Erwachsenenspiele Band I - Diana Stevens - E-Book

Erwachsenenspiele Band I E-Book

Diana Stevens

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Beschreibung

Oft sind es Kindheitserlebnisse, die uns irgendwann im Leben einholen. Diese Erlebnisse sind es, die oftmals das gesamte Leben des Betroffenen auf den Kopf stellen. Das Geschlecht spielt meist eine nebensächliche Rolle. Es gerät komplett aus den Fugen, und das bisher geführte Leben scheint immer weiter in die Ferne zu rücken. Man hat das Gefühl, vor einem riesengroßen Problem zu stehen, wie soll man damit umgehen, war das geführte Leben eine Lüge oder ist alles nur ein schlechter Traum? Doch sehr schnell bemerkt man, dass es weder ein Traum noch eine Einbildung ist, denn man zweifelt an sich selbst, an seinem Verstand und doch ist es wahre Realität. Es beginnt erst ein Chaos, nach einiger Zeit hat man es im Griff - weil man ja nicht auffallen möchte. Man behält es zunächst für sich, doch irgendwann wird der Druck auf die Psyche so groß, dass man sich einfach irgendjemandem anvertrauen muss, nur wem? In diesem Fall war es ein exzellenter Psychologe, ein Professor der Universität Regensburg, den ich zufällig auf einer Vernissage Wochen zuvor kennen gelernt hatte. Die Suche nach meiner wahren Identität in der Hoffnung auf ein glücklicheres Leben begann. Diana Stevens

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Zum Inhalt dieses Buches

Kapitel I Der Koffer Vertrauen für inneren Frieden

Kapitel II Das rote Kleid Menschen tun oft Dinge, die sie selbst nicht verstehen

Kapitel III Der Professor Gesuchte Hilfe ist oft verstandene Hilfe

Kapitel IV Der falsche Freund Nur ein Freund sieht dir in die Augen

Kapitel V Tante Ida Auch wenn du es denkst, du bist nicht allein…

Kapitel VI Mein Glaube Glaube an dich, und dir wird geholfen

Kapitel VII Das Kinderheim Oftmals die letzte Rettung für Körper und Seele

Kapitel VIII Wieder zu Hause Fremd in der eigenen Familie

Kapitel IX Mein Lehrer Die Flucht in das Wissen

Kapitel X Mein Freund Onkel Willi Ich reiche dir meine Hand

Kapitel XI Mein Vater Unverständnis kennt keine Gnade

Kapitel XII Lisa, meine erste Liebe Eine immer wiederkehrende Sehnsucht

Kapitel XIII Die Prüfung Die Fahrkarte in ein neues Leben

Erscheinungsdaten der nachfolgenden Bände mit entsprechenden Inhaltsangaben

Zum Inhalt dieses Buches

Oft sind es Kindheitserlebnisse, die uns irgendwann im Leben einholen.

Diese Erlebnisse sind es, die oftmals das gesamte Leben des Betroffenen auf den Kopf stellen. Das Geschlecht spielt meist eine nebensächliche Rolle. Es gerät komplett aus den Fugen, und das bisher geführte Leben scheint immer weiter in die Ferne zu rücken. Man hat das Gefühl, vor einem riesengroßen Problem zu stehen, wie soll man damit umgehen, war das geführte Leben eine Lüge oder ist alles nur ein schlechter Traum?

Doch sehr schnell bemerkt man, dass es weder ein Traum noch eine Einbildung ist, denn man zweifelt an sich selbst, an seinem Verstand und doch ist es wahre Realität.

Es beginnt erst ein Chaos, nach einiger Zeit hat man es im Griff weil man ja nicht auffallen möchte. Man behält es zunächst für sich, doch irgendwann wird der Druck auf die Psyche so groß, dass man sich einfach irgend jemandem anvertrauen muss, nur wem?

In diesem Fall war es ein exzellenter Psychologe, ein Professor der Universität Regensburg, den ich zufällig auf einer Vernissage Wochen zuvor kennen gelernt hatte.

Die Suche nach meiner wahren Identität in der Hoffnung auf ein glücklicheres Leben begann.

Diana Stevens

Kapitel I

Der Koffer

Vertrauen für inneren Frieden

 

Nicht immer laufen die Dinge so, wie man sich es wünscht, und bei mir war der sogenannte Normalzustand bereits schon lange in Vergessenheit geraten.

Während ich nachdenklich aus dem Fenster des Zuges sehe, der in Richtung Süden fährt, denke ich über die letzten Monate und Jahre meiner Krankheit nach. Wie oft war ich kurz vor der Verzweiflung, denn viele Dinge liefen nicht mehr so, wie sie eigentlich normalerweise laufen sollten. Aber was ist in dieser Zeit schon? Auf jeden Fall war es besser für mich, dass ich an einer sogenannten Reha-Maßnahme teilnehmen sollte. Es war mir schwer gefallen, mein vertrautes Zuhause für ein paar Wochen zu verlassen, und plötzlich innerhalb von zehn Tagen mein Heim mit dem Reha-Platz einzutauschen. Na ja dachte ich grübelnd so vor mich hin, fünf Wochen sind schnell vorbei, aber es sollte ganz anders kommen!

Ein altes Bauernhaus, manche würden sagen Bauernkate in Nordfriesland nahe der dänischen Grenze hatte es mir angetan, ich bewohnte es ganz allein. Etwas abseits des Dorfes gelegen, ganz allein und ruhig, ohne Trubel und fern von Großstädten, hier konnte man mit Freude alt werden. Und allein deshalb habe ich mir dieses Haus auch gekauft, vor allem ist es mein erstes richtiges zu Hause. Ihr wisst, was ich meine, man sieht etwas, und sagt zu sich selbst - das ist es -! Auch wenn es etwas abseits lag, so war es doch einfach, nächst gelegene Städte mit der Bahn zum Großeinkauf zu erreichen.

Wie jedes Mal, wenn ich bereits unterwegs war, stellte ich mir die Frage, alles abgeschlossen und ausgemacht, in Gedanken ging ich dann meistens noch einmal alles durch, und beruhigte mich dann selbst, ja, alles ist ok, du hast an alles gedacht, bleibe ruhig!

Ich liebe das flache Land die Weite und die saftig grünen Wiesen und nicht zu vergessen den trockenen norddeutschen Humor. Ich war an der Nordseeküste groß geworden, ich kenne also das raue Klima hier. Die schier nicht enden wollenden Wintermonate, mit ihren Orkanen und Schneeverwehungen, das war nichts für zarte Menschen. In diesen Monaten kam man aus den Gummistiefeln nicht raus. Das nasskalte Wetter zerrte an der körperlichen Substanz, besonders wenn der erbarmungslose Ostwind über Wochen die Oberhand hatte und alles gefror.

Nun aber saß ich im Zug und brauchte für ein paar Wochen nicht daran zu denken.

Mein mitgebrachter Kaffee ging auch zur Neige, und während ich meine leere Tasse wieder verstaute, kam die nächste Frage auf! „Frl. Schmidt“ und „Sir Henry“ größenmäßig überragten sie mich bereits, aber benehmen sich wie pubertierende Kinder. Ich werde sie vermissen, aber sie sind ja gut versorgt, das hat man mir versichert!

Frl. Schmidt hat ellenlange Beine, ist schwarz, und hat es faustdick drauf, wenn sie mich mit ihren großen dunklen Augen ansieht, muss ich immer schmunzeln. Sie hört mir genau zu, dass, was sie verstehen will, da verzieht sie keine Miene. Frau eben! Aber wehe, es geht nicht nach ihren Wünschen, dann zickt sie herum, und der arme Sir Henry bekommt alles ab!

Sir Henry hingegen ist eher schüchtern und einer zum Knuddeln, wie halt junge Männer in der Pubertät sind, aber er ist ein ganz lieber Kerl. Er blickt mich immer ganz verliebt an, wenn wir uns dann näher kommen und ich ihn über den Kopf streichle, wird Frl. Schmidt total eifersüchtig, sie drängt sich dann immer zwischen uns. Aber es ist eine tolle Freundschaft zu dritt, ich nenne es immer eine moderne WG, jeder, der mich kennt, weiß, was damit gemeint ist, nein, nicht so wie ihr denkt, es ist kein wildes Durcheinander und so!

Nein, das verhält sich wirklich ganz anders!

„Frl. Schmidt“ ist ein Angus Rind besser gesagt eine Kuh, und „Sir Henry“ ist ein Jersey Rind, also ein Bulle. Beide habe ich schon von klein an, ich habe sie großgezogen, also noch einmal: es sind beides Rinder! Die beiden passen wie die Faust aufs Auge, oder wie Arsch auf Eimer, wie man so schön zu sagen pflegt.

Wie schon erwähnt, ich selbst lebe seit ein paar Jahren allein, und damit ich mich nicht so einsam fühle, halte ich mir eben Haustiere wie Rinder, Schweine, Schafe, Gänse, Enten, Hühner also alles, was Krach und viel Arbeit macht. Meine stummen Freunde im See, die Fische, hätte ich fast vergessen! Das also ist meine moderne „WG“, es macht mir sehr viel Spaß, und nur sehr wenige verstehen es wegen der vielen Arbeit, die mit dem Halten von Tieren verbunden ist.

Alles hat seinen Preis, aber dafür bin ich nicht einsam, und habe eben durch diese Tiere gelernt, es gab nämlich eine Zeit, die ich nicht wieder erleben möchte, aber dazu später.

Diese Bahnstrecke Westerland – Hamburg zieht sich immer so lange hin, ich ärgere mich jedes Mal aufs Neue über diese Zeitverschwendung. Die Bahn hat für alles unnötige Geld, nur nicht für Deutschlands lukrativste Bahnstrecke auszubauen, da fehlt es anscheinend an entschlussfreudigen Verantwortlichen. Ich kenne fast alle Kliniken in Schleswig-Holstein, aber diese Strecke ist nur peinlich.

Endlich Elmshorn und gleich Hamburg. Auch in Hamburg habe ich für einige Zeit gewohnt. Eine große Stadt mit viel Flair und Internationalität, aber noch mal, hier wohnen, nein danke. Diese Menschenmassen auf Dauer ist nichts für mich, ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe in Stadtteilen gewohnt, wenn man Pech hat klaut man einem den Hund von der Leine, ohne dass man etwas davon bemerkt. Diese Brennpunkte kann man nicht beseitigen, man verlagert sie nur immer wieder aufs Neue in ein anderes Stadtviertel.

Der Zug hält glücklicherweise in Hamburg-Hauptbahnhof. Ich steige aus und erlebe Menschenmengen, die für mich ungewohnt sind, ich brauche nur gegenüber in den bereitstehenden Zug Richtung Uelzen einzusteigen. Eine Reisetasche, ein Aktenkoffer, und einen Koffer so schwer wie ein Geldtransporter, ich wunder mich nur, dass es dieser Koffergriff so ohne weiteres mitmacht. Jedes Mal, wenn ich diesen Koffer bewegen muss, denke ich, hast du auch nichts vergessen? Typisch Frau, das Ding von Koffer platzt bald, und ich mache mir Gedanken, ob ich nichts vergessen habe.

Diese Liste, die man mir von der Klinik zusandte, bin ich so oft durchgegangen, eigentlich müsste ich sie auswendig können. Mach dich nicht verrückt, es sind ja nur fünf Wochen, dachte ich so bei mir.

Zumindest habe ich eine Tageszeit gewählt, in der die Züge nicht so überfüllt sind, und ich trotzdem zu der gewünschten Ankunftszeit ankommen werde. Dieser Koffer bringt mich tatsächlich noch einmal um!

Ich dachte so bei mir, ja nicht so viel bewegen, und ich habe ihn deshalb gleich in der Nähe zur Tür stehen lassen, behielt ihn aber doch im Blickfeld. In diesem Zug, ebenfalls ein Nahverkehrszug, ist es etwas ruhiger, ich sehe wieder aus dem Fenster und lasse Hamburg hinter mir. Ich stelle mir die Frage, ob es nicht doch besser gewesen wäre, den Rollstuhl für längere Wege mit zu nehmen, aber nein, ich wollte es ohne schaffen!

zu Hause brauchte ich den Rollstuhl als Gehhilfe für längere Strecken, mein Gleichgewicht war noch nicht ganz wieder hergestellt. Außerdem konnte ich meine Einkäufe damit bequem nach Hause schaffen, zuvor hatte ich selbst sogar einige Wochen im Rollstuhl verbracht.

Wird schon alles gut gehen, dachte ich so aus dem Fenster schauend, immer positiv denken, und mit einem Lächeln durch den Tag gehen. So komme ich aus meiner Einsamkeit und Wildnis in ein Getümmel von Menschen. Genau das, was ich immer vermeiden wollte, tritt jetzt ein! Lärm, egal welcher Art, tat mir nicht gut, und das jetzt in so einer großen Dosis. Ob mir das wohl gut tut, wir werden sehen!

Der nächste Gedanke. Oh, Gott, und was für Zimmer da wohl sind, Einzel-, Doppel oder Mehrbettzimmer, bloß keine Chaoten, dachte ich mir. Je näher ich dieser Klinik kam, umso nervöser wurde ich. Dann beruhigte ich mich wieder, es sind ja nur fünf Wochen, so dachte ich, aber weshalb ich wohl zu allen gesagt habe, dass ich zwei Monate abwesend bin, hmm im Moment für mich auch unerklärlich, war es etwa eine Vorahnung?

Der nächste Bahnhof war Uelzen, ich bin hier zwar immer nur durchgefahren, aber er ist mir durch sein einmaliges äußeres Erscheinungsbild wohl noch angenehm in Erinnerung. Das sollte sich jedoch jetzt schlagartig ändern, der Bahnsteig war total überfüllt, das Umsteigen eine Katastrophe, jetzt auch noch durch eine Unterführung auf einen anderen Bahnsteig, ein anderes Gleis. Vor dem Fahrstuhl stand eine Riesenschlange, ich bekam Schweißausbrüche, ich hatte ja nicht viel Zeit zum Umsteigen. Also doch die Treppe und dann das schwere Gepäck mir wurde ganz anders, OK ganz ruhig und langsam, nur nicht stürzen. Dann war es das, dann wäre die Reise hier für mich zu Ende gewesen.

Aber man wurde regelrecht voran geschoben, ich hatte Mühe, mich auf die Stufen zu konzentrieren. Unten heil angekommen, dachte ich, was ist das für ein unebener Boden, mit allem, was das Herz begehrt, Dreck und Wasserpfützen, ich hatte Mühe, mich mit dem schweren Gepäck auf den Beinen zu halten. Und diese Menschenmenge, wo wollen die nur alle hin, dachte ich so bei mir. Jetzt holte ich mir auch noch nasse Füße, was für ein Schwachkopf von Architekt hat sich denn diesen Mist ausgedacht, da gehört vor jeden Ein- und Ausgang ein Schild.

Für Leute mit Gleichgewichtsstörungen und Herzschrittmacher droht hier Lebensgefahr!

Eine Frau hätte diesen Bahnhof nicht so gebaut, denn da ruiniert man sich ja die Absätze von teuren Schuhen. Also kann es nur ein Mann gewesen sein, ich hatte mich bisher nicht näher mit dem Bahnhof Uelzen und dessen Erbauer beschäftigt.

So manches Mal dachte ich, der Griff vom Koffer verabschiedet sich jeden Moment, der knackte nämlich ganz schön verdächtig, oder die Rollen brechen raus, was dann? Ich mochte gar nicht daran denken, obwohl das wäre eine noch nie dagewesene Situation, ein absoluter Alptraum! Also würde ich ihn in diesem Falle einfach stehen lassen, diesen Koffer nimmt keiner freiwillig mit. Erstens die Farbe - pink -, dann das enorme Gewicht, jeder würde sich zuerst die Schulter ausrenken, und denken, dass da bestimmt eine Leiche drin ist. Ich lächelte in mich rein, um es weiter auszumalen, so einfach stehen lassen geht auch nicht, ein herrenloser Koffer auf einem Bahnhof zu so einer sensiblen Zeit wäre tödlich!

Das würde sofort die Bundespolizei, LKA und die Bombenspezialisten auf den Plan rufen, das würde bedeuten, keine aus- und einfahrende Züge mehr, das gesamte Bahnhofsgelände würde geräumt werden.

Toll und ich habe auch noch Unterlagen im Koffer, die über meine Person Auskunft geben, bis man dann feststellen würde, dass ich keine Terroristin bin, würden wahrscheinlich Wochen vergehen. Das in meinem Zustand wäre nicht auszudenken! Also, der Koffer muss mit, egal wie! Und wenn es in Stücken ist.

Ach du lieber Himmel, jetzt auch noch die Treppe rauf, ich glaub es ja nicht, hier steig ich nie wieder um! Diesen Architekten müsste man verklagen, zur Zeit des wilden Westens hätte man ihn am nächsten Baum aufgeknüpft!

Und viele Leute schwärmen von diesem Bahnhof, ich weiß nicht, aber es wäre schön, mal zu wissen, was die für Pillen nehmen, dass man diesen Bahnhof als schön bezeichnet, obwohl man sich sein Schuhzeug und Kleidung bei Regenwetter ruiniert, und das, obwohl er überdacht ist. Ich hatte auch nicht sonderlich viel Zeit, mich hier auch noch umzusehen, denn ich musste den letzten Zuganschluss erreichen.

Endlich stand er vor mir, ein Regionalzug in seiner ganzen Schönheit, ganze vier Wagons, ich hätte ihn umarmen können. So, lieber Koffergriff, diese letzte Hürde noch in diesen Zug einzusteigen und dann kannst du meinetwegen abreißen. Im Endbahnhof Bad Bodenteich bräuchte ich diesen dann nur noch rausschmeißen. Ich werde ohnehin vom Fahrdienst der Klinik abgeholt, ich stellte mir das gerade bildlich vor, wie ich diesem Koffer einen Tritt geben würde, dass er dem Fahrer direkt vor die Füße fliegt, aber bei meinem Glück würde ich mir wohl eher den Fuß dabei brechen. Ich musste so über dieses Kopfkino lächeln, ich hielt mich zurück, denn sonst denken die anderen Fahrgäste, ich hätte einen Knall, na ja zugegeben, ein bisschen daneben sind wir alle, oder? Sonst könnt man das Leben wahrscheinlich auf Dauer gar nicht ertragen.

Dieses abenteuerliche Umsteigen in Uelzen hatte mir sehr viel Kraft gekostet, ich war fix und alle, aber ich habe gelächelt, das bedeutete, dass noch etwas Leben in mir war.

Siehe da, der Regionalzug fuhr auch schon los, den Koffer ließ ich auch dieses Mal in Türnähe stehen, denn besser ist es, ja nicht unnötig bewegen, wäre es noch ein Umsteigebahnhof mehr gewesen, hätte man mich tot vom Trittbrett zerren können. Ach ja, so ist es, ich musste ich total zusammenreißen, um nicht laut los zu lachen.

Noch dreißig Minuten, dann hatte ich es geschafft!

Hinter mir saßen zwei Damen, die sich über den wunderschönen Bahnhof Uelzen ausließen, wie schön er doch sei. Der Künstler und Architekt Hundertwasser soll sich hier verewigt haben, also doch ein Mann, ich wußte es doch, und dass Architekten eher künstlerisch als praktikabel denken, ist allgemein bekannt. Aber der Typ muss ja eine ganz besondere Spezies gewesen sein, fachlich ist dieser Bahnhof eine Mängelruine, außerdem sind die meisten Architekten eine Art Künstler mit ganz wirren Visionen. Und bevor ich mich in dieses Gespräch einbrachte, dachte ich, Diana halt die Klappe!

Nach knapp sechs Stunden kam es dann, das lang ersehnte Bad Bodenteich, ein Bahnhof ohne viel drum herum, wie in einem Western, hier fehlten nur noch die Pferde und Postkutschen, John Wayne nicht zu vergessen. Ich hob ein letztes Mal diesen Koffer aus dem Zug und begab mich über ein weiteres Gleis in Richtung Bahnhofsausgang. Ich dachte nur an den Koffer, wenn er jetzt mitten auf dem Gleis schlapp macht und der Griff abreißt, dann lasse ich den Koffer einfach liegen und geh weiter, als wenn nichts wäre.

Aber dann fiel mir wieder ein - totale Streckensperre, man würde es erst mal als illegale Entsorgung einer eventuellen Leiche abtun -, ja, ja, ist ja gut! Ich kaufe nie wieder einen so großen Koffer. Die letzten paar Meter ging ich äußerst vorsichtig mit dem Koffer um und war dann sehr froh, als der Fahrer des Fahrdienstes der Klinik fragte: „Frau Stevens?“ Ich leuchtete förmlich auf, und es kam ein freundliches erleichtertes „Jaaa“ zurück.

Er nahm mir den Koffer ab, und als er ihn anhob, hörte ich nur – was ist denn da drin – ich lächelte ihn an und sagte nur: „Wissen Sie, für meine Oma hatte ich keine Fahrkarte mehr, und so entschied ich mich für diese Art des Transportes.“ Er hatte sichtlich Probleme, den Koffer in das Fahrzeug zu heben. Nun lächelte auch er und antwortete: „Sagen Sie mal, wie lange wollen Sie denn bei uns bleiben, ein paar Monate?“ „Nein“, sagte ich nur „Fünf Wochen“, so dachte ich jedenfalls.

Während der Autofahrt informierte ich mich bei dem jungen Mann über den weiteren Verlauf in der Klinik, er war ausgesprochen nett und zuvorkommend. In der Klinik angekommen, begleitete er mich bis zur Anmeldung und wünschte mir einen angenehmen Klinikaufenthalt und ich bedankte mich bei ihm, und so trennten sich unsere Wege, vorläufig zumindest.

Nach meinen Schätzungen durfte das Gebäude aus den achtziger Jahren sein, und wurde immer nach und nach saniert. Es lag etwas außerhalb des Ortes mitten im Grünen an einem herrlichen See, fast wie bei mir zu Hause, dachte ich so. Ich gab meine Unterlagen bei der ebenfalls sehr netten Dame am Empfang ab, und sie führte mich dann in einen Aufenthaltsraum, in dem sich schon einige Personen befanden. Sie gab mir dann einen Kaffee, und sie bat mich, hier zu warten, bis ich aufgerufen werde. In diesem Raum befanden sich außer einer langen Tischreihe mit Stühlen, einer Couchgarnitur in schwarzem Leder, einer Anrichte, auf dem Getränke standen, lediglich ein paar Bilder an der Wand, also hier konnte man sich bedienen. Und nicht zu vergessen, die verschiedenen Gepäckstücke der hier Anwesenden, die hier bleiben durften. Also bei manchen hatte man wirklich den Eindruck, die wollten hier einziehen, auch wenn sie alles andere als froh darüber waren, hier bleiben zu dürfen.

Abschied ist nicht immer ganz einfach! Besonders, wenn es sich hier um echte Liebe handelte, und nicht aufgesetzt war, nach dem Motto endlich bin ich die „Olle“ oder den „Ollen“ los -. ich fand es immer äußerst interessant, andere aus diesen Gründen zu beobachten, um sie entsprechend einzuschätzen.

Es befanden sich vielleicht zwanzig Personen in dem Raum, die auch teilweise mit Familienangehörigen zusammensaßen, um sich langsam voneinander zu verabschieden. Ich stellte mich mit dem Becher Kaffee in der Hand lehnend an die Wand, während ich genüsslich von dem Kaffee trank, sah ich mir die Anwesenden etwas genauer an, nein, nicht die Kleidung, sondern ihre Gesichter beobachtete ich aufmerksam. Diese sprachen manchmal Bände, es faszinierte mich, welche unterschiedlichen Reaktionen ein Abschied hervorbringen konnte. Von einem bedrückendem Lächeln bis hin zu Tränen, es war alles vorhanden. Ich fragte mich, wer bleibt hier, und wer fährt wohl heute wieder nach Hause? Und weshalb sind sie wohl hier? Das waren zunächst die ersten Fragen, die mich beschäftigten.

Ich versuchte, Personen einzuordnen und einzuschätzen und sah deshalb in die Runde. Dann kreuzten sich meine Blicke mit denen einer kleinen blonden Frau, sie war sehr lustig drauf und äußerst attraktiv. Bei dem einen oder anderen war es offensichtlich, dass sie hier bleiben würden. Das selbe dachten die anderen wahrscheinlich auch über mich, ich lächelte in mich hinein. Man sollte nicht über Menschen, die man nicht kennt, urteilen, das ist ein Grundsatz von mir - ist ja gut, ich halte mich daran.

Wie sich dann später herausstellte, habe ich mich bei dem/der einen oder anderen doch gewaltig verschätzt, ich wäre wahrhaftig eine schlechte Wahrsagerin. Aber ich lag auch manchmal richtig, denn ich sah sie später bei Tisch in meiner späteren Gruppe wieder.

Inzwischen holte ich mir selbst einen Kaffee, denn das Warten dauerte meiner Meinung ganz schön lange.

Nach und nach wurden sie aufgerufen, inzwischen war schon über eine halbe Stunde vergangen, der Raum hatte sich nicht nur geleert, sondern auch wieder neu gefüllt, es war zum Mäuse melken. Und jetzt waren es sogar wesentlich mehr, um ein Drittel mehr Leute.

Endlich wurde ich aufgerufen, aber dann stellte man fest, dass mein Zimmer noch nicht fertig wäre, also ging ich wieder zurück. Es war lauter als vorher in diesem Raum, es tat mir auch nicht gut, Lärm egal welcher Art ist nicht gut für mich. Ich bekomme immer Kopfschmerzen davon, ich habe dann den Eindruck, dass es bis in die Haarspitzen geht. Ein Gefühl, als wenn sich jeden Moment die Kopfbehaarung selbst entzündet, ein wirklich unangenehmes Gefühl!

Ich stellte mir das gerade bildlich vor und dann die Gesichter der Anwesenden, hurra, ich musste es mir verkneifen zu lachen, ein unterdrücktes Lächeln diente mir als Ventil. Ich hatte gelernt so mit Schmerzen umzugehen, um nicht in ein großes schwarzes Loch, welches man wohl als Depression bezeichnete, zu fallen.

Aber dann endlich, es kam mir wie eine Ewigkeit vor, ich wurde geholt, und man entschuldigte sich sogar bei mir für diese lange Wartezeit, es war immerhin über eine Stunde vergangen. Freundlicherweise nahm die Mitarbeiterin mir ein Gepäckstück ab, ausgerechnet den schweren Koffer, als sie das Gewicht allein durch das Rollen bemerkte, kam dann die Bemerkung: „Ach Sie bleiben wohl länger.“ Meine Antwort kam mit einem leichten Grinsen, welches ich mir wahrhaftig nicht verkneifen konnte: „Ja, fünf Wochen.“

Sie sah mich nur fragend an, und während wir mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock fuhren, erklärte sie mir das eine oder andere und gab mir die Unterlagen, die ich für meinen Aufenthalt benötigte.

Im dritten Stock angekommen, zeigte sie mir mein Zimmer, mein Gepäck wurde hier erst einmal abgestellt. Mit dem Fahrstuhl ging es dann wieder runter, und mit einigen anderen wurden uns dann die wichtigsten Räumlichkeiten wie Speisesaal, Vortragsräume, Erste Hilfe Station usw. gezeigt, Hier im Speisesaal endete unsere Führung. Hier wurde uns dann auch gleich der Tisch, an dem wir unsere Malzeiten zu uns nehmen sollten, gezeigt. Mein Platz befand sich am Tisch der Gruppe D6, was auch immer dieses Kürzel zu bedeuten hatte, es war im Moment auch völlig egal, denn ich hatte einen unheimlichen Appetit. Ich hätte einen gesamten Mammut samt Rüssel verdrücken können, man zauberte noch etwas hervor, es war lecker, soweit kann ich mich noch daran erinnern. Obwohl in diesem Zustand hätte ich alles gegessen, Hund, Katze, Käfer, egal was!

Reisen macht hungrig, und ich hatte ja den ganzen Tag keine Gelegenheit zum Essen, denn ich hatte nirgendwo einen nennenswerten Aufenthalt, der mir die Zeit und die Möglichkeit, für eine Bockwurst oder ähnliches zwischendurch bot.

Wie bereits erwähnt, das Essen war lecker, ich studierte die auf einer kleinen Tischkarte befindliche Sitzordnung, so wusste jeder, wo er hin gehörte, das war schon mal gut geregelt, sonst würde ich wahrscheinlich jeden Tag bei einer anderen Gruppe essen, und müsste mich jeden Tag aufs neue vorstellen, bei meinem zerstörten Kurzzeitgedächtnis würde ich wohl ein Chaos auslösen. Ich stellte mir das gerade so bildlich vor, nein, bloß kein Kopfkino jetzt! Also, wir waren zu acht am Tisch, ein Mann und sechs Frauen und ich. Wie ich das erkläre, muss ich noch überlegen, nun gut!

Was für ein Mischungsverhältnis, aber ich war hier nicht hergekommen, um eine intime Beziehung zu suchen. Ich wollte hier doch nur gesund werden! Ich hielt nichts von irgend welchen sogenannten „Kurschatten“ oder „Matratzen-Abendteuern bei solch einer Reha-Maßnahme, denn einer war immer der Verlierer, und diese waren meist noch verheiratet.

Ich nenne das absolut respektlos seinem Ehepartner gegenüber. Um auf das Essen zurückzukommen, es gab immer drei Menüs zur Auswahl, außerdem eine Salat- und Obstbar. So hatte man immer die Möglichkeit, auch eine andere Speisen-Variante zusammenzustellen. Das war so herrlich und entspannend, denn ich brauchte jetzt nicht mehr selbst zu kochen, das ist schon mal viel wert, wenn man sich nur noch selbst bedienen braucht.

Das Personal war allgemein sehr freundlich, und dem ersten Anschein nach war es in allen Bereichen so, dass man sich es gut gehen lassen konnte. Aber das wichtigste war, dass es alles Einzelzimmer waren, und jedes verfügte über eine Nasszelle, also über ein Bad. Die Sauberkeit ist vorbildlich, da habe ich schon ganz andere Sachen gesehen. Grüne Algen nicht im Meer sondern in der Dusche an der Wand, und so weit entwickelt, dass man sie hätte mit dem Rasenmäher ernten können.

Am meisten jedoch habe ich mich über das Einzelzimmer gefreut, denn auch das ist pure Erholung, die nächtliche Ruhe ist somit gesichert, schnarche und pupsen durch andere, dass sich die Bettdecke hebt und senkt, ist somit ausgeschlossen.

In einer anderen Klinik hatte ich eine Bettnachbarin, bei der setzte nachts, wenn sie schlief, immer die Atmung aus, also das war Psycho pur, morgens war ich dann am Rätseln, lebt sie noch oder ist sie schon kalt und in den ewigen Jagdgründen. Bis sie mich dann nachts einmal völlig verwirrt weckte und der Meinung war, der Bus kommt gleich, ich sollte mich schon mal anziehen. Man stelle sich vor, wir sitzen da angezogen im Bett, beide mit Handtaschen an der Hand, das mitten in der Nacht, die Nachtschwester fragt alles gut? Und sie bekommen dann zur Antwort: „Wir warten nur auf den Bus.“ Das sind Situationen, über die man lieber nicht nachdenken sollte, aus dieser Nummer wäre ich nie wieder rausgekommen. Man hätte uns beide in die Klapse gesteckt, denn jegliche Ausrede wäre hier vergebens gewesen.

Also das Essen hier im Speisesaal schmeckte mir jedenfalls, es gab an der großen Essmeile - so nenne ich mal diese Theke der Selbstbedienung - drei Menüs zur Auswahl, außerdem bestand noch die Möglichkeit, aus dem vorhandenen Angebot sich ein eigenes Essen zusammenzustellen.

Die Salat- und Obsttheke war auch interessant, sehr gut bestückt, man musste schon flink sein, um hier noch aus dem Vollen schöpfen zu können, denn das reichhaltige Sortiment war schnell vergriffen. Das war sehr oft der Fall, wenn beispielsweise vor einem ein Übergewichtiger schnaubend zum Essen anstand, diese Diät der Selbstbedienung hat niemand verstanden. Am wenigsten, wenn man diese Berge von Essen auf den Tellern sah. Davon hätte eine Kleinfamilie leben können! Man möge mir verzeihen, aber ich nannte sie immer „Saurier“, das hatten aber vereinzelte sich selbst zuzuschreiben, da, wo die am Büfett zuschlugen, war anschließend nur noch gähnende Leere. Wenn man beim Küchenpersonal Bescheid sagte, wurde auch sofort das Fehlende wieder aufgefüllt, sofern es natürlich noch vorhanden war. Allgemein war das Personal sehr freundlich und hilfsbereit, das muss man schon sagen, die Erfahrung habe ich zumindest gemacht!

Weshalb ich da war, wusste ich ja, aber all die anderen Patienten, die konnten ja unmöglich alle dasselbe haben, abgesehen von den ganz dünnen oder die ganz dicken…, ich habe noch nie so füllige Menschen gesehen, nicht in solcher Gewichtsklasse, denn manche konnten nicht einmal mehr gehen. Für mich anfangs sehr unbegreiflich, egal, was es ist, fehlende Willensstärke, oder genetisch bedingt, man würde diese Menschen nur bedingt außerhalb der Klinik begegnen, man hätte also nie die Möglichkeit, solchen Menschen gegenüber sogenannt Vorurteile abzubauen. Hier lernt man, anders damit umzugehen, sage ich mal so dahin, trotzdem ist es für mich unfassbar.

Der Speisesaal ist überhaupt die Bezugsquelle für Informationen jeglicher Art, hier trifft man alles, was sich in der Klinik aufhält, selbst die Ärzte. Ich finde es äußerst Interessant, was hier so alles herumläuft, Psychos, Depressive und… Viele Patienten wissen gar nicht, weshalb sie da sind. Krankheiten und die Menschen, die diese beherbergen, werden oft falsch eingeschätzt, hier lernt man das Ganze zu verstehen, weil man ja auch aufgrund gesellschaftlicher Vorgabe einfach - ohne genauer darüber nachzudenken - zum Mitläufer wird. Hier habe auch ich einige meiner Vorurteile gekippt!

Aber auch trotz seiner genialen biologischen Konstruktion ist der Mensch nicht fehlerfrei und nur bedingt belastbar, die Patienten, die sich hier in der Klinik befinden, haben die Warnungen des Körpers nicht bemerkt oder einfach ignoriert. Was dabei herauskommt, wissen wir alle, aber nach diesem Aufenthalt hat man die Möglichkeit, ein letztes Mal die Weichen zu stellen, um gesund alt werden zu können. Noch kranker ist dann schon balla balla, jeder weiß, was ich damit meine. Einen kleinen Knall haben wir alle, sonst würden wir den täglichen Anforderungen nicht mehr gewachsen sein, aber viele Ziele sind einfach zu hoch gesteckt. Es gibt auch Ziele, die man nicht erreichen kann, oder auch nicht erreichen sollte, die Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht. Ich habe es inzwischen verstanden, dank des Aufenthaltes in dieser Klinik!