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Felix ist ein kleiner Junge aus einer Kleinstadt in Thüringen,ein Rebell,aufgewachsen mit fünf Schwestern.Ganz alltägliche, kurze Geschichten,stets mit einem Augenzwinkern betrachtet,lassen uns am Leben eines Fremden teilhaben.Schauen Sie auch so gern abends wenn es dunkel wird in die beleuchteten Stuben? Sie strahlen Wärme und Gemütlichkeit aus.Menschliche Wärme ist es, die Felix so symphatisch macht.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Angelika Schnell
Felix
Der Glückliche
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel
Kapitel 2
Impressum
Kapitel
Angelika Schnell
______________________________________________________________________________
Felix
der Glückliche
Vorwort
Warum werden oftmals die Leistungen derer gewürdigt, die schon lange nicht mehr leben?
Als ich mit meinem Vater, Felix Weihmann, gemeinsam das Leben seines Vaters aufrollte und erforschte, um zu dessen hundertsten Geburtstag eine Ausstellung zu organisieren, war mein Großvater schon fünfzig Jahre tot.
Ich kannte ihn nicht.
Doch seine Frau, die Johanna (meine Großmutter) konnte früher so schöne Geschichten erzählen. Sie wurde 81 Jahre alt.
Felix muss das Erzählen von ihr geerbt haben.
Zuerst habe ich diese Geschichten nur mit dem Diktiergerät aufgezeichnet und notiert, daraus wurde die Idee ein Geburtstagsgeschenk zum 70. Geburtstag für Felix zu machen.
Doch Geschichten aufzuschreiben kann sich zu einer Sucht entwickeln.
Viele haben diese Geschichten gelesen, noch ehe Felix etwas davon ahnte und haben mir beim Schreiben Mut gemacht.
Eine Schriftstellerin meinte, ich sollte das Buch, denn das wurde es inzwischen, unbedingt drucken lassen und ich habe aus dem Manuskript während der Kur vorgelesen. Sogar zur Leipziger Buchmesse wurde ein Ausschnitt präsentiert.
Immer wieder kommen Geschichten dazu.
Als ich seinem Leib- und Magenarzt erzählte, dass ich Geschichten sammle und aufschreibe meinte er: „Das hat Felix auch verdient."
Seine älteste Tochter Angelika
Der Glückliche
Hans Otto Felix Weihmann wurde am 29. Juni 1934 als viertes Kind vom Lehrer und Maler Johannes Weihmann und seiner Frau Johanna, geborene Rosenthal, in Bad Sulza in der Kirchstraße (dem Haus mit dem Briefkasten) geboren. Man sollte den kleinen „Glücklichen" fortan Felix nennen.
Die Familie wohnte nicht lange in der Kirchstraße und zog in die Apoldaer- Straße, in die sogenannte Sparkassenvilla, in welcher auch der Lehrer Junghans kurze Zeit wohnte.
Da der Vater im Umfeld viele Freunde gefunden hatte und es ihm finanziell recht gut ging, kaufte er für seine Familie kurz darauf ein kleines Reihenhaus ganz in der Nähe. Hier war es einfach schön. Der erfindungsreiche und fleißige Vater baute im Garten ein richtiges Planschbecken aus Beton.
Vati Johannes konstruierte außerdem für seinen einzigen Stammhalter (er konnte nicht wissen, dass es nach Felix erst zwei Generationen später wieder Jungen geben würde) ein echtes Tretauto aus Holz. Natürlich besaß Schwester Eva ebenfalls das schönste Spielzeug, von dem ein Mädchen nur träumen konnte und nahezu alles war vom Papa selbstgebaut. Was nicht sehr verwundert, schließlich war er ja Lehrer für Werken und Zeichnen an der Bad Sulzaer Volksschule und galt als besonders geschickt und erfindungsreich.
Inzwischen vergrößerte sich die Familie zusehends und das Reihenhäuschen wurde zu klein.
So kam es, dass man 1941 im Tausch (plus einem Aufpreis von ca. 5000 Mark) das Haus in der Badergasse erwarb, in dem die Familie Weihmann heute noch wohnt. Die Schulden wurden als Hypothek eingetragen und sollten Felix viele Jahre später zu einem echten Problem werden.
Die lieben Verwandten
Im Alter von ca. 10 Jahren wurde Felix zur Tante Lotte nach Uhlstädt in die Ferien geschickt. Zu Hause war der Hunger groß und so erschien es toll, dass er zu Vaters Schwester durfte. Die Uhlstädter hatten eine Bäckerei und Felix träumte davon sich einmal satt zu essen. So richtig schien der Tante aber dieser Feriengast nicht in den Kram zu passen.
Die boshafte Tante schickte den kleinen Felix mit einem riesigen Handwagen los, mit bloßen Händen Brennnesseln für das Vieh zu holen. So sehr dem Jungen die Hände auch weh taten, er musste mit vollem Wagen zurückkommen, wenn er etwas zu essen haben wollte. Am Abend, wenn der Bäckerladen geschlossen war, sollte er seiner Tante immer noch helfen Brotmarken mit Mehlkleister auf Zeitung aufzukleben. Es gelang aber dem listigen Felix der herzlosen Tante die eine oder andere Brotmarke zu stehlen. Zu Hause durfte er nichts davon erzählen, sonst wäre er von seinem stets auf Ehrlichkeit bedachten Vater verhauen worden. Also hat Felix einfach behauptet: die Bäckersfrau Schröter, Martha hätte ihm ein Brot mehr gegeben, wenn er mal wieder solch eine gestohlene Brotmarke einlöste. Da sich keiner wagte, der geschäftigen Bäckersfrau Fragen zu stellen, blieb es wohl dabei.
Und es herrschte Zucht und Ordnung
Ein alter Herr hat Felix als 7-jährigen Jungen eine geknallt, weil er „na freilich" gesagt hat. Eine Frau, die zwei Häuser daneben wohnte, knallte ihm als fünfjährigen so eine ins Gesicht, dass das Trommelfell geplatzt ist. Kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, dass solche Schläge Unrecht sind. Im Gegenteil, nur weil sein Vater Lehrer war, versuchte jedermann an Felix Rache zu nehmen. Dabei soll der Vater nach Aussagen seiner ehemaligen Schüler in der Schule niemals geschlagen haben.
Nach der vierten Klasse musste eine schriftliche Prüfung abgelegt werden. Für Felix war das im Jahr 1944. Wer die Prüfung geschafft hatte, durfte auf die „Penne", die es damals noch in Bad Sulza gab. Eine ganz kleine private Schule, die der Dr. Schuppe leitete. Er war ebenfalls der Englischlehrer der Kinder. In der Schule saßen sie in alphabetischer Reihenfolge. Erst die Jungen, bei denen war Weihmann der Letzte und dann die Mädchen, deren Erste war Berbich´s Ursel. Ein nettes Mädel und Felix eine gute Nachbarin. Sie wohnte in der Grimme und die Klassenkameraden brachten sie gern einmal die zwei Kilometer nach Hause. In dieser Zeit konnte man zu Hause nicht irgendwelche Pflichten auferlegt bekommen.
In einer der ersten Englischstunden befahl der Lehrer dem Apel, Erhard einen Stock mitzubringen. Alle wussten, dass sie mit diesem Stock geprügelt werden sollten. Erhardt war ein schüchterner Junge, der zu stottern begann, wenn er Angst bekam. In der Pause drohten ihm die Klassenkameraden Klassenkeile an, wenn er den Stock mitbringen würde.
Die Kinder gehörten während der Nazizeit dem Jungvolk an. Die Jungs trugen kurze Hosen, die mit einem Ledergürtel gehalten wurden. Das wichtigste war aber ein mächtiges Koppelschloss. Klassenkeile bedeutete: der Kräftigste hielt demjenigen, der verhauen werden sollte, den Kopf zwischen den Knien fest, so dass er sein Hinterteil den anderen in gebückter Haltung entgegenstreckte. Nun konnten die je nach Belieben mit dem Gürtel zuschlagen. Da waren manchmal ganz jämmerlich wehtuende Schläge dabei. Meistens wurden die von Kindern ausgeteilt, die der Sulzaer als „Krepel" bezeichnen würde. Klassenkeile wollte niemand haben.
Die nächste Englischstunde dauerte ewig. Wer eine Uhr hatte, sah ständig darauf. Felix besaß natürlich keine Uhr, aber eine Uhrkette, an die er dann mit einem umgebogenen Nagel eine Kartoffel, volkstümlich in Bad Sulza für Taschenuhr, steckte. Als er dann auf Anfragen eines Mitschülers wie spät es sei, seine echte Kartoffel hervorzog, gab es wieder Schläge. Hoffentlich ist die Stunde bald um und der Schuppe fragt nicht nach dem Stock. Der Lehrer läuft hin und her und redet und redet. Die Kinder machten sich Zeichen wie lange noch. Dreißig Sekunden vor dem Klingelzeichen brüllte es: „Apel, wo ist der Stock?" Erhard röchelte total erschrocken, dass er keinen Stock mit habe. Der Lehrer winkte ihn mit dem Zeigefinger nach vorn und stellte ihn so vor sich hin, dass der Abstand für Schläge genau richtig ist. Er holte aus und schlug ihm rechts und links so ins Gesicht, dass Erhard nach hinten in den Papierkorb flog. Schuppe ging erhobenen Hauptes aus dem Raum. Schließlich hatte er gerade bewiesen, dass seine Worte Gültigkeit haben. Zwei, drei Jungen flitzten sofort zu Ehrhard und holten ihn aus dem Papierkorb. Sie bedauerten sehr, dass er nun die Finger von Schuppe in seinem Gesicht spazieren tragen musste.
Dr. Schuppe hatte die Angewohnheit Zensuren auf seine eigene Weise zu erteilen. Wer bei ihm eine Sechs bekam, die von der Leistung eigentlich viel schlechter war, fand in Klammern hinter der Note eine Zahl, die jeweils mit der 3 multipliziert die Anzahl der Schläge ergab, die sich der Schüler am Wochenende abzuholen hatte. Abrechnung war dann in einer eigens dafür hergerichteten Kammer. Darin waren Landkarten, eine Zweisitzerbank und ein Papierkorb mit ca. 40 Knüppeln der verschiedensten Holzarten. Die Schüler wurden über die Bank gelegt und bekamen sogenannte Jagdhiebe auf den Hintern. Bei jedem Zucken gab es gratis Schläge.
Es gab eine strenge und junge Mathematiklehrerin namens Hoffmann, genannt die Hoffmiene. Fünftklässler waren in der Nazizeit Pimpfe und Felix demzufolge auch. Den Jungs war es nicht in den Sinn gekommen, dass das was der Hitler tut nicht Gesetz und richtig sein könnte. Im Gegenteil! Sie interessierten sich mächtig für das Militärische. Ganz neu und besonders interessant waren die Fliegerei und die Fallschirmspringerei. Nichts war für die Jungs spannender als auch einmal Fallschirmspringer zu sein.
Im Klassenraum stand ein großer Schrank und darüber waren mindestens 70 Zentimeter Platz. Aus irgendeinem Grund befanden sich im Klassenzimmer auch einige Hocker die man prima übereinander stapeln und daran hochklettern konnte. Einige Klassenkameraden kamen in den Genuss, dorthinunter zu springen. Einer stand an der Tür Schmiere, um die anderen zu warnen. „Passt auf, de Hoffmiene kommt" brüllte der, als Heinecks Artur gerade hochging. Doch der schaffte es nicht mehr abzuspringen. Als die Hoffmiene reinkam, hockte er auf dem Schrank und musste so bleiben. Jedes Mal, wenn Artur zusammensacken wollte, hat ihn die Hoffmiene mit dem Stock zurechtgewiesen. Es blieb Artur nichts weiter übrig, als in einer gebückten Haltung die ganze Stunde auf dem Klassenschrank zuzubringen. Nach der Stunde war Artur nicht in der Lage, vom Schrank runterzukommen. Er musste gehoben werden und konnte auch in den nächsten zwei Stunden weder sitzen noch stehen.
So streng die Hoffmiene auch war, sie wurde in späterer Zeit von ihren Schülern sehr gemocht. Als Felix' Schwester Eva goldene Konfirmation hatte, haben ihre Klassenkameraden herausgefunden, dass die Hoffmiene in der Zwischenzeit in Ribnitz-Dammgarten wohnt. Sie kam sogar extra mit dem Zug und wurde von Dräger, Werner in Naumburg abgeholt. Er zeigte ihr die idyllischsten Ecken auf dem Weg nach Bad Sulza. Das erinnerte sie so an ihre Jugend, dass sie auch ein zweites Mal nach Bad Sulza kam.
Im Jahre 2001 hatte die Hoffmiene ihren 80. Geburtstag. Eine Abordnung aus ihrer ehemaligen Klasse hatte sich nun mit einem Geschenk der Klassenkameraden auf den Weg zu ihr gemacht. Die alte Dame freute sich sehr über den Besuch und noch ehe sie die Geschenke öffnete, hielt sie eine Begrüßungsansprache, setzte sich hin und lächelte und……………war tot. Einfach so!
Feindalarm
Die Kinder fragten die Mutter, was denn der Feindalarm zu bedeuten hätte. Die Sirenen heulten lange, lange sehr aufdringlich. „Feindalarm heißt, die deutschen Soldaten haben den Krieg verloren, jetzt kommen die fremden Soldaten hierher und besetzen unser Land" so erklärte es die Mutter dem kleinen Felix. Felix war eines Tages mit dem Fahrrädchen an der Schmiede und sah direkt oben an der Eckartsbergaer Straße einen Fieseler Storch senkrecht hoch starten. Fieseler Storch nannte man ein kleines einmotoriges Flugzeug welches lange Stützen für die Vorderräder hatte und wie ein Hubschrauber keine Rollbahn brauchte. In der Schule lernte Felix was es für Fluggeräte gibt, denn die Fliegerei war etwas ganz Neues. Das Flugzeug gesehen und nun stehend mit dem Fahrrad den Berg hochgestrampelt. Der Feindalarm interessierte in dem Moment den aufgeweckten Jungen wenig. Also, nichts wie hin und nachgucken. Horst Schau, der Fleischerjunge, mit dabei. So einen Freund zu haben, der dann und wann eine Bockwurst stehlen und unter den Freunden aufteilen konnte war schon prima. Es spielte sich einfach besser. Dort wo der Flieger herkam, saß auf einer Bank eine große, sehr dünne Frau. Die Frau wohnte auf der Sonnenburg und züchtete Chow-Chow Hunde. Gastwirtschaftsbetrieb war auf der zur Jahrhundertwende erbauten Burg schon lange nicht mehr. Alles war von Militär und Flüchtlingen belegt und so ging die Burg an fremde Leute deren Namen man nicht kannte. Eigentlich wusste in Bad Sulza immer jeder den Namen des Anderen. Diesen unbekannten Leuten wurde nachgesagt, dass sie schon im Krieg mit den Engländern Kontakt hatten. Schließlich hätte man genau gesehen, dass Blinkzeichen von der Burg aus mit Taschenlampen gesendet wurden. Felix und Horst kauerten nun in der Nähe dieser Frau auf der Erde und glaubten nicht gesehen zu werden. Nun hörten sie schrecklich laute Brummgeräusche, die sie sich nicht erklären konnten und zu allem Überfluss schob sich etwas rundes Schwarzes in den Himmel. Es war das Kanonenrohr eines amerikanischen Panzers. Die Kinder hatten schreckliche Angst und rutschten langsam rückwärts. Endlich blieb das runde schwarze Ding stehen. Die dünne Frau bewegte sich auf den Panzer zu und „plötzlich kam ein Kerl an, unendlich lang... ein schlankes, ja dünnes Gerät... das sah aus wie eine Rolle Dachpappe... schwarz. Da blitzten die weißen Augen und die weißen Zähne. Dicke Lippen hatte der." Felix dachte: „Das ist ein Menschenfresser" und kroch immer weiter rückwärts. Plötzlich rief die dünne Frau: „Jungs, ihr braucht keine Angst zu haben. Ihr könnt ruhig herkommen. Die tun euch nichts." Es wurde mächtig warm in der Hose - solchen Schiss hatten die Jungs. Sie gingen mutig hin und sahen den Ami in seiner Tarnkleidung mit großen Hosentaschen an den Beinen. Ein ungewohnter Anblick. Der Kerl holte zwei Blechbüchsen aus den Hosentaschen und gab jedem Jungen eine. Die Kinder machten die Dosen sehr vorsichtig auf. Es könnten die Finger wegfliegen. Das war ja immerhin der Feind. Also in die Dose gelunst und... es war Schokolade. Fliegerschokolade, obendrauf war eine Art Spinnennetz abgebildet. Bestimmt 500 Gramm die Dose - sooo ein Klumpen. Die Kinder wussten doch schon gar nicht mehr wie Schokolade aussieht, so lange hatten sie keine bekommen. Die Schokolade genommen, zu den Fahrrädern geflitzt und ab nach Hause. Zu Hause angekommen zeigte Felix stolz seinen kostbaren Schatz der Familie. Der Vater holte aus und donnerte dem Jungen rechts und links eine hinter die Ohren. Felix hatte vom Feind Schokolade genommen und die hätte ja vergiftet sein können. Felix packte die Schokolade nicht in die Schachtel, sondern gleich in die Hosentasche, heulte fürchterlich und fuhr brüllend mit dem kleinen Fahrrädchen davon. Er aß nun die Schokolade ganz allein auf und es hatten eben alle anderen nichts davon. Das war als elfjähriger seine erste Begegnung mit dem Feind.
Man erzählte sich zu jener Zeit, die Amerikaner hätten Schreibstifte abgeworfen und wenn man die Kappe abzog, explodierten sie. Ob es wahr ist, wusste niemand. Als Kind wurde ihm erzählt, dass alle Ausländer Verbrecher sind, nur Hitler und die Deutschen sind gut. Sein Vater und viele Freunde und Bekannte glaubten fest daran.
Schon nach ungefähr fünf oder sechs Wochen haben die Amerikaner den Ort Bad Sulza wieder verlassen. Es gab also keine Besatzer mehr und man erzählte sich, Bad Sulza würde Niemandsland werden. Keiner der vier Besatzungsmächte wollte angeblich dieses kleine gottverlassene Nest haben. Es kam aber anders. In Berlin hatte man auf allerhöchster Ebene festgelegt, dass der Amerikaner den vierten Teil vom Großraum Berlin bekommt, wenn er dafür Thüringen an die Russen abgibt. Wenige Wochen später wurde also Bad Sulza erneut von Militär besetzt. Die Russen kamen. Sie hatten ganz kleine Pferde, fast wie Ponys und kleine Planwagen, die relativ lang und schmal waren. Darauf lagen die „Iwans" auf Stroh und hatten alles am Mann was sie so brauchten. In einer Hosentasche hatten sie getrockneten Fisch, in der Anderen Sonnenblumenkerne, in der einen Gesäßtasche war Machorka, in der anderen die Prawda. Auf der Prawda soll draufgestanden haben: „als Zigarettenpapier geeignet." Die wurde so gefaltet, dass die Papierabschnitte vom langen Draufsitzen mürbe wurden und sich leicht abtrennen ließen, um sich Zigaretten daraus zu drehen.
Die „ Iwans" nahmen sich alles, was es irgendwie zu holen gab. Alles musste abgegeben werden. Nicht nur Waffen, sondern auch Fotoapparate, Schreibmaschinen, Wertgegenstände sowieso und eben einfach alles. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und Männer mussten ständig befürchten als Kriegsverbrecher verschleppt zu werden. Der Krieg war schlimm, aber es kam immer noch schlimmer. Flüchtlinge ohne Ende überschwemmten Bad Sulza. Woher sollten die vielen Menschen Essen bekommen. Wozu also Marken, wenn es dafür nichts gab. Der Vater wurde aus dem Schuldienst entlassen. Er war Nazi. Obwohl er nie einer Menschenseele etwas zu Leide getan hatte. 1933 war er in Deesbach der verbrecherischsten Partei der Weltgeschichte beigetreten und als er es merkte war es zu spät. Als Staatsdiener war er verpflichtet dem Staat zu gehorchen.
Also nach dem Krieg Entlassung und bittere Not. Dazu kam, dass der Vater schwer herzkrank wurde. Mit einem primitiven Röntgengerät konnte man damals feststellen, dass das Herz die Größe eines Kinderkopfes hatte. Medizinische Hilfe war nicht möglich. In diesen Notzeiten musste Felix bis in die Nacht hinein dem Vater helfen, Bilder vorzubereiten und Spielzeug zu bauen. In der Hoffnung, die Familie ernähren zu können, wurde alles versucht, um von den Bauern der Nachbardörfer etwas Essbares zu bekommen. Ein schönes Ölgemälde wurde von einem Bauern gegen eine Tüte „Essbares" eingetauscht und man glaubte, es sei Wurst oder Speck. Erst zu Hause schauten die Mutter und die ältere Schwester in die Tüte und darin waren Kartoffeln. Johanna und Christa weinten bitterlich. So gemein und hinterhältig waren manchmal die, denen es besser ging.
Geschäfte machen
Bei Tante Lotte stahl Felix Brotmarken, die er am Abend in einer kleinen Öffnung in dem Gürtel versteckte. Mehr als zehn Kilogramm Brotmarken brauchte Felix nicht, denn er kam ja öfter zur Tante nach Uhlstädt. Von den meisten Brotmarken haben weder Eltern noch Geschwister etwas zu sehen bekommen. Damit wurden Geschäfte gemacht. Von einer Frau Sternberger bekam Felix auf diesem Weg ein Paar Skier mit rechts und links Stahlkanten, gegen drei Kilogramm Brotmarken. Die Skier besitzt er heute noch.
Früher war am Rathaus in Sulza eine Veranda. Die Amis hatten in dieser Veranda eine Art Warendepot. Unter der Tür war ein 4 cm langer Schlitz. Die hatten bestimmt nicht damit gerechnet, dass der Schlitz dazu geeignet war Zigaretten zu stehlen. Mit einer langen Latte und einem Nagel daran wurden die Zigarettenstangen umgestürzt. Einer der oben durch das Fenster guckte hat den anderen unten mit der Latte dirigiert. Fiel eine Schachtel aus der Stange, konnte man sie heraus angeln. Bewacht wurde das Rathaus nicht. Schließlich war die Verandatür verschlossen. Was sollte also passieren? Aber eine Amizigarette hatte damals einen Handelswert von 20 Mark. Manchmal hatte Felix mehr Geld als die Dresdner Staatsbank. Sein hölzerner Schieferkasten wurde zum sicheren Tresor. Die Mama guckte nie in den Kasten rein. Außerdem klauten die Jungs den Amis das Benzin, das am Straßenrand abgestellt worden war.
Bevor der Ami kam, war die SS aus der alten Ziegelei und aus ganz Sulza verschwunden. Sie hatten alles stehen und liegen lassen. Zu diesen verlassenen Gebäuden gehörte eine große Garage. Drinnen stand ein Auto, ein besonders schickes, Typ „Adler" oder so. Rote Ledersitze, weißes Lenkrad und zusammenklappbares Verdeck. Felix saß mit seinen Kumpels im Auto und spielte. In der Garage standen lauter hochwertige Maschinen. Durchs Fenster hätte man vieles mausen können, aber der Spieltrieb der Jungen war stärker. Sie wollten immer nur fahren. Dort wo die SS mal war, standen Hunderte von Schreibmaschinen, Säcke voll ungerösteten Kaffeebohnen, Fässer voller Butter usw. usw. Die Leute holten sich alles was nur ging. Kochplattenfragmente brachten die Jungs nach Hause und daraus baute der Vater eine elektrische Kochplatte. Strom gab es ja. Der Herd von der Mutter war gasbetrieben und das hatten sie nur stundenweise.
Im „Bergkeller" war auch ein Saal voller Lebensmittel, der von Anwohnern leergeräubert wurde. Aber solche „Arschlöcher" wie Weihmanns Felix und seine Kameraden holten Dosen mit ausländischem fettigen Zeug nach Hause. Es roch ja nicht schlecht aber es war Frostschutzsalbe. Irgendwas musste man doch damit anfangen können? Also wurde das auf die Herdplatte gemacht wenn es „Kartoffeldätscher" gab. Brat mal sowas wie Kartoffelpuffer ohne Fett! Die „Dätscher" klebten nicht mehr so fest aber schmeckten einfach fürchterlich. „Die schmeckten ganz beschissen". Für die „Dätscher" wurden Pellkartoffeln gequetscht und wenn man es hatte, kam da etwas Mehl dran. Mehl hatte man nicht immer. Auf den Feldern wurden Ähren gelesen. Für einen Schuljungen heute ist das etwas völlig Fremdes. Bevor die Mäuse irgendeine Ähre, die bei der Ernte runtergefallen war, holen konnten, hatten die Frauen und Kinder sie schon aufgelesen. Für manch einen war das die einzige Möglichkeit an ein bisschen Mehl zu kommen. Die Körner auszudreschen war abenteuerlich. Felix würde sagen: „Mit Trick 17 und Rückenwind ausgedroschen". Anschließend wurden die Körner mit einer großen Kaffeemühle geschrotet. Dieser Weizenschrot wurde mit blauer Milch, das war allermagerste Magermilch, aufgekocht zu einem dicken Brei, dann kam noch ein bisschen Zucker dran. „Wenn du davon einen tiefen Teller voll bekommen hast, das war es dann. Da hat dir mal vier Stunden lang der Magen nicht geknurrt". Vielleicht liebt Felix deshalb 50 Jahre später Milchreis mit Zucker und Zimt so sehr?
Dann wurde die Schulspeisung eingeführt. Die Kinder bekamen eine Tasse Kakao und ein kleines Brötchen. Mit diesen Brötchen wurde getuckelt. „Was gibst du aus oder was machst du wenn ich dir mein Brötchen gebe?" Schulkamerad Jürgen sagte: „Ich beiße einer lebendigen Maus den Kopf ab, wenn ich von dir eine Woche lang das Brötchen kriege". Am nächsten Tag kam einer an und hatte eine lebendige Maus dabei. „Jürgen die Wette gilt". Noch fünf Mann mussten die Hände einschlagen damit die Welt galt. Jürgen jedenfalls löste die Wette ein. Ein Anderer hat ebenfalls für eine Woche Brötchen essen einen riesigen Regenwurm geschluckt.
Wer diese Zeit als zehn- bis elfjähriger Mensch erlebt hat, vergisst das sein Leben lang nicht. Schon deshalb konnte Felix nie verstehen, dass Kinder ihre Frühstücksbrote nicht essen. Als sein jüngster Enkel Fabian für kurze Zeit in Sulza zur Schule ging, brachte er täglich sein Frühstück wieder mit - einmal abgebissen. Er meinte, die Pausen wären immer zu kurz. Erst als seine Oma Margot von einem Toast ein Stückchen abbiss und es einwickeln wollte, wurde er aufmerksam. Die Oma meinte: „Mehr isst du doch sowieso nicht. Ich wusste nicht, wie ich das sonst abmessen soll". Das gefiel Fabian gar nicht, einen Bissen von einem Brot mit zur Schule nehmen - er, der als kleines Kind Kekse verschmähte, weil die zerbrochen waren! Aber er war geheilt und aß seine Schnitte in Zukunft lieber auf. Dieses Kind hat zum Glück noch nie Hunger leiden müssen.
Später, als Fabian in ein Alter kam, wo Jungs immer essen können, fielen von Felix dann Aussprüche wie: „Für dich kann man sich auch bequem ein Schwein halten! Aber iss nur mein Kleener, immer iss wenn's dir schmeckt!"
Strafe muss sein
Nach dem Krieg, als es an allem mangelte, aber die Kinder wieder regelmäßig zur Schule gingen, war es schwierig an Schreibpapier zu kommen. Felix hatte in der Schule wegen irgendeiner Missetat eine Strafarbeit aufbekommen. Er sollte hundertmal ein bestimmtes Wort aufschreiben. Clever wie Felix nun einmal war, hat er gesehen, dass ein Zeitungsrand, wenn man ihn quer benutzte, dazu reichte und klebte ausreichend viele Streifen aneinander. Er schrieb dieses Wort mehr als hundertmal auf den Zeitungsrand untereinander. Anschließend nahm er ein kleines Stöckchen und wickelte den Zeitungsrand auf. Als er dann in der Schule die Strafarbeit vorlegen musste, gab er dem Lehrer den Anfang in die Hand und flitzte mit der Rolle den Gang entlang durch die Klasse. Die Klasse tobte vor Lachen und Felix war die nächste Strafe sicher.
Singsang
Wenn sich einer vor die Klasse stellt und erst einmal mit der bloßen Hand einen Stapel Bretter in Stücke haut, haben alle Schüler mächtig Respekt. So einer war Felix sein Musiklehrer, der Herr
Krauß. Der hatte den schwarzen Gürtel in Karate! Dieser Musiklehrer war von der „alten Garde" und er hasste Spitznamen. Doch die Schüler nannten ihn Singsang, nur wissen durfte er das nicht. Eines Tages machten die Kinder einen Ausflug und wanderten am Hügel unter dem Südfriedhof entlang. Von dort oben kann man das Weihmannsche Haus gut sehen und wenn man laut ruft, kann man das sogar bis in die Badergasse hören, obwohl die Eisenbahnschienen, die Straße und die Ilm dazwischen liegen. Der Weg führte steil nach oben. Bubi Schönfeld hatte plötzlich das Bedürfnis zu singen und er jodelte „nur ein bisschen Singsang". Der Lehrer reagierte sofort. Er glaubte Felix war's. Ohne nachzufragen, ob er sich verhört haben könnte, bekam Felix so eine gedonnert, dass er den Hang hinunter rollerte. Was ihm zu Hause blühte war auch schon klar. Er gab sich also keine Mühe bei der Klasse zu bleiben, sondern trottete in aller Seelenruhe nach Hause, um sich dort die nächste Tracht Prügel abzuholen. Ungehorsam gegen den Lehrer konnte einfach nicht geduldet werden!
Im Allgemeinen bekam man immer dreimal Dresche, erzählte Felix aus der heutigen Sicht. Zuerst von dem, bei dem man frech war, dann in der Schule vom Lehrer, weil dem das immer erzählt wurde und dann zu Hause noch einmal.
Artur auf Klassenfahrt
Besonders beliebt bei Kindern waren harte Drops. Runde Fruchtbonbons, die einen hohen Rand hatten und in der Mitte dünner waren, gab es mit jeweils 10 Bonbons als Rolle in Alufolie gewickelt und darüber eine Papierbanderole. Jahrelang kosteten diese Drops zehn Pfennig oder wie man sagte, einen Groschen.
Manchmal waren diese Drops, die man im Bad oder am Bahnhof in einem Kiosk zu kaufen bekam, feucht geworden und klebten aneinander. In Sulza gab es einen solchen Kiosk auch viele Jahre am Eingang des Parks und Jahre später gegenüber. Diese Drops knackte man mit den Zähnen von der Rolle ab und „nutschte" sie so lange, bis in der Mitte ein Loch war und man den übrig gebliebenen Ring über die Zunge stülpen konnte. Manchmal war der Rest Drops so scharfkantig, dass davon die Zunge blutete.
Auf einen solchen Drops hatte nun Felix sein Kamerad und Freund Artur Appetit, als sie in der 4. Klasse einen Wandertag nach Apolda durchführten. Natürlich konnte sich nicht jeder so etwas leisten, nicht jeder war Sohn eines Geschäftsmannes. Artur jedoch stand neben dem Kiosk und sagte: „ich möchte mir ja so gerne eine Rolle Drops holen, aber wie stelle ich das bloß an, dass ich die Drops ganz alleine essen kann?"
Raus Klaus
Nach dem Krieg, als die Amerikaner häufig durch Sulza fuhren, hatten die die Angewohnheit, volle Benzinkanister am Straßenrand abzustellen und so ihre Fahrzeuge zu versorgen.
Für Felix und seine halbwüchsigen Kumpel war das natürlich Anreiz auszuprobieren, ob man so einen Kanister voll Benzin stehlen kann.
Wie sich herausstellte, war das im Dunkeln überhaupt kein Problem, weil es keine entsprechende Straßenbeleuchtung so wie heute gab.
