Erinnerungen eines weißen Jahrgangs - Rolf Naumann - E-Book

Erinnerungen eines weißen Jahrgangs E-Book

Rolf Naumann

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Beschreibung

Als "weißer Jahrgang" 1935 in Leipzig geboren, gehörte Rolf Naumann zu den Geburtsjahrgängen, für die als junge Männer keine Wehrpflicht bestand und die keinen Wehrdienst zu leisten hatten. Auf authentische Weise, in lockerem Erzählton beschreibt der Autor in seinem Erstlingswerk "Erinnerungen eines weißen Jahrgangs" in oftmals augenzwinkernden Rückblicken seinen ungewöhnlichen Lebensweg von der Kindheit während des Kriegs und in den Nachkriegsjahren mit seinen Erlebnissen als Schüler auf "Hamsterfahrt" per Zug in den Westen über seine Flucht als Jugendlicher via West-Berlin und seine Ankunft im Flüchtlingslager Stukenbrock bis hin zum Neuanfang in Bielefeld in Ostwestfalen-Lippe, wo er zusammen mit seiner Ehefrau Karin ab Beginn der 1960er Jahre erfolgreich als Unternehmer wirkte und drei Söhne aufzog. Das Buch endet mit der Beschreibung des Coups im Sommer 1990, bei dem der Verkauf der beiden Familienunternehmen für drahtgebundene und drahtlose Fernmeldetechnik an eine deutsche Aktiengesellschaft gelingt.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum

© 2020 Rolf Naumann, Bielefeld

Erste Auflage 2015

Zweite Auflage 2020

Umschlaggestaltung: Lennart Naumann, Bielefeld

Redaktionelle Beratung: Martina Bauer, Bielefeld

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Umschlagfotos: Panorama von Bielefeld (Titel- u. Rückseite), © Bielefeld Marketing GmbH / Foto: deteringdesign GmbH; Titelseite: Bach-Denkmal in Leipzig (I.), Foto: Pixabay;

Leineweber-Denkmal in Bielefeld (r.), © Bielefeld Marketing GmbH; Rückseite: Portraitfoto Rolf Naumann (oben r.) und Rolf Naumann (Mitte) mit seinen Eltern Martha und Georg Naumann, © Archiv Rolf Naumann; Kunsthalle Bielefeld (oben I.), © Bielefeld Marketing GmbH / Foto: Marc Detering; Altes Rathaus Leipzig (Mitte I.) und Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (Mitte r.), Foto: Pixabay

ISBN Taschenbuch: 978-3-347-07568-9

ISBN Hardcover: 978-3-347-07569-6

ISBN e-Book: 978-3-347-07570-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung,

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://dnb.d-nb.de im Internetabrufbar.

Inhalt

1. Kapitel Ein tränenreicher Abschied

2. Kapitel Staniolstreifen, Granatsplitter und Flugblätter

3. Kapitel Gerade noch einmal davongekommen

4. Kapitel Eiserne Währung, Sprengstoff und ein Revolver

5. Kapitel Bekanntschaft mit den Hamsterzügen

6. Kapitel Leipzig – Braunschweig undzurück

7. Kapitel Duftende Bücklinge als Startkapital

8. Kapitel Bebop-Schnitt, Kreppschuhe und Lumberjack

9. Kapitel Urlaub mit Blei im Gepäck

10. Kapitel Auf dem Weg zum Staatspräsidenten

11. Kapitel Von Bielefeld als Vertreter durch die Welt

12. Kapitel Die große Chance zur Selbstständigkeit

13. Kapitel Einbruch in die Firma

14. Kapitel Florierende Geschäfte und neue Statussymbole

Anhang:

1. Kapitel

Ein tränenreicher Abschied

„Sondermeldung, Sondermeldung“ tönte es aus der „Goebbels Schnauze“ (1). Wir schrieben das Jahr 1940, der Beginn meines Erinnerungsvermögens. Ich war ein fünfjähriger Knirps und mein Vater (2) seit September 1939 bei der Wehrmacht. Deutschland befand sich im Krieg mit Polen und Frankreich und ich kann mich noch gut an den ersten Urlaub meines Vaters erinnern. Er brachte mir einen Baukasten und ein Miniaturauto aus Frankreich mit. 1941 begann der Krieg mit Russland und er kam an die Ostfront. Smolensk und Witebsk hießen die Orte, von denen er schrieb. 1941 kehrte er halb erfroren und krank zurück und wurde in ein Krankenhaus nach St. Pölten (3) gebracht.

Dank der finanziellen Hilfe meiner Tante Friedei (4) konnten meine Mutter (5) und ich meinen Vater im Krankenhaus besuchen. Wir blieben sechs Wochen und ich ging nun vorerst in St. Pölten in die Schule. Dort wurde noch die Sütterlinschrift gelehrt, welche ich schnell beherrschte. Bei einem Ausflug in die Wachau (6) beeindruckten mich besonders das Stift Melk mit der schönen Aussicht auf die Donau und die Ruine Dürnstein. In Spitz an der Donau bin ich zum Zeitvertreib mit der Fähre von einem Ufer zum anderen gefahren, bis meine Eltern vom Einkaufen zurückkamen.

Es war Frühjahr und wir fuhren mit der Mariazeller Bahn nach Mariazell (7). Zum ersten Mal sah ich dort die schneebedeckten Berge. Schon aus weiter Ferne funkelte mich der Ötscher (8) an. Wenig später kam mein Vater zu einer Genesungskompanie nach Metz (9). Fortan ging ich dort zur Schule. Meine Mutter und ich hatten ein Zimmer bei einer älteren Dame gemietet. Diese sprach allerdings nur französisch. Schon als Kind von sieben Jahren hatte ich den Eindruck, dass kein Mensch Deutsch sprach oder sprechen wollte. Um meine neue Umgebung zu erkunden, bin ich mehrmals auf eigene Faust losgezogen. Mit der Straßenbahn von einer Endstelle zur anderen pendelnd, habe ich nach und nach alle Linien abgefahren und die Stadt kennen gelernt.

Auf einer langen Fahrt mit meiner Mutter zu meinem Vater nach Metz hatte ich meine ersten Erlebnisse mit dem Krieg. Wir waren abends mit dem Schnellzug von Leipzig abgefahren. Auf der Höhe von Frankfurt gab es plötzlich Fliegeralarm. Die mitreisenden Landser beobachteten aus dem verdunkelten Fenster das Geschehen. Scheinwerfer erleuchteten den Himmel – sie sollten die feindlichen Flugzeuge in das Licht ziehen. Ich bin irgendwann eingeschlafen. Im frühen Morgenlicht sah ich in Saarbrücken die ersten zerbombten Häuser.

Einmal haben wir in Gravelotte, rund 15 Kilometer von Metz entfernt, das Grab eines Onkels meines Vaters gesucht und tatsächlich auch gefunden. Dieser Onkel war im 19. Jahrhundert im Deutsch-Französischen Krieg (10) gefallen. Das Grab war noch gut erhalten.

Wir wohnten damals in der Nähe der Kaserne in Martinsbann (11). Die Kaserne selbst, in der mein Vater und seine Genesungskompanie untergebracht waren, durften meine Mutter und ich allerdings nicht betreten. Sieben bis acht Wochen ist er dort geblieben – dann wurde mein Vater wieder „kv“ („kriegsverwendungsfähig“) geschrieben.

Für ein paar Tage Urlaub hat er uns noch einmal nach Leipzig begleitet, dann musste er wieder an die Ostfront. Meine Mutter und ich sind mit ihm vom Hauptbahnhof aus eine kleine Strecke mitgefahren. Es war ein tränenreicher Abschied im Zug. Mit der Straßenbahn sind wir zu zweit zurück nach Hause gefahren. Das war das letzte Mal, das ich meinen Vater gesehen habe.

Jetzt kam der Krieg immer näher. Wir wohnten am östlichen Stadtrand von Leipzig in der Karl-Bücher-Straße 12, in einem von drei Wohnblöcken, die aus jeweils drei Häusern bestanden. Pro Eingang lebten hier acht Familien. Wir wohnten in der zweiten Etage und hatten einen wunderbaren Blick über die vor unserem Häuserblock liegenden Schrebergärten, das Dach vom Straßenbahndepot und auf die Hohburger Berge in der Nähe von Wurzen. Für uns Kinder waren die 150 Meter hohen Hügel schon Berge. Umschlossen von den Häuschen der Gartenvereine, stand in nördlicher Richtung der Paunsdorfer Wasserturm auf einem freien Platz mit Grünfläche. Dort spielten wir oft Fußball.

Eines Tages war mitten im Spiel plötzlich ein lautloser Schatten über uns – ein Flugzeug kurz über den Baumwipfeln. Es sah aus wie eine runde Tonne mit Flügeln, jedoch ohne Heckleitwerk. Das war die erste Begegnung mit einer Messerschmitt Me 163 „Komet“ (12), das Flugzeug mit dem ersten Strahltriebwerk der Welt, welches in Beucha-Brandis stationiert war. Die Piloten landeten auf der Autobahn, die Richtung Dresden ging, wenn sie keinen Sprit mehr hatten und wurden dann abgeschleppt. Das konnten wir vom Fenster aus beobachten.

Hinter dem Wasserturm begann ein Feldweg zum Paunsdorfer Wäldchen. An einer Wegkreuzung wurde ein Erdbunker ausgehoben und darauf eine Flakstellung errichtet. Gleichzeitig wurden hinter dem Wasserturm Baracken errichtet und im Abstand von rund 200 Metern Fässer mit Sprüharmen aufgestellt. Damit konnte die Wehrmacht bei Fliegeralarm innerhalb von fünf Minuten die ganze Gegend einnebeln.

In den fertiggestellten Baracken wohnten auch russische Kriegsgefangene, die zum Teil Deutsch sprachen und viel handwerkliches Können mitbrachten. Ein Russe bot uns beispielsweise ein selbst gefertigtes Armband aus Messing oder Bronze an. Wer weiß, vielleicht war er in seiner Heimat Goldschmied gewesen.