Erinnerungen eines polnischen Zwangsarbeiters - Dr. Edward Sulek - E-Book

Erinnerungen eines polnischen Zwangsarbeiters E-Book

Dr. Edward Sulek

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Beschreibung

Konrad Szumiński wurde am 26.11.1925 in Gniezno (Polen) geboren. Seine Mutter führte die eigene Drogerie, sein Vater diente als Offizier in der polnischen Armee. In seinem Buch erinnert er sich an den unmenschlichen Aufenthalt im Arbeitserziehungslager Zöschen. Fünf Monate war er dort zwischen 1944 - 1945 als Zwangsarbeiter inhaftiert. Krankheit, Kälte, Hunger und Schläge begleiteten ihn bei seinen täglichen Arbeitseinsätzen in Leuna. Nach dem Krieg beendete er sein Studium als Chemieingenieur an der Schlesischen Technischen Hochschule und bekam für seine Arbeit in der Chemie- und Gasindustrie zahlreiche Auszeichnungen. Seit über 60 Jahren ist er glücklich mit seiner Frau Danuta verheiratet und lebt bis heute in Siemianowice Śląskie (Oberschlesien). Er ist dankbar, dass seine Kinder, seine Enkelin und sein Urenkel bisher in Frieden aufwachsen konnten. Einen Groll gegen die Deutschen verspürt er nicht. Im Gegenteil. Er schätzt die vielen beständigen und herzlichen Freundschaften, die er seit Jahrzehnten pflegt. Dr. Edward Sułek, geboren am 18.04.1954 in Puławy (Polen), studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Puławy Agrarwissenschaft in Nitra (in der heutigen Slowakei) und promovierte 1985 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1995 bis 2014 war er im Landratsamt Saalekreis verantwortlich für die Beziehungen zu den Partnerregionen. Diese für ihn sehr wichtige Aufgabe setzt er bis zum heutigen Tag ehrenamtlich als Dolmetscher und Übersetzer für mehrere Sprachen fort. Seine Motivation und sein Herzenswunsch sind der Erhalt des Friedens und der Dialog zwischen den Nationen. Vor einigen Jahren lernten sich die beiden während der Gedenktage in Zöschen kennen. Konrad Szumiński hatte diesen Teil seiner Biografie bereits kurz nach dem Krieg niedergeschrieben und so beschloss man gemeinsam, sie auch dem deutschen Leserkreis zugänglich zu machen. Seine Übersetzungs- und Herausgeberarbeit zu diesem Buch widmet Dr. Edward Sułek seiner Enkelin Helena.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Konrad Szumiński, Dr. Edward Sułek

Erinnerungen eines polnischen Zwangsarbeiters

Nr. 10.433 - AEL Zöschen - 1944 – 1945

Siemianowice Śląskie und Sennewitz - 2016

© 2021 Konrad Szumiński, Dr. Edward Sułek

Übersetzung aus dem Polnischen: Dr. Edward Sułek

Text: Dr. Edward Sułek

Lektorat, Korrektorat, Umschlag, Illustration und Text: Katrin Müller – freiberufliche Lektorin

(Diese o.g. Aufgabengebiete von Frau Katrin Müller betreffen nur die ISBN-Nr. der Erstveröffentlichung von 2016 (ISBN Paperback: 978-3-7345-2367-0; Hardcover;978-3-7345-2368-7 sowie e - Book: 9878-3-7345-2369-4). Ab Neuveröffentlichung 2021 übernehmen die beiden Autoren bzw. deren Beauftragte/Vertretung unter der jeweils neuen ISBN-Nr. die alleinige Verantwortung.)

Fotos: Privataufnahmen v. Konrad Szumiński und Dr. Edward Sułek

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg ISBN

978-3-347-25232-5 (Paperback)

978-3-347-25233-2 (Hardcover)

978-3-347-25234-9 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Widmung des Herausgebers

Vorwort Dr. Edward Sułek (Autor und Übersetzer)

Historische Einleitung

I. Flucht

II. Verhaftung

III. Gestapo

IV. Gefängnis

V. Transport

VI. Zöschen

VII. Lager

VIII. Blutruhr

IX. Phlegmone

X. Bombenkommando

XI. Rebellen

XII. Flecktyphus

XIII. Freiheit

Nachwort des Autors Konrad Szumiński – Zukunft braucht Erinnerung

Nachwort von Dr. Edward Sułek – Toleranz, Achtung und Dialog

Dieses Buch ist meiner Enkelin Helena gewidmet.

Dr. Edward Sułek, geboren am 18.04.1954 in Puławy (Polen), studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Puławy Agrarwissenschaft in Nitra (in der heutigen Slowakei) und promovierte 1985 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1995 bis 2014 war er im Landratsamt Saalekreis (vorher Saalkreis) verantwortlich für die Beziehungen zu den Partnerregionen. Diese für ihn sehr wichtige Aufgabe setzt er bis zum heutigen Tag ehrenamtlich als Dolmetscher und Übersetzer für mehrere Sprachen fort. Seine Motivation und sein Herzenswunsch sind der Erhalt des Friedens und der Dialog zwischen den Nationen.

Vorwort des Autors und ÜbersetzersDr. Edward Sułek

„Jeder Schritt soll ein Schritt zum Frieden sein.“Anselm Grün

Liebe Leserinnen und Leser,

vor sechs Jahren begegnete ich zum ersten Mal einem sehr sympathischen und äußerst intelligenten älteren Menschen. Konrad Szumiński, der auf Einladung des Heimat- und Geschichtsvereins Zöschen e.V. zu den traditionellen Erinnerungstagen, welche ein Beispiel der internationalen Gedächtniskultur sind, nach Zöschen gekommen war.

Im Zweiten Weltkrieg gab es hier von 1944 bis 1945 das sogenannte Arbeitserziehungslager. Konrad Szumiński verbrachte fünf Monate als Gefangener in diesem Lager. Seine Erlebnisse hatte er bereits nach dem Krieg aufgeschrieben.

Lange Zeit befasste ich mich mit dem Gedanken, sie auch ins Deutsche zu übersetzen. In gewissem Sinne betrachtete ich diese Aufgabe auch als menschliche Verpflichtung den nachfolgenden Generationen gegenüber und auch als eine Möglichkeit, die Wahrheit bereits jetzt publik zu machen, wenn die Zeitzeugen selbst noch Anteil daran nehmen können. Denn wir alle wissen: Aus der Vergangenheit kann man nur lernen, wenn man mit einer wahren Geschichte konfrontiert wird, die auch nachweisbar erlebt wurde.

Und so entstand dieses Buch als eine Botschaft - gerichtet gerade auch an die jungen Menschen: Erhaltet den Frieden!

Hermann Hesse schrieb etwas, was ich gern zitieren möchte: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ Für solche Menschen wie Konrad Szumiński bedeutete diese Aussage: Überleben zu wollen, um weiterleben zu können.

Auch an die ältere Generation appelliere ich. Sprechen Sie mit Ihren Kindern und Enkeln über dieses Thema. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, ein Stück Aufklärungsarbeit zu leisten in einer Zeit, die gerade jetzt auch wieder politisch unruhig ist und unseren ganzen Einsatz für den Frieden erfordert.

Aus diesem Grund möchte ich meine Übersetzungsarbeit, die ich für dieses Buch geleistet habe, meiner Enkelin Helena widmen, verbunden mit dem tiefen und innigen Wunsch, dass sie nie einen Krieg miterleben muss.

Dr. Edward Sułek

Sennewitz 2016

Historische Einleitung

Im Zweiten Weltkrieg existierte in Deutschland in der Zeit vom 07. August 1944 bis 12. April 1945 in Zöschen ein sogenanntes Arbeitserziehungslager (AEL), in dem mehr als 500 Häftlinge, entsprechend dem Auftrag der Nazis „Tod durch Arbeit“, ihr Leben lassen mussten. Sie starben entweder an Mangelerscheinungen durch die körperliche Schwerstarbeit oder als Folge der schlechten medizinischen Versorgung beim Ausbruch von Infektionskrankheiten. Viele von ihnen erreichten nicht einmal das 20. Lebensjahr. Die jungen Menschen kamen aus fast zwanzig europäischen Ländern.

Zöschen im Bundesland Sachsen-Anhalt in der Nähe von LeipzigQuelle: Wikipedia

In diesem Zusammenhang muss auch das Spergauer Lager erwähnt werden, welches nach einem Bombenangriff amerikanischer Flugzeuge auf die Leuna-Werke im Juli 1944 vollständig zerstört wurde. Die Direktion ließ aus diesem Grund zwei neue Lager (Bruckdorf und Zöschen) errichten. Ungefähr 1.300 Häftlinge aus Spergau sowie die sie begleitenden 100 Wachleute wurden nach Zöschen verlegt. Ursprünglich war das Lager für nur ca. 500 Häftlinge vorgesehen. Allein dadurch, ohne die neu Inhaftierten hinzuzurechnen, war die Kapazität bereits mehr als überschritten. Insgesamt durchliefen das Lager in den oben genannten acht Monaten ca. 5.000 Gefangene.

Die Todesfälle durch Epidemien und Hunger stiegen in Folge dessen natürlich rasant an. Sehr häufig kam es außerdem vor, dass die Zwangsarbeiter ihre „Strafe“ zwar abgeleistet hatten, statt der ersehnten Freiheit jedoch in Konzentrationslager gebracht wurden. Viele von ihnen kehrten also nie wieder zurück.

Noch heute erinnern in Zöschen zwei ehemalige Häftlingsbaracken sowie ein Verwaltungsgebäude mahnend an die Zeit von damals. Die nachfolgenden Fotos entstanden in diesem Jahr mit freundlicher Genehmigung des Grundstückbesitzers. Sie sind ein Zeugnis davon, unter welchen unmenschlichen Bedingungen man im Lager leben musste.

Ruinen der ehemaligen Häftlingsbaracken in Zöschen – 2016

Ehemaliges Verwaltungsgebäude des AEL Zöschen z. Z. Firmengelände – 2016

Ca. einen Kilometer entfernt in der Aue befindet sich ein Gedenkort, der seit 25 Jahren dazu einlädt, innezuhalten und still derer zu gedenken, die diese Gräueltaten des Nationalsozialismus nicht überlebt haben.

Ehrenmal am Gedenkort in Zöschen

Das Lager in Zöschen, welches hier in der Teilbiografie von Konrad Szumiński erwähnt wird, ist nur eines von vielen dieser Art, in denen die Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten. Man kompensierte auf diese Art und Weise den wachsenden Arbeitskräftebedarf der Industriebetriebe in der Region – in seinem Fall ganz speziell in Leuna. Den Tod dieser Menschen kalkulierte man mit ein. Für die SS waren sie nur eine Nummer, die nach deren Tod emotionslos von der Liste gestrichen wurde. Der Ursprung der Zwangsarbeit war darin begründet, dass der von Deutschland ausgelöste Zweite Weltkrieg nicht nur ein militärischer Eroberungsfeldzug war, sondern durch die Okkupation fremder Länder auch die Voraussetzung dafür geschaffen werden sollte, die Lebensraum- und Rassenideologie der Nationalsozialisten durchzusetzen. So spricht man von ca. 12 Millionen Menschen, die zur Ausbeutung ihrer Arbeitskraft nach Deutschland deportiert wurden, ca. 2,8 Millionen davon waren Polen. Nur dieser hohe Prozentsatz an ausländischen Arbeitern ermöglichte es, die Rüstungsanforderungen, speziell die Untertagefertigung von Bomben, Raketen und Flugzeugen, zu erfüllen und das vergleichsweise hohe Versorgungsniveau der Deutschen sicherzustellen. Die sogenannten deutschen „Herrenmenschen“ benutzten für ihre Deklassierung und Entrechtung ein perfektes hierarchisches System. Am zweitschlechtesten nach der Sowjetunion waren die polnischen Menschen gestellt. Die Rassenideologie des Naziregimes setzte alle Mittel ein, ihre persönliche Freiheit so einzuschränken, dass sie sich auf Grund der permanenten Demütigungen und Schikanen jeder Anweisung unterordneten. Außerdem sollte ihr Lebensstandard extrem niedrig gehalten werden, um so eine direkte Abhängigkeit zu schaffen, die die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft rechtfertigte. Um jeden sozialen Kontakt zwischen Deutschen und Polen zu unterbinden, waren diese das erste Volk, welches durch das Tragen eines „P“ auf der Kleidung sichtbar diskriminiert und stigmatisiert wurden. Als „Nicht-Arier“ galten sie als eine „Gefahr für das deutsche Volkstum“. Um die „Reinheit“ des deutschen Volkes zu sichern, beschloss man im März 1940 den aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges bekannten „Polenerlass“. Jeder Deutsche hatte das Recht und die Pflicht, polnische Menschen zu legitimieren und zu strafen. Man behandelte die Zwangsarbeiter wie Eigentum des deutschen Staates. Ursprünglich waren die Arbeitserziehungslager, und somit auch das Lager in Zöschen, zur Aufnahme von Menschen gedacht, die ihren Arbeitsvertrag nicht eingehalten hatten. Sehr schnell entstand daraus jedoch eine Art „Verbotssystem“, so dass auch alle anderen Vergehen gegen die Verordnungen der Gestapo mit dieser Arbeitserziehungshaft bestraft werden konnten. Dazu gehörten u. a. politische Vergehen, Diebstähle, Fahnenflucht, die Erledigung von Einkäufen, Telefonieren, Gruppengespräche auf der Straße, der Besitz von Fotoapparaten, Fahrrädern u. ä., Urlaubsüberschreitungen, unerlaubtes Entfernen vom Wohnort ohne polizeilichen Passierschein, nicht genehmigte Bahnreisen, Aufenthalt in öffentlichen Lokalen, die Teilnahme an Veranstaltungen, jede Art von Andachtsübungen und Gebeten, das Zeitunglesen, gemeinsame Kontakte, das Singen von polnischen patriotischen Liedern sowie die oben bereits erwähnten Arbeitsvertragsbrüche. Wurde eine intime Beziehung zwischen einem Polen und einer deutschen Frau bekannt, bedeutete dies für den Polen meistens die Todesstrafe. Der ursprünglich festgelegte Haftzeitraum von 6 bis 16 Wochen wurde, wie es auch das Beispiel von Konrad Szumiński zeigt, sehr oft weit überschritten. Man „vergaß“ einfach, die Gefangenen zu entlassen. Bei einigen war es besonders leicht, dies von Seiten der SS zu begründen, da ihre Papiere verbrannt waren. Andere Häftlinge wurden wiederum nach der Entlassung vom Arbeitsamt zurück ins Lager geschickt, weil sie auf Grund der extremen Unterernährung aus derer Sicht nicht arbeitsfähig waren. Ein Teufelskreis, der ebenfalls meist mit dem Tod endete.

Was damals geschah, kann man leider nicht rückgängig machen. Aber jeder einzelne von uns sollte seinen Beitrag dafür leisten, dass sich dieser Teil der Geschichte nicht wiederholt!

***

I. Flucht

„Konrad – Du hast hier einen Brief vom Bruder“ hörte ich einen der Diensthabenden unserer Holzfällerbrigade rufen, in der ich, wie viele andere mit ähnlichem Schicksal, als polnischer Zwangsarbeiter im Forsthaus Zwenzow arbeitete. Die Holzbaracke stand am Rand eines großen Mischwaldes und am Ufer eines kleinen Sees, der zur Mecklenburger Seenplatte gehörte.

Schnell versteckte ich den Brief in meiner Jackentasche und ging etwas abseits zum Wasser, um dort in Ruhe die lang ersehnte Nachricht Adams lesen zu können.

Mit dem geübten Blick des Philatelisten begutachtete ich den Umschlag. Der Poststempel auf der Briefmarke verriet mir, dass mein Bruder ihn am 17.10.1944 in Lugau (Erzgebirge) aufgegeben hatte. Meine Bewunderung galt der Deutschen Reichspost, die trotz des Krieges in der Lage war, den Brief binnen zweier Tage aus Sachsen in das kleine Forsthaus Zwenzow in Mecklenburg zu befördern.

Vorsichtig öffnete ich den Umschlag. Langsam und mit Herzklopfen nahm ich die Postkarte heraus.

Auf der ersten Seite stand:

Bitte antworte sofort!!!

Du hattest so ein Glück, dass Du damals gefahren bist. Vielleicht würdest Du sonst jetzt auch nicht mehr am Leben sein.

Erstaunt und überrascht las ich von irgendwelchem Glück. ‚Was faselt mir dieser Adam da? Welches Glück? Warum sollte es gut sein, dass ich verschwunden wäre?‘ Heftig drehte ich die Karte um, in der Hoffnung, Antwort auf meine Fragen zu bekommen.

Lieber Bruder!

Ich sende Dir eine für uns beide schlechte Nachricht von unserer Mutti. Sie ist uns als einzige geblieben. Du weißt, welche Verantwortung wir nun zu tragen haben. Du verstehst! Mehr will ich Dir nicht schreiben, auch nicht von mir. Ich lerne, um nach dem Krieg einen Beruf zu haben. Mädchen interessieren mich da momentan nicht. Wichtig ist jetzt, sich um Mutti zu sorgen. Der Vati und Julka liegen unter den Trümmern. Bete bitte mindestens ein „Ave Maria“ für ihre Seelen.

Gruß Adam

„Oh mein Gott“ flüsterte ich entsetzt. „Wie konnte das passieren?“ Was ist mit Mutter? Wo ist sie jetzt?“ Meine Gedanken überschlugen sich. ‚Lieber Gott! Das ist doch unmöglich. Wie starben sie? Und was ist mit ihren Körpern geschehen? Vater schrieb doch noch am 20. Juli 1944, dass unser zweiter Feind in diesem Krieg kurz vor Warschau war und man die sich nähernde Front bereits hörte. Heute ist der 19. Oktober und somit sind seitdem nicht einmal drei Monate vergangen. Vater schrieb so voller Optimismus vom Besuch bei Familie Sztuder in Radgoszcz. Und über die abenteuerliche Rückfahrt, weil die Deutschen in Radomsko alle Polen aus dem Zug aussteigen ließen. Ganz genau konnten sie damals die Durchsuchungen beobachten. Durch seine Zeilen erfuhr ich auch, dass es in Warschau immer mehr Soldaten gebe und wenn es so weitergehen würde, dann könnten sie in ca. 10 bis 14 Tagen bereits hinter der Grenze sein. Er bat uns, im Fall der Fälle in Kontakt mit Frania und Bronia sowie den anderen Tanten aus Mikołów und mit den Sztuders zu bleiben.‘

Noch immer stand ich regungslos am Ufer und bemühte mich, zu begreifen, dass er und Julka, die geliebte Schwester, tatsächlich tot sein sollten. Oh wie sehr wünschte ich den Besatzern das Allerschlimmste. Was für ein grausamer und sinnloser Krieg! Innerlich aufgewühlt steckte ich die Postkarte wieder in den Umschlag und kehrte langsam zur Baracke zurück. Noch bevor ich sie erreichte, kam mir der Gedanke, dass es das Beste sein würde, zu Adam zu fahren und ihn zu überreden, gemeinsam aus Deutschland zu fliehen. Nur so wäre es möglich, sich um unsere einsame Mutter zu kümmern.

In der Baracke bat ich daher leise Herrn Julek, einen Amateurastronomen, um ein Gespräch. Ich informierte ihn über den Tod zweier mir nahestehender Personen und ignorierte seine Skepsis hinsichtlich meiner Fluchtpläne. Trotz des Vertrauens, was ich zu ihm hatte, verriet ich ihm jedoch nicht den Ort, zu dem ich fliehen wollte. Als er merkte, wie entschlossen ich war und mich nicht umstimmen ließ, riet er mir, nicht die Strecke über den „Warthegau“ nach Großpolen zu nehmen. Dort wäre es sehr gefährlich für mich, nicht aufzufallen. Noch ein letztes Mal bat er mich darum, meine Flucht zu überdenken. Doch meine Entscheidung stand fest. Trotzdem musste ich zugeben, dass Herr Julek bestimmt auch etwas recht hatte, zumindest, als er von der Fluchtrichtung sprach. Vor einem Jahr, als ich noch bei der Bäuerin in Rukieten gearbeitet hatte, floh ebenfalls ein Zwangsarbeiter in die Heimat. Heniek Zapała stammte wie ich aus Warschau und saß seine Strafe für eine gewisse Zeit, die mir nicht genau bekannt war, in einem sogenannten „Arbeitserziehungslager“ ab. Acht Monate dauerte es, bis er endlich zu Hause ankam. Ich musste also sehr umsichtig sein und analysierte gründlich alle Möglichkeiten, damit meine Flucht nicht von der deutschen Aufsicht entdeckt werden konnte. Dabei kam ich zu dem Entschluss, den vor mir liegenden Freitag, Samstag und Sonntag zu nutzen. Sollte der Förster einem freien Samstag zustimmen, hätte ich ca. 6 Stunden mehr zur Verfügung. Vorausgesetzt, dass die anderen mich nicht verraten würden, hätte ich mit den vier Stunden, die ich bis zur Reaktion der Forstwirtschaft und Polizei hinzurechnen könnte, insgesamt ca. 68 Stunden Zeit, d. h. fast drei volle Tage. Der Diskretion der Zwangsarbeiter konnte ich mir recht sicher sein, da sie fast kein Deutsch sprachen. Allerdings musste ich bei meiner Planung berücksichtigen, dass ein Fahrkartenkauf für die jeweils erlaubte Strecke von 100 Kilometern nur mit einer besonderen Genehmigung möglich war. Die zusätzlichen Pausen an den unfreiwilligen Haltestellen bedeuteten einen Zeitverlust, den ich leider in Kauf nehmen müsste. Würde also alles so positiv laufen, wie ich es gerade durchgerechnet hatte, käme ich am Montag, dem 23. Oktober 1944, bei Adam in Lugau an.

Nun galt es als nächstes, alle Vorbereitungen so gewissenhaft zu treffen, dass keiner der 35 Holzfäller Verdacht schöpfte. Für meine Reise bereitete ich nur den Anzug vor. Ich bekam ihn von meinen Eltern, als ich noch bei der Familie Metta Vorbeck im Dorf Rukieten auf dem Bauernhof gearbeitet hatte, welcher zwischen der Kreisstadt Güstrow und der kleinen Stadt Schwaan in Richtung Rostock lag. Alle anderen Sachen wollte ich verschenken, denn, wenn man meine Flucht bemerkte, würden sie sofort von den Deutschen konfisziert. Deswegen gab ich Herrn Julek schon am Abend meine Bücher, Bekleidung und diverse andere Sachen. Da er meinte, dass es bei dem momentanen Wetter auffallen würde, wenn ich eine Jacke trug – andere Reisende könnten denken, ich wolle mich weiter als die erlaubten 100 Kilometer entfernen – bekam er auch diese.

Am Freitag, gleich zu Tagesbeginn, bat ich den Förster unter dem Vorwand, in der Nachbarstadt Wesenberg Einkäufe machen zu wollen, um den für mich jetzt so wichtigen freien Samstag. Wie erwartet stimmte er gern zu, da ich ihm oft als Dolmetscher geholfen hatte. Mein Arbeitstag endete wie üblich um 15: 00 Uhr. Vorher hatte ich noch gemeinsam mit den anderen das Mittagessen eingenommen. Nach einem kurzen Gespräch zog ich mich um und erwähnte beiläufig, dass ich noch zur Mühle gehen würde, um dort von mir bekannten Landsleuten etwas Mehl abzuholen. Das Wetter war ganz erträglich, so dass der Fußmarsch von mehreren Kilometern kein Problem sein würde. Um der Gestapo nicht die Arbeit zu erleichtern, vernichtete ich vorher sämtliche Korrespondenz und alle unnötigen Dokumente. Herr Julek begleitete mich noch bis zur Mühle. Dann folgte eine kurze Verabschiedung. Wie immer nannte er mich bei meinem Kosenamen.

„Tschüss Radek und mach´s gut.“

„Auf Wiedersehen Herr Julek.“

Ich kam gut voran. Von der Mühle bis nach Neustrelitz war es nicht mehr weit. Am Bahnhof warteten bereits einige Personen auf den Zug. An den Wänden im Bahnhofsvorraum hingen in großen schwarzen Rahmen die Fahrpläne. Um in Richtung Berlin zu fahren, musste ich mich allerdings noch drei Stunden gedulden. Vorsichtshalber verließ ich den Bahnhof, um die Umgebung zu erkunden. Ich wollte gut über die Örtlichkeiten informiert sein, falls ich in Gefahr kommen würde und sofort flüchten müsste. Erst als es dunkel wurde, ging ich zum Bahnhof zurück und kaufte an der Kasse eine Fahrkarte bis nach Oranienburg, weil diese Entfernung ohne Genehmigung erlaubt war. Die Kassiererin machte mir zum Glück keinerlei Probleme. Zufrieden ging ich in den Warteraum. Allerdings wirkte die schlechte Luft dort nicht gerade einladend. Die meist schlafenden Reisenden waren größtenteils Fremdarbeiter und völlig durchgeschwitzt. Abgesehen davon war deren Gesellschaft für mich nicht gerade ungefährlich, da diese Personengruppe immer im Fokus der Polizei stand - nicht nur zu Kriegszeiten.

Es zeigte sich, dass meine Vorsicht durchaus berechtigt war. Bald erschienen zwei Polizisten. Einer stellte sich vor die Tür, während der andere durch den Warteraum ging. Ich tat so, als ob ich den Fahrplan studierte und sah dabei, dass einer der beiden die Reisenden weckte und ihre Dokumente kontrollierte. Jetzt musste ich gut überlegt und vor allem schnell handeln. Innerlich extrem angespannt beobachtete ich den anderen Polizisten, der an der Tür stehen geblieben war. Als dieser sich etwas von dort entfernte, nutzte ich die Gelegenheit und war mit einem Sprung am Ausgang. Allerdings machte ich die Tür in meiner Aufregung viel zu laut auf. So schnell ich konnte, rannte ich auf den Bahnhofsplatz. Hinter mir hörte ich die Pfiffe und Schreie der Polizisten. Doch sie waren chancenlos. Die Dunkelheit, die überall herrschte, war mein Retter und ein perfekter Verbündeter.

Meine vorher durchgeführten Erkundigungen der Umgebung um den Bahnhof herum halfen mir, ein Versteck in einer Baracke zu finden. Dort saß ich nun in der Dunkelheit auf den Ziegeln und überlegte, ob es vielleicht die Kassiererin gewesen war, die diese verfluchten Polizisten informiert hatte. Nach ungefähr zwei Stunden wurde es Zeit, mein Versteck zu verlassen. Vorsichtig näherte ich mich wieder dem Bahnhof. In wenigen Minuten würde der Zug abfahren. Als ich ihn endlich hörte, atmete ich innerlich auf. Den Bahnsteig erreichte ich durch den Seiteneingang, den ich ebenfalls vorher ausgekundschaftet hatte. Im letzten Moment sprang ich in einen der Waggons. Im Abteil saßen einige Personen, die überwiegend vor sich hinschlummerten. Geschafft! Der Zug fuhr an und voller Erleichterung dachte ich: ‚Na dann … Tschüss Jungs! Auf Wiedersehen Zwenzow!‘

Als der Zug den Oranienburger Bahnhof gegen Morgen erreichte, begann ein schöner und sonniger Tag. Hier musste ich nun einen neuen Fahrschein für den nächsten Abschnitt des Weges kaufen. Da ich viel Zeit hatte, ging ich vorher auf den Straßen am Bahnhof etwas spazieren. Ohne jede Störung kam ich nach einiger Zeit zurück und wusch mich auf der Bahnhofstoilette. Zufrieden, dass ich die erste Etappe meiner Flucht von Neustrelitz nach Oranienburg so gut absolviert hatte, setzte ich mich auf eine Bank und aß mein Frühstück. Es bestand aus einem Stück Brot und Wasser, welches ich direkt aus dem Hahn trank. Dann begann ich mit der Bestimmung meiner nächsten Fluchtrichtung. Hilfreich dafür war die ausgehängte Bahnkarte. Da ich unbedingt Berlin sehen wollte, plante ich den zweiten Abschnitt von Oranienburg nach Baruth. Nach dieser Entscheidung kaufte ich für die o. g. Strecke einen Fahrschein. Außerdem schickte ich Adam eine Postkarte, die ich gleich nebenan am Kiosk entdeckte. Auf diese Art und Weise wollte ich ihn über meine Flucht informieren.

Der Personenzug kam pünktlich. Ich nahm einen Platz im letzten Waggon ein, weil es von dort aus wesentlich einfacher sein würde, bei einer eventuell auftretenden plötzlichen Gefahr schnell „verschwinden“ zu können. Keiner der im Abteil sitzenden Personen nahm mich richtig wahr. Je weiter sich der Zug Berlin näherte, umso voller wurde das Abteil. Überrascht stellte ich fest, dass die Mehrheit der Gespräche in Polnisch oder Russisch geführt wurden. Noch interessanter fand ich jedoch, dass mich diese Gespräche an die Zeit meiner Fahrten in der Nähe von Warschau erinnerten. Es ging in den Unterhaltungen fast ausschließlich um Handelsfragen und die Gefahr seitens der Polizei. In Berlin-Wedding stieg ich dank des Hinweises eines mitreisenden Polen in die S-Bahn um, die in Richtung Güterbahnhof fuhr. Interessiert stand ich an der Tür und las während der Fahrt die Haltestellennamen, die auf den Wänden der Tunnel zu sehen waren. Plötzlich bemerkte ich überrascht das Schild „Unter den Linden“. Diesen Namen kannte ich noch genau aus den Erzählungen meines Vaters. ‚Aber nein! Ich konnte unmöglich weiterfahren. Es wäre ja eine Todsünde, nicht den Ort anzusehen, wo mein Vater seit seiner Entlassung aus der deutschen Armee im Jahre 1918 lebte und im Berliner Reichspostamt gearbeitet hatte.‘ Schnell sprang ich daher auf den Bahnsteig und ging über die Treppe auf die breite Allee mit den schönen grünen Linden. Hinter den Bäumen entdeckte ich die versteckt liegenden großen Gebäude der Herrscher des III. Reiches. Von weitem war ein großes Tor mit der Quadriga und einer Figur zu sehen – das Brandenburger Tor. Entlang der Allee sah ich viele uniformierte Personen und schlagartig wurde mir wieder bewusst, dass ich mich auf keiner touristischen Reise, sondern auf einer gefährlichen Flucht befand. Ich durfte auf keinen Fall unüberlegt oder zu emotional handeln. Schnellstens begab ich mich zurück zum S-Bahnhof und stieg in den ersten ankommenden Zug Richtung Güterbahnhof. Dort blieben mir etwa 20 Minuten bis zur Abfahrt des Anschlusszuges nach Baruth. Zeit genug, um einen kleinen Spaziergang in Bahnhofsnähe zu unternehmen. Doch unerwartet und zeitiger als angekündigt hörte ich den Zug in den Bahnhof einfahren. Um schneller zu sein, nahm ich eine Abkürzung und sprang über einen Schlagbaum. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und hinter mir hörte ich die lauten Rufe des diensthabenden Eisenbahners, der ununterbrochen „Halt, Halt!“ brüllte. Ich mobilisierte meine letzten Kräfte. Ohne mich umzudrehen, sprang ich auf die Stufen des letzten Waggons. Während ich mich mit einer Hand festhielt, zeigte ich dem wütenden Eisenbahner mit der anderen Hand eine lange Nase. Geschafft! Beim Gang durch die Waggons wählte ich ein Abteil mit einem Gefreiten und einem älteren Herrn in Zivil. Nachdem ich die beiden Reisenden kurz begrüßt hatte, setzte ich mich bequem in Fahrtrichtung ans Fenster. Kurze Zeit später kam die Schaffnerin mit einem Polizisten herein. Sie informierte den älteren Mann, dass dieses Abteil nur für Kriegsversehrte wäre und dass er den Waggon beim nächsten Halt verlassen müsse. Parallel dazu kontrollierte der Polizist die Dokumente des Gefreiten. Er war damit noch nicht fertig, als die Schaffnerin mich anschrie, das Abteil zu verlassen. Selbstverständlich befolgte ich diesen „Vorschlag“ von ihr sofort und begab mich in ein anderes Abteil. Den überraschten Passagieren dort erklärte ich, dass ich gerade noch im letzten Moment den Zug erreicht und dabei das Schild „Nur für Kriegsversehrte“ übersehen hatte. Sie brauchten nicht zu wissen, dass ich das Abteil wechseln wollte, bevor der Polizist mich sah, meinen Ausweis prüfen würde, man mich deswegen festhalten und mir ein Strafmandat geben würde. Ohne mich zu unterbrechen oder Kommentare einzuwerfen, hörte man sich meine Erklärungen bis zum Ende an. Beim nachfolgenden Dialog war ich wie immer sehr vorsichtig mit meinen Antworten:

„Du bist bestimmt aus Preußen?“

„Aber nein.“

„Nein?“

Schon wieder so hartnäckig befragt brummte ich, dass ich aus Mecklenburg käme.

„Sie sprechen aber auch komisch, vielleicht noch schlechter als Sachsen.“

„Warum bist du nicht Soldat?“

Ich hatte diese Frage erwartet und zeigte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die linke Brustseite.

„So jung und schon Herzprobleme.“

„Was dieser Krieg nicht tut!“

Das Gespräch dauerte an und bald hielt der Zug am Zielort in Baruth. Ich verabschiedete mich von den Passagieren und ging direkt zur Kasse, um einen Fahrschein für den nächsten Abschnitt meiner Reise bis Elsterwerda zu kaufen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als fast eine Stunde auf diesem einsamen Bahnhof den nächsten Zug zu erwarten. Also nutzte ich die Zeit dazu, eine weitere Postkarte an Adam zu schreiben. Die Fahrt nach Elsterwerda erfolgte ohne Probleme. Als ich aus dem Zug ausstieg, fing bereits die Dämmerung an. Durch den Nebenausgang gelangte ich zum Bahnhofsplatz. Beim Ankommen sah ich dort ein junges Mädchen stehen. Wie alle Polen war sie deutlich an dem auf Leinen und gelben Hintergrund gedrucktem violettem „P“ mit gleichfarbigem Rand zu erkennen. Lt. Polenerlass vom März 1940 musste dieses „Abzeichen“ von jedem Polen getragen werden. „Alles hat zum Glück zwei Seiten“ murmelte ich vor mich hin. Wenn die Deutschen nicht befohlen hätten, die Ausländer zu kennzeichnen, hätte ich jetzt Schwierigkeiten, in Kontakt mit meinen Landsleuten zu kommen. Schnell ging ich auf das Mädchen zu und stellte mich vor. Ich erzählte ihr meine Geschichte und fragte sie, ob sie wüsste, wo ich übernachten könnte. Ela, so hieß sie, konnte mir leider keine Unterkunft nennen. Aber sie wohnte in der Nähe des Bahnhofs und sagte mir, dass ihre Eltern vielleicht Rat wüssten. Ca. 100 Meter vom Bahnhof entfernt stand ein Zweifamilienhaus aus rotem Backstein. Ela geleitete mich über eine Treppe durch den Eingang, weiter über den Hof und bis zu einer Tür, die zum Dachboden führte. Sie bat mich, vor der Tür zu warten. Kurz darauf kam ein älterer Mann zurück, der mich hereinbat. Ich sah mich um. Der Dachboden war geteilt. Gleich hinter der Bretterwand befand sich ein möbliertes Zimmer. Am Tisch saßen eine Frau, ein Junge und auch Ela. Der Mann stellte mich seiner Ehefrau und seinen Kindern vor und lud mich ein, bei ihnen Platz zu nehmen. Bald kam ein sehr herzliches Gespräch in Gang. Vor allem ging es um meine Herkunft, die Flucht, wie lange ich schon unterwegs war und ob mich jemand gesehen haben könnte, als ich mit Ela das Haus betrat. Schon nach kurzer Zeit bat der Gastgeber seine Frau, das Essen zu servieren. Während des Abendessens erzählte mir Elas Vater, wie seine Familie aus Pommern zur Zwangsarbeit ausgesiedelt wurde. Sie arbeiteten in Elsterwerda im Gartenbau. Das Gespräch war so interessant, dass wir gar nicht bemerkten, wie die Zeit verging. Wir hätten noch ewig so erzählen können. Doch Elas Vater mahnte zur Nachtruhe und bot mir eine Übernachtung an, die ich natürlich dankend annahm. Wir wurden uns einig, dass Ela für mich früh einen Fahrschein nach Lugau kaufen würde. Außerdem sollte sie nachsehen, dass in der Nähe kein Polizist oder irgend so ein „Dicker“ sein würde, wenn ich aus dem Haus ging. Während wir noch sprachen, bereitete mir Elas Mutter eine wunderbare Schlafgelegenheit in der Kammer vor, die hinter dem Zimmer lag. Mein Gott, wie gut es tat, so zu schlafen. Ich war unendlich dankbar für diese Erholungsphase. Da ich eine Menge Schlaf nachzuholen hatte, bekam man früh große Schwierigkeiten, mich zu wecken. Doch irgendwann hörte ich das leise Rufen: „Aufstehen! Aufstehen! Das Frühstück ist fertig.“ Schnell sprang ich aus dem warmen Bett, wusch mich in einer Schüssel und setzte mich an den Tisch, der für damalige Verhältnisse sehr reich gedeckt war. Ela war schon angezogen und wartete auf mich. Erneut dankbar, meinen Hunger stillen zu dürfen, aß ich schnell zwei Scheiben Brot mit Margarine und Wurst und trank den herrlich duftenden Malzkaffee mit Milch, der neben meinem Teller stand. Während ich noch frühstückte, ging Ela zum Bahnhof, um die Fahrkarte nach Lugau (über Riesa) zu kaufen. Was war es doch für ein Glück, dass ich sie getroffen hatte! Als es Zeit wurde, verabschiedete ich mich von meinen Gastgebern und bedankte mich für die Übernachtung sowie den herzlichen Aufenthalt bei ihnen. Elas Mutter überreichte mir sogar noch ein Päckchen mit einem großen Stück Brot. Es war für mich unwahrscheinlich überwältigend, wie nett diese fremden Menschen zu mir waren.

Am Bahnhof angekommen, sah ich Ela, die schon auf mich wartete. Die Zeit reichte noch für den Kauf und das Schreiben einer Postkarte an Adam, damit er wusste, wo ich mich gerade befand. Ela übernahm es später, sie in einen Briefkasten zu werfen. Ein tolles Mädchen! Kurz bevor der Zug einfuhr, mussten auch wir uns nun voneinander verabschieden. Ela lief noch ein paar Schritte neben dem losfahrenden Zug mit. Ich sah sie noch lange am Bahnsteig stehen.

Meine Weiterfahrt nach Riesa erfolgte ohne Schwierigkeiten. Der Zug rollte langsam auf dem letzten Bahngleis ein. Während des Aussteigens sah ich, dass sich alle Passagiere vor dem Verlassen des Bahnsteiges bei den dort stehenden Gendarmen ausweisen mussten. Man konnte sie anhand der großen Metallabzeichen erkennen, auf denen gut sichtbar mit erhabenen Buchstaben das Wort „Feldgendarmerie“ zu lesen war. Oh Gott! Mir standen die Haare zu Berge. Aufgeregt schaute ich mich auf dem Bahnsteig um, wie ich möglichst ungesehen verschwinden könnte. Ich musste mich beeilen, denn man begann bereits, den Zug zu durchsuchen. Während ich noch überlegte, ob ich mich vielleicht unter