Familie mit Herz 192 - Tessa Philipp - E-Book

Familie mit Herz 192 E-Book

Tessa Philipp

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Beschreibung

"Ich will nicht mehr hier bleiben, Mama!" Dicke Tränen kullern über Leahs zarte Wangen. Der Anblick ihrer kleinen Tochter schneidet Yvonne tief ins Herz. Ja, viel zu schnell sind dunkle Wolken über ihrem Glück mit Christian aufgezogen, für den sie in Regensburg gerade alle Brücken hinter sich abgebrochen haben. Doch sein elegantes Penthouse hoch über den Dächern Hamburgs konnte für Leah und sie kein neues Zuhause werden - und aus dem sensiblen, zärtlichen Mann ihrer Träume ist ein nervöser Einzelgänger geworden, der kaum noch Zeit für sie und Leah hat! Tiefe Sorgen plagen ihn, über die er nicht sprechen will ...
Deswegen kehrt Yvonne mit Leah zurück nach Regensburg. Doch sie kann den Mann, den sie liebt, nicht vergessen! Kann es für die kleine Familie doch noch eine gemeinsame Zukunft geben?

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Getrennt vereint

Vorschau

Impressum

Getrennt vereint

Über die Herausforderungen und Chancen einer modernen Beziehung

Von Tessa Philipp

»Ich will nicht mehr hier bleiben, Mama!« Dicke Tränen kullern über Leahs zarte Wangen. Der Anblick ihrer kleinen Tochter schneidet Yvonne tief ins Herz. Ja, viel zu schnell sind dunkle Wolken über ihrem Glück mit Christian aufgezogen, für den sie in Regensburg gerade alle Brücken hinter sich abgebrochen haben. Doch sein elegantes Penthouse hoch über den Dächern Hamburgs konnte für Leah und sie kein neues Zuhause werden – und aus dem sensiblen, zärtlichen Mann ihrer Träume ist ein nervöser Einzelgänger geworden, der kaum noch Zeit für sie und Leah hat! Tiefe Sorgen plagen ihn, über die er nicht sprechen will ...

Deswegen kehrt Yvonne mit Leah zurück nach Regensburg. Doch sie kann den Mann, den sie liebt, nicht vergessen! Kann es für die kleine Familie doch noch eine gemeinsame Zukunft geben?

Am Himmel zogen die Möwen ihre Kreise und stießen schrille Schreie aus. Sie mischten sich mit dem Rauschen der Wellen, während der Wind böig durch die Grashalme der Dünen blies.

»Hoffentlich wird das Wetter bald besser«, sagte Yvonne Bergheimer zu ihrer Tochter, die neben ihr von einem Fuß auf den anderen hüpfte.

Die fünfjährige Leah schaute auf und nickte. Sie trug halblange Leggings, dazu eine winddichte Jacke und einen Sommerhut mit Nackenschutz. Darunter lugten zwei dicke braune Zöpfe hervor.

»Wann gehen wir schwimmen, Mama?«, quengelte sie.

»Heute nicht, Schatz. Es ist zu stürmisch. Sonst wird dein Husten noch schlimmer. Und dann haben wir genau das Gegenteil von dem erreicht, wofür wir hergekommen sind.«

Sie liefen barfuß am Wasser entlang. Bei jedem Schritt spürten sie den kühlen, feuchten Sand zwischen den Zehen. Yvonne hatte einen gelben Schal um den Hals gebunden, der über dem Rucksack auf ihrem Rücken im Wind flatterte. Er bildete einen schönen Kontrast zu ihren braunen Haaren, die die schlanke Frau zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.

Der Strand war gut besucht. Die Spaziergänger genossen die besondere Stimmung und atmeten die würzige Seeluft ein.

Yvonne blickte gespannt voraus.

Ein Mann, Ende dreißig, sportlich, mit kurzen dunklen Haaren, kam ihnen entgegen. Er war in eine grüne Windjacke gekleidet und hatte sich ein Käppi tief ins Gesicht gezogen. Seine Schritte waren zielstrebig. Doch als er Yvonne mit Leah erblickte, verlangsamte er sein Tempo. Ein kurzes Zögern, dann ging er weiter auf sie zu.

»Sag mal, Schatz, das ist doch der Mann, der in unserer Pension wohnt, oder? Ich erkenne ihn an seiner grünen Jacke.«

»Ja, das ist der Christian.«

»Christian heißt er also. So, so ... Woher kennst du schon wieder seinen Namen?«

»Er war draußen, als du meinen Sommerhut geholt hast. Da hat er mir seinen Namen gesagt und gefragt, wie ich heiße.« Leah hustete wieder.

»Aha«, murmelte Yvonne und dachte wieder einmal, dass ihre Kleine ein offenes Kind war. Auch in der Kita war sie beliebt und hatte viele Freundinnen. Dort hatte sie sich auch den Husten eingefangen, den sie nicht mehr loswurde.

Inzwischen war der Fremde ein Stück näher gekommen und winkte ihnen zu. Als er sie erreicht hatte, rief er: »Hallo, Leah!« Dann wandte er sich an Yvonne und sagte: »Ihre Tochter und ich sind uns heute Vormittag schon begegnet. Ich wohne auch in der Pension Möwennest. Christian Broiss aus Hamburg«, stellte er sich mit einem höflichen Nicken vor.

»Sehr erfreut, Herr Broiss. Ich bin Yvonne Bergheimer aus Regensburg. Und das ist meine Tochter Leah. Aber das wissen Sie ja schon.« Yvonne schaute ihn mit ihren blauen Augen an und schenkte ihm ein breites Lächeln.

»Ach, Sie kommen von weit her«, bemerkte er.

»Ja. Wir sind mit dem Zug bis zum Bahnhof Norddeich Mole gefahren und haben dann die Fähre hinüber nach Norderney genommen. Wir wollten einfach mal die Nordsee erleben. Vielleicht hilft die Seeluft gegen Leahs hartnäckigen Husten.«

»Bestimmt. Die Luft auf den Ostfriesischen Inseln ist glasklar, extrem jod- und salzhaltig und viel leichter als im Binnenland. Die Aerosole an der Brandung wirken wie eine Inhalation, denn die feinen Wassernebeltröpfchen dringen tief in die Atemwege ein. Deshalb ist so ein Urlaub am Meer immer auch ein Kururlaub«, erklärte Christian.

»Leahs Arzt hat sich ähnlich geäußert.« Yvonne nickte zufrieden.

Christian beugte sich über den nassen Sand. »Schau mal, Leah, hier ist eine besonders schöne Muschel. Willst du sie haben?«, fragte er und reichte ihr das hübsche Fundstück.

Leahs Augen strahlten. »Die ist aber schön!«, rief sie begeistert. Die Muschel schimmerte in einem orangegelben Perlmutt.

»Ja, wirklich! Sie haben ein außergewöhnlich hübsches Exemplar gefunden, Christian. Darf ich dich so nennen?«, erkundigte sich Yvonne vorsichtig. »Und wollen wir uns überhaupt duzen?«

»Aber natürlich.« Er lächelte freundlich und fragte Leah: »Sollen wir noch mehr suchen?«

»Oh ja! Bitte! Bitte!« Sie klatschte in die Hände und tanzte aufgeregt herum.

Gemeinsam wateten sie durch das klare Wasser und machten sich auf die Suche nach weiteren glitzernden Schätzen.

Wie schön, dass es Leah hier gefiel! Yvonne freute sich. So unbeschwert hatte sie sich ihre Ferien vorgestellt.

Die Kleine blieb stehen. »Mama, warum sind Muscheln so schön bunt?«

»Weißt du, Leah, die Färbung dient zur Tarnung, damit sie nicht gefressen werden. Aber auch Mineralien und Licht spielen eine Rolle. Sie wurden vom Meer so geformt und tragen alle ihre Geheimnisse in sich.«

»Oh, ich mag Geheimnisse!«, rief das Mädchen.

Sie gingen weiter und fanden noch mehr schillernde Exemplare.

Bis Yvonne schließlich sagte: »Ich glaube, jetzt reicht es, Leah. Du hast schon genug Muscheln.«

Sie nahm ihren Rucksack ab und verstaute vorsichtig die gesammelten Unikate darin. Dann strich sie ihren dicken Kapuzenpullover glatt, hob den Rucksack wieder auf den Rücken und wickelte sich den Schal etwas fester um den Hals.

»Und was führt dich hierher?«, fragte sie Christian, als sie weitergingen.

»Ich musste einfach mal raus und den Kopf frei kriegen. Die Arbeit hat mich ziemlich in Beschlag genommen. Und ihr zwei?«

»Ich habe dir ja schon von Leahs Husten erzählt. Und weil ich dieses Jahr noch keinen Urlaub hatte und der Arzt mir für Leah die Nordsee empfohlen hat, sind wir nach Norderney gefahren. Wir sind zum ersten Mal auf den Ostfriesischen Inseln«, erzählte Yvonne.

»Ich bin öfter hier. Von Hamburg aus ist es nicht so weit. Wenn mir die Arbeit zu viel wird, flüchte ich hierher.«

»In die Pension Möwennest?«

»Meistens. Die Besitzer kennen mich inzwischen gut. Manchmal bleibe ich auch nur für ein verlängertes Wochenende. Wenn ich dann wieder nach Hause komme, fühle ich mich wie neugeboren«, sagte er.

Ein Windstoß erfasste Yvonnes Schal. Christian griff reflexartig danach, um ihn festzuhalten. Ihre Hände berührten sich kurz, und beide spürten die unerwartete Intimität dieser Geste.

»Wollen wir da vorne an der Strandbar ein Bier trinken?«, schlug er vor.

Yvonne zögerte kurz, dann nickte sie. »Ja, warum nicht?«

»Ich habe Hunger, Mama«, meldete sich Leah zu Wort.

»Die haben auch leckere Fischbrötchen. Magst du ein Fischbrötchen, Leah?«, erkundigte sich Christian.

»Hmm.« Leah strich sich übers Gesicht. Sie war müde von der Seeluft.

Yvonne bemerkte es und sagte: »Gut, dann lass uns dort etwas essen und trinken und dann zurück in die Pension gehen. Leah muss sich ausruhen, und ich bin ehrlich gesagt auch etwas erschöpft.«

Christian nickte.

Als sie sich später auf den Rückweg machten, sagte keiner von ihnen ein Wort. Es war einfach schön, die Abendstimmung zu genießen.

♥♥♥

Am nächsten Morgen hatte sich der Wind gelegt. Es sollte ein heißer Tag werden.

Der Duft von frischem Kaffee und warmen Croissants erfüllte die Luft, während die Vögel in den Bäumen zwitscherten.

Christian saß schon beim Frühstück auf der Terrasse, als Leah und Yvonne dorthin kamen. »Guten Morgen, ihr beiden! Habt ihr gut geschlafen?«, begrüßte er sie mit einem breiten Lächeln.

Leah nickte, und Yvonne erklärte: »Wir sind gleich ins Bett gegangen und haben bis zum Morgen durchgeschlafen. Das kommt wirklich selten vor.«

»Und was habt ihr heute vor?«, erkundigte er sich.

»Wir gehen an den Strand!«, jubelte Leah.

»Wenn ihr wollt«, sein Blick fiel auf Yvonne, »können wir vorher eine Inselrundfahrt unternehmen. Du hast gesagt, ihr seid zum ersten Mal auf der Insel. Ich kenne mich hier gut aus und kann euch die schönsten Plätze zeigen.«

»Bist du mit dem Auto da?«

»Ja, wir könnten eine kleine Tour machen, an einem schönen Strand baden gehen, später durch die Stadt schlendern und etwas essen.« Christian griff nach dem Honig und bestrich sich sein Brötchen. »Heute ist leider die letzte Gelegenheit, etwas zusammen zu unternehmen. Denn morgen früh reise ich ab.«

»Oh! Warum denn?« Leah, die gerade noch etwas verschlafen gewirkt hatte, war plötzlich hellwach.

»Weil ich arbeiten muss.«

»Na, wenn das heute dein letzter Tag ist, können wir deinen Vorschlag natürlich nicht ablehnen. Findest du nicht auch, Leah?«, sagte Yvonne.

»Hmm.« Sie nickte.

»Wenn wir mit dem Frühstück fertig sind, gehe ich nach oben und packe ein paar Sachen zusammen. Geht das in Ordnung, Christian?«

»Aber natürlich. Ich warte unten auf euch«, antwortete er.

Doch dann waren sie schneller fertig als gedacht.

Bevor sie losfuhren, ließ Christian noch das Verdeck seines Wagens herunter, und so saßen sie in einem schicken Cabrio und ließen sich den warmen Fahrtwind durch die Haare wehen.

»Das ist toll, Mama«, freute sich Leah. »Ich bin noch nie in einem Auto ohne Deckel gefahren«, rief sie und riss begeistert die Arme hoch.

Die Erwachsenen lachten.

Christian zeigte ihnen die Insel, dann steuerte er einen Badestrand an. Es war genau so, wie man es sich wünschte: ein flacher, weißer Sandstrand, blauer Himmel und blaues Meer und eine Sonne, die es gut mit einem meinte.

Sie suchten sich ein schattiges Plätzchen, breiteten eine Matte zum Sitzen aus und rieben sich mit Sonnencreme ein. Dann lief Leah zum Wasser und badete ihre nackten Füße im weichen Schaum der Wellen. Sie quietschte fröhlich, wenn die Wellen sanft anrollten und das frische Salzwasser ihre Beine umspülte. Aber manchmal, wenn eine größere Welle kam, sprang sie auf und lief lachend davon, um dann wieder zurückzukommen.

Später erschuf sich Leah ihre eigene kleine Welt am Strand.

Schließlich rief sie: »Mama, guck mal, ich baue der Meerjungfrau ein Schloss!« Geschickt formte sie mit ihren kleinen Händen den Sand. Ihre Augen strahlten dabei vor Begeisterung. Bis eine große Welle alles wegschwemmte.

Yvonne tröstete die enttäuschte Leah, während Christian fragte: »Sollen wir aufbrechen? Ich kenne einen guten Italiener. Vielleicht möchte Leah eine Pizza?« Offenbar versuchte er, die Kleine aufzumuntern.

»Die isst sie sehr gerne«, antwortete Yvonne. »Auch wenn sie meist nur ein kleines Stück schafft.«

So war es auch dieses Mal. Aber die beiden Erwachsenen hatten ebenfalls Hunger und halfen ihr beim Verzehr.

Danach bummelten sie durch die Innenstadt. Leah blieb an einem Spielplatz stehen.

Christian legte kurz seine Hand auf Yvonnes Arm. »Wir könnten uns da drüben hinsetzen, wenn Leah spielen will«, schlug er vor und deutete auf die kleine Bar.

Kurz darauf bestellten sie zwei Gläser Rotwein.

Yvonne prostete ihm zu und sagte: »Danke, dass du so rücksichtsvoll bist. Die meisten Männer, die allein unterwegs sind, stören sich an einem Kind und suchen nur ein Abenteuer.«

»Und du, Yvonne? Bist du verheiratet oder in einer festen Beziehung?« Seine dunklen Augen lagen auf ihr.

Die Zweiunddreißigjährige schüttelte den Kopf. »Ich bin seit drei Jahren geschieden und lebe allein.«

»Und was ist mit Leahs Vater?«, fragte Christian.

»Er hat inzwischen einen Sohn, der ihm wichtiger ist. Er kümmert sich kaum noch um Leah, zahlt aber regelmäßig. Doch das ersetzt ihr natürlich nicht den Vater. Und du, Christian?«

»Ich bin auch geschieden«, antwortete er. »Meine Ex-Frau meinte, ich sei mit meiner Arbeit verheiratet. Irgendwann reichte es ihr. Inzwischen lebt sie lieber allein und macht sich mit ihren Freundinnen ein schönes Leben.«

»Und was machst du beruflich?

»Ich bin Wirtschaftsprüfer in einer großen Kanzlei. Leute wie mich mag man normalerweise nicht, weil sie anderen ihre Fehler aufzeigen.«

Sie lachte. »So schlimm ...?«

»Manchmal schon. Und was machst du so beruflich? Arbeitest du in Teilzeit.«

Sie nickte. »Ja. Ich bin bei den Stadtwerken angestellt. Wenn ich arbeite, ist Leah in der Kita oder bei meiner Freundin Daniela, die auch alleinerziehend ist.«

Christian nahm einen Schluck Rotwein und sagte: »Willst du mir deine Handynummer geben, Yvonne? Dann können wir in Kontakt bleiben? Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder auf Norderney oder so. Ich würde mich freuen.«

»Ja, vielleicht.« Ihre Antwort klang vage, Yvonne hörte es selbst. Sie war überrascht von seinem Vorschlag und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Aber sie war gern mit ihm zusammen. Er war ein ruhiger, besonnener Mann. Das gefiel ihr.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich Yvonne und Leah winkend von ihm. Yvonne bedauerte, dass sie nicht mehr Zeit miteinander hatten verbringen können. Sie hätte ihn gerne näher kennengelernt.

»Schade, dass Christian fährt«, sagte Leah plötzlich in ihre Gedanken hinein.

Überrascht sah Yvonne sie an. »Aber wir kennen ihn doch noch nicht so lange. Man kann ihn kaum einen Freund nennen.«

»Doch. Er ist mein Freund. Er hat für mich Muscheln gesammelt, mir eine Pizza und ein Eis gekauft. Und es war so schön, mit ihm in dem Auto ohne Dach zu fahren.«

»Ja, nett war er schon«, gab Yvonne zu. »Aber so schnell werden wir ihn wohl nicht wiedersehen. Von Hamburg nach Regensburg sind es circa siebenhundert Kilometer. Das schafft man nicht mal so schnell am Wochenende.«

»Können wir nicht zu ihm fliegen, Mama? Die Sophie in der Kita fliegt auch immer zu ihrer Oma in Italien.« Diese Eingebung schien für Leah plötzlich die Rettung zu sein.

»Abgesehen von den Kosten können wir nicht einfach so zu ihm reisen. Nein, Leah, das musst du dir aus dem Kopf schlagen.«

Die Voraussetzungen für ein baldiges Wiedersehen waren eher ungünstig. Sie bedauerte das, während Leah sie mit irgendwelchen Fragen über Christian löcherte, auf die sie keine Antwort hatte. Sie kannte ihn ja kaum. Bisher war er nicht mehr als eine zweitägige Urlaubsbekanntschaft gewesen.

♥♥♥

Die reine Fahrzeit von Norderney nach Hamburg betrug gut vier Stunden, hinzu kam die Überfahrt mit der Fähre. Doch heute hatte die Rückreise länger gedauert, weil es auf der Autobahn einen schweren Unfall gegeben hatte, der zu einem erheblichen Stau geführt hatte. Christian war froh, endlich zu Hause zu sein.

In seiner lichtdurchfluteten, einhundertachtzig Quadratmeter großen Penthouse-Wohnung mit Blick auf die Alster fühlte er sich sofort wieder wohl. Diese teure und sehr stylishe Wohnung hatte er sich gegönnt, als er und seine Ex-Frau nach der Scheidung das gemeinsame Haus verkauft und das Geld geteilt hatten.

Ihm gefielen der polierte Marmorboden, die moderne, offene Einbauküche mit Kochinsel, die sechs Zimmer und zwei helle, großzügige Bäder mit Gäste-WC. Besonders angetan war er von der großen Dachterrasse mit glasüberdachter Sitzecke und Heizstrahlern. Hier konnte er nach der Arbeit Abstand gewinnen und sich ausruhen.

Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und nahm einen großen Schluck, während sein Blick auf das Wasser der Alster fiel.

Yvonne und Leah tauchten vor seinem inneren Auge auf. Es war schön gewesen, sie kennenzulernen. Er nahm sich vor, Yvonne in Kürze anzurufen. Vielleicht würden sie einen Weg finden, sich bald wiederzusehen. Er wünschte es sich. Auch wenn es unrealistisch war. Wahrscheinlich würde ihm die Zeit fehlen.

Ein leichter Schatten huschte über sein Gesicht. Er dachte an das Unternehmen, das er gerade prüfte. Ein großes Unbehagen beschlich ihn. Die Global Synergy Group AG war ein börsennotierter Zahlungsdienstleister mit Hauptsitz in Deutschland. Niederlassungen gab es in Europa, in den USA und in Fernost. Das Unternehmen gab eigene Kreditkarten heraus, bot Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr an und war im Risikomanagement tätig.

Zum ersten Mal in seinem Berufsleben hatte Christian das Gefühl, dass das bisherige System der Bilanzkontrolle hier an seine Grenzen stieß. Ging in diesem Fall alles mit rechten Dingen zu? Er spürte eine tiefe Verunsicherung in sich. Als erfahrener Wirtschaftsprüfer kannte er die subtilen Anzeichen und »roten Fahnen« in den Zahlenkolonnen.

Bisher hatte er seinen Beruf geliebt und sich in den letzten Jahren in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hochgearbeitet. Man schätzte ihn und verließ sich auf ihn.

Als er nebenan ein Geräusch hörte, ging er zum Geländer der Terrasse und fragte leise: »Anneke ...?«

»Hallo, Christian. Na, schon wieder von der Nordsee zurück?«

Seine Nachbarin Anneke Hansen streckte ihm den Kopf entgegen. Die alleinstehende Mittvierzigerin war die Einzige im Haus, zu der er einen etwas engeren Kontakt pflegte. Sie hatte sogar einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Denn in den zwei Jahren, die er hier wohnte, hatte er sich schon fünf Mal ausgesperrt.

Anneke war freiberufliche Webdesignerin und arbeitete von zu Hause aus. Sie war seine Ansprechpartnerin, wenn er Probleme im Haushalt hatte oder sonst nicht mehr weiterwusste.