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Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes versucht Nicola, für ihre kleine Tochter Emma stark zu bleiben. In dieser schweren Zeit ist Wolfgang, der beste Freund ihres verstorbenen Mannes, ihre wichtigste Stütze - ein Mann, der immer da ist, zuhört, tröstet und hilft. Langsam wächst aus Dankbarkeit Zuneigung - und schließlich etwas, das sich wie Liebe anfühlt. Doch als Nicola glaubt zu erkennen, dass Wolfgang sich nur aus Pflichtgefühl um sie sorgt, zerbricht etwas in ihr. Erschöpft und seelisch ausgebrannt reist sie für zwei Wochen nach Teneriffa, um neue Kraft zu finden. Doch sie kehrt nicht zurück. Niemand weiß, wo sie ist - oder warum sie ihren Rückflug nicht angetreten hat. Während Wolfgang und die Familie sich quälende Vorwürfe machen, hält nur die kleine Emma unbeirrt an ihrem Glauben fest: "Mama kommt wieder - sie hat es mir versprochen."
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Wenn der Wind sich dreht
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Über eine vermisste Mama und ein Mädchen, das die Hoffnung nicht verliert
Von Tessa Philipp
Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes versucht Nicola, für ihre kleine Tochter Emma stark zu bleiben. In dieser schweren Zeit ist Wolfgang, der beste Freund ihres verstorbenen Mannes, ihre wichtigste Stütze – ein Mann, der immer da ist, zuhört, tröstet und hilft.
Langsam wächst aus Dankbarkeit Zuneigung – und schließlich etwas, das sich wie Liebe anfühlt. Doch als Nicola glaubt, zu erkennen, dass Wolfgang sich nur aus Pflichtgefühl um sie sorgt, zerbricht etwas in ihr.
Erschöpft und seelisch ausgebrannt reist sie für zwei Wochen nach Teneriffa, um neue Kraft zu finden. Doch sie kehrt nicht zurück. Niemand weiß, wo sie ist – oder warum sie ihren Rückflug nicht angetreten hat.
Während Wolfgang und die Familie sich quälende Vorwürfe machen, hält nur die kleine Emma unbeirrt an ihrem Glauben fest: »Mama kommt wieder – sie hat es mir versprochen.«
Der Herbstwind kräuselte sanft die Oberfläche des Ammersees. Entlang des Uferwegs leuchteten die Kastanien in warmem Rotbraun. Blätter schwebten zu Boden, wo ihre glänzenden Früchte bereits über den Weg verstreut lagen.
Nicola nahm den gewohnten Pfad, den sie so oft mit Kilian gegangen war. Sie beobachtete ihre Tochter, die ein paar Schritte voraus am Kiesstrand entlangtänzelte.
»Mama, schau mal! Die Enten sind so süß!« Emma deutete aufgeregt auf eine Gruppe Stockenten, die träge ihre Kreise zogen.
»Ja, das sind sie.« Nicola lächelte und ließ den Blick über den See schweifen. An klaren Tagen reichte die Sicht bis tief in die Alpen hinein, doch heute lagen das Wettersteingebirge und die Zugspitze hinter grauen Wolken verborgen.
Emma hüpfte zwischen den vom Wasser glattgeschliffenen Kieselsteinen umher, immer näher zum Ufer.
»Vorsicht!«, rief Nicola. »Das Wasser ist schon kalt.«
Emma schaute kurz hoch, die Wangen gerötet von der frischen Luft. Ihre strahlend blauen Augen – ein Erbe ihrer Mutter – funkelten vor Begeisterung. Dann bückte sie sich nach einem besonders glatten Stein.
»Mama, schau! Der sieht aus wie ein Herz!«
Nicola musste lächeln. Emma besaß diese wunderbare Gabe, selbst an trüben Tagen etwas Schönes zu entdecken. Seufzend nahm sie auf der Holzbank Platz und klopfte einladend neben sich. »Komm her, Schatz. Setz dich einen Moment zu mir.«
Emma kam angerannt, den herzförmigen Stein fest umklammert. »Können wir den mitnehmen? Für Papa?«
Auch anderthalb Jahre nach seinem Tod fragte Emma noch manchmal nach ihrem Vater, als könnte er jeden Moment erscheinen.
»Natürlich können wir das.« Nicola legte den Arm um sie. »Papa hätte sich bestimmt darüber gefreut.«
Emma schmiegte sich an ihre Mutter. »Mama, erzähl mir von Papa, als er noch hier war. Bitte!«
Nicola richtete sich auf und zog Emma näher zu sich. »Komm her, Schatz. Lass uns über Papa reden. Aber heute sagst du mir, woran du dich erinnerst. Und ich höre zu.«
Emma drehte den herzförmigen Stein in ihren Händen und dachte nach. »Papa hat immer gelacht, wenn wir am See waren. Und er hat mir gezeigt, wie man flache Steine übers Wasser springen lässt.«
»Ja, das stimmt.« Nicola lächelte. »Was noch?«
»Er hat gesagt, die Blätter sind bunt wie meine Buntstifte.«
Nicola nickte. »Genau so hat Papa das gesehen. Und weißt du noch, was er immer gesagt hat, wenn wir hier waren?«
Emma schüttelte den Kopf, die blonden Strähnen tanzten im Wind.
»Er hat gesagt: ›Das Leben ist wie dieser See. Manchmal ruhig, manchmal stürmisch. Aber immer schön auf seine eigene Weise.‹«
»Mama ...« Emmas Stimme wurde leiser. »Warum musste Papa weggehen?«
Ein vertrauter Schmerz durchzog ihre Brust. Inzwischen wusste sie, damit umzugehen.
»Manchmal passieren Dinge, die wir nicht verstehen, Schatz. Die Berge können gefährlich sein. Papa hatte bei einem Rettungseinsatz Pech. Die Lawine kam so plötzlich.« Nicola schluckte schwer. »Seine Kollegen haben alles versucht, um ihn zu retten. Aber es war zu spät. Papa war schon von uns gegangen.«
Emma nickte stumm. Wieder und wieder hatten sie darüber gesprochen, um das Unfassbare zu begreifen.
Sie saßen schweigend da und beobachteten die sanften Wellen und das rhythmische Plätschern des Wassers. Emma drehte den herzförmigen Stein zwischen den Fingern.
Früher hatte Nicola die majestätische Bergkulisse geliebt, die das Leben in Bayern so besonders machte. Kilian hatte ihr die Namen aller Gipfel beigebracht, begeistert von seinen Touren erzählt, von der Stille dort oben geschwärmt.
»Du verstehst das nicht, Nicki«, hatte er immer gesagt, wenn sie sich Sorgen machte. »Ich bin so aufgewachsen. Die Berge sind mein Zuhause. Außerdem bin ich vorsichtig.«
Sie sah ihn noch vor sich, wie er seine Ausrüstung prüfte, jedes Detail kontrollierte. Kilian war kein Draufgänger gewesen. Fünfzehn Jahre Bergerfahrung, eine hochqualifizierte Ausbildung als Bergretter, ständige Fortbildungen. Das war die Grundlage seines Berufs gewesen. Kollegen und Privatleute hatten ihm Respekt gezollt. Er hatte Risiken auf sich genommen, die anderen zu gefährlich waren, und dadurch Menschenleben gerettet.
»Ich bin vorsichtig, das weißt du«, hatte er ihr an jenem Februarmorgen versichert. »Aber wir müssen dorthin. Zwei Bergsteiger werden vermisst. Heute Abend bin ich wieder da, dann kochen wir dein Lieblingsrisotto.«
Der Anruf war um vier Uhr nachmittags gekommen. Lawine am Nordhang. Drei Verschüttete. Kilian war einer von ihnen.
»Es tut mir leid, Frau Zirngiebel. Wir haben wirklich alles getan, was möglich war.«
Inzwischen betrachtete Nicola die Gipfel, die heute im Nebel verborgen lagen, mit anderen Augen als früher. Wo sie einst Erhabenheit gesehen hatte, spürte sie jetzt nur noch die stumme Gleichgültigkeit der Natur.
»Warum?«, flüsterte sie in den Wind. »Warum musstest ihr mir meinen lieben Mann nehmen?«
Aber die Berge antworteten nicht. Sie standen da, erhaben und schweigend, unberührt von menschlichen Träumen und Verlusten.
Ihr Blick wanderte hinunter zum See, wo das Leben einfach weiterging, unbekümmert um ihre Trauer. Segelyachten glitten vorbei, bunte Kajaks tanzten auf den Wellen, Ruderboote zogen gemächlich ihre Bahnen.
Kilian und sie hatten manchmal bei einem Spaziergang am See Pläne geschmiedet: ein Haus bauen, ein Geschwisterchen für Emma, gemeinsam alt werden. Solche harmlosen, wunderbaren Träume.
Jetzt fühlte sie sich mit einunddreißig Jahren manchmal wie eine alte Frau. Zu jung für die Trauer, die sie trug, zu alt für die Träume, die mit Kilian gestorben waren.
»Mama, schläfst du?« Emmas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Das Mädchen hatte inzwischen einen weiteren hübschen Stein entdeckt.
»Nein, mein Schatz. Ich habe nur an Papa gedacht.«
Freunde, Familie, Bekannte meinten es gut: »Du bist noch jung, Nicola. Das Leben geht weiter. Kilian hätte gewollt, dass du glücklich wirst.«
Aber was wussten sie schon von der Leere, die er hinterlassen hatte? Von den Nächten, in denen sie aufwachte und für einen winzigen Moment vergaß, dass er nicht mehr da war?
Nicola erhob sich und warf einen letzten Blick über den See. Hier war der einzige Ort, wo sie Kilian noch spüren konnte.
Das Licht wurde allmählich schwächer, die Wolken lichteten sich und gaben die Berge als dunkle Silhouetten frei.
»Mama, sind wir jetzt arm?«, fragte Emma plötzlich.
Nicola war überrascht. »Warum fragst du das, Liebling?«
»Omi Wilma hat mit Tante Anna geredet. Sie haben gesagt, wir sind jetzt arm.«
Nicola seufzte leise. Die Erwachsenen dachten immer, Kinder würden nicht zuhören. Aber Emma bekam mehr mit, als alle vermuteten.
»Nein, Schatz, wir sind nicht arm. Unser Geld ist knapper geworden als früher, das stimmt. Aber wir haben uns, und das ist das Wichtigste.«
Sie gingen langsam weiter am Ufer entlang. Nicola spürte die frische Herbstluft auf ihren Wangen, aber auch die Wärme von Emmas kleiner Hand in ihrer.
Sie war eine Witwe, aber sie war auch Mutter. Eine Frau, die gelernt hatte, dass Stärke nicht bedeutete, niemals zu weinen, sondern weiterzumachen, auch wenn die Tränen kamen.
Emma zeigte auf das gemütliche Café, dessen warmes Licht sie anzog. »Mama, können wir da reingehen? Oder kostet das zu viel?«
Bei Emmas vorsichtiger Frage wurde Nicola bewusst, dass ihre Tochter bereits gelernt hatte, an Geld zu denken. Sie drückte ihre Hand fester. »Sollen wir uns eine heiße Schokolade gönnen?«
»Oh, ja! Mit Sahne?«
»Mit Sahne«, bestätigte Nicola und öffnete kurz darauf die Tür zum Café. Der Duft von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen empfing sie und schien die Sorgen für eine Weile zu verscheuchen.
♥♥♥
Mit ihrer unbedachten Bemerkung über das Armsein traf Emma einen wunden Punkt.
Als hauptamtlicher Bergretter hatte Kilian gut verdient. Gefahrenzulagen, Überstunden und Zuschläge für Nacht- und Wochenenddienste hatten sein Grundgehalt erheblich aufgestockt. Jetzt musste Nicola mit ihrer schmalen Witwenrente und Emmas kleiner Waisenrente auskommen, während die Kosten dieselben blieben. Ein Halbtagsjob war unumgänglich, wenn sie nicht ihre ohnehin mageren Ersparnisse angreifen wollte.
Zufällig traf sie Alex Kleinert, einen alten Schulfreund, mit dem sie früher in derselben Clique gewesen war. Alex war Anfang dreißig, trug selbst einige kunstvolle Tattoos am Unterarm und hatte diesen entspannten, leicht alternativen Look, der zu seinem Beruf als Tattoo-Künstler passte.
Nach der Schule hatten sie keinen engen Kontakt mehr, begegneten sich aber ab und zu. Ein Nicken auf dem Stadtfest, ein paar höfliche Worte beim Vorbeigehen.
Nun suchte Alex für sein neues Tattoo-Studio in Herrsching jemanden für die Verwaltung. Nicola konnte ihr Glück kaum fassen.
Alex kennt mich, dachte sie. Er weiß, dass ich zuverlässig bin.
Die Aussicht, nicht bei einem Fremden um Vertrauen buhlen zu müssen, war verlockend. Zwischen ihnen lag keine peinliche Vergangenheit, nur eine warme, unkomplizierte Vertrautheit.
Ihre Bürokauffrau-Ausbildung, die vor Emmas Geburt noch wie ein Umweg gewirkt hatte, erwies sich nun als Glücksfall.
Das Studio lag am Ostufer des Ammersees. Die Arbeitszeiten passten perfekt: nachmittags, während Emma in der Kita war. So konnte sie arbeiten, ohne sich Sorgen zu machen.
An diesem Dienstagnachmittag war Alex' Tattoo Dreams bereits seit einer Stunde geöffnet, als der Signalton erklang. Ein junger Mann trat ein.
»Hallo! Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Nicola lächelnd und erhob sich vom Rezeptionstresen.
»Äh, ja ... ich hätte gerne ein Tattoo«, stammelte er und blickte unsicher umher. An den Wänden hingen Kunstwerke und Tattoo-Vorlagen, leise Musik sorgte für eine entspannte Atmosphäre.
»Haben Sie schon eine Vorstellung?«
»Einen Anker ... für meinen Opa. Der war Seemann.«
»Das ist eine schöne Idee.«
»Sagen Sie ... tut es weh?«
»Ein bisschen. Aber das empfindet jeder anders.«
Nicola warf einen Blick zu Alex, der konzentriert an einem Tribal-Muster mit seinen charakteristischen geometrischen Formen arbeitete.
»Alex! Wir haben hier jemanden für einen Anker.«
»Such schon mal die Anker-Mappe raus. Bin gleich fertig«, rief er zurück, ohne aufzublicken.
Nicola holte die entsprechenden Vorlagen aus dem Regal. »Setzen Sie sich. Möchten Sie etwas trinken?«
»Nein, danke. Zu nervös.« Der junge Mann lächelte verlegen.
Sie legte die Motivmappe vor ihn. »Schauen Sie hier mal in Ruhe durch.«
»Fertig für heute«, rief es wenig später aus dem Behandlungsraum. »Drei Tage nicht schwimmen, die Creme dünn auftragen, Annalena.«
Die Kundin strahlte. »Cool, Alex! Genau wie ich's mir vorgestellt hab!«
Nicola übernahm die Terminierung. »Kontrolle in zwei Wochen. Und schicken Sie uns ein Foto, wenn's abgeheilt ist.«
»Macht ihr auch Piercings?«, fragte Annalena beim Hinausgehen.
»Bald. Ich ruf dich an«, versprach Alex.
Er kam herüber und betrachtete die Anker-Vorlagen. »Klassisch oder modern? Groß oder klein?«, fragte er den jungen Mann.
»Ehrlich gesagt habe ich noch keinen Plan. Es ist mein erstes Tattoo.«
»Alles gut. Wie heißt du?«
»Paul Lötsch.«
»Okay, Paul. Ein Tattoo ist wie eine feste Beziehung: Es hält ein Leben lang. Sag mir einfach, was dir gefällt.« Paul nickte und deutete auf ein klassisches Symbol. Sie vereinbarten einen Termin für die kommende Woche, dann verabschiedete er sich zufrieden.
Alex räumte seine Nadeln weg. »Nicki.« Seine Stimme klang rau. »Ich muss dir was sagen, aber ...« Er rieb sich die Stirn. »Verdammt, ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, ohne unsere Freundschaft zu zerstören.« Seine Unruhe war nicht zu übersehen.
»Ist etwas passiert?«
»Nein, nicht direkt.« Er lehnte sich gegen den Tresen, mied aber ihren Blick. »Weißt du, das Geschäft läuft nicht so, wie ich gehofft hatte. Die Konkurrenz ist härter geworden.«
»Wenn du denkst, dass das Studio ein neues Image braucht, dann lass uns das gemeinsam entwickeln. Ich könnte das organisieren.«
Nicola dachte an bessere Nachsorge für die Kunden, Workshops zur richtigen Pflege, individuelle Beratung.
»Gute Idee. Ich denke darüber nach. Aber trotzdem ...«
»Aber was ...?«
»Ich weiß, wie das klingt, aber ...« Alex rieb sich erneut die Stirn. »Könntest du dich nicht etwas ... passender anziehen?«
Nicola blickte an sich herunter. Sie trug eine schlichte weiße Bluse und eine dunkle Hose. Durchaus angemessen, wie sie fand. »Was ist denn verkehrt an meiner Kleidung?«
»Dein Look passt für die Bank oder eine Steuerkanzlei. Aber bei uns triffst du auf ein anderes Klientel. Leg dir mal ein paar schicke, coole Outfits zu. Stylische Jeans, Lederjacke, fetzige Tops. Zeig ein bisschen Persönlichkeit.« Alex wurde direkter. »Die Konkurrenz hat attraktive Frauen am Empfang. Solche mit Tattoos, Piercings, ausgefallenem Make-up, Miniröcken und tiefen Dekolletés. Und du, Nicki, hast – soweit ich weiß – nicht einmal ein kleines Tattoo.« Er schwieg kurz und ließ den Vorwurf wirken. »Administrativ machst du einen super Job. Das will ich nicht unerwähnt lassen. Aber das reicht nicht.«
Nicola wich die Farbe aus dem Gesicht.
Seine Stimme wurde eindringlicher: »Wir brauchen am Tresen jemanden mit Biss, mit Ausstrahlung. Jemanden, der die Kunden anzieht und zum Geldausgeben animiert. Stattdessen trägst du noch immer diese Traurigkeit in dir.« Er zögerte einen Moment. »Wenn ich das so sagen darf. Das verstehe ich zwar, aber es ist schlecht fürs Geschäft.« Nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort: »Einige Kunden haben das bemerkt. Sie mögen dich. Aber sie sagten, du wirkst so ... ernst ... so traurig.«
Die Worte trafen sie wie ein Schlag, auch wenn er sie sanft aussprach.
»Das ist völlig nachvollziehbar«, fügte er hastig hinzu. »Nach allem, was du durchgemacht hast. Aber ein Tattoo-Studio ist ein besonderer Ort. Die Leute kommen hierher, um sich selbst auszudrücken, um etwas Bedeutsames zu verewigen.«
Nicola verschränkte die Arme. »Ich bin höflich zu den Kunden.«
»Das bist du. Absolut professionell.« Alex suchte nach Worten. »Aber vielleicht könntest du ... lockerer werden? Mehr du selbst?«
»Ich bin ich selbst«, entgegnete Nicola und schlang die Arme um sich.
»Die alte Nicki war anders.« Seine Stimme wurde wehmütig. »Erinnerst du dich? Weißt du noch, wie du damals bei Marcos Geburtstag auf dem Tisch getanzt hast? Alle haben gelacht, und du warst so ... lebendig. Du warst mal die, die alle zum Lachen gebracht hat.«
Tränen stiegen ihr in die Augen. »Diese Nicola gibt es nicht mehr, Alex. Die ist mit Kilian gestorben.«
»Das glaube ich nicht.« Er trat einen Schritt näher. »Sie ist nur verschüttet. Unter all der Trauer.«
Eine Weile schwiegen beide. Dann räusperte sich Alex.
»Es gibt noch etwas anderes. Nächste Woche kommt eine neue Mitarbeiterin. Susan Berg. Sie macht Piercings und Tattoos.« Er zögerte. »Sie ist erfahren und sehr selbstbewusst. Sie verkörpert genau das Image, das wir brauchen. Ich befürchte, das wird den Unterschied zu dir noch deutlicher machen.« Alex sah sie flehend an. »Ich will dich nicht verlieren, Nicki. Du bist wichtig für mich als Freundin und als Mitarbeiterin. Aber ich brauche auch ein funktionierendes Geschäft, das mehr Umsatz macht. So kann es nicht weitergehen.«
Nicola starrte ihn lange an. In seinen Augen sah sie keine Bosheit, nur Sorge und Hilflosigkeit.
»Was erwartest du von mir?«, fragte sie leise und biss sich auf die Unterlippe.
»Dass du dir erlaubst, wieder du selbst zu sein. Für dich zuerst. Der Rest kommt von allein.« Er griff nach ihrer Hand. »Ich helfe dir dabei.«
Nicola entzog ihm ihre Hand. »Ich muss darüber nachdenken, Alex.«
»Das verstehe ich. Lass dir Zeit.«
