musste. Die Geschichte vom Schreibtisch und Namibia und wie dieser Schreibtisch in Harros Besitz gelangt war, hatte sie nie besonders interessiert, und wie sie sich jetzt mit Bedauern erinnerte, ihn dieses auch immer wieder wissen lassen.

Am anderen Ende meldete sich ihre Tochter Annabell, die wissen wollte, wie es ihrem Vater gehe, nicht aber ohne Beatrice zu sagen, dass sie sich selber eine Menge Sorgen machte. Der Anruf ihrer Mutter mit der Nachricht, dass ihr Vater wieder einmal im Spital sei, habe sie ziemlich aus der Ruhe gebracht. Sie ging davon aus, dass auch Beatrice keine Ahnung gehabt hatte, wie schlecht es akut um Harros Gesundheitszustand gestanden haben musste - und dass er es ja selber wohl schon gewusst hatte.

Beatrice konnte Annabells Schluchzen nicht überhören. Sie musste ihre Tochter beruhigen, obwohl sie sicherlich selber eine Menge Trostes bedurfte. Beide Frauen verabredeten am nächsten Tag, gleich nachdem Beatrice im Spital bei Harro gewesen war, wieder zu telefonieren.

Beatrice und Annabell

Nach dieser Unterhaltung überlegte Beatrice einen Augenblick und sie erinnerte sich an eine Unterhaltung mit Harro über des Mädchens Herkunft. Er denke, sagte er damals, wenn Annabell es nicht wüsste, dass sie nicht seine leibliche Tochter sei, müsste sie es auch nicht unbedingt erfahren. Sie erinnerte sich, Harro ging davon aus, seine Tochter habe vergessen, unter welchen Umständen sie als Kind zu ihm gekommen war. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt nicht klar gemacht, dass es viele Möglichkeiten und Zufälle gab, durch die das Kind hätte erfahren können, dass Harro nicht ihr leiblicher Vater war. Beatrice allerdings hatte darauf bestanden, die Tochter an einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt darüber aufzuklären, wer ihr biologischer Vater sei, da sie ein Recht darauf habe. Ohne Widerrede hatte Harro Beatrices Argumentation eingesehen und sie gebeten, dabei zu sein, wenn sie es dann der Tochter mitteilen würden. Harro konnte sich unmöglich von dem Gedanken trennen, nach der Zeit der Gemeinsamkeiten nicht Annabells richtiger Vater zu sein, obwohl er es in seinem tiefsten Inneren wusste, und auch die objektiven Gegebenheiten ebenfalls keinen Zweifel zuließen. Es war allerdings nach dieser Unterhaltung, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr dazu gekommen, dem Kind zu eröffnen, wer sein leiblicher Vater gewesen war. Oft ging es Harro durch den Kopf, es seiner Tochter endlich sagen zu müssen, dann aber wieder fand er es unerheblich, da ihr biologischer Vater ja tot sei. Was Harro nicht wusste war, dass Beatrice, die es ja damals herausgefunden hatte, dass Harro nicht der biologische Vater des Kindes sein konnte, es der Tochter im Alter von sechzehn Jahren schon schonend beigebracht hatte. Es war einfach notwendig geworden. Beatrice hatte sich bereit erklärt, an Stelle Harros, weil er verreisen musste, zur Schule zu gehen, als das Kind zur Schule angemeldet werden sollte. Sie hatte sich dafür den halben Tag frei genommen. Bei der Zusammenstellung der notwendigen Unterlagen in der Wohnung war ihr aufgefallen, dass der Impfpass fehlte. Der aber musste zwingend bei der Einschulung vorgelegt werden. Auf telefonischer Nachfrage bei Harro, fand sie nicht nur Annabells, sondern auch Harros Impfpass und das Kärtchen mit der Blutgruppe. Die Dokumente nebst “Blutspenderausweis“ und Familienbuch befanden sich in einem Sideboard. Natürlich musste ihr auffallen, dass Harro und das Mädchen wegen der Blutgruppenunverträglichkeit nicht Vater und Tochter sein konnten, eben weil die Blutgruppe Harros gleich vorne auf dem Blutspenderausweiskärtchen stand. Nachdem sie von der Schule zurückgekommen war und das Kind an Grete übergeben hatte, ging sie zurück ins Büro und wartete auf eine Gelegenheit mit Harro darüber sprechen zu können. Als sie dann endlich eine Gelegenheit dazu bekam, besann sie sich jedoch eines Besseren; wenn er es wusste, dass er nicht der biologische Vater war, davon musste sie ausgehen, aber das Kind dennoch wie eine leibliche Tochter für ihn sein sollte, dann durfte sie darüber kein Wort verlieren. Es sollte Harro überlassen bleiben, mit ihr darüber zu sprechen oder nicht.

Es waren nun schon ein paar Jahre vergangen und sie lebten recht glücklich als Familie zusammen, da hatte sie es für ihre Pflicht gehalten, das Kind quasi an Mutter statt, über ihre Herkunft zu informieren, wenn Harro sich nicht dazu durchringen konnte. Erstaunlicherweise war für Beatrice Annabells Reaktion auf ihre Eröffnungen hin überraschend gewesen. Es schien, sie weigerte sich zunächst, die Tatsache zu akzeptieren, nicht Harros Tochter zu sein. Es waren dann die unumstößlichen Fakten, die Beatrice ihr präsentieren musste, die sie letztlich überzeugten. Nach einigen Augenblicken des stummen Nachdenkens fragte sie Beatrice endlich, ob sich in ihrer Beziehung zu einander denn etwas ändern würde, nun nachdem sie erfahren hatte, dass Harro nicht ihr biologischer Vater sei. Sie erklärte Annabell, ihr Vater, das sei er nun einmal per Gesetz, habe es doch von Anfang an gewusst, sie sei nicht seine richtige Tochter – und es sei für ihn unerheblich gewesen, weil er sie von ganzen Herzen liebte. Beatrice erinnerte sich auch noch, wie sie dem Kind mit aller Überzeugungskraft, die ihr zu Gebote stand versicherte, es würde und werde sich nichts ändern. Nichts aber auch gar nichts könnte die Beziehung und Zuneigung, die sie zu einander hätten, in Frage stellen Nur sie ganz allein müsste wissen, wie sehr sie, Beatrice und Harro, sie als „Eltern“ liebten. Annabell gestand ihr später einmal bei einer Gelegenheit, die ihr passend schien, wie ihr dann doch ein Stein vom Herzen fiel. Im Grunde genommen hatte sie gehofft, es werde sich nichts ändern und gleichsam die Antwort schon im Voraus gewusst. Es wäre ja auch nur zu verständlich, wenn jemand solche Fragen stellte, wenn man etwas über seine Vergangenheit erführe, mit dem man nicht gerechnet hatte.

Beatrice hing ihren Gedanken nach und erinnerte sich an Harros Worte: „Alles was Annabell wissen soll ist, dass ich sie, sowie dich, ganz schrecklich liebe. Sie ist mir gleich von Anfang an ans Herz gewachsen. Sie kam mir so zerbrechlich und schutzlos vor. Außerdem war sie ein ausnehmend schönes Kind, von dem ich heimlich hoffte, sie sei ohne Zweifel meine Tochter. Obwohl, ich muss zugeben, ich wusste am Anfang nicht viel mit ihr anzufangen, aber dann warst du ja da, ma chère, um mir zu helfen. So war für die Kleine, als sie zu mir kam, fast so etwas wie eine Familie da. Und sind wir nicht doch noch eine richtige Familie geworden?“

Ihr Gedankengang wurde jäh von der Frage ihrer Tochter unterbrochen, die sich wegen der langen Gesprächspause Sorgen macht: „Mama, bist du noch da? Ich höre dich nicht mehr!“

„Entschuldige mein Kind“, erwiderte Beatrice, „ich war ganz in Gedanken und erinnerte mich, dass nach seinen letzten Anfällen und der unvorteilhaften Diagnose, in nicht allzu langer Zeit das Ende kommen könnte. Wir haben nicht viel darüber geredet, weil er es auch nicht mochte. Es scheint allerdings so, dass er es andererseits nicht sehr eilig hatte, sein Buch fertig zu bekommen, weil er Kapitel angefangen aber das Buch noch nicht zu Ende geschrieben hat, wie er mir sagte. Das heißt für mich, er hat es genommen wie es ist. Ich erinnere mich daran was er sagte, als ich ihn das letzte Mal, und das ist ja nun schon eine Weile her, in der Klinik besuchte: „Man lebt eben so vor sich hin, wie jedermann, ob einen ein Unfall oder Herzstillstand irgendwann ereilt, macht keinen so großen Unterschied wenn man darüber nachdenkt. Findest du nicht?“

Beatrice riss sich aus den Erinnerungen: „Weißt du was mein Kind? Wir sollten unsere Unterhaltung tatsächlich morgen fortsetzen, da ich mich im Moment nicht konzentrieren kann. In der Tat gehen mir alle möglichen Dinge durch den Kopf.“

„Noch ganz kurz: hast du mal in sein Smartphone rein gehört, dass er ja immer zum Diktieren benutzte, wenn er nicht am PC saß?“

„Ja, das habe ich versucht, aber da sind einige, verschieden abgespeicherte Diktate. Um mir das anzuhören, brauche ich einfach mehr Ruhe. Außerdem möchte ich seine Zustimmung, dass ich in seinen Sachen lese und hineinhöre! Wie gesagt: ich brauche mehr Ruhe und Zeit. Jetzt habe ich andere Dinge im Kopf und Sorgen. Soviel kann ich sagen, es scheint, er hat immer wieder Pausen gemacht, um zu überlegen. Aber da sind auch Passagen, wo er kaum etwas sagt. Dann gibt es Geräusche, der ihn umgebenden Natur zu vernehmen – das auf - und abschwellende Rauschen des Windes, Vogelgezwitscher und im Hintergrund, glaub ich, den Fluss zu hören. Aber von dem Wenigen, das ich mir angehört habe, kann ich mir kaum einen Reim machen. Es ist absolut wirr, was er da diktiert hat. Er muss halluziniert haben.“

„Wieso sagst du wirr?“

„ Da ist die Rede von Graugänsen, die er finden musste und einer Wüste in der er sich befände. Dabei ist das Tal vor dem Abri grün, lieblich und voll mit vielen schönen Wildblumen. Weil es ein so schöner und friedlicher Platz ist, hielt er sich doch so gerne dort auf.“

„Das wird etwa mit dem zu tun haben, was er mir vom Zug der Graugänse erzählt hatte, als ich noch klein war und wir zusammen im Garten saßen“, erklärte Annabell. „Ich hatte ihn gefragt, was das für viele Vögel waren, die da über uns weit oben am Himmel gemächlich vorüberziehend zu sehen waren, woher sie kamen und wohin sie flögen. ‚Ma Poulette, mein Mäuschen‘ sagte er, ‚ich weiß nur, dass sie aus dem Norden kommen und es sind Graugänse. Wohin sie fliegen weiß ich nicht, aber ich verspreche dir, ich finde es für dich heraus und dann sag ich es dir. Jedenfalls werde ich es versuchen‘. Leider muss er irgendwie über die Zeit und Jahre vergessen haben,es herauszufinden oder mir zu sagen, wohin sie fliegen.“

„Lass es gut sein, Poulette, mein Schatz, das ist wohl nicht mehr wichtig. Ich werde sein Manuskript lesen, nachdem ich ihn gefragt habe, ob er etwas dagegen hat, wenn ich es lese. Auch werde ich ihn um Erlaubnis bitten, seine Diktate abhören zu dürfen. Aber erst werde ich ihm das Telefon zusammen mit den anderen Sachen, die er jetzt braucht, bringen. Ich werde ihn ja morgen im Hospital besuchen. Heute hätte es sowieso keinen Sinn mehr gemacht, ihn mit so etwas zu belasten, da er kaum ansprechbar war. Ich hoffe nur, dass nicht das Schlimmste eintritt, und er mir genommen wird.“

„Mama, so hat er mich auch immer genannt, deswegen wenn mich jemand so nennt, ist er immer da für mich. Er wird wieder gesund – er muss wieder gesund werden!“

„Ja, mein liebes Kind, ich weiß. Selbst nachdem ich alle seine Kleidung und Bücher aus dem Haus geschafft und selbst wenn ich alle Fotos von ihm verbrannt und die auf dem Computer gelöscht hätte, wäre da immer noch diese Erinnerung an ihn und die gemeinsam verbrachten schönen Zeiten. Schmerzlich und manchmal doch auch noch zärtlich war es, was zwischen mir und ihm war. Ich kann und will es nicht in Worte fassen! Der Weg zu einander gefunden zu haben, war beschwerlich, aber er hatte auch sehr schöne Momente. Ich meine nicht, verklärt durch die Erinnerung, sondern ganz wirklich. Am Ende und viel zu spät vielleicht einmal mehr erklärt und ausgesprochen, was uns verband, wäre schön gewesen. Da war dann doch schließlich eine tiefe Liebe.“

„Mama, wenn du Hilfe brauchst, weil es dir vielleicht schwer fällt alles zu organisieren, komme ich jetzt schon.“

„Lass mein Kind, ich schaffe das schon. Ich freue mich trotz der Umstände, dich bald bei mir zu haben. Mach’s gut mein Mädchen bis bald!“

„Du auch, Mama. Ich hab dich lieb“, und Annabell beendete das Gespräch und starrte das Telefon an, als ob es noch mehr Informationen über ihren Vater von sich geben könnte.

Mit der Gewissheit alles getan zu haben, was sie in dieser Hinsicht erledigt hatte, ging sie zumindest was diese nervenaufreibende Tätigkeit anbelangte, zu Bett.

Trotz der ganzen, begreiflichen Aufregung hatte Beatrice die letzte Nacht relativ gut geschlafen, nachdem sie in der Hausapotheke herumgesucht und Kava-Kapseln gefunden und eingenommen hatte. Harro hatte diese Kapseln am Abend vor wichtigen Entscheidungen, Verhandlungen und Vorträgen geschluckt, damit er entspannt schlafen und am nächsten Morgen ausgeruht aufstehen konnte. Bei einer Reise in die Südsee, die sich Harro immer gewünscht und die sie letztlich von Fiji, über Samoa und Tonga geführt hatte, war Harro in den Kava-Ritus eingeführt worden, weil er sich mit den Eingeborenen gut verstanden hatte. Kava macht nicht high, sondern vermittelt eine ausgeglichene Stimmung, sodass einem so ziemlich Alles gleichgültig wird.

Beatrice erinnerte sich auch an eine Begebenheit mit Eingeborenen in Polynesien, als sie die Kava-Kapseln geschluckt hatte. Harro war immer auf die Menschen in anderen Ländern zugegangen, und war nach ihrem Geschmack manches Mal zu freigebig gewesen, um Menschen für sich zu gewinnen. Allerdings traf sie selber eine gewisse Schuld, wenn man überhaupt von Schuld reden könnte, dass Harro begonnen hatte, auch Menschen gegenüber, die er nicht kannte, aufgeschlossener zu sein. Beatrices Ermahnung „lächele doch einmal“ wenn sie mit jemandem bekannt gemacht wurden, war ihm zum Programm geworden.

Aber zurück zu Kava: auf einer Reise mit einem Frachter durch Französisch Polynesien, hatte er das Vertrauen einiger polynesischer Besatzungsmitglieder gewonnen, die sich abends auf einem Oberdeck trafen, um zu musizieren, zu singen und zu tanzen. Er lud sich durch die Geste des In-die Hände klatschen, die ihm die Eingeborenen beigebracht hatten, dazu ein, an den Kava-Ritualen teilnehmen zu dürfen. Seit damals war er davon überzeugt, Kava bei Stress und Schlaflosigkeit ohne Angst davor abhängig zu werden, einnehmen zu könne.

Beatrice besucht Harro im Spital

Am nächsten Tag, schon um acht Uhr, also bevor nach ihrer Einschätzung die Visite auf der Station stattgefunden hatte, machte sie sich auf den Weg ins Spital.

Er lag in seinem Bett und schaute gespannt, wer zum Zimmer hereinkäme. Beatrice wurde von einem breiten, wenn auch müden Lächeln über sein ganzes Gesicht empfangen – es ging ihm wohl besser. Allerdings war der Anblick der vielen Schläuche und Verbände die sich an beiden Armen, auf der linken Handfläche und wohl auch an anderen Stellen seines Körpers befanden, kein sehr beruhigender Anblick für sie. Nach dem üblichen: „Wie geht es dir?“, von ihr, und „ich habe mir solche Sorgen gemacht. Warum hast du mich denn nicht angerufen, als du merktest, dass es dir nicht so gut ging?“ Seiner beruhigenden Erwiderung, es gehe ihm schon viel besser und sie sollte sich nicht so viele Sorgen machen, folgte dann eine Weile betretendes Schweigen und sie schauten sich beide nur an. Die Unterhaltung tröpfelte noch ein wenig vor sich hin und es war offensichtlich, dass er müde war. Sie unterhielten sich noch darüber, was er weiter noch alles im Spital brauchte und was sie ihm beim nächsten Besuch mitbringen sollte, während sie seine Wäsche und Toilettenartikel in seinen Spind einräumte.

Sein Smartphone, seine Schreibsachen und ein Buch legte sie in seinen Nachttisch. Dann fragte sie Harro beiläufig, ob er Einwände dagegen hätte, wenn sie sein Manuskript läse. Er lächelte sie breit an und meinte nur: „Lies es und lass mich wissen, was du davon hältst!“

„Ja, abgemacht?“ Es klang ganz so, als ob sie ihm einen Gefallen täte, dabei war es doch anders herum.

„Ach, bevor ich es vergesse, darf ich wissen, woran du am Abri gearbeitet hast?“

„Davon erzähle ich dir ein anderes Mal, wenn du das Manuskript gelesen hast.“

Dann beugte sie sich zu ihm und verabschiedete sich mit einem Kuss auf seine Stirn; an diesem Tag war noch nicht viel mit ihm anzufangen, wahrscheinlich war er noch von den Medikamenten sediert.

Sie fuhr heim und hatte eine Menge an Fragen, die ihr durch den Kopf gingen, auf die sie keine Antwort fand. Es betraf ihre Zukunft, wenn ihm oder ihr ernsthaft etwas geschähe; was würde für den zurückbleibenden Partner werden? Dann waren da Bilder in ihrem Kopf, wie er unter dem Abri gesessen haben mochte. Da diese Art innerer Unruhe sie nicht einschlafen ließ, beschloss sie, sich in Harros Manuskript einzulesen. Sie knipste das Licht wieder an und holte aus Harros Zimmer sein Notebook.

Zurück in ihrem Bett startete Beatrice das Notebook. Ging zu dem Dokumentordner ‚Dichtungen‘ und öffnete die Datei mit seinem letzten Manuskript. Es trug den Titel „Erinnerungen“ und sie begann sich damit zu beschäftigen, um sich zunächst einen Überblick zu verschaffen. Sie hatte nun nur flüchtig in das Manuskript rein geschaut, es war eine Art Biografie und sie schien auch noch nicht fertig zu sein. Jedenfalls hörten die letzten Seiten irgendwie abrupt auf. Aber er musste noch daran geschrieben haben, bevor er das Haus verlassen hatte. Vielleicht glaubte er noch Anregungen zu benötigen. Dann begann sie von Anfang an zu lesen, was er geschrieben hatte.

Harros Roman ‚Erinnerungen eines Glückspilzes‘

Über die Wahl des Titels, den ich für meine ‚Erinnerungen‘ gewählt habe, kann man streiten, aber ich glaube, ich hatte in meinem Leben verdammt viel Glück, oder mehr Glück als der normale Mitmensch. Wenn ich mich mit vielen Menschen vergleiche, die meinen Lebensweg gewollt oder ungewollt begleitet haben, darf ich mich als Glückspilz fühlen.

Als ein Mensch der viel Schlimmes durchgemacht hat, aber immer wieder die Oberhand gewann, muss ich mich so sehen. Zweimal im Leben habe ich den Krebs besiegt und mich danach jedes Mal unilateral für gesund erklärt. Das heißt, ich habe keine Kuren oder Reha-Maßnahmen mitgemacht, sondern bin so schnell wie möglich zur Normalität und auch zur Arbeit zurückgekehrt. Außer Angehörigen, guten Freunden und da, wo es wirklich unumgänglich war, z.B. bei Vorgesetzten hatte ich lediglich eine weitgehend nichtssagende Nachricht hinterlassen, dass ich erkrankt war.

Ob ich Angst vor dem Sterben gehabt habe? Sicherlich nicht, aber sehr traurig bin ich gewesen, dass es mich jedes Mal so schlimm getroffen hatte. Psychisch sehr belastet hatte mich auch die Betroffenheit meiner lieben Frau, die mich das letzte Mal in die Klinik begleitete. Ihre Sorge um mich, ihren Kummer hatte ich ihr nicht abnehmen und ihr bei der Verarbeitung helfen können. Für den Kranken ist die Betroffenheit der Angehörigen schwerer zu ertragen als die eigene Erkrankung; das macht, dass man sich hilflos fühlt.

Immer wieder, auch als ich mit Lungenentzündung und mit 41 °C Fieber, mit Blaulicht zunächst in die Notaufnahme - und dann fast zur vierzehntäglichen Erholung in einem Krankenhausbett - geschickt worden war, habe ich ihr wohl weh getan.

Weh getan auch wegen meines Starrsinnes, nicht auf sie und die nicht zu übersehenden Signale meines Körpers gehört zu haben.

Nach zwei Herzinfarkten, wahrscheinlich hatte ich auch schon vorher einen gehabt, kam ich von zwei Ärzten im Notarztwagen betreut, schließlich in ein Katheter-OP, wo man vergeblich versuchte ein Gefäß durchgängig zu machen. Das war alles ganz schrecklich, aber als ein vom Glück verwöhnter Mensch konnte ich auch in dieser Situation noch einen Glanzpunkt erleben. In meinem ansonsten ganz gewöhnlichem Leben, als sexuell normaler und nicht weiter auffälliger Mann, wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben von zwei hübschen jungen Frauen ausgezogen! Leider habe ich nur die Hälfte davon mitbekommen, da ich zeitweilig nicht voll bei Bewusstsein war. Vielleicht kann nicht jeder, der dies liest, völlig nachvollziehen, was ich erlebt habe, weil ich auf einem OP-Tisch lag. Normalerweise sind Menschen glücklich, wenn sie etwas erleben, mit dem sie sehr zufrieden sind. Das sind aber keine permanenten Erfahrungen, sondern meist vorbeigehende Episoden.

Bei mir zieht sich eine Glückssträhne durch mein ganzes Leben und trotzdem bin ich nicht immer zufrieden mit dem, was mit mir passiert, was ich tue und was ich leiste. Letzteres war auch stets eine treibende Kraft in meinem Leben.

Leider bin ich nun an einem Punkt angekommen an dem ich sehe, dass die Glückssträhne endlich ist und in absehbarer Zeit abbrechen wird, ganz einfach weil ich ein Ende meines Lebensfaden befürchte und glaube, es sehen zu können. Die homerschen Kataklothes oder Zuspinnerinnen, und auch die Moiren der griechischen Mythologie, die die Länge des Lebens und seiner Beschaffenheit festlegen, lassen sich nicht überlisten oder bestechen. In der westlichen Welt kenne ich sonst niemanden, den ich eventuell noch für meine zu erwartende baldige Misere verantwortlich machen könnte. Mehrere Male habe ich mich schon dabei ertappt, wenn ich mich zu Bett begeben hatte, ob ich darüber nachdenken müsste, Angst zu haben, aus dem Schlaf nicht wieder aufzuwachen. Das ist ein absurder Gedanke, da man doch, nachdem der Tod eingetreten ist, kein Bewusstsein vom Sterben oder gestorben sein haben kann. Manches bewusst gemacht hat mir auch ein Schauspieler, der in einem Film, den ich mir angesehen hatte, einen Krebskranken spielt, der auf der Terrasse sitzt und die schöne Landschaft bewundert. Er weiß, ihm wird nur noch wenig Zeit bleiben und dann sagt er: „Wie werde ich diesen herrlichen Anblick vermissen!“ Ich kann ihn ja verstehen, aber wenn ich ihm hätte sagen können, dass man nach Eintreten des Todes nichts mehr vermissen kann, würde ihm das irgendwie geholfen haben? Aber es hat mich befähigt, über die Situation eines möglichen nahen Sterbens nachzudenken und für mich Schlüsse zu ziehen, die mir mein Leben leichter machen. Vielleicht darf ich an dieser Stelle noch über Weiteres in diesem Zusammenhang berichten. So habe ich recherchiert und gelesen, dass im Stehen Wasser in die unteren Extremitäten eingelagert wird. Im Liegen haben es daher die Nieren leichter, dieses Wasser wieder loszuwerden. Deswegen muss man gegebenenfalls nachts öfter auf die Toilette, abhängig davon, wie viel man vor dem Zubettgehen getrunken hat. Aber man sollte vor dem Schlafen ein bis zwei Glas Wasser trinken, um für das Herz eine vernünftige Druckbilanz des Kreislaufes zu haben. Weiterhin stand in dem Artikel, die meisten Herzinfarkte ereigneten sich im Schlaf und führten zum Exitus, das heißt die Betroffenen merken es so gut wie gar nicht oder nur einen kurzen Augenblick. Die Schlüsse, die ich aus dem Vorgenannten und Gelesenen gezogen haben waren einfach: viel trinken vor dem Zubettgehen, um möglichst oft aufzuwachen. Denn wer weniger schläft minimiert damit, meine ich, die Wahrscheinlichkeit im Schlaf zu sterben. Allerdings bin ich mir nicht zu einhundert Prozent sicher, ob das alles stimmt! Meinen Arzt zu fragen, traue ich mich nicht, weil er mich mutmaßlich für einfältig halten könnte.

Da ist noch etwas, das ich mit meiner lieben Frau natürlich nicht besprechen kann, nämlich der Wunsch im Schlaf zu sterben, oder einzuschlafen und dann sterben, wenn es denn unumgänglich wird. Wenn ich versuchte, so etwas mit ihr zu besprechen, oder zu diskutieren, würde sie gleich wieder vermuten, dass es mir nicht gut ginge. Alle gegenteiligen Beteuerungen fielen auf taube Ohren, und ich müsste mir sogar den Vorwurf gefallen lassen, ich würde sie belügen! Wer wünscht sich denn nicht solch einen schönen Tod, wenn er sich schon nicht vermeiden ließe. Mein Wunsch geht aber weiter, ist ein wenig komplexer und im wahrsten Sinne des Wortes morbid. Sollte bei mir ein unabwendbarer Herz- oder Organtod eintreten, dann wäre es schön, wenn Beatrice es nicht sofort bemerkte. Leider kann ich ja nicht verleugnen, dass ich Naturwissenschaftler bin, daher weiß ich, dass nach einem Herztod das Gehirn noch bis zu zehn Minuten weiterlebt. In dieser Zeit schaltet das Gehirn graduell auf einen Energiesparmodus, registriert aber noch Umweltreize. Dazu gehört natürlich auch lautes Schluchzen und Wehklagen eines lieben Angehörigen. Ich kann mich nicht von dem Gedanken freimachen, dass es das Sterben schwerer machen könnte, wenn man es hören würde. Also möchte ich in den letzten Minuten, in denen noch die Möglichkeit bestünde, etwas wahrzunehmen, nichts hören und fühlen, das mich noch eventuell unglücklich machen würde. Unglücklicherweise gehört auch dieser Wunsch in eine Kategorie von Wünschen, die man vielleicht am besten mit dem Begriff irreale Wunschvorstellung beschreiben sollte, da niemand wissen wird, und ich würde niemandem mitteilen können, ob alles letztlich so eingetreten sein wird. Ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich begonnen habe, diese Zeilen aufzuschreiben. Vielleicht ist es eine Art Verteidigung, eventuell Selbstbefriedigung, oder mag es gar Eitelkeit geschuldet sein? Will ich mich gegebenenfalls rechtfertigen dafür, wie ich gewesen bin? War ich ein guter oder ein schlechter Mensch?

Wie jeder hatte ich Freunde und kannte andere, die mir weniger wohl gesinnt waren. Sicherlich habe ich einigen Menschen, neben meiner Frau, in meinem Leben weh getan, das bleibt nicht aus, wenn es Momente gibt, in denen man Entscheidungen trifft. Insbesondere Entscheidungen für sich trifft, die oft, ob man will oder nicht, gegen andere gerichtet sind. Vieles von dem habe ich sicher nie mitbekommen und daher ist es nunmehr unerheblich, weil ich retrospektiv nichts ändern kann, - es ist wie es ist. Viel zu spät habe ich gelernt, auch das mit Hilfe meiner lieben Frau, offener auf Menschen zu zu gehen. Eines aber ist mir selber klar geworden, wie wichtig es ist, den Menschen, die ich wirklich lieb hatte und lieb habe, es auch zu sagen.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr sehe ich deutlich, mit was ich die Geduld von Mitmenschen so manches Mal strapaziert haben muss. Meine Pingeligkeit bezüglich des korrekten Gebrauchs der Sprache ist nicht nur meiner lieben Frau immer wieder sauer aufgestoßen. Oft hätte ich meinen Unmut über den falschen Gebrauch des Konjunktivs, der Nichtbenutzung des Konjunktivs II und des ausufernden Benutzens von Anglizismen im täglichen Gebrauch, aber auch in der Werbung, für mich behalten sollen. Eines Tages ist es mir wieder einmal zu bunt geworden, als ein Fernsehsender mehrere Programme schon mit Titel und im Vorspann nur auf Englisch angekündigt hatte. Also schrieb ich an den Sender und fragte sie, warum die Sendungen nicht mit deutschem Titel versehen waren. Die abgrundtief dumme Antwort erspare ich mir, aber dass der Schwachkopf von der Redaktion mich indirekt bedauert hatte, des Englischen nicht mächtig zu sein, hat mich anschließend dazu gebracht, den Fall nicht weiter zu verfolgen. Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen!

Diese meine Wesensseite, des Beharrens auf einen Purismus der Sprache, wurde mir erst durch wiederholte Vorhaltungen Beatrices klar. Aber in diesem Zusammenhang fällt mir auch wieder ein, wie mir meine geliebte Schwägerin schon vor längerer Zeit vorgehalten hatte, sprachlich verstaubt zu sein.

Weder mit Beatrice noch mit meiner Schwägerin hatte ich mich jemals darüber ernsthaft gestritten. Bis dahin trug ich auch immer noch einen Groll gegen einen Consultant mit mir herum, der mir nach einem Interview für eine Position, für die ich mich interessiert und einer Einladung zu einem Gespräch gefolgt war, vorgeworfen hatte, ich wäre harmoniesüchtig, nachdem wir uns auch über den korrekten Gebrauch der Sprache unterhalten hatten. Das hatte mich tief getroffen. Der kannte mich doch überhaupt nicht! Das andere Extrem war hingegen Beatrices Vorwurf, ich sei ein ‚Streithammel‘ und dominant, weil ich nie klein beigeben könnte! Ein „Kümmerer“ bin ich ganz sicherlich gewesen. Oft genug habe ich mir den Satz „was geht dich das an?“ anhören müssen, wenn ich mich in der Firma außerhalb meines Geschäftsbereiches, aber auch in unserer Gesellschaft involviert habe. Ich kann auch nicht verstehen, ob es Nicht-Wollen oder Nicht-Können ist, dass Mitmenschen nicht möglichst viel Eigenverantwortung und Selbstbestimmung zur Maßgabe ihres Handelns machen. Die Dummheit der Menschen, die nach dem Staat rufen, anstatt sich selbst zu engagieren, stößt mich genauso ab, wie das ungerechtfertigte Anspruchsdenken gerade bei jungen Menschen. Wer nach dem Staat ruft hat nicht begriffen, dass er oder sie selber der Staat sind!

Nun, das sind Facetten meiner Persönlichkeit, die ich selber nicht so gesehen habe, und ich werde auch nicht weiter auf die Gegebenheiten eingehen, die zu solchen Urteilen über mich geführt haben mögen. Ein Urteil über das eine Extrem oder das andere, wenn sich diese Pole nicht ausschließen, muss anderen Mitmenschen überlassen bleiben. Allerdings glaube ich fest daran, wenn man zum Kader, das heißt weniger als ein Prozent, der Mitarbeiter des Managements in Unternehmen, mit mehr als zehntausend Mitarbeiter für über zwei Jahrzehnte gehört hat, muss man wohl eine gewisse Dominanz besessen haben.

Daher will ich nur das festhalten, welche Episoden und was ich für wichtig in meinem Leben gehalten habe. Es gibt nicht allzu viel, von dem ich wüsste, dass ich es eigentlich bereute getan oder erlebt zu haben. Spontan fallen mir aber zumindest zwei Begebenheiten ein, in deren Zusammenhang ich mich für mein Verhalten schäme und es ungeschehen machen würde, wenn ich könnte. Für viele Mitmenschen sind das sicherlich Nichtigkeiten gewesen, aber das mag jeder mit sich selbst abmachen.

Eines Tages bekam ich im Büro der Firma, in der ich arbeitete, Besuch von einer Dame, die den gleichen Beruf in einer anderen Firma hatte wie ich, aber auch den gleichen Kundenkreis besuchte. Sie brachte mir ein Geschenk in Form eines goldenen Kettchens von einer jungen Frau, die sie zufällig getroffen hatte, die uns beide kannte. Wir hatten uns flüchtig aber heftig kennen gelernt. Ich hatte sie zwar nicht vergessen, aber unserer Begegnung gedanklich nie mehr so recht nachgehangen. Scheinbar hatte sie doch mehr Gefühl in unser Zusammentreffen investiert als ich. Was die Angelegenheit allerdings so schlimm machte war, dass ich die Kette meiner Sekretärin schenkte. Einen Tag danach kam sie heulend in mein Büro und beschuldigte mich, mit dem Geschenk des Kettchens eine Ehekrise ausgelöst zu haben. Ihr Mann konnte nicht verstehen, warum ihr Chef ihr ein Kettchen geschenkt hatte, ohne Hintergedanken gehabt zu haben. Das andere Mal bekam ich einen Anruf von einer jungen Frau, mit der ich ein kurzes Verhältnis hatte, bevor ich mit Beatrice zusammen kam. Wofür ich mich schäme? Ich war schon mit Beatrice liiert, als ich besagten Anruf von eben dieser Frau bekam, aber den Anruf nicht angenommen habe und mich verleugnen lassen. Manch einer mag meinen, die beiden Vorkommnisse seine belanglos, sind sie aber nicht, wenn sie jemandem über einen Zeitraum von vielen Jahren episodisch immer wieder einfallen. Die Bürden, die mir eben dieses mein episodisches Gedächtnis auferlegt, muss ich alleine tragen, und das ist auch gut so. Aber leider wird meinen Mitmenschen und Beatrice allerdings mein semantisches Gedächtnis, aufgrund meiner Mitteilsamkeit manchmal zu Last. Böse Zungen sprachen auch schon einmal von Geschwätzigkeit – das berührt mich allerdings nicht! Vielleicht sollte ich die eine oder andere Erfahrung verschweigen, weil sie so extrem und von außen betrachtet absurd erscheint, da sie nur im extremen Leben passiert, weil man sich so etwas nicht ausdenken kann. Und wenn es einer niederschriebe oder erzählte, würde man meinen, er übertreibe und im schlimmsten Falle, er spinne. Warten wir es ab, ob sich eine Gelegenheit ergibt, während ich alles aufzähle, was mir einfällt, um es mehr oder weniger unaufdringlich einzuflechten! Meine fast vollständige Lebensgeschichte wird sowieso niemanden lesen wollen.

In meinem ganzen Leben habe ich unzählige Seiten für andere Menschen, z.B. Kollegen und Vorgesetzte, vollgeschrieben, von denen ich nicht weiß, wer sie alles gelesen hat, und die vielleicht nie wieder irgend jemand lesen wird. Meine vielen wissenschaftlichen Publikationen werden heute noch jeden Monat weltweit mit hunderten Zitaten bedacht. Als ich jünger war, hatte mir das immer geschmeichelt und ich war stolz darauf, dass man mich zitierte. Dann, irgendwann fand ich plötzlich, es war alles ganz eitel! Es kommt der Punkt, an dem greift ein Automatismus! Wenn ein Wissenschaftler über etwas arbeitet und forscht, dass die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Arbeiten tangiert oder betrifft, und diese Ergebnisse erwähnt, muss er mich als Quelle anführen. Wer von den Wissenschaftlern, die aus meinen Arbeiten zitieren, hat eine Ahnung davon wer ich bin, oder kennt mich denn als Mensch? Wer von ihnen weiß eventuell überhaupt, ob ich noch existiere? Ich habe als Erster entdeckt, dass es unter den Bodenbakterien, die immerhin von beträchtlicher industrieller Bedeutung sind, keine gemeinsame, einheitliche genetische Ausstattung zur Nutzung von Kohlehydrat-Ressourcen gibt. Ich war so unheimlich stolz auf meine Erkenntnisse! Durch Zufall fiel mir in einem anderen Institut die Aufgabe zu, die Struktur des Speicherglykogens der menschlichen Plazenta aufzuklären. Das habe ich natürlich geschafft: sie ähnelt der Struktur bakteriellen Glykogens, das als schnell mobilisierbare Energiereserve aufgebaut ist. Das hat enorme Konsequenzen für die Ernährung der Mutter, und natürlich des Kindes im Mutterleib, nämlich für die essentielle und schnelle Verfügbarkeit einer Energierquelle. Warum verbraucht das Ungeborene viel Energie? Weil es täglich wächst und sich weiter entwickelt! Und was bleibt, von dem Gesagten? Wer weiß das schon?

Zusammen mit Kollegen war es meine Aufgabe aufzuklären, wie bestimmte Pflanzen, die für die menschliche Ernährung außerordentlich wichtig sind, bestimmte Mineralien im Boden, auf dem sie wachsen, nutzen können. Haben wir toll hinbekommen und einige Publikationen herausgegeben.

Die Hersteller von Düngemittel und auch die von Herbiziden haben sich gefreut wie die Schneekönige. Düngemittel und Herbizide sind wie Dr. Jeckyll und Mr. Hyde für Pflanzen: das eine bringt Leben und das andere den Tod. Keiner von denen, die mir die Arbeit indirekt bezahlt und Kapital aus den Arbeiten geschlagen haben, hat sich je für mich als Mensch interessiert. Man müsste für Wissenschaftler ähnlich wie für Militärs eine Art von Orden schaffen, die sie sich ans Revers oder den Laborkittel heften können, damit jeder sieht, wie wichtig sie für die Menschheit sind! Denn wichtig genug benehmen sich ja einige, die mir in meinem Leben begegnet sind! Aber ich verliere mich schon wieder in Aspekte meines Lebens als Wissenschaftler, die für mich von Bedeutung waren, an dieser Stelle mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemanden in meiner Familie und unter meinen jetzigen Freunden und Bekannten interessieren wird. Und kaum jemand wird je diese Arbeiten lesen, geschweige denn verstehen oder besonders aufschlussreich finden. Toll, was ich getan habe - hat aber die Welt nicht grundsätzlich verändert! Vielleicht hoffentlich und eventuell in kleinen Teilbereichen doch ein ganz klein bisschen?

Aber genau so, wie ich das unbeschreibliche Glück gehabt hatte, immer gute und weise Lehrer zu haben, von denen ich lernte und die mich formten, habe ich junge Menschen herangezogen und gebildet und damit etwas Bleibendes über meinen Tod hinaus in die Welt gesetzt. Es heißt, alle Menschen sind ersetzbar. Keiner von diesen Menschen, die ich als meine ‚Lehrer‘ bezeichnet habe, war ersetzlich dafür, dass ich der geworden bin, der ich bin oder dann einmal war. Meine liebe Frau bildet da keine Ausnahme, wie ich noch einmal betonen möchte. Selbst die Frau, die mich verlassen hatte, war Anstoß dafür, dass sich anschließend mein Leben, aus meiner Sicht zum Besseren, veränderte. Und da ist noch etwas, das ich aufschreiben muss, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Selbst wenn es niemand lesen wir, es ist so in die Welt gekommen. Neben den Lehrern, die mich gefördert und geprägt haben, waren da noch liebe Menschen in meinem Lebensumfeld, die mein Leben maßgeblich geformt haben. Es zählt für mich sehr viel, dass mein Freund, der viel zu früh nach innigen vierzig Jahren Freundschaft von uns ging, der einzige war, der außer meiner lieben Frau und meiner geliebten Schwägerin mich offen kritisieren und manches Mal auf den Weg der Vernunft durch ein einfaches „Ja, spinnst du denn Harro!“ zurückbringen konnten.

Gott, wenn es dich denn gibt, warum diese Verschwendung an Reichtum des Wissens, der Weisheit, der Güte, der Empathie und der Liebe, die ich erfahren habe, wenn Menschen aus der Nähe ins Nichts wegtauchten. Warum habe ich denn auch mein Gehirn mit Wissen vollgestopft, das lediglich mit einigen Bruchteilen in Form von Publikationen, sonst aber nicht mein Verscheiden aus dieser Welt überleben wird. Eitelkeit und Selbstliebe? Das ist es nicht; ich war und bin auch noch Opfer meiner Fähigkeit mir vieles zu merken und memorisieren zu können. Da ist Belangloses und auch Nebensächliches darunter, obgleich ich manches Mal nicht weiß, warum ich auch Dinge vergesse, oder besser gesagt mir nicht merke. Meine liebe Frau behauptetdass ich es mir nicht merken will. Noch heute kann ich mich, hier an meinem Schreibtisch sitzend, an die Inhalte von Stunden in der Schule, die mich besonders interessierten, ohne Probleme erinnern. In der Mittelstufe auf dem Gymnasium bekamen wir wegen Lehrermangels im ganzen Land pensionierte Wissenschaftler und Menschen aus der Industrie, die man mit gutem Geld reaktiviert und überredet hatte, für uns als Lehrer zu fungieren. Bei uns war darunter ein ehemaliger Biologie- oder Mikrobiologieprofessor, der lange in Brasilien gelebt und gearbeitet hatte. Von ihm hörte ich so interessante Dinge wie, es gebe Infektionen mit Monilia, einem Pilz, an einigen Früchten, so auch Kakao. Und nun kommt das Aufregendste: man findet dann auch sehr oft gleichzeitig bestimmte Arten von Ceratostomella an den befallenen Stellen. Eine Art Krebs, der sich durch die Früchte frisst! Das Beste daran ist, dass die beiden schädlichen Pilze durch Ameisen von einem Baum zum anderen transportiert werden! Natürlich inadvertant! Ist das nicht wie gesagt wirklich atemberaubend? Man muss das nicht wissen, aber ich weiß es nun mal. Beatrice durfte ich diese Dinge später nie erzählen, weil sie sie schlichtweg nicht interessierten und nicht hören mochte. Es kam vor, dass mich Dinge, die ich gelesen oder gehört hatten, sehr bewegten. Ich wusste aber auch, Beatrice wollte davon recht herzlich wenig wissen. So fragte ich sie einmal, kann auch sein öfter, ob ich ihr etwas erzählen dürfte und gleich hinzusetzend, etwas, das sie nicht interessierte. Ihre gleich lautende Antwort kam schnell und stets: „Du tust es doch sowieso!“ Wenn ich dennoch zu erzählen begann, pflegte sie zu sagen: „Ach Harro, erzähl das doch deinem Frisör! Wobei sie meinen Namen dehnte – Haaarro.“ Das ist doch schrecklich! Apropos Frisör, lange schon nachdem der Wind auf meinem Haupt keine Locken mehr zum Verwirbeln fand, ging ich trotzdem immer noch zu meinem Freund Jean-Jacques. Auf dem Schaufenster seines Frisörladens stand schräg mit Schwung nach oben „Chez Jacques Coiffeur Messieurs“. Er schwärmte von deutschen Schlagern und Sendungen mit Quizmastern und ich von französischen Chansons von Reggiani und Moustaki. Um die Situation schön absurd zu gestalten, wenn ich mich in seinem Salon befand, lief im Hintergrund laute Opernmusik, wenn wir uns unterhielten! Das war die gemeinsame Schnittmenge! Die Atmosphäre in dem Bild mit der Eckkneipe in der „pretty blue eyes Frank Sinatra“ mit ein paar Typen am Tresen sitzt, war doch trist dagegen. Je mehr ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, die Typen in der Kneipe hatten sich nichts zu sagen!

Aber zurück ins Berufsleben. Wenn in Meetings alle Kollegen bei Präsentationen Notizen auf Papier oder heimlich im Laptop machten, saß ich da und hörte zu. Ein oder zwei Mal fragte mich jemand, ob ich mir keine Notizen machen wollte. Aber anstatt zu sagen „brauche ich nicht“, begann ich so zu tun, als ob ich mitschrieb. Natürlich war es auch mir unmöglich, grundsätzlich alle Fakten einer langen Präsentation oder eines Vortrages zu merken und später zu memorisieren, dennoch weiß und wusste ich auch später, um was es ging und welche Fakten zum Merken relevant waren.

Namen und Telefonnummern, und bei letzteren die eigene bereiteten mir dagegen immer wieder Schwierigkeiten, wenn ich sie in bestimmten Situationen parat haben sollte. In meinem Berufsleben habe ich mich sicher mit mehreren hundert Kunden bei den verschiedensten Gelegenheiten unterhalten. Kennen Sie das auch: bei einer Ausstellung kam jemand draußen vor dem Eingang auf mich zu und begrüßte mich freundlich mit allem drum und dran – und ich hatte keine Ahnung wer er war? Dann grüßte ich freundlich erstaunt zurück, ohne einen Namen zu nennen und sagte nur: „Schön, dass Sie auch da sind!“ Diese hohle Nummer hatte ich aber auch schon bei Kunden angewandt, um mich in ihr Vertrauen einzuschleichen. Wer gibt schon gerne zu, vergesslich zu sein?