Erschütterung - Sarah Haberkern - E-Book

Erschütterung E-Book

Sarah Haberkern

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Beschreibung

Mike Flinders begibt sich auf Geschäftsreise und entfernt sich von seinem gewohnten Umfeld. Seine charakterlose Person ist den Umwälzungen von außen nicht gewachsen, wodurch er sich selbst und sein Leben verliert

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Seitenzahl: 32

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sarah Haberkern

Erschütterung

Kurzgeschichte

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Impressum neobooks

Kapitel 1

An einem sonnigen Maimorgen umarmte Mike Flinders seine Kinder und seine Frau und trat eine seiner regelmäßigen Geschäftsreisen an. Mike Flinders stammte aus Chiswick London und war Vertreter einer Telefongesellschaft, die ihre Netze auch im Ausland etabliert hatte und derzeit den türkischen Mobilfunkmarkt im Visier hatte. Mike, der in den weniger spektakulären Vierteln Londons groß geworden war, hatte schon als Jugendlicher türkische Freunde gehabt und war daher besser als andere mit der Sprache vertraut. Daher hatte ihn seine Firma ausgesucht, um regelmäßig nach Istanbul zu fliegen, Kontaktpersonen zu treffen und nach Immobilien für erste Filialen Ausschau zu halten. Mike war schon zuvor rund zwanzig mal in Istanbul gewesen. Er kannte die Vertreter vor Ort, kurz, er machte sich wenig Gedanken. Das passte nicht zu ihm.

Er hatte immer getan, was er für notwendig hielt, hatte sein Fähnchen geschickt nach dem Wind ausgerichtet und es so doch zumindest etwas aus seinen ursprünglichen Verhältnissen heraus geschafft. Sein Interesse galt seinem Aufstieg, den Moden seiner Peer-Group und auch seine Frau hätte den geringfügigen Aufstieg nicht biederer und konservativer verfolgen können. Doch Mike war damit eigentlich ja fast zufrieden. Er hatte sich oder das, was er einmal gewesen war, so oft verleugnet und kompromitiert, dass er vergessen hatte, wer er eigentlich war und was er wollen könnte. Geblieben war eine Leere, die er gekonnt mit gesellschaftlichen Ereignissen, Geschäftsessen, momentanen Wünschen, neuster Mode, neusten Filmen, neustes Theaterstück, neues Lokal und dergleichen mehr zu füllen wusste.

Ja, es erweckte den Anschein, er und seine Frau stünden mitten im Leben, hätten unzählige Interessen, kleine Sorgen, Beschäftigungen, ja er hatte immer zu tun. Er war in Bewegung, glitt von Ereignis zu Ereignis, was er verpasste war, dass er in Wirklichkeit unfähig war, innezuhalten und zu rasten, da ein Moment zuviel Reflextion, eine Stunde auf sich selbst zurückgeworfener Zeit, genau das war, dem er seit nunmehr Jahrzehnten konsequent aus dem Weg ging.

Doch da er, wie gesagt, sehr beschäftigt war, fiel Mike diese eine kleine, doch so elementare Trübung der Hauptfacette seiner Persönlichkeit kaum ins Auge. Im Gegenteil er war, wie immer in Bewegung, voll von leerer Begeisterung, und vor allem etwas Hektik, was er liebte, da es alles, nicht aufs kurzfristige Ziel ausgerichtete Denken verbat.

So begab er sich mit dem Minicab zum Flughafen, vertrieb sich die Zeit in den Boutiquen, bestieg die Maschiene und trank einen Whiskey-Soda. Cool und erfahren im Jetset-Leben schlief er ein und verschlief den Flug inklusive Absacker kurz vor Istanbul, bei denen nur die Touristen Angst hatten. Alle Vielflieger wie er kannten sie schon.

Er verbrachte vier lebhafte Tage in Istanbul, besichtigte potentielle Läden, traf Bekannte, ging mit Telefonvertretern vor Ort Raki trinken, Billard spielen und lief angetrunken durch Taxim. Kurz, er verbrachte seine Zeit, wie er meinte, weltmännisch gewandt mit genau dem, was er geplant hatte. Er war auch mit dem Spagat als Europäer im Orient schon vertraut und nichts konnte ihn verwirren, er fühlte sich wohl in seiner Haut und seinem Leben und hätte sich zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellen können, was im Folgenden geschah.

Am letzten Abend war er in seinem Stammlokal, aß Shepperd Salad und Dorade und trank mit Freunden Bier. Peter, ein Bekannter, der mit Teppichen handelte, erwähnte am Rande, dass seine Mutter heute aus Kanada eingeflogen sei, dass sie nun schon im Bus von Sabia Görkin nach Taxim unterwegs sei. Er war froh, dass sie da war, weil irgendein Vulkan ausgebrochen war.

Ein Unterhaltungsfetzen in der abendlichen biergeschwängerten Konversation. Mike war zu sehr mit letzten geschäftlichen Instruktionen, zuprosten und seiner Art, sich nur mit dem Nächstliegenden zu befassen, beschäftigt, als dass er sich hätte vorstellen können, dass ihn das betreffen könnte.