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Julius glaubt nicht daran, dass irgendwo die große Liebe auf ihn wartet. Für ihn hat das noch junge Bauunternehmen, das er mit seinem besten Freund Aaron gegründet hat, oberste Priorität. Doch dann fällt bei Bauarbeiten auf der Burg Falkenstein eine goldene Krone vom Turm. Direkt in sein Mörtelfass. Die Krone gehört dem Schauspieler Yori Wilson, von dem Julius zwar bisher nichts gehört hat, der ihn jedoch zu kennen scheint. Als Yori ihm ein besonderes Angebot unterbreitet, lässt sich Julius mit Volldampf auf ein prickelndes Abenteuer im Harz ein. Was wie der Auftakt zu einem Märchen klingt, ist der Beginn einer emotionalen Reise. Da gibt es nur zwei Probleme: Yori verrät ihm nicht, wo sie sich schon einmal begegnet sind, und Julius ist eigentlich hetero ...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Erkennungszeichen: Volldampf
Von Karo Stein
Buchbeschreibung:
Julius glaubt nicht daran, dass irgendwo die große Liebe auf ihn wartet. Für ihn hat das noch junge Bauunternehmen, das er mit seinem besten Freund Aaron gegründet hat, oberste Priorität.
Doch dann fällt bei Bauarbeiten auf der Burg Falkenstein eine goldene Krone vom Turm. Direkt in sein Mörtelfass. Die Krone gehört dem Schauspieler Yori Wilson, von dem Julius zwar bisher nichts gehört hat, der ihn jedoch zu kennen scheint. Als Yori ihm ein besonderes Angebot unterbreitet, lässt sich Julius mit Volldampf auf ein prickelndes Abenteuer im Harz ein.
Was wie der Auftakt zu einem Märchen klingt, ist der Beginn einer emotionalen Reise. Da gibt es nur zwei Probleme: Yori verrät ihm nicht, wo sie sich schon einmal begegnet sind, und Julius ist eigentlich hetero ...
Erkennungszeichen: Volldampf
Von Karo Stein
Karo Stein
Johann Sebastian Bach Straße 38
06484 Quedlinburg
Korrektur: Sissi Kaipurgay
Cover: K. Funke via Bookbrush
depositphotos: Young male model with red hair and freckles posing in brown coat and hat, plaid pants, turquoise sweater, sitting on chair. Pink background
@ mochak
Mountain sunrise@ khoroshkov
Telefon: 01728779111
www.karostein.de
Sämtliche Personen dieser Geschichten sind frei erfunden und Ähnlichkeiten daher nur zufällig.
Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodells aus.
Im wahren Leben gilt: Safer Sex.
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1. Auflage, 2025
© 2025 Karo Stein – alle Rechte vorbehalten.
Karo Stein
Johann Sebastian Bach Straße 38
06484 Quedlinburg
www.karostein.de
Für Anja,
ich hoffe, du magst die Anja im Buch!
Kapitel 1
»Verdammt, Fuck! Achtung, da unten. Wieso passiert so etwas immer mir?«
Der Wind verzerrt die Worte, nimmt ihnen jedoch nicht den panischen Klang. Ich schaue mich um, dann blicke ich nach oben, runzle die Stirn und beobachte einen Mann auf der Aussichtsplattform des Turms. Seine Klamotten glänzen golden in der Sonne. Er fuchtelt mit den Armen, während er wilde Flüche ausstößt und ...
Etwas schlägt direkt neben mir in die Mörtelwanne. Der frisch verrührte Inhalt spritzt gegen meine Hose. Ich springe mit einem peinlichen Quietschen zur Seite, stolpere über den unebenen Boden und lande auf meinem Hintern. Einen langen Moment starre ich verwirrt zwischen der Mörtelwanne und dem Turm hin und her. Der Kerl ist verschwunden. Vielleicht war es nur eine Fata Morgana, eine surreale Lichtreflexion der Sonne, aber der Aufprall war echt. Ebenso wie die Tatsache, dass ich inmitten des mittelalterlichen Burghofes auf meinem Arsch sitze. Ich raffe mich auf die Knie und robbe zu dem schwarzen Behälter, um vorsichtig hineinzuschauen.
Es macht Falten, die Stirn dermaßen zusammenzuziehen, höre ich die Stimme meines Bruders im Kopf, doch ich traue meinen Augen nicht und kann daher nicht damit aufhören. Ich werfe erneut einen Blick nach oben, dann hole ich mit spitzen Fingern den Gegenstand aus dem dunkelgrauen Matsch heraus.
»Eine Krone?«, flüstere ich und drehe mich zu Aaron, der nur wenige Meter hinter mir arbeitet.
»Eine Krone«, rufe ich und wedele mit der Hand.
Der feuchte Mörtel spritzt mir dabei ins Gesicht und gegen mein blaues Shirt, das ich erst heute Morgen frisch aus dem Schrank genommen habe. Ich schaue nach unten, auf den regenbogenfarbenen Schriftzug, der ebenfalls ein paar Spritzer abbekommen hat, und spüre ein aufregendes Kribbeln im Bauch. Es erscheint mir immer noch nicht real, dass Aaron und ich unsere eigene Firma gegründet haben, dass das Auftragsbuch gefüllt ist und wir sogar darüber nachdenken, eine weitere Person einzustellen, damit wir alles schaffen. Acht Monate und ich habe bisher keinen Tag davon bereut. Noch nie hat sich eine Entscheidung dermaßen richtig angefühlt.
Die regenbogenbunten Buchstaben leuchten in der Sonne. Ich hatte die Idee, den Schriftzug so zu gestalten. Wegen Aarons Vater ... und weil wir stolz darauf sind, wer wir sind und was wir geleistet haben. Okay, ich bin eher ein Verbündeter, ein Ally. Laut Fynn ist das die Bezeichnung für einen Hetero wie mich, der die meiste Zeit mit schwulen und bisexuellen Männern verbringt.
»Du solltest sie vorsichtig abwaschen.«
Aarons Worte durchdringen meine Gedanken. Ich schaue ihn einen Moment verwirrt an, dann erinnere ich mich wieder an die Krone in meiner Hand. An einigen Stellen glänzt sie golden, aber der Großteil ist voll mit dunkelgrauem Matsch. Entschlossen greife ich zum Wasserschlauch und befreie das Teil von der unpassenden Dekoration. Ein paar türkisfarbene Edelsteine kommen zum Vorschein.
»Wer die Krone fängt, ist der neue König«, behauptet Aaron mit einem breiten Grinsen und kommt näher, um das gute Stück genauer in Augenschein zu nehmen.
»Ist das so ähnlich wie die Sache mit dem Schwert und dem Stein?«, frage ich und betrachte die Krone, die inzwischen komplett sauber ist, womit zutage tritt, dass sie nur ein Imitat ist. Was hatte ich erwartet? Dass eine echte goldene Krone vom Himmel fällt? Apropos Himmel ... ich schaue erneut nach oben zum Turm, doch da sind nur ein paar Burgbesucher, die eher an der Fernsicht, als am Geschehen im Burghof interessiert sind.
»Hältst du dich für König Artus? Da hättest du noch warten müssen, bis der Mörtel fest ist. Wenn du dann die Krone trotzdem noch heil herausgezogen hättest ...« Aaron lässt den Rest des Satzes offen und grinst mich weiterhin an.
»Reich werde ich damit nicht«, grummle ich und wische mit dem Daumen einen Rest der grauen Masse von einem der Edelsteine. Er funkelt in der Sonne wie Seeglas.
»Vielleicht ernennen sie dich zum neuen Burgherren, sobald du die Krone auf dein Haupt setzt. Du musst auch nicht auf die Knie gehen, denn du hast ja bereits auf dem Boden gesessen. Das reicht sicherlich als mittelalterliche Huldigung.« Aaron deutet eine Verbeugung an.
»Idiot«, knurre ich und deute dezent den Mittelfinger an.
»An den königlichen Manieren solltest du aber noch arbeiten«, entgegnet mein bester Freund lachend.
»Dafür ist es längst zu spät. Aus mir wird kein vornehmer Burgherr.«
»Schade eigentlich. Diese Burg hat schon einen gewissen Charme.«
»Findest du? Guck dir das alte Ding an. Das möchte ich nicht geschenkt haben. Es wird schon gute Gründe haben, weshalb die Nachfahren es der Burgen- und Schlösserstiftung überlassen haben.« Ich reibe Daumen und Zeigefinger gegeneinander.
Allein diese Ausbesserungen an den Treppenstufen, an denen wir seit drei Tagen arbeiten, wird eine stattliche Rechnung nach sich ziehen. Die Kosten für Instandhaltung und Wartung dieser Anlage möchte ich mir gar nicht vorstellen. Ich bezweifle, dass die Besucher auch nur einen Bruchteil dessen decken, obwohl die Burg Falkenstein ein beliebtes Ausflugsziel ist.
Es ist peinlich, aber ich bin zum ersten Mal hier. Ohne den Auftrag hätte ich diese Burg vielleicht erst irgendwann mit meinen Kindern besucht. Kinder, zu denen mir die Mutter fehlt und überhaupt ... Denke ich ernsthaft über Familienplanung nach? Womöglich machen mich diese verdammten Hochzeitsvorbereitungen von Fynn und Aaron verrückt. Mein Bruder heiratet meinen besten Freund und Geschäftspartner. Das gehört immer noch zu den Dingen, die ich kaum begreifen kann.
»Vielleicht wartet ja im Turm eine reizende Prinzessin auf dich. Wärst du dann nicht gern der Burgherr?«
Ein paar Sekunden schaue ich Aaron sprachlos an. Ich öffne und schließe meinen Mund, ohne, dass ein Wort über meine Lippen kommt. Seine Frage ist absurd und zugleich kitzelt sie eine Stelle in mir, die dermaßen tief verborgen ist, dass ich sie unmöglich erreichen und nur darauf warten kann, bis dieses dumpfe Gefühl wieder vergeht. Weder Aaron noch meinem Bruder habe ich von der Sehnsucht erzählt. Ich beharre darauf, dass es für mich keine Liebe gibt und ihr glückseliges Dauergrinsen mich ankotzt. Den giftgrünen Fleck auf meinem Herzen, der sich von Neid, Angst und Einsamkeit nährt, halte ich im Zaum. Ich bin Maurer, es ist leicht für mich, eine perfekte Mauer zu ziehen.
»Kümmere du dich lieber um deine reizende Prinzessin«, antworte ich schließlich.
»Ich werde Fynn erzählen, dass du ihn als Prinzessin bezeichnet hast. Obwohl er ... na ja ...« Aaron fuchtelt mit der Mörtelkelle. »Es wird Zeit, dass wir den großen Tag hinter uns bringen. Er ist wirklich verdammt nervös und gleicht eher einer Dramaqueen oder ... oder Bridezilla.«
Er schlägt eine Hand vor den Mund. Offenbar wollte er das letzte Wort nicht laut aussprechen. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, versuche, ihn finster anzuschauen, aber Bridezilla ist so eine perfekte Bezeichnung für Fynn, dass ich nicht länger ernst bleiben kann. Ich pruste los, lache und wiederhole das Wort einige Male, bis auch Aaron einstimmt.
»Das wollte ich wirklich nicht sagen. Er ist süß in seinem Chaos, aber ich weiß nicht, was ich gegen seine Angst machen soll. In jeder noch so kleinen Unregelmäßigkeit sieht er ein schlechtes Omen.«
»Er ist ein bisschen traumatisiert. Das ist irgendwie verständlich«, erkläre ich, obwohl Aaron weiß, woher Fynns Angst kommt. »Aber sobald ihr verheiratet seid, wird es besser. Er kann es kaum erwarten und fürchtet sich zugleich vor dem Tag. Ich darf nicht mal den kleinsten Hochzeitsscherz vorbereiten, weil das alles angeblich Unglück bringt ...«
»Genau das meine ich. Sogar als ihm eine von diesen bescheuerten Hochzeitsmandeln runtergefallen ist, hat er darin ein schlechtes Zeichen gesehen. Hochzeitsmandeln? Mal ehrlich, das ist bescheuert. Ich habe sie einfach aufgegessen, was ihn noch wütender gemacht hat.« Aaron seufzt schwer und lässt die Schultern hängen.
Mein Mitleid für ihn hält sich in Grenzen, denn er hätte längst mit Fynn verheiratet sein können. Vor mehr als einem Jahr ... Wäre er ehrlich zu sich, zu Ella und zu uns gewesen. All das Drama und die Verletzungen ...
Aaron ist mein bester Freund, aber Fynn ist mein Bruder. Ich stehe immer an seiner Seite. Deshalb hat es eine Weile gedauert, bis ich innerlich ihre Beziehung akzeptieren konnte. Ich wusste, dass Fynn auf Aaron steht, aber umgekehrt? Niemals hätte ich vermutet, dass er ebenfalls Gefühle für Fynn hat. Was für ein Durcheinander. Da lobe ich mir mein schlichtes Heterogemüt.
Ich mag Frauen. Punkt. Ich bin nicht aktiv auf der Suche nach einer festen Freundin, schon gar nicht nach der großen Liebe, aber ich fände es trotzdem schön, wenn sie mir demnächst über den Weg laufen würde. Jemand, mit dem ich Spaß haben kann. Eine Frau, die eine ähnlich schwammige Vorstellung von der Zukunft hat. Keine Ahnung ... ich habe kein Bild davon, wie mein Leben in fünf Jahren aussieht. Meine ganze Energie stecke ich in die Firma. Sollte ich eine Freundin finden, müsste sie damit klarkommen. Und das macht die Sache vermutlich aussichtslos. Deshalb bleibe ich lieber bei kurzen, heißen Begegnungen.
Und wenn diese Hochzeit ohne Katastrophen geschafft ist, können wir uns hoffentlich wieder echtem Vergnügen zuwenden. Wobei ...
»Kann es sein, dass ich inzwischen der einzige Hetero in unserer Gruppe bin?« Der Gedanke erscheint nicht zum ersten Mal in meinem Kopf. Er setzt sich fest und hinterlässt ein unangenehmes Zwicken im Bauch. Ich bin ausgeschlossen aus dem Club, obwohl meine Freunde mir niemals das Gefühl geben, nicht dazuzugehören.
»Es hat den Anschein«, erwidert Aaron schmunzelnd.
»Fuck, kein Wunder, dass ich schon so lange auf dem Trockenen sitze. Ich habe meinen Wingman verloren.«
»Ich könnte es für einen Abend sein«, bietet er an und zieht die Stirn in Falten. »Aber nicht vor der Hochzeit. Da würde Bridezilla wirklich durchdrehen.«
»Ich werde Fynn verraten, was für einen hässlichen Spitznamen du ihm gegeben hast.«
»Das könnte für uns beide schlecht ausgehen«, warnt er und kratzt sich am Kopf. »Ich habe den Eindruck, dein Bruder hat uns ziemlich fest im Griff. So war er doch früher nicht, oder? Ich habe einen schlechten Einfluss auf ihn.«
»Deine Liebe hat einen schlechten Einfluss«, antworte ich lachend und lasse die Krone in meiner Hand kreisen. »Genau genommen hat sie einen wahnsinnig guten Einfluss.«
Fynn hat sich in den vergangenen Monaten verändert, ist selbstbewusster und offener geworden. Bunter und strahlender ... Früher hat er nur selten einen Blick hinter seine Fassade erlaubt. Fynn hatte es in seiner Kindheit nicht leicht, auch später ... Er hat nicht daran geglaubt, dass er der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Schon verrückt, dass wir vorher niemals darüber geredet haben. Ich dachte, er wäre in erster Linie introvertiert und schüchtern, doch das, was Aaron in den vergangenen Monaten hervorgezaubert hat, ist ... wow!
Nur manchmal kommen seine Unsicherheiten wieder zum Vorschein. Dass Aaron ihm nach so kurzer Zeit einen Heiratsantrag gemacht hat, hat ihn gefreut und zugleich verwirrt. Die Selbstzweifel hatten ihn im Griff und Aaron und ich alle Hände voll zu tun, um ihn davon zu überzeugen, dass alles gut werden wird und er sein kitschiges: und sie lebten glücklich und zufrieden bis zum Ende ihrer Tage bekommt.
»Hallo? Sie da! Das ist meine Krone. Ich wollte nur mal kurz von da oben über die Brüstung schauen und schon rutscht das blöde Ding von meinem Kopf. Der Regisseur ist angepisst, weil sich die Arbeit verzögert, was aber nur an dem Fantreffen liegt. Ich hatte meinem Manager gesagt, dass die Zeit viel zu knapp ist. Und dann habe ich auch noch den Take versaut, weil ich panisch nach unten gerannt bin und nicht daran gedacht habe, dass in dem Zimmer gerade gedreht wird. Dabei hat Maria dermaßen oft den Text vergessen, dass die Zahl der Wiederholungen schon schwindelerregend hoch ist. Nicht so hoch wie dieser verdammte Turm, aber manchmal kann sie sich echt die einfachsten Sätze nicht merken und ... Bekomme ich endlich meine Krone wieder?«
Ich starre in ein Gesicht mit unzähligen Sommersprossen und bernsteinfarbenen Augen. Rote Wangen und ein Mund, der sich hektisch bewegt und aus dem ein Schwall von Worten fließt, die irgendwie keinen Sinn ergeben. Dazwischen schnappt er nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, offenbar, um die Lungen mit mehr Sauerstoff zu versorgen, um noch schneller zu reden. Er trägt einen grüngoldenen Mantel, weiße Strumpfhosen und goldene Schuhe mit albernen grünen Schleifen darauf. Daher kamen wohl die Sonnenreflexionen. So viel königliches Gold ... Mein Blick wandert wieder hinauf zu seinem Gesicht.
Er zieht die Augenbrauen zusammen und schaut mich fordernd an. Anscheinend ist er fertig mit reden.
Ich habe noch nie eine derart intensive Augenfarbe gesehen und so viele Sommersprossen. Am liebsten würde ich mit einem Finger darüber fahren, um zu kontrollieren, ob sie echt oder aufgemalt sind. Ist es möglich, sie zu zählen? Wie viele Tage würde jemand brauchen, um all die Freckles zu beziffern und was, wenn sich derjenige verzählt ...? Ich schüttle den Kopf über die abwegigen Gedanken und versuche, mein Gegenüber nicht länger anzuglotzen.
»Hallo? Ist alles in Ordnung mit dir? Bist du eingeschlafen oder so? Ich bräuchte die Krone wirklich dringend wieder. Der Regisseur ist heute echt mies drauf. Wir können uns keine weiteren Verzögerungen leisten.«
Irgendwo, in den Tiefen meines Gehirns, erscheint die Erinnerung daran, dass auf der Burg ein Film gedreht wird, was unsere Arbeiten nicht erleichtert. Bei den Aufnahmen im Hof mussten wir ständig alles zusammenräumen und warten. Ich hasse diese langen Zeiten des Nichtstuns. Jetzt drehen sie zum Glück im Inneren des Gebäudes, sodass wir schneller vorankommen.
Ich habe den Eindruck, dass ich diesen Mann ... diesen König, dessen Krone ich gerettet habe, schon mal gesehen habe. Meine Haut prickelt, vielleicht, weil er mich mit diesen riesigen hellbraunen Augen anstarrt und seine Ungeduld irgendwie niedlich ist.
»Das ist deine Krone?«, frage ich und klinge wie ein Idiot.
»Jahaa.« Er zieht abermals die Augenbrauen zusammen, betrachtet mich abschätzend, räuspert sich und streckt das Kinn vor. »Sie sitzt normalerweise auf meinem Kopf. Ich bin schließlich ein König. Natürlich regiere ich nicht hier, sondern das Nachbarland, aber sobald mich König Ludwig gesehen hat, wird er mich heiraten und dann herrschen wir gemeinsam über die Ländereien ...« Seine Stimme hat einen salbungsvollen Tonfall angenommen. Er macht eine ausladende Armbewegung und lächelt hoheitsvoll.
»Welche Ländereien?«, frage ich.
»Häh?«
Wir starren uns einen Moment an. Ich glaube, ich habe einen Kurzschluss im Gehirn, denn da gibt es eindeutig Übermittlungsstörungen. Dafür höre ich Aaron neben mir schnauben. Ich schaue in seine Richtung. Er zuckt nur mit den Schultern. Bin ich etwa Teil des Films und weiß es nicht?
»Die Krone gehört mir, besser gesagt: sie ist eine Requisite des Filmstudios. Du kannst sie nicht einfach behalten, nur weil du sie gefunden hast. Dafür bin ich echt dankbar und auch, dass sie nicht kaputt gegangen ist, aber ich bin der König. Sie gehört auf meinen Kopf ...«
»Schon gut«, unterbricht Aaron ihn und boxt mir unsanft gegen den Oberarm. »Es verwirrt meinen Freund offenbar, so plötzlich einem prominenten Schauspieler gegenüberzustehen.«
»Prominenter Schauspieler?«, wiederhole ich erstaunt.
»Dann will er vielleicht ein Autogramm? Das wäre machbar, denn was für ein Zufall: ich habe Autogrammkarten dabei. Vor einer halben Stunde hatte ich ein Fantreffen. Nur eine kleine Gruppe, die mich sogar in diesem Kostüm fotografieren durfte, denn eigentlich ist es nicht erlaubt ... na, jedenfalls hatte ich natürlich auch Autogrammkarten dabei und ich hatte noch keine Gelegenheit, sie wieder in meine Garderobe zu bringen, weil ich irgendwie dringend ein bisschen frische Luft brauchte und auf die glorreiche Idee kam, nach oben auf die Plattform zu steigen und dann ... ist mir das blöde Ding vom Kopf gefallen. Eigentlich darf ich nicht mal damit hier draußen herumlaufen, aber irgendwie muss ich ja an meine Krone gelangen.« Er hält sich selbst mit einer Hand den Mund zu, um die Redeflut zu stoppen.
»Willst du ein Autogramm?«, fragt Aaron mich und betont jedes Wort überdeutlich, als wäre ich unfähig, unsere Sprache zu verstehen.
»Will ich?« Ich blinzele einige Male, in der Hoffnung, dass mein Gehirn aus dem Kaninchenloch, in das es wohl hineingefallen ist, wieder herausklettert.
»Als Gegenleistung für das Retten der Krone«, sagt der Typ und lächelt erneut. Er muss unbedingt damit aufhören! »Die brauche ich wirklich dringend wieder. Sorry!«
»Nein, ähm ... das ist wirklich nicht nötig. Hier ist sie. Ich denke, ich habe auch alle Mörtelreste beseitigt. Zum Glück ist sie nicht aus Pappe.«
»Zum Glück«, wiederholt er und seufzt erleichtert. »Also, kein Autogramm?«
»Doch, das nimmt er gern«, erwidert Aaron. »Vielleicht auch noch eins für seinen Bruder. Der wird ausflippen, wenn ich ihm das heute mit nach Hause bringe. Du bist doch Yori Wilson?«
»Erwischt.«
»Fynn, also, mein Partner, ist ein großer Fan von Geheime Leidenschaften. Und den neuen Film kann er kaum erwarten. Ich musste mir das Bilderbuch schon gefühlt tausend Mal anschauen, aber natürlich ist das nichts gegen Geheime Leidenschaften. Ich schätze, er hat keine einzige Folge mit dir verpasst.«
»Danke, das ist echt großartig. Ich freue mich total, wenn ich solche Rückmeldungen bekomme. Es gibt leider immer noch eine Menge negativer Kommentare, vor allem nach dieser Sache ...«
»Oh ja, das war echt mies. Fynn ist total ausgeflippt deswegen. Er war so wütend. Erinnerst du dich, Julius?«
»Nein, keine Ahnung oder doch?« Ich schaffe es kaum, diesem Gespräch zu folgen, wie soll ich mich da erinnern, ob Fynn wegen irgendeiner Fernsehserie wütend war? Er ist ein Serienjunkie, der jede freie Minute nutzt, um sich vor den Fernseher zu hocken.
Aaron lacht und schüttelt den Kopf.
Der Schauspieler mustert uns abwechselnd. Mir wird heiß unter seinem Blick und dieses fiese Prickeln hört auch nicht auf, als würden aus seinen Augen winzige Nadeln direkt auf meine Haut schießen. Die ganze Situation ist peinlich. Ich bezweifle, dass Fynn von diesem rothaarigen König ein Autogramm möchte. Warum erzählt Aaron so einen Scheiß?
Ehe ich mich versehe, habe ich die Krone gegen zwei Karten getaucht, auf denen der Kerl regelrecht verstrahlt lächelt. Er trägt einen Hut, seine Augen leuchten unnormal und diese Sommersprossen ... Ich schüttle den Kopf. Nein, einen Yori Wilson kenne ich nicht. Schauspieler in einer Daily Soap und dann dieser Film hier. Das ist nicht unbedingt großes Kino und damit ist er auch kein Star, dessen Namen jeder wissen sollte.
»Ich brauche keine Autogrammkarte von dir«, sage ich möglichst höflich und gebe sie ihm zurück.
»Mir scheint, du bist immer noch so ein Arschloch wie früher, Julius Döring.«
Ehe ich darauf antworten kann, dreht er sich um und marschiert über die unebenen mittelalterlichen Pflastersteine zurück ins Gebäude. Verwundert schaue ich ihm hinterher. Warum ist die Stimmung denn so plötzlich gekippt? Ist er ernsthaft sauer, weil ich diese verfickte Karte nicht haben will? Tja, Pech für sein Ego, aber ich bin nun mal kein Fanboy. Ich kenne ihn überhaupt nicht, obwohl er meinen Namen ...
»Was war das denn?«, fragt Aaron »Ihr kennt euch?«
»Nein, ich habe diesen Typ noch nie gesehen«, wiederhole ich laut.
»Aber er wusste deinen Namen«, stellt er messerscharf fest.
Ich zucke mit den Schultern. »Arschloch heißen viele«, erwidere ich mit einem schiefen Grinsen.
»Niemand füllt den Begriff jedoch so gut aus wie du. Also los, woher kennst du Yori Wilson und weiß dein Bruder davon? Dir ist hoffentlich bewusst, dass er ein Riesenfan ist.«
»Ich bin diesem Kerl heute zum ersten Mal begegnet«, beteuere ich abermals und fahre mit einer Hand durch meine Haare. »Wo hätte ich ihn denn kennenlernen sollen? Wir sind doch quasi immer zusammen unterwegs.«
»Keine Ahnung, aber er kannte deinen Namen und du trägst kein Namensschild, also ...«
»Vielleicht hat er in das Personenverzeichnis am Eingang geguckt. Wir müssen uns schließlich jeden Tag dort eintragen.«
»Warum hätte er das tun sollen?« Aaron schaut mich eindringlich an.
Ich kann seine Frage nicht beantworten. Dafür braut sich Wut in meinem Bauch zusammen, von der ich nicht genau weiß, woher sie kommt.
Ich gehe einige Schritte rückwärts, atme tief durch und lehne mich gegen die Mauer, um erneut zum Turm hochzuschauen. Natürlich ist er nicht dort oben. Es fällt auch keine Krone herunter, dafür fängt diese tief verborgene Stelle wieder an zu jucken.
Yori Wilson, wer zu Hölle bist du?
Kapitel 2
Das Schlimmste sind die Haare. Nicht die auf meinem Kopf. Mit denen bin ich zufrieden. Ich lasse das Deckhaar seit knapp einem Jahr wachsen und kann mir inzwischen einen stylischen Zopf machen. Den Undercut rasiere ich regelmäßig. Es gefällt mir sogar, die Haare offen zu tragen, obwohl ich mir dann ständig Strähnen aus dem Gesicht streichen muss oder mich schon erwischt habe, wie ich eine Haarsträhne gedankenverloren um den Finger gewickelt habe. Weder beim Sport noch während der Arbeit machen die langen Haare Sinn, aber ich will sie trotzdem behalten.
Im Gegensatz zur restlichen Körperbehaarung. Vermutlich hat sich in den Genen meiner Eltern ein Bär versteckt, der ausgerechnet bei mir wieder dominant wurde. Fynn hat mich höhnisch grinsend darüber aufgeklärt, dass Bären in der schwulen Community einen festen Platz haben und es viele Männer gibt, die auf Fell stehen.
Tja, schön für sie, aber zum einen bin ich nicht schwul und mich stört es ungemein. Ich bin Sportler, mein Körper ist durchtrainiert. Pralle Muskeln, die ich durchaus gern zur Schau stelle. Vielleicht bin ich ein bisschen eitel, aber ich trainiere hart für mein Aussehen und deshalb ...
Ich seufze und drehe mich vor dem bodentiefen Spiegel im Schlafzimmer. Ich bin nackt, theoretisch jedenfalls ... Praktisch wuchern da überall Haare. An meinen Beinen, Brust, Bauch und Arsch. Erstaunlicherweise ist mein Rücken bisher recht kahl. Ich spanne die Muskeln in verschiedenen Posen an und verliere mich einen Moment in dem Anblick. Deltamuskel, Trapezmuskel und der große Rückenmuskel. Sie sind alle wunderbar ausgeprägt. Perfekt abgestimmt, so wie der Rest meines Körpers. Ich bin ein heißer Kerl, der allerdings in letzter Zeit wenig Gelegenheit hatte, sich Frauen zu präsentieren. Ich suche nicht aktiv nach einer festen Freundin, aber ein bisschen Spaß darf es schon sein, ehe ich dreißig bin und der Verfall nicht mehr aufzuhalten ist.
Dazu muss ich mich zuerst von den lästigen Haaren befreien. Ich habe schon so viele Produkte probiert, falle nahezu auf jede Internetwerbung rein und träume davon, dass irgendein Schaum endlich mal hält, was er verspricht. Draufsprühen, abwischen, fertig und das für mindestens zwei Wochen. Keine Rasierpickel, keine eingewachsenen Haare ... Ich seufze erneut, grummle frustriert und betrachte das Paket, das neben mir auf dem Bett liegt. Eine neue Lieferung. Kaltwachsstreifen, die besonders schonend und langanhaltend die Haare entfernen ... hatte ich schon erwähnt, dass ich ein williges Opfer von Internetwerbung bin?
Ich werde sie jetzt ausprobieren, um dann mit perfekt glatter Haut in meine Lieblingskneipe zu gehen. Im Idealfall springt ein kleiner Flirt dabei heraus, eine heiße Nacht. Verdammt, allein der Gedanke daran lässt mich hart werden. Ich bin dermaßen untervögelt, dass es schon peinlich ist.
Vermutlich ficken Aaron und Fynn jede Nacht, tagsüber womöglich auch. Und Linus und Clyde treiben es ebenfalls wie die Karnickel. Nur ich bin übriggeblieben. Natürlich haben die fickenden Pärchen keine Lust mehr auszugehen. Wir waren schon ewig in keinem Club, weil der Aufwand ja angeblich so groß ist. Die Unannehmlichkeiten einer Kleinstadt. Bis zum nächsten guten Club müssen wir mindestens eine Stunde fahren. Einer von uns darf dementsprechend die ganze Nacht keinen Alkohol trinken oder wir planen ein Hotel ein. Aaron und ich haben früher oft im Auto gepennt. Früher ... abermals entkommt mir ein frustriertes Seufzen. Vielleicht sollte ich mal allein losziehen. Immerhin gehe ich heute in meine Lieblingskneipe. Das ist zumindest etwas, was das Kleinstadtleben zu bieten hat.
Aufmerksam lese ich den Beipackzettel der Kaltwachsstreifen, reibe über mein Bein, um die Wuchsrichtung der Haare zu ermitteln und drücke einen Streifen mit der klebrigen Masse auf meinen Oberschenkel. Ich zähle innerlich bis zehn, greife den Rand des Papiers, kneife die Augen zu und ziehe.
»Wahhh, scheiße, tut das weh«, brülle ich und verliere beinahe das Gleichgewicht.
Wild mit den Armen rudernd richte ich mich auf und betrachte abwechselnd den Streifen in meiner Hand und das Stück Haut, auf dem er bis eben geklebt hat. Die Haut ist recht glatt, das Wachs dagegen behaart.
»Okay, das scheint zu klappen« feuere ich mich an und klebe mit einem Hauch Enthusiasmus den nächsten Kaltwachsstreifen auf mein Bein.
Ich bin ein harter Kerl. Ich bin Maurer. Sportler. Bin mit einem angerissenen Muskel drei Kilometer mit dem Rad nach Hause gefahren, aber nach dem fünften Streifen fühle ich mich wie ein Baby und kann nur schwer die Tränen zurückhalten, die sich aus meinen Augen stehlen.
»Ein Bein ist fast geschafft«, ermuntere ich mich und presse die Lippen fest zusammen, als ich die Tortur fortführe.
Es klingelt an der Wohnungstür. Echt jetzt? Ich schaue an mir runter. Der hellblaue Streifen klebt an meiner Wade. Ansonsten bin ich nackt.
Erneut durchdringt das Geräusch der Klingel die Stille. Flink schlüpfe ich in Shorts, werfe mir auf dem Weg zur Tür ein Shirt über und reiße sie beim dritten Läuten auf.
»Hi.« Eine Frau steht mir gegenüber. Ihre blonden Haare hat sie zu einem Zopf geflochten. Das dunkelblaue Strickkleid erscheint mir etwas zu warm für die Jahreszeit. Sie hält ein Paket in der Hand und mustert mich ebenso intensiv wie ich sie.
»Ähm, hi«, antworte ich und spüre, wie ihr Blick an meinem nackten Bein hängenbleibt. Da klebt nicht nur der Papierstreifen, sondern auch der Rest des hellblauen Wachses.
»Ich bin deine neue Nachbarin. Anja Hoffmann.« Sie deutet auf die Tür gegenüber.
Ich erinnere mich, dass dort vor ein paar Wochen jemand eingezogen ist, nachdem die alte Frau Beyer in ein Pflegeheim musste. Bisher sind wir uns noch nicht bewusst über den Weg gelaufen.
»Freut mich, Anja Hoffmann«, erwidere ich mit einem aufrichtigen Lächeln.
Ich vermute, dass sie ein paar Jahre älter ist als ich, aber Alter ist nur eine Zahl und ich mag blonde Haare, vor allem mit so einem rötlichen Akzent. Ein anderes Bild schiebt sich in mein Gedächtnis. Dieser blöde Schauspieler mit seinen kupferfarbenen Haaren und den verdammten Sommersprossen, der mich grundlos als Arschloch bezeichnet hat. Ich schüttle die Erinnerung ab.
»Also, was kann ich für dich tun?«, frage ich in einem flirtenden Tonfall.
Sie grinst und hält mir das Paket entgegen. »Der Postbote stand gerade, als ich nach Hause gekommen bin, vor der Tür und hat mir das für dich mitgegeben.«
»Oh, danke! Das ist ... echt nett von dir.«
»Offenbar bist du gerade ziemlich beschäftigt.« Sie zeigt auf mein Bein.
Ich nicke und grinse verlegen. Vermutlich sehe ich aus wie ein Idiot, mit den ganzen Wachsresten.
»Ich hasse Waxing. Das tut scheiße weh. Da bleibe ich lieber beim Rasierer.«
»Tja, zu dieser Erkenntnis gelange ich auch allmählich.« Ich nehme ihr das Paket aus der Hand, denn es wird Zeit, diese peinliche Situation zu beenden. Es kommt hoffentlich eine bessere Gelegenheit, um die Nachbarin kennenzulernen. »Danke jedenfalls für das Paket und ich revanchiere mich demnächst mal mit einem Kaffee oder so ...«
»Klingt gut«, erwidert sie, winkt kurz und dreht sich um.
Ehe ich die Tür schließe, höre ich, wie sie den Schlüssel gegenüber ins Schloss steckt. Erfüllt von Hoffnung gehe ich ins Wohnzimmer und stelle den Karton auf den Tisch. Vielleicht bietet sich schneller eine Gelegenheit als gedacht. So etwas wie Freundschaft plus wäre perfekt. Fuck, ich bin wirklich untervögelt. Das muss sich schleunigst ändern.
Die kleine Atempause hat gutgetan. Mit Elan bringe ich die Quälerei aus der Hölle zu Ende. Zugegeben, meine Beine sind glatt wie der sprichwörtliche Babypopo, aber ebenso empfindlich. Probeweise klebe ich einen Streifen auf meinen Arsch und entscheide, dass ich das auf gar keinen Fall durchhalte. Die Stelle wird gleich feuerrot, als hätte mir jemand auf den Hintern geschlagen. Ich steh nicht auf diese Art von Schmerzen.
Nach einer ausgiebigen Dusche verbringe ich Zeit auf dem Sofa mit einem Actionfilm, der eher lahm ist. Ich nehme mein Handy, um mich im Chat bei Aaron zu beschweren, dass er mich allein lässt.
Komm rüber. Wir bestellen Pizza, schlägt er vor.
»Wie geht es Bridezilla?«, tippe ich. Vor meinen inneren Augen entsteht eine Mischung aus Fynn und Godzilla mit einem Schleier auf dem Kopf. Ich lache und schäme mich zugleich, denn mein Bruder hatte es in den vergangenen Jahren nicht leicht und jedes Recht, ein bisschen hysterisch vor dem großen Tag zu sein. Sie werden heiraten. Diese Tatsache passt immer noch nicht in meinen Kopf. Fynn und Aaron. Mein Bruder und mein bester Freund. Das klingt echt unrealistisch.
Es ist nicht einfach, antwortet Aaron mit einer Reihe lachender Emojis.
»Soll ich dich entführen? Ein Männerabend in der Bar 2.0?«
Ich glaube nicht.
»Spaßbremse. Wie hat mein Bruder es geschafft, dich zu so einem Langweiler zu machen?«
Er bläst mir einen. Das kann er richtig gut.
»Fuck, Aaron. Das will ich wirklich nicht lesen.«
Ficken ist auch großartig.
»Verdammt!«
Ich bekomme weitere lachende Emojis zur Antwort und lege grummelnd das Handy zur Seite, um mich wieder dem Film zuzuwenden. Auf die ankommenden Nachrichten reagiere ich nicht, bis mein Telefon klingelt.
»Hey Bruderherz«, nehme ich mit einem breiten Grinsen das Gespräch an und drücke die Pausentaste auf der Fernbedienung.
Ich gehöre leider zu den Menschen, die sich nur schwer auf verschiedene Dinge gleichzeitig konzentrieren können. Selbst wenn der Film noch so langweilig ist, würde er mich visuell von der Unterhaltung am Telefon ablenken, was wiederum meinen Bruder empören würde. Da gehe ich lieber kein Risiko ein.
»Müssen wir uns Sorgen machen?«, fragt Fynn, ohne die Begrüßung zu erwidern.
»Natürlich nicht.«
»Warum kommst du dann nicht zu uns, Julius? Du musst nicht allein in deiner Wohnung sitzen. Oder sollen wir dich besuchen? Wir bringen Döner mit und ...«
»Ich brauche keinen Babysitter«, unterbreche ich ihn und spüre, wie es heiß in meinem Bauch wird. Ich will nicht wütend sein, aber es fällt mir nicht leicht, wenn ich das Gefühl habe, dass sie mich wie ein ausgesetztes Kätzchen behandeln. »Das hast du doch viel zu viele Jahre gemacht. Mir geht es gut. Ausgezeichnet.«
»Du musst nicht gleich so übertreiben«, murrt Fynn, was dafür sorgt, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme.
»Ich habe mich heute mit Kaltwachsstreifen gefoltert«, erzähle ich spontan, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, niemanden von dieser Tortur zu berichten.
»Ich brauche mehr Informationen«, springt Fynn sofort auf das Thema an. »Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schmerzhaft war es?«
»Einhundert«, knurre ich und versuche, das fiese Lachen von Fynn und Aaron, das in meinen Ohren hallt, zu ignorieren.
»Einhundert?«, wiederholt Aaron aus dem Hintergrund. »Kann es sein, dass du ein Weichei geworden bist?«
»Du kannst doch gar nicht mitreden, Mister Haarlos!« Es ist total ungerecht, dass Aaron dermaßen spärlich am Körper behaart ist.
Wir geraten in ein Wortgefecht über Körperbehaarung, bei dem ich noch einmal sehr ausführlich den Schmerz beschreibe. Endlich haben sie Mitleid mit mir und bedauern mich angemessen.
»Da fällt mir noch ein: Wieso zur Hölle erzählst du mir nicht, dass du Yori Wilson kennst? Julius, ich bin dein Bruder und du verheimlichst mir diese großartige Sache. Ich meine, Yori Wilson ...« Fynns Stimme nimmt einen schwärmerischen Klang an.
Er plappert weiter und ich höre nur mit halbem Ohr zu. Schon wieder erscheint das Bild dieses Mannes in meinem Kopf. Inzwischen habe ich zumindest die Serie gegoogelt, in der er einen englischen Prinzen spielt, der inkognito in Köln lebt und sich in seinen Mitbewohner verliebt ... Oder der Mitbewohner in ihn? Oder war er in den Chef der Werbeagentur verknallt, in der er ein Praktikum macht? Ach, verdammt, ich habe da nicht durchgeblickt, und ich werde Fynn auf gar keinen Fall danach fragen.
»Bist du noch dran? Julius, wieso antwortest du nicht?«
»Ähm, sorry. Ich war kurz abgelenkt. Was hast du gesagt?«
»Witzig«, knurrt mein Bruder. »Also, was weißt du über Yori Wilson? Oder besser gefragt, woher kennt er dich?«
»Wir kennen uns nicht«, beteuere ich und verdrehe genervt die Augen. »Ich weiß auch nicht, woher er meinen Namen wusste. Ich habe es auch schon deinem zukünftigen Gatten ausführlich erklärt: Das muss ein blöder Zufall gewesen sein. Hast du dich wenigstens über die Autogrammkarte gefreut?«
»Wieso hast du deine zurückgegeben? Das war unhöflich.«
»Habe ich damit etwa sein Ego verletzt?«, frage ich spöttisch. »Du weißt, ich war noch nie diese Art von Fan. Ich sammle keine Autogramme, keine Zeitungsausschnitte und ich gebe auch kein Geld für VIP-Karten oder Merchandise aus. Wäre es also höflicher gewesen, die Karte anzunehmen und sie im Müll zu entsorgen?«
»Nein«, brüllt Fynn in mein Ohr.
Ich mustere das Display meines Handys, ob es von dem schrillen Ausruf gerissen ist. Das Glas ist stabiler als gedacht. »Was dann? Wolltest du zwei Karten?«
»Ich hätte meiner Arbeitskollegin eine abgeben können. Wir haben schon überlegt, ob wir spontan zur Burg fahren, um bei den Dreharbeiten zuzuschauen.«
»Du meinst, um diesen Yori anzuschmachten?«
»So ist es nicht, aber wir würden ihm gern zeigen, dass wir ihn unterstützen und seine Rolle, sowohl in der Serie als auch in dem Film, ganz wundervoll finden.«
»Was sagt denn Aaron dazu?«
»Ich halte mich da raus. Wenn Fynn eine Regenbogenfahne im Hof der Burg schwenken will, dann werde ich ihn ganz bestimmt nicht aufhalten.«
»Du bist so ein guter Freund!«, rufe ich ironisch.
»Der Beste«, bestätigt Fynn und fängt erneut an, von diesem Schauspieler zu schwärmen, während Aaron und ich ihn so lange aufziehen, bis wir alle drei lachen.
Der fiese Knoten in meinem Bauch löst sich allmählich auf. Ich weiß, dass ich immer ein Teil unserer Gruppe sein werde, selbst wenn ich mich im Moment allein fühle. Nicht nur, weil ich der einzige Single bin. Aaron war zuerst mit Ella zusammen. Und Fynn hat zurückgezogen gelebt. Immer auf der Hut, dass jemand seine Gefühle erkennt. So sehr darauf bedacht, unsichtbar zu sein, dass er gar nicht bemerkt hat, wie wichtig er für uns ist. Er ist mein großer Bruder, obwohl ich lange auf ihn aufpassen musste. Verdammt, ich würde auch jetzt sofort losziehen, um ihn zu retten, um ihn zu beschützen. Aber nun hat er Aaron an seiner Seite.
Seitdem mein bester Freund aus seiner Fakebeziehung mit Ella geflohen ist, möchte er keine Minute ohne Fynn verbringen. Ich versuche es zu verstehen, aber ich habe bisher für niemanden so tief empfunden. Es erscheint mir eher kitschig und albern, doch das sage ich den beiden nicht. Über Gefühle rede ich grundsätzlich nicht gern. Ich bin nicht mal sicher, ob ich mich je dermaßen heftig verlieben könnte. Wenn ja, wäre es doch schon mal passiert, oder?
Als der Abspann des Films läuft, schalte ich zurück auf den Startbildschirm und betrachte eine Weile die bunten Vorschaubilder. Das Telefonat und die Handlung, die am Ende doch recht spannend war, haben mich dermaßen eingelullt, dass ich jetzt am liebsten auf dem Sofa liegen bleiben würde. Ein chilliger Netflixabend. Leider gab es davon in letzter Zeit verdammt viele. Mühsam raffe ich mich auf, um meinen Plan, auf ein Bier in die Stadt zu gehen, umzusetzen. Daran, eine Frau abzuschleppen, denke ich nur halbherzig. Vielmehr hoffe ich, ein paar Bekannte zu treffen, um ein bisschen zu plaudern.
Der Stoff meiner Lieblingshose fühlt sich kühl auf der glatten Haut an. Die roten Flecke sind inzwischen zum Glück verschwunden. Das Hautbild ist nahezu perfekt. Ich wünsche mir inbrünstig, dass es eine Weile so bleibt. Das dunkelgraue Hemd passt zu meinen Augen. Ich richte den Zopf neu, stecke Portemonnaie, Handy und Schlüssel ein und ziehe meine Jeansjacke an.
Die Bar liegt am anderen Ende der Stadt, aber die Entfernung ist locker zu Fuß zu bewältigen. Mein Bruder würde das anders sehen. Für ihn ist jeder Schritt zu viel. Ich habe eher den Eindruck, mich in letzter Zeit zu wenig zu bewegen, da nutze ich die Gelegenheit, um eine kleine Sporteinheit in den Alltag zu integrieren.
Der Aufbau unserer Firma ist anstrengend und zeitintensiv. Es ist eben etwas anderes, angestellt zu sein und zum Feierabend nach Hause zu gehen oder als eigener Chef nach einem langen Tag auf der Baustelle E-Mails zu beantworten, Rechnungen zu schreiben oder mit zukünftigen Auftraggebern Besichtigungen zu vereinbaren. Aaron und ich teilen die Büroarbeit auf und Fynn hilft uns, aber am Ende des Tages bleibt nur wenig Zeit für andere Aktivitäten.
Ich schüttle die bedrückenden Gedanken ab, flitze die Stufen nach unten und verlasse das Gebäude. Die Luft ist kühl. Es riecht nach Regen. Ich werfe einen Blick zum Himmel, der wolkenverhangen ist und mich für ein paar Sekunden an meiner Entscheidung auszugehen zweifeln lässt. Dann setze ich mich in Bewegung.
Das Neubaugebiet, in dem ich wohne, liegt am Rande der Stadt. Aaron und ich haben an den Mehrfamilienhäusern mitgebaut. Damals haben wir für Aarons Vater gearbeitet. Er ist der größte Bauunternehmer der Stadt, vermutlich sogar des Landkreises. Ich dachte, wir würden bei ihm Karriere machen, doch Aarons Outing hat alles verändert.
