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Fynn hätte niemals damit gerechnet, zum Hochzeitscrasher zu werden. Und das ausgerechnet bei der Trauung von Aaron, dem besten Freund seines Bruders Julius. Aaron, in den Fynn seit Jahren heimlich verliebt ist und der ihm verdammt offen zeigt, dass er ihn nicht ausstehen kann... Aber damit noch nicht genug, befindet Fynn sich plötzlich auf einer Art Hochzeitsreise mit ihm. Ohne Geld und Handy ist er abhängig von dem Mann, der ihn zweifellos für den misslungenen Scherz bestrafen will, denn Aarons Reise führt zum Brocken, dem höchsten Berg im Harz. Fynn hasst Wandern, doch auf den Wegen inmitten der sagenumwobenen und mystischen Bergwildnis des Harzes, umgeben von bizarren Felsen und traumhaften Sonnenaufgängen offenbaren sich unerwartete Geheimnisse...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Erkennungszeichen: Brautkleid
Von Karo Stein
Buchbeschreibung:
Fynn hätte niemals damit gerechnet, zum Hochzeitscrasher zu werden. Und das ausgerechnet bei der Trauung von Aaron, dem besten Freund seines Bruders Julius.
Aaron, in den Fynn seit Jahren heimlich verliebt ist und der ihm verdammt offen zeigt, dass er ihn nicht ausstehen kann...
Aber damit noch nicht genug, befindet Fynn sich plötzlich auf einer Art Hochzeitsreise mit ihm. Ohne Geld und Handy ist er abhängig von dem Mann, der ihn zweifellos für den misslungenen Scherz bestrafen will, denn Aarons Reise führt zum Brocken, dem höchsten Berg im Harz. Fynn hasst Wandern, doch auf den Wegen inmitten der sagenumwobenen und mystischen Bergwildnis des Harzes, umgeben von bizarren Felsen und traumhaften Sonnenaufgängen offenbaren sich unerwartete Geheimnisse...
Erkennungszeichen: Brautkleid
Von Karo Stein
Karo Stein
Johann Sebastian Bach Straße 38
06484 Quedlinburg
Korrektur: Sissi Kaipurgay
Cover: K. Funke via Bookbrush
deposithphotos.com: 116727636 Elegant handsome man in white costume outdoor
@ innervision
Telefon: 01728779111
www.karostein.de
Sämtliche Personen dieser Geschichten sind frei erfunden und Ähnlichkeiten daher nur zufällig.
Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodells aus.
Im wahren Leben gilt: Safer Sex.
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1. Auflage, 2024
© 2024 Karo Stein – alle Rechte vorbehalten.
Karo Stein
Johann Sebastian Bach Straße 38
06484 Quedlinburg
www.karostein.de
Für Claudia, die Königin!
Kapitel 1
»Ich habe es mir anders überlegt. Aaron wird es nicht witzig finden. Ich will keinen Ärger mit ihm. Schon gar nicht an seinem Hochzeitstag.«
»Es ist witzig« Mein Bruder schaut mich mit einem breiten Grinsen an. »Glaub mir, Aaron wird sich schlapp lachen. Das ist genau, was er braucht. Er ist total nervös.«
»Nein, das ist idiotisch«, erwidere ich und betrachte das weiße Hochzeitskleid, das Julius in der Hand hält. »Ich ziehe das nicht an.« Hilfesuchend wende ich mich an Clyde, der am Knoten seiner Krawatte zerrt, als würde er jeden Moment ersticken.
»Es könnte witzig sein«, behauptet er und zuckt mit den Schultern.
»Eher bescheuert«, brummle ich. »Warum zieht es nicht einer von euch an?«
»Komm schon, Fynn. Du hast bei den Videos auch gelacht. Weshalb sollte es real anders sein? Ich wette, Aarons Gesicht ist zum Schießen, wenn er dich in dem Brautkleid sieht.«
»Oder er bringt mich um. Du solltest es anziehen. Du bist sein bester Freund. Mich kann er nicht mal besonders gut leiden. Ich bin doch nur dein nerviger Bruder.«
»Immerhin bist du sein Trauzeuge.«
»Vermutlich hast du ihn gezwungen. Dabei sind wir längst erwachsen. Ich ...« Ich halte inne und seufze frustriert. »Clyde, was ist mit dir? Du bist schließlich auch sein Trauzeuge. Bei einem von euch würde es einfach viel lustiger wirken. Wahrscheinlich denkt er bei mir, dass ich ihn irgendwie anmachen will.«
Ich hoffe, sie erkennen die Panik in meinem Blick und verwerfen diese unsinnige Idee doch noch. Ich weiß gar nicht, weshalb ich mich darauf eingelassen habe. Wir wissen alle, dass Aaron im Grunde nichts, was ich tue, witzig findet. Er hält mich schon seit zwanzig Jahren für eine Nervkröte. Ihm diesen besonderen Hochzeitsmoment zu verderben, wäre quasi die Kirsche auf dem Scheißhaufen.
»Ich ziehe das Kleid nicht an.« Clydes Stimme klingt fest und unumstößlich. »Du bist auch der Einzige, der hineinpasst.«
Leider hat er recht. Julius und Clyde sind deutlich breiter und muskulöser als ich.
»Aber ist das nicht gerade das, was so witzig an den Videos ist? Die Kerle passen nicht in das Brautkleid. Wir könnten es auch einfach sein lassen.« Ich schaue meinen Bruder flehend an. Bisher hat er immer zu mir gehalten, mich beschützt, obwohl ich älter bin. Ich verstehe nicht, weshalb er diesen Unsinn unbedingt durchziehen will.
Clyde und Julius erwidern den Blick mit einem Anflug von Zweifeln. Vielleicht habe ich doch das richtige Argument gefunden, um die beiden von der bescheuerten Idee abzubringen. Ich will diesen Scherz nicht mitmachen, auch wenn die Reaktionen der Männer in den Videos witzig waren.
Ich glaube nicht daran, dass Aaron es amüsant findet, denn er mag mich nicht. Ich bin der Halbbruder seines besten Freundes. Er hat mich schon immer wie eine eklige Kakerlake behandelt, dabei habe ich es nie darauf angelegt, mit ihm befreundet zu sein.
Ich kann nichts dafür, dass ich drei Jahre älter bin und meine Eltern mir eine Art Aufpasserstatus angedacht hatten. Wobei ich inzwischen begriffen habe, dass ich weniger die Aufsicht über meinen Bruder hatte. Vielmehr sollte er auf mich achtgeben. Nur wegen dieser Sache ...
Es war nicht toll, meinen kleinen Bruder und seine Freunde in der Gegend rumzufahren, sie abzuholen oder mit ihnen durch die Clubs zu ziehen. Heteroclubs, in denen ich mich total unwohl gefühlt habe. Und das alles nur, weil ich ein Außenseiter war. Jemand, der in der Schule gemobbt wurde und der es selbst als Erwachsener nicht geschafft hat, eigene Freunde zu finden, sodass ich mit 28 immer noch mit den Kumpels meines Bruders abhänge. Es ist erbärmlich, vermutlich passt die Sache mit dem Hochzeitskleid perfekt zu mir ...
Ich bin zwar älter, aber Julius ist fünfzehn Zentimeter größer und wiegt mindestens 20 Kilo mehr. Reine Muskelmasse, kein Fett. So, wie auch Aaron. Sie arbeiten in der Hochbaufirma von Aarons Vater, verbringen jede freie Minute im Fitnessclub, probieren jeden verdammten Trendsport aus und brauchen ständig einen neuen Adrenalinkick.
Ich sitze knapp neun Stunden im Büro und bereite Statistiken für ein renommiertes Versicherungsunternehmen auf. In meiner Freizeit lese ich, spiele mittelmäßig Geige, beobachte meine Fische im Aquarium oder verbringe Zeit an meinen Konsolen. Um mich fit zu halten, fahre ich Fahrrad, allerdings habe ich mir vor zwei Monaten ein E-Bike gekauft und setze mich seitdem Julius‘ Spott aus. Die Strecke bis zum Büro könnte ich problemlos mit dem Rad zurücklegen, aber ich lande doch immer wieder in meinem Auto, und zwar mit den fadenscheinigsten Ausreden. Dafür habe ich schon ein paar größere Touren an den Wochenenden unternommen ... Okay, sie waren nicht lang genug, um die Ladung des Akkus an die Grenzen zu bringen.
»Was?«, frage ich, als mir auffällt, dass mich alle anstarren.
Offenbar bin ich mit meinen Gedanken abgedriftet und habe gar nicht mitbekommen, worüber sie inzwischen geredet haben. Hoffentlich haben sie eine Entscheidung gegen den Brautkleidscherz getroffen.
»Du warst schon wieder vollkommen in Gedanken versunken.« Mein Bruder kennt mich zu gut. »Worüber denkst du nur die ganze Zeit nach?« Er rubbelt mit einer Faust über meinen Kopf und zerstört so meine sorgsam gekämmte Frisur.
»Hör auf damit«, schimpfe ich und bringe ihn zum Lachen. Dass ich gestern beim Friseur beinahe einhundert Euro ausgegeben habe, interessiert ihn nicht.
»Hast du die ganze Zeit über deine Haare nachgedacht?«, fragt er prompt.
»Verarsch mich nicht«, grummle ich und versuche, mich aus seinen Fängen zu befreien. »Du sorgst gerade dafür, dass ich ein bescheuertes Nest auf dem Kopf habe. Damit gehe ich ganz bestimmt nicht zur Trauung. Weshalb wollte Aaron überhaupt, dass ich sein Trauzeuge bin? Er will doch in Wahrheit nicht, dass ich dabei bin.«
»Das stimmt nicht.« Julius lässt mich endlich los und bemüht sich, meine Haare wieder in Form zu zupfen. Ich befürchte, dass er es schlimmer macht und bringe mich vor ihm in Sicherheit. »Du gehörst doch dazu.«
»Komm schon, Julius!« Ich verdrehe genervt die Augen. »Ihr habt mich nur geduldet, weil Mama es wollte. Ich denke, diese Zeit ist jedoch längst vorbei. Was solll das also?«
»Glaubst du wirklich, Aaron hätte dich gefragt, wenn er es nicht so gemeint hätte? Klar war es nicht immer einfach, dass mein großer kleiner Bruder uns überall hin begleiten sollte, aber das liegt doch schon Jahre zurück.«
»Schwul hast du vergessen«, knurre ich ungehalten.
»Das war doch nie ein Problem für uns. Clyde ist doch auch Aarons Freund.«
»Tja, er sieht auch nicht aus wie ich ...«
»Hör auf, dir so einen Unsinn einzureden«, unterbricht mich Clyde.
Er ist erst seit knapp zwei Jahren mit Aaron und Julius und zwangsläufig mit mir befreundet. Sie haben sich im Gym kennengelernt. Clyde hat es schnell in den inneren Kreis geschafft. Seine Sexualität hat nie eine Rolle gespielt. Eine Weile dachte ich, er wäre endlich ein Freund für mich, aber da bin ich auf meine eigenen Vorurteile hereingefallen. Die gleiche sexuelle Orientierung macht noch lange keine Liebe. Um ehrlich zu sein: Mein Herz ist überhaupt nicht frei für Clyde oder irgendeinen anderen Mann.
»Dann zieht ihr doch dieses verdammte Kleid an.« Meine Stimme wird lauter als beabsichtigt. Frustriert presse ich die Lippen zusammen.
»Okay, dann mach ich es eben.« Mein Bruder schält sich prompt aus seinem Anzug.
Die Erleichterung hält nicht mal fünf Minuten, dann muss ich erkennen, dass er zu breit für das Kleid ist, das er sich bei einer Freundin geliehen hat. Er bekommt es, wegen der Meerjungfrauenform, gar nicht über die Oberschenkel, während die Nähte verdächtige Geräusche von sich geben.
»Ach, verdammt«, murre ich. »Ihr verarscht mich doch.«
»Okay, dann vergessen wir die Sache. Immerhin haben wir noch ein paar lustige Spiele für die Feier.«
Ich verstehe nicht, weshalb ich es nicht dabei belasse. Es ist doch genau das, was ich will.
»Ich ziehe es ja an«, sage ich, schnappe mir den weißen Berg aus Tüll und Spitze und atme tief durch.
Julius hat inzwischen wieder seinen Anzug an und grinst selbstgefällig. Ich befreie mich aus meinen Klamotten, schlüpfe in das Kleid, das mir wie angegossen passt. Verdammt!
»Wow, du siehst total heiß aus«, behauptet Clyde.
»Deinem Freund würde so ein Kleid bestimmt auch gut stehen«, erwidere ich sarkastisch.
»Ich glaube, ich würde umfallen, wenn Linus ... Oh Mann, darüber sollte ich wirklich nicht nachdenken.«
»Wäre es nicht an der Zeit für einen Heiratsantrag?«, erkundigt sich Julius.
»Wir haben bisher nicht übers Heiraten gesprochen«, entgegnet Clyde. »Es würde mir aber verdammt gut gefallen.«
»Dann mach ihm einen Antrag, aber jetzt geht es um Aaron. Also ... das wird ihn aus den Socken hauen. Ich wette, er kriegt sich vor Lachen nicht mehr ein.« Mein Bruder ist begeistert, während ich immer noch ein ungutes Gefühl habe.
»Vermutlich wird er mich verprügeln«, flüstere ich und schließe entsetzt die Augen.
»Er wird den Scherz genau so verstehen, wie wir ihn meinen und uns dankbar sein, dass wir die Anspannung ein wenig gelockert haben. Los gehts!«
»Ich will nicht, Julius«, jammere ich und raffe das Kleid, damit ich beim Laufen nicht über die vielen Stoffbahnen stürze.
»Jetzt hast du es an«, erwidert er schlicht. Clyde stimmt ihm zu.
»Clyde und ich gehen zu Aaron und lenken ihn ein bisschen ab, damit er dich nicht schon von Weitem sieht. Du tippst ihm auf die Schulter, er dreht sich um und dann bekommt er den Lachflash seines Lebens.«
»Oder den schlimmsten Wutanfall«, werfe ich unglücklich ein.
»Sei nicht so pessimistisch. Das wird gut. Vertrau deinem Bruder.«
Ich atme erneut tief durch und nicke, obwohl ich lieber weglaufen würde. Eine Scheißidee! Ich mache mich nicht nur vor Aaron, sondern vor der den Gästen zum Idioten. Natürlich zieht der Schwule ein Brautkleid an ... verdammt, das ist überhaupt nicht lustig.
»Julius«, flüstere ich und starre meinen Bruder mit Bettelblick an.
Er grinst und hält einen Daumen nach oben.
Zum Glück sind nur wenige Gäste zur Trauung geladen. Obwohl Aarons Vater der größte Bauunternehmer der Stadt ist und dementsprechend viele Kontakte hat, war er damit einverstanden, dass die Hochzeit in einem kleinen Rahmen bleibt. Ella hat im Grunde keine Verwandten. Sie wurde als Einzelkind von ihrer Mutter großgezogen.
Die meisten Gäste, wie zum Beispiel meine Eltern, kenne ich. Das macht es trotzdem nicht leichter. Mein Herz beginnt vor Aufregung schneller zu schlagen und meine Handflächen werden feucht. Das hier ist nicht richtig. Ich weiß, dass ich es bereuen werde. Ich hätte standhaft bleiben sollen, aber nun ist es zu spät.
Die standesamtliche Trauung findet im blauen Salon des Schlosses statt. Da Aarons Vater hervorragende Kontakte zur Stadtverwaltung pflegt, zu dem auch das Schlossmuseum gehört, hat er einen Raum für uns organisiert, in dem wir uns umziehen und bis zur Trauung aufhalten können. Er ist zwar nicht in meinen verrückten Überraschungsauftritt direkt eingeweiht, aber mein Bruder ist für ihn so etwas wie ein zweiter Sohn. Mich dagegen behandelt er, als würde er sich allein von meinem Anblick ein tödliches Virus einfangen. Da sind sich Vater und Sohn verdammt ähnlich, obwohl Aaron es zumindest erträgt, mit mir in einem Raum zu sein.
Was mache ich hier nur? Nach dieser Aktion werden die beiden mich vermutlich in die nächste Baugrube werfen und unter Beton begraben. Oh Shit!
Der Bräutigam wartet schon auf seine Braut, die mit einer weißen Limousine den Schlossberg hinaufgefahren wird. Vorher komme ich aus meinem Versteck und werde mich für Aaron zum Narren machen. Ich bin so ein Idiot.
Aaron steht mit dem Rücken zu mir, flankiert von Julius und Clyde. Die Gäste haben sich ebenfalls in Stellung gebracht. Alle warten auf die Braut ... es wird Zeit für meinen Auftritt.
Nervös nicke ich, als Julius winkt. Für einen Moment schließe ich die Augen, versuche, mir Mut zuzusprechen und setze mich mit zittrigen Beinen in Bewegung. Die hohen Mauern des Schlosses auf der einen Seite und des Doms auf der anderen werfen kühle Schatten. Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper. Die uralten, geschichtsträchtigen Steine erinnern mich an den Geruch in einer Gruft, kalt, nach Staub und Verfall, als würde ich zu meiner Hinrichtung gehen.
Ein Raunen und Kichern begleitet mich auf dem Weg zu Aaron. Ich versuche selbstbewusst zu grinsen, als würde ich voll hinter diesem blöden Scherz stehen und mich auf Aarons Reaktion freuen. Julius filmt mit seinem Smartphone. Hoffentlich wird es ebenso amüsant wie die kleinen Filme im Netz. Vielleicht sind sie auch nur gefakt und nichts davon ist real. Und wir sind so dämlich und machen es nach.
Jetzt gibt es leider kein Zurück, denn ich höre den Wagen, mit dem die echte Braut ankommt. Als ich an Aarons Eltern vorbeigehe, schaut mich sein Vater grimmig an. Für einen Moment erwarte ich, dass er mich packt und über die Schlossmauer wirft. Er rührt sich jedoch nicht, nur sein Blick durchbohrt mich mit Todesverachtung. Trotzdem gehe ich tapfer weiter, vertraue darauf, dass Justus seinen besten Freund kennt und dieses kleine Schauspiel nicht in einem Debakel endet. Irgendwo, tief in meinem Herzen, erfüllt sich eine absolut bescheuerte Fantasie. Aaron und ich ...
Mit zittrigen Fingern tippe ich auf Aarons Schulter. Er dreht sich um. Die Welt fällt aus der zeitlichen Achse, verlangsamt sich auf Zeitlupentempo. Aarons verwirrter Gesichtsausdruck ... dann das Erkennen ... und dann ...
Er lacht nicht. Seine Mundwinkel verziehen sich nicht mal zu einem Schmunzeln. Er ist sauer. In seinen Augen funkelt pure Wut. Ich höre die Leute um uns herum wie durch Watte lachen, doch Aarons Stimme ist klar und deutlich. Seine Anspannung kann ich spüren, die geballten Fäuste sehen ...
»Was soll der Scheiß?«, faucht er und kommt einen bedrohlichen Schritt näher. »Was trägst du da, du Freak? Findest du das witzig? Glaubst du, ich bin schwul und würde jemanden wie dich wollen? Vergiss es. Verpiss dich! Ich kann nicht glauben, dass du tatsächlich so einen Scheiß abziehst. Du bist dermaßen widerlich ...«
»Es ist ein Scherz!«, ruft Julius und drängt sich zwischen Aaron und mich.
Ich möchte mich am liebsten in Luft auflösen, wegrennen, aber ich kann mich nicht bewegen. Genau das, was ich erwartet habe, ist eingetroffen. Es ist sogar noch schlimmer, denn Aaron scheint sich gar nicht zu beruhigen. Seine Worte trommeln wie ein Platzregen auf mich ein, sind verletzend und heftiger, als mit Fäusten verprügelt zu werden.
Plötzlich steht Ella neben mir. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass die Limousine eingetroffen ist.
»Das ist cool«, sagt sie lachend.
Ich verstehe nicht, was sie meint und habe immer noch den Eindruck, in einer unrealistischen Zeitschleife zu hängen. Wie in diesem Buch, dass ich erst vor ein paar Tagen zu Ende gelesen habe. Mir fällt der Titel nicht ein, denn in meinem Kopf herrscht ein einziges Desaster. Wie durch einen Nebel erkenne ich, dass die Braut kein Kleid, sondern Jeans und ein hellblaues Shirt trägt.
»Hast du das eingefädelt?«, ruft Aaron und holt mich erneut in diese schreckliche Situation zurück. »Wolltest du mir irgendwas damit beweisen? Für so einen Scheiß habe ich echt keine Nerven.«
»Wieso regst du dich dermaßen auf?«, erkundigt sich Ella und scheint Mühe zu haben, ernst zu bleiben. »Fynn sieht bezaubernd aus.«
Das ist zu viel. Ich raffe erneut den Rock zusammen, drehe mich um und stolpere den Weg zurück. Auf die Rufe reagiere ich nicht, dafür hallt Aarons Geschrei weiterhin in meinen Ohren. So schnell ich kann, laufe ich ins Gebäude und ziehe ich mich um. Leider habe ich nur den weißen Anzug dabei, alle tragen weiß ... das ist das Motto der Hochzeit.
»Tut mir leid, Fynn.« Mein Bruder betritt den Raum. Er legt eine Hand auf meine Schulter. Ich schüttle sie ab.
»Verschwinde«, knurre ich, ohne ihn anzusehen.
»Echt, damit hatte ich nicht gerechnet. Sonst ist Aaron doch ...«
»Was?«, fauche ich und schlüpfe in meine Schuhe. »Ist dir bisher wirklich nicht aufgefallen, was für ein homophobes Arschloch dein bester Freund ist? Er behandelt mich doch schon seit Jahren wir Dreck, verachtet mich und ... und ...« Ich fuchtle wild mit den Armen, weil mir die Worte fehlen.
»So ist das doch gar nicht«, widerspricht Julius und macht mich damit noch wütender.
»Er ist wie die anderen. Wäre ich nicht dein Bruder, hätte er mich genau so gemobbt. Ich kann womöglich froh sein, dass er und sein Vater mich nicht verprügeln. Sicherlich hecken sie bereits einen Plan aus, um mir dieses Desaster heimzuzahlen. Pass nur auf, dass du nicht an einem Haus mit baust, unter dem dein Bruder begraben liegt.«
»Fynn, du übertreibst. Wir haben immer auf deiner Seite gestanden und dafür gesorgt, dass es dir gut geht. Okay, der Scherz ist nach hinten losgegangen, aber ich glaube, das liegt nicht an dir. Irgendwas läuft da gerade zwischen Ella und ihm schief. Ich habe keine Ahnung. Er hätte mit mir reden sollen.«
»Sie trägt kein Brautkleid«, stelle ich fest und verharre einen Moment, ehe ich das Jackett über meine Schulter werfe und zur Tür gehe.
»Wo willst du denn jetzt hin?«, fragt mein Bruder und hält mich am Arm fest. »Die Hochzeit ...«
»... wird ohne mich stattfinden. Oder auch nicht. Ist dir aufgefallen, dass Ella kein Kleid trägt?« Ich schaue ihn stirnrunzelnd an, aber Julius scheint die Tatsache zu ignorieren.
»Sie werden das schon klären, aber wie willst du nach Hause kommen?«, erkundigt Julius sich. Seine Mundwinkel zucken.
»Verdammt.« Ich bleibe unschlüssig stehen. Wir sind zusammen zum Schloss gefahren. Meine Wohnung befindet sich am anderen Ende der Stadt.
»Wandern wäre eine Option.«
»Wandern«, wiederhole ich seufzend. »Du weißt genau, wie sehr ich es hasse. Gerade verfluche ich echt mein Leben. Wieso gerate ich immer wieder in solche dämlichen Situationen? Und du findest das auch noch witzig.«
Mein Herz hämmert weiterhin wie verrückt. Ich zittere am ganzen Körper. Mir ist schlecht und ich fühle mich furchtbar verloren. Außerdem sind diese dämlichen neuen Schuhe viel zu unbequem, um damit quer durch die Stadt zu laufen.
»Wenn du wirklich nicht mitkommen willst, dann warte doch im Auto auf mich. Es tut mir echt leid. War offenbar doch eine blöde Idee, aber ich verstehe nicht, weshalb Aaron so überreagiert.«
»Weil er mich hasst«, nuschle ich. »Egal, ich warte in deinem Wagen, aber du fährst mich nach der Trauung zuerst nach Hause.«
»Versprochen.« Julius zieht mich in seine Arme. »Tut mir schrecklich leid.«
»Schon gut«, erwidere ich mit einem halbherzigen Lächeln. Julius ist mein Bruder. Ich kann nicht sauer auf ihn sein. Er war bisher stets der Held in meinem armseligen Leben.
Gedankenversunken mache ich mich auf den Weg. Zum Glück steht die Hochzeitsgesellschaft nicht mehr vor der Tür, sodass ich ungesehen über den kleinen Schlossplatz flitzen kann. Ich halte den Blick auf die unebenen Pflastersteine gesenkt und frage mich, wie viel Drama sie schon im Laufe der Geschichte mitbekommen haben. Vermutlich war das heute keineswegs das Schlimmste, bei all den Kriegen und Schlachten oder als die Nazis diesen Ort für sich und ihre Ideologie vereinnahmt haben. Das überdimensionale Hakenkreuz lässt sich immer noch im Inneren des Doms erahnen. Damals hatte jemand wie ich kaum eine Überlebenschance. Ich sollte mehr als froh sein, in der heutigen Zeit zu leben, anstatt mich in meinem Elend zu suhlen.
Die beiden schwarzen Audi von Julius und Aaron stehen auf dem kleinen Parkplatz, der eigentlich für Mitarbeiter des Museums reserviert ist. Auch hier hat Aarons Vater seine Kontakte spielen lassen, damit wir für die Zeit der Trauung hier oben parken dürfen. Wie immer hat Julius sein Auto nicht verriegelt. Ich öffne die hintere Tür und klettere ins Innere des Wagens. Erleichtert lasse ich mich auf das dunkle Polster fallen und schlage die Hände vor mein Gesicht.
»So ein verdammter Mist.«
Die Auswirkungen dessen, was passiert ist, sind gravierender als Julius oder Clyde vermuten. Die Wahrheit ist, dass ich schon seit einigen Jahren in Aaron verknallt bin. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es mich erwischt hat, aber plötzlich war der beste Freund meines Bruders ständig in meinen Gedanken. Dass er heute heiratet, bricht mir das Herz, obwohl ich keine Chance bei ihm habe. Vielleicht wollte ich ihm zeigen, was ihm entgeht oder mir selbst beweisen, dass ich ein Idiot bin.
»So dumm«, knurre ich und lasse mich zur Seite fallen.
Erschöpft schließe ich die Augen. Nur langsam beruhigt sich mein Herzschlag, dafür zieht sich mein Brustkorb schmerzhaft zusammen, wenn ich daran denke, dass Aaron jetzt Ella heiratet. Ella, die nicht im Brautkleid ankam ...
Er ist nicht an Männern interessiert. Schon gar nicht an mir, trotzdem ...
Meine Fantasie lässt es sich nicht nehmen, mir vorzugaukeln, wie es wäre, wenn ich in diesem albernen Kleid neben ihm vor dem Standesbeamten gestanden hätte.
»Willst du Fynn zu deinem Ehemann nehmen?«
»Ja, ich will« Aarons blaue Augen, die wie Saphire leuchten, schauen mich voller Liebe an.
»Dann dürft ihr euch nun küssen.«
Mit der kitschigen und überaus realitätsfernen Vorstellung von seinen Lippen auf meinen schlafe ich ein.
Kapitel 2
Ich werde hin und her geschleudert, als säße ich in einer Achterbahn kurz vor dem großen Looping. Mir ist schwindlig und mein Magen ist auch nicht begeistert, dermaßen herum zu schlingern.
Verwirrt öffne ich die Augen und sehe ... nichts. Es ist stockdunkel, was mich zusätzlich irritiert. Dann wird mir bewusst, dass ich die Decke, die auf der Rückbank lag, über meinen Kopf gezogen habe. Ich höre zwei laute Stimmen, die sich ein Wortgefecht liefern und horche. Julius‘ Stimme kommt eindeutig aus der Freisprechanlage eines Handys, die andere jedoch ... Oh, bitte nicht. Bitte, ich kann unmöglich ins falsche Auto eingestiegen sein. Weshalb mussten sie sich unbedingt diese Zwillingskarren kaufen? Das darf nicht Aaron am Steuer sein ... Aaron? Wieso fährt er wie ein Verrückter in der Gegend herum?
Vorsichtig schiebe ich die Decke ein Stück weg. Es ist zumindest hell, was im Sommer ja leider nur wenig Aufschluss über die Uhrzeit gibt.
»Es ist kindisch, einfach abzuhauen«, höre ich meinen Bruder.
»Tja, dann bin ich wohl kindisch, aber ich habe auch jedes Recht dazu. Du kannst überhaupt froh sein, dass ich noch mit dir rede.«
»Ich denke, die beiden Ereignisse sind unabhängig voneinander. Wir wollten dich aufheitern und einen kleinen Spaß machen, Ella hingegen ... ich kann nicht fassen, was passiert ist.«
Was passiert ist, wiederhole ich in meinem Kopf und spitze die Ohren.
»Es kommt nicht so überraschend, wie du glaubst. Ich hätte nur nicht gedacht, dass sie bis zur letzten Sekunde wartet.«
»Was soll das denn bedeuten? Wieso hast du nicht mit mir geredet? Ich dachte, zwischen euch läuft alles großartig.«
»Offensichtlich nicht« erwidert Aaron. »Ich war nicht bereit, mit jemanden darüber zu quatschen, bin ich auch jetzt nicht.«
»Was hast du stattdessen vor?«
»Ich ziehe die Flitterwochen allein durch. Jedenfalls den ersten Teil.«
»Also bist auf dem Weg zum Brocken?«, erkundigt sich mein Bruder.
Mir wird schlecht. Ich liege auf der Rückbank von Aarons Auto, der irgendwo durch den Harz fährt und mich, sobald er mitbekommt, dass ich anwesend bin, rausschmeißen wird.
»Heilige Scheiße«, flüstere ich entsetzt.
»Wo bist du gerade?«, höre ich meinen Bruder fragen.
»Kurz vor Schierke. Da stelle ich das Auto ab und laufe zum Brocken hoch.«
»Hm, okay. Vielleicht ist es das Beste für dich, für ein paar Tage zu verschwinden. Aber, sag mal, kann es sein, dass du einen blinden Passagier dabei hast?«
»Was meinst du?«
Ich halte den Atem an und kneife die Augen fest zu. Am liebsten würde ich mir auch die Ohren zuhalten, aber dafür müsste ich mich bewegen und dann ...
»Kann es sein, dass Fynn bei dir auf der Rückbank liegt?«
»Wie kommst du denn da drauf?«
Mein Herz hämmert so laut, dass ich mir sicher bin, Aaron hört es trotz des Motorengeräuschs. Ich weiß nicht, ob er einen Blick nach hinten wirft, halte den Atem an und liege wie erstarrt unter der Decke.
»Fynn!«, ruft Julius. »Bist du bei Aaron im Auto? In meinem bist du jedenfalls nicht. Handy, Portemonnaie und Schlüssel hast du im Schloss vergessen, aber ich habe alles mitgenommen.«
»Offensichtlich ist er nicht hier«, entgegnet Aaron genervt. »Dein Bruder ist echt ein Trottel.«
»Und du bist ein Arsch!«, erwidert Julius. »Ich mach mir Sorgen. Ich war schon bei ihm zu Hause, aber er kommt ja ohne Schlüssel nicht in seine Wohnung. Bist du sicher, dass er nicht bei dir ist?«
Nur mit Mühe unterdrücke ich ein Schluchzen. Es bedeutet mir viel, dass mein Bruder zu mir steht. Ich sollte unter der Decke vorkommen, denn Julius kann Aaron bestimmt davon überzeugen, dass er mich zurück nach Hause bringt. Ich bin allerdings wie gelähmt und fürchte mich davor, mich zu bewegen.
»Habs nicht so gemeint. Du solltest dich besser um deinen Bruder als um mich kümmern. Ich komme hier schon zurecht und werde die kleine Auszeit genießen.«
»Clyde und ich erwarten, dass du danach mit uns redest. Mach keinen Unsinn und wenn was ist, dann melde dich unbedingt. Oder sollen wir nachkommen? Wir könnten uns eine lustige Zeit auf dem Brocken machen.«
»Nein, lieber nicht. Ich will echt allein sein, ein bisschen wandern und nachdenken. Kannst du das verstehen?«
»Klar, Mann, obwohl ich wirklich gern wissen möchte, was heute passiert ist. Ich begreife es nämlich nicht und mache mir Sorgen um dich. Wenn was ist, dann rufst du an.«
»Absolut und danke!«
Ich höre, wie die Verbindung beendet wird und weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann nicht unter der Decke bleiben, aber ich will nicht, dass Aaron mich bemerkt. Scheiße, wieso gerate ich immer in solche Situationen?
»Ich hoffe, du bekommst genug Sauerstoff unter der Decke«, sagt Aaron laut und reißt mich damit aus meinen Gedanken. »Komm raus, Fynn.«
»Lieber nicht«, antworte ich.
»Du musst doch kurz vorm Ersticken sein.«
»Geht schon«, grummle ich, obwohl mir schrecklich heiß ist. Mein Magen fühlt sich auch immer noch komisch an. Diese Kurven sind liegend kaum zu ertragen. Ich hoffe, wir sind bald da.
Unversehens verschwindet die Decke. Ich blinzle gegen das einfallende Sonnenlicht und schlucke schwer.
»Hallo Fynn«, sagt Aaron.
Unsere Blicke begegnen sich im Rückspiegel. Ich bin mir nicht sicher, ob der Unterton in seiner Stimme Verärgerung ist oder ob ihn meine Anwesenheit amüsiert. Wobei ich an Letzterem eher zweifle, nach allem, was heute geschehen ist.
»Ähm ...«, nuschle ich. Mein Kopf ist vollkommen leer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich liegenbleiben oder mich hinsetzen soll. Wobei es vermutlich albern ist, sich nicht aufzurichten, jetzt, wo er mich enttarnt hat. Könnte ich die Decke wieder über meinen Kopf ziehen und so tun, als hätte er mich nicht entdeckt?
»Wir sind gleich da«, verkündet er. »Dann können wir darüber reden, weshalb du in meinem Auto bist.«
»Ich glaube, das wird nicht nötig sein«, erwidere ich, richte mich auf und schnalle mich an. »Du hast doch selbst gerade gesagt, dass ich ein Trottel bin. Vielleicht darf ich kurz mit deinem Handy Julius anrufen, damit er mich abholt. Oder du leihst mir Geld für den Zug oder ...«
»Ich sagte doch, wir reden gleich«, unterbricht er mich.
Diesmal klingt er eindeutig genervt. Ich presse die Lippen aufeinander und seufze schwer.
Bedrückt schaue ich aus dem Fenster. Wir fahren durch einen kleinen, beschaulichen Ort, mit liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern und jeder Menge Hexen an den Fassaden oder in den Vorgärten. Ich war noch nie hier. Allerdings bin ich nicht gerade ein Naturmensch. Wandern finde ich furchtbar langweilig. Ganz zu schweigen von meiner fehlenden Kondition. Da erfülle ich wohl ein bisschen ein schwules Klischee, denn ich finde den Gedanken an herumkrabbelnde und fliegende Insekten und Käfer und ... Ich schüttle mich und verfluche mich dafür, dass ich so hektisch abgehauen bin.
Aaron blinkt und bremst, dann biegt er rechts auf einen großen Parkplatz voller Autos ein. Er fährt langsam an einigen freien Stellplätzen vorbei.
»Das wird ein bisschen unangenehm werden«, prophezeit er, als er schließlich parkt. Er seufzt, schaltet den Motor ab und deutet nach links.
»Unser Begrüßungskomitee«, flüstert er. »Sie erwarten ein frisch vermähltes, glückliches Ehepaar und bekommen uns.« Er lacht bitter.
Mir fehlen die Worte. Ich starre das Paar an. Die Frau trägt ein schwarzes Dirndl mit einer grünen Schürze und einem seltsamen, schwarz-weiß gestreiften, grob gewebten Umhang. Der Mann sieht wie ein Bergmann aus, mit einer buschigen Feder am Hut. Sie hat ein Tablett mit Sektgläsern in den Händen, er ein Holzbrett mit Brotscheiben. Blumen gibt es auch. Ich seufze erneut und schüttle betroffen den Kopf.
»Soll ich mich wieder unter der Decke verstecken?«, frage ich mit einem Hauch Angst in der Stimme. Ich bezweifle, dass ich jetzt aussteigen kann.
»Und dann? Bleibst du das Wochenende dort?«, fragt Aaron sarkastisch.
»Keine Ahnung«, nuschle ich und schließe für einen Moment die Augen.
»Ich schätze, wir müssen da jetzt durch. Sie warten auf uns, was die Situation noch unangenehmer macht. Also los, Fynn, raus aus dem Wagen.«
Ich löse den Gurt, atme einmal tief durch und öffne die Autotür. Aaron steigt ebenfalls aus. Die Leute kommen uns entgegen. Ich beobachte, wie sie sich für einen Augenblick verwirrt anschauen, aber dann ein professionelles Lächeln aufsetzen.
»Herzlich willkommen und herzlichen Glückwunsch«, sagt der Mann. »Wir hatten ...«
»Keine Sorge«, unterbricht Aaron ihn sofort. »Wir sind nicht das Brautpaar. Also, ich bin theoretisch der Bräutigam, aber die Braut ... es gab da ein paar unerwartete Komplikationen ...«
Aarons Stimme ist angespannt, aber er versucht lässig zu grinsen.
»Oh, das ist ... tut uns leid.« Der Mann wirkt verlegen und die Frau sieht aus, als würde sie sich am liebsten in Luft auflösen.
Von mir will ich gar nicht erst reden. Meine Wangen glühen und meine Knie zittern. Das ist mit Abstand das Schlimmste, was ich je erlebt habe.
»Dann trinken wir vielleicht nicht auf das glückliche Brautpaar, sondern darauf, dass Sie gut bei uns angekommen sind.« Die Frau hält uns das Tablett entgegen.
Ich greife zögernd nach einem Glas. Wir stoßen an. Aaron schaut mir dabei in die Augen. Ein bitteres Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Ich schäme mich so heftig, dass ich mir fest vornehme, ihm für alle Zeiten aus dem Weg zu gehen, sobald wir das hier überstanden haben.
»Bleibt der Plan trotzdem bestehen?«, erkundigt sich der Mann. »Sie wandern und wir transportieren Ihr Gepäck zum Hotel?«
»Ja, daran hat sich nichts geändert. Ich werde einfach die Tage als eine kleine Auszeit ansehen.«
»Das ist eine hervorragende Einstellung«, lobt er. Was soll er auch sonst sagen?
Aaron stellt das leere Glas zurück auf das Tablett und geht zum Kofferraum. Erst jetzt fällt mir auf, dass er gar nicht mehr den Hochzeitsanzug trägt, sondern bequeme Wanderklamotten und passende Schuhe. Ich dagegen stehe in einem verdammt zerknitterten Anzug hier herum, mit diesen edlen Tretern, in denen ich allein vom Gehen Blasen bekomme und jeden winzigen Stein unter der Sohle bemerke. Offenbar erkennt die Frau ebenfalls den Unterschied und mustert mich eindringlich.
»Brauchen Sie einen Platz zum Umziehen?«, fragt sie mich dezent.
»Ähm, nein.« Ich schüttle den Kopf. Meine Wangen hören gar nicht mehr auf zu glühen. Vermutlich ist das bereits eine Vorstufe zum Fieber.
»Sie wollen so auf dem Berg hinauf?«, erkundigt sich der Mann skeptisch. »Das ist keine gute Idee.«
»Ich will da gar nicht rauf«, erwidere ich. »Das ist alles ein furchtbares Missverständnis.«
»Hier ist der Koffer«, unterbricht Aaron uns und stellt das Gepäck vor dem Mann ab. »Wir kümmern uns gleich um seine Klamotten.«
»Gut, denn es gab schon etliche Unfälle, weil die Leute sich nicht passend gekleidet haben. Es wirkt vielleicht wie ein leichter Spaziergang, aber der Brocken kann unberechenbar sein und die Witterungsverhältnisse können sich schnell ändern. Die Bergrettung muss oft Menschen aus schwierigen Situationen befreien.«
»Vielen Dank für den Hinweis«, sagt Aaron. »Wir werden kein Risiko eingehen.«
»Ich laufe ganz bestimmt nicht in diesen Klamotten da hoch«, bestätigte ich. »Genau genommen habe ich überhaupt nicht vor, zu wandern.«
»Gut, dann ... dann wünschen wir Ihnen einen schönen Aufenthalt und viel Glück und Erholung. Passen Sie auf die Brockenhexen auf. Sie lauern überall.« Der Mann grinst breit. Er nimmt das Brot mit, ebenso wie Aarons Koffer. Ich habe den Eindruck, die beiden fliehen vor der unangenehmen Situation. Ich beneide sie.
Wir schauen ihnen nach, bis sie im Hotel, das direkt an den Parkplatz angrenzt, verschwunden sind.
»Und nun?«, frage ich und streiche mir verlegen über den Nacken. »Kann ich jetzt meinen Bruder anrufen?«
»Klar!« Er gibt mir ohne einen weiteren Kommentar sein Handy, bevor er einen Rucksack aus dem Kofferraum holt und ihn auf den Rücken schnallt.
Es klingelt einige Male, bis Julius endlich rangeht.
»Hey, Aaron. Hast du es dir anders überlegt? Kommst du zurück? Wir feiern hier schon ein bisschen.«
»Ich bin´s, Fynn.«
»Fynn? Mann, wo steckst du? Wir haben dich schon überall gesucht. Du hast ... Scheiße, Mann, wieso bist du an Aarons Handy?«
»Er hat es mir geborgt, damit ich dich anrufen kann«, erkläre ich.
»Also warst du doch in seinem Auto?«, fragt Julius und beginnt zu lachen. »Leute, wir haben Fynn wiedergefunden«, ruft er in den Raum. Ich höre lautes Johlen und Gelächter.
»Kannst du mich abholen?«, rufe ich über den Lärm hinweg. »Bitte, Julius.«
»Sorry, Kleiner. Vorhin, als ich Aaron angerufen habe, da war ich noch nüchtern, aber jetzt habe ich so drei, vier Shots intus und zwei Bier. Damit kann ich nicht mehr fahren.«
»Aber das ist doch noch gar nicht lange her«, protestiere ich.
»Tja, es war ein schlimmer Tag für uns alle. Da brauchten wir schnell viel Alkohol.«
»Dann kann mich auch niemand von den anderen abholen? Was ist mit Clyde oder vielleicht sein Freund? Bitte, Julius. Ich brauche Hilfe.«
»Muss ich mir ernsthaft Sorgen machen?«, erkundigt sich mein Bruder.
Entmutigt lasse ich das Handy sinken. Aaron nimmt mir das Telefon aus der Hand.
»Nein, musst du nicht. Wir kriegen das alles hin. Feiert nur weiter. Dann haben wir das Zeug wenigstens nicht umsonst gekauft.« Er beendet das Gespräch und schaut mich herausfordernd an.
»Was?«, frage ich zickig. »Soll ich doch im Auto übernachten, bis du von deinem Selbstfindungstrip zurück bist?«
»Ich denke, du solltest einfach mitkommen.«
»Auf gar keinen Fall. Ist dir aufgefallen, was ich anhabe?«
»Der zerknitterte Anzug steht dir nicht ganz so gut wie das Brautkleid«, erwidert er mit einem fiesen Grinsen.
»Arschloch«, knurre ich verschämt und schaue mich um. Vielleicht könnte ich trampen. Ich war noch nie per Anhalter unterwegs, aber es gibt ja für alles ein erstes Mal.
