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Seit zwei Jahren lebt Heide als Aschenputtel im Haushalt ihres Bruders. Die Schwägerin behandelt sie wie eine Dienstmagd und macht ihr das Leben schwer. Einzig wenn Heide ihren geliebten Joachim treffen kann, wird ihr Herz weit. In fünf Wochen wollen sie heiraten. Doch dazu soll es nicht kommen: Joachim stirbt überraschend.
Eines Tages, als sich Heides erster, betäubender Schmerz schon etwas gelegt hat, kommt ihr ein furchtbarer Verdacht. Der Arzt bestätigt ihre Vermutung: Heide erwartet ein Kind.
Wie soll sie das ihrer Schwägerin und ihrem Bruder beibringen? Und wenn sie mich vor die Tür setzen, was wird dann aus mir?, fragt sich Heide.
Lieschens Reaktion ist genauso schlimm, wie Heide es sich vorgestellt hat. Das Leben in der Wohnung ihres Bruders ist niemals leicht gewesen, aber jetzt wird es zur Hölle. Lieschen kann kaum noch einen Satz sprechen, ohne nicht eine hämische Bemerkung über Heides Fehltritt einfließen zu lassen. Und eines Tages kommt Lieschen ein Gedanke, der alle Schwierigkeiten mit einem Schlage lösen soll: Sie wird Heides Kind verkaufen ...
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Das verkaufte Kind
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Julza / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-9918-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Das verkaufte Kind
Roman um ein erschütterndes Schicksal
Von Ina Ritter
Seit zwei Jahren lebt Heide als Aschenputtel im Haushalt ihres Bruders. Die Schwägerin behandelt sie wie eine Dienstmagd und macht ihr das Leben schwer. Einzig wenn Heide ihren geliebten Joachim treffen kann, wird ihr Herz weit. In fünf Wochen wollen sie heiraten. Doch dazu soll es nicht kommen: Joachim stirbt überraschend.
Eines Tages, als sich Heides erster, betäubender Schmerz schon etwas gelegt hat, kommt ihr ein furchtbarer Verdacht. Der Arzt bestätigt ihre Vermutung: Heide erwartet ein Kind.
Wie soll sie das ihrer Schwägerin und ihrem Bruder beibringen? Und wenn sie mich vor die Tür setzen, was wird dann aus mir?, fragt sich Heide.
Lieschens Reaktion ist genauso schlimm, wie Heide es sich vorgestellt hat. Das Leben in der Wohnung ihres Bruders ist niemals leicht gewesen, aber jetzt wird es zur Hölle. Lieschen kann kaum noch einen Satz sprechen, ohne nicht eine hämische Bemerkung über Heides Fehltritt einfließen zu lassen. Und eines Tages kommt Lieschen ein Gedanke, der alle Schwierigkeiten mit einem Schlage lösen soll: Sie wird Heides Kind verkaufen …
„Wohin willst du jetzt denn schon wieder?“, fragte Lisa Jordan scharf, als ihre Schwägerin Heide nach dem Mantel griff. „Wer soll das Geschirr abwaschen, bitte, willst du mir das wohl sagen?“
Heide wurde unter dem bitterbösen Blick der Frau blass.
„Ich dachte“, begann sie zu stammeln, aber Frau Lieschen, wie sie sich gern nennen ließ, fiel ihr ins Wort.
„Sieh an, das gnädige Fräulein beginnt zu denken“, höhnte sie. „Das habe ich gern, meine Liebe, sich von der Arbeit zu drücken. Wir füttern dich hier durch, und du, was tust du für uns? Hast du dir schon einmal ausgerechnet, was du uns im Monat kostest?“
Heide hatte es noch nicht, und sie brauchte es auch nicht, denn ihre Schwägerin pflegte es ihr jeden Tag vorzurechnen.
„Ich habe dich etwas gefragt“, schnob Kurt Jordans junge Frau. „Hältst du es gar nicht mehr für nötig, mir eine Antwort zu geben?“
Heide seufzte tief. Sie wollte doch nur ihre Ruhe haben, ein bisschen Ruhe, war das denn schon zu viel verlangt?
„Ich … bin heute verabredet. Ich werde das Geschirr abwaschen, wenn ich zurückkomme. Es dauert ja nicht lange.“
„So, du treibst dich herum“, stellte Lieschen Jordan ironisch fest. „Du hast zu viel Zeit, deshalb kommst du auch auf dumme Gedanken. Würdest du mehr tun, dann vergingen dir diese Flausen. Der arme Kurt arbeitet Tag und Nacht, er schuftet sich halb zu Tode, und du nimmst das alles wie selbstverständlich hin.“
Lieschen schob ihr Gesicht dicht vor das des jungen Mädchens.
„Kein anderer Bruder würde das für seine Schwester tun, was Kurt für dich tut“, zischte sie Heide zu. „Und er verlangt keine Dankbarkeit, er ist viel zu großzügig, um dich daran zu erinnern. Und du, du nutzt das aus. Du hast nur deine Vergnügungen im Kopf …“
Heide seufzte wieder. Was sollten diese Vorwürfe, so völlig ungerechtfertigt und böse?
Auch sie hatte schließlich ein Recht auf ein eigenes Leben. Wie gern würde sie arbeiten, Geld verdienen, aber Kurt erlaubte es nicht. Und es stimmte ja auch, was hatte sie denn schon gelernt? Sie besaß das Abitur, aber eine Berufsausbildung hatte sie nicht. Ihre Eltern waren gestorben, bevor sie sich für einen Beruf entscheiden konnte.
Zwei Jahre war das her, und seit zwei Jahren lebte sie als Aschenputtel im Haushalt ihres Bruders, bekam dort das Gnadenbrot.
„Ich komme bald zurück“, versprach sie.
Frau Lieschen murmelte etwas Böses vor sich hin, als Heide nach ihrer Mütze griff und sie auf ihr dunkelblondes Haar drückte.
„Ich beeile mich“, gelobte Heide noch einmal, bevor sie die Tür ins Schloss zog.
Sie lief die Treppe hinunter, denn sie wusste genau, dass sie Wort halten musste. Abgehetzt, das Gesicht vom Laufen gerötet, traf sie endlich auf dem Marktplatz ein.
Joachim wartete schon auf sie. Er hatte die Hände in die Taschen seines Mantels gesteckt und den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Ein kalter Wind pfiff über den Platz und machte das Warten zur Qual. Er sah sie sofort, und ein Strahlen ging über sein nettes, offenes Gesicht. Er nahm die Hände aus den Taschen und ging ihr eilig entgegen.
Heides Herz wurde weit, als sie sah, wie er sich freute. Sie winkte schon von Weitem, begann dann zu laufen.
„Hast du schon lange gewartet?“, fragte sie ganz außer Atem, als sie sich auf halbem Wege getroffen hatten.
Joachim nahm ihre Rechte mit beiden Händen und hielt sie fest.
„Wie schön du bist, Heide“, murmelte er ergriffen.
„Du übertreibst“, wehrte Heide sein Kompliment errötend ab. „Ich habe nicht viel Zeit. Meine Schwägerin … hat mir eine Szene gemacht, sie sieht es nicht gern, wenn ich abends noch einmal fortgehe.“
Joachim Ehlert krauste finster die Stirn. Er kannte Lieschen Jordan nicht persönlich, aber nach allem, was er so von ihr gehört hatte, musste sie ein ungewöhnlich abstoßendes Frauenzimmer sein. Wie konnte man nur schlecht zu einem Mädchen wie Heide sein? Er verstand es nicht.
„Aber ein Stündchen wirst du ja für mich Zeit haben“, meinte er und lächelte ihr zu. „Ich muss dir nämlich etwas ganz Wichtiges erzählen, Kleines.“
„Etwas Erfreuliches?“, wollte Heide mit reizendem Eifer wissen.
Sie schob ihren Arm unter seinen und schmiegte sich beim Gehen unbewusst an seine Seite. Es war so angenehm, seine Nähe zu spüren.
„Ja, etwas sehr Schönes.“ Joachim schaute von der Seite in ihr Gesicht. Er konnte den Blick einfach nicht mehr abwenden. Dieses Mädchen liebte ihn, würde einmal seine Frau werden, die Mutter seiner Kinder … Es war einfach ein Wunder, das er nicht verstehen konnte.
Er führte sie in ein kleines, lauschiges Café und bestellte zwei Windbeutel für sie. Sie aß diese Leckereien so schrecklich gern, bekam sie aber niemals bei ihrer Schwägerin.
Joachim legte seine Hand auf ihre Rechte.
„In zwei Monaten bekomme ich eine Gehaltserhöhung. Einhundertfünfzig Mark. Und bis dahin habe ich auch das Geld für den Baukostenzuschuss zusammen. Wenn du willst, können wir dann heiraten.“
Heides Augen wurden feucht.
„Joachim“, stieß sie überwältigt hervor. „Das ist ja herrlich. Ich freue mich ja so.“
„Ich habe auch noch vierzehn Tage Urlaub. Du, Heide, wollen wir einmal leichtsinnig sein und beide verreisen in irgendein stilles Dorf, lange Wanderungen machen …“
„Lieschen …“, wollte Heide einwenden, aber Joachim presste ihre Rechte.
„Was geht sie dich noch an?“, fiel er ihr ins Wort. „In zwei Monaten heiraten wir ja doch. Und wenn sie dir Vorwürfe macht, lass sie doch. Dein Bruder hat bestimmt nichts dagegen, nicht wahr?“
„Ich weiß nicht. Er tut meistens das, was Lieschen will. Er weiß ja auch nicht, wie es bei ihm zu Hause wirklich aussieht. Morgens verlässt er die Wohnung, abends kommt er spät zurück, ist müde und abgespannt, möchte seine Ruhe haben. Er wird froh sein, wenn wir heiraten.“
„Na also, was für Einwände gibt es denn da noch?“, fragte Joachim Ehlert strahlend, „In einer Woche fahren wir. Wir brauchen ja nicht viel Geld auszugeben, ein bescheidenes Dorfgasthaus genügt uns ja. Ich möchte so gern mit dir allein sein.“
„Gut.“ Heide gab sich einen inneren Ruck. Sie wusste, dass allerhand Kämpfe vor ihr lagen, aber Joachim hatte recht, wenn er verlangte, dass sie auch einmal allein zusammen waren. Mochte Lieschen zetern, soviel sie wollte, diesmal sollte es ihr egal sein.
„Du bist ein Engel.“ Joachim zog ihre Rechte an seine Wange.
Heide lächelte verträumt vor sich hin. Sie sah das romantische Dorf im Geiste schon vor sich, das alte Fachwerkhaus des Kruges, die Gänse, die auf dem Hofe schnatterten, sie hörte sogar schön das Gackern der Hühner.
Vierzehn Tage Ruhe, vierzehn Tage mit Joachim zusammen … und vierzehn Tage lang kein Lieschen sehen, das war fast zu viel des Glücks.
♥♥♥
„Urlaub machen willst du?“ Lieschen Jordan hielt die linke Hand hinter das Ohr und krauste die Stirn. „Ich hab ja wohl nicht recht gehört. Aber von uns bekommst du keinen Pfennig. Nicht einen einzigen Pfennig!“, wiederholte sie noch einmal.
„Ich will ja auch kein Geld. Joachim hat mich eingeladen.“
„Joachim? Ach, das ist der, mit dem du dich abends immer triffst. Joachim heißt er also. Er ist wohl auch was Besseres, wie? Was ist er denn? Ein Herr Doktor, wie? Unter einem Akademiker tust du es doch bestimmt nicht. Wir sind dir ja nicht fein genug.“
„Joachim ist Angestellter. Wir wollen heiraten. In zwei Monaten.“
„Was, du willst, heiraten?“ Lieschen ließ sich erschlagen auf einen Stuhl sinken und schüttelte verwirrt den Kopf. „Wie stellst du dir das vor? Wer macht hier die ganze Arbeit? Immer hast du alles bekommen, was du wolltest, und zum Dank dafür lässt du uns jetzt im Stich.“
„Aber du hast doch selbst immer gesagt, ich sei eine Last für euch“, erinnerte Heide.
Die Reaktion ihrer Schwägerin kam für sie völlig unerwartet. Sie hatte fest damit gerechnet, dass Lieschen froh sein würde, sie loszuwerden.
„Natürlich bist du eine Last für uns, aber dass du jetzt heiraten willst, und so schnell schon …“
Lieschen kam ein schrecklicher Gedanke. Sie schob ihr Gesicht dicht an das von Heide heran.
„Musst du etwa heiraten?“, fragte sie drohend.
Das junge Mädchen wurde über und über rot.
„Natürlich nicht. Was du auch immer gleich so denkst. Joachim und ich lieben uns, und es ist doch ganz natürlich, dass wir zusammen sein wollen.“
„Mal sehen, was Kurt dazu sagt. Ich glaube nicht, dass es ihm recht ist.“
Kurt Jordan, ein breitschultriger, zur Fülle neigender Mann, hörte sich stumm an, was seine Frau ihm eine Stunde später vortrug. Es klang nicht gut. Seine Schwester trieb sich mit irgendeinem Kerl herum, und jetzt wollte sie sogar mit ihm in Urlaub fahren … Kurt Jordan schüttelte den Kopf.
Aber zum ersten Mal blieb Heide hart.
„Ich habe es Joachim versprochen, und ich halte mein Wort“, wiederholte sie immer wieder.
„Eine feine Dame. Sie hält ihr Wort. Sag bloß nichts mehr gegen sie, Kurt, du könntest die feine Dame ja kränken. Mit so was können wir nicht richtig umgehen, wir sind ja man bloß einfache Leute.“
„Joachim will mich heiraten. Wir lieben uns. Ich habe ein Recht auf mein eigenes Leben, gönnt es mir doch“, bat Heide.
Es war eine harte Woche, die Heide Jordan zu durchstehen hatte. Lieschen sparte nicht an hämischen Bemerkungen, sie war einfach neidisch, dass Heide Urlaub machen konnte und sie nicht. Und diesen Ehlert, den gönnte sie Heide auch nicht.
Wie gern hätte sie es gesehen, dass ihre Schwägerin weiterhin als billiges Dienstmädchen bei ihnen geblieben wäre. Im Grunde genommen wusste Lieschen Jordan nämlich ganz genau, was sie an Heide hatte. Sie würde sich allerdings lieber die Zunge abgebissen haben, als das zuzugeben.
In dieser Woche wurde Heide schmal und blass. Es war schwer, dem fortgesetzten Trommelfeuer hämischer Andeutungen standzuhalten.
♥♥♥
Wie glücklich war sie, als es so weit war. Joachim holte sie ab, allerdings wartete er draußen vor dem Haus auf sie. Im Flur küsste er Heide auf den Mund.
„Ich bin ja so glücklich, dass wir jetzt zwei Wochen für uns haben“, raunte er ihr ins Ohr, bevor er nach ihrem leichten Koffer griff.
Zimmer hatte er im Gasthaus schon bestellt, und während sie in der ratternden Straßenbahn saßen, die sie zum Bahnhof brachte, träumten sie beide von der schönen Zeit, der sie entgegenfuhren.
Drei Stunden später waren sie in dem romantischen Heidedorf eingetroffen. Es war alles genauso, wie das Mädchen es sich vorgestellt hatte. Die Gänse und Hühner liefen auf dem Hofplatz herum, auf den Weiden grasten ein paar schöne Pferde, und von fern hörte sie das dumpfe Muhen der Kühe.
Die Wirtin strahlte über das ganze Gesicht. Die jungen Leute waren ihr auf Anhieb sympathisch.
„Ich habe auch meine schönsten Zimmer für Sie fertiggemacht“, verhieß sie ihnen, als sie die beiden nach oben führte. „Bis jetzt sind Sie die einzigen Gäste. Ende nächster Woche kommen noch andere feine Leute.“
Die beiden Zimmer waren wirklich in ihrer Art recht hübsch. Schwere, uralte Eichenbalken trugen die Decke, und auf den Betten verhießen riesige Kissen ein behagliches Schlafen.
„Wenn Sie sich ein bisschen frisch gemacht haben, dann wollen Sie ja wohl erst mal essen“, schlug die Wirtin vor. „Ich mache Ihnen schnell eine Kleinigkeit zurecht.“ Trotz ihrer Fülle lief sie hurtig die Treppe hinunter.
Joachim ging in Heides Zimmer hinüber.
„Jetzt sind wir beide endlich einmal allein“, sagte er leise und innig, als er das Mädchen behutsam in den Arm nahm. „Liebste, ich bin so glücklich.“
Heide schloss die Augen und schmiegte ihren Kopf an seine Wange. Sie fühlte sich so ruhig, so geborgen, und es war ihr fast, als sei all das Schwere, das sie in den letzten Jahren durchgemacht hatte, nichts weiter als ein wüster Traum. Sie hätte ewig so stehen können, den Kopf an der Wange eines Menschen, den sie liebte.
Joachim Ehlert wagte kaum, sich zu rühren. Vielleicht begriff er, wie es in ihr aussah.
„Noch fünf Wochen, dann sind wir Mann und Frau“, murmelte er. „Die Maler sind schon in unserer Wohnung. Ich war gestern Abend noch einmal dort. Sie wird sehr hübsch, glaube ich.“
Heide nickte, die Augen noch immer geschlossen. Fast war es zu viel des Glücks, was jetzt vor ihr lag.
♥♥♥
Die Zeit verging für die beiden glücklichen Menschen viel zu schnell. Es war ihnen, als seien sie gerade angekommen, als die erste Woche schon herum war. Heide mochte nicht an den unvermeidlichen Abschied von diesem traulichen Ort denken.
Sie erwähnte die Rückfahrt nie, und auch Joachim sprach nicht davon.
Sie waren beide gewillt, diese schöne Zeit bis zur letzten Sekunde zu genießen. Dann erschienen die neuen Gäste, die Frau Anni angekündigt hatte.
„Herr und Frau Rötting sind angekommen“, teilte ihnen Anni im Esszimmer wichtig mit. „So liebe Leute sind das, gar nicht stolz, obwohl sie ganz reich sind.“
Da trat Frau Rötting auch schon ein. Sie war noch jung, und dennoch lag um ihren Mund ein verbitterter Zug. Ihre Armringe klirrten leise, als sie Joachim die Hand reichte.
Tief beugte sich der junge Mann über diese gepflegte Rechte.
„Ich freue mich, dass wir unseren Urlaub diesmal hier nicht allein verleben“. versicherte Frau Rötting mit angenehmer Stimme.
„Die Freude ist ganz auf unserer Seite“, gab Joachim zurück.
Er strahlte Frau Rötting an. Sie war so ganz anders, als er gedacht hatte. Gar nicht eingebildet, im Gegenteil, nett und natürlich.
„Sie haben eine entzückende Frau“, versicherte der neue Gast.
„Wir sind noch nicht verheiratet.“ Joachim wuchs förmlich einige Zentimeter vor Stolz. „Aber in fünf Wochen, da ist es so weit.“
Sie hatten sofort Kontakt gefunden, der auch blieb, als Herr Rötting sich einfand. Bald schon waren sie ins Plaudern gekommen und unterhielten sich über die vielfältigen Möglichkeiten des Wanderns in dieser schönen Landschaft.
„Die jungen Leute wollen in fünf Wochen heiraten, Carsten“, erzählte Frau Rötting beim Nachtisch. „Wünschen Sie sich auch Kinder?“, wandte sie sich an Joachim und Heide.
„Selbstverständlich“, sagten beide gleichzeitig.
„Zwei oder drei“, ergänzte Heide dann, und ihr Erröten ließ sie jungmädchenhaft verwirrt erscheinen.
Aber sie senkte den Blick nicht, als Carsten Rötting sie voll anschaute. Sie war ihrer selbst sicher geworden, Joachims Liebe hatte diese Wandlung vermocht.
„Zwei oder drei“, wiederholte Carsten Rötting leise. Seine Augen wurden plötzlich ganz dunkel. „Auch wir … wollten damals Kinder. Auch zwei oder drei.“
Frau Gerta spielte mit dem Löffel. Er klirrte gegen den Teller.
„Ich bekomme keine Kinder“, gestand sie mit harter Stimme. „Wir sind fünf Jahre verheiratet. Ich habe keine Hoffnung mehr. Na ja, wir müssen uns damit abfinden.“
Betroffen schaute Joachim auf die aparte Frau. Sie sah doch gesund aus, und doch war sie nicht imstande, ihrem Mann Kinder zu schenken. Plötzlich verstand er, was dieser herbe Zug um ihren Mund zu bedeuten hatte.
Heides und seine Hand fanden sich unter dem Tisch zu einem festen Druck. Sie schauten sich an, und sie lächelten einander in wortlosem Einverständnis zu.
Carsten Rötting fing diesen Blick auf, und er beneidete diese beiden jungen Menschen fast ein wenig um das, was vor ihnen lag.
„Wir haben versucht, Kinder zu adoptieren“, sagte Frau Gerta plötzlich. Der bittere Zug um ihren Mund verstärkte sich. „Man hat es abgelehnt. Ich muss erst fünfundvierzig Jahre alt sein, haben mir die Leute von der Fürsorge klargemacht, erst dann würde man mir ein Kind geben. Und bis dahin …“ Sie zuckte die Schultern.
„Wir werden ein bisschen spazieren gehen.“ Frau Gerta erhob sich. „Wir sehen uns heute Abend wieder.“ Sie nickte beiden freundlich zu.
„Sind wir nicht eigentlich zu beneiden?“, fragte Heide Joachim, als sie später allein waren. „Wir beide sind glücklich. Die Röttings sind es nicht, und sie werden es auch nie ganz sein, daran musst du immer denken, wenn du einmal unzufrieden sein solltest, Joachim. Ich möchte mit ihnen nicht tauschen.“
„Ich auch nicht. Ich bin so glücklich, dass es dich gibt, Heide. Und … dass du mich auch ein bisschen gern hast.“
Das Mädchen drehte sich herum und küsste ihn auf den Mund.
♥♥♥
Lange Zeit gingen Carsten Rötting und seine Frau stumm nebeneinander her. Ihre Gedanken kreisten um das gleiche Problem, aber irgendwie fehlte ihnen der Mut, es in Worte zu fassen.
„Diese vermaledeiten Gesetze“, brach es plötzlich aus Carsten hervor, „immer wieder liest man, dass die Waisenhäuser überfüllt sind. Und wir, die ein Kind so gern haben wollten, wir bekommen keins. Manchmal kann man an der Welt verzweifeln, wenn man sich das alles überlegt.“
„Bereust du, mich geheiratet zu haben?“, fragte die junge Frau überraschend.
Carsten ahnte, wie es in ihr aussah. Beim Gehen zog er sie leicht an sich.
„Du bist die beste Frau, die ich nur finden konnte“, versicherte er.
In Gertas Ohren klang es wie ein Ausweichen.
„Würdest du mich noch einmal heiraten, wenn du wüsstest, dass ich …?“
„Ja“, versicherte der Mann ohne nachzudenken.
Ganz plötzlich strömten Tränen über das Gesicht der jungen Frau.
„Ich danke dir für deine Antwort“, stammelte sie. „Carsten, du ahnst ja nicht, was du mir bedeutest. Für mich bist du alles. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, dir eine Last zu sein. Lieber würde ich …“
„Aber Dummchen, mit was für törichten Gedanken plagst du dich herum“, schalt Carsten. „Du musst doch wissen, wie es in mir aussieht.“
Mitten auf dem Heideweg blieb er stehen und schloss sie ganz fest in die Arme.
„Ich werde noch einmal zum Jugendamt gehen und versuchen, die Leute herumzukriegen“, gelobte er. „Ich will, dass du glücklich wirst, du sollst dich nicht mit solchen Gedanken herumplagen.“
„Geh bald zum Jugendamt, Carsten. Wir sind fünf Jahre verheiratet, das müssen die Leute doch auch einsehen, nicht wahr? Du versuchst doch alles?“
„Alles“, wiederholte Carsten Rötting fest.
