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Das traumatische Erleben von sexueller Gewalt schafft eine Ruine im Herzen und in der Seele des Opfers. Doch genau in dieser Ruine verbirgt sich ein Schatz: Mitgefühl und Liebe - eine wunderbare Quelle der Kraft und der Heilung für jeden betroffenen Menschen. Der Hunger nach WAHRER Liebe und die Sehnsucht nach ECHTER Erlösung sind ernsthafte Bedürfnisse, die aus seiner unverletzten inneren Wesenstiefe aufsteigen und geradezu danach verlangen, sich den Schrei des Befreitwerdenwollens zu gestatten und den Schmerz bewusst zu fühlen, damit sich das Herz wieder öffnen kann und nachhaltige Selbstfürsorge möglich wird.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2019
Peter Wehmann
ETWAS BLEIBT UNVERLETZT
Heilungswege
bei sexuellem Missbrauch
und häuslicher Gewalt
© 2019 by Peter Wehmann
Umschlag, Illustration, Satz:
Christiane Lehmann | www.CL-Konzept-Design.de | Hamburg
Lektorat, Korrektorat:
Ina Kleinod
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40 - 44, 22359 Hamburg
Paperback-ISBN: 978-3-7497-8282-6
E-Book-ISBN: 978-3-7497-8283-3
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Hinweis: In diesem Buch wird der Einfachheit halber in den meisten Fällen die gemischte Genderform gewählt: es wird die übliche männliche Personalform benutzt. Ausnahmen beziehen sich konkret auf solche Zusammenhänge, in denen es von Bedeutung ist, dass beide Geschlechter explizit angesprochen werden.
Dieses Buch ist meiner großen Familie, meinen Freunden, Lesern und Kritikern gewidmet.
Ich bin voller Optimismus, dass es immer und für jeden Lösungswege gibt.
Möge der göttliche Funke uns alle beleben und überschäumen lassen vor Glück!
Inhalt
Vorwort
Raum der Erinnerungen
Heilung – eine Perspektive
Teil 1
Die Geschichte
Die ersten Jahre
Voller Erwartungen und ohne Halt
Räuber der Nacht
Eisblumen am Fenster
Verwirrende Spuren der Liebe
Zeiten des Suchens
Verdrängte Ohnmacht
Zeit der Aufarbeitung
Die „Schande“ überwinden
Das Geheimnis der Bedürfnisse
Im Labyrinth der Schuldgefühle
Missbrauch durch eine Frau!
Licht erscheint
Mein Sohn
Arbeiten mit den Träumen
Konfrontation mit dem Tod
Vergebung als Heilungsweg
Trunken vor Glück
Teil 2
Der Prozess
Das Opfer
Der Täter
Die Zeugen
Der Anwalt
Das Urteil
Teil 3
Folgen des Missbrauchs
Gesellschaftliche Vorurteile
Praktische Schritte und Hilfestellungen
Therapie-Wahl
Liebe heilt
Sinn erkennen
Hier und Jetzt
Resilienz nutzen
Helfen und Dienen
Therapien und Beratungsmöglichkeiten
Prävention
Therapeuten-Suche
Nachwort
Quellen und Literatur
Vorwort
Ein Buch über das eigene Innere zu schreiben – zumal wenn dieses schwere Verletzungen davon getragen hat –, erfordert besonderen Mut. Es in Angriff zu nehmen und abzuschließen, ist ein Zeichen, dass eine Schwelle überschritten werden kann, an der jemand durchgearbeitetes Leid, eine lange eingenommene Opferrolle, eine verzweifelte Einsamkeit, verbunden mit der Vorstellung, mit etwas mutterseelenallein auf der Welt zu sein, hinter sich lässt. Dieser Mensch kann beginnen, mit einem veränderten Vertrauen, von heute aus und neu auf das Geschehene zurückzuschauen. Es wird zur Vergangenheit und der Mensch spürt es schmerzvoll, jedoch ohne darin unterzugehen. Die Relevanz, die dieses Leid dann noch für sein heutiges Leben hat, wird geringer, und es bekommt einen Platz zugewiesen, anstatt wie früher das ganze Leben bedrängend und vernichtend auszufüllen.
Peter Wehmann ist eine große Strecke dieses Weges gegangen. Er hat nicht aufgegeben, sich und seinen unverletzten Kern zu erforschen, um seine Lebendigkeit, verbunden mit einem annehmenden und wieder neugierigen, statt ablehnenden Fühlen des einstmals malträtierten und benutzten Leibes, zurückzugewinnen. So konnte mehr Weite und Liebe entstehen, mehr Verstehen seiner damals verinnerlichten Wut und Aggression, aber auch der Manipulation, der er selbst ausgesetzt war. Er konnte alte Rollen, die erfüllenden Beziehungen im Wege standen, relativieren oder aufgeben.
Von all dem zeugt dieses Buch.
Ich wünsche ihm eine breite Leserschaft.
Gabriele Ramin
Hamburg
Raum der Erinnerungen
„Liebe ist Heilung, Liebe ist Macht,
Die Liebe ist die Magie der Veränderung.
Die Liebe ist der Spiegel der göttlichen Schönheit.“
(Rumi)
Als junger Mensch liebte ich die Augsburger Puppenkiste; besonders faszinierte mich der Scheinriese. Aus der Ferne betrachtet war er riesengroß, und die Menschen fürchteten sich vor ihm. Doch je näher man ihm kam, desto mehr schrumpfte er auf eine ganz normale Größe und zeigte sich dabei sensibel und freundlich. So ähnlich ist es mit den Ängsten und Problemen. Wenn wir sie vermeiden und von uns fernhalten, wirken sie riesengroß und monströs, und es scheint, als seien sie nicht zu bewältigen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Je näher ich ein Angstgefühl oder ein Problem an mich heranlasse, desto mehr verliert es an Schrecken und desto freier werde ich, echte Lösungsmöglichkeiten zu finden.
Dieses Buch ist keine Autobiografie im herkömmlichen Sinn, es ist auch kein spiritueller Reisebericht oder gar eine psychologische Anleitung – dennoch handelt es von allem. Ich bin kein Gelehrter, sondern ein einfacher Mensch mit einer speziellen Lebenserfahrung. Mir sind Dinge geschehen, von deren Bewältigungs-Phasen und Heilungs-Prozessen ich hier erzählen möchte. Möge es anderen Menschen, die ähnlich oder anders betroffen sind, und Angehörigen sowie Mitfühlenden dienlich sein auf ihrem Weg zu dem Schatz, der in der Tiefe ihres Inneren auf sie wartet. Dieser Schatz will geborgen werden, und ich bin dankbar, wenn ich mithilfe meiner Geschichte dem Schatzgräber die Schaufel reichen kann.
Ich skizziere bestimmte Erfahrungen meines Lebens, um darüber verschiedene Veränderungs-Stufen auf meinem Weg der Bewältigung und Heilung zu beschreiben und um den Raum meiner Erinnerungen so klar wie möglich auszuleuchten. Eine besondere Betonung lege ich darauf, dass durch Hingabe an die Liebe – und damit an das Leben selbst – eine grundlegende Veränderung möglich ist. Daher sind für die Leser zwar keine Patentrezepte im Umgang mit sexueller Gewalt zu erwarten, aber die feste Zusage, dass es für jede noch so schwierige Erfahrung individuelle Lösungsansätze gibt. Denn jede Erfahrung ist so einzigartig wie der Mensch, der sie macht.
In der heutigen Zeit brauchen wir alle mehr Mitgefühl, um der verhängnisvollen Tendenz entgegenzuwirken, immer stärker auf materielle Dinge ausgerichtet zu sein und innere Werte zu vernachlässigen. Gerade die Liebe tritt viel zu häufig in den Hintergrund und gerät zu einer Randerscheinung. Wir scheinen in eine Art kollektives Vergessen zu fallen, wobei Liebe und Mitgefühl nur noch als verzerrte romantische Vorstellungen existieren und verfremdet werden – verbannt in Kitschromane oder Seifenopern. In der Realität jedoch brauchen wir die wahre Kraft der Liebe und die tiefe Verbundenheit, die wir durch echtes Mitfühlen erleben können.
Das traumatische Erleben von sexueller Gewalt schafft eine Ruine im Herzen und in der Seele des Opfers. Doch ich bin davon überzeugt, dass sich genau in dieser Ruine ein Schatz verbirgt: Mitgefühl und Liebe. Diese wunderbaren Quellen der Kraft und der Heilung können Sie – liebe Leserin, lieber Leser – ganz neu für sich entdecken und nutzen.
Wenn ich von „Trauma“ spreche, meine ich in diesem Zusammenhang eine tiefe seelische und/oder körperliche Verletzung, die durch das unnatürliche und katastrophale Ereignis sexueller Gewaltanwendung entsteht und weit außerhalb jeder üblichen menschlichen Erfahrung erduldet wird. Ein auf diese Weise entstandenes Trauma hat in der Folge – nicht selten ein Leben lang – massive Auswirkungen auf das Verhalten und auf die körperliche und seelische Konstitution des Betroffenen. Meist sind diese nicht ohne fremden Beistand, ambulante oder stationäre Psychotherapie, Einbindung in eine Selbsthilfegruppe oder die professionelle Hilfe von Beratungsstellen und erfahrenen Pädagogen zu bewältigen.
Mit meinem Buch möchte ich Ihnen Hoffnung schenken und Mut machen, den Weg der Liebe zu gehen, um aus dem individuellen Vergessen heraus zu finden. Glauben Sie mir: Liebe und Mitgefühl sind keine sentimentalen Ideen, sondern essenzielle Qualitäten Ihres Lebens. Wahre Hoffnung besteht nur in Verbindung mit einer Wirklichkeit, in der Menschen mit ihren tiefsten Gefühlen in Kontakt sind, ob es sich dabei nun um Trauer, Schmerz und Wut oder um Zuversicht, Freude und Liebe handelt. Ihre Gefühle sind machtvoll und lebenswichtig, damit Sie mit Ihrem Herzen verbunden bleiben. Versperren Sie sich den Weg zu Ihren Gefühlen, bleibt Ihnen auch das große Potenzial Ihres Herzens verschlossen. Öffnen Sie sich für Ihre Gefühlswelt, wird der Strom der Liebe Sie erreichen und erfüllen.
Um es gleich vorwegzunehmen: Auch der Hunger nach Liebe, die Sehnsucht nach Wahrheit und Erlösung sind keineswegs sentimentale oder idealisierte Empfindungen. Jedes Heimweh zeigt ein echtes und ernstes Bedürfnis an, das aus der instinktiven Tiefe Ihres Wesens aufsteigt. Es verlangt geradezu von Ihnen, sich den Schrei Ihres inneren Wesens zu gestatten. Den Schmerz zu fühlen, bedeutet, Ihr Herz wieder öffnen zu können, damit Heilung geschieht und Selbstfürsorge möglich wird.
Was immer Ihnen geschehen ist, was immer Ihnen angetan wurde – Sie sind ein heiliges Wesen mit einer heiligen Seele und einem heiligen Körper.
Heilung – eine Perspektive
Heilung entsteht in einem von der Liebe zart berührten Herzen.1
Ich beginne die Reise aus dem tiefsten Bedürfnis heraus, mich zu erkennen und zu verstehen, wo mich die Reise hinbringen soll und welche Geheimnisse sie mir offenbaren wird. Mir begegnen Angst, Stress, Wahnsinn und Kontrollverlust in bedrohlichem Ausmaß – aber immer wieder auch die großzügige Liebe, die es schafft, meine alten Gewohnheiten zu brechen, die unendlich viel Schmerz erzeugen. Liebe ist meine einzig wahre Begleiterin. Ich versuche, einen Pfad zu skizzieren, der sich differenzierend im Spektrum von Idealisierung der Opferhaltung und Dämonisierung des Täters bewegt und der sich weder Bagatellisierung noch Überschätzung von sexueller Gewalt erlaubt. Ich möchte einen Weg beschreiben, der Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis als Stationen der Bewältigungs- und Heilungsmöglichkeiten aufzeigt.
Obwohl immerzu und überall auf der Welt schlimme Dinge geschehen, glaube ich fest daran, dass wir Menschen von Liebe durchdrungen sind, ob wir es fühlen oder nicht, und dass die Schöpfung es grundsätzlich gut mit uns meint und uns letztlich doch trägt. Wir müssen uns nur daran erinnern, weil wir das Gute so oft und so schnell vergessen und nicht selten zu lange an dem Schlimmen hängenbleiben. Wir müssen den vielfach verknoteten Faden der Liebe erst wieder aufnehmen und die Knoten auflösen. Eine Alternative haben wir nicht: Liebe ist die größte, stärkste Kraft im Universum. Ohne Liebe gibt es kein Leben. Sie ist das eigentliche Potenzial jeder Veränderung und jeden Wachstums. Und die Mühe lohnt sich, sie ist es wert, denn Liebe ist auch die Basis jeder Heilung – ob seelisch, körperlich oder geistig. Unsere Genesung hängt immer in gewissem Maße davon ab, ob wir für die Liebe empfänglich sind oder mindestens mit ihrer enormen Kraft in Resonanz gehen. Wir sind uns dessen nur selten bewusst, denn wir bringen unsere Heilung meistens mit anderen Dingen in Verbindung: Medikamente, Ärzte, Therapien …, es sind immer andere Menschen, äußere oder stoffliche Einflüsse, denen wir mehr zutrauen als uns selbst, vor allem mehr als der Kraft unseres eigenen Herzens – ein Irrtum!
Jedes Tier, jede Pflanze, ganze Landschaften und Regionen sind in der Lage, sich selbst zu erholen von tiefen und tiefsten Verletzungen und Beschädigungen. Alles Physische weiß „von selbst“, wie es wieder regeneriert und zu neuer Kraft findet. Der Drang, sich trotz hinderlicher Umstände oder lebensfeindlicher Einflüsse irgendwie doch möglichst vollständig zu entfalten, liegt dem Leben schlicht und einfach zugrunde. Unabhängig davon, dass wirksame Behandlungen und Therapien, die richtigen Medikamente oder auch die passende Ernährung, menschliche Unterstützung und fachliches Wissen natürlich ein Segen sein können auf dem Heilungsweg, reagieren Körper und Psyche darauf nur dann positiv, wenn es in uns selbst auch einen positiven Anker gibt – im Kern unseres Wesens. Es sind nicht (nur) die Tabletten, die Spritzen, die Massagen, die therapeutischen Gespräche, die uns gesund machen, sondern letztlich sind wir es selbst – wenn wir unser im Kern unverletzt gebliebenes, natürlich liebendes, lebensbejahendes Herz öffnen!
Wer erst einmal begonnen hat, dem Weg des Herzens zu folgen, weiß: trotz aller Hindernisse gibt es kein Zurück mehr. Im tiefen Innern ist man sich bewusst, der richtigen Spur zu folgen. Mir selbst ging es so. Es war mein tiefstes Bestreben, mich intensiv an alles zu erinnern, um in mir einen Raum für Heilung und Verzeihen zu schaffen. Erst das Erinnern zeigte mir, wie mein Leben wirklich gewesen war und dass ich es nicht neu erschaffen konnte. Ich mutete mir selbst zu, meine schwierigen Kindheitserfahrungen gezielt zu reflektieren. Ich nahm die Unterstützung profunder Psychotherapie in Anspruch und setzte mich existenziell auseinander mit dem Sinn meines Lebens. Ich erforschte meine spirituelle Natur und entdeckte schließlich in mir selbst Lösungsmöglichkeiten – im Sinne der Salutogenese (Gesundheitsentstehung) – zur Bewältigung meiner Traumatisierung. Der Weg war frei, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen und zu einem erfüllten Leben zu finden, in dem Licht und Schatten, Liebe und Schmerz eine dynamische Einheit bilden.
Am Beginn meines Heilungsweges hatte ich endlos Schmerzen im ganzen Körper, denn die enorme psychische Belastung hatte sich bereits in physischen Symptomen manifestiert. Ich rannte von Arzt zu Arzt. Es wurden Diagnosen gestellt, doch diese Diagnosen stellten mir noch keine Heilung in Aussicht. Ich kämpfte an zwei Fronten: im Körper gegen die Schmerzen und in der Psyche gegen das Trauma. Gerade die Psychotherapie begleitete mich lange. Die vertrauensvollen Gespräche und sanften Körperübungen ermöglichten mir nach und nach tiefe Einsichten über mich selbst. Ich schaffte es, zu meinen weitestgehend verdrängten Gefühlen vorzudringen und diese bewusst noch einmal zu durchleben. Diese selbst gewonnenen Einsichten und die wertvolle Erfahrung, dass es Menschen gab, die mir zuhörten, mir beistanden und mir glaubten, trugen wesentlich zu meiner Heilung bei. Ich fühlte, dass ich nicht mehr alleine war mit meinem Leid. Ich verließ meine Isolation und war fähig, einen nährenden zwischenmenschlichen Austausch zu führen und mich in ein gesundes soziales Umfeld einzubetten.
Mein erlittenes Trauma war gekennzeichnet durch Gewalt und Demütigungen. Das machte mich auch noch als Erwachsenen gegenüber anderen Menschen misstrauisch und in zwischenmenschlichen Beziehungen instabil. Ich unterlag starken Stimmungsschwankungen und zeigte oft heftige Angstreaktionen, auch dann, wenn eine reale Bedrohung gar nicht vorlag. Durch Therapie und Selbsterforschung entwickelte ich jedoch allmählich die Fähigkeit, echte und unechte Gefühle, reale und eingebildete Gefahren zu unterscheiden. Ich lernte die Welt als einen Ort kennen, der nicht generell bedrohlich ist. Diese Veränderung kam nicht auf leichtem Weg und auch nicht schnell zustande – meine Heilung brauchte Zeit. Sie war und ist ein fortlaufender Prozess, der von mir Mut, Ausdauer und die Entschlossenheit fordert, mich dem immer wieder aufsteigenden Schmerz, der Angst und der Neigung, anderen zu misstrauen, zu stellen.
Mein Erkenntnisweg brachte zwar elementare Fortschritte, doch ich war auch oft erschöpft und zweifelte, ob ich jemals eine wirkliche Genesung erfahren würde – besonders in Phasen, in denen ich Rückschläge erlitt. Da ich zunächst noch an ein Paradies glaubte, hoffte ich, irgendwann wären alle Probleme gelöst und die Welt würde eine wunderbare heile Welt ohne Leid sein. Aufgrund dieser illusionären Vorstellung konnte jede noch so kleine Enttäuschung das bisher Erreichte wieder infrage stellen. Aus meinem kleinen befangenen Radius hinauszuwachsen, stellte mich nicht selten vor schwierige Aufgaben und komplexe Herausforderungen. Um das alles zu bewältigen, brauchte ich professionelle Begleitung und viel Geduld. Doch jeder kleinste Schritt schuf in mir eine neue Bewusstheit und vermittelte mir ein reales Lebensgefühl.
Auch wenn der Weg meiner Trauma-Heilung selten geradlinig verlief und Ausdauer sowie ernsthafte Konzentration erforderte, mochte ich Spiel, Spaß und Sinnlichkeit nicht ausschließen. Ich absolvierte beispielsweise eine Clowns-Ausbildung und machte die wunderbare Erfahrung, meine Probleme spielerisch und aus einer völlig anderen Perspektive betrachten zu können. Das hatte manchmal den Effekt, den massiven Eindruck der Unlösbarkeit zu verlieren. In meiner Ausbildung zum Heilpädagogischen Tanzlehrer (Tanztherapie und Therapeutisches Tanztheater) erweiterte ich meine Möglichkeiten über die Verbindung von Bewegung und Psychotherapie. Auf diese Art gewann ich weitere Freiheiten, die von mir erfahrene körperliche Gewalt perspektivisch anders zu erleben – und neben dieser vor allem auch an den lustvollen und zärtlichen Seiten des Lebens teilzuhaben. Schon als Kind hatte ich geglaubt, dass am Leben mehr dran sein müsste als Schmerz, Kampf und Elend. Nun konnte ich dieses gesegnete „Mehr“ wirklich spüren.
Die meisten Missbrauchs-Traumatisierungen hängen mit instabilen, dysfunktionalen Familienverhältnissen eng zusammen – wie es bei mir der Fall war. Sexuelle Gewaltanwendungen durch Mitmenschen oder Familienangehörige treten auch häufig im Zusammenhang mit anderen Formen von Vernachlässigung und Misshandlungen auf der seelischen und körperlichen Ebene auf. Hinzukommen nicht selten ein asoziales Umfeld, Alkohol- und Drogensucht, Arbeitslosigkeit oder andere stark negativ einwirkende Lebensumstände.
Meine Ausbildung zum Systemischen Familientherapeuten brachte mir – über mein eigenes traumatisches Erleben hinaus – das allgemeine Ausmaß solcher „begünstigenden“ Umstände näher. Die Familienstrukturen der Betroffenen sind fast immer von Gewalt, Einschüchterungen und Verleugnungen geprägt. Was mir selbst als Kind völlig normal erschienen war, stellte sich mir mehr und mehr als komplexe systemische Lebensverneinung dar, die sich sogar über Generationen fortsetzt, wenn sie unerkannt und unbehandelt bleibt. Besonders die Verleugnung von Dysfunktion, Sucht und Gewalt ist oft so tief verwurzelt, dass die einzelnen Mitglieder betroffener Familien selbst „glauben“, das Unheil fände gar nicht statt. Dies gründet in einer komplizierten Überlebensstrategie der Familiensysteme, die sich unbewusst durchsetzt, um die Systemfähigkeit aufrechtzuerhalten.
Heilung ist nur dann möglich, wenn es die Bereitschaft gibt, das kranke System zu „zerstören“ bzw. aufzulösen oder zu verlassen. Für mich selbst bedeutete das, die Pseudo-Sicherheit meines eigenen dysfunktionalen Systems aufzugeben. Diese Bereitschaft konnte ich erst aufbringen, als ich zu einem tieferen Verständnis darüber kam, inwiefern selbst ein überaus krankes System eine scheinbare Sicherheit bietet – so paradox es auch klingen mag –, nämlich einerseits durch Gewohnheit, andererseits durch Nichts-anderes-Kennen (also Es-nicht-besser-Wissen).
Tief in mir hatte ich in all der Zeit keinen Zweifel, dass sich mir in der unendlichen Fülle und Dynamik der großen Schöpfung eine passende Möglichkeit zur Heilung bieten würde. Diese Heilung geschah tatsächlich, und ich bin dankbar dafür, obwohl mich mein Heilungsweg durch bittere wie positive Erfahrungen führte. Diese Erfahrungen waren so tiefgreifend, dass sie in mir den eindeutigen Impuls erzeugten, mich verändern zu wollen. Es ging mir nicht primär um eine Verhaltensänderung, sondern darum, der Liebe in mir mehr Raum zu geben und mich dem Strom meiner inneren Freiheit hinzugeben.
Es gibt kein allgemeingültiges Konzept für Heilung, doch es gibt unterschiedliche Wege, die individuell erprobt und erforscht werden können. Dabei ist es wichtig, zu erkennen, dass die wesentlichste Motivation aus einer seelisch-geistigen Dimension in uns selbst kommt. Egal welches körperliche oder psychische Leid uns andere zugefügt haben, leiden wir doch vor allem seelisch darunter, den Kontakt zur Liebe, zum Vertrauen und zur Hoffnung verloren zu haben. Wenn wir diese essenzielle Verbundenheit zurückgewinnen können, erlangen wir auch eine innere Freiheit, anderen und uns selbst zu vergeben, Schuld anzuerkennen und Reue zu zeigen. Mitgefühl für uns selbst und für andere zu haben, ist der eigentliche Weg zur Heilung – und die Quelle, aus der wir die nötige Kraft dafür schöpfen, ist die Liebe. Sie ist der tiefe innere Kern in uns, der unzerstörbar bleibt – selbst in der größten Leidenserfahrung.
Jeder Mensch wird geboren als ein einzigartiges Wesen mit einem ganz ursprünglichen Wert, der nicht vergeht oder reduziert werden kann. Diesen einzigartigen Wert gilt es wiederzuentdecken in der Trauma-Heilungsarbeit.
In uns wirken zwei eklatant unterschiedliche Kräfte mit großer Energie: Entstehung und Vergänglichkeit, also Werden und Vergehen. Wir wandern quasi auf einem Lebensweg, der zwei Zeiten voneinander trennt, die gleichzeitig untrennbar miteinander verbunden sind – ein für den Verstand unbegreifliches Paradox. Doch nicht nur unser Körper spiegelt uns diese Verquickung des Wachsens (Erwachsenwerdens) und des Alterns, auch die Lebenssituationen, in denen wir uns befinden, sind davon betroffen. Wir richten uns ein in Beziehungen, Berufen, an bestimmten Wohnorten usw. und sind tief betroffen, wenn diese Umstände irgendwann nicht mehr zu uns passen oder sich ohne unser Zutun wieder auflösen. Wir sind gezwungen, uns permanent zu bewegen, denn wir können nicht in allem einfach bleiben und unsere dynamische Natur abschalten.
Ein Bekannter von mir, der ständig Probleme mit seiner Ehefrau hatte, lehnte es in Gesprächen meist ab, davon auszugehen, dass vielleicht auch psychische oder emotionale Gründe dafür vorliegen könnten. Er war ein unbedingter Verfechter der Theorie, dass alle Störungen und Verhärtungen allein den Gedanken (dem Gehirn) zuzuschreiben wären. Seine eingeschränkte Sichtweise entsprach in etwa der These „Ich denke, also bin ich“ (René Descartes). Einerseits stimmt es natürlich, dass wir mit unseren Gedanken Lebensmuster erzeugen, die allein durch die zugrunde gelegten Gedanken festgewachsen erscheinen. Anderseits haben wir aber auch ein Bewusstsein und so die Möglichkeit, diese Muster oder „Anhaftungen“ durch psychische, emotionale oder auch geistige (spirituelle) Erfahrungen zu verändern. Wir sind in der Lage, ganz neue Entwicklungsschritte zu machen, manchmal sogar große Entwicklungssprünge, wenn wir beispielsweise eine existenzielle Krise erleben oder schwer krank werden. Für meinen Bekannten gab es jedoch weder Psyche noch Geist (als vom Verstand getrennt). Nachdem wir viele Male miteinander über seine missliche Lage gesprochen hatten und ich ihm unzählige Ratschläge gegeben hatte, die allesamt nicht fruchteten, schlug ich ihm eines Tages vor, sich doch eine gute Beziehung zu denken, wenn er darauf bestände, dass es keine weitere verfügbare Instanz im Menschen gäbe, die hilfreich wäre. Er war darüber etwas pikiert, denn er hätte genau das seit Jahren versucht und damit grundsätzlich keine Änderung erreicht.
So musste ich erkennen, dass alle meine Hilfsangebote nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen waren. Das, was für mich als Hilfskonzept funktioniert hatte, funktionierte nicht automatisch auch bei anderen. Vor allem war es ein illusionäres Konzept, da ich davon ausging, Heilung wäre ausschließlich durch spirituelle Praxis und Psychotherapie möglich – eben wie bei mir, wie in meinem Fall. Doch jeder Mensch ist anders und einzigartig. Nichts besitzt Allgemeingültigkeit, daher machte es auch keinen Sinn, meine für mich erfolgreichen Methoden mit missionarischem Eifer an andere „verkaufen“ zu wollen.
Spiritualität bedeutet für jeden etwas anderes: für den einen die Natur, für den anderen eine religiöse Überzeugung usw. Wir können nur eines anerkennen, nämlich dass unsere spirituelle Natur ein grundlegend existenzieller Aspekt im Leben ist – auch wenn die meisten Menschen sich damit gar nicht beschäftigen oder sich dessen gar nicht bewusst sind. Nicht wenige glauben sogar, man könne Spiritualität wie ein Hobby betreiben. Unsere ursprünglichste spirituelle Erfahrung ist Liebe – schöpferische Liebe, die über menschliche Liebe hinausreicht, die den universellen Urgrund bildet und die die Quelle des Lebens ist. Erfahrungen von Liebe können Menschen im Kern verändern, Spontanheilungen verursachen, neues Leben schaffen, Leben beschützen. Sie sind nicht selten Anlass für grundlegende Erneuerungen von Lebenskonzepten – dies ist nicht nur den großen Mystikern vorbehalten. Wer tiefe Liebe erfährt, wirft manchmal alte Vorstellungen und Anhaftungen über Bord – Transformationen geschehen durch die einzigartige Kraft der Liebe. Wir müssen nicht gleich „Gott“ dazu sagen, denn für jeden mag es etwas anderes sein.
Als Demonstrant hatte ich einmal die Gewalttätigkeit von Polizisten am eigenen Leib erfahren. Ich war damals erschrocken über deren Brutalität, mit der sich jedoch auch einige G20-Gegner gegen die Polizei wehrten. Plötzlich sah ich einem dieser jungen Polizisten aus Bayern direkt in die Augen. Ich sah seine Angst und seine Not – ein junger Mann, fremd in der Stadt, fern von seinen Liebsten und in einer martialischen Uniform, deren Anblick mir wegen der schwülen Hitze unerträglich war. Ich hatte spontan tiefstes Mitgefühl mit ihm und seiner Situation.
Es ist die Liebe, die etwas in uns verändert, die Frieden, Hoffnung und Ur-Vertrauen mit sich führt. Sie gibt mir das Gefühl des Eins-Seins und des Vergeben- und Verzeihen-Könnens. Wenn ich den Kontakt zu dieser tiefen Liebe spüre, bin ich glücklich. Wird dieser Kontakt gestört, bin ich sofort wieder in meinen alten Gedanken- und Gefühlsmustern gefangen. Ich weiß natürlich, dass auch das Gefangensein als ein Aspekt zu meiner Ganzheit gehört, und ebenso wenig kann ich Leiden oder Krankheit aus meinem Bewusstsein verdrängen. Doch ich möchte mein Bestes geben, um jede Art von Leid zu lindern. Ich möchte realistisch mit Leid umgehen, statt es bloß als inneren oder äußeren Feind zu betrachten, den es auszumerzen gelte. Liebe und Leiden haben mich in kraftvoller Weise dazu bewegt, neue Wege zu gehen und echte Veränderung in meinem Leben umzusetzen.
Aus meiner tiefen Depression entstand der Impuls, nach dem Sinn des Lebens zu forschen und mich der Opferrolle nicht zu ergeben. Dass ich mich im Grunde jedoch nach nichts anderem sehnte als nach Liebe, war mir damals noch nicht bewusst. Ich war noch längst nicht in der Verfassung, unabhängige Liebe anzunehmen oder zu geben. Ich war ein junger Mann von Ende zwanzig, der glaubte, alle Veränderungen mit Macht erreichen zu müssen. Ich wollte jemand werden, jemand Besonderes, und glaubte, in einer guten Position „Erlösung“ zu finden. Ich bemerkte die Liebe nicht, und wenn ich sie doch einmal spürte, wehrte ich mich dagegen – eine bittere Erfahrung. Ich fühlte mich ungeliebt, denn das war der Zustand, den ich seit meiner Kindheit kannte, und darin hatte ich mich eingerichtet. Glücklicherweise gab es einige wenige Momente, in denen Liebe mich doch erreichte – dann wurde sie zu einem Antrieb, wiederum weiter nach ihr zu streben. Ich entwickelte einen gewissen Altruismus, um bei anderen gute Gefühle auszulösen, für die ich im Gegenzug selbst geliebt würde. Nach und nach erkannte und durchschaute ich dieses Wechselspiel der Abhängigkeit. Wenngleich ich auch feststellte, dass die zu mir zurückfließende „Liebe“ letztlich nur eine Projektion war, erinnerte sie mich doch an das, was ich eigentlich suchte. Überdies machte ich jedes Mal eine neue Erfahrung, und ich entdeckte positivere Handlungsmöglichkeiten im Bereich „Helfen und Lieben“, als ich in meiner Kindheit jemals erlebt hatte, als Liebe mit Zerstörung und Destruktivität einhergegangen war. Als Kind hatte ich meine Umwelt ganz grundsätzlich als negativ, beängstigend und bedrohlich erlebt. Der damit verbundene Stress löste sich nun mit jeder positiven Erfahrung mehr auf – ob es sich nun um Projektionen handelte oder nicht.
