Erinnerungen eines Veteranen - Gerd Tschechne - E-Book

Erinnerungen eines Veteranen E-Book

Gerd Tschechne

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Beschreibung

Gerd Tschechne wandelt für diesen autobiographischen Erinnerungsroman auf den Spuren der Vergangenheit und blickt zurück auf die schicksalhaften Jahre seiner Kindheit und Jugend während des NS-Regimes. Der Autor verwendet hierfür seine eigenen Tagebucheinträge als historisches Fundament. Dabei ist vor allem die persönliche Erzählperspektive lobenswert hervorzuheben, die Herrn Tscheches Gedanken und Emotionen in den Mittelpunkt rücken. Das Manuskript grenzt sich durch seine emotionale und hochwertige Sprache von drögen Geschichtsbüchern ab und präsentiert sich deshalb als ein intensiver Zeitzeugenbericht, der die Epoche anschaulich zum Leben erweckt. Somit fungiert das Werk als Zeitkapsel, welche in ihrer Funktion, die Vergangenheit zu konservieren, hohe Relevanz erhält.

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vorbemerkung zum Werk von Gerd Tschechne

Gerd Tschechne, Jahrgang 1925, sportlich sehr begabt, träumte von einer Karriere als Sportlehrer.

Seine Lebensgeschichte, die in diesem Buch erzählt wird, spielte in der Zeit des Nationalsozialismus bis zum Untergang des Dritten Reiches (1933 bis 1945).

Mit der Einführung der Wehrpflicht 1935 machte auch der Reichsjugendführer Baldur v. Schirach (1907 – 1974) für die Jungs ab zehn Jahren den Beitritt in die größte Jugendorganisation im Reich zur Pflicht. So trat Gerd als „Pimpf“ in das „Jungvolk“ ein, eine Organisation mit eindeutig vormilitärischer Ausrichtung. Die straffe Gliederung war dem Militär entlehnt. Rein äußerlich trugen die Jungs einheitliche Bekleidung. Zugehörigkeit und Ranghöhe waren durch Schnüre, Winkel und Abzeichen auf der Bekleidung sichtbar. Für Außenstehende war das perfide Ziel, das hinter der Jugendorganisation der Nazis steckte, nur schwer zu erkennen.

Die Aufgaben der Organisation bestanden u.a. darin, die Kinder nach dem Gleichschaltungsgesetz im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen und vormilitärisch auszubilden. Um den gestellten Anforderungen gerecht zu werden, wurde die Schulzeit der Pimpfe gekürzt: die Samstage standen komplett im Dienst der Gruppenarbeit, an den Nachmittagen mittwochs gab es keine Hausaufgaben. Die Broschüre „Der Pimpf im Dienst“ enthielt das Lehrmaterial, das die Gruppen durcharbeiten mussten. Es gab Lehrer, die diese Bevormundung im Schulbetrieb ablehnten, aber sie schwiegen dazu.

Die Kinder waren gern im Jungvolk dabei, sie hatten ihren Spaß an der sportlichen Betätigung und an den allgemeinen Herausforderungen. Sie folgten ganz einfach ihrem Spieltrieb.

Am 17. März 1943 wäre Gerd mit 18 für zwei Jahre zum Militär einberufen worden.

Als Gerd Tschechne 1939 die Ausbildung zum Sportlehrer bei der Wehrmacht in Aussicht gestellt wurde, stimmte er freudig zu. Doch trieb ihn keine politische Motivation zu dieser Entscheidung. Er brach die Mittelschule ab und kam 1940 mit 15 Jahren zur militärischen Vorschule für Unteroffiziere. Hier setzte er die Schulzeit bis zum Abschluss der Mittleren Reife fort, wobei der Sport eine große Rolle spielte. Bis zum Sportlehrer lag ein weiter Weg vor ihm: Vereidigung und die Verpflichtung zu 12 Jahren Militärdienst, Ausbildung mit der Beförderung zum Gefreiten, Bewährung und Beförderung zum Unteroffizier, Frontbewährung, Fahnenjunkerschule, Beförderung zum Offizier. Erst dann konnte er mit einem Studium zum Sportlehrer in der Wehrmacht rechnen. So die Theorie.

Die Praxis sah entschieden anders aus. Der Zweite Weltkrieg war bereits voll im Gange als Gerd seine Ausbildung 1940 begann. In den Kasernen, in denen er diente, war vom Krieg selten etwas zu merken. Die Rekruten bekamen offiziell keine Informationen über den Kriegsverlauf. Berichterstattungen im Vorspann bei ausgesuchten Filmen täuschten den Zuschauern einen stets siegreichen Einsatz an allen möglichen Fronten vor. Die Verdrehung von Tatsachen lag dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels besonders am Herzen, denn die Kriegseuphorie durfte auf keinen Fall durch negative Frontberichte zerstört werden.

Mit 18 Jahren war Gerd bereits Gefreiter und erhielt den Befehl zum ersten Fronteinsatz. Dieser war zwar nicht in seinem Plan vorgesehen, aber er hatte den Soldateneid geleistet und musste gehorchen. Der Einsatzort lag irgendwo an der Ostfront, ein konkretes Kampfgebiet wurde den Soldaten nicht mitgeteilt.

Der Weg zur Front war weit und noch immer überwog eine abenteuerliche Erwartungshaltung bei den Kameraden. Nach einigen Wochen näherten sie sich der Front und legten eine mehrtägige Rast ein. Ein Kradfahrer brachte die Essenkübel für die Truppe und einen gefallenen Leutnant mit. Als Gerd für den Toten ein Grab am Wegesrand schaufelte, wurde ihm doch recht beklommen zu Mute. Würde auch er eines Tages fern der Heimat in fremder Erde zu liegen kommen?

Bereits wenige Kilometer vor der Front kam es zu einem Kampfeinsatz mit Partisanen. Gerd fühlte sich auf dem Panzer zwischen zwei Kameraden sicher. Ein Volltreffer zwang den Panzerfahrer zur Umkehr, die drei Kameraden waren schwer verletzt worden. Gerd wurde zum Feldlazarett gebracht und wartete auf seinen Abtransport. Inmitten der vielen teils schwer verwundeten Soldaten wurde ihm klar, wie hilflos man doch dem Schicksal ausgeliefert war. Die ganze Kriegsromantik, die sie von Sieg zu Sieg führen sollte, war verflogen. Erst die eigene Erfahrung an der Front zeigte dem bisher gutgläubigen Gerd, die ganze Verlogenheit der goebbelschen Propaganda.

Der Gefreite Gerd benötigte ein halbes Jahr zu seiner Genesung, dann musste er sich wieder den Tatsachen stellen. Die 12 Jahre Dienst bei der Wehrmacht hatten ihn wieder fest im Griff. Zur Front kam er vorerst nicht, er wurde zum Dienst in der Kaserne abgestellt. Er unterwies junge Rekruten in seinem Alter im Gebrauch der Handfeuerwaffen. Überrascht stellte Gerd bei ihnen denselben Eifer fest, der auch ihn dereinst gefesselt hatte. Ganz anders verhielt es sich bei den Rekruten vom „Volkssturm“. Die meisten dieser Männer hatten sich bereits ihre Sporen im Ersten Weltkrieg verdient, jetzt waren sie kaum in der Lage eine Handgranate weit genug zu werfen. Der Älteste von ihnen zählte 73 Jahre. Gerd fand seine Mission entsetzlich, diesen alten Männern das Kriegshandwerk zu lehren. Sein Glaube an den „Endsieg“ schwand endgültig. Die Möglichkeit, diesen sinnlosen Krieg zu beenden, hatte Goebbels am 18. Februar 1943 mit seiner berüchtigten Rede im Berliner Sportpalast mit der suggestiven Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ zunichte gemacht. Goebbels gab in seiner Rede zu, dass sie das Kriegspotential der Sowjetunion unterschätzt haben, trotz dieser Erkenntnis bezeichnete er die Niederlage von Stalingrad herablassend als „Unglück“. Das Volk in der Heimat konnte getäuscht werden, die kämpfenden Truppen nicht und erst recht nicht die befehlshabenden Offiziere und Generäle.

Noch einmal musste Gerd zurück an die Front zur „Frontbewährung“ für seine Offizierslaufbahn. Seine Truppe sollte neue Panzer erhalten und an der Ungarnfront die 4. Kavallerie-Division unterstützen. Die Panzer trafen nicht ein, die Kameraden erhielten nur neue Panzeruniformen. Nach einigen Wochen kam ein weiterer Befehl, die Truppe musste nach St. Peter, wo die erwarteten Panzer bereitstanden. Die Truppe um Gerd wurde nun dem komm. General Harteneck persönlich unterstellt. Der lang ersehnte Einsatzbefehl erfolgte nicht, stattdessen haben sie im Ort Stellung bezogen mit dem Auftrag, die Ortseingänge scharf zu bewachen und niemanden zum General vorzulassen.

Hitlers brutales Vorgehen, potentielle Gegner auszuschalten und seine dilettantische Kriegsführung machten ihn vor allem bei den Obersten der Wehrmacht immer unbeliebter.

Während des Krieges sind auf Hitler 42 Attentate geplant oder zur Ausführung gekommen (Will Berthold „Die 42 Attentate auf Adolf Hitler“). Bis auf eines kamen diese aus den oberen Chargen der Wehrmacht. Da kein Anschlag zum Erfolg führte, haben Befehlshaber auch mal gewagt, auf eigene Faust zu handeln (u.a. Rommel). Dies wurde von Hitler geduldet, sofern sich ein Erfolg einstellte, blieb dieser aus, war die Karriere ebenfalls aus.

Zum Ende des Krieges, als es hieß „Kampf bis zur letzten Patrone“ setzte General Harteneck sein ganzes strategisches Können und seine diplomatischen Fähigkeiten ein, um seine Soldaten und auch seine geliebten Pferde (Trakehner) vor dem sicheren Tod zu bewahren. Er schloss die jungen Soldaten in seine Überlegungen mit ein, die ihm im Kampf mit Panzern zugewiesen waren. Gerd gehörte zu einer dieser Truppen und grübelte über die Strategie des Generals nach: Neue Uniformen, neue Panzer und das Steckenpferdwappen am Ärmel präsentierten sie als noch nicht im Einsatz gewesene Ersatzmannschaft der Kavallerie. Im letzten Tagesbefehl vom 07. Mai 1945 gab der General seine Absicht bekannt: Die Divisionen sollen sich nach Mauterndorf begeben, wo sie in einem englischen Internierungslager Aufnahme finden und in Sicherheit vor einer russischen Gefangennahme sind. Anschließend werden sie in Aalen in amerikanische Kriegsgefangenschaft gehen und von dort in Ehren entlassen werden und ihre Heimat wiedersehen. So wie der General es versprochen hatte, so ist es auch geschehen. Gerd sah seine Heimatstadt und seine Familie wieder. Diese hatte den Krieg ebenfalls lebend überstanden.

Kurz vor Weihnachten 1945 meldete Gerd Tschechne sich zu einem Lehrgang für „Neulehrer“ in Bernau an. Er bekam die Zulassung und kurz danach seine Kündigung.

Hier endet der erste Band seiner „Erinnerungen eines Veteranen“.

Im zweiten Band schildert Gerd Tschechne seine Erlebnisse als „Neulehrer“ und Schuldirektor an den Schulen in Storkow, Wolzig und Friedersdorf in der DDR. Es sind die Jahre von 1946 bis 1976.

Vorwort des Autors

Es kommt mir eigenartig vor, dass ich so wenig von der Kindheit meines Vaters weiß, geschweige nun erst von der Kindheit und Jugend meiner Großväter. Sie werden bestimmt etwas aus ihrer Kindheit erzählt haben als ich klein war. Doch ich war zu jung, um mir ihre Kindheitserlebnisse zu merken. Später, als ich älter war, hatte ich andere Interessen als nach der Kindheit meiner Großeltern zu fragen. Heute, im Alter, hätte ich doch gern gewusst, wo und wie sie damals lebten, spielten und liebten. Welche Erlebnisse gab es in ihrer Jugend, und vieles andere mehr beschäftigen mich jetzt.

Vielleicht interessieren sich meine Enkel und Urenkel mehr für das Leben ihrer Großväter als ich in meiner Jugend. Ihnen widme ich dieses Büchlein, es ist ein authentisches Lesebuch von einer Zeit, die sie nicht erlebt haben, spannend und unterhaltsam. Aber es soll auch zum Nachdenken anregen.

Inhaltsangabe

Teil I Storkow

Meine Kindheit im Storkower Schützenhaus

Grundriss vom Schützenhaus und seinen Anlagen

Die Großeltern Hermann und Sophie Tschechne

Der Großvater Alexander Elxnat

Meine Eltern Alexa und Gerhard Tschechne

Meine Kindheit im Schützenhaus

Die Grundschulzeit in der Altstadtschule

Der Pimpf vom Dienst

In der Mittelschule

Teil II Meine Berufsausbildung

Faszination Wehrmacht

Die Uffz. – Vorschule Annaburg

Die Uffz. – Vorschule in Tetschen

Die Uffz.-Schule in Potsdam/Eiche

Die Vereidigung in Potsdam

Theorie und Praxis der infanteristischen Ausbildung

Die Uffz.-Schule in Sternberg

Versetzung zur Schnellen Truppe

Gefechtsmäßige Ausbildung

Einsatz an der Ostfront

Versetzung nach Hirschberg

Der lange Weg zur Ostfront

An der Front zwischen Jelnja und Tschernikow

Vom Tod verschont

Im Feldlazarett bei Minsk

Reservelazarett in Lötzen

Im Augenlazarett in Augsburg

Die Ausbildung geht weiter

Abkommandiert zur Ersatztruppe nach Wien

Als Ausbilder in Sternberg

Beförderung zum Unteroffizier

Vorgemerkt für einen Fahnenjunkerlehrgang

Ausbildung einer Einheit vom „Volkssturm“

Abstellungsurlaub und Frontbewährung

Die Strategie des Kommand. Generals v. Harteneck

Warten auf den Marschbefehl in St.Peter

Marschbefehl nach Mauterndorf

Im englischen Internierungslager

Entlassung durch US-Besatzer in Aalen

Teil III Nach dem Krieg

Zu Fuß nach Frensdorf

Bei Familie Alt auf dem Bauernhof

Abschied und Heimkehr

Zurück in die Heimat

Storkow – meine alte neue Heimat

Auf Arbeitssuche

Ausbildung zum Neulehrer

Anhang

Tagesbefehl des Generals v. Harteneck

Zeittafel

Abkürzungen (alphabetisch angeordnet)

Personenregister

TEIL ISTORKOW

Meine Kindheit im Storkower Schützenhaus

Das Schützenhausgrundstück und seine Anlagen

Legende zum Grundriss Schützenhausgrundstück:

Gastraum (oben Wohnräume)

Küche

Vereinsraum (oben Fremdenzimmer)

Saal

Bühne

Damentoilette

Scheibenhalle

Herrentoilette

Außentreppe zu den Fremdenzimmern

Wirtschaftsgebäude

Kegelbahn

Herrentrockentoilette

Obst- und Gemüsegarten

Bienenhaus

Damentrockentoilette

Musikpavillon

kleine Schießhalle mit überdachten Nebenbauten

Schützenhausgarten

Große Schießhalle

Pissoir

125-m-Schießbahn

50-m-Schießbahn

75-m-Schießbahn

Schützenhauswald

Schießblenden

Wirtschaftshof

Schießbahnen begrenzende Wälle

Gruben der Scheibenanlagen

Die Großeltern Hermann und Sophie Tschechne

Mein Großvater, Hermann Tschechne, geboren am 31.03.1865 stammte aus Schlesien. Seine Eltern waren in Baumgarten und Ohlau zu Hause. Nach seiner Lehrzeit wurde Hermann Braumeister und ging nach Heinersdorf bei Fürstenwalde. Bald darauf leitete er als Braumeister eine Brauerei in Storkow. Dort lernte der junge Mann Sophie Becker, geboren am 31.07.1869, kennen und heiratete sie am 26.03.1896. Er übernahm dann 1904 das Schützenhaus mit den vielen Anlagen, wo er bis zu seinem Tode am 04.01.1944 wohnte.

Über Jahrzehnte vergrößerte und baute er immer wieder etwas aus, so dass im Laufe der Zeit das Schützenhaus zu den größten und bekanntesten Gaststätten in der Stadt zählte. Es wurde in den zwanziger Jahren zum beliebtesten Ausflugslokal in Storkow.

Das Schützenhaus 1924

Hermann und Sophie Tschechne

Der Großvater Alexander Elxnat

Weniger prägend waren die Begegnungen mit meinem Großvater Alexander Elxnat. Er lebte für kurze Zeit bei meinen Eltern. Im Schützenhaus ließ er sich nicht sehen.

Die ersten Erinnerungen an meinen Großvater Alexander Elxnat gehen auf mein viertes bis fünftes Lebensjahr zurück. Großvater Elxnat war äußerst schlank, schmächtig, mit einem hageren Gesicht und wirkte kraftlos. Von meiner Mutter und vom Großvater habe ich einiges über ihn erfahren.

Großvater Elxnat wurde am 01.02.1863 geboren. Seine Eltern waren Gutsbesitzer im ostpreußischen Schmailen, einem kleinen Dorf nördlich von Gumbinnen in Ostpreußen. Zu Schmailen müssen zwei Güter gehört haben und zwar die der Geschwister Elxnat. Eins davon gehörte meinem Großvater Alexander.

Als er das Gut übernahm, war er ledig. Meine Mutter berichtete mir einmal später, dass er in die Tochter eines Gutsbesitzers verliebt oder sogar mit ihr verlobt war. Auf einem Foto sollen beide einträchtig nebeneinander als verliebtes Paar zu sehen gewesen sein. Aus bitterer Enttäuschung, dass sie ihn verließ, schnitt er sie aus dem Foto heraus und vernichtete den Ausschnitt. Er wollte sie nicht einmal bildlich mehr sehen. Sein Glück als Gutsbesitzer schwand ebenso dahin.

Auf seinem Gut hatte er eine Wirtschafterin beschäftigt: Ludowika Kuratis, geboren am 21.04.1855. Mit ihr hatte er ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen blieb. Am 16.08.1903 hatte er sie dann geheiratet, es war der dritte Geburtstag ihrer gemeinsamen Tochter Alexa. Sie wurde mit 25 Jahren meine Mutter.

Das Verhältnis zwischen den Brüdern Elxnat muss nicht zum Besten bestellt gewesen sein. Der Grund lag wohl in der Spielleidenschaft meines Großvaters. Er spielte nämlich Skat mit sehr hohen Einsätzen. Er verlor viel Geld, machte Schulden, die rasch anwuchsen, so dass er sein Gut veräußern musste.

Sein Bruder half ihm nicht, aus der eingetretenen Misere herauszukommen. So verließ nun mein Großvater mit seiner Familie Schmailen und zog nach Frankfurt/ Oder. Seiner Tochter ließ er eine gute Schul- und berufliche Ausbildung zukommen. Sie wurde Büroangestellte in Fürstenwalde. Er erwarb in Braunsdorf bei Fürstenwalde ein Grundstück mit einem kleinen Einfamilienhaus. Seine Tochter Alexa fuhr von Braunsdorf mit dem Fahrrad täglich nach Fürstenwalde ins Büro. Mit ihrem Verdienst trug sie für den Lebensunterhalt der Familie bei. Erneut kam es zum Ortswechsel. Das Anwesen in Braunsdorf wurde verkauft und in der Rauener Ziegelei ein größeres Grundstück mit einem Einfamilienhaus erworben. Der dortige Boden wies gute Kiesvorhaben auf, was meinem Großvater bewog, eine Kiesgrube zu betreiben.

Die Tochter Alexa lernte in dieser Zeit meinen Vater kennen. Sie heirateten am 25.10.1924. Vorher starb meine Großmutter Ludowika am 08.08.1923. Sie wurde auf dem Friedhof der Rauener Ziegelei beigesetzt.

Großvater Elxnat war nun allein und seine Kiesgrube auf dem Grundstück erschöpft. Ein Verbleib in der Rauener Ziegelei hatte für ihn keinen Sinn mehr. Meine Mutter, die ja nach Storkow gezogen war, holte ihn zu sich. Er zog mit in unsere kleine Wohnung in der Fürstenwalder Straße. Er nahm vorlieb mit der kleinen Stube neben der Küche. Mein Großvater hat das Grab seiner Ehefrau von Storkow aus nicht mehr besucht. Die Pflege des Grabes meiner Großmutter übernahm meine Mutter.

Der liebste Aufenthaltsort vom Großvater war die Küche, wo er oft in großen Filzpantoffeln auf und abging. Es bereitete ihm sichtlich Freude, wenn ich auf seine Filzpantoffel stieg, mich an seinen Hosenbeinen festklammerte und er mich so auf seiner Küchenwanderung mitnehmen konnte. Da ich aber die größte Zeit mit meinen Eltern im Schützenhaus verbrachte, waren diese Küchenwanderungen mit ihm verhältnismäßig selten.

Das einzige Lebewesen, dass ihn täglich umschnurrte, war unsere Katze Mulle. Mit ins Schützenhaus kam er nicht. Er nahm alle Mahlzeiten, die meine Mutter für ihn zubereitet hatte, für sich allein in der Küche ein. Mit Großvater Tschechne verstand er sich nicht so gut. Dies war wohl der Grund, weshalb Großvater Elxnat es vorgezogen hat, nicht im Schützenhaus zu essen, sondern lieber für sich allein zu Hause. Traf ich ihn auf dem Kunertschen Hof an, dann rauchte er dort seine typisch gebogene Försterpfeife mit Deckel.

Seine einzige Beschäftigung auf dem Hof bestand im Holzhacken.

Großvater Elxnat beim Holzhacken

Ich ging noch nicht zur Schule, als meine Eltern mich auf eine Fahrt nach Schmailen mitnahmen.

Mit dem Passagierschiff „Ostpreußen“ fuhren wir über die Ostsee in die Heimat meiner Großeltern. Unterwegs wurde ich seekrank und verließ nicht die Kabine meiner Eltern. Meine Mutter blieb während der Überfahrt bei mir in der Schiffskabine. Es kam mehrmals ein „Matrose“, um angeblich nach mir zu sehen. Er hatte eine Marineuniform an. Mir sind noch seine silbernen und goldenen Tressen an den Ärmeln in Erinnerung, also kein Matrose, wie mir immer gesagt wurde, sondern ein Schiffsoffizier. Er unterhielt sich viel mit meiner Mutter. Im Nachhinein glaube ich, dass sein Besuch nicht mir, sondern meiner hübschen Mutter galt.

Unsere Fahrt ging weiter mit dem Zug bis Gumbinnen. Als wir in Gumbinnen aus dem Zug stiegen, wartete auf uns eine Kutsche. Ein zünftig gekleideter Kutscher empfing uns, nahm uns das Gepäck ab und verstaute es in der Kutsche. Ich staunte über das mit rassigen Pferden bespannte Gefährt. Der Kutscher forderte uns auf, in seiner auf Hochglanz polierten Kutsche Platz zu nehmen. An der Kutschentür prankte ein Elxnat-Monogramm. Wir stiegen ein. Der Kutscher setzte sich auf seinen Kutschersitz und mit einem lauten Peitschenknall fuhr die Kutsche an. Die Pferde verfielen bald in Trab, und so ging unsere Kutschfahrt mit beschleunigtem Tempo dem Elxnatschen Gut entgegen.

Die Kutsche und die rassigen Pferden davor hatte es mir angetan. Ich kann mich an eine hochherrschaftliche sonntägliche Kutschfahrt erinnern, die nach Gumbinnen zu einem Reit- und Fahrturnier ging. Es waren dort auch Pferde aus dem Elxnatschen Gestüt zu sehen. Die Einladung zu dieser Fahrt nachOstpreußen erhielt meine Mutter von ihrer Tante Elxnat. Als Kind war meine Mutter öfter bei ihrer Tante. Dieser einzige Besuch bei den Elxnats blieb für mich unvergesslich.

Meine Eltern Alexa und Gerhard Tschechne

Meine Eltern wohnten 1924 im Kunertschen Haus in der Fürstenwalder Straße/Ecke Querstraße. Unsere Wohnung war klein. Sie bestand aus einem Zimmer, einer Küche und aus einem sehr kleinen Nebenraum, der parallel zur Küche lag. Hier schlief mein Großvater Elxnat. Die Wohnung war vom Treppenflur des Hauses erreichbar. Diese und der kleine Nebenraum hatten zur Hofseite je ein Fenster, das große Zimmer besaß zwei Fenster mit Blick zur Straße. Es war unser Wohn.- und Schlafzimmer der Eltern. Ich hatte in ihm auch mein eisernes Kinderbettchen und schlief später auf einer Chaiselongue, die vor dem Ehebett stand.

Im Haus gab es kein fließendes Wasser. Draußen im Hof stand eine Flügelpumpe, von der wir in Eimern unser benötigtes Wasser zum Waschen und Kochen holten. Eine Trockentoilette befand sich außerhalb im Wirtschaftsgebäude.

Mein Vater holte vom Sägewerk am Kanal Abfallholz vom Zuschnitt der Bretter. Ich musste immer mit ihm gehen und ihm beim Beladen des Wagens helfen. Meist liehen wir uns einen größeren Handwagen aus, den wir voll packten, was verhältnismäßig schnell ging. Es kam aber auch vor, dass mein Vater einen Pferdewagen bestellte, der beladen werden musste. Diese Arbeit hatte mich nicht sehr begeistert. Das Beladen dauerte eine Ewigkeit, da mein Vater mit wissenschaftlicher Präzision das Holz im Wagen stapelte. Er wollte so viel wie möglich aufladen, weil das Fuhrwerk bezahlt wurde, ganz gleich wie viel Holz auf ihm lag. Hatten wir einen Handwagen vollgepackt, dann zog ihn mein Vater selbst heim. Ich half schieben, auch meine Mutter kam und half mit. Das Holzabladen ging zu Hause recht zügig voran, da es nur zu einem Haufen übereinander geworfen wurde. Die weitere Bearbeitung des Holzes übernahm Großvater Elxnat. Er hackte es so klein, dass es zum Beheizen unseres Küchenherdes verwendet werden konnte.

Mein Großvater muss sich in den späten Nachmittagsstunden öfter von zu Hause weg begeben haben, was ich als Kind nicht bemerkte, da ich mich ja im Schützenhaus aufhielt. Vielleicht empfand ich es nur nicht so besonders dramatisch. Manchmal, wenn wir abends etwas später vom Schützenhaus kamen, stellten meine Eltern fest, dass Großvater Elxnat noch nicht im Bett lag. Wo war er? Ich hörte meine Eltern ernsthaft über sein so spätes Ausbleiben sprechen. Ich vernahm, dass er sich bestimmt wieder bei Skatbrüdern aufhielt. Dieses späte Heimkommen meines Großvaters versetzte meinen Vater immer in Wut. Es blieb nämlich nicht aus, dass mein Großvater mehr oder weniger beschwipst seinen Weg nach Hause nahm und dann ziemlich laut polternd zu Bett ging.

Meine Eltern hatten inzwischen eine größere Wohnung in der Fürstenwalder Straße bei Medels gemietet. Jetzt hatten wir die ganze untere Etage im Medelschen Haus für uns mit einem Wohnzimmer mehr. Darin lag ein schöner großer Teppich, auf dem ich viel mit meinen Zinnsoldaten spielte. Die Küche machte einen freundlicheren Eindruck als im Kunertschen Haus, auch das Zimmer meines Großvaters war etwas größer und schöner als zuvor.

Als wir wieder einmal später als sonst abends vom Schützenhaus heimkamen, war Großvater Elxnat nicht zu Hause. Meine Eltern waren noch nicht zu Bett gegangen, als jemand bei uns anklopfte und uns mitteilte, dass wir unseren Großvater Elxnat holen sollten, er liege betrunken im Chausseegraben. Mein Vater zog sich grimmig an und holte ihn. In der Wohnung angekommen, gab es für mich eine unschöne laute Auseinandersetzung zwischen den beiden, die handgreiflich endete. Dieser Zwischenfall war so heftig, dass mein Vater ein Zusammenleben mit ihm als unerträglich empfand. Daraufhin wurde für meinen Großvater Elxnat eine Stube in Storkow gesucht, wo er unabhängig von uns wohnen und tun und lassen konnte, was er wollte.

Diese Stube wurde in der Gartenstraße bei dem Malermeister Lehmann gefunden. In seinem Wirtschaftsgebäude gab es einen kleinen beheizbaren Raum, den man direkt vom Hof aus betreten konnte. In ihm befand sich ein Kleiderschrank, ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Vor seinem Bett lag ein Läufer. Die Tür war von innen mit einer Decke verhangen, um die Zugluft nicht eindringen zu lassen. Außerdem wirkte sie im Winter als Wärmedämmung. Vor dem einfachen Fenster lag zu diesem Zweck stets eine zusammengerollte Decke auf dem Fensterbrett. Ein kleines Radio gehörte auch zum Inventar. Insgesamt gesehen war das eine sehr spartanische Einrichtung. Stubendecke und Wände erschienen mir sehr dunkel. Mit äußerst spärlichem Lichteinfall durch das Fenster hinterließ die Stube bei mir keinen besonders freundlichen Eindruck.

Jeden Tag musste ich nach Schulschluss meinem Großvater das Mittagessen bringen, das meine Mutter für ihn im Schützenhaus zubereitet hatte. Er freute sich immer sehr über mein Kommen und schwatzte mit mir. Sein Einzug in diesen ärmlichen Raum muss auf ihn so ernüchternd gewirkt haben, dass er nicht mehr Skat spielen ging und keinen Alkohol trank, ich traf ihn stets nüchtern in seiner Stube an. Am Nachmittag ging meine Mutter zu ihm. Sie machte ihm das Bett, reinigte seine Stube und sorgte für frische Wäsche.

Mein Großvater Elxnat verstarb am 02.10.1941 im Alter von 78 Jahren. Bei der Beisetzung auf dem Storkower Friedhof war ich nicht zugegen, ich befand mich im Lazarett mit Ziegenpeter. Das Grab erhielt keinen Grabstein. Sein Grabhügel bekam eine immergrüne Dauerbepflanzung, wie schon zuvor der Grabhügel meiner Großmutter Elxnat auf dem Friedhof in der Rauener Ziegelei. Am Kopfende des großväterlichen Grabes wurde ein Buchsbaum gepflanzt, der über Jahrzehnte einen kräftigen Wuchs aufwies. Im Jahr 1990 wurde der Grabhügel meines Großvaters eingeebnet und der Buchsbaum gefällt, so dass ich heute nur noch annähernd die Stelle angeben kann, wo er einst beigesetzt wurde.

Das Schützenhaus

Das Schützenhaus war bis zum 14. Lebensjahr mein zu Hause. Hier wuchs ich auf und lernte frühzeitig das bunte Treiben der Erwachsenen kennen. Auf den Sportanlagen vom Schützenhausgarten haben viele Besucher ihre Kräfte beim Kegeln oder Tennis gemessen. Im Gasthof wurden Feste gefeiert und hitzig Politik an den Biertischen betrieben.

Mir ist noch der alte Gastraum von vor 1934 in Erinnerung. Er war nicht sehr groß und der damaligen Zeit entsprechend wohnlich als Gaststättenstube eingerichtet. Er strahlte Gemütlichkeit aus. Eine Pendeluhr hing an der Wand und gab die halben und vollen Stunden mit einem Gong an. Außer Tischen und Stühlen befand sich im Gastraum an einer Seite noch ein Sofa, auf dem mein Großvater öfter nach dem Mittagessen sein Nickerchen hielt.

Dort empfing er auch jährlich den kleinen, etwas beleibten Vertreter von Palm-Zigarren. Dieser verstand sich gut mit meinem Großvater. Sie saßen dann beide am kleinen Tisch, pafften andächtig ihre Zigarren und plauderten vertraulich.

In der Regel war das Vereinszimmer am Tage und abends in der Woche besetzt. Hier stellten auf großen Staffeleien die Maurermeister ihre Entwürfe für Häuser aus, die ich mir gern betrachtete. Es waren schöne Vorbereitungsarbeiten für die Meisterprüfung. Oft schlich ich mich hierher und ging von Staffelei zu Staffelei und schaute mir die Zeichnungen der entworfenen Häuser an. Sie faszinierten mich.

Das Gasthaus besaß einen Saal mit Parkettfußboden und eine Bühne. Im Saal fanden viele Veranstaltungen statt, wie Tagungen, Tanzabende, Maskenbälle, Versammlungen von Vereinen.

In den Saal gelangte man durch eine zweiteilige Tür. Dieser Tür gegenüber war noch ein beachtlich großer Durchgang, in dem ein Lochbillard stand. Auf ihm stieß ich öfter die Kugeln und brachte es erstaunlicherweise zu guten Leistungen, was mir Lob und Anerkennung von den Erwachsenen einbrachte und mich mit Stolz erfüllte.

Überall hingen an den Wänden viele eingerahmte Fotos von den jährlich zu Pfingsten geehrten Schützenkönigen mit ihren zwei Rittern.

In dem Durchgangsraum schmückten zur Weihnachtszeit die Eltern einen Tannenbaum mit Glaskugeln und Lametta. Die familiäre Bescherung fand hier statt. Wir feierten nie Weihnachten alleine zu Hause, sondern immer bei meinen Großeltern im Schützenhaus. Am Heiligen Abend servierte uns Großmutter stets ihren Bierkarpfen. Nach dem Essen kam der Weihnachtsmann mit einem Sack und einer Rute ins Schützenhaus und fragte nach artigen Kindern. Ich hielt mich immer für artig und fleißig und trug dem Weihnachtsmann ein einstudiertes Gedicht vor. Mein Vortrag gefiel dem Weihnachtsmann und er entleerte seinen Sack mit vielen Spielsachen für mich. Als ich älter war, erkannte ich meinen Onkel Kurt im Weihnachtsmann.

Nach dem Abendessen durfte ich lange aufbleiben. Ich freute mich über die vielen erhaltenen Geschenke, wobei die Spielsachen mich lange bis weit in den Abend hinein beschäftigten.

Zur späten Stunde klopfte jemand ans Fenster. Es war kein gewöhnliches Klopfen eines Menschen, der um Einlass bat, sondern ein mit meinem Großvater ausgemachtes Klopfzeichen. Sofort wurde aufgetan und herein trat der Nachtwächter Lehmann mit seinem Schäferhund. In der Hand hielt er einen Spazierstock. An einem Strick, den er wie einen Schulterriemen umgelegt hatte, hing seine Feuertute, die er nachts immer mitführen musste. Nachtwächter Lehmann wünschte frohe Weihnachten und erhielt sein Bierchen mit einem Schnäpschen. Wie ich erfuhr, klopfte er immer an, wenn er nachts noch Licht im Gastraum brennen sah. Er wurde nie abgewiesen und bekam immer einen Trunk überreicht. In Storkow gab es noch einen zweiten Nachtwächter, den Herrn Noack. Der Marktplatz trennte ihre beiden Reviere.

Von Jahr zu Jahr kamen mehr Besucher in das alte Schützenhaus, oft herrschte daher Platzmangel. Der Maurermeister Buchwalder änderte im Auftrag des Großvaters den Durchgangsraum so um, dass er mit der Gaststube einen einzigen großen Gastraum bildete, dadurch erschien das gesamte Gaststättenmilieu sehr viel vornehmer.

In ihm befand sich nun eine wuchtige lange und breite Theke mit dem Zapfenblock aus glänzendem Metall. Drei Zapfhähne für Schultheiss-, Engelhardt- und Bürgerbräubier und ein Zapfhahn für Fassbrause standen jetzt zur Verfügung. Die Fässer standen im kühlen Keller.

Besonders schön fand ich im neuen Gastraum die Stammtischecke. Dort stand eine rustikale Ecksitzbank aus Holz, die den runden Stammtisch halb umschloss. Über dem Tisch prangte ein mächtiger Kronleuchter aus Hirschgeweih. Die ganze Ecke war dunkelbraun getäfelt. In dieser Sitzecke nahmen wir oft unser Mittagessen ein. Abends saßen hier die Stammgäste und tranken ihr Bier. Sie hatten sich immer viel zu erzählen. Es waren meistens Unternehmer, wie der Maurermeister Buchwalder, der Holzhändler Bronsert und der Abdecker Flügel.

Der Musikschrank im neuen Gastraum erregte meine Aufmerksamkeit. In ihm befanden sich nämlich ein Radio, ein Plattenspieler und diverse Schallplatten mit Schlager-, Tanz- und Unterhaltungsmusik. Mich reizte die Bedienung des Plattenspielers. Eines Nachmittags durfte ich ihn dann in Gang setzen und Platten mit Tanzmusik auflegen, da eine kleine fröhliche Gesellschaft im Vereinszimmer tanzen wollte.

Ich blieb gern am Radio sitzen wenn temperamentvoll Autorennen kommentiert wurden. Dagegen verfolgte mein Onkel Kurt die von Sportreportern enthusiastisch übertragenen Boxkämpfe Max Schmelings. Die Reden Adolf Hitlers wurden ebenfalls gehört.

Das Herz vom Schützenhaus aber war die Küche.

Nach dem Tod meiner Großmutter 1935 führte meine Mutter dort Regie. Meine Mutter war darüber nicht glücklich, zumal sie keine ausgebildete Köchin war. Im Zuge der Vergrößerung des Gastraumes wurde auch die Küche vergrößert und modernisiert. Nach Festlichkeiten, wie ein Eisbeinessen der Schützengilde, verließ meine Mutter vollkommen erschöpft ihren Arbeitsbereich.

Die Lebensmittel für den Küchenbedarf wurden in den verschiedensten Storkower Lebensmittelgeschäften sowie beim Fleischermeister Reichmuth eingekauft. Einmal im Monat kam der fliegende Händler Freiberger mit seinem kleinen Lieferwagen nach Storkow. Er brachte aus Berlin Konserven und Kolonialwaren mit. Von ihm bezogen die Kunden vorwiegend Fischkonserven und Kaffeebohnen sackweise aus Bremen. Ein Kaffeesack bestand aus zwei zusammengenähten Handtüchern.

Im Winter fand ich die Eisgewinnung vom See immer sehr beeindruckend. Interessiert schaute ich zu, wenn etwa 10 m vom Ufer der „Pferdeschwämme“ entfernt ein größeres Loch in die dick gefrorene Eisschicht geschlagen wurde. Dann ging man mit einer Schrotsäge heran und zersägte die dicke Eisschicht in Würfel und Quader. Diese schwammen im Wasser, wurden mit einer Stange an Land gezogen und am Ufer auf einen Pferdewagen geladen. Das Eis kam auf das Flügelsche Grundstück am Schützenplatz. Hier lagerten die Helfer die kalten Blöcke in dicke Schichten Sägespäne ein. Das Eis hielt sich auf diese Weise bis weit in den Sommer hinein. Auf Verlangen der Gastwirte grub Herr Rogge aus den Sägespänen die Eiswürfel und –quader aus und brachte sie in die Keller der Gaststätten, wo sie zur Kühlung des Biers auf die Bierfässer gelegt wurden.

An manchen Sonntagen besuchten unerwartet viele Gäste das Schützenhaus. Wenn dann etwas in der Küche zur Zubereitung der Speisen fehlte, war ich mit meinem Fahrrad gefragt. Ich bekam eine Einkaufstasche mit einem Wunschzettel in die Hand gedrückt und wurde zum Einkauf losgeschickt. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und sauste ab zum Kaufmann Retzdorf. Sein Laden war am Sonntag geschlossen. So begab ich mich zu seiner Wohnung, klopfte an die Küchentür, die mir von Fräulein Retzdorf geöffnet wurde. Sie ging mit mir sofort in den Laden und hat den Auftrag bearbeitet. Mit der vollen Tasche fuhr ich zurück zum Schützenhaus, wo ich bereits erwartet wurde. Diese Extra-Einkaufstouren erfüllten mich mit Stolz, durfte ich sie doch mit meinem Fahrrad erledigen.