Fang einfach mal an! - Siegfried Mayer - E-Book

Fang einfach mal an! E-Book

Siegfried Mayer

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Beschreibung

"Fang einfach mal an!", ist das Lebensmotto von Siegfried Mayer, der mit diesen Memoiren ein eindrucksvolles Zeugnis seiner biografischen Stationen ablegt. Einer strengen Erziehung und einer von Gewalt begleiteten Kindheit während des Zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren folgten berufliche Etappen - eine Schreinerlehre und später der Wechsel zur Berufsfeuerwehr. Die brüllende Macht des Feuers lernte er allzu gut kennen und in seinen zahlreichen Einsätzen als Feuerwehrmann wurde er Zeuge von furchtbaren Zerstörungen und Tragödien. Das Leben von Siegfried Mayer umfasst aber auch andere Rückblicke. Er machte bedeutende Erfahrungen in der Ortspolitik, war Ortschaftsrat und engagierte sich viele Jahre im Vorstand des Stadtverbandes einer großen Partei. Auch beim Hausbau und bei seinen Börsenaktivitäten erlangte Siegfried Mayer bemerkenswerte Kenntnisse. Gesegnet mit vier Kindern durfte er sich in späteren Jahren mit seiner Frau Jutta an acht Enkeln erfreuen. Lustige, aber auch berührende Anekdoten mit den Hunden der Familie und zahlreiche spannende Reisen, die er mit seiner Frau unternahm, runden ein erfahrungsreiches Leben ab.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dieses Buch widme ich meiner geliebten Frau Jutta,

meinen Kindern Axel, Christine, Bernd und Dietmar,

meinen acht Enkeln sowie allen Feuerwehrmännern

und Feuerwehrfrauen.

Sie war sehr schön, schlank, mit einem herrlich geformten Körper, nicht sehr groß, so um die 166 Zentimeter. Ihre Haare waren schwarz und ihre Augen braun, in der Iris sah man kleine Einschlüsse, das erinnerte an Bernstein. Ja, wenn sie mich mit ihren strahlenden Augen anschaute, vergaß ich einfach alles um mich herum, ich fühlte mich geborgen, verstanden und in ein Gefühl der Schwerelosigkeit versetzt, herrlich. Sie gab mir das Gefühl, als wäre ich das Wichtigste für sie.

Das war meine liebe Mutti! Sie war 33 Jahre alt, als sie mich in Marburg an der Lahn als viertes Kind im November 1936 zur Welt brachte. Meine Eltern gaben mir den Namen Siegfried. Der Name „Siegfried“ bedeutet: „Der durch den Sieg Frieden Bringende“. So schrieb es mir mein Vater, als ich schon lange erwachsen war. Die Namensfindung geschah wohl in der Zeit, als sich viele Deutsche durch den Vertrag von Versailles (1919) gedemütigt fühlten und durch einen Sieg über Frankreich und Belgien Frieden anstrebten. Für meinen Vater war klar, dass dies nur mit Gottes Hilfe gelingen konnte, und so gab er mir den zweiten Namen „Gotthilf“. (Übrigens: Die letzte Rate – 200 Millionen Kriegsschuld – wurde am 03.10.2018, dem Tag der Deutschen Einheit, überwiesen, 99 Jahre nach dem Vertragsschluss von Versailles.)

Meine Augen sind, wie die Augen meiner Eltern, braun; meine Haare schwarz.

Mein Vater war ein großer, stattlicher, gut aussehender Mann. Sein Verhalten, seine schwarzen Haare und seine dunkelbraunen Augen – die oft streng schauten – erzeugten in mir ein Gefühl des Respekts, aber auch der Geborgenheit.

Er war 40 Jahre alt, als ich auf die Welt kam.

Dass mein Vater oft so streng schaute, hatte sicher mit seinen Erlebnissen als Gefangener in Sibirien und seiner Flucht aus der Gefangenschaft zu tun. Die Gefangenschaft dauerte rund drei Jahre und seine Flucht über ein Jahr. Mein Vater tat alles, um seine Frau und seine Kinder – mit den Jahren wurden es acht Kinder – zu beschützen und zu versorgen. Er war ein geschätzter Lehrer und begnadigter Prediger. Viele Menschen bewunderten sein Charisma und seine mitreißenden Predigten. Die Säle waren immer brechend voll. Oft reichten nicht einmal die vorhandenen Klappstühle, sodass manche Zuhörer stehen mussten.

Leider hatte mein Vater eine eigenartige Vorstellung von Erziehung; er wollte einfach, dass seine Kinder besonders tüchtig würden, und dazu sah er keine andere Möglichkeit, als Gewalt anzuwenden.

Bis zu meinem fünften Lebensjahr hatte ich eine schöne Kindheit. Am liebsten bin ich mit meiner ganzen Familie gewandert, das war wunderbar. Mein Vater erklärte uns die Namen von Pflanzen, Bäumen und Tieren; viele Namen habe ich behalten. So erklärte er uns auch den Namen der im Frühjahr herrlich rosa blühenden Bäume, die unsere Straße säumten. Er sagte: „Diese Bäume heißen ‚Japanische Blütenkirsche‘ und kommen wohl aus Japan; manche sagen auch, sie käme aus China.“

Für mich war es eine Freude, wenn die Bäume blühten. Natürlich untersuchte ich die Blüten. Mit meinen kleinen Kinderhänden nahm ich eine Blüte mit den vielen Blütenblättern in die Hand, schaute sie lange an und vernahm einen angenehmen leichten Duft, erfühlte die Zartheit der Blütenblätter, führte die ganze Blüte vorsichtig an mein Gesicht und streichelte meine Wangen, die Nase, meine Stirn und schließlich küsste ich die Blume. Oje, hoffentlich hatte das niemand gesehen! Nein, es war niemand zu sehen. Ich war erleichtert.

Wenn dann die Blütezeit vorbei war und die Blütenblätter zu Boden segelten, bildete sich unter den Bäumen ein Blütenteppich, der einen schlichtweg verzauberte. Ich versuchte mich ganz leicht zu machen, um die zarten Blütenblätter nicht zu zertreten; eigentlich wollte ich darüber schweben, das träumte ich auch.

Ein Glücksgefühl erfasste mich, wenn mein Vater mich auf seinen Schoß nahm. Dann aber ereignete sich ein furchtbarer Bruch und das war das Ende einer schönen Kindheit.

Als Fünfjähriger vergaß ich beim Zählen fast immer die Zahl Sieben.

Kurz vor meinem sechsten Geburtstag ertrug mein Vater das nicht mehr. Für ihn war die Zahl Sieben eine heilige Zahl; in der Bibel steht die Zahl Sieben für Vollkommenheit und vieles mehr! Er überlegte wohl: „Wie bringe ich meinem Sohn Siegfried das Zählen am einfachsten und nachhaltigsten bei?“ Also stellte er sich in unserer zweigeschossigen Wohnung oben auf den Treppenpodest und befahl mir, die Treppenstufen zählend zu ihm heraufzukommen. Ich stand unten, ein kleines Kind, er stand oben auf dem Treppenpodest, groß und mächtig, in der Hand einen hölzernen Kochlöffel. Zweimal stieg ich rauf, zweimal vergaß ich die Sieben. Das machte meinen Vater wütend. Er befahl: „Wiederholen!“

Ich zählte: „1, 2, 3, 4, 5, 6 … 8, 9.“ Oben angekommen, bekam ich Schläge mit dem hölzernen Kochlöffel auf den Hintern, und das mit Gebrüll: „Falsch! Wiederholen!“

„Warum machst du das, Papa? Ich hab dich doch lieb.“ Tränen in den Augen nahmen mir die Sicht und ich fing an, noch mehr zu zittern.

Befehl von oben: „Komm!“

Ich zählte: „1, 2, 3, 4, 5, 6 … 8, 9“, die Treppe hochgehend.

Patsch, wieder Schläge mit dem Kochlöffel und Gebrüll: „Falsch! Wiederholen!“

In Gedanken schrie ich: „Mutti, hilf mir!“ (Mutti traute sich nicht.) Meine Mutti und meine drei Geschwister standen unten im Flur und sahen voller Kummer zu.

Befehl von oben: „Komm!“

Ich zählte: „1, 2, 3, 4, 5, 6 … 8, 9“, die Treppe sehr zögerlich hochgehend. Wieder Schläge, wieder Gebrüll: „Falsch! Wiederholen!“

Wieder schrie ich in Gedanken: „Mutti, hilf mir, hilf mir doch, bitte!“ – Nichts geschah.

Ich fing an zu schluchzen, ich sah fast nichts mehr, mein Kopf war leer. Befehl von oben: „Komm!“

„1, 2, 3, 4, 5, 6 …“ Was war das? Hieß das sieben? Hatte da jemand diese Zahl geflüstert? So langsam sickerte die Zahl Sieben in meinen leeren Kopf, und ich stotterte: „… 7, 8, 9.“

Oben angekommen, sagte mein Vater: „Richtig, und jetzt wiederholen.“ Befehl von oben: „Komm!“

Zitternd, schluchzend, mit Tränen in den Augen und leerem Kopf nahm ich eine Stufe nach der anderen und zählte: „1, 2, 3, 4, 5, 6 … 8, 9.“

Mit furchtbarem Gebrüll fiel mein Vater über mich her und schlug auf mich ein, bis der Kochlöffel zerbrach. Dann verschwand er schimpfend in seinem Arbeitszimmer.

Meine Mutter nahm mich in den Arm und tröstete mich, dann zog sie mir die Hose herunter, um zu sehen, wie mein Hintern aussah – er war voller roter Striemen! Ganz vorsichtig salbte sie mir den Hintern ein.

Während dieser Zeit sprach sie leise viele liebe Worte und sagte immer wieder: „Ich hab dich so sehr lieb.“ Ich hörte langsam auf zu schluchzen und umklammerte lange den Hals meiner Mutti ganz fest und sie streichelte mich, bis ich sie langsam losließ.

Meine kleine Kinderseele war furchtbar erschüttert. Ich verstand nicht, warum mein lieber Vater dies getan hatte. Aber ich hatte ja meine liebe Mutti, das half mir sehr.

In der Folge spürte ich, dass ich von meinem Vater als dumm eingestuft wurde – und auch von meinen Geschwistern, vor allem von meinem älteren Bruder. Nur bei meiner Mutti spürte ich so etwas nie; bei ihr hatte ich immer das Gefühl, dass sie mich besonders liebte. Ich liebte sie auch sehr.

Die Zahl Sieben hatte ich danach schnell verinnerlicht und konnte sie auch richtig einordnen, das geschah eigentlich wie von selbst.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Polen wurde überfallen!

Schon Anfang des Krieges, im Oktober 1939, geschah das Furchtbare. Unser Schwesterchen Friedel wurde von einem deutschen Soldaten, einem Meldefahrer, mit dem Motorrad angefahren. Friedelchen starb in der folgenden Nacht im Krankenhaus. Sie war erst viereinhalb Jahre alt. Nach dem Tod von Friedelchen lief meine Mutter mitten in der Nacht die weite Strecke vom Krankenhaus zu Fuß nach Hause.

Wie sie am Barbara-Platz das Haus von Herrn Direktor Seite sah, dachte sie: „Vielleicht kann ich Trost von ihm erhalten?“ Beim Öffnen der Gartentür in der Dunkelheit verletzte sie sich so heftig, dass die Nase anfing zu bluten. Völlig verzweifelt klingelte sie an der Haustür. Nach einer geraumen Zeit wurde die Tür geöffnet und Herr Seite nahm die kleine schluchzende Frau in den Arm. Zusammen mit Frau Seite wurde sie im Wohnzimmer verarztet und getröstet.

Wir Geschwister – und vor allem unsere liebe Mutti – litten sehr unter dem Tod von Friedelchen. Es war der spürbare Schmerz meiner Mutter und meiner größeren Geschwister, der mich erreichte und mich sehr, sehr traurig machte. Ich war ja noch so klein. Dies ist die erste bleibende Kindheitserinnerung für mich! Meine Mutter war allein mit uns vier Kindern. Mein Vater war im Krieg, durfte aber zur Beerdigung von Friedelchen heim.

Bei der Beantragung seines Urlaubes traf er auf einen hochrangigen Vorgesetzten, der ihn aus dem Ersten Weltkrieg kannte und wusste, dass mein Vater über drei Jahre in Sibirien in Gefangenschaft und dort sehr krank gewesen war. Mein Vater berichtete ihm auch von seiner Flucht aus Sibirien, die über ein Jahr gedauert hatte.

Dieser Vorgesetzte veranlasste seine Versetzung nach Marburg. Anschließend durfte unser Vater in Marburg an der Lahn bleiben, musste aber zum Volkssturm und hier den Bahnhof bewachen.

Unsere Mutter erzählte uns Kindern Jahre später, dass ihr zum Zeitpunkt von Friedelchens Unfall beim Treppenputzen plötzlich so unheimlich schwer ums Herz geworden sei – so sehr, dass sie sich auf eine Treppenstufe setzen musste. Dann, völlig außer Atem, kam eine Nachbarin angerannt und berichtete von Friedelchens Unfall.

Was war geschehen? Eine gute Bekannte von Mutti hatte Friedelchen zum Spaziergang mitgenommen. Friedelchen muss wohl den Motorradfahrer nicht gesehen haben, als sie über die wenig befahrene Straße rannte. Der Soldat litt auch unter dem Geschehen. Er berichtete, er habe einfach nicht mehr ausweichen können. Er sagte zu meiner Mutter, er wünsche sich so sehr, dass er alles rückgängig machen könnte, und dass es ihm unendlich leidtue; er leide mit ihr.

Der Unfall geschah am Barbara-Platz.

Der Krieg war furchtbar, mit den Jahren gab es immer mehr Fliegeralarme. Einkaufen konnte man nur noch mit Lebensmittelmarken. Je nach Größe der Familie bekam man Lebensmittelmarken zugeteilt. Auch Zigaretten konnten nur mit Marken gekauft werden. Da mein Vater nicht rauchte, konnte er diese Marken gegen etwas anderes oder für Handwerkerleistungen eintauschen. Man sprach sogar von einer Zigarettenwährung.

Meine Mutter erhielt wegen der Zahl ihrer Kinder das Mutterkreuz. Beim Einkaufen wurde sie immer sofort bedient, auch wenn andere vor ihr da waren. Das war damals so angeordnet worden.

1942 kam ich in die Schule. Der Schulweg war circa 1,3 Kilometer lang und musste natürlich zu Fuß zurückgelegt werden. Die Klassenlehrerin war eine kleine dickliche Person. Sie hatte ein rundliches Gesicht, ihre Haare standen lockenartig ab, die Augen waren braun und klein, aus den Ohren und der Nase sah man viele Haare herauslugen. Ihr Unterrock guckte fast immer unregelmäßig unter dem Kleid hervor. Ich spürte, dass es ihr nicht gefiel, dass ich sie so intensiv musterte. Sie begrüßte uns mit „Heil Hitler!“.

Fast drei Jahre (bis zum Kriegsende – danach hat man sie nicht mehr als Lehrerin gesehen) hat sie auf mir herumgehackt, zumal sie wohl erfahren hatte, dass mein Vater kein überzeugter Nazi war.

Dieses Auf-mir-Herumhacken war für meine angeschlagene Seele furchtbar! Ich zog mich immer mehr in meine Traumwelt zurück, machte gedanklich Erfindungen und ging davon aus, dass ich eines Tages mit den Erfindungen sehr viel Geld verdienen würde. Das Lernen schien mir daher nicht so wichtig.

Erfolge hatte ich im Zeichnen, hier erhielt ich immer die Note „Eins“, aber das waren andere Lehrer.

So zeichnete ich das Gesicht meiner ein Jahr jüngeren Schwester so gut, dass es im Flur der Schule ausgestellt wurde. Zu meiner Schwester sagten Mitschülerinnen: „Ein Bild von dir hängt im Flur.“ Sie war überrascht und freute sich natürlich – ich ebenfalls. Auch andere Bilder von mir wurden ausgestellt. Eines Tages zeichnete ich das Gesicht von meiner Oma, die gerade zu Besuch war. Ich fand es gut; der Kommentar von meiner Oma war: „Ach Kerle, so viele Falten habe ich doch gar nicht!“

Eines Tages kam mir in den Sinn, dass ich die Frau Ecker – so hieß meine unbeliebte Klassenlehrerin – ärgern könnte. Gedacht, getan. Ich versteckte mich auf dem Nachhauseweg im Gebüsch des Schülerparks und wartete, bis sie in Hörweite war, dann rief ich: „Ecker, Ecker, Zuckerlecker.“ Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie meine Stimme erkennen würde.

Die Reaktion ihrerseits folgte am nächsten Tag. Sie zerrte mich an der Hand in die Mädchenklasse, in der auch meine jüngere Schwester war, goss vor allen Mädchen Hohn über mich aus und beendete das Ganze mit einer schallenden Ohrfeige. Es war furchtbar. Scham, Wut und Angst, dass mein Vater dies erfahren würde, überfielen mich mit großer Wucht, mir wurde schwindlig, ich taumelte, Frau Ecker zerrte mich zurück in meine Klasse. An diesem Tag habe ich in der Schule nichts mehr wahrgenommen.

Umso mehr genoss ich einen kleinen Triumph gegen Frau Ecker. Ich sollte eine schlechte Klassenarbeit zu Hause unterschreiben lassen. Ich radierte die schlechte Note aus und machte eine bessere daraus. So legte ich die Klassenarbeit meiner lieben Mutter vor; sie unterschrieb. Dann radierte ich die bessere Note wieder aus und schrieb die ursprüngliche Note wieder rein. Natürlich wusste ich, dass man das Radieren sah.

So legte ich der Frau Ecker das Schulheft wieder vor. Ich beobachtete die Lehrerin ganz aufmerksam und genau; auf ihrem Gesicht breitete sich ganz langsam ein zynisches Lächeln aus und sie sagte hohntriefend: „Hat er doch tatsächlich versucht, die Note wegzuradieren, es ist ihm aber nicht gelungen, denn meine Noten kann man nicht ausradieren …“ Sie genoss sichtlich ihren Hohn. Ich aber genoss meinen kleinen Triumph, hatte ich sie doch überlistet. Gott sei Dank habe ich nur selten eine Klassenarbeit unterschreiben lassen müssen.

Frau Eckers größter Tag war immer Hitlers Geburtstag. Da musste jede Klasse für sich geschlossen als Viereck auf dem Mädchenpausenhof Aufstellung nehmen. Das Lehrerkollegium stand uns Schülern gegenüber. Dann wurden Reden gehalten über das siegreiche Deutschland. Zum Schluss wurde die deutsche Hymne gesungen, und jetzt kommt’s: Ab der 3. Klasse mussten alle Schüler während der ganzen Hymne den Arm ausstrecken. Mann, hab ich geschimpft, weil mein Arm immer schwerer wurde und wehtat. Das war furchtbar.

Dieser blöde Hitler, hört doch endlich auf mit dem Gesinge!

Richtig schöne Erlebnisse hatte ich auf dem Heimweg von der Schule. Nicht weit von meinem Elternhaus gab es einen wunderbaren Vorgarten, in dem ausschließlich rote Rosen blühten, die auch noch herrlich dufteten. Dieser Vorgarten zog mich magisch an. Also wechselte ich die Straßenseite, blieb begeistert vor dem Vorgarten stehen und zog eine Rose über den Zaun zu mir, um den Duft zu genießen. Ich war eine ganze Weile versunken in den Duft und den Anblick der Rose.

Das sah wohl auch der Besitzer des Hauses und kam mir auf seinem Grundstück entgegen. Ich wollte schon weglaufen, weil ich dachte, er mag das nicht, wenn ich eine Rose zu mir herziehe. Er rief: „Nein, nein, bleib doch stehen, ich möchte gerne mit dir reden.“ Ich blieb zögernd stehen, bis der für mich uralte Mann bei mir war. Er zeigte mir ein Hörrohr (ein trichterförmiges, etwa 20 Zentimeter langes Rohr, das auf einer Seite so verjüngt war, dass dieses Teil in die Ohröffnung gesteckt werden konnte) und sagte: „Du musst in den Trichter sprechen, damit ich dich verstehen kann.“

Dann fragte er mich, ob mir die Rosen und ihr Duft gefallen würden, wie alt ich sei, wie ich heißen würde, wie es mir in der Schule ergangen sei und so weiter.

Ich antwortete gerne und sprach alles in sein Hörrohr, dazu musste er sich ganz schön bücken, denn er war ein großer Mann. Wir hatten beide Freude daran, denn von da an schien es so, als warte er schon auf mich, wenn das Wetter schön war und ich von der Schule kam. Eines Tages erzählte ich ihm, dass ich aus einem Gebüsch heraus meiner Lehrerin zugerufen hatte: „Ecker, Ecker, Zuckerlecker“, und ihre Reaktion darauf. Da fing er so heftig an zu lachen, dass er einen Hustenanfall bekam. Ich hätte ihm am liebsten auf den Rücken geklopft, traute mich aber nicht. Als er wieder richtig Luft bekam, sagte er: „Die Reaktion deiner Lehrerin war völlig überzogen, sie hätte mit dir auch unter vier Augen reden können oder es einfach ignorieren sollen.“

Wie ich erfuhr, war der alte Herr General und hieß „von Dewitz“. Wir haben uns immer wieder im Sommer bei schönem Wetter angeregt unterhalten, es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Doch dann wartete ich plötzlich vergebens; er war wohl gestorben. – Er fehlte mir sehr; mit niemandem konnte ich mich so frei und ungezwungen unterhalten wie mit ihm. Ich trauerte richtig.

1944 wurde es meiner Mutti schwer ums Herz. Sie sagte zu meinem Vater: „Ich fühle, dass es meiner Mutter in Weilheim/Teck schlecht geht, ich muss sie unbedingt noch mal sehen.“

Also fuhr unsere ganze Familie mit dem Zug nach Weilheim. In der Nähe von Stuttgart blieb der Zug stehen. Wir hörten Bomben auf Stuttgart fallen und sahen Feuerschein. Irgendwann fuhr der Zug ein Stück weiter und blieb wieder stehen, wir mussten den Zug verlassen. Mit einem Pferdefuhrwerk wurden wir dann nach Weilheim gebracht. Als wir im Elternhaus meiner Mutti ankamen, lag ihre Mutter im Sterben.

Meine Mutter war sehr, sehr traurig, aber auch froh, dass sie ihre Mutter noch einmal gesehen hatte, wenn auch im Sterben.

Meine Großmutter wurde in ihrem Wohnhaus in einem großen Raum aufgebahrt, in dem sonst evangelische Gemeindeveranstaltungen stattfanden. Am anderen Tag versammelten sich die vielen Verwandten und unsere Familie rund um die Bahre. Ich, sieben Jahre alt, stand vor meiner Mutter am Kopfende meiner Oma und wollte immer wieder mein Gesicht im Kleid meiner Mutti verbergen, weil ich die Tote nicht sehen wollte, aber meine Mutti drehte mich immer wieder um, das war furchtbar für mich!

Nach der Beerdigung verabschiedeten wir uns von unserem Großvater – unser Vater und unsere Mutti mit schwerem Herzen von ihrem Vater.

Unser Großvater war ein gottesfürchtiger Mann – schlank, drahtig, energisch. Er hatte graue Augen und trug einen Schnauzbart unter der Nase. Er hatte ein Sattlergeschäft mit Schaufenster sowie auch Pferde, weil er nebenher noch eine kleine Landwirtschaft betrieb. Über dem Sattlergeschäft und der Stallung waren in dem ersten und zweiten Geschoss die Wohnräume untergebracht. Angebaut war eine Scheune und auf der anderen Straßenseite der Geräteschuppen. Für mich war es ein spannendes Haus, zumal man über das Dachgeschoss in die Scheune gelangen konnte. Es gab viel zu entdecken.

Wir fuhren mit dem Zug wieder heim, zurück nach Marburg/Lahn. Wir hatten alle Angst, dass der Zug wieder stehen bleiben oder direkt angegriffen würde. Gott sei Dank verlief die Rückfahrt ohne Unterbrechung oder Schlimmeres.

Da die Fliegeralarme zum Ende des Krieges immer mehr zunahmen und einzelne Tiefflieger regelrechte Jagd auf Fußgänger machten, erkundete mein Vater einen Schulweg, der fast nur unter Bäumen verlief.

Ich wunderte mich, dass die Geschosse selbst die dicken Stahlträger der Eisenbahnbrücke durchschlugen. Auf der Brücke schrie plötzlich ein kleines Mädchen: „Was ist denn das da auf der anderen Seite der Straße?“ Wir rannten hin und sahen einen Stiefel, in dem noch ein Teil eines blutigen Beines steckte. Wir rannten alle nach Hause – ich verkroch mich lange in einer Ecke und heulte.

Bei Fliegeralarm mussten wir fluchtartig die Schule verlassen. Dies geschah mit ohrenbetäubendem Geschrei, auch die Lehrer waren in Panik.

Die Klassen mit den jüngeren Schülern wurden in den oberen Geschossen des Schulgebäudes unterrichtet, weil befürchtet wurde, dass wir von den Großen umgerannt werden könnten. Es gab sowieso immer wieder Verletzte.

Nachts waren die Fliegeralarme besonders schrecklich; meine Mutter und meine Geschwister schrien und versuchten, sich schnell anzuziehen. Dabei zogen sie oft die Kleider falsch herum an. Für mich war das jedes Mal ein lustiges Erlebnis, es machte mir richtig Spaß. Angst hatte ich keine.

Einmal fragte ich mich, wie es wohl draußen aussehen würde. Es hieß, die Flieger würden Beleuchtung (die sogenannten „Christbäume“) abwerfen, um besser sehen zu können. „Das muss ich sehen!“, dachte ich. Also hob ich die Fensterverdunkelung (sie bestand aus Pappe) an, um zu schauen, ob das stimmte. Tatsächlich – es war so. Plötzlich gab es ein fürchterliches Geschrei von meinen größeren Geschwistern, die mein furchtbares Tun sahen. Sie rissen mich vom Fenster weg, schimpften mich aus und erklärten mir, dass das Licht von den feindlichen Fliegern gesehen werde und sie dann auf unser Haus eine Bombe werfen würden.

Alle zusammen rasten wir dann in den Keller, wo mein Vater zwei übereinanderliegende Betten aus grobem Holz gebaut hatte. In diesem kleinen Kellerraum durfte sich meine Mutter mit meinen Schwestern und unserem kleinen Bruder aufhalten. Papa und wir zwei größeren Jungs standen im Kellerflur neben der mit Löschsand gefüllten Kiste.

Papa hatte auch im Wald – etwa einen Kilometer von unserem Haus entfernt – einen Unterstand gebaut. Dies war ein 2,5 Meter tiefes, etwa 2,5 Meter breites und circa 7 Meter langes Loch in der Erde. Als Dach legte unser Papa etwa 20 Zentimeter starke Baumstämme dicht nebeneinander und darüber viele Zweige, die er mit einer dicken Erdschicht bedeckte. Den Zugang legte er zweimal abgewinkelt an. Wegen möglicher Bombensplitter, wie er uns erklärte.

Es war im März 1945, als mein Vater vom Bahnhof angerannt kam und uns aufforderte, sofort mit ihm zum Unterstand im Wald zu rennen. Er musste wohl bei seiner Objektbewachung erfahren haben, dass ein Angriff bevorstand.

Wir zogen hastig warme Kleider an und rannten zum Unterstand. Mit uns rannte eine Nachbarin mit ihren zwei Kindern, zwei Mädchen. Wir warteten auf das Bombengeschwader. Plötzlich kam ein junger Mann in unseren Unterstand gerannt; es war wohl ein russischer Kriegsgefangener, der Bomben entschärfen musste. Er zitterte am ganzen Körper. Mein Vater, der in Sibirien Russisch gelernt hatte, hieß ihn willkommen und forderte ihn auf zu bleiben. Nach kurzer Zeit rannte der Mann wieder hinaus, kam aber bald wieder. So ging es ein paarmal.

Wir hörten das immer lauter werdende, nervenaufreibende Brummen von sehr, sehr vielen Flugzeugen. Dann fingen die Mädchen und meine Mutter an zu schreien, das Brummen wurde immer lauter und das Schreien auch.

Im Kerzenschein konnte ich die verzerrten Gesichter sehen, ich sah auch ganz fasziniert das vibrierende Zäpfchen im aufgerissenen Mund von Mariechen, unserem Nachbarskind.

Dann fielen die Bomben – erst weiter weg, dann immer näher. Neben uns hatten andere einen Unterstand gebaut, dessen Dach aus Wellblech bestand. Die auf das Dach niederprasselnden Äste und Bombensplitter erzeugten zusätzlich einen Höllenlärm. Splitter flogen in den abgewinkelten Zugang zu unserem Unterstand, dies machte zusätzlich Angst. Plötzlich rannte der junge Russe aus unserem Unterstand – er kam nicht wieder.

Es war eine qualvolle, unendlich lange Zeit, bis endlich die Bombenexplosionen und das Flugzeugbrummen aufhörten. Nach langem Warten verließen wir dann zögernd den Unterstand.

Was wir sahen, war furchtbar: überall kleine bläuliche Phosphorflammen, an vielen Bäumen waren Äste abgebrochen. Rund um unseren Unterstand waren Bombentrichter und umgefallene Bäume. Und dann das Entsetzliche: nicht weit von unserem Unterstand lag der junge Russe – tot. Er war durch Bombensplitter furchtbar zugerichtet. Unsere Eltern hatten ihn zu spät gesehen, um uns vor dem Anblick zu schützen.

Unser Vater bahnte uns einen Weg durch den fürchterlich zugerichteten Wald bis nach Hause. Von Weitem sahen wir schon, dass das Dach von dem dreistöckigen Haus, in dem wir wohnten, weg war. Näher kommend, konnten wir erkennen, dass die Fenster fehlten, ja auch die Haustür war weg. Dann sahen wir neben unserem Haus auf der Straße einen riesigen Bombentrichter und das halb zerstörte große Nachbarhaus.

Vor dem Haus mussten wir Kinder mit unserer Mutti warten, bis unser Vater das Haus inspiziert hatte. Er berichtete dann, dass eine Bombe durch unser Haus bis in den Keller geflogen sei und jetzt in der Löschsandkiste liege. Unser Vater bat uns, in gehörigem Abstand zu warten. Er fand ziemlich schnell einen russischen Bombenentschärfer. Mit diesem trug unser Vater die etwa 1,20 Meter lange und 30 Zentimeter durchmessende Bombe ins Freie und blieb bei der Entschärfung neben dem Russen stehen. Wohl um zu zeigen, dass er nichts gegen Russen hatte. Ich habe das nie verstanden – was wäre aus uns geworden, wenn die Bombe explodiert wäre?

Danach durften wir ins Haus, nachdem uns unser Vater Instruktionen erteilt hatte.

Im oberen Teil unserer zweistöckigen Wohnung stieß meine Mutter einen Schrei aus. Sie hatte für den Fall einer Flucht Koffer und einen Wäschekorb gepackt und im oberen Flur aufgestellt – und genau durch diese Koffer und den Wäschekorb war die Bombe geflogen und hatte alles zerstört. Welch ein zusätzliches Unglück für uns!

Für mich war es ein Abenteuer, alles sah gruselig aus. Und dann das Loch im Fußboden, man konnte sicherlich in die Wohnung unter uns schauen, aber es war dunkel, deshalb holte ich Zündhölzer, legte mich bäuchlings am Rand des Loches auf den Boden, zündete das Streichholz an und spähte durch das Loch. Kaum hatte ich das Streichholz angezündet, stieß die Frau unter uns einen markerschütternden Schrei aus und schrie: „Feuer, Feuer!“ Es nützte nichts, dass ich schnell das Streichholz ausmachte. Mein Vater entschuldigte sich bei der Frau unter uns durch das Loch und vertrimmte mich anschließend.

Mein Vater sagte nach dem notdürftigen Entfernen des ganzen Drecks und Staubs auf unseren Betten, dass wir zu Bett gehen und zu schlafen versuchen sollten. Selbst für mich als Achtjährigen war klar, dass wir in diesem Haus nicht bleiben konnten.

Am nächsten Morgen machten wir uns zu Fuß mit Kinderwagen, Handwagen und zwei alten Fahrrädern auf den Weg: Papa und Mutti, unsere Haushaltshilfe und wir sechs Kinder (mein jüngster Bruder im Kinderwagen). Erstaunlich war, dass ab den teilweise zerstörten Häusern am Waldrand – zu denen auch das Haus gehörte, in dem wir gewohnt hatten – die ganze Lothringer Straße hinunter – etwa 300 Meter – keine Häuser zerstört waren. Dieser Bombenteppich musste also vor allem im Wald heruntergekommen sein. Erst unten, in der quer verlaufenden Schützenstraße an der Bahnlinie entlang, waren die Häuser auf beiden Seiten total zerstört, die Trümmer brannten und rauchten zum Teil noch. Ein Durchkommen war für uns sehr schwer.

Wir kamen bis Rosenthal (von Marburg 22 Kilometer), dort übernachteten wir. Am nächsten Morgen haben uns mitleidigen Leute mit einem Pferdefuhrwerk nach Willersdorf (zehn Kilometer von Rosenthal) gebracht.

Ziel war ein Bauernhof, dessen Besitzer unser Vater gut kannte.

Als wir auf dem Hof ankamen, sahen wir ein geschlachtetes Schwein am Scheunentor hängen, das Herr Siebert gerade ausnahm. Für mich war dies eine interessante Szene; zuerst musterte ich das aufgeschlitzte Schwein, dann das entgeisterte Gesicht von Herrn Siebert. Dieser stand mit offenem Mund wie angewurzelt da.

Nun ging mein Vater langsam, ganz langsam – wahrscheinlich um Herrn Siebert Zeit zu geben, sich zu fangen – auf ihn zu und begrüßte ihn. Es dauerte lange, sehr lange, bis wir alle in ein ebenerdiges Zimmer, das durch eine Bretterwand in einen kleineren und einen größeren Teil unterteilt war, mit unseren wenigen Habseligkeiten einziehen durften. Im Laufe des verbleibenden Tages wurden dann Schlafmöglichkeiten für uns alle in dem Raum geschaffen und wir erhielten etwas zu essen.

Für die folgende Zeit einigten sich unsere Eltern und die Gastgeber auf bestimmte Regeln. Wie sich meine arme Mutti mit Frau Siebert über die Küchenbenutzung einigte, hat mich nicht interessiert; ich sah nur das Leiden auf ihrem lieben Gesicht und das hat auch mich traurig gemacht.

Wir hatten zu wenig Besteck, deshalb habe ich mir einen Löffel aus Holz geschnitzt. Mutti wollte nicht, dass ich so ein unhygienisches Instrument benutzte; Papa hat dann gesagt: „Lass ihn doch.“ Ich war richtig stolz.

Eines Nachts gab es plötzlich ein lautes Geschrei vor unserem geöffneten Zimmerfenster. Wir sahen zwei Gewehrläufe, die auf meinen im Bett liegenden Vater zielten. Es waren zwei deutsche Soldaten in Begleitung des Bürgermeisters. Sie forderten unseren Vater auf, sofort unsere zwei Fahrräder herauszugeben. Die zwei deutschen Soldaten wollten vor den herannahenden Amerikanern fliehen. Mein Vater flehte sie an, uns doch die Fahrräder zu lassen, wir hätten doch fast nichts mehr und im Dorf gebe es doch sicher andere Fahrräder, die nicht so dringend gebraucht würden. Da brüllte der Bürgermeister, er werde ihn erschießen lassen, wenn er nicht sofort die Fahrräder herausgäbe. Wir alle hatten fürchterlich Angst und zitterten am ganzen Körper. Mein Vater zog sich notdürftig an und übergab die Fahrräder. Die Soldaten versprachen meinem Vater, die Fahrräder an einer bestimmten Stelle zurückzulassen, wo er sie dann abholen könne.

Am anderen Tag kamen zwei deutsche Soldaten mit zwei Pferden in den Nachbarhof geritten – wir konnten es sehen, weil der Hof des Nachbarn zu dem Bauernhof von Herrn Siebert im offenen Winkel gegenüberlag – und forderten von diesem Bauern dessen zwei Pferde, weil ihre ausruhen müssten. So geschah es.

Am Tag darauf wurde das Brummen von Panzern immer lauter, bis das Haus, in dem wir untergekrochen waren, zu beben anfing und ein Panzer in den Hof auf die Miste fuhr. Der Geschützturm drehte sich langsam um 360 Grad. Ich lugte ganz vorsichtig über das Fensterbrett, bis dieses dicke Rohr genau auf mich zielte und stehen blieb. Vor Schreck sprang ich auf, sodass die Panzerbesatzung sehen konnte, dass da nur ein Kind war. Vielleicht war das unsere Rettung.

Es gab Ausgehverbot, niemand durfte das Haus verlassen! Dann, einen Tag später, ein furchtbares Geschrei im Stall des Nachbarhofes: Beide Soldaten-Pferde waren umgefallen. Der Bauer versuchte mit Nachbarbauern, die Pferde wieder auf die Beine zu bringen, indem sie sie mit Stroh und anderem heftig rieben und sie anfeuerten aufzustehen. Er schrie flehentlich: „Ich brauche doch die Pferde, um meine Äcker zu bestellen!“ Es war fürchterlich.

Die Pferde starben!

Die Amerikaner ließen zunächst nicht zu, die toten Pferde wegzuschaffen; erst als sie fürchterlich stanken, wurde dies erlaubt.

Ein paar Tage später durften die Häuser verlassen werden, nicht aber das Dorf. Wieder ein paar Tage später durften die Bauern auch ihre Äcker und Wiesen wieder bewirtschaften.

Mein Vater machte sich nachts auf die Suche nach den Fahrrädern – sie waren nicht am angegebenen Ort. Das war ein gefährliches Unterfangen gewesen – wir Kinder erfuhren erst am anderen Tag davon.

Es dauerte viele Wochen, bis wir wieder in unsere Wohnung in Marburg konnten.

Unser Vater hatte im Dorf ein altes Fahrrad geliehen und Glasscheiben für die Fenster in unserer Wohnung besorgt, die er über Schleichwege nach Marburg schaffte, um sie dort einzubauen. Einmal wurde er im Wald von marodierenden Russen überfallen; sie haben ihm seine Taschenuhr abgenommen.

Meine große Schwester hatte in diesem Dorf Konfirmation. Als Geschenk erhielt sie einen großen Bauernbrotlaib! Wir haben uns alle riesig gefreut; sie hatte am wenigsten davon.

In dieser Zeit gingen wir nicht zur Schule. Der Krieg endete am 8. Mai 1945.

Ein paar Wochen nach Kriegsende wurden wir mit einem kleinen Lkw mit offener Ladefläche, auf der wir Kinder saßen, wieder nach Marburg gebracht. Meine Mutter hatte Angst, dass Diebe während der Fahrt auf die Ladefläche springen würden, um etwas zu stehlen. Dies ist in dieser Zeit immer wieder vorgekommen, die Lkws konnten nicht schnell fahren. Der Lkw wurde mit Holz betrieben, auf der Ladefläche war ein Ofen (Holzvergaser) montiert, der Gas (Kohlenmonoxid) erzeugte. Mit diesem Gas wurde der Motor betrieben. Mich faszinierte die kleine Klappe, die unten am Ofen angebracht war und sich immer wieder selbstständig öffnete und schloss, um die Luftzufuhr zu regeln. Das Klappern erzeugte einen hellen Klang; mir gefiel dieser Klang.

Zu Hause angekommen, stellten wir fest, dass die Zentralheizung in unserer Wohnung kaputt war. Aber unser Vater hatte schon vorgesorgt, er hatte sogenannte Kanonenöfen beschafft. Das waren Zylinder aus Stahl mit einem Durchmesser von circa 30 Zentimetern und einer Höhe von etwa 80 Zentimetern, unterteilt in einen Verbrennungsraum und einen Aschenteil. Die Abgasrohre hatten einen normalen Durchmesser. Das sah komisch aus, so ein dickes Abgasrohr und so ein kleiner Ofen. Die gesamte Außenfläche wurde sehr heiß, wir mussten aufpassen, dass wir uns keine Verbrennungen zuzogen. Im Arbeitszimmer hatte mein Vater einen vergrößerten Ofen aufgestellt. Das war ein Kanonenofen, auf den man einen umgedrehten Kegelstumpf aus Metall geschweißt hatte, sodass oben eine kreisförmige Platte mit einem Durchmesser von etwa 80 Zentimetern entstand. Hier kochte dann meine Mutter das Essen.

Jetzt konnten wir endlich wieder in die Schule gehen. Mein neuer Klassenlehrer hieß Plath. Er war groß, schlank, hatte ein schmales Gesicht, graue Augen und schaute streng, aber nicht unfreundlich. Er hatte ein Holzbein. Immer wenn er einen Schüler zur Ordnung bringen wollte, holte er einen großen Schlüsselbund aus der Hosentasche, stakste mit seinem Holzbein und der Ermahnung: „Wat sollste, wat sollste!“ zu dem Schüler und klemmte mit dem größten Schlüssel und seinem Daumen die Haut am Oberarm ein – das tat weh! Mit den Jahren fing dann immer die ganze Klasse im Chor an zu rufen: „Wat sollste, wat sollste!“, bis der Lehrer beim Schüler war. Lehrer Plath duldete dies. Er war ein guter Lehrer. Meine schulischen Leistungen wurden sofort besser.

Einmal wurde ich auf dem Schulhof von einer Clique, die aus einer schlechten Wohngegend kam, umringt. Einer von ihnen griff mich an. Im Nu lag ich auf dem Boden. Ich sah in die Gesichter der anderen und überlegte: „Die werden dir auf dem Nachhauseweg auflauern und dich alle zusammen verprügeln, dann hast du keine Chance!“ Der Angreifer stand auf und fiel erneut über mich her. Ich beugte mich von ihm abgewandt nach vorn, schützte mit den Armen mein Gesicht und ließ seine Schläge zu, in der Hoffnung, dass bald ein Lehrer käme. Tatsächlich erschien mein Klassenlehrer, Herr Plath. Er griff sofort ein und wies den Angreifer scharf zurecht – ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Von da an ließ mich die Clique in Ruhe.

Viele amerikanische Soldaten waren in den nicht zerstörten Einfamilienhäusern untergebracht. Eines Tages lief ich an diesen Häusern vorbei und sah durch die offene Haustür, wie ein Soldat im Flur einfach einen großen Eimer Wasser ausschüttete und mit einem Besen das Wasser ins Freie kehrte. Selbst als Kind war ich entsetzt darüber und dachte an die armen Hausbesitzer. Wie furchtbar es wohl für sie sein müsste, wenn sie das sahen!

In einem großen Nachbargebäude, das auf einer Seite zerstört war, benutzten die Soldaten den Gemeindesaal als Kantine (im Gemeindesaal hatten bis Kriegsende Gottesdienste stattgefunden). Dieses Haus befand sich direkt gegenüber von unserem Wohnhaus.

Eines Tages rutschte ich vor diesem Haus aus und fiel – mich überschlagend – eine Böschung hinunter. Ich war acht Jahre alt. Ich weinte – ein amerikanischer Soldat kam, nahm mich in den Arm und sah, dass mein Daumen ausgekugelt war. Er streichelte mich, nahm meine kleine Hand in seine großen Hände, zog heftig an meinem Daumen und der Daumen war wieder eingerenkt.

Er nahm mich an der Hand mit in die Kantine, wo viele Soldaten an langen Tischen beim Essen saßen. Er ging an seinen Platz und gab mir ein belegtes Brot. Ich bedankte mich und ging. Beim Hinausgehen bespritzten andere Soldaten meine nackten Beine mit Essig; viele lachten dann laut, als ich hüpfte. Immer mehr Soldaten bespritzten meine nackten Beine mit Essig, bis ich draußen war. Das tat weh. Ich hörte noch, wie der Soldat, der mir geholfen hatte, laut schimpfte.

Zu Hause durchstreifte ich eines Tages das ganze Haus und schaute mir alles ganz genau und bewusst an. So kam ich auch in das Schlafzimmer meiner Eltern. „Was ist denn das da oben auf dem hohen Kleiderschrank?“, fragte ich mich. „Das muss ich sehen! Aber wie komme ich auf den Kleiderschrank?“ Direkt anschließend an den Kleiderschrank stand der Waschtisch meiner Eltern. Das war eine etwa zwei Meter lange Kommode, unten mehrere Schubladen und oben darauf eine dicke Marmorplatte. Dahinter befand sich ein großer Spiegel.

Auf der Marmorplatte standen zwei schön verzierte große Waschschüsseln aus Porzellan mit einem hohen Rand. Und zwei fünf Liter fassende Wasserkrüge, ebenfalls schön verziert aus Porzellan. In der Ecke daneben stand ein verzierter Wassereimer mit einem Deckel. Meine Eltern wuschen sich morgens hier und das gebrauchte Wasser wurde in diesen Eimer geschüttet.

Alles zusammen war für mich eine ideale Aufstiegshilfe. Ich war ja noch ein kleiner Junge, vielleicht neun Jahre alt. Also, erst auf den Wassereimer, dann auf die Marmorplatte, weiter über den umgekehrten leeren Krug, festhalten am Rahmen des Spiegels und hochziehen – schon war ich oben. Es waren fast nur Hutschachteln, die ich öffnete, den Hut meiner Mutter mit dem Gesichtsschleier, den ich an ihr so mochte, und dann noch andere Hüte meiner Mutter.

„Was ist denn das?“, dachte ich, als ich so eine komische gebogene Schachtel erblickte. „Was ist denn da drin?“ Also aufgemacht. Was ich sah, war etwas schwarzes Rundes. Also rausnehmen, hin und her drehen, etwas drücken, dann machte es plötzlich plopp und ich hatte einen Klappzylinder in der Hand, einen sogenannten Chapeau claque. Ja richtig, mit dem hatte ich ja schon meinen Vater gesehen, wenn er seinen Gehrock anhatte.

Den Hut wieder zu bändigen, war gar nicht so einfach, aber ich habe es nach etlichen Versuchen geschafft und ihn in die Hutschachtel bugsiert. Ich saß nun da und überlegte: „Das war doch hochinteressant, ich mach es nochmals!“ Also nahm ich den Hut aus der Schachtel, beäugte ihn aufmerksam und drückte dann von unten mit meiner kleinen Hand in den Hut – plopp – hatte ich den Zylinderhut ausgefahren wieder in den Händen. Dann legte ich den Hut zwischen meine Beine und drückte mit beiden Händen auf den Hut, schon war er wieder klein. Das machte ich ein paarmal, dann legte ich ihn zurück in die Hutschachtel.

So, meine Neugier war gestillt, nun ging es an den Abstieg – vorsichtig, es sollte ja um Gottes willen nichts kaputtgehen! Ich war sehr erleichtert, als ich unten war, ohne dass etwas passierte. Prima, jetzt wusste ich, was da auf dem Kleiderschrank meiner Eltern lag, meine Neugier war gestillt.

Wie so oft streiften wir Kinder durch die Gegend, als wir plötzlich Schreie von Frauen hörten. Wir liefen den Schreien nach und sahen ein uns bekanntes kleines Gebäude auf einer Wiese, aus dem die Schreie kamen. Inzwischen verstanden wir auch, dass es Hilfeschreie waren, und hörten Männer lachen. Wir wussten, dass dort Heu gelagert war.

Ich kleiner Junge, jetzt zehn Jahre alt, wollte sofort hinrennen, um zu helfen. Mein älterer Bruder, 14 Jahre alt, und seine Freunde hielten mich zurück. Ich schrie: „Wir müssen doch helfen!“ „Nein“, sagten sie und hielten mich fest, „wir sind zu klein, wir können nicht helfen.“

Nach einiger Zeit kamen fünf oder sechs lachende amerikanische Soldaten aus dem kleinen Häuschen und verschwanden. Viel, viel später kamen zwei junge heulende Frauen ins Freie und liefen weg.

Niemand hatte uns Kinder gesehen. Für mich war das Erlebte furchtbar und ließ mich lange nicht zur Ruhe kommen. Nun verstand ich auch, warum mein Vater meine Mutter und meine Schwestern aufgefordert hatte, nur in hässlichen Kleidern und mit Kopftuch ins Freie zu gehen.

Eines Tages waren wir alle überrascht, als sich weit über 100 Soldaten auf einer großen Wiese in Gruppen verteilten; zwischen den Soldaten liefen andere Soldaten, die einen Helm aufhatten, auf dem waren die großen Buchstaben „MP“ (steht für Militärpolizei) zu lesen. Es dauerte Stunden, bis alle wieder abzogen. Wir beobachteten die Soldaten lange, dann streiften wir in der Umgebung umher und fanden in etlichen Sträuchern allerlei schöne Sachen: bunte Garnrollen in Schatullen, besondere Werkzeuge, Schmuck und anderes mehr. Wir ließen alles liegen, weil wir vor möglichen Folgen Angst hatten. Am anderen Tag war alles weg. Wahrscheinlich hatten die Soldaten ihr Diebesgut nach der Aktion wieder aus den Sträuchern geholt. Wir Kinder waren der Überzeugung, dass auch die Unterkünfte der Soldaten während ihres Aufenthalts auf der Wiese untersucht worden waren.

An einem schönen Sommertag war ich allein unterwegs. Da sah ich von Weitem einen schwarzen Soldaten – auch allein – die Wald-Wiesen-Straße in meine Richtung gehen.

Irgendwie hat mich das gereizt. Ich versteckte mich in einem kleinen Heuhaufen, der auf einem etwa fünf Meter breiten Wiesenstreifen zwischen zwei Stacheldrahtzäunen aufgeschichtet war. Ich wartete, bis der Soldat auf der höher gelegenen Straße in Rufnähe war, und rief: „Black boy, black boy!“ Der Soldat machte ein paar Schritte in meine Richtung, dabei zeigte er seine weißen Zähne mit einem Lächeln. Ich bekam trotzdem Angst, kroch so schnell ich konnte unter dem Stacheldrahtzaun durch und rannte die abfallende Wiese hinunter. Ich hörte nur noch ein lautes herzhaftes Lachen. Die Bezeichnung „black boy“ hatte ich irgendwo aufgeschnappt und musste es doch irgendwo ausprobieren, rief es aber nie wieder.

Wir Kinder machten auch Tauschgeschäfte mit den Soldaten. Wir „besorgten“ uns zur Erntezeit ein paar Äpfel, gingen zu den Unterkünften der amerikanischen Soldaten in den Einfamilienhäusern und tauschten dort die Äpfel gegen Apfelsinen. Die Soldaten waren immer freundlich zu uns Kindern und gingen gern auf den Tausch ein.

Weil andere Schulen noch nicht repariert waren oder nicht geheizt werden konnten, mussten ganze Klassen auf den breiten Treppen in einer beheizten Schule Platz nehmen – hier fand dann der Unterricht statt.

Eine Hilfsorganisation aus den USA hat in den Schulen warmes Essen verteilen lassen. Die sogenannte „Quäkerspeise“ wurde in meiner Schule im Keller ausgegeben; es war mal Kakao, mal Fleischbrühe und anderes. Ich habe mich immer darauf gefreut und war dankbar. Zu Hause gab es nur wenig. Ich erinnere mich noch an den Satz: „I have forgotten my Quäkerpott.“ (Wir hatten ab der 4. Klasse Englisch.)

Ab der 4. Klasse machte mir das Rechnen mit dem neuen Lehrer Plath auf einmal richtig Spaß. Das Fach Zeichnen war ja sowieso mein Lieblingsfach. In diesem Fach hatte ich immer eine Eins. Ach ja, das war ein schönes Erlebnis. Einmal fragte unser Zeichenlehrer, wie viele schlanke Pappeln im Schülerpark (das war ein schöner großer Park, durch den wir immer zur Schule gingen) in einer Linie stehen würden. Ich habe die Augen geschlossen und gezählt. „Acht“, habe ich dann gesagt. Der Lehrer schien überrascht und sagte: „Richtig, ohne die ganz kleine sind es acht!“ Kein anderer Mitschüler hatte es gewusst. Erstaunlich, dass diese kleinen Erfolge mir mein ganzes Leben über immer wieder guttun, wenn ich mich daran erinnere.

In dem Fach Deutsch – Lesen und Schreiben – war ich nach wie vor schlecht; das hatte mein Vater mitbekommen und rief mich immer wieder in sein Arbeitszimmer. Dort musste ich an dem runden Tisch stehend vorlesen. Ich hatte fürchterliche Angst, Tränen standen mir in den Augen.

Es war wohl mehr ein Stammeln als ein richtiges Lesen. Dies regte meinen Vater fürchterlich auf, das Schimpfen wurde immer lauter, sodass ich vor Angst kaum noch etwas herausbrachte. Nach dem vierten oder fünften Mal geschah etwas Fürchterliches: Mein Vater stand mir gegenüber auf der anderen Seite des runden Tisches, stützte sich mit der linken Hand auf der Tischplatte ab und schlug mir mit der rechten Hand auf mein linkes Ohr – so heftig, dass ich durch die Luft in die hintere Ecke neben der Couch flog. Es dauerte lange, bis ich mich wieder gesammelt hatte und zitternd vor Angst wieder aufstand. Mein Vater schrie, ich solle sein Arbeitszimmer verlassen, was ich auch zitternd tat. Mein Vater hat nie wieder mit mir gelernt!

Dass mein Vater mich für dumm hielt, machte mir schwer zu schaffen. Immer wieder musste ich erleben, dass mich Bekannte meines Vaters ausfragten und versuchten, mein Wissen zu testen. Ich merkte, dass sie über meine Antworten überrascht waren; man hatte ihnen wohl gesagt, dass ich dumm sei. Einmal, im Garten, fragte mich der Herr Direktor Seite im Beisein meines Vaters aus und sagte dann zu meinem Vater: „Der Siegfried weiß doch viel!“ Mein Vater machte nur eine wegwerfende Handbewegung. Ich war wieder mal gedemütigt, diese Handbewegung schmerzte mich sehr.

Das Eigenartige war, dass ich abends, wenn ich im Bett lag und mein Vater noch mit dem Motorrad unterwegs war, zu Gott betete: „Lieber Gott, lass meinen Vater wieder gesund nach Hause kommen.“ Ich hatte ihn immer noch lieb.

Dieses Trauma hat mich mein ganzes Leben nie losgelassen!

Inhaltsverzeichnis

Ein wunderbares Erlebnis

Schule

Mein Leben als Schreiner

Berufsfeuerwehrmann – ein Beruf für mich!

Start als Berufsfeuerwehrmann

Hochzeit, Kinder, Familienleben

Fernstudium Radiotechnik

Schock wegen meines geringen Verdienstes

Diagnose Krebs

Meine Laufbahn als Feuerwehrmann

Feuerwehreinsätze

Ablauf eines Feueralarms

Meine weitere Laufbahn

Unfall unseres Sohnes Axel (9 Jahre alt)

Schulstress mit unserem Sohn Bernd

Staatsprüfung

Wachvorsteher-Stellvertreter

Wieder etwas Privates

Mitwirkung beim Tatort-Krimi „Stuttgarter Blüten“

Eine Unwetterkatastrophe in Stuttgart

Sachgebietsleiter „Atemschutz/Strahlenschutz/ Gasschutz“

Hurra, wir bauen ein Haus!

Urlaub in Bayern / Fahrradtour nach Marburg mit Axel und Bernd

Auweia – ein schwerer Unfall auf der Heimfahrt morgens nach dem Dienst!

Mein Leben mit Hunden

Meine Erfahrungen und Tätigkeiten in der Ortspolitik

Ein weiterer Versuch, meine Ideen und Erfindungen Wirklichkeit werden zu lassen

Zurück zu meiner beruflichen Tätigkeit bei der Berufsfeuerwehr

Zurück zu meiner Tätigkeit als Wachvorsteher

Hier wieder ein paar Einsätze

Silberne Hochzeit

Gran Canaria

Teneriffa

Portugal

Wieder Dienstliches: Eine neue berufliche Herausforderung

Wieder etwas Privates im Dienst

Frieden mit meinem Vater

Veränderungen in meinem Beruf und weitere Einsatzberichte

Noch mal etwas Privates im Dienst

Ab in den Ruhestand (November 1996)

Das total Neue war die Börse

Wieder etwas Persönliches

Hier nochmals ein paar Berichte über besondere Feuerwehreinsätze:

Wieder etwas Persönliches:

Erfindungen

Auf Reisen

Runde Geburtstage

Ein wunderbares Erlebnis

An einem herrlichen Sommertag stehe ich allein auf einer Wiese in der Sonne, ich bin zehn Jahre alt. Meine nackten Füße sind in der warmen, aufgeweichten Erde leicht eingesunken, es ist wunderbar. Am Waldrand zwitschern die Vögel, hoch über mir ertönen die Rufe von kreisenden Bussarden und über der Wiese das Summen von Wildbienen, das Brummen von Hummeln und das leichte Plätschern des kleinen Baches in meiner Nähe. Aus all diesen Tönen entsteht eine einzige Melodie, die ich begeistert aufnehme.

Die Sonne schmeichelt meinem Körper, ich spüre die liebliche Wärme, sie dringt über die Haut tief in mich ein und lässt in mir ein wunderbares Wohlgefühl aufsteigen. Ein leichter Windhauch erzeugt kleine Wellen auf der Wasseroberfläche einer Kuhtränke, die vor mir steht, die Sonnenstrahlen zaubern ein lustiges Spiel mit Glanz, Spiegelungen und Glitzern. Und da, kleine Wasserläufer auf der Wasseroberfläche, sie laufen einfach auf dem Wasser, ohne einzusinken, unter ihren kleinen Füßchen wird die Wasseroberfläche ganz leicht kreisrund vertieft und die Sonne malt dadurch zusätzliche wechselnde farbige, strahlende Muster auf das Wasser. Ein großartiges Glücksgefühl erfasst mich, ich bin ein Teil von dem, was mich umgibt. Ich bin fasziniert, schwebe über der Erde, ich will, dass es nie aufhört, dieses unglaubliche Gefühl der Schwerelosigkeit und des Glücks.

Lange, sehr lange schwebe ich so, eingebunden in dieses wunderbare Geschehen. Langsam, sehr langsam löst sich mein Blick und findet erst schwach, dann stärker das saftige Grün der mich umgebenden Wiese mit den schönen bunten Blumen – und ein paar Hundert Metern entfernt mein Elternhaus.

Dieses beglückende Erlebnis habe ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Die Erinnerung daran hat mir oft geholfen, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden, ja, es hat sogar die Erinnerung an meine furchtbaren Kindheitserlebnisse erträglicher gemacht.

Besonders schön war auch immer, wenn unsere liebe Mutter mit uns Kindern – bepackt mit Decken, etwas zum Naschen und Tee – auf eine Waldwiese wanderte, wo wir uns dann mit anderen Familien und Kindern trafen. Dort machten wir Gemeinschaftsspiele, tobten umher und probierten unsere Kletterkünste an den unterhalb der Wiese befindlichen Felsen aus. Der Ort hieß Schäferbuche, weil am Rand der Wiese eine riesengroße, weit ausgreifende Buche stand.

Wenn unsere liebe Tante Mina aus Weilheim/Teck bei uns zu Besuch war, machten wir manchmal gemeinsame Waldspaziergänge. Dann sangen die beiden Geschwister – meine Mutter und ihre jüngste Schwester – aus vollem Herzen Lieder; es hat sich eher angehört wie ein Jubeln, zumal Tante Mina auch noch jodelte. Da fühlte ich mich so unglaublich wohl, dass ich wünschte, es möge nie aufhören.

Schule

In der Schule wurde ich nach und nach besser. Ich merkte, dass mich mein Klassenlehrer, Herr Plath, mochte, das tat mir sehr gut! Ich hatte immer noch die Vorstellung, dass ich eines Tages Erfindungen machen würde, die mir so viel Geld einbrächten, dass ich eigentlich nicht so viel lernen müsste.

In meinen Träumen entwickelte ich viele Gegenstände und Maschinen, die ich auch vor meinem geistigen Auge bis ins Detail funktionieren sah. Ich sah auch die Drehrichtungen von Zahnrädern und Wellen. Es machte riesig Spaß. Leider träumte ich auch während des Unterrichtes in der Schule. Aber es war auch eine Flucht – eine Flucht vor dem, was ich immer wieder zu Hause erlebte.

In dieser Zeit schrieb ich ein Gedicht, das ich auch in der Klasse vortragen durfte. Leider weiß ich nur noch den ersten Satz, der ging so: „Der Mensch ist ein grausames Gebilde, wer weiß, was führt er wohl im Schilde.“ Ich glaube, dies zeigt deutlich meinen damaligen Gemütszustand.

Immer wenn ich etwas angestellt hatte – und das geschah wohl oft –, verprügelte mich mein Vater mit einem Rohrstock. Ich musste die Hose einschließlich der Unterhose herunterziehen, dann seitlich neben einem Stuhl knien und meinen Bauch und Oberkörper auf die Sitzfläche legen. Mein Vater stand hinter der Stuhllehne und packte von dort aus mit der linken Hand mein Genick und schlug mit dem Rohrstock, den er in der rechten Hand hielt, auf meinen nackten Hintern. Dabei schimpfte er: „Wem das Fell juckt, dem muss es gegerbt werden!“ Manchmal gelang es mir, etwas unter den Stuhl zu rutschen, dann zog er mich am Genick wieder nach oben. Es war furchtbar: ich zitterte und heulte immer schon vorher, ich konnte kaum die Treppe zum Arbeitszimmer hinaufgehen, wenn er rief.

Einmal – ich war wohl in der Zwischenzeit zwölf Jahre alt – schlug er mich so furchtbar mit dem Rohrstock auf den nackten Hintern, dass die Haut aufplatzte und alles voller Blut war. Meine liebe Mutti hat dann das Blut abgewaschen, mich rückwärts ins Arbeitszimmer geschoben und geschrien: „Sieh, was du angerichtet hast!“ Das ist meiner Mutter nicht leichtgefallen, denn sie hatte einen riesigen Respekt, manchmal vielleicht auch Angst vor ihrem Mann.

Beim nächsten Mal – ich hatte wohl wieder etwas angestellt – schimpfte er fürchterlich und befahl meiner Mutter, mich zu schlagen. Meine Mutter wurde ganz blass, sie zitterte, holte dann aber den Rohrstock aus dem Erkerzimmer, wo er immer auf dem Bilderrahmen griffbereit lag, nahm mich an der Hand und zerrte mich ins Badezimmer. Dort nahm sie mich in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: „Ich schlage jetzt mit dem Rohrstock auf die Seite des Schuhregals und du schreist bei jedem Schlag heulend laut auf, danach verlässt du weinend das Badezimmer.“ Und so geschah es. Meine Vater war zufrieden, meine Mutter war zufrieden und ich meiner lieben Mutti unendlich dankbar. Wenn ich daran denke, möchte ich sie immer in den Arm nehmen, das habe ich auch oft gemacht.

Ein großes Ereignis war die Währungsreform, die sogar von uns Kindern wahrgenommen wurde. Am 20. Juni 1948 trat die Währungsreform in den drei Besatzungszonen – der amerikanischen, der französischen und der englischen – in Kraft (Westdeutschland). Meine Mutter hatte wohl gehört, dass die Reichsmark (RM) nach der Währungsreform nichts mehr wert sei. Sie gab mir 1.000,00 RM und sagte zu mir: „Kauf dir ein schönes Spielzeug dafür, bald ist das Geld nichts mehr wert.“

So schnell ich konnte, fuhr ich mit dem Fahrrad zu einem Spielzeugladen. Dort angekommen, suchte ich mir ein schönes Spielzeug aus und wollte das bei dem Ladenbesitzer bezahlen. Als er den 1.000-RM-Schein sah, fragte er mich: „Wo hast du denn das Geld her?“ – „Von meiner Mutter“, antwortete ich. „Sie hat gesagt: ‚Das Geld ist bald nichts mehr wert.‘“ – „Unsinn!“, erwiderte er. „Du bringst das Geld wieder deiner Mutter und das Spielzeug bekommst du nicht.“

Ich war traurig und enttäuscht und fuhr wieder zurück zu meiner Mutter. Meine Mutter hatte mich schon sehnsüchtig erwartet, weil sie in der Zwischenzeit erfahren hatte, dass 100 RM zum Kurs von 6,50 DM umgetauscht werden. Also waren die 1.000 RM 65,00 DM wert.

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland beendete im September 1949 den Zustand der direkten Besatzungsherrschaft. Zuvor war am 23. Mai 1949 das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verkündet worden.

Ich war wohl 13 Jahre alt, als ich aus der Schule nach Hause kam. Meine liebe Mutti lag krank im Bett, und sie sagte zu mir: „Der Papa will dich schlagen, dass das Blut runterläuft.“ Ich hatte wohl wieder etwas Fürchterliches angestellt.

Ich sagte zu mir: „Jetzt ist Schluss!“, suchte mir einen Strick und fuhr mit dem Fahrrad in den Wald. Dort stieg ich auf einen hohen Baum, befestigte den Strick an einem Ast über mir, dann machte ich eine Schlinge, die ich um meinen Hals legte, und wartete, bis ich einschlafen würde, dann in die Schlinge fiele und stürbe.

Nach Stunden hörte ich zwei meiner Schwestern rufen: „Sieger!“ Ich gab keine Antwort. Nach einiger Zeit war nichts mehr zu hören. Als es anfing zu dämmern, entfernte ich die Schlinge von meinen Hals. Leider war ich nicht eingeschlafen. Ich war traurig, weil ich gehofft hatte, um diese Zeit schon längst tot zu sein und keine Angst und keinen Kummer mehr zu haben.

Ziellos streifte ich durch den Wald, bis ich an eine mir bekannte, mit Gras bewachsene Lichtung kam. Hier hatte meine Mutter mit uns Kindern auf einer Decke sitzend manchmal Spiele gemacht. Der Ort hieß Schäferbuche, weil am Wiesenrand eine mächtige, sehr große Buche stand.

Ich kletterte auf einen Baum bis in die Spitze, brachte ihn zum Schwingen und sprang von dort aus auf die Äste einer Kiefer. Am liebsten wäre mir gewesen, wenn ich den Sprung nicht geschafft hätte. Ich kletterte bis zum Stamm und setzte mich auf einen Ast. Meine Beine und Arme waren schon ziemlich geschunden, ich hatte kurze Hosen und ein kurzärmeliges Hemd an.

Plötzlich sah ich unten auf der Wiese in der Dämmerung meinen Schulkameraden Horst, der von zwei anderen verprügelt wurde. Ich legte meine beiden Hände trichterförmig an den Mund und rief mit meiner tiefsten Stimme von oben herunter: „Huhu, hier spricht ein Geist, lasst sofort den Horst in Ruhe!“ Sofort erstarrten alle drei und verschwanden dann fluchtartig. Das hatte mir gefallen und irgendwie wieder meinen Lebenswillen geweckt.

Es war schon lange dunkel, der Mond schien nicht, als ich anfing abzusteigen. Das war schwierig, weil die Kiefer nur oben Äste hatte und am