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Wie kommt es, dass ein Pastor während des Weihnachtsgottesdienstes zur Hebamme wird? Gibt es eine Zutat für das Weihnachtsessen, die garantiert dazu führt, dass alle Anwesenden das Weihnachtsfest für immer vergessen? Kann eine Gen-Mutation dazu führen, dass es jemandem unmöglich wird, Weihnachtslieder zu singen? Antworten darauf, und vieles mehr, machen die sechzehn Weihnachtsgeschichten in der Anthologie "Es weihnachtet schwer" liebenswert, amüsant und erstaunlich.
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Seitenzahl: 59
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Katja Wüstenhöfer
Es weihnachtet schwer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Vorweihnachtliches
Kapitel 2: Weihnachtliches
Impressum neobooks
Nikolaus
Oh ja, denkt Anna, beim Verlassen ihrer Wohnung. Die glatten Ledersohlen unter ihren Schuhen sorgen dafür, dass sie sehr langsam über die zugefrorenen Bordsteinplatten geht. Sie schlittert an einem Küchenladen vorbei, dessen Schaufenster mit kleinen, weißen Tannenbäumchen dekoriert ist. Sie rutscht ein wenig unter den Lichterketten entlang, die von den Bäumen am Bürgersteigrand zu einigen Einkaufsläden gespannt sind. Ein paar Schneeflocken schmelzen auf ihrem Gesicht. Sie geht in einen Laden hinein, über dessen Eingang Bücherklause steht. Der Mann und die Frau, denen der Laden gehört, begrüßen sie vertraulich, so wie man jemanden begrüßt, den man schon oft gesehen hat. Der Buchhändler wendet sich an Anna und fragt: „Auch noch schnell eine Kleinigkeit zum Nikolaus besorgen? Kann ich ihnen helfen?“ Anna nickt und antwortet: „Wären Sie so nett und verpacken mir irgendetwas aus ihrem Laden, von dem ich nicht weiß, was es ist?“ Die Buchhändlerin sieht aus, als würden sich ihre beiden Pupillen in zwei Fragezeichen verwandeln und fragt: „Wie? Sie möchten etwas kaufen, ohne zu wissen, was es ist?“ Und ihr Mann fragt neugierig: „Für wen soll es denn sein? Ich meine für welche Altersstufe?“ Anna antwortet keck: „Für mich soll es sein!“ Die Buchhändlerin schüttelt den Kopf und sagt: „Ich verstehe es immer noch nicht! Dann suchen sie sich doch etwas Schönes aus.“ Anna wackelt verneinend mit dem Kopf: „Aber ich möchte nicht wissen, was ich kaufe.“
Die beiden Eheleute starren sich verdutzt an und die Frau sagt zu ihrem Mann: „Mach du das.“ Anna wendet sich mit einem Lächeln an den Buchhändler: „Bitte verpacken Sie es, und sagen mir Bescheid, wenn Sie fertig sind.“ Nach ungefähr zehn Minuten ruft der Mann Anna zu sich: „Ich habe Ihnen etwas Schönes ausgesucht, es ist nun verpackt und ich bekomme 12.95 Euro.“ Anna bezahlt, nimmt ein kleines, blaues Päckchen entgegen und verlässt den Laden.
Abends holt sie aus ihrem Schuhschrank einen schwarzen, hochhackigen Lackschuh und stellt ihn vor ihre Schlafzimmertür. Sie nimmt das blaue, rechteckige Päckchen und stellt es senkrecht in den Schuh. Nun lehnt es im Schuh an der Wand. Dann holt sie ein Körbchen, legt Clementinen und eine Tüte Walnüsse hinein und verschwindet hinter ihrer Schlafzimmertür im Bett.
Sie erwacht durch den matten Lichtschein des weißen Schnees und durch das Grau des anbrechenden Morgens. Sogleich steht sie auf, macht Licht und holt sich das blaue Päckchen ins Bett. Sie summt die Melodie von Lasst uns froh und munter sein und mummelt sich in die warme Daunendecke. Dann öffnet sie behutsam das Päckchen und hält ein grünes Taschenbuch in ihren Händen. Sie schmunzelt, als die das Bild auf dem Cover studiert: Ein nackter Frauenpo liegt prall und schön mit ebenso nackten Beinen in einer weißen Fläche. Die Frau hat das untere Bein in Kniehöhe angewinkelt, dass obere ausgestreckte Bein, liegt elegant darüber und man sieht leicht verrußte Fußsohlen, so als sei sie durch einen Schornstein gestiegen. Der Oberkörper verschwindet unter einer sehr großen, roten Nikolausmütze, an deren oberem Ende ein dicker, gelber Bommel hängt. Weihnachten, steht schlicht darunter. Schöne Auswahl, denkt Anna und schaut sich die bunten Bilder, die Kochrezepte und die literarischen Texte an. Hinten auf der Kladde steht vielversprechend: Weihnachten wie nie. Anzüglich, unziemlich, lecker. Ein Fest von einem Buch.
Genauso wenig, wie man sich selber kitzeln kann, so kann man sich auch nicht selber überraschen, denkt sie und freut sich über ihre Idee mit dem Buchhändler. Aber, wie mache ich es nächstes Jahr?
Zwei Wochen danach fährt sie mit dem Bus in die Stadt und geht dort in einen sehr großen Buchladen. Lange stöbert sie zwischen den Weihnachtsbüchern nach einem geeigneten Buch. Dann geht sie zu den Spielfilmen und greift nach einem ihr unbekannten Weihnachtsfilm. Zuletzt wählt sie noch ein Weihnachtshörbuch aus und trägt auch dieses zur Kasse. Beim Bezahlen wird sie gefragt: „Möchten Sie etwas als Geschenk verpackt haben?“ „Nein danke.“
Als sie zurück nach Hause kommt, sucht sie in einem ihrer Schränke nach Geschenkpapierrollen, findet eine goldene, eine grüne und eine rote und verpackt jedes der drei Geschenke in einer anderen Farbe. Diese Geschenke sollen in einer schwarzen Kiste in Vergessenheit geraten, zumindest bis zum Nikolaustag des Folgejahres. „Innerhalb eines Jahres kann man viel vergessen“ , sagt sie zuversichtlich zu sich selbst, während sie die Geschenke in die schwarze Kiste legt.
Weihnachtsleckereien
Ich mag es nicht: das Symbol des gewickelten Christkindes, früher auch „Strutzel“ oder „Strotzel“ genannt, aber wesentlich bekannter als Christstollen. Ich mag auch keine flachen Fladen, weder in schwarz noch in braun, diese Lebkuchen waren mir schon als Kind zuwider. Aber es gibt ja noch reichlich andere Gebäcksorten zur Weihnachtszeit. Jedes Jahr Ende November tauche ich in einer kleinen Bäckerei in meiner Straße auf. Das ganze Jahr gehe ich daran vorbei, denn diese kleine Bäckerei sieht ein bisschen so aus, als habe sich seit dem letzten Jahrhundert nichts verändert: die Gardinen verstaubt, sehr altes, klappriges Mobiliar und ein uralter Teppich. Es muffelt immer auch ein wenig und die Anwesenden hatten im letzten Jahrhundert auch schon sehr betagte Zeiten. Aber in dieser Bäckerei gibt es das köstlichste Weihnachtsgebäck der ganzen Stadt und ich kaufe einen Monat lang dort meine Näschereien: Baumkuchen, Spekulatiuskekse und Zimtsterne. Wenn ich dann an den Adventstagen die Kerzen auf meinem Kranz anzünde, gehören zu der Feierlichkeit eben auch Kekse und Glühpunsch. Baumkuchen hat seit meiner Kindheit in meiner Familie Anwesenheitspflicht an Advents- und Weihnachtstagen. Neben dem Christbaum und dem Adventskranz stand das schmackhafte Bäumchen, manchmal war es schwarz, manchmal hellbraun, manchmal weiß. Praktisch, dass man dieses Bäumchen gar nicht schmücken musste; außerdem konnte es auch nicht brennen, anders als der Adventskranz, der bei uns einmal brannte, weil natürlich doch alle zeitgleich das Zimmer verlassen hatten und die Kerzen so unbeaufsichtigt Funken sprühten, die wiederum unbeaufsichtigt in den trockenen Tannennadeln einen lichterlohen Tanz aufführten, bis die Flammen ungefähr einen Meter hoch auf der Glasplatte züngelten. Mein Vater und ich kehrten gleichzeitig in den Wohnraum zurück und man darf staunen, was Menschen tun, die unter Schock nicht mehr richtig denken können: Mein Vater rannte zur Glasplatte und pustete, wie ein Weihnachtsengel in seine Trompete, seinen Atem in die meterhohen Flammen hinein. Ich hingegen rannte in die Küche, rannte mit einem Eimer voll Wasser zurück ins Wohnzimmer, goss Wasser in die Flammen, rannte hin und her und nachdem mein Vater mit dem Pusten aufhörte, weil er wieder zur Besinnung kam und auch mit dem Rennen und Wassergießen begann, war der Brand bald gelöscht. Die ehemaligen Flammen schwammen nun als Ruß mit verbrannten Nadeln auf dem hell-beigen Teppich herum. Der Gestank war wenig weihnachtlich und verpestete auch lange nach Weihnachten noch die Wohnung. Eine verkohlte Suppe war das, was vom Kranz noch übrig war, aber der schwarze Baumkuchen stand völlig unbeteiligt auf dem Nebentisch. Immer, wenn ich Baumkuchen esse, dann sehe ich meinen Vater vor mir: als pustenden Blasebalg vor dem brennenden Kranz.
