Fast 1000 Tage - Elfi Rother - E-Book

Fast 1000 Tage E-Book

Elfi Rother

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Beschreibung

Ein junger Mann ist seit fast tausend Tagen in China inhaftiert. Seit dem 19.12.2018 ist dieser junge Mann wieder auf freiem Fuss. Der Name dieses jungen Mannes ist Robert Rother. Dieses Buch erzählt die Geschichte aus der Sicht der Mutter. Lesen Sie dieses Buch, um diese unglaubliche Geschichte zu erfahren.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Ein Brief von Robert

Alles auf Anfang

Die Kinder werden erwachsen

Ein schrecklicher Tag!

Wie geht es weiter?

Ein Brief von Robert

»Hallo Mum, ich sehe hier keine Hoffnung mehr. Die machen, was sie wollen. Du gehst jetzt an die Medien. Wenn der Fall bis zum 12. September 2013, meinem Geburtstag, nicht in den Medien ist, dann bin ich tot. Ich werde mir das Leben an meinem Geburtstag nehmen, wenn das nicht in den Medien ist. Du solltest wissen, dass ich keinen Spaß mache. Jetzt musst Du nach vorne gehen, ansonsten kann nur mein Tod helfen, denn dann müssen Fragen beantwortet werden. Ich habe die Schnauze voll. Ich habe keine Angst vor dem Tod!!! Ich habe das mit Gott besprochen, […] mein Tod kann das Leben von vielen unschuldigen Menschen ändern […]«

Ich liege nachts im Bett, falte meine Hände und spreche mit Gott: »Bitte, gib Robert deine Kraft, er darf nicht aufgeben.« Immerzu denke ich an die erschütternden Zeilen, die mir mein Sohn geschrieben hat.

Ich versuche, in mir Stille zu finden, ich bin unkonzentriert und meine Gedanken hüpfen hin und her. Ich habe in unserem Haus alle Rollos heruntergelassen, die Dunkelheit soll mich beruhigen, damit ich mich konzentrieren kann. Meine Gedanken, meine Gefühle – alles ein Chaos.

Ich spüre, wie meine zweiundachtzigjährige Mutter versucht, mir unendlich viel Kraft zu geben, wie sie zu mir steht und mich wie ein rohes Ei behandelt. Sie merkt, dass meine Kraft verbraucht ist und sie sorgt sich um mich. Es ist für mich sehr angenehm, mit ihr zu reden. Sie hofft und glaubt ganz fest, dass alles ein gutes Ende nimmt. Das Verständnis meiner Mutter bekommt mir sehr gut. Ich spüre ihre Liebe!

Bis zum 12. September ist es nicht mehr lang, mein Sohn will sich an seinem Geburtstag das Leben nehmen, ich muss alles in die Wege leiten, die Situation darf nicht eintreten.

Ich habe den Hilferuf meines Sohnes an die Kanzlerin, an den Außenminister Guido Westerwelle sowie an den Bundespräsidenten Herrn Gauck mit einem Schreiben von mir weitergeleitet.

Dies ist ein Hilferuf einer verzweifelten Mutter. Seit dem 21. Mai 2011 befindet sich mein Sohn Robert in Untersuchungshaft in Shenzhen, China. Im Januar 2013 fand der erste Prozesstag statt und im März 2013 der zweite. Wegen mangelnder Beweise und nicht ausreichender Indizien wurde der Fall von dem verantwortlichen Richter für weitere vier Wochen der Polizei übergeben, um weitere Ermittlungen zu ermöglichen. Die Ermittlungsphase ist nun seit geraumer Zeit vorbei, wir haben mittlerweile August 2013 und nichts ist passiert.

Das Auswärtige Amt in Guangzhou steht in intensivem Kontakt zu unserem Anwalt. Das Bundespräsidialamt wurde schon öfter von mir in Kenntnis gesetzt und hinreichend über die wesentlichen Fakten informiert. Es muss doch eine Möglichkeit seitens der Bundesregierung bestehen, meinem Sohn einen fairen Prozess zu ermöglichen …

Elfi Rother

Unna, im August 2013

Alles auf Anfang

Ich war fünfzehn, als ich meinen späteren Ehemann kennenlernte und mich auf Anhieb in ihn verliebte. Damals besuchte ich häufig meine Freundin, um mit ihr zu reden, Musik zu hören und Spaß zu haben. Manchmal gesellten sich ihr Bruder und dessen Freund Reinhard zu uns. Reinhard war nicht nur drei Jahre älter, sondern auch dreißig Zentimeter größer als ich, was mir allerdings gar nichts ausmachte. Seine braunen Augen und wunderschön geformten Lippen, die ich unbedingt berühren wollte, hatten mich gefangen genommen. Markenzeichen waren seine braune Cordjacke, die sich hautnah an seinen Körper schmiegte, enge Jeans und rustikale Boots. Um seinen Hals trug er ein Lederband mit zwei dicken Holzperlen. Sein modernes Fahrrad mit hohem Lenker durfte ich jederzeit benutzen, ein Privileg, das ich sichtlich genoss. Überhaupt unternahmen wir viel zusammen, in seiner Nähe war ich glücklich!

Zwölf Monate nach unserem Kennenlernen wurden wir ein Paar. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, brachten Bedenken gegen die Beziehung vor. Reinhard trug die für die Siebzigerjahre typischen schulterlangen Haare und meine Eltern vermuteten Rauschgiftkonsum.

»Meine Güte, mit welchen Leuten du dich abgibst! Wir werden den Kontakt auf jeden Fall verbieten!«, sagte meine Mutter in einem Ton, der keine Widerrede zuließ.

Ich erhielt Ausgehverbot, durfte mich nicht mehr mit Reinhard treffen, ich wurde ständig kontrolliert. Eine schreckliche Zeit, in der ich oft log, um das Haus verlassen zu können, damit ich ihn sehen konnte.

Irgendwann hatte ich das Schwindeln so satt, die Situation wurde unerträglich, und Reinhard und ich fassten den Plan, von zu Hause abzuhauen. Wir kamen bei einem Freund unter, ich schwänzte die Schule und fühlte mich endlich mit meinem Liebsten verbunden. Dieser Freund aber setzte sich mit meinen Eltern in Verbindung, führte sie sogar zu uns. Eines Nachmittags klingelte es an der Tür. In dem Glauben, es sei Reinhard, der für uns Tee hatte kaufen wollen, öffnete ich. Meine Mutter stand vor mir und blitzte mich aus zusammengekniffenen Augen an.

»Du packst jetzt sofort deine Sachen und kommst mit uns!«, sagte sie und schob mich in die Wohnung. Missbilligend schaute sie sich um, als suchte sie meinen Freund, um auch diesen anzuherrschen.

»Aber …«, stammelte ich.

»Sei still! Und ich hoffe für dich, dass du kein Kind erwartest!«, schrie sie und ohrfeigte mich. Es war so demütigend, aber wieder fügte ich mich. Ohne mich von Reinhard verabschieden zu können, fuhr ich mit meinen Eltern zurück in mein altes Leben.

Tag für Tag dachte ich daran, was zu tun sei, um ausziehen zu können. Ich strengte mich an, den Schulabschluss gut zu bestehen, bewarb mich schließlich an der Schule für Krankengymnastik in Köln. Kurze Zeit danach lud man mich zur Aufnahmeprüfung. Ich war überglücklich! Nach drei Tagen erhielt ich bereits den Bescheid mit der Post. Ich öffnete das Kuvert mit zitternden Händen: Es war die Absage!

Ich wusste weder aus noch ein, konnte ich mir doch keinen anderen Beruf vorstellen. Und als sei dieses Dilemma nicht schon schlimm genug, rief Reinhard mich an und meinte, er habe eine Stelle in Paderborn an der Gesamthochschule bekommen, um dort seinen Zivildienst zu leisten. Für mich brach die Welt zusammen, was sollte ich tun? Reinhard in Paderborn, ich mit meinen Eltern in Dortmund!

Ich musste mir etwas einfallen lassen. Also erkundigte ich mich nach beruflichen Möglichkeiten für mich in Paderborn. Ein Studium zur Ökotrophologin bot sich an; Voraussetzung war ein einjähriges Praktikum in einer Großküche. Ich bewarb mich für eine hauswirtschaftliche Tätigkeit in der Mensa an einer Paderborner Gesamtschule. Ich hatte Glück, ich bekam die Praktikumsstelle. Jetzt war es an der Zeit, meinen Eltern klarzumachen: Ich ziehe nach Paderborn zu meinem Freund!

Meine Eltern waren natürlich nicht damit einverstanden, letzten Endes ließen sie sich aber doch umstimmen. Reinhard und ich kümmerten uns sofort um eine günstige Wohnung, was sich als äußerst schwierig herausstellte. Reinhard mietete schließlich ein Zimmer über einem Bierlager an. Keine Toilette, ohne Dusche – die sanitären Anlagen befanden sich unten bei den Mitarbeitern der Firma – und weitere vier Studenten wohnten dort. Mich störte das alles nicht, ich zog ein. Die Hauptsache war, dass ich endlich mit meinem Reinhard zusammen sein konnte. Wir liebten uns inzwischen so sehr, dass wir gemeinsam alle Widrigkeiten in Kauf nehmen konnten.

Unser Zimmer richteten wir mit Apfelsinenkisten und Matratzen vom Trödelmarkt ein, ich nähte schöne Überwürfe, Reinhard baute Kisten, die wir als Schränke benutzten, wir kauften Sisalteppiche und legten unsere Räumlichkeiten damit aus. Im Laufe der Zeit wurde es immer gemütlicher! Mit den anderen Mitbewohnern lebten wir in einer freundlichen Wohngemeinschaft. Wir lernten damals viele nette Menschen kennen.

Reinhard absolvierte während dieser Zeit eine Ausbildung zum Funkamateur, wie schon einige Studenten vor ihm, und erstand die benötigten Gerätschaften. Man konnte auf diese Weise mit der ganzen Welt in Verbindung treten. Menschen zu erreichen, gleich, wo sie lebten, faszinierte mich und so dauerte es nicht lange, bis auch ich mich zu dem Kurs anmeldete. Unter den dreißig Teilnehmern war ich die einzige Frau. Zunächst verstand ich von der Technik nicht viel, und ich lernte alles auswendig. Nach einigen Wochen begriff ich jedoch die Zusammenhänge und bestand die Prüfung mit dem besten Ergebnis an diesem Tag. Ich erhielt die Lizenz und meinen Rufnamen: WW1WT. Mit diesem Rufzeichen konnte ich als Funkamateurin kommunizieren und weltweit viele Menschen kennenlernen.

Reinhard beendete sein Studium mit Auszeichnung innerhalb der Regelstudienzeit. Die meisten seiner Kommilitonen traten im Anschluss eine Stelle bei Nixdorf an, Reinhard jedoch arbeitete für einen Unternehmensberater im Außendienst. Montags fuhr er zur Arbeit, kam donnerstags nach Hause. Allein zu bleiben, machte mir nichts aus, ich freute mich vier Tage auf unser gemeinsames, langes Wochenende, das wir sportlich aktiv gestalteten. Wir reisten oft nach Holland, surften begeistert auf dem Ijsselmeer. Mein Mann – wir hatten inzwischen geheiratet – spielte auch gerne Tischtennis, wozu ich allerdings keine Lust hatte, und ich fing an, mir andere Hobbys zuzulegen. Ich nähte eigene Kleidung und gab Kochkurse an der Volkshochschule in Dortmund. Viele meiner Freunde habe ich damals kennengelernt.

1980 erfüllten wir uns einen Traum: Wir bauten ein Haus! Um die Kosten bewältigen zu können, planten wir Mietwohnungen ein. Reinhard wechselte seine Stelle und wirkte an einem Forschungsprojekt an der Universität mit! Als der Forschungsauftrag auslief, fand er eine Anstellung in einer Arztpraxis, wo er für die Computertechnik verantwortlich war. Ich arbeitete erst als Hauswirtschaftslehrerin, dann erhielt ich ein verlockendes Angebot als Leiterin in einem Heim für psychisch Kranke. Ich war nun die Chefin sowohl im hauswirtschaftlichen als auch im pädagogischen Bereich. Ich arbeitete mit anderen Pädagogen zusammen und wurde Bezugsperson für die Erkrankten.

Es waren wunderbare Monate, mein Mann und ich waren glücklich, schienen an einem Ziel angekommen zu sein. Und Reinhard, ein richtiger Familienmensch, wollte unbedingt Kinder und mit mir viel Zeit verbringen. Es dauerte nicht lange, und ich wurde schwanger! Am nächsten Tag erzählte ich freudestrahlend einer Arbeitskollegin davon, bekam jedoch wenig später starke Schmerzen und fiel in Ohnmacht. Dem herbeigerufenen Notarzt erklärte ich meinen Zustand. Er setzte ein besorgtes Gesicht auf und er lag richtig. Komplikationen traten auf, ich wurde ins Krankenhaus eingeliefert und sofort operiert. Ein Eierstock musste komplett entfernt werden, der andere zu einem Viertel. Ich hatte unfassbares Glück, denn der Eierstock stand kurz vor einem Durchbruch!

»Es tut mir sehr leid, Frau Rother, aber machen Sie sich bitte keine Hoffnung. Aus dem Kinderwunsch wird nichts mehr«, meinte der Arzt nach der Operation.

Reinhard und ich konnten und wollten das nicht glauben. Unsere Welt stürzte ein! Wir wünschten uns nichts sehnlicher als ein Baby und jetzt sollten die Kinderzimmer in unserem Haus leer stehen? Schweren Herzens fand ich mich mit der Situation ab, richtete mir ein Nähzimmer ein und fuhr damit fort, für mich zu nähen. Ich kann nicht sagen, warum, aber plötzlich kamen mir Ideen für Babykleidung. Ich schneiderte Strampelanzüge und häkelte Babydecken, als sei ein letzter Funke Hoffnung noch nicht in mir erloschen. Und tatsächlich: Nach drei Monaten wurde ich erneut schwanger! Wir bekamen sofort einen Termin in dem Krankenhaus, in dem ich operiert worden war. Die Schwangerschaft wurde bestätigt. Alles drehte sich um meinen Zustand, denn dies war keine normale Schwangerschaft, sondern eine Risikoschwangerschaft. Ich hoffte und bangte, dass sich das Ei in die Gebärmutter einnistet. Drei Monate lang suchte ich einmal in der Woche meinen Frauenarzt auf. Diese zwölf Wochen vergingen sehr langsam, ich durfte nicht mehr arbeiten, sollte mich schonen. Einfacher gesagt, als getan, da ich doch immer gerne in Aktion war.

Endlich stand der entscheidende Frauenarzttermin an, und wir waren reichlich nervös. Wir meldeten uns an der Rezeption an, brauchten nicht lange zu warten, sondern konnten sofort ins Sprechzimmer eintreten, wo der Arzt uns mit einem breiten Grinsen empfing. Er bemerkte unsere Nervosität, deshalb sagte er rasch: »Herzlichen Glückwunsch, Sie werden Eltern! Es ist alles so, wie es zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft sein soll!«

Wir konnten unser Glück nicht fassen! Der Arzt überreichte mir den Mutterpass, den ich wie ein kostbares Geschenk entgegennahm.

Errechneter Entbindungstermin war der 12. September 1982.

Reinhard und ich fuhren dorthin, wo wir uns zum ersten Mal geküsst hatten, wir haben gebetet und gedankt, uns dann vor Freude in die Arme genommen und waren in diesem Moment die glücklichsten Eltern der Welt!

Zurück in unserem Haus dachten wir über die Einrichtung des Kinderzimmers nach.

»Junge oder Mädchen, also blau oder rosa«, sagte mein Mann.

Wir schauten uns an, dann lachten wir laut.

»Weder noch, einfach bunt!«, lautete meine Meinung.

»Unser Kind bekommt auch keine gekauften Möbel, sondern selbst gemachte.«

Reinhard und ich legten los, besorgten im Baumarkt eine individuell geschnittene Platte für den Wickeltisch, bauten quadratische Kisten, welche wir als Schrank für die ersten Babysachen benutzten. Derlei Möbel gibt es heute übrigens auch bei einem großen schwedischen Möbelhaus zu kaufen … Rechts und links Türme aus Holz, auf die wir die Platte für den Wickeltisch legten. Für die Wände wählten wir eine Tapete mit kräftigen Farben. Ich besorgte einen alten Wäschekorb, Reinhard baute Räder darunter, ich nähte für den Korb ein Innenleben mit kindgerechten Stoffen. Noch ein Betthimmel und eine gute Matratze und schon besaßen wir den schönsten Stubenwagen, den wir uns denken konnten. Lange bevor das Baby kam, fuhr ich mit dem Wagen hin und her. Ein farbiger Teppich mit verspieltem Muster sowie ein alter Ohrensessel, in den ich mich zum Stillen hineinsetzen wollte, rundeten das Zimmer ab. Wir waren stolz auf unser Werk, das wir für unseren Nachwuchs geschaffen hatten. Es verging kein Tag, an dem wir nicht gemeinsam im Kinderzimmer saßen und von dem Baby träumten: Wird es ein Junge oder ein Mädchen, wie sieht es wohl aus und, natürlich die wichtigste Frage, wird es gesund sein?

Mein Bauch wurde dicker und dicker und ich präsentierte ihn voller Stolz, die ganze Welt sollte erfahren, dass ich schwanger war. Ich war noch viel unterwegs, kaufte mir Umstandskleidung, stöberte in Babygeschäften und in Secondhand-Läden, es war fantastisch! Wir suchten uns ein Krankenhaus aus, das unseren Vorstellungen entsprach. Wir berechneten den Weg mit dem Auto zur Entbindungsabteilung – exakt zwölf Minuten. In diesem Krankenhaus arbeiteten auch qualifizierte Hebammen, und ich entschied mich für eine ältere Dame namens Mia. Ich suchte Mia einmal in der Woche für die Schwangerschaftsgymnastik auf. Sie gab uns viele praktische Tipps mit auf den Weg, verfügte sie doch über einen großen Erfahrungsschatz. Sie lehrte schon vor dreißig Jahren die Männer, wie die Gebärende unterstützt werden kann.

»Wenn die starken Wehen kommen, schaut während des Hechelns oder Pressens auf den Sekundenzeiger, denn eine Wehe hält nie länger als sechzig Sekunden. Dreißig Sekunden müsst ihr aushalten, dann wird der Wehenschmerz weniger!«, waren Mias Worte an uns.

In jenem heißen Sommer kämpfte ich mit meiner Fülle. Meine Beine und Hände schwollen an, ich konnte den Ehering nicht mehr abstreifen. Reinhard musste den Ring mit einer Zange durchkneifen. Es war auch höchste Zeit, die Finger verfärbten sich bereits!

‚Wie schön, das Babyzimmer fertig zu haben‘, dachte ich oft.

Wir brauchten noch einen Kinderwagen, und Reinhard fand einen, bespannt mit dunkelbraunem Cord und mit großen Rädern. Toll sah der aus, richtig modern. Ab und zu ertappte ich meinen Mann dabei, wie er den Kinderwagen in unserem Wohnzimmer spazierenfuhr. Welche Gedanken mögen ihm durch den Kopf gegangen sein! Seine Vorfreude begeisterte mich, ich tat schließlich dasselbe. Kam er nach Hause, begrüßte er mich und meinen ausgeprägten, runden Bauch und sprach mit unserem Baby – unvergessliche Momente. Der errechnete Termin rückte immer näher, ich hatte die letzten Untersuchungen beim Frauenarzt absolviert, die Hebamme war auf uns vorbereitet, die Krankenhaustasche für das Baby und für mich stand gepackt im Flur. Es konnte losgehen!

Am 12. September 1982 morgens um 8.45 Uhr platzte die Fruchtblase. Freude kam auf, wir zogen uns an und fuhren sofort ins Krankenhaus. Auf der Tür zur Entbindungsstation klebten kleine Babybilder. Auf einem Schild daneben war zu lesen: »Bitte klingeln!« Meine Hebamme Mia empfing uns liebevoll. Bei der Untersuchung stellte sie fest, dass der Muttermund fünf Zentimeter geöffnet war.

»Es wird noch etwas dauern, ich bereite euch ein schönes warmes Bad.«

Wir genossen das Bad, ab und zu hatte ich Unterleibsschmerzen, aber alles zu ertragen! Es war mittlerweile zehn Uhr, als wir das Badezimmer verließen. Mia zeigte mir mein Zimmer, in dem ich mich noch aufhalten konnte – ein Wohlfühlzimmer mit Wickeltisch, einem hübschen Babybettchen, eigenem WC mit Dusche. Wir waren so gespannt, weil wir nicht wussten: Wird es ein Junge oder Mädchen?

»Ich habe eine Idee! Die Etage liegt im sechsten Stock, ideal für eine Antenne. Ich fahre schnell nach Hause und hole meine Funkamateurausrüstung«, sagte Reinhard unvermittelt. Seine Augen strahlten und seine Wangen glühten.