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Aus Anlass seines bevorstehenden 70. Geburtstages im März 1980 verfasste Kurt Kinder seine Lebenserinnerungen, die er seinen beiden Söhnen Wolfgang und Ulrich widmete. Dabei stützte er sich vor allem auf seine Erinnerungen, Tagebucheinträge sowie erhaltene sonstige Unterlagen. Daraus entstand die detailreiche Geschichte einer Familie, wie sie millionenfach in Deutschland ähnlich gelebt wurde.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Kurt Kinder
3. März 1910 -1. Mai 1994
und
Erna Kinder
27. November 1912 - 16. Februar 1994
Eltern -und Großeltern
Die Kindheit in Spandau
Die "Kasernenjahre"
Arbeitslos
Es geht aufwärts
Ehejahre und dunkle politische Wolken
Wir erleben den Zweiten Weltkrieg
Nachkriegszeit
Rentnerleben
Gedenktage aus meinem Leben
Die Eltern und Großeltern stammen aus Ostpreußen. Gekannt habe ich nur meinen Großvater väterlicherseits: Friedrich Adolf Kinder. Am 30. März 1850 in Arnstein in Ostpreußen geboren, war er dort als Instmann tätig. Heute würde man Gutsarbeiter dazu sagen. Die Großmutter hieß Amalie Grassing und war vier Jahre älter. Sie heirateten am Juni 1876 und hatten drei Kinder. Der Älteste hieß Fritz, dann mein Vater Wilhelm und schließlich noch Tochter Rose. Von diesen habe ich nur Onkel Fritz kennengelernt, der uns ein paarmal in Berlin besuchte. Er wohnte in Königsberg und war bei der Eisenbahn tätig. Seine Reisen kosteten ihn nichts, aber er hatte ständig Magenbeschwerden, die auch durch verschiedene Kuren nicht behoben werden konnten.
Von meiner Tante Rose weiß ich nur, dass sie nach ihrer Heirat, sich mit ihrem Mann einer Glaubensgemeinschaft anschloss und mit meinem Vater keine Verbindung bestand.
Die Eltern meiner Mutter stammen ebenfalls aus Ostpreußen. Großvater Fridrich Jüttke am 16. Januar 1833 in Grünhof bei Bladiau (Pyatodorozhnoe) geboren, war Milchpächter. Er heiratete am 7. Juni 1863 meine Großmutter Justine Wiechert, die zehn Jahre jünger war. Es muss seine zweite Frau gewesen sein, denn meine Mutter sprach oft von Tante Boldt, die eine Stiefschwester von ihr war.
Außerdem war da noch mein Onkel Ferdinand, der in der Nähe von Königsberg im Dorfe Bergau eine 60 Morgen große Landwirtschaft betrieb.
In Jahre 1919 verbrachten mein Bruder Herbert und ich einmal die Sommerferien bei ihm. Er hatte mindestens elf Kinder, von denen meine Cousine Martha, von der später noch die Rede sein wird, ein Teil unserer Familie wurde.
Dann gab es noch die Schwester Marie, die mit einen Musiker Raese in Stettin verheiratet war. Mutter hatte zu ihr ein herzliches Verhältnis. Sie hatten vier Kinder. Zwei Jungen und zwei Mädchen. lm Jahre 1917 besuchten wir sie einmal mit Schwester Hilla und ich. Auch Tante Marie war nach dem Kriege einmal bei uns.
Großvater Friedrich starb am 13. Februar 1889 als Mutter, noch nicht sieben Jahre alt war. Großmutter Justine mußte nun die Milchwirtschaft allein weiter betreiben, und Mutter unterstützte sie schon in jungen Jahren insofern dabei, daß sie die Milch ausfuhr. Das geschah im Winter oft bei klirrender Kälte. Die, beim Auf- und Abladen überschwappende Milch gefror sofort auf den Kleidern, was ihren Nieren gar nicht guttat. Diese Arbeit machte sie auch dafür verantwortlich, dass sie im Jahre 1927 am Unterlaib erkrankte und sieben Jahre später daran starb.
Vater mußte schon früh in der Landwirtschaft mithelfen. Wie es so üblich war, gingen die Kinder dabei barfuß. Eines Tages wurde ihm eine achtlos abgelegte Sense zum Verhängnis. Er trat in die Schneide, die sich tief in seinen Fuß einschnitt. Die Wunde verheilte aber gut, und er zeigte sie uns später noch oft.
Ein weitaus schwerer Unfall ereignete sich während seiner Militärzeit. Er wurde dem Ulanen zugeteilt und mußte drei Jahre dienen. Hätte er eine höhere Schulbildung gehabt, nämlich das sogenannte „Einjährige“, wäre er mit einem Jahr Militärdienst weggekommen.
Die Ulanen war eine schneidige Reitertruppe mit einer schicken Uniform, einem Helm mit wehendem Federbusch und einer Lanze unter dem Arm. Wegen der großen Entfernung der einzelnen Truppenglieder wurden die Kommandos mittels Trompetensignalen gegeben.
Eines Tages bekam Vater ein neues Pferd zugeteilt, welches auf diese Signale abgerichtet war. Als er einmal gerade in den Sattel steigen wollte, und den rechten Fuß schon im Steigbügel hatte, kam das Signal zum Sammeln. Vaters „Rosinante“ machte einen Satz und preschte davon und er wurde im Steigbügel hinterhergeschleift. Ein schwerer Knöchelbruch war die Folge, der den Fuß nie mehr volltauglich machte. Er wurde aus dem Wehrdienst entlassen und bekam später den sogenannten Zivilversorgungsschein.
Danach war er auf dem Bau und auch bei einer Brauerei beschäftigt, und als er meine Mutter kennenlernte, erinnerte er sich dieses Scheines und wollte in den Staatsdienst eintreten. Er hatte auch schon ein Angebot als Gerichtsdiener beim Königsberger Amtsgericht, als er ein neues Angebot erhielt, das ihn mit seinen 25 Jahren mächtig interessierte.
Meine Grußmutter Justine hatte noch eine Schwester in Danzig, deren Tochter Johanna mit einem Max Schikowski verheiratet war. Dieser Max, vier Jahre älter als Vater, war als Maschinenmaat während seiner Dienstzeit zur See gefahren und hatte später eine Stellung als Maschinenmeister in der „Königlichen Gewehr- und Munitionsfabrik“ angetreten. Hierdurch bot sich meinem Vater eine Stellung ebenda als Wächter an, die er in seiner Sturm- und Drangzeit, wo alles nach Berlin strömte, nicht ausschlagen wollte.
Am 11. Februar 1906 wurde also schnell geheiratet, und Vater machte sich auf die Reise nach Berlin, um dort seine neue Stellung in Spandau anzutreten. Eine Wohnung in der Lynarstraße in Spandau wurde gefunden, und der Ankunft von Mutter in dem neuen Heim stand nichts mehr im Wege. Ein Bett, ein Ausziehtisch, dazu vier rohrbespannte Stühle wurden angeschafft, und dazu das allernotwendigste Geschirr. Nun konnte die Ehe beginnen.
Zur Familie wurde die Ehe, als am 16. Januar 1907 mein Bruder Herbert geboren wurde. Drei Jahre später kam ich zur Welt. Problematisch wurde es, als im Jahre 1912 die Mutter meines Vaters in Ostpreußen starb, und Grußvater kurz darauf zu uns nach Spandau kam. Es ergab sich die Möglichkeit, in der Jagowstraße 12 einen Tabakladen zu übernehmen, der aus steuerlichen Gründen auf Großvaters Namen lief. Wir zogen also um und bald darauf, am 19. September 1912 wurde dort meine Schwester Hildegard geboren, die aber Zeit ihres Lebens nur „Hilla“ genannt wurde.
Mutter und Großvater verstanden sich nicht sehr gut miteinander, mich aber hatte er in sein Herz geschlossen. Er fuhr mich oft im Sportwagen spazieren, und unser Weg führte fast immer die Schönwalder Straße entlang, durch das Fehrbelliner Tor zum Klinkeplatz, auf dem ein ehernes Denkmal an den Pioniersoldaten Klinke erinnerte, der im deutsch-dänischen Krieg im Jahr 1864 mit einer Pulverladung eine Bresche in die Düppeler Schanzen schlug, bei diesem Anschlag ums Leben kam, Deutschland damit aber den entscheidenden Sieg brachte.
Beim Anblick dieses stürmenden Soldaten brach es aber jedes Mal aus Klein-Kurtchen heraus: „Opa, Bautz“! Was blieb dem armen Opa übrig, er mußte mir die Hosen herabziehen und Bautz machen lassen. Das beste Zureden vor der Spazierfahrt, mich zum „Bautz“ zu bewegen nutzte nichts. Waren wir am Denkmal angekommen, ertönte aus Kurtchens Mund: „Opa Bautz“! „De damliche Kreet,“ schimpfte Opa, "immer muß er unterwegs Bautz machen, ick gei nich mehr mit ihm!“ Aber am nächsten Tag ging er doch wieder mit mir und Klein-Kurt machte „Bautz“ am Klinke Denkmal.
Bruder Herbert war inzwischen sechs Jahre alt geworden und wurde in die Volksschule in der Lynarstraße eingeschult.
Unser Leben verlief unter unserem Kaiser Wilhelm II. gleichmäßig. Der Tabakladen warf zwar nicht viel ab, und Vater verdiente nur 75,-- Reichsmark im Monat, aber wir hatten unser Auskommen. Im Laufe des Jahres 1913 hatten die Eltern die Möglichkeit, einen Eckladen in einem neueren Stadtviertel von Spandau zu übernehmen. Er lag in der Konkordiastraße, Ecke Adamstraße. Ein paar 100 Meter entfernt verlief die Wilhelmstraße und dort befand sich neben einem riesigen Exerzierplatz eine Kaserne. Hier erhofften sich die Eltern eine bessere Kundschaft.
Aber zuerst mußte der Laden eingerichtet werden. Max Schikowski hatte einen Danziger Schulfreund, er hieß Paul Bleschkowski, der seinen Namen später auf Berger umschreiben ließ. Da er von Beruf Tischler war, half er großzügig beim Ausbau des Ladens. Der Fußboden bestand aus ungestrichenen Dielenbrettern und jede Woche sah ich meine Mutter auf den Knien mit Schmierseife und Scheuerbürste die Dielen scheuern.
Als alles eingerichtet war, konnte der Laden eröffnet werden. Aber auch der brachte nicht das erhoffte Geschäft. Oft ging ich mit meinem Großvater zu einem Laden für Kleinhändler in der Stresowstraße am Spandauer Hauptbahnhof. Dort erstanden wir eine Kiste Zigarren, die wir dann bei uns stückweise weiterverkauften. Großvater bekam stets eine Zigarre geschenkt, die er sich vor der Tür stolz in den Mund steckte. Sonst rauchte er nur Pfeife.
Herbert wurde eingeschult und kam in die Volksschule in der Adamstraße. wischen den Jungen der Adamstraß und denen der Konkordiastraße bestand eine sogenannte Straßenfeindschaft, die oft auf dem freien Feld hinter unserem Haus, zur Wilhelmstraße hin, ausgetragen wurde.
Mutter nähte uns zu diesem Zweck eine schwarz-weißrote Fahne, die an einem Besenstiel befestigt wurde. Unser Schwert war eine zugespitzte Latte, auf die oben ein Querholz aufgenagelt war. Trotz allem verliefen die Schlachten immer unblutig.
Ein Problem war Schwester Hilla. Wenn wir uns sonntags alle fein gemacht hatten, zu einem Spaziergang mit ihr im Kinderwagen, begann sie wie am Spieß zu brüllen, sobald Mutter an den Wagen trat. Der Grund war ihr Hut. Nach der damaligen Mode trug sie einen schwarzen Strohhut, mit einer riesigen Krempe. Oben durch den Hut und durch die Frisur wurde eine lange Nadel gestoßen, deren spitzes Ende mit einer Sicherung gegen unbeabsichtigte Verletzung versehen war. Das war amtliche Vorschrift. Das Geschrei hörte erst auf, wenn Vater oder Herbert den Wagen schoben, und Mutter in einigen Schritten Abstand folgte.
Es kam das Schicksalsjahr 1914. Der 1. August brach an und brachte uns die Mobilmachung zu einem Feldzug, der später als der „1. Weltkrieg“ in die Geschichte eingehen sollte. Cousin Lisbeth aus Stettin war zu der Zeit bei uns zu Besuch. Sie nahm mich bei der Hand und wir marschierten zur Wilhemstraße. Vor dem geschlossenen Kasernentor blieben wir stehen und erblickten dahinter einen Haufen Zivilisten, die alle einen großen Pappkarton in der Hand hielten. Es waren Reservisten, die einberufen worden waren.
„Sieh mal, Kurtchen, „sagte Cousine Lisbeth, „die müssen alle in den Krieg und werden totgeschossen.“ Wenige Tage später sahen wir dann einen langen Trupp grau gekleideter Soldaten durch die Wilhelmstraße zum Hauptbahnhof marschieren. In dem Lauf der umgehängten Gewehre stachen kleine Blumensträuße. An der Seite des Trupps liefen junge Mädchen und Frauen, die weinten und winkten. Die Soldaten winkten zurück und riefen: „Keine Angst, Weihnahten sind wir wieder zu Hause!“ Sie wußten nicht, wie sehr sie sich irrten.
Ein paar Wochen später, sah ich einen jungen Mann aus dem Nebenhaus, der auch mit ausgerückt war. Er ging an Krücken, und ihm fehlte das rechte Bein.
Wir merkten freilich vorläufig noch nichts vom Krieg. Vater mußte sich zwar einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen, kam aber mit einem „ku“ zurück. Er war als "kriegsuntauglich" vorläufig zurückgestellt.
Eines Tages kam mein Freund Karl aufgeregt zu uns in den Laden: „Komm mit Kurt, zum Exerzierplatz, da ist etwas!“ Bruder Herbert war auch neugierig, und so zogen wir los in erwartungsvoller Aufregung. Auf dem Feld angekommen, umstand eine Menschenmenge einen kleinen Doppeldecker, der hier wegen Motorschaden notgelandet war. Zwei Mann in Fliegermontur arbeiteten eifrig an dem Flugzeug, stiegen dann in die offenen Sitze, der Motor sprang an, nachdem einer von ihnen ein paarmal den Propeller gedreht hatte. Es rollte davon und erhob sich nach ein paar Metern in die Luft. Für uns Jungen ein unvergeßliches Erlebnis, haben wir doch den Beginn der Eroberung der Luft mit eigenen Augen sehen können.
Ein neuer Umzug stand uns aber ins Haus. Vater wurde eine Dienstwohnung auf der „Königlichen Gewehrfabrik“ angeboten. Mit dem Tabakladen klappte es sowieso nicht, und wenn er am Arbeitsplatz für billige Miete wohnen konnte, so war das schon einen neuen Umzug wert. Im Dezember 1914 zogen wir also auf die Gewehrfabrik und für uns Kinder begann eine herrliche Zeit.
Die neue Wohnung war ein Prachtstück. Sie lag direkt an einem Seitenarm der Oberhavel, d.h. zwischen unserer Wohnung und der Ufermauer verlief die Straße. Dieser Seitenarm umlief die Zitadelle, die dadurch eine Halbinsel bildete, teilte sich in drei weitere Kanäle, deren Wasser über Turbinen in einen Abzugsgraben flossen, der hinter der Schleuse in die Unterhavel mündete. Die Wohnung lag im Erdgeschoß, hatte einen Windfang mit einer seitlichen Tür zur Toilette. Die Tür geradezu führte in die Küche, an deren unterem Ende eine weitere Tür zu einer Kammer führt. Rechts ging es in ein großes Zimmer, dahinter schloss sich ein weiteres großes Zimmer an. Beide Räume hatten Parkettfußboden und die ganze Wohnung hatte elektrisches Licht. Vor dem Haus, parallel zu den beiden Zimmern verlief eine Veranda, die zur Straße mit einer halbhohen Bretterwand abgeschlossen war. Außen rankte wilder Wein bis zu dem darüber liegenden Balkon.
Wie es damals üblich war, hatte jede Wohnung nach Möglichkeit eine sogenannte "Gute Stube“. Die gab es jetzt auch bei uns. Das vordere Zimmer war das Wohn- und Schlafzimmer für uns. Das hintere Zimmer war die "Gute Stube“. Ein Sofa stand' darin, davon ein ovaler Tisch mit drei geschwungenen Beinen, die in der Mitte zusammenkamen und in einem neuen Bogen die Tischplatte hielten. Geradezu eine Kommode mit einem großen Spiegel darüber und an der linken Wand ein Vertiko mit einer Menge Schübe. Rechts stand noch ein eisernes Bett, in dem ich mit Großvater zusammen schlief. Das Zimmer wurde nie geheizt und nur an Festtagen, wie zu Weihnachten, benutzt. Das Bett darin war sozusagen nur eine Notlösung wegen Platzmangel.
Vater brauchte jetzt Keine Kontrollgänge mehr zu machen er wurde als Pförtner am Fabrikeingang eingesetzt, hatte dort für Ordnung zu sorgen und die Zuspätkommenden aufzuschreiben.
Er war jetzt 34 Jahre alt, sein Schnurrbart war gewachsen und Kaiser Wilhelm, mit seinem Bart „Es ist erreicht“, war sein Vorbild. Es war eine mühselige Arbeit ihn zu Pflegen. Jeden Morgen mußte er mit einer Bartwichse eingeschmiert werden, dann kam die Bartbinde darüber und wenn alles fest war, wurde sie abgenommen. Der Bart behielt nun tagsüber seine Form. Sein Haupthaar aber begann sich bedenklich zu lichten. Mühselig versuchte er an jedem Morgen die einzelnen Haarsträhnen gleichmäßig über sein kahles Haupt zu verteilen. Eines Tages hatte er das aber satt, und er erschien mit einer strahlend weißen Glatze vor unseren staunenden Augen. Etwas später fiel auch der sorgsam gepflegte „Kaiser-Wilhelm-Bart“ der Schere zum Opfer, und Vater lief seitdem mit einem gestutzten Bart herum.
Das nahe Wasser vor dem Haus machte Vater zu einem leidenschaftlichen Angler. Lange vor Dienstbeginn, kurz vor Sonnenaufgang, saß er auf dem gegenüberliegenden Bootssteg und angelte. Er brachte Plötze und Barsche nach Hause, die oft unseren Mittagstisch bereicherten. Aber das genügte ihm nicht, er mußte aufs Wasser, und dazu braucht er einen Angelkahn. Ein Angebot hatte er aus Pichelswerder, das heute Siemenswerder heißt. Eines Sonntags fuhr die ganze Familie dorthin, um das Boot in Augenschein zu nehmen. Als wir ausstiegen, klagte Vater über Leibschmerzen. Wir gingen durch den Wald und Vater mußte oft stehenbleiben. Plötzlich setzte er sich auf einen Baumstumpf und fing laut an zu stöhnen. Vor Schmerzen hielt er sich seien Leib. Mit Mühe und Not kamen wir wieder zu Hause an. Der Arzt wurde geholt, der eine schwere Nierenkolik feststellte, die ihm ein längeres Krankenlager bei völlig salzfreier Diät, einbrachte.
Als er wieder gesund war, erwachte der Wunsch nach einem Boot aufs Neue, und eines Tages kamen Vater und Herbert damit angerudert. Vater hatte es in Kladow gebraucht gekauft. Es war ein Klingerboot mit zwei Querbänken. Das vordere Sitzbrett hatte ein Loch zur Aufnahme eines Segelmasts. Das abgeflachte Ende hatte einen Rundsitz mit einem Steuer, das durch zwei Leinen zu bewegen war. Nun konnte er damit aufs Wasser hinaus. Er schaffte sich Reusen, fing damit Aale, Plätze, Barsche, hin und wieder auch einen Hecht, aber vor allen Dingen Bleie.
Eines Tages hatten wir eine ganze Waschwanne voll dieser Fische. Das Schlimme daran ist nur, dass sie voller kleiner, spitzer Gräten stecken. Man muss beim Kauen vorsichtig sein und man spuckt dauernd Gräten. Wir Kinder bekamen den Auftrag, in der Nachbarschaft herumzufragen, wer diese Fische kaufen wollte. Aber niemand wollte einen von diesen Grätenfischen haben.
Später ging seine Angelleidenschaft soweit, dass er mit Onkel Max beabsichtigte in Ostpreußen einige Fischteiche mit Fischereirechten zu übernehmen. Zu unser aller Glück zerschlug sich aber diese Angelegenheit.
Unsere Familie hatte sich inzwischen vergrößert. Großmutter Justine war aus Ostpreußen zu uns gekommen. Sie war zu dieser Zeit schon 70 Jahre alt und half bei uns im Haushalt. Vater zimmerte ein Bett für sie, das wir hinten in der Kammer unterbrachten, welches ihr Schlafzimmer wurde. Außerdem wollte vorläufig Cousine Martha, die Tochter von Onkel Ferdinand in Bergau, bei uns wohnen, weil sie auf unserer Fabrik Arbeit gefunden hatte. Es wurde aber ein Dauerwohnen bis zum Kriegsende daraus.
Mutter war jetzt im Haushalt entlastet. Sie nahm eine Stellung in der Fabrikhalle, gegenüber von unserem Haus an und arbeitete an der Fräsmaschine. Manchmal brachte sie Arbeit zum Entgraten mit der Feile mit nach Hause und wir halfen ihr dabei.
Eines Tages jedoch hatte sie einen Unfall. Sie war mit dem Zeigefinger der rechten Hand in den laufenden Fräser geraten, der ihr eine böse Wunde beibrachte. Das langte ihr, und sie war wieder bei uns zu Hause.
Es gab einmal eine Zeit vor Weihnachten, da verschwand sie öfter für einige Stunden in der Stadt und keiner wusste weshalb. Vater fragte sie, aber sie machte Ausflüchte. Man merkte ihm an, dass er eifersüchtig wurde. Aber dann kam das Weihnachtsfest, und sie überraschte ihn mit einem Paar selbstgefertigter Pantoffeln. Die Sohle war aus alten Stoffresten geflochten und die Zöpfe zusammengenäht. Sie hatte während der Zeit ihrer heimlichen Abwesenheit einen Kursus für Pantoffelfertigen besucht, und wir trugen später alle selbstgefertigten Pantoffeln.
Wir waren jetzt acht Personen in der Familie und die Ernährungsfrage wurde immer problematischer. Seit dem 31. Januar 1915 gab es Brotmarken. Bald folgten Fett-, Fleisch- und Eierkarten. Drei Jahre später konnte man sich mit dem was es auf den Märkten gab, nicht mehr ernähren. Pro Kopf und Tag gab es 116g Brot, 18g Fleisch und 7g Fett.
Unser Brot holen wir von weither, in der Nähe unserer ersten Wohnung in der Lynyarstaße, wo wir noch den Bäcker kannten. Dazu nahmen wir unseren kleinen Leiterwagen und einen großen Sack. Mutter und wir beiden jungen zogen nun damit los. Einer von uns durfte sich immer in den Wagen setzen, nahm die Deichsel zwischen die Beine, und der andere musste schieben. Beim Bäcker angekommen, packten wir die Brote in den Sack, 8 Stück, so viel wie wir Marken hatten und ein Neuntes sowie eine Tüte Schrippen bekamen wir ohne Marken dazu. Die Kunden im Laden bekamen immer Runde Augen, wenn wir mit unserem Sack voll Brot loszogen.
Der Hunger aber wurde immer größer. Es gab ein Esskasino auf unserer Fabrik. Dort durften wir Kinder oft das übriggebliebene Essen einsammeln, angeblich für unser Vieh zu Hause, aber das meiste aßen wir selber.
Großmutter zog oft mit uns los, auf dem Handwagen eine Wanne und ab ging es nach Haselhorst. Am Wegrand wuchs viel Melde, die pflückten wir und taten sie in die Wanne. Zu Hause gab es dann tagelang Meldespinat. Ich konnte hinterher jahrelang keinen Spinat mehr essen.
Der Winter 1917 war einer der härtesten. Die Kartoffeln waren zum größten Teil erfroren oder es gab erstmal gar keine. das Einzige, was es gab waren Kohlrüben. Mit Gänsefleisch gekocht, sind Kohlrüben ein leckeres Essen. Leider gab es keine Gänse und so wurden die Kohlrüben in Wasser gekocht, mit Salz abgeschmeckt und mittags und abends vorgesetzt. Tagelang hintereinander. Dieser Kriegsabschnitt ist in die Geschichte als „Kohlrübenwinter“ eingegangen.
Vater saß zu dieser Zeit in der Pförtnerloge am Eingang der Gewehrfabrik am Pulvergraben. er war es gewohnt, dass ihm morgens das Frühstück mit einer Flasche Kaffee gebracht wurde. Der Bote war meistens ich. Als mich Großmutter eines Morgens weckte, war mir der Kopf merkwürdig schwer, aber ich sagte nichts. Sie packte mir das Frühstück für Vater ein, und ich trabte los. Als ich im Pförtnerhaus ankam, setzte ich mich neben den Kanonenofen und fror trotzdem. Ich mußte ja warten, bis Vater mit dem Frühstück fertig war, damit ich die Sachen wieder mitnehmen konnte. Vater saht mich an, und sagte: „Du hast ja Fieber, Junge, geht man sofort nach Hause und laß dich von Großmutter ins Bett stecken.“ Ich ging also los und bei jedem Schritt war mir, als schlüge mir jemand mit einem Hammer auf den Kopf.
Großmutter schimpfte zu Hause mit mir: „Du Lorbaß, hättest du doch etwas gesagt, dann hättest du doch nicht zu gehen brauchen.“ Zwei Tag lag ich mit hohem Fieber und ohne Besinnung im Bett. Als ich aufwachte, saß Mutter neben mir. „Nun ist alles gut“ sagte sie, „die Krisis hast du überwunden“
Ich fragte sie, was denn heute für ein Wochentag wäre. Sie sagte es wäre Donnerstag. Da wußte ich, dass ich zwei Tage nicht bei mir gewesen war. Tausende von Menschen starben während dieser großen Grippeepidemie ["Spanische Grippe"] in Deutschland.
Links neben unserem Wohnhaus befand sich ein großer Hof, der von niedrigen Lagerhäusern umschlossen war. Hiervon bekamen wir ein paar Quadratmeter zugeteilt, die Vater für den Bau eines Ziegenstalles verwenden wollte. Er hatte schon Steine anfahren lassen und mit zwei Maurern Kontakt aufgenommen, die eines Morgens in die Hände spuckten und anfingen die Steiner übereinander zu schichten. Die Mauer war gerade einen halben Meter hoch, da kam Hauptmann Mischke herbeigestürzt. Er wohnte im 1. Stock neben Oberleutnant Martiensen, der die Wohnung über uns innehatte. „Herr Kinder, Sie dürfen hier nicht bauen, das ist verboten. Dazu brauchen Sie eine Baugenehmigung.“ Vater sah das zwar nicht ein, aber alles mußte wieder abgerissen werden.
Gegen einen Stall aus Holz war aber nichts einzuwenden. Vater machte sich nun selber an die Arbeit, besorgte Balken und Bretter und in Kürze stand ein Holzstall da, doppelwandig und mit Papier aus dem Reißwolf als Wärmedämmung ausgefüttert. Eine Ziege hielt Einzug, die wir nun jedes Jahr zum Bock führen mußten, damit wir immer unsere Milch hatten.
Die Ernährung war gesichert. Im Sommer nach unserem Einzug hatte Vater in Haselhorst ein freies Feld gepachtet und ein Stückchen dahinter ein Stück Wiese, auf der das Heu für unsere Ziege gewonnen wurde. Das Feld lag in der Nähe des „Alten Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal“ am heutigen Haselhorster Damm.
Onkel Max hatte das Feld daneben genommen. Zuerst wurde ein Zaun herumgezogen, eine Pumpe gegraben und eine Laube gebaut. Sie entstand innerhalb von zwei Tagen. Wir Kinder bekamen eine Schaukel, die Herbert und ich sofort ausprobierten. Ich saß und Herbert stand auf dem Schaukelbrett. Als wir genug hatten, hatte ich es auch. Alles was mein Magen hergab brach aus mir heraus. Es war das erste Mal, dass ich merkte, dass ich Schaukeln nicht vertrug. Dieses Leiden umfaßte später außer jeder Art von Schaukel, auch Karussellfahrten, Rundtanz, sowie längere Straßen- und Eisenbahnfahrten. Erst 15 Jahre später besserte sich das.
Hauptmann Mischke hatte am Ende unserer Straße, ca. 300 Meter entfernt, einen Garten, der sich bis an die Mauer zur Pulverfabrik erstreckte. Ein Grenzzaun wurde gezogen und unser neuer Garten bildete nun ein sogenanntes Hammergrundstück. Ein Haus vor der Pulverfabrik engte den Garten nach dem Eingang auf ca. 3 Meter ein und erst der hintere Teil ergab das richtige Gartengrundstück. Um dorthin zu gelangen, mussten wir erst um eine Reihe von Fabrikhallen und Bürohäuser laufen. Vorne am Eingang stand ein großer Walnussbaum, der uns bei der Ernte so gelbe Finger bescherte, dass wir die Farbe 14 Tage lang nicht abbekamen. In der Mitte des Gartens stand eine Sauerkirsche, links davon eine Süßkirsche, deren Äste über den Zaun zu Hauptmann Mischke reichten und deren Ernte wir uns mit ihm teilen mussten. In der Ecke an der Mauer befand sich eine offene, kleine Sommerlaube, in der wir oft saßen und Kaffee tranken. Überhaupt der Kaffee! Onkel Ferdinand aus Bergau schickte uns hin und wieder Pakete, schon seiner Mutter wegen. Diese enthielten, neben anderen guten, bäuerlichen Sachen, auch manchmal ein Säckchen Gerste. Diese wurde in der Pfanne geröstet, dann gemahlen und wir hatten unseren Kaffee! War auch dieser ausgegangen, gingen wir in ein kleines Eichenwäldchen bei Haselhorst und sammelten Eicheln. Diese wurden auch geröstet und gemahlen, und wir tranken dann einen Kaffee, der dermaßen bitter war, dass es kein reiner Genuß war. Zucker hatten wir nicht und die Ziegenmilch dazu verbesserte den Geschmack nicht wesentlich.
Das zweite Kriegsjahr 1916 war angebrochen, Ostern war vorbei und meine Einschulung nahte. Unsere Volksschule befand sich am Ende des Lindenufers, in der Mauerstraße. Der Schulhof grenzte an den Mühlengraben. Die Schule teilte sich links in die Knaben- und rechts in die Mädchenschule, in die zwei Jahre später Hilla einzog. Unser Lehrer hieß Ramin, und brachte uns die Grundlagen von Schreiben, Lesen und Rechnen bei. Religion gab er auch noch. Als wir die Kreuzigungsgeschichte durchnahmen, sagte er zu uns: „Wenn ihr einmal auf dem Sterbebett liegt, dann faltet die Hände und betet: „Vater, mein Geist befehlige ich in deine Hände!“ Wir waren aber noch zu jung, um seinen Worten die richtige Bedeutung beizumessen.
Etwas anderes machte uns mehr Freude. Deutschland siegte vorläufig immer noch und nach dem Sieg bekamen wir schulfrei. Der 2. September war sowieso schulfrei, weil er immer noch nationaler Feiertag war. An diesem Tag wurde der Schlacht von Sedan gedacht, in der die französische Armee unter Napoleon III. entscheidend geschlagen wurde.
Es war üblich, daß die Kinder an diesem Tag Feuerwerkskörper abbrannten. Bruder Herbert steckte zu diesem Zweck eine Reihe von Schwärmern, die alle miteinander mit einer Zündschnur verbunden waren, in einem Sandhaufen. Dann wurde die Lunte gezündet, und wir freuen uns, wenn einer nach dem anderen krachte.
Eines Tages stand auf dem Flur unserer Schule eine große Tafel, auf der ein eisernes Kreuz vorgezeichnet war. Dies sollte nun mit eisernen Nägeln mit großen schwarzen Köpfen und Messingnägeln mit gelben Köpfen benagelt werden. Jeder schwarze Nagel, den man selber einschlagen durfte, und jeder gelbe Nagel kostete 10 bzw. 30 Pfenning. Dies war als Beihilfe der Bevölkerung für die enormen Kriegskosten gedacht. Viermal bekamen wir große bunte Bogen mit nach Haus, die zur Zahlung der ersten bis vierten Kriegsanleihe aufforderten.
Die Rohstoffe wurden immer knapper. Auf der Straße sah man Dreiräder-Kastenwagen, die als Fahrrad mit der Pedale bewegt wurden. Aber diese hatten keine Gummibereifung mehr, sondern die Felgen waren mit einem Reifen bestückt, der ringsum aus Spiralfedern bestand. Wenn diese über Kopfsteinpflaster fuhren, machten sie einen ungeheuren Krach.
Trotz aller Not verlebten wir eine schöne Jugendzeit auf unserer Fabrik. Mit dem Boot konnten wir auf dem Wasser rudern bis zur Insel Eiswerder. Einmal, als es sehr stürmisch war, ruderten wir mit vier Mann gegen den Wind, spannten dann einen Regenschirm auf und segelten nun mit großer Geschwindigkeit ohne Kraftanstrengung die geruderte Strecke zurück.
Vor unserem Haus wurden Patronenkosten für MG-Munition drei Meter hoch gelagert. Für uns eine herrliche Gelegenheit auf diesen Kisten herauszuklettern und uns durch Umstapeln Wohnungen zu bauen.
Auf einem anderen Platz lag ein großer Haufen Maschinengewehre und daneben Lafetten. Wir montierten die MG’s auf die Lafetten und spielten Krieg. Wenn man einen Hebel zurücklegte, dann war der Zündbolzen gespannt. Betätigte man anschließend den Abzug, dann löste man den Schlagbolzen.
Auf einem anderen Haufen lagen Fahrräder ohne Bereifung, mit denen wir, so gut wir konnten, im Kreise herumfahren. Am Sonntag, wenn die Arbeit ruhte, streiften wir durch die Fabrik, fanden offene Türen und durchstreiften die Hallen.
Hilla und ich, wir waren oft unterwegs auf der Fabrik. Eines Tages fanden wir eine offene Halle, in der Maschinenteile abgestellte waren. Darunter auch große grußeiserne Räder zum Antrieb einer Transmissionswelle. Was lag näher, als eines dieser Räder von ca. ein Meter Durchmesser in der Halle herumzurollen. Dabei geriet das Rad ins Trudeln, ich versuchte es zu halten und kam dabei darunter zu liegen. Das Rad war zu schwer, um mich allein befreien zu können und Hilla war dazu noch zu klein. Aber sie lief nach draußen, holte einen Arbeiter, der mich darunter hervorzog und uns davonjagte.
In unserer Fabrik waren wir ein kleiner Freundeskreis. Er bestand aus dem Hauptmannssohn Bernd Mischke, der in Herberts Alter war, aus dem gleichaltrigen Walter Hermann, dessen Eltern ein kleines Haus auf der zweiten Halbinsel bewohnten, die durch die Schleusenkanäle gebildet wurde. Sein jüngerer Bruder Gerhard war in seinem Alter.
Ganz ohne Gefahren waren unsere Spiele dennoch nicht. Bernd und ich hatten unser Boot vom Steg losgemacht, und vergnügten uns damit, ein kurzes Brett ins Wasser zu stoßen, und freuten uns, wenn das wieder hochgeschossen kam. Bernd am Heck und ich an einer Seite des Bootes. Aber einmal konnte ich das Brett nicht mehr greifen. Ich beugte mich weit heraus und verschwand lautlos kopfüber im Wasser. Bernd merkte nichts davon und stakte munter weiter. Ich ruderte unter Wasser mit meinen Armen und ergriff plötzlich ein Holz. Bernd wunderte sich, daß das Holz nicht mehr hochkam, zog und am anderen Ende hing ich dran. Großmutter schimpfte, zog mir trockene Sachen an, und ich saß in der Küche und spuckte dauernd das geschluckte Wasser in einen Eimer.
Hermanns hatten im ersten Stock ihres Hauses einen Untermieter. Diesem stibitzte Walter eines Tages eine angefangene Schachtel Zigarette. Wir beide versteckten uns auf deinem Schuppendach, das mit einem niedrigen Absatz an eine Mauer stieß. Wir begannen zu rauchen, zogen und pafften, zogen und pafften. War eine Zigarette zu Ende, wurde die nächste damit angesteckt. Es müssen an die sechs bis sieben Zigaretten gewesen sein, die wir hintereinander geraucht hatten, als ich eine unvorsichtige Bewegung machte und der Rest der Zigaretten zwischen Mauer und Schuppendach fiel. Mir war das egal, denn mein Kopf begann zu schmerzen. Wir trennten uns, ich ging nach Hause. „Mama, mir ist ja so schlecht“ sagte ich, hielt meinen Kopf über den Ausguß und brach, was das Zeug hielt. Es stank fürchterlich nach Nikotin, aber Mutter merkte gottseidank nichts. Erst später wußte ich, daß ich dicht an einer Nikotinvergiftung vorbeigekommen war.
Die Winter während unserer Fabrikzeit waren meistens so kalt, daß die Havel vor unserem Haus zufror. Hin und wieder brach ein Eisbrecher eine Fahrrinne, die aber bald wieder zufror. Unsere Eltern hatten uns Schlittschuhe gekauft, sogenannte „Holländer“ mit rundem Vorderteil. Damit fuhren wir oft auf der zugefrorenen Havel. Einen kleinen eiserenen Schlitten hatten wir auch. Wir machten uns dazu zwei Pieken, d.h. Stöcker, die wir an einer Seite mit einem Nagel versahen. Ohne daß jetzt einer schieben mußte, konnten wir auf dem Eis herumstaken. Dabei mußten wir aber vorsichtig sein, denn an verschiedenen Stellen gab es Abflußrohre, die warmes Abwasser in die Havel leiteten. In der Nähe dieser Rohre war die Eisschicht meistens sehr dünn, was man aber nicht erkennen konnte.
Es kam der 21. Februar 1917. Großmutter feierte am nächsten Tag ihren 72. Geburtstag. „Kinder,“ sagte unsere Mutter zu uns beiden Jungen, „ihr geht jetzt in die Stadt und besorgt für Großmutter einen Blumentopf.“ Draußen lag Schnee und es war kalt. Sie zog uns warm an, gab uns Geld und wir wollten gehen. In dem Moment klopfte es und Walter mit seinem Bruder Gerhard stand in der Tür. „Kommt ihr mit auf die Havel zu Schlittenfahren?“ fragte Walter. Gerne wären wir mit ihnen gegangen, aber unser Auftrag hielt uns davon ab. „Vielleicht können wir noch zusammenfahren, wenn wir wiederkommen, jetzt müssen wir in die Stadt“ sagten wir. „Schade,“ sagte Walter „dann fahren wir jetzt erstmal allein.“ Wir gingen zusammen los, und trennten uns vor ihrem Haus. Zwei Stunden später waren wir wieder daheim. Mutter kam uns mit verstörtem Gesicht entgegen und schloß uns in die Arme. Das waren wir nicht gewöhnt.
„Was ist denn los?“ wollten wir wissen. Und dann erfuhren wir eine schreckliche Geschichte. Unsere beiden Freunde waren mit ihrem Schlitten, auf dem sie beide saßen, und sich mit ihren Stakstöcken fortbewegten, auf eines dieser überfrorenen Warmstellen gekommen und dort eingebrochen. Walter konnte sich an der Eisdecke festhalten und wurde auf seine Hilferufe hin gerettet. Gerhard war unter das Eis geraten und konnte nur noch tot geborgen werden. Uns fuhr ein Schreck durch die Glieder. Waren wir doch durch unseren Stadtbesuch wahrscheinlich dem Tode entgangen.
Ein paar Tage später sollte mein Freund Gerhard beerdigt werden. Vater, Mutter und Herbert gingen mit. Hilla war noch zu klein, aber ich wollte unbedingt auch mit. Mutter sagte „nein“ und blieb hart. Ich fing an zu heulen, als sie gingen und beschloss so lange zu weinen, bis sie alle von der Beerdigung zurückgekommen waren. Ich stand also mit dem Rücken zu Küchentür, die ja nach draußen führte und weinte herzzerreißend. Großmutter kümmerte sich nicht darum und überließ mich meinem Schicksal. Mit der Zeit fiel mir das Weinen aber immer schwerer und schließlich kam trotz aller Anstrengung keine Tränen mehr. Ich musste aufgeben.
Zu Weihnachten bekam ich ein Geschenk, dass mir große Freude bereitete, eine Handharmonika. Eine einfache zwar nur, mit einer Reihe von Knöpfen auf der rechten Spielseite und auf der linken mit 3 Bassknöpfen und einem Luftknopf. Im Gegensatz zu den heutigen Akkordeons, die es damals noch nicht gab, funktioniert dieses Instrument wie eine Mundharmonika, das heißt beim Ziehen und Drücken des Balgens erklingt ein anderer Ton. Ich übte fleißig und konnte bald einfache Lieder damit spielen. Bloß mit den Baßknöpfen gleichzeitig dazu kam ich nicht zurecht. Aber das tat meiner Freude keinen Abbruch.
