Es kommt schon gut! - Noémie Walser - E-Book

Es kommt schon gut! E-Book

Noémie Walser

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Beschreibung

Bin ich krank? Oder doch gesund? Plötzliche Panikattacken schütteln mich aus meinem Alltag. Als angehende Sozialpädagogin fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen der Rolle als Studentin und der als Patientin. In einer psychosomatischen Rehabilitation suche ich nach Antworten, bis das Leben eine ungeahnte Wendung nimmt. «Es kommt schon gut!» beschreibt die aufregende Reise aus einer tiefen Krise und zeigt auf, wie schmal der Grat zwischen «gesund» und «krank» oftmals sein kann. Die Geschichte ist ein Erfahrungsbericht über die sensible Sprache der Seele und erzählt, wie die Gesundheit innerhalb kurzer Zeit gedeihen kann. Eine dezente Prise Humor lockert das Lesevergnügen auf.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sag zweimal Ja.

Einmal zu deiner Angst und einmal

– noch etwas lauter –

zu dem, was dahinterliegt.

-Biyon Kattilathu

Über die Autorin:

Noémie Walser, geb. 1990, befasste sich schon früh aufgrund psychischer Krisen mit der Frage nach der Gesundheit. Um die persönlichen Erlebnisse zu verarbeiten, schreibt sie seit ihrer Jugend. Im September 2017 gründet sie einen Blog, auf dem sie mit einer Prise Humor über ihr liebstes Hobby schreibt: die psychische Gesundheit. Heute lebt sie in Frasnacht (TG), Schweiz.

www.noemie-erzaehlt.ch

www.instagram.com/noemie_erzaehlt/

Inhalt

Vorwort von Noémie Walser

Vorwort von Frau Schulte, Psychologin

Anfang

Mir geht es gut. Oder?

Entscheidungen stehen an

Der Alltagstrott macht mir Angst

Klinikeintritt

Die Genesung beginnt

Begegnung mit meiner Schulter

Entspannung ist Kampfsport

Schlimmer geht immer

Mein Leben anpassen

Wolkige Aussichten

Vom Abschied – oder Neubeginn

Hallo Gesellschaft, ich komme!

Aus dem «nichts» wird ein «alles»

Herzliches Dankeschön

Vorwort von Noémie Walser

«Krise als Chance» - so oft sind mir die Worte begegnet. In einer Zeitschrift, Dokumentation, im Internet oder in meiner sozialen Tätigkeit. Was für ein Schwachsinn - wenn man Mitten darin steckt!

Das vorliegende Buch basiert auf Notizen, die ich mir während einer heftigen Krise von Januar bis Oktober 2016 notiert habe. Die Geschichte beschreibt die einzelnen Schritte, die mir in der Gesprächstherapie und ausserhalb des Sitzungszimmers dabei geholfen haben, meinen Weg zu finden. Es ist der Weg zur Selbstliebe und dem Prozess des bejahenden Loslassens. Kann ich die Krise doch noch als Chance erkennen?

Mit «Krisenzeiten» hatte ich schon in den Jahren zuvor Bekanntschaft gemacht. Als ich in die Pubertät kam, war mein Leben durch Scham und Verunsicherung besetzt. Ich versuchte meine Ängste mit mir selbst zu klären - Selbstverletzungen waren die Folge, welche ich natürlich gut vor meinem Umfeld verbergen konnte.

Nach der Schulzeit begann ich mit fünfzehn Jahren die Ausbildung zur Sportartikelverkäuferin, die ich aber nach drei Monaten abbrechen musste. Ich fühlte mich mit meiner Berufssituation und mir völlig überfordert und musste mich deshalb in psychotherapeutische Behandlung begeben.

Als ich achtzehn Jahre alt wurde, erhielt ich eine Unterstützung durch die Invalidenversicherung. Nach einer zweijährigen Stabilisierungsphase wurde die IV-Rente in eine berufliche Wiedereingliederungsmassnahme geändert und drei Jahre später hielt ich als Klassenbeste einen Lehrabschluss in den Händen.

Mein Leben lief endlich in geordneten Bahnen mit einer Vollzeitstelle in der freien Wirtschaft. Somit war ich erfolgreich im Arbeitsmarkt integriert. In meiner Freizeit beschäftigte ich mich stets mit der Frage, wo die Gesundheit aufhört und wo die Krankheit einsetzt.

Und ich wollte noch mehr.

Mehr vom Leben.

Ich hatte Träume und Visionen.

Einen beruflichen Traum setzte ich sogleich in die Tat um und erhielt einen berufsbegleitenden Studienplatz zur Sozialpädagogin. War ich jetzt also offiziell gesund? War das mein persönliches Happy End? Nun ja, genau in dieser Lebensphase fängt das erste Kapitel an.

Abgerundet wird dieses persönliche Werk durch das Vorwort meiner Psychologin, Frau Schulte. Ich freue mich sehr darüber, weil sie beim Inhalt des Buches in Form Ihrer psychologischen Arbeit mitbeteiligt ist.

Aus Datenschutzgründen habe ich Handlungsorte und Personen stark verändert. Dieses Buch ersetzt keine professionelle Hilfe. Mir ist es ein Bedürfnis, den Weg aus einer dunklen Zeit aufzuschreiben und dadurch auch zu verarbeiten. Dadurch erhoffe ich mir, dass meine Geschichte anderen Menschen helfen kann, die noch «Mitten darin» stecken. Das Buch soll vermitteln: Das Leben geht weiter und es kommt schon gut.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Noémie Walser

Vorwort von Frau Schulte, Psychologin

Sie hatten mich gefragt, ob ich das Vorwort zu Ihrem Buch schreiben wollte. Ich zögerte!

Nachdem ich dann Ihr Manuskript gelesen hatte – in einer Landschaft, die auch Ihnen sehr gefallen würde, die Bündner Berge, war mir sofort klar: ich möchte es machen und es freut mich sehr, dass Sie mich gefragt haben.

Ihre Zeilen haben mich nachdenklich gemacht, aber auch sehr glücklich, Sie über so viele Jahre hinweg therapeutisch begleitet haben zu dürfen. Nach einem Stellenwechsel meinerseits waren Sie meine erste und langjährige Klientin, wir haben viel gemeinsam erlebt und durchlebt. Klar war jeweils: Vor meiner Berentung wird alles gut und die Therapie beendet sein.

Der Weg war manchmal sehr steinig und wenn gar nichts mehr ging, schnürten wir unsere Laufschuhe. Zunächst ging es nur sehr langsam, verhalten und in kleinen Schritten vorwärts. Irgendwann kam Ihr erster Halbmarathon bis hin zum Ultramarathon. Diese Zeit war sehr wichtig, der Sport hatte Sie auch bereits als Kind geprägt, bis der Leistungsaspekt eine zu grosse Rolle einnahm und die Überforderung einsetzte.

Nach einer längeren Unterbrechung kam es nochmals zu einer heftigen Krise und das lange, zermürbende Warten auf die psychosomatische stationäre Aufnahme haben wir als den endgültigen Abschluss unseres therapeutischen Settings genutzt. Dazu haben Sie sich einen gemeinsamen Lauf gewünscht. Nun steht ein gemütlicher Lauf am Bodensee als Abschluss aus - darauf freue ich mich mit Ihnen!

Liebe Noémie Walser, ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen!

„Alles kommt gut“

Frau Schulte, Psychologin

Anfang

«Alles in Ordnung bei mir», tippe ich auf den Bildschirm meines Handys. Ich zögere beim Absenden.

Nichts ist in Ordnung und das wissen wir beide. Ich will mit diesen Worten lediglich ausdrücken, dass ich nicht reden mag. Doch warum schreibe ich ihr das nicht einfach? Es geht um mich und wenn jemand meine Zeilen verträgt, dann doch wohl sie. Sie bekommt sogar Geld dafür, dass sie mir zuhört.

In der Therapiestunde heute Mittag haben wir abgemacht, dass ich meiner Psychologin schreibe, weil es mir nicht gut geht.

Ich lösche meine Worte wieder und schreibe stattdessen von meinen Hitzewallungen, meiner Übelkeit, dem Herzrasen und dass ich Mühe habe, druckfrei zu atmen. Ich sende es tatsächlich ab, ohne nochmals nachzulesen, ob ich ein Komma vergessen habe oder die Grammatik stimmt. Ich habe andere Sorgen: überleben!

Ich lege das Handy mit nassgeschwitzten Händen unter mein Kopfkissen. Obwohl es erst achtzehn Uhr ist, liege ich bereits im Bett. Das, was jetzt in meinem Körper vorgeht, ist definitiv nicht gesund. Panik ergreift mich! Was passiert mit mir? Ich werde sterben! Es zieht in meiner Brust, meine Halsschlagader gleicht einem Bassverstärker. Ich habe das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen und brauche jemanden, der mir sagt, dass alles gut kommt. Jemand, der mich beruhigt, mir zur Seite steht und sagt, dass auch die übertriebene Übelkeit wieder weggeht.

Eine Minute nach Absenden meiner Nachricht piept es unter meinem Kopfkissen.

«Gehen Sie dringend zum Arzt», steht da.

Nicht gerade die Antwort, die mich beruhigt. In meinem Zimmer dreht sich alles, ich versuche verzweifelt mit meinen Augen an den grossen, wenig strukturierten Flächen Halt zu finden. Ich will aus dem Karussell aussteigen, sofort! Mein Kloss im Hals wird grösser, ich werde von meinem Körper ausser Gefecht gesetzt.

Mir geht es gut. Oder?

10:18 Uhr. Die Zahl auf meinem Handy strahlt mir entgegen. Die Zeit interessiert mich nicht, es war bloss Reflex, mein Handy zu zücken und nachzusehen, ob mich eine Nachricht erreicht hat. Ich bin auf der Suche nach etwas, das mir sagt, dass alles nur ein böser Traum ist. Ich fühle mich wahnsinnig müde und wünsche mir mein Bett hierher. Die Gedanken wollen nicht aufhören zu kreisen, zu viel ist in den letzten Stunden, Tagen und Wochen passiert.

Jetzt sitze ich tatsächlich im Wartezimmer meiner Hausärztin und bin mir nicht sicher, ob ich hier richtig bin.

«Frau Walser?»

Ich bin also an der Reihe, erhebe meinen Körper vom Stuhl und werde in’s Arztzimmer geführt. Mit einer Armbewegung zeigt die Praxisassistentin auf einen freien Stuhl, ich lasse mich hinein plumpsen und versuche meine Gedanken zu sammeln, die quer durch meinen Kopf fliegen.

Frau Dr. Binder, meine Hausärztin, begrüsst mich einige Minuten später und setzt sich mir gegenüber.

«Was kann ich für Sie tun?»

«Hm», sage ich.

Das ist wirklich eine gute Frage, die sie mir da gestellt hat. Ich blicke traurig auf den Boden und bin erst einmal ruhig. Das mache ich oft, wenn ich mich überfordert fühle und nicht weiss, welche Antwort auf die Frage passt. Als würde ich den Boden anflehen, mir einen Input zu geben. Aus dieser Perspektive müssen meine Augenringe vermutlich noch grösser und dunkler aussehen.

Schliesslich erzähle ich ihr davon, welche körperlichen Beschwerden mich plagen und dass es jeden Tag schlimmer wird. Im gleichen Atemzug erwähne ich die Dringlichkeit, schon bald wieder gesund zu sein, da ich nicht allzu lange bei der Arbeit und der Ausbildung fehlen möchte.

Frau Dr. Binder hört mir interessiert und aufmerksam zu. Sie nickt mir an verschiedenen Stellen im Gespräch verständnisvoll zu. Ich nicke ebenso, als sie fragt, ob ich in therapeutischer Behandlung bin.

Als ich schon vor Monaten ratlos bei meiner Hausärztin auf dem Patientenstuhl sass, war ich enttäuscht, weil mir kein Blutwert sagen konnte, dass ich krank war. Damals wurden meine Ein- und Durchschlafstörungen unter die Lupe genommen. Ich war überzeugt, dass meinem Körper etwas fehlte, um schlafen zu können. Leider wich meine Überzeugung der Ratlosigkeit - auf dem Papier war ich gesund.

Frau Dr. Binder fragte mich schon damals, ob ich gestresst sei. Vermutlich eine Routinefrage meiner Ärztin, die mich ungewollt lange beschäftigte. Ich entschied mich damals, seelische Unterstützung in Form einer Psychotherapie zu holen. Als angehende Sozialpädagogin war das keine leichte Entscheidung für mich und ich hatte Mühe, mich in Behandlung zu begeben. Der Stuhl war ja für einen psychisch erkrankten Menschen vorbehalten und nicht für eine wie mich, die mit Schlafproblemen zu kämpfen hatte. Zu Beginn plagte mich oft das Gefühl, jemanden den Stuhl wegzuschnappen, der es wirklich nötig hatte. Um mich dennoch darauf einzulassen habe ich es in die innere Kategorie «Selbsterfahrung» geschoben.

«Wie soll es weitergehen?», holt mich Frau Dr. Binder zurück in’s heutige Gespräch.

«Mit meiner Psychologin habe ich besprochen, dass wir eine psychosomatische Rehabilitation zurzeit als geeignet ansehen. Ich muss mir eingestehen, dass ich das stationäre Setting benötige, um wieder auf die Beine zu kommen. Wir haben an drei Wochen Behandlung gedacht, um dann wieder in die Ausbildung einzusteigen», meine Worte klingen traurig, aber überlegt.

Ich habe alles so geplant, dass ich so wenige Schultage wie möglich verpasse und der Arbeit nicht allzu lange fernbleibe. Tatsächlich ist es mutig, diese Worte aus meinem Mund zu hören.

Meine Ärztin nickt mit dem Kopf. «Ich schreibe Sie erst einmal für zwei Wochen krank. In dieser Zeit gleise ich für Sie den Aufenthalt in einer Rehabilitation auf. Aber drei Wochen sind schon etwas kurz für Ihre Problematik», sagt sie.

Ich zähle zusammen, dass das insgesamt ja fünf Wochen «krank» sind. Widerstreitende Gefühle machen sich in mir breit. Einerseits fühle ich mich über den Befund erleichtert, und auf der anderen Seite bedeutet diese Krankschreibung eine mehrwöchige Unterbrechung meiner Ausbildung.

Frau Dr. Binder drückt mir das Arztzeugnis in die Hand und ich verlasse die Praxis. Ich spüre, mein Leben hat sich bereits während diesem Arzttermin verändert.

Ich heisse Noémie Walser. Meine Freunde nennen mich jedoch liebevoll «Noé». An einer Schule lerne ich verschiedene Modelle und Theorien, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen professionell begleiten und unterstützen zu können. Dass ich mit Mitte zwanzig nochmals die Schulbank drücke, hätte ich mir vor zehn Jahren nicht zugetraut. Zugegeben, in meiner Schulzeit war ich eine unmotivierte Schülerin, die den Sinn hinter der französischen Grammatik und mathematischen Formeln nicht kapierte. Ich begriff nicht, warum ich das in meinen Kopf hämmern musste, um es «im späteren Leben einfacher zu haben». Zumindest sagten das die Lehrer, als ich mal wieder planlos auf eine der Prüfungsblätter vor mich hinstarrte.

Heute sehe ich den Sinn in der berufsbegleitenden Schule, weil mich der Unterrichtsstoff sehr interessiert und ich das Gelernte gleich in meinem beruflichen Alltag einsetzen kann. Es fasziniert mich, welche Faktoren dazu beitragen, dass gesunde Menschen krank werden und bestenfalls wieder gesunden. Der soziale Beruf ist das, was ich mir wünsche und wofür ich noch immer viel Leidenschaft und Energie investiere.

Ich bin glücklich damit. Oder ich war es zumindest. Denn jetzt habe ich das Gefühl, aus meinem hübsch aufgebauten Alltag gerissen zu werden. Meiner Meinung nach hat mein Körper nicht mehr alle Tassen im Schrank, in einer solchen Heftigkeit zu reagieren, dass ich sogar für die nächsten fünf Wochen nicht mehr fähig bin, an meinem Alltag teilzunehmen. Mit einer eigenartigen Stimmung gehe ich den kurzen Weg von der Arztpraxis nach Hause und informiere danach gleich meine Arbeitsstelle, die Schule und meine Psychologin. Immerhin bin ich in organisatorischen Dingen noch immer zuverlässig. So verkehrt kann mein Zustand doch nicht sein.

Am nächsten Tag bin ich zuhause und gehe nicht wie gewohnt zur Arbeit. Ich suche nach dem Unterschied von gestern zu heute. In der ruhigen Wohnung hat es genug Platz, den fordernden Gedanken in meinem Kopf nachzugehen.

Mein Zuhause ist gleichzeitig auch das Zuhause meiner Mutter. Ich habe mich für die Ausbildung entschieden, statt einer eigenen Wohnung, denn beides liegt finanziell nicht drin. Ich bin froh, dass ich bei ihr wohnen kann.

Meine Mutter hat sich als Hundetrainerin selbstständig gemacht und gibt tagsüber Grundkurse für neue Hundehalter. Öfters kommt es vor, dass sie Personen in speziell herausfordernden Situationen mit ihrem Vierbeiner unterstützt und beratend zur Seite steht. Ich kenne keinen anderen Menschen, der Hunde mehr liebt wie sie. Ich bewundere, wie meine Mutter ihr Hobby zum Beruf gemacht und die Theorien dazu sogar mit Bestnoten abgeschlossen hat. Fynn, ein gutmütiger Golden Retriever, hat das Glück, meine Mutter als Frauchen zu haben.

Die Wohnung ist tagsüber leer. Ich bin zwar noch drin, doch das bereichert die Wohnung auch nicht wirklich. Nach draussen gehen mag ich nicht, weil es mich überfordert. Ausserdem möchte ich nicht von anderen Leuten gesehen werden. Sogar Wäsche waschen ist viel zu anstrengend für mich. In meinem Schlafzimmer ist es seit Wochen dunkel, ich rühre die herabgelassenen Storen und das Fenster nicht mal an, es steht durchgehend auf Kipp. Hauptsächlich liege ich auf dem Sofa oder schräg in meinem Sitzsack. Ich tue nichts, worauf ich am Ende des Tages stolz sein kann.

Wie konnte es nur so weit kommen? Ich habe das Gefühl, mein Leben gleitet mir wie Sand durch meine Finger. Irgendetwas in mir sagt, dass selbst diese fünf Wochen Kranksein nicht mehr ausreichen, mich fit zu machen. Das ist ein äusserst ungünstiger Zeitpunkt. Können die Schlaflosigkeit, Müdigkeit, der Schwindel und der hoffnungslose Gedanke nicht noch ein paar Jährchen warten? Ich liege auf dem Sofa und döse am Nachmittag für eine Stunde ein.

Ich träume, dass ich in die Klinik eingeliefert werde. Mit einem Bus werde ich mit anderen «Kranken» und «Erschöpften» wie Tiere transportiert. Bei einem Haus, das aussieht wie ein Hotel, steigen wir aus. Nachdem die Doppelzimmer zugeteilt waren, werden wir gebeten, in einem Raum mit Tischen in einer U-Form auf den Stühlen dahinter Platz zu nehmen.

Wir werden von einer Person, die eine Fachperson zu sein scheint, aufgefordert, unsere Ziele dem Plenum vorzustellen. Dazu muss jeder einzelne nach vorne laufen und die Punkte auf dem mitgebrachten Zettel erklären.

Als ich an der Reihe bin und das Rednerpult erreiche, sind keine Fachpersonen mehr im Raum. Ich fühle mich unsicher und bin irritiert. Wollen die mir nicht zuhören? Bin ich ihnen zu langweilig?

Der Blick in die Runde sagt mir, dass mir sowieso niemand zuhört. Diese Leute sehen krank aus, völlig mit sich selbst beschäftigt, einige blicken starr auf die Tischfläche vor ihnen. Andere wippen mit dem Körper von hinten nach vorn oder rutschen unruhig auf dem Stuhl herum. Ob die wohl wissen, wo sie sind? Und weshalb sie in der Runde sitzen? Was für eine Freakshow – und ich mittendrin.

«Ich möchte an meiner Lebenswelt wieder teilnehmen. Und vor allem möchte ich wesentliche Punkte, die mich hier weiterbringen, schriftlich festhalten», lese ich meine zwei Punkte auf dem Papier ab. Höflichkeitshalber ziehe ich meine Mundwinkel zu den Ohren und nicke mit dem Kopf als Dankeschön für ihre Aufmerksamkeit. Ich stecke den Zettel in die hintere Hosentasche und nehme den Weg zu meinem Stuhl in Angriff.

Die Anwesenden verziehen keine Miene und schenken mir keinen einzigen Blick. Vermutlich hat wirklich niemand zugehört. Sie sehen noch genauso teilnahmslos aus wie vor zwei Minuten – und wahrscheinlich auch wie in zehn Stunden.

Schweissgebadet wache ich auf und erst im Verlaufe des späteren Nachmittags erkenne ich, dass diese Situation nur ein Traum war. Die Bedeutung des Traumes mag ich nicht einmal im Internet recherchieren. Ich hoffe und flehe, die Zeit in der Klinik möge nicht so verlaufen. Ich senke meinen Blick. Es soll einfach wieder sein wie früher. Bitte, bitte, bitte, bitte.

Nur mit Mühe kann ich mich aufraffen, in die Therapiestunde zu gehen. Obwohl die Praxis nur zehn Fussminuten entfernt liegt, nehme ich heute den Bus. Vor einem älteren Haus steige ich wieder aus. Von aussen sieht es eher wie ein Einfamilienhaus aus, als eine ambulante Station für psychisch angeknackste Menschen.

Ich klingle, trete ein und setze mich in den Warteraum. Unsicher frage ich mich, warum ich jetzt genau krankgeschrieben bin. Ständig habe ich das Gefühl, mich vor anderen und auch vor mir selbst rechtfertigen zu müssen.

Eine Stunde später verlasse ich die Praxis wieder und kann nur unter grösster Anstrengung benennen, was in der letzten Stunde alles besprochen worden ist. Ich erinnere mich, dass Frau Schulte, meine Psychologin, mir für die Krankschreibung so etwas wie gratuliert hat. Zumindest hat sie gesagt, dass «das» wunderbar sei und «es» schon gut komme. Für mich ist alles so weit weg, ich fühle schon länger keine grossartigen Emotionen mehr. Dafür drängt sich die Gleichgültigkeit immer mehr in den Vordergrund.

Die nächsten Tage gleichen den Tagen davor. Ich möchte die Wohnung verlassen, doch ich habe fürchterliche Angst, plötzlich zusammenzubrechen. Oft ist mir schwindelig, manchmal zieht es in der Herzgegend, es fühlt sich gefährlich an. Ich denke an alle Personen in meiner Verwandtschaft und ausserhalb, die mir von ihrem Herzinfarkt berichtet haben. Pausenlos kreisen meine Gedanken um meinen körperlichen Zustand. Mitten in der Nacht lasse ich mich unangemeldet ins Spital fahren, weil sich stundenlang alles nur noch dreht und es mir fast meinen Verstand raubt. Die Ärzte entscheiden sich nach kurzen Tests, mich als «gesunden Menschen mit ein bisschen Studienstress» wieder nach Hause zu entlassen.

Da es mir oft übel ist, habe ich schon länger keinen Appetit mehr. Um nicht noch mehr abzunehmen schmiere ich mir Butterbrote mit einer grosszügigen Nutella-Schicht. Wenn ich schon Nahrung zu mir nehme, dann wenigstens mit viel Kalorien, so muss ich nicht noch mehr runterwürgen.

Im Hintergrund lauert die Übelkeit, die mich übermannt, sobald sie es für den richtigen Zeitpunkt hält. Dagegen trinke ich Cola. Theoretisch verstehe ich, dass der Konsum alles andere als gesund ist. Doch ich versuche mich zu beruhigen – an dem werde ich nicht sterben.

Unruhig suche ich nach einer Aufgabe, die meine Konzentration fordert, aber nicht überfordert. Es ist ein normaler Montagmorgen. Viele Menschen, die ich kenne ärgern sich, weil das Wochenende schon wieder vorbei ist. Das ist mir gerade egal und es macht mir Angst, dass es mir egal ist. In diesem Moment drehe ich mich nicht mehr in dieser Welt.

Aus meinem Sitzsack vor der Balkontüre blicke ich auf die Fassaden der Nachbarhäuser, einige grüne Tannenäste versperren mir dabei die Sicht. Ich bin nicht in der Lage zu bewerten und beobachte wie meine Gedanken wild umherziehen. Es fühlt sich nicht gut an. Grundsätzlich sollte ich aktiv werden und rausgehen. Aber wohin?

Ich ziehe mich an und laufe zum Auto. Mein Herz beginnt zu rasen und ich schnaufe, um genug Sauerstoff in meinen Körper zu pumpen. Bevor ich mich hinter das Steuerrad setze, mache ich einen kleinen Spaziergang.

«Entspann dich», versuche ich mich zu beruhigen, «nur eine kurze Strecke mit dem Auto, komm schon Noé, das schaffst du!»

Also fahre ich an einen kleinen Teich und parkiere das Auto. Nach wenigen Schritten an der frischen Luft drehe ich um. Ich fühle mich nicht wohl. Aber wohin soll ich nur gehen? Ich mag nicht nach Hause, ich mag nirgendwo hin.

Mein Handy klingelt.

«Hallo Frau Walser. Was machen Sie gerade?», meine Psychologin ist am Apparat.

«Guten Tag Frau Schulte. Ich sitze im Auto.»

«Im Auto?»

«Ja.»

«Sie fahren und telefonieren gleichzeitig?»

«Nein, ich sitze nur im Auto und weiss nicht wohin mit mir», sage ich. Manchmal klingt sogar die Wahrheit wie eine Lüge.

«Sie sollten seit einer Viertelstunde bei mir im Sprechzimmer sitzen. Haben Sie den Termin vergessen?», sagt sie.

Habe ich tatsächlich einen Termin vergessen? Ich bin eigentlich ein ganz zuverlässiger und pünktlicher Mensch. Dieser Patzer von mir trägt nicht dazu bei, dass ich mich besser fühle. Sofort mache ich mich auf den Weg in die Praxis.

Als ich ihr etwas später gegenüber sitze, gehen wir der Frage nach, wie ich mir meinen Tag strukturieren kann bis zu meinem Klinikaufenthalt.

«DVD schauen, kochen, drei Mal pro Tag einen kleinen Spaziergang… haben Sie noch weitere Ideen?», Frau Schulte fasst das bisherige Gespräch mit einem Satz zusammen.

Resigniert nehme ich ihre Vorschläge zur Kenntnis.

Seit meinem Studium weiss ich, dass es in der sozialen Welt einen Ansatz gibt, in dem der Klient selbst mögliche Lösungen formulieren darf, da nur er der Profi in seinem Leben sei. Nun sitze ich also auf dem Patientenstuhl und bin unfähig, Lösungen zu finden - die Fachperson muss mir Assistenz bieten. Ich bin keine angehende Fachperson mehr, ich bin Patientin.

Jetzt höre ich nur noch ihre Stimme, kann aber nicht wahrnehmen was sie sagt. Starr blicke ich auf den Boden, ich habe Mitleid mit ihr oder mir, ich weiss es nicht so genau. Ich denke sogar darüber nach, sofort nach Hause zu fahren. Was soll mir das heute noch bringen? Dann hat sie wenigstens Kapazitäten für jemand anders, der ihre Hilfe braucht.

«Was ist gerade?», Frau Schulte durchbricht die Stille.

Diese Frage war zu viel des Guten. Was gerade ist? Mein Leben läuft den Bach herunter und ich schau ihm hilflos zu, wie es sich von mir entfernt! Meine Augen füllen sich mit Tränen, ich mag aber nicht in diesem Raum heulen. Ich muss raus, jetzt!

«Ich mag gehen», höre ich mich so leise sagen, dass ich es selbst fast überhöre. Ohne eine Antwort abzuwarten ziehe ich mich an und reiche Frau Schulte zur Verabschiedung die Hand. Mit wackligen Beinen stolpere ich aus dem Raum.

«Vergessen Sie die Spaziergänge nicht, drei Mal pro Tag zehn Minuten», ruft sie mir bestimmt hinterher. «Und heute Abend melden Sie sich bitte bei mir, wie es Ihnen geht».

Ich beschliesse, die geforderten Spaziergänge von Frau Schulte ernst zu nehmen und drei Mal pro Tag das Haus zu verlassen. Das ist im Moment alles, was ich habe. Wie gerne würde ich mich der Menschengruppe anschliessen, die sich über den Montagmorgen aufregt, weil eine neue Arbeitswoche beginnt?

Am Abend tippe ich «Alles in Ordnung bei mir» in mein Handy und zögere beim Absenden. Nichts ist in Ordnung, mein Körper brüllt mich auf einem äusserst unangenehmen Level an.

Wie ich Frau Schulte geschrieben habe, rufe ich einen zuständigen Arzt an und berichte ihm von meinem Zustand. Er sagt, dass ich hyperventilliere und kurz einatmen und lange ausatmen soll, mindestens fünf Sekunden. Mein Herz und meine Lunge würden sich dadurch entspannen. Ansonsten könnte er mir ein starkes Beruhigungsmittel geben. Das ist keine Option, denn ich werfe mir selten ein Medikament rein, wenn es nicht auf Pflanzen oder Homöopathie basiert.