Familie mit Herz 224 - Tessa Philipp - E-Book

Familie mit Herz 224 E-Book

Tessa Philipp

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Claudia Bergmann steht vor dem schwersten Kapitel ihres Lebens: Seit dem Tod ihres Mannes versucht sie, die Familienfirma zu retten und gleichzeitig ihre erwachsenen Kinder aufzufangen. Während Sohn Tom von einem eigenen Restaurant träumt und Tochter Yvonne nach einem Burnout mit der kleinen Sofia zu ihrer Mutter zurückkehrt, ist die Familie nach Jahren wieder vereint. Doch Yvonne bringt ihre eigenen Sorgen mit. Sofias Vater ist ihr ehemaliger Professor, dem Yvonne nie von dem Kind erzählt hat, da er ein verheirateter Mann ist. Dabei sehnt sich die kleine Sofia so sehr nach einem Papa. Claudia Bergmann ist glücklich, alle ihre Lieben um sich zu haben. Aber damit die Familie einen Neuanfang wagen kann, müssen die Bergmanns sich den Schatten der Vergangenheit stellen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Inhalt

Der steinige Weg zum Glück

Vorschau

Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?

Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Der steinige Weg zum Glück

Eine Mutter kämpft um Zusammenhalt, Liebe und Neuanfang

Von Tessa Philipp

Claudia Bergmann steht vor dem schwersten Kapitel ihres Lebens: Seit dem Tod ihres Mannes versucht sie, die Familienfirma zu retten und gleichzeitig ihre erwachsenen Kinder aufzufangen. Während Sohn Tom von einem eigenen Restaurant träumt und Tochter Yvonne nach einem Burnout mit der kleinen Sofia zu ihrer Mutter zurückkehrt, ist die Familie nach Jahren wieder vereint. Doch Yvonne bringt ihre eigenen Sorgen mit. Sofias Vater ist ihr ehemaliger Professor, dem Yvonne nie von dem Kind erzählt hat, da er ein verheirateter Mann ist. Dabei sehnt sich die kleine Sofia so sehr nach einem Papa.

Claudia Bergmann ist glücklich, alle ihre Lieben um sich zu haben. Aber damit die Familie einen Neuanfang wagen kann, müssen die Bergmanns sich den Schatten der Vergangenheit stellen ...

Der Schlüssel glitt mühelos ins Schloss. Claudia Bergmann öffnete die Eingangstür ihrer Textilreinigung Bergmann & Co. mit einer geschmeidigen Bewegung. Seit der Modernisierung gab es kein Rütteln oder Klemmen mehr. Das war eine der vielen kleinen Verbesserungen, die Heinrich noch in Auftrag gegeben hatte. Ein kleiner Trost in Zeiten, in denen so vieles andere klemmte.

Sie strich sich eine braune Strähne aus der Stirn und atmete tief durch. Der moderne, schwungvolle Haarschnitt umrahmte ihr Gesicht. In der weißen Bluse mit dem dezenten Firmenlogo wirkte sie natürlich und sympathisch.

Frische, klimatisierte Luft strömte ihr entgegen, als sie den Verkaufsraum betrat. Sie kontrollierte das Kleiderkarussell und bereitete die Kasse vor. Die gewohnten Handgriffe beherrschte sie mittlerweile im Schlaf. Zwei Jahre war Heinrich nun schon nicht mehr da. In dieser Zeit hatte sie gelernt, das Geschäft mit Hilfe ihres Sohnes Tom und mehrerer Teilzeitkräfte zu führen. Es funktionierte. Aber es war nicht mehr dasselbe.

Am Verkaufstresen ordnete sie die Annahmescheine und Preislisten. Alles war an seinem Platz. Sie liebte diese Momente der Stille, bevor das Tagesgeschäft begann.

Schließlich drehte sie das Schild an der Eingangstür von »Geschlossen« auf »Geöffnet«. Draußen auf der Hauptstraße herrschte bereits das vertraute morgendliche Treiben. Ein Bus fuhr vorbei und gab die Sicht frei auf den Discounter weiter vorn, in den längst Kunden mit ihren Einkaufswagen eilten.

Claudia warf einen Blick auf die Uhr am Schreibtisch: acht Uhr fünfzehn. Tom würde gleich kommen. Seit Heinrichs Tod verspätete er sich immer ein wenig. Es war, als könnte er damit etwas zurückhalten, das längst verloren war.

In der kleinen Küchenzeile hinter dem Verkaufsraum schaltete Claudia die Kaffeemaschine ein. Das vertraute Gluckern erfüllte bald den Raum, dazu der würzige Duft von frischem Kaffee. Manche Dinge blieben einfach gut, egal, was sich sonst veränderte.

Ein sanfter elektronischer Ton kündigte die erste Kundin an.

»Guten Morgen, Frau Bergmann!« Frau Huber, eine ihrer Stammkundinnen, trat ein. Die ältere Dame hatte zwei Kostüme über dem Arm. »Ich hoffe, Sie können die wieder so schön herrichten wie beim letzten Mal. Meine Enkelin heiratet nächsten Monat!«

»Aber natürlich, Frau Huber. Herzlichen Glückwunsch!« Claudia nahm die Kleidungsstücke entgegen und begutachtete sie fachmännisch. »Am dunkelblauen Kostüm ist ein kleiner Fleck am Kragen. Rotwein?«

»Ach herrje, ja! Von der Verlobungsfeier. Ich hoffe, das geht wieder raus.«

»Keine Sorge. Wir haben da ein spezielles Mittel. Das wird wie neu.« Claudia notierte sorgfältig die Wünsche auf dem Annahmeschein.

»Sie sind ein Schatz, Frau Bergmann. Was würden wir nur ohne Sie machen?« Frau Huber strahlte. »Ihr verstorbener Mann wäre stolz auf Sie. So, wie Sie das hier alles stemmen.«

»Danke, das ist lieb von Ihnen.« Claudia lächelte warm, auch wenn ihr bei der Erwähnung Heinrichs immer noch etwas schwer ums Herz wurde.

Als Frau Huber mit einem zufriedenen Nicken gegangen war, stand Tom plötzlich in der Türöffnung, die dunklen Haare noch feucht vom Duschen, das karierte Hemd nachlässig in die Jeans gestopft.

»Guten Morgen, Mama«, begrüßte er sie grinsend.

»Du bist spät dran«, bemerkte sie mit einem liebevollen Kopfschütteln.

Er zuckte mit den Schultern und verschwand in Richtung Produktionshalle.

Claudia holte sich eine Tasse Kaffee. Dabei fiel ihr der Stapel Post auf. Gestern hatte sie nach dem Kassenzählen keine Kraft mehr gehabt, auch nur einen Umschlag anzusehen.

»Jetzt oder nie«, murmelte sie und setzte sich mit der Tasse an den Schreibtisch im Büro. Sie griff nach ihrer Lesebrille und öffnete zögernd die ersten Briefe.

Werbesendungen. Ein Dankschreiben einer zufriedenen Kundin, das sie lächeln ließ. Eine Rechnung für Reinigungsmittel.

Dann sah sie das Logo der Stadtwerke. Zweite Mahnung stand darauf. Claudias Lächeln gefror.

Das nächste Schreiben war von ihrem Lieferanten. Eine höflich, aber bestimmt formulierte Zahlungserinnerung.

Mit zitternden Fingern griff sie nach dem dritten. Es trug das offizielle Logo der Lindenthaler Bank. Jene Bank, mit der Heinrich jahrelang so erfolgreich zusammengearbeitet hatte.

Sie öffnete es und begann zu lesen:

Sehr geehrte Frau Bergmann, bezüglich des von Ihrem verstorbenen Ehemann aufgenommenen Kredits über einhundertfünfzigtausend Euro müssen wir Sie darauf hinweisen, dass die Tilgungsraten seit längerem ausbleiben. Sollten die ausstehenden Beträge nicht zeitnah beglichen werden, sehen wir uns gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten ...«

Einhundertfünfzigtausend Euro. Rechtliche Schritte.

Die Worte verschwammen vor ihren Augen. Ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Rippen.

Schritte im Flur ließen sie zusammenfahren. Tom kam von hinten nach vorne. Der süßlich-scharfe Geruch von Reinigungsmitteln, der sich mit dem Dampf der Bügelpresse mischte, schlug ihr kurz entgegen.

Hastig schob Claudia die Briefe unter einen Stapel Lieferscheine, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Sie wandte sich ihm zu. Erst jetzt bemerkte sie die Sorgenfalten auf seiner Stirn, die müde Haltung seiner Schultern.

»Die Hoffmann-Lieferung muss pünktlich um zwölf raus«, sagte sie und bemühte sich um einen neutralen Ton. Aber ihre Stimme zitterte noch von dem Schock des Bankbriefs. »Zehn Anzüge, alles Express-Reinigung. Der Kunde ist wichtig für uns.«

Tom nickte. In seinen Augen lag dieser träumerische Ausdruck, den auch Heinrich manchmal gehabt hatte.

»Weißt du, Mama, ich habe gestern Abend nachgedacht ...«

»Tom, bitte nicht schon wieder.« Nicht heute. Nicht nach diesem schrecklichen Brief. Sie hatte nicht die Kraft für seine Träume.

»Hör doch nur mal zu.« Er drehte sich zu ihr um, und für einen Moment hatte er denselben Enthusiasmus wie sein Vater. »Ein kleines Restaurant. Regional, saisonal, alles frisch. Nichts Großes, aber bodenständig.«

»Die Hoffmann-Lieferung, Tom.« Die Worte kamen schärfer heraus als beabsichtigt. Die Angst, die der Brief ausgelöst hatte, machte sie hart und ungerecht.

Er wandte sich ab. »Immer nur Kleider, Blusen, Hemden und Anzüge«, murmelte er vor sich hin. »Den Dreck anderer Leute wegmachen. Das soll mein ganzes Leben sein?«

Claudia stand auf, ging zu ihm und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Unter dem dünnen Stoff spürte sie, wie er sich versteifte, wie er sich innerlich von ihr zurückzog.

»Es tut mir leid«, sagte sie leise und meinte es ehrlich. »Die Dinge sind gerade ... kompliziert.«

»Die Dinge sind seit zwei Jahren kompliziert, Mama. Seit Papa gestorben ist.« Seine Stimme wurde leiser. »Ich sehe meine Zukunft woanders. Nicht hier zwischen Chemikalien und fremder Kleidung.«

»Diese Reinigung hat uns ein gutes Leben ermöglicht.« Die Worte kamen automatisch. Wie oft hatte sie das schon gesagt? »Sie hat dein Studium bezahlt, uns ein Dach über dem Kopf gegeben.«

»Ein Studium, das ich nie wollte! Betriebswirtschaft, weil Papa meinte, das wäre vernünftig. Weil einer ja den Laden übernehmen muss.« Er hatte das Studium nach dem fünften Semester entnervt abgebrochen. »Der große Heinrich Bergmann, der für alles eine Lösung hatte.«

Das Telefon klingelte.

Claudia ging ran. »Textilreinigung Bergmann, guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?«

»Frau Bergmann?« Die Stimme am anderen Ende war kühl und geschäftsmäßig. »Hier spricht Margot Steiner von der Lindenthaler Bank.«

Claudias Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Die Reaktion auf den Brief kam schneller als erwartet. »Guten Morgen, Frau Steiner.«

»Es geht um die Kreditangelegenheit Ihres verstorbenen Mannes. Ich muss Sie bitten, heute noch bei mir vorbeizukommen. Es ist wirklich dringend.«

»Heute?« Claudias Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.

»Das Direktorium drängt auf eine schnelle Lösung. Wären Sie um zehn Uhr verfügbar?«

»Gut. Ich werde da sein.« Die Worte flossen wie von selbst, mechanisch und leblos.

Tom kam wieder nach vorn, sah ihre Blässe, die Verzweiflung in ihren Augen. »Wer war das?«

»Die Steiner von der Bank.« Sie zwang sich zu einem Lächeln, das niemanden täuschte. »Nur etwas Formales«, log sie.

Heinrich hatte sie nie umfassend in kaufmännische Dinge eingeweiht. »Vertrau mir, Claudia«, hatte er gesagt, wie so oft, wenn sie nachfragte. Und sie hatte ihm vertraut.

»Mama? Ist wirklich alles in Ordnung?«

»Alles gut. Mach bitte die Hoffmann-Sachen fertig. Wir dürfen unsere besten Kunden nicht enttäuschen.«

Er nickte und verschwand wieder nach hinten.

Draußen schien die Frühlingssonne auf Lindenthal. Ein schöner Tag. Claudia sah nur die Schatten, die das Licht durch die Kleiderständer warf.

»Was hast du mir nur hinterlassen, Heinrich?«, flüsterte sie in die Stille des Büros. Ihre Stimme verlor sich zwischen den Aktenordnern und unbezahlten Rechnungen.

♥♥♥

Während sich in der Reinigung die Schatten verdichteten, stand in Hamburg Yvonne Bergmann vor dem Fahrstuhl im dreizehnten Stock der Kanzlei Dr. Hartmann & Partner. Ihre Hände zitterten, als sie die Akte Hammersen umklammerte. Es war kurz vor zehn Uhr, und doch fühlte sie sich bereits am Ende ihrer Kräfte.

»Mama, warum musst du schon wieder weg?«

Sofias verzweifelte Stimme hallte noch in ihren Ohren nach. Ihre Tochter hatte heute Morgen bittere Tränen geweint, als die Tagesmutter kam. Yvonne hatte ihr versprochen, rechtzeitig zum Abendessen da zu sein, und war trotzdem gegangen. Wie immer. Das schlechte Gewissen nagte an ihr wie ein Geschwür.

Die Fahrstuhltür öffnete sich. Matthias Brenner trat heraus, makellos gestylt. »Bergmann! Bereit für den großen Tag? Heute machen wir die Gegenseite platt.«

Im Spiegelbild der Fahrstuhlwand sah sie sich selbst: perfektes Kostüm, strenge Frisur, Make-up über erschöpften Zügen. Eine fremde Frau.

»Du siehst mitgenommen aus«, bemerkte Brenner. »Durchgearbeitet?«

»Der Hammersen-Fall«, log sie. Sofia hatte bis zwei Uhr nachts geweint.

Im Konferenzraum herrschte angespannte Stille. Dr. Hartmann saß an der Stirnseite des Tisches, die Mandanten wirkten nervös, die Gegenseite kampfbereit. Drei Millionen Euro standen auf dem Spiel. Für Yvonne nur ein weiterer Fall.

»Frau Bergmann, beginnen Sie.« Hartmanns Stimme duldete keinen Widerspruch.

Yvonne öffnete die Akte. Die Buchstaben verschwammen vor ihren müden Augen. § 1371 BGB, Zugewinnausgleich. Sie kannte das auswendig. Warum konnte sie plötzlich nicht mehr denken?

»Die Vermögensaufstellung zeigt ...« Ihre Stimme versagte. Ein trockenes Kratzen kam aus ihrer Kehle. »Zeigt eindeutig ...«

Die Zahlen flossen ineinander. Ihr Herz hämmerte. Schweiß perlte auf ihrer Stirn.

»Frau Bergmann?« Hartmanns Stimme kam wie aus weiter Ferne.

Sie griff nach dem Wasserglas. Ihre Hand zitterte so heftig, dass das Wasser überschwappte und dunkle Flecken auf den wichtigen Papieren hinterließ. »Entschuldigung, ich ...«

Dann senkte sich ein schwarzer Vorhang über ihre Welt.

Als sie erwachte, lag sie auf Dr. Hartmanns Ledersofa. Ein Arzt leuchtete ihr mit einer kleinen Lampe in die Augen.

»Sie sind kollabiert«, erklärte Hartmann, seine Stimme klang nicht mehr so kalt wie sonst, aber etwas vorwurfsvoll, als er fortfuhr: »Mitten in der wichtigsten Verhandlung des Quartals.«

»Ich muss zurück«, stammelte Yvonne und versuchte aufzustehen.

»Sie gehen nirgendwo hin«, sagte der Arzt bestimmt. »Erschöpfungssyndrom. Wann haben Sie das letzte Mal richtig geschlafen? Richtig gegessen?«

Yvonne konnte sich nicht erinnern. Die letzten Wochen waren ein Nebel aus Kaffee, Akten und schlaflosen Nächten neben Sofias Bett gewesen.

»Sie brauchen Ruhe. Mindestens drei Wochen. Ich schreibe Sie krank.«

»Unmöglich!« Yvonne schwang die Beine vom Sofa. »Ich habe die Hammersen-Sache, Projekt Taurus ...«

»Sie haben gar nichts mehr«, unterbrach Dr. Hartmann scharf. »Sie sind neunundzwanzig und stark angeschlagen. Wenn Sie so weitermachen, landen Sie im Krankenhaus.«

Die Worte trafen sie wie Ohrfeigen. Aber dann fügte er sanfter hinzu: »Denken Sie an Ihre Tochter. Sie braucht eine gesunde Mutter.«

Sofia. Yvonne presste die Hände vors Gesicht.

Stunden später saß sie in ihrer leeren Wohnung. Die Tagesmutter würde Sofia erst am Nachmittag vom Kinderturnen zurückbringen. Auf dem Küchentisch lagen Akten neben bunten Malstiften. Zwei Welten, die nicht zusammenpassten. Im Kühlschrank gammelte das Obst vor sich hin.

Mit zitternden Fingern suchte sie nach »Mama« in ihren Handykontakten. Wann hatten sie das letzte Mal richtig miteinander gesprochen?

»Yvonne?« Claudias warme Stimme klang überrascht. »Ist alles in Ordnung?«

»Mama ...« Yvonnes Stimme brach. Die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, strömten über ihre Wangen. »Ich kann nicht mehr.«

»Mein Liebes, was ist denn passiert?«, fragte Claudia alarmiert.

»Ich bin zusammengebrochen. Mitten in einer Verhandlung. Burnout, sagt der Arzt. Ich weiß nicht mehr weiter. Sofia braucht mich, aber ich bin so kaputt ...«

Claudia atmete tief durch. Als sie sprach, klang ihre Stimme fest: »Yvonne, hör mir zu. Nimm Sofia und kommt nach Hause.«

»Was ...? Nach Hause?« Yvonne schluchzte.

»Ja. Du packst deine Sachen und kommst zu uns. Hier findest du Ruhe und Zeit, dich zu erholen.«

»Aber Mama, ich kann doch nicht einfach ...«

»Doch, du kannst. Komm einfach nach Hause«, wiederholte Claudia. »Sofia braucht eine Mutter, die lacht, nicht eine, die nur noch funktioniert.«

»Aber alle werden denken, ich bin gescheitert.«

»Lass die Leute reden. Deine Gesundheit ist wichtiger.«

Yvonne blickte aus dem Fenster auf das graue Hamburg. Dort unten hasteten Menschen vorbei, gefangen in demselben Hamsterrad, in dem auch sie gewesen war.

»In Lindenthal blüht jetzt der Flieder«, erzählte Claudia beiläufig. »Und Tom ist hier. Er hat dich und Sofia doch so gern. Hast du das vergessen?«

Tom. Ihr jüngerer Bruder, der als Einziger von Sofias leiblichem Vater wusste. Der ihr geholfen hatte, das Geheimnis zu bewahren. Der nie gefragt hatte, nie geurteilt.

»Okay, Mama«, flüsterte Yvonne. »Wir kommen.«

»Gut. Dann macht Tom bestimmt seinen berühmten Sauerbraten, den du so gerne isst.«

Nach dem Gespräch blieb Yvonne noch lange am Fenster stehen. Unten pulsierte das Leben der Großstadt, aber es fühlte sich so unpersönlich an.

Sie ging ins Kinderzimmer. Sofias Bett mit der Eiskönigin-Bettwäsche. Die Zeichnungen an der Wand, in nachgemalter, krakeliger Kinderschrift betitelt: Mama bei der Arbeit – eine Strichfigur an einem riesigen Schreibtisch. Unsere Wohnung – das Wohnzimmer mit Couch, Tisch und Sesseln. Meine Familie – drei Figuren, eine davon ohne Gesicht. Papa.

Yvonne nahm die letzte Zeichnung ab. Darüber stand: Papa kommt bald.

Sofia fragte manchmal nach ihrem Vater. Bald würde sie mehr fragen. Bohrende Fragen, auf die Yvonne keine einfachen Antworten hatte. Marcus war verheiratet gewesen. Verheiratet und unerreichbar. Eine Nacht, ein Fehler – und ein Kind, von dem er nie erfahren hatte.

Das Handy klingelte. »Bergmann«, meldete sie sich automatisch.

»Yvonne, hier ist Matthias. Wie geht's dir?«

»Burnout, wie erwartet.«

»Hartmann sagt, du machst drei Monate Pause. Klug von dir. Wohin gehst du?«

»Nach Bayern. Nach Hause.«

Matthias lachte. »Pass auf, dass du in der Provinz nicht einrostest. Hamburg braucht dich. Die Kanzlei braucht dich.«

Yvonne wusste es besser: Die Kanzlei brauchte sie nicht. Sie würden jemanden anderen finden. Nur Sofia brauchte sie. Und vielleicht brauchte sie selbst endlich wieder ein Zuhause.

Als Sofia am Nachmittag vom Kinderturnen zurückkam, strahlend und voller Leben, erwachte Yvonne aus einem traumlosen Schlaf auf dem Sofa.

»Mama, warum bist du nicht im Büro?«

»Ich bin ein bisschen krank, Schatz. Wir fahren zu Oma nach Bayern, damit ich mich ausruhen kann und wieder gesund werde.«

Sofias Augen leuchteten wie Sterne. »Zu Oma? Mit dem großen Haus und dem schönen Garten, wo auch Onkel Tom wohnt?«

»Ja, genau dorthin.«

Sofia klatschte vor Freude in die Hände, und zum ersten Mal seit Wochen lächelte auch Yvonne wieder. Draußen leuchtete Hamburg in tausend Lichtern. Aber Yvonne dachte an Lindenthal, an die sanften Hügel und den Fliederduft, von dem ihre Mutter erzählt hatte.

♥♥♥

Claudia betrat die Lindenthaler Bank mit einem tiefen Seufzer. Das Gebäude war modern mit Glas und Chrom gestaltet, doch trotz der überschaubaren Größe fühlte sie sich hier immer unwohl. Vielleicht lag es auch daran, dass sie sich in Geldangelegenheiten grundsätzlich unsicher fühlte.

Die Empfangsdame brachte sie zu Margot Steiners Büro im zweiten Stock. Claudia kannte die Filialleiterin nur flüchtig. Eine kompetente, etwas kühle Frau um die fünfzig.

»Frau Bergmann, bitte nehmen Sie Platz.« Margot Steiner erhob sich von ihrem Schreibtisch. Ihr helles Kostüm war tadellos, ihre Frisur perfekt. Aber etwas an ihrem Blick irritierte Claudia. Die Bankerin wirkte nervös und vermied es, ihr direkt in die Augen zu sehen.

»Sie sagten, es sei dringend?« Claudia setzte sich in den Besucherstuhl und spürte, wie ihre Hände feucht wurden.