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Ob als ARD-Korrespondent aus Warschau und Moskau, als der Mann von Monitor oder mit seinen Filmen aus fernen Ländern – Klaus Bednarz ist den Fernsehzuschauern der siebziger, achtziger und neunziger Jahre vertraut wie nur wenige andere. Sein neues Buch ist ein «Best of Bednarz». Es versammelt Reisereportagen, Interviews und Gespräche, Essays, Kommentare und Literarisches aus vier Jahrzehnten, vieles davon kaum bekannt und überraschend. Ein Spiegel der Kultur- und Zeitgeschichte und ein großer Lesegenuss.
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Seitenzahl: 623
Veröffentlichungsjahr: 2010
Klaus Bednarz
FERNE UND NÄHE
Aus meinem Journalistenleben
Reportagen, Reden, Kommentare und andere Texte aus vier Jahrzehnten
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Volker Ullrich
Widmung
Tafelteil
STATT EINES VORWORTS
Großvaters Buch
I. MENSCHEN UND LANDSCHAFTEN
OSTPREUSSEN
Masuren und seine Geschichte
«Das ist der Preis»
«Irgendwann muss Schluss sein mit dem Hass»
Eine Reise durch Ostpreußen
KARELIEN
Auf dem Onega-See
Erbe des Gulag: der Weißmeer-Kanal
GEORGIEN
«Ein Stück vom Paradies»
Im Kaukasus
Gastmahl
BAIKALSEE
Auf dem Eis
Winterfischer
SIBIRIEN
Taigamarsch
Am kältesten Punkt der Erde
Die Maske des Leids
Waljagd
ALASKA
Das Vermächtnis des Tlingit-Häuptlings
FEUERLAND UND PATAGONIEN
Schafe, Gauchos, Herrenhäuser
Im Namen der Zivilisation
Kap Hoorn
II. DIE DEUTSCHEN UND IHRE NACHBARN IM OSTEN
Ein Autogramm für Nina
Sympathie für das Land
West-östlicher Charme: Warschau
Wut im Bauch und keine Zukunft
Wo liegt Polen?
Ankunft in Moskau
Die Helsinki-Gruppe
«Russland lieb ich, doch diese Lieb’ ist seltsam»
50 Jahre Stalingrad
Deutschland und seine Nachbarn im Osten Europas
III. WEGGEFÄHRTEN UND ZEITGENOSSEN
Dort und hier
Der Tod Wyssozkis
Willy Brandt in Moskau
Von der Verantwortung der Vorbilder
Goethe gehört auch zu unserem Erbe
Die unverwechselbare Stimme
Die Geschichte ist voller Überraschungen
Namen nennen!
Warum haben wir aufeinander geschossen?
Brücken bauen
«Tröste meine Trauer»
Malen als stiller Akt des Widerstands
Sternstunde der Mörder
Schwingrasen
IV. POLITIK UND JOURNALISMUS
Über Fehler reden
Osteuropa gehört dazu
Die Schuld der Journalisten
«’s ist Krieg, ’s ist Krieg ...»
Rassismus, Politik und Medien
25 Jahre «Monitor»
Auf dem Weg zum Dudelfunk?
Eigentlich ein wunderschöner Beruf
V. ZEITGESCHEHEN IM KOMMENTAR
Morddrohungen gegen Klaus Bednarz
Glossen
Kommentare
Reaktionen auf den «Solingen»-Kommentar
Sympathien in alle Himmelsrichtungen
VI. LITERARISCHE STREIFZÜGE
Puschkin
Jiddisches Theater in der Sowjetunion
Klassikerinszenierungen in der Sowjetunion
Tödliche Utopie
Der Andersdenkende
Die Tragik des Scheiterns
Wohltäter der Armen
«Kein Volk liebt seine Dichter wie die Russen»
Deutschsprachige Literatur Ostpreußens
Einfach untergegangen
Deutsch oder polnisch, das ist nicht die Frage
Blutiges Finale
Helden der besonderen Art
NACHWORT
GLOSSAR
NAMENREGISTER
BILDNACHWEIS
Für Oskar und Mascha
Es war eine schlimme Zeit, dunkel und kalt. Hunger herrschte, und der Krieg, der gerade vorbei war, bedrückte die Menschen noch immer. Viele der jungen Männer waren nicht zurückgekehrt, eine Generation ohne Väter wuchs heran. Um Feuerholz zu beschaffen, zog der Großvater mit einem kleinen Handwägelchen in den Wald und grub Baumstümpfe aus. Aus Schuhcreme und Bindfäden bastelte er Kerzen, die flackerndes Licht verbreiteten und Ruß, der sich klebrig auf die Kleider legte. Seine Pfeife stopfte der Großvater mit bläulich qualmendem, stinkendem Knaster, den er Tabak nannte – mannshohes Gestrüpp, das er im Garten angepflanzt, auf dem Dachboden getrocknet und dann mit Großmutters Wiegemesser gehäckselt hatte.
Zwei Höhepunkte gab es am Tag. Wenn die Mutter den kleinen Bruder gefüttert hatte und ich den restlichen Brei aus seinem Gesicht lecken durfte. Und wenn der Großvater am Abend ein Buch aus dem riesigen Regal zog und ich mich unter seinem Schreibtisch in meine Höhle verkriechen konnte. Dort war es heimelig und warm, und nur eine sonore Stimme mit leicht thüringischem Akzent war zu vernehmen.
Großvater las immer aus demselben Buch vor, einer dicken, großformatigen und in braunen Karton gebundenen Ausgabe der Grimm’schen Märchen. Hänsel und Gretel, Schneeweißchen und Rosenrot, Frau Holle und der gestiefelte Kater, Rumpelstilzchen, Dornröschen, Hans im Glück, Daumesdick, Rotkäppchen und der Froschkönig waren mir bald vertrauter als unsere Nachbarskinder. Ich bewunderte das tapfere Schneiderlein, amüsierte mich über den Knüppel aus dem Sack, litt mit Aschenputtel, gruselte mich vor dem Teufel mit den drei goldenen Haaren, ärgerte mich über Rumpelstilzchen, drückte den Bremer Stadtmusikanten die Daumen und konnte überhaupt nicht verstehen, warum die Frau des Fischers so dumm und habgierig war, dass sie nicht nur Papst, sondern der liebe Gott werden wollte.
Manche dieser Märchen lassen mir noch immer keine Ruhe, beschäftigen mich auch heute noch. Schneewittchen etwa. Welch eine Frau! Eitel und putzsüchtig, lässt sich schon vom Anblick eines Kamms und eines Schnürriemens aus bunter Seide verführen! Die Geschichte mit dem Apfel sei ihr nachgesehen, die hat ja schließlich eine lange Tradition. Doch nicht nur der Not gehorchend, will sie den Haushalt der sieben Zwerge versehen, «kochen, betten, waschen, nähen, stricken und alles ordentlich und reinlich halten», sondern sogar «von Herzen gern»! Mit «großer Pracht und Herrlichkeit» will sie ihre Hochzeit feiern und ist dabei auch noch undankbar. Oder warum wurden die sieben Zwerge, die ihr immerhin zweimal das Leben gerettet haben, nicht eingeladen – zumindest ist nichts bekannt darüber. Und über Folter und Todesstrafe müsste man auch einmal dringend mit Schneewittchen reden – von wegen der eisernen, rot glühenden Pantoffeln, in denen die böse Stiefmutter tanzen musste, bis sie «tot zur Erde fiel».
Ich weiß, ich sollte mich eigentlich an die Herren Jacob und Wilhelm Grimm wenden. Aber denen bin ich – wie meinem Großvater – ganz einfach dankbar. Sie haben mich in einer schlimmen, kalten und dunklen Zeit für ein paar Stunden die reale Welt vergessen lassen. Und mir Figuren geschenkt, die noch heute zu meinem Leben gehören. Mit denen ich rede und streite, über die ich mich ärgere und freue. Von denen ich gelernt habe, dass Märchen Leben sein können. Und umgekehrt. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich heute vor dem Einschlafen lieber das hässliche junge Entlein, den standhaften Zinnsoldaten oder das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern treffe. Doch das ist schon eine andere Geschichte.
Beitrag von Klaus Bednarz in: Verführung zum Lesen. Zweiundfünfzig Prominente über Bücher, die ihr Leben prägten, hrsg. von Uwe Naumann in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen, Reinbek 2003
Wohl keine andere Landschaft in Europa erweckt durch die bloße Erwähnung ihres Namens so viele Gefühle und Empfindungen wie Masuren. Ein Stück versunkener Geschichte, verlorener Heimat für die einen; wiedergewonnenes Land, Symbol des Neubeginns, Zeichen nationaler Hoffnung für die anderen.
Dabei ist dieses Masuren in des Wortes ursprünglichster Bedeutung ein grenzenloses Phänomen. Niemand weiß genau, wo es beginnt, wo es endet – weder in polnischen noch in deutschen Geschichtsbüchern, Lexika oder Atlanten findet sich eine exakte geographische Eingrenzung. Es hat nie eine historische Region «Masuren» gegeben, kein Land, kein Fürstentum, kein Herzogreich dieses Namens; auch keinen Verwaltungsbezirk, keinen Kreis, keine Provinz. Masuren ist kein politischer Begriff, sondern eine Landschaftsbezeichnung. Am einfachsten lässt es sich beschreiben als südlicher Teil Ostpreußens. Wobei auch diese Definition letztlich ungenau ist – denn ein Teil des südlichen Ostpreußen – der westliche – gehört nicht zu Masuren, sondern zum Ermland. Die Grenze zwischen beiden Regionen war einst eine Glaubensgrenze: Masuren war protestantisch, das Ermland katholisch. Auch der Versuch, Masuren anhand von Sprachgrenzen zu lokalisieren, ist untauglich: Diese waren über Jahrhunderte hinweg fließend und sind heute ganz verschwunden. Es gibt nur noch eine Sprache in dieser Landschaft – polnisch. Und so lässt sich Masuren heute wohl am besten durch zwei polnische Ortsnamen eingrenzen: Es ist das Gebiet zwischen Nidzica und Gołdap, jenen Städten, die einst die Namen Neidenburg und Goldap führten.
Das Herzstück Masurens ist die Masurische Seenplatte. «Land der 1000Seen» wird Masuren genannt, doch auch diese Bezeichnung ist ungenau. Schon 1880 hat der Königsberger Schulmeister Dr.Benecke nachgewiesen, dass es mehr als 3000Seen in Masuren gibt. Und die heutigen Statistiker wollen es ganz genau ermittelt haben – sie zählen 3312 masurische Seen, wobei die kleinen nicht mitgerechnet sind. Der größte von ihnen, der Spirdingsee, polnisch Sniardwy, ist ein Meer. Mit rund 110Quadratkilometern war er einst – nach dem Bodensee– Deutschlands zweitgrößtes Binnengewässer.
Sanfte Hügel, kristallklare Seen und dunkle Wälder, vor allem Kiefern- und Fichtenwälder, sind die Wahrzeichen Masurens, die prägenden Elemente dieser Landschaft, die eine geheimnisvolle Ruhe und tiefe Friedfertigkeit ausstrahlt. Und dennoch dürfte es kaum einen anderen Landstrich in Europa geben, in dem so viel Blut vergossen wurde wie in Masuren, in dem Flucht und Vertreibung, Zerstörung und Wiederaufbau so regelmäßig wiederkehrende Abläufe der Geschichte waren wie hier. Und dies lag keineswegs nur an dem vermeintlich historischen Antagonismus zwischen Polen und Deutschen. Im Gegenteil: Die Geschichte Masurens ist über weite Strecken geradezu ein Symbol des friedlichen Zusammenlebens dieser beiden Nationen. Es lag vielmehr an der geographischen Situation, an der Tatsache, dass Ostpreußen die Nahtstelle zwischen Ost und West in Europa bildete, die Drehscheibe war für die militärischen Eroberungszüge, in die eine wie in die andere Richtung. Durch Ostpreußen und damit Masuren mussten die deutschen Heere, wenn sie nach Russland wollten, die russischen, wenn sie gen Deutschland zogen. Durch Ostpreußen mussten die Kreuzritter auf ihrem Weg ins Baltikum, die Polen auf ihrem Weg zur Ostsee, die Schweden auf ihrem Weg nach Polen. Und wie Napoleons Grande Armée mussten auch alle anderen Armeen mindestens zweimal durch Ostpreußen – als siegreiche und als geschlagene.
Begonnen hat die Geschichte Masurens mit dem Deutschen Orden – und damit, wie die Geschichte aller Ordenslande, mit Feuer und Schwert. Dabei kamen die Ritter mit dem schwarzen Kreuz in ihren Wappen zunächst nicht einmal aus eigenem Antrieb: Vielmehr rief sie der Herzog der längst zum Christentum bekehrten polnischen Provinz Masovien, des Umlands Warschaus, im Jahre 1226 zu Hilfe gegen die im Norden seines Landes siedelnden heidnischen Pruzzen – jenen Volksstamm, aus dem sich später der Name «Preußen» ableiten sollte. Und der deutsche Ritterorden tat das, was nach ihm noch andere deutsche Heere im Osten tun sollten – er pazifizierte: Ein Teil der Pruzzen wurde ausgerottet, ein anderer vertrieben, «umgesiedelt» – wie es in der Sprache wohlgesonnener Chronisten heißt. Der Orden errichtete Burgen und Klöster, baute Siedlungen und Kirchen. Wer von der Urbevölkerung überlebt hatte und nicht vertrieben wurde, musste den katholischen Glauben annehmen. Wer die Kirche nicht regelmäßig besuchte, wurde mit Geldstrafen belegt. Schulen einzurichten, hielt der Orden nicht für nötig. Man verstand sich als östlicher Vorposten des Abendlandes, als Bollwerk des Christentums. Was den Orden aber nicht hinderte zu versuchen, sein Herrschaftsgebiet ständig auf Kosten der christlichen Glaubensbrüder in Polen auszuweiten. Hierbei bildeten die dichten Wälder im Süden Masurens einen natürlichen Schutz; sie wurden bewusst im Zustand der Wildnis belassen, sie zu roden war ebenso verboten wie der Bau von Siedlungen. Die Polen ihrerseits sahen im Deutschen Orden ihren Staatsfeind Nummer eins, nicht zuletzt, weil ihnen durch die Besetzung Ostpreußens der Weg zum Meer abgeschnitten war.
Dennoch wäre es verkehrt, die Geschichte Ostpreußens und Masurens vor allem als Geschichte des Kampfes zwischen Deutschen und Polen zu sehen. Nachdem der Deutsche Orden das Land entvölkert hatte und die Gebiete der einstigen Pruzzen – wie es ein Ordenschronist vermerkte – «leer und wüst» waren, holte man polnische Siedler ins Land, Bauern aus der benachbarten Provinz Masovien. Zusammen mit den verbliebenen Pruzzen und mit zuwandernden deutschen Siedlern bildeten sie die Urväter der Masuren.
Zum Niedergang des Deutschen Ordens trugen nicht nur die ständigen Auseinandersetzungen mit Polen bei, sondern auch der wachsende Widerstand der eigenen Untertanen gegen die immer rücksichtslosere Machtpolitik des Ordens nach außen wie nach innen. 1454 kommt es sogar zu einem gemeinsamen Aufstand des preußischen Städtebundes mit Polen gegen den Orden. 1525 schließlich wird der bis dahin souveräne Ordensstaat aufgelöst und seine östliche Hälfte mit Masuren in ein preußisches Herzogtum unter polnischer Lehnshoheit umgewandelt. Zugleich wurde unter dem neuen Landesherrn die Reformation eingeführt – offenbar ohne großen Widerstand der Masuren. Was nicht heißt, dass die nun evangelischen Masuren bis ins späte 19.Jahrhundert hinein nicht auch noch die katholischen Feiertage wie Mariä Verkündigung usw. gefeiert hätten. Wie sich ja auch Elemente der heidnischen Religion der Pruzzen in Masuren länger hielten als bei irgendeiner anderen Volksgruppe in Deutschland – mit Ausnahme vielleicht der Wenden und Sorben.
Die langsame Aufwärtsentwicklung, die Masuren unter preußischer Herrschaft nahm, wurde immer wieder unterbrochen durch kriegerische Auseinandersetzungen. Mal brachen die Schweden ins Land ein, mal die Polen – am schlimmsten aber war der Tatareneinfall 1656–57.Allein in diesen beiden Jahren wurden, wie aus einer Rastenburger Chronik hervorgeht, in Ostpreußen 13Städte, 249Dörfer und 37Kirchen eingeäschert, 23000Menschen erschlagen, 38000Einwohner in die Sklaverei verschleppt. Mehr als 80000 kamen durch Hunger und Pest ums Leben. Und im Jahre 1769 wurden von den 700000Einwohnern Ostpreußens noch einmal 250000 durch die Pest hinweggerafft. 1806 wälzte sich Napoleons Armee auf dem Weg nach Moskau durch Masuren, 1812 fluteten die geschlagenen Reste dieser Armee auf dem gleichen Weg zurück. Und im August 1914 verwüsteten russische Armeen weite Teile Masurens– Alexander Solschenizyn hat es eindrucksvoll beschrieben. 10000Zivilisten verloren damals ihr Leben oder wurden nach Sibirien deportiert, 400000Menschen wurden zu Flüchtlingen.
Masurens Menschen wurden vom Schicksal alles andere als verwöhnt. Es waren in der Regel Kleinbauern, Forstleute, Fischer, die hier, trotz vieler natürlicher Reichtümer, ein eher karges Dasein fristeten. Große Landgüter gab es, im Gegensatz zum übrigen Ostpreußen, in Masuren kaum. Fernab vom «Reich» – nach Osten durch die russische Grenze abgeriegelt wie durch eine chinesische Mauer – galt Masuren jahrhundertelang als das Stiefkind des preußischen Staates, dessen Hauptaugenmerk der Entwicklung der nördlichen Teile des Landes galt; Königsberg sei nur als ein Beispiel genannt. Die ländliche Ruhe, die idyllische Abgeschiedenheit, die Schönheit der Natur, der gemächliche Rhythmus des bäuerlichen Lebens wirkten vor allem auf diejenigen anziehend, die als Besucher hierherkamen – und verklären sicher auch die Erinnerung derer, die gezwungen waren, dieses Land zu verlassen.
Doch ein nüchterner Blick in die Geschichte zeigt, dass selbst in Friedenszeiten in diesem mit natürlichen Reichtümern so gesegneten Land nicht selten blanke Not herrschte. So sind aus Masuren in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts mehr Menschen in den Westen, vor allem ins Ruhrgebiet, abgewandert als aus irgendeinem anderen Landstrich Ostdeutschlands. Der Grund hierfür waren nicht etwa Missernten, Naturkatastrophen, nationale oder internationale Wirtschaftskrisen. Der Grund hierfür war vielmehr, wie es der masurische Heimatdichter Fritz Skowronnek, ein guter preußischer Patriot, 1916 formulierte: die «kurzsichtige, das übliche Maß der Fiskalität überschreitende Wirtschaftspolitik» der preußischen Verwaltung; einer Wirtschaftspolitik, die vielen Menschen in Masuren buchstäblich die Basis ihrer materiellen Existenz entzog – durch das Verbot, ihr Vieh gemäß jahrhundertelanger Tradition in den königlichen Forsten zu weiden und zu «des Tisches Notdurft» in den angrenzenden Gewässern zu fischen. Wer heute von den «goldenen Zeiten» Masurens schwärmt, sollte nicht vergessen, dass der Fiskus in Masuren der «bestgehasste Kerl Ostpreußens» genannt wurde und es sicher kein Zufall ist, dass die masurischen Kinder noch zu Kaisers Zeiten ein Gedicht lernen mussten, das den Titel trug: «Frau Magdalis weint auf ihr letztes Stück Brot». Tausende von Masuren zogen es zu Ende des 18.Jahrhunderts vor, lieber in ein Kohlebergwerk einzufahren, als daheim hungernd einen Dreschflegel zu rühren.
Auch kulturell galt Masuren, gemessen am übrigen Preußen, als unterentwickelt. Besonders das Schulwesen lag weit unter dem damals üblichen Niveau. Auch die Kirche tat sich mit ihrer Bildungsarbeit schwer – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass viele Pfarrer in Masuren nicht Masurisch konnten und ihre Predigt mit Hilfe eines «Tolken», eines Dolmetschers, übersetzt werden musste. In dieses Kapitel gehört sicher auch das in vielen und meist verklärenden Erzählungen und Berichten abgehandelte Problem des Alkohols. Die Trinkfestigkeit der Masuren galt als sprichwörtlich. Doch wenn alte Chroniken von einer «allgemeinen Trunkenheit» und einer «Volksseuche» sprechen, so dürfte dies darauf hinweisen, dass der Alkohol in Masuren weniger in den Bereich der Folklore als den der sozialen Not fällt. Das Kulturgefälle zum übrigen Deutschland brachten die Masuren selbst übrigens in der ihnen eigenen gutmütig-ironischen Art auf den Nenner: «Wo sich aufhört der Kultur, da sich anfängt der Masur.»
Politisch haben sich die Masuren, zumindest seit Mitte des 18.Jahrhunderts, immer als gute Deutsche, zumindest aber Preußen, Ost-Preußen eben, verstanden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass bis ins 19.Jahrhundert – an vielen Orten sogar bis ins 20.Jahrhundert– Masurisch die dominierende Sprache war, ein mit vielen deutschen Begriffen durchsetzter polnischer Dialekt, der aus dem Munde meines Urgroßvaters etwa so klang: «Mäxku, moj bauku tak bolit.». («Mäxchen, mein Bauch tut so weh.») Zwar breitete sich die deutsche Sprache allmählich immer weiter aus, ohne jedoch das Masurische oder auch das Polnische ganz zu verdrängen. In der Landbevölkerung wurden die drei Sprachen sogar völlig wert- und ideologiefrei nebeneinander gebraucht.
Auch der von polnischen Historikern so häufig beschworene Volkstumskampf hat in Masuren, wenn überhaupt, nur in sehr abgemilderter Form stattgefunden. Zuspitzungen wie etwa im Gebiet Posen oder in Oberschlesien hat es in Masuren nie gegeben. Über das Gefühl der staatlichen Zugehörigkeit zu Preußen haben nicht nur diverse Volksabstimmungen, so anfechtbar sie manchmal auch gewesen sein mögen, Aufschluss gegeben (die letzte, 1920, ergab 97,8% für Ostpreußen). Selbst der polnische Konsul in Allenstein musste 1921 in einem vertraulichen Bericht feststellen: «Leider muss man sich mit dem Gedanken abfinden, dass die Masuren sich jetzt als Deutsche fühlen, obwohl doch in der Alltagssprache auf dem Lande die polnische Sprache die beherrschende Stellung einnimmt.»
Unter den vielen dunklen Kapiteln in der Geschichte Ostpreußens und Masurens ist das Jahr 1945 mit Sicherheit das dunkelste. Keine andere deutsche Provinz ist vom Krieg – oder genauer gesagt, vom Kriegsende – so heimgesucht worden wie diese. Viel zu spät hatten die NS-Behörden die Räumung Ostpreußens befohlen, und so wurde die Flucht der noch verbliebenen Deutschen in der eisigen Kälte des Januar und Februar 1945 zum Inferno.
Ostpreußen war das erste deutsche Gebiet, auf das die sowjetischen Truppen stießen – nach einem Marsch durch Tausende Kilometer von zuvor von deutschen Truppen verwüstetes Land. Zehntausende deutscher Zivilisten– Männer, Frauen und Kinder – kamen bei der Flucht aus Ostpreußen ums Leben, starben an Hunger und Erschöpfung, fielen Tieffliegerangriffen zum Opfer oder Ausschreitungen sowjetischer Soldaten, erfroren, ertranken beim Marsch über das zugefrorene Frische Haff oder gingen mit Flüchtlingsschiffen unter, die von sowjetischen U-Booten torpediert wurden. Tausende von anderen verschwanden – häufig für immer – in den Weiten Sibiriens oder an der Küste des Nördlichen Eismeeres. Ostpreußens Städte und Dörfer versanken in Schutt und Asche. Von den rund 2,6Millionen Ostpreußen sind etwa 500000 nicht mehr lebend ermittelt worden, davon 210000Wehrmachtsangehörige. Ostpreußen hörte auf, als deutsche Provinz zu existieren. Der nördliche Teil wurde gemäß dem Potsdamer Abkommen unter sowjetische Verwaltung gestellt, der südliche – mit Masuren – unter polnische.
Die Zahl der Deutschen, die nach 1945 in Ostpreußen blieben – sei es, weil ihnen die Flucht nicht mehr gelang, sei es, dass sie sich freiwillig zum Bleiben entschlossen hatten–, wird auf etwa 500000 geschätzt. Viele hatten nur die eine Hoffnung: dass Ostpreußen durch einen Friedensvertrag wieder zu Deutschland käme. Doch die Hoffnung trog, und auf das Kapitel «Flucht» folgte das Kapitel «Vertreibung». Gestützt auf alliierte Vereinbarungen, begannen die polnischen Behörden schon bald nach Kriegsende planmäßig, die noch verbliebenen Deutschen aus den Ostgebieten auszusiedeln – mit einer Ausnahme: den Masuren. Sie wurden als «Autochthone» betrachtet, das heißt als Alteingesessene, die über die Jahrhunderte hinweg «germanisiert» worden waren und nun wieder «repolonisiert» werden sollten. Doch verlief dieser «Repolonisierungsprozess» längst nicht so reibungslos und erfolgreich wie von seinen Initiatoren erwartet. Die meisten der noch verbliebenen Masuren weigerten sich, einen polnischen Personalausweis anzunehmen, und wurden deshalb 1951 per Gesetz zu polnischen Staatsbürgern erklärt. Sie durften ihre Höfe behalten, hatten aber keinerlei Minderheitenrechte, nicht einmal das Recht auf deutschsprachigen Schulunterricht und deutschsprachigen Gottesdienst. Immer und immer wieder stellten sie Anträge für eine Ausreise nach Deutschland, die allerdings von den polnischen Behörden sehr zögerlich behandelt wurden; nicht wenige Familien kämpften 20Jahre und länger, bis sie endlich die Ausreisegenehmigung erhielten. Inzwischen haben allerdings auch die letzten Ausreisewilligen die Genehmigung erhalten. Deutsche gibt es heute in Masuren so gut wie keine mehr. An ihre Stelle traten polnische Siedler, die zumeist aus den Ostgebieten kamen, die Polen nach 1945 an die Sowjetunion abtreten musste. Im Prinzip ist dieser Besiedlungs- und Polonisierungsprozess auch in Masuren heute abgeschlossen. Die verschiedenen Gruppen der polnischen Neusiedler haben sich in der zweiten Generation assimiliert und sind nun ebenfalls «Masuren», katholischen Glaubens allerdings und polnischer Nationalität.
Das Landschaftsbild des heutigen Masuren hat sich gegenüber dem Vorkriegsbild wenig verändert. Noch immer ist es, wie im berühmten «Ostpreußenlied» besungen, das «Land der dunklen Wälder und kristall’nen Seen». Der Holzbestand in Masuren ist heute sogar größer als vor dem Krieg. Und wenn in bundesrepublikanischen Nachkriegspublikationen behauptet wird, «Ostpreußen ist entdeutscht, entvölkert, verwüstet und versteppt», so stimmt daran nur noch eines: Die Deutschen sind verschwunden. Ansonsten ist Ostpreußen und vor allem Masuren geblieben, was es immer war – eine klassische landwirtschaftliche Region und eine Perle des Tourismus–, wenn auch manche der alten Gebäude heute Patina angesetzt haben (nicht zuletzt eine Folge der polnischen Baumittelknappheit) und der Fremdenverkehr inzwischen Züge angenommen hat, die nicht selten um die Schönheit und Unberührtheit der masurischen Wälder und Seen fürchten lassen. Doch noch ist Masuren ein Paradies, zumindest auf Zeit. Ein Paradies, das für die einen verlorenes Land, für die anderen gewonnenes Land ist. Und es mag denen, die es einst besaßen, mehr als nur ein schwacher Trost sein, dass es auch ihnen wieder zugänglich ist – als Gästen, und zwar willkommenen. Nach all den dunklen Kapiteln deutsch-polnischer Geschichte ein Umstand, der Hoffnung macht.
Aus: Masuren. Mit einem Text von Klaus Bednarz, Hamburg 1984
«Nein», sagt der alte Mann, «nein, das ist nicht unser Land.» Mit zittrigen Fingern versucht er eine zerbeulte Blechdose zu öffnen, in der früher einmal Kekse waren oder Bonbons. Er hat sie vom Dachboden geholt, weil sie, da sei er sich ganz sicher, einen Brief enthalte, über den wir uns bestimmt wundern würden. Einen Brief meines Großvaters, geschrieben wenige Jahre nach dessen Flucht aus Ostpreußen im Januar 1945.Seit er diesen Brief erhalten habe, so der Alte, hätte er wieder ruhig schlafen können. Aber heimisch geworden sei er hier trotzdem nicht. Und glücklich auch nicht.
Mehr als drei Jahre hat es gedauert, bis wir im Sommer 1974 endlich Mut fassten und den Hof betraten, der einst meinem Großvater gehörte. Auch mein Urgroßvater hatte hier gelebt, dessen Vater und ich weiß nicht wie viele Generationen meiner Familie noch. Hier war mein Vater mit seinen zehn Geschwistern aufgewachsen, hier hatte ich während der Kriegsjahre laufen gelernt. Jedes Haus des kleinen masurischen Dorfes war mir aus den Erzählungen der Familie vertraut, und den Text jenes Ostpreußenliedes, das die dunklen Wälder und kristallenen Seen besingt und die starken Bauern, die über die Felder schreiten, und die Elche, die «in die Ewigkeit lauschen», konnte ich von Kindheit an auswendig. Keine Familienfeier, bei der es nicht gesungen wurde und bei der nicht spätestens zur letzten Strophe, in der der Mond aufgeht und die Meere den «Choral der Zeit rauschen», die eine oder andere Träne rollte.
Seit Willy Brandt in Warschau gekniet hatte und auch wieder Reisen nach Ostpreußen möglich wurden, zumindest in den heute polnischen Teil, waren wir oft in dieses Dorf gefahren. Es trägt denselben Namen wie zu deutscher Zeit: Ukta. Wir hatten noch dort lebende Verwandte besucht, den alten, völlig verfallenen Friedhof mit unseren Familiengräbern und jenen neueren, auf dem immer noch Deutsche beerdigt werden; wir hatten die Kirche besichtigt, die einst evangelisch war und in der heute die polnische Bevölkerung ihre katholischen Gottesdienste abhält; wir hatten den Dorfladen besucht, über dessen Besitzer, Samuel Goldstein, die Familie nur zu erzählen wusste, dass er eines Tages aus dem Dorf verschwunden sei, irgendwann kurz nach Beginn des Krieges, aber Genaueres habe man nicht mitbekommen… Jenen Bauernhof zu betreten, der sich auf einem sanften Hügel über dem Flüsschen Kruttinna erhebt und der im Mittelpunkt aller Familiengeschichten stand, davon hatte uns aber eine nur schwer erklärbare Scheu abgehalten. Würden die jetzigen Besitzer Verständnis haben für unseren Wunsch, das Haus und den Hof unserer Vorfahren aus der Nähe zu sehen? Oder würden sie uns abweisen, gar vom Hof jagen?
Die Bedenken waren unbegründet. Als wir den Hof durch das in seinen Angeln quietschende Brettertor betreten, nimmt außer einem struppigen Hund unbestimmbarer Rasse, der aufgeregt an seiner Kette zerrt, niemand von uns Notiz. Es ist ein heißer Sonntagnachmittag, außer dem Kläffen des Hundes und einem Schaf, das irgendwo in der Ferne blökt, ist nichts zu hören.
Durch den zur Hofseite gelegenen Hintereingang des Hauses gelangen wir direkt in die Küche. Unser Klopfen hat offenbar niemand gehört. Neben dem Herd sitzt ein jüngerer Mann in verschwitztem Unterhemd und kurzen Hosen. Wir vermuten, der Sohn des Besitzers. Mit langsamen Bewegungen nimmt er ein Suppenhuhn aus. Der Topf auf dem Herd brodelt bereits. Wir sprechen ihn auf Polnisch an, nennen unsere Namen, erklären, dass in diesem Haus einst mein Vater und Großvater gelebt haben, und fragen, ob wir uns umsehen dürften. Ohne die geringste Spur von Verwunderung erhebt er sich, streckt uns die Hand entgegen und ruft nach seinem Vater. In der Küchentür erscheint ein etwa siebzigjähriger Mann mit schlohweißem Haar und klaren, einfachen Gesichtszügen. Hinter ihm, etwas kleiner als er, seine Frau, auch sie unverkennbar bäuerlicher Herkunft, mit hellen, freundlichen Augen und tief eingekerbten Falten auf der Stirn und um die Mundwinkel. Ein Paar wie Philemon und Baucis, denke ich.
Warum wir nicht schon früher gekommen seien, fragt der Bauer. Es hätte sich doch im Dorf herumgesprochen, dass wir schon ein paarmal hier gewesen wären, unsere Verwandten besucht und uns auch sonst überall umgeschaut hätten. Eigentlich hätten sie schon längst damit gerechnet, dass wir auch einmal bei ihnen vorbeischauen würden.
Wir werden ins Wohnzimmer gebeten, das, wie wir wissen, zu Großvaters Zeiten die gute Stube war, die nur an Feiertagen benutzt wurde. Einige der Möbel scheinen uns bekannt. Die schwere Kommode aus Eichenholz zum Beispiel, auf der ein gehäkeltes Deckchen liegt. Die kleine Kristallvase mit künstlichen Mohnblumen ist offenbar neueren Datums. Über den Esstisch wird ein frisches weißes Leinentuch gebreitet, Plätzchen werden hingestellt und der Rest selbst gebackenen Kuchens. Aus der Küche hören wir, wie Teewasser aufgesetzt wird.
Ob wir denn über Nacht bleiben können, will der Bauer wissen. Als wir verneinen, da wir noch am selben Abend nach Warschau zurückmüssen, breitet er die Arme aus und zuckt bedauernd die Schultern. Dann müssten wir uns eben beeilen. Womit? Mit dem Erzählen natürlich.
Die Geschichte des Alten ist die Geschichte Hunderttausender Menschen in Polen, wie wir sie so oder ähnlich schon häufig gehört haben. Oft nur hinter vorgehaltener Hand und geflüstert, denn die Vertreibung der Polen durch die Russen war in den Jahrzehnten, in denen sich Polen eine Volksdemokratie nannte, ein Tabu. Keine Zeitung berichtete darüber, keine wissenschaftliche Publikation. Allenfalls von «Bevölkerungsaustausch» war schamhaft die Rede. Und davon, dass nach dem Krieg die historischen Grenzen Polens «wiederhergestellt» worden seien.
Unser Gastgeber stammt aus der Gegend von Pinsk, östlich des Bug. Als dieses Gebiet 1945 von der Sowjetunion annektiert wurde, kam er mit seiner Familie nach Masuren. Gewollt habe er es nicht, denn Heimat sei schließlich Heimat, und das Land hier, auch wenn es den polnischen Namen «Mazury» trage, habe ihnen nicht gehört. Aber er hatte keine Wahl. Den Hof, auf dem er jetzt sitze, habe man ihm zugeteilt. Zum Wirtschaften habe er in den ersten Jahren nach dem Krieg überhaupt keine Lust gehabt. Denn niemand habe gewusst, ob die Deutschen zurückkämen oder nicht. Zwar habe er in der Zeitung gelesen, dass dieses Land uralte polnische Erde sei und die Polen jetzt lediglich in ihre historische Heimat zurückgekehrt wären, doch diesen Unsinn habe er nie geglaubt. Man habe das Land bekommen, weil die Russen die polnischen Gebiete im Osten geraubt hätten. Als Ausgleich, sozusagen. Aber dieses Unrecht könne wohl nicht ewig dauern. Und was, wenn die Deutschen zurückkehrten? Schließlich werde in den polnischen Zeitungen und im polnischen Rundfunk immer vor den westdeutschen Revanchisten gewarnt. Und zuzutrauen wäre den Deutschen doch alles – oder?
Endlich sei es ihm zu bunt geworden. Er habe Frau und Kind und hätte wissen wollen, was denn nun in Zukunft werde. Und so habe er sich 1947 von den Deutschen, die noch im Dorf lebten, die Adresse meines Großvaters besorgt, der inzwischen in Niedersachsen eine neue Bleibe gefunden hatte. Ihm habe er einen Brief geschrieben und ihn gefragt, ob er denn die Absicht habe zurückzukommen. Und was nun mit ihm und dem Hof werden solle. Ob es Sinn habe, sich endgültig hier einzurichten, oder ob alles nur vorübergehend sei…
Mein Großvater war zur Nazizeit der einzige Bauer des Dorfes, der nicht der Partei beitrat. Er war strenggläubiger Pietist und hielt Hitler für den leibhaftigen Teufel. Stolz war er allerdings, Ostpreuße zu sein, Masure. Und bis an sein Lebensende sprach er mit meiner Großmutter, wenn Kinder und Enkel sie nicht verstehen sollten, masurisch.
Nach dem Krieg war der Großvater in Niedersachsen einige Zeit strammer Funktionär der Partei der Heimatvertriebenen, des Bundes der Heimatlosen und Entrechteten. Doch die Antwort, die er dem Bauern aus Ostpolen, der nun auf seinem Hof in Masuren saß, zukommen ließ, entsprach allem anderen als der Parteilinie und der offiziellen Politik der Vertriebenenverbände. Die Deutschen, so der Großvater in seinem Brief, hätten den Krieg verloren, und dafür müssten sie jetzt bezahlen. Ostpreußen, Pommern und Schlesien seien der Preis. Er würde gern noch einmal zurückkommen, aber nur, um alles wiederzusehen, zu Besuch. Der Bauer aus der Gegend von Pinsk solle den Hof als den seinen betrachten und anfangen zu wirtschaften. Es wäre eine Sünde, die Erde brachliegen zu lassen.
Der schon etwas zerknitterte Brief, den der Bauer endlich aus der zerbeulten Blechdose hervorgekramt hat, trägt tatsächlich die mir seit Kindheit vertrauten, etwas krakeligen Schriftzüge meines Großvaters. Und es sind in deutscher Sprache genau die Sätze, die der Bauer soeben auf Polnisch wiedergegeben hat.
Vor seiner Familie hatte mein Großvater den Brief bis zu seinem Tod geheim gehalten; lediglich der jüngste seiner drei noch lebenden Söhne, der den Hof eigentlich hatte erben sollen, war eingeweiht.
Aus: Fernes nahes Land. Begegnungen in Ostpreußen, Hamburg 1995
Sobald sich ein Sonnenstrahl zeigt, hocken sie auf dem Platz vor dem Universitätsgebäude, der früher Paradeplatz hieß und heute schlicht Universitätsplatz genannt wird. Nicht auf den Sitzflächen der Parkbänke lassen sich die Studentinnen und Studenten nieder, sondern – wie Hühner auf der Stange – auf den Rückenlehnen der Bänke; sehr zum Ärger der Rentner, die mit Taschentüchern und Zeitungen mühsam die schmutzigen Schuhabdrücke abwischen, um selbst die Sonne zu genießen, wenn die Studenten schließlich in die Vorlesungen strömen. Äußerlich unterscheiden sich die jungen Leute kaum von ihren Altersgenossinnen und -genossen im westlichen Ausland. In ihrer Garderobe herrschen Turnschuhe vor, Jeansjacken und -hosen, weite schlabbrige Pullover und Sweatshirts. Daneben gibt es aber auch Mädchen in eleganten italienischen Schuhen und Lederjacken zu bewundern. Ihre Lippen und Wangen sind kräftig geschminkt. Einige der Burschen haben ihre langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden.
Im Gespräch sind sie alle offen, freundlich und unbefangen – ob wir nun die Kamera dabeihaben oder nicht. Natürlich ist das wichtigste Thema ihre finanzielle Situation, denn die katastrophale Lage der russischen Wirtschaft spiegelt sich auch an den Universitäten wider. Im vergangenen Jahr, so erzählen sie, hätten sie mehrere Monate lang ihre Stipendien nicht ausgezahlt bekommen, da die Universitätsverwaltung kein Geld mehr gehabt habe. Es sei ihnen wie den Arbeitern vieler Betriebe in Kaliningrad ergangen. Alle Proteste beim Rektor waren erfolglos geblieben. Erst als sie streikten und mit Plakaten zum Bürgermeisteramt zogen, trieb die «zu Tode erschrockene» Universitätsleitung das Geld auf, die Stipendien wurden gezahlt. Dabei seien die Stipendien ohnehin fast nur noch symbolisch. Ein Monatsstipendium habe nicht einmal den Gegenwert von drei Kilogramm Fleisch.
Wie es denn komme, dass dennoch viele von ihnen so elegant und sicher nicht billig gekleidet seien, frage ich.
Ira, eine 22-jährige Geographiestudentin mit langem schwarzem Haar, grellrot geschminkten Lippen und einem fast bis auf die Schulter reichenden modischen Ohrring, lacht: «Wenn ich Glück habe, bekomme ich von meinen Eltern 50000Rubel im Monat. Dafür kann ich mir natürlich keine italienischen Schuhe kaufen. Die kosten 80000Rubel, eine Lederjacke sogar 300000.Aber ein französischer Lippenstift für 7000 oder eine Flasche Kaloderma-Lotion für 9500 müssen schon drin sein.» Ira verdient sich, wie fast alle ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen, etwas dazu. Sie hat einen, wie sie sagt, ganz besonders guten Job als Mannequin in einem Modeatelier, was ihr 60000Rubel im Monat einbringt. Andere begehrte Studentenjobs sind Dolmetscher, Reiseleiter, Versicherungsagent.
Früher, so Pjotr, der im 4.Studienjahr Jura studiert, gab es meist nur schwere, schmutzige und schlechtbezahlte Jobs– Straßenbahnwäscher, Verladearbeiter, Kohlenschipper. Aber heute, «beim Kapitalismus», seien doch ganz neue Wirtschaftszweige entstanden, wo man schnell und leicht Geld verdienen könne, und das müsse man nutzen.
Allerdings, so Pjotr, das Zweiklassensystem, das jetzt in der Gesellschaft entstanden sei, die sogenannten neuen Russen, diese über Nacht reich gewordenen «biznesmeny», Spekulanten und Geschäftemacher einerseits und die «normal arbeitende» Bevölkerung auf der anderen Seite, dieses Zweiklassensystem herrsche jetzt auch an der Uni, und das sei eine «Sauerei». Nicht, dass es immer mehr Kommilitonen gibt, die im eigenen Auto vorgefahren kämen, störe ihn, «sollen sie doch, wenn die Eltern das Geld haben», wohl aber die Tatsache, dass diejenigen, die ihr Studium selbst bezahlen, von den Professoren wie rohe Eier behandelt werden. Während andere Studenten brav alle Vorlesungen besuchten und vor jeder Prüfung zittern müssten, könnten die sich ein ruhiges Leben machen. «Hauptsache, sie zahlen. Die Uni braucht das Geld, also sieht sie zu, dass ihnen bei den Prüfungen nichts passiert. Ich habe noch keinen von denen gesehen, der irgendwo durchgefallen ist.» Und selbst wenn manche etwas anderes behaupteten, so Pjotr, er wisse, dass auch bei den Aufnahmeprüfungen das Geld eine Rolle spiele.
Ob Ira, Pjotr und ihre Freunde denn wüssten, wie die Universität früher hieß.
«Natürlich wissen wir das», sagt Pjotr, «Albertina.»
«Wieso natürlich?»
«Das ist doch der Name ihres Gründers, Herzog Albrecht, ihr richtiger Name.»
Und erklärend setzt Ira hinzu: «Kaliningrader Staatliche Universität, das ist doch kein Name. Niemand nennt sie so. Ihr wirklicher Name ist Albertina.»
«Und es stört Sie nicht, dass dies der alte deutsche Name ist?»
«Nein», sagt Ira und schüttelt den Kopf. Und dann sagt sie: «Wir sind doch Fremde hier. Gäste.»
«In welchem Sinn Gäste?»
«In dem Sinne, dass dies hier nicht unser Land ist. Das ist deutsche Erde, preußische. Wir schämen uns, dass unsere Eltern die Deutschen von hier verjagt haben. Für die Deutschen, die hier an dieser Universität studiert haben, war es sicher schmerzlich, von hier wegzumüssen, alles verlassen zu müssen, an dem sie gehangen haben. Wir schämen uns dafür.»
«Wenn ihr in eine andere Stadt fahrt und gefragt werdet, woher ihr kommt, was antwortet ihr?»
Wie aus der Pistole geschossen kommt es von Ira, Pjotr und allen um sie herumstehenden Kommilitoninnen und Kommilitonen: «Aus Kenig oder aus Kenigsbjerga.»
«Wieso aus Kenig und nicht aus Kaliningrad?»
«Kalinin war ein Verbrecher. Ein enger Freund Stalins, ein Massenmörder wie dieser. Nach so einem Mann kann man doch keine Stadt benennen. Auch wenn er mal Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets war, wie das damals hieß. Aber damals, das waren doch andere Zeiten. Nach dem Krieg, 1946, als die Stadt diesen Namen bekam, war das vielleicht normal. Es gibt ja noch andere Städte, die den gleichen Namen bekommen haben, aber die werden ja jetzt auch wieder umbenannt. Und Königsberg ist nun mal der historische Name der Stadt. Den hat sie mehr als 600Jahre lang getragen. Und es ist auch eine sehr schöne Stadt. Vielleicht nicht mehr für die Deutschen, die hier früher gelebt haben, aber wir können sie ja nur mit anderen sowjetischen oder russischen Städten vergleichen – und da ist sie schöner als die meisten anderen. Wir leben gern hier, und wir wollen auch gar nicht weg, aber wir müssen endlich ehrlich sein und die Stadt nennen, wie sie wirklich heißt, und nicht nach einem Verbrecher.»
«Und wie sehen Sie die Tatsache, dass jetzt wieder so viele Deutsche als Besucher hierherkommen?»
«Das ist doch ganz normal», sagt Pjotr. «Sie quält die Nostalgie, die Sehnsucht nach dieser Erde…»
Und Ira fügt hinzu: «Es kommen vor allem die, die früher hier lebten und in deren Häusern wir jetzt leben. Die meisten dieser Häuser, auch wenn sie schon alt sind, sehen immer noch besser aus als unsere sowjetischen. Die sind mit ganz anderer Kultur gebaut. Es ist doch verständlich, dass die Leute jetzt sehen wollen, was aus ihren Häusern geworden ist. Ob das Geburtshaus noch da ist oder ihre Schule. Sie sind hier geboren und aufgewachsen wie wir. Wenn sie kommen, empfangen wir sie gern, laden sie zu uns ein, treffen uns mit ihnen. Mit manchen haben auch schon Briefwechsel begonnen.»
«Das heißt, das Verhältnis ist gut?»
Ira nickt. «Es ist gut. Es ist eine gute Nation. Es sind gute Menschen, intelligente.»
«Und fürchten Sie nicht, dass dies wieder der Anfang einer Art schleichender Regermanisierung sein könnte?»
«Wenn es dahin käme, wären wir selber schuld.»
«Warum?»
«Wir haben doch damals euch Unrecht zugefügt – und wenn wir es jetzt nicht schaffen, unsere Probleme friedlich zu lösen, mit euch zu einem vernünftigen Verhältnis zu kommen, sind wir letztlich selbst schuld. Dann haben wir unsere Chance selber verspielt.»
Am Ende unseres Gesprächs geben uns Ira und Pjotr ihre Telefonnummern. Wenn wir etwas länger in der Stadt seien und ein wenig Zeit hätten, sollten wir sie anrufen. Damit man nicht nur reden, sondern vielleicht auch ein bisschen zusammen feiern kann. Ira lebt bei ihren Eltern, Pjotr im Studentenheim. Die Eltern, so Ira, würden sich sicher freuen und die Mädels und Jungens im Studentenheim sowieso.
Auf der Parkbank nebenan sitzen einige Rentnerinnen und Rentner. Vor einer der Frauen steht ein Kinderwagen, neben dem alten Mann, der an der rechten Seite der Bank sitzt, liegen auf der Erde zwei Krücken. Ihm fehlt ein Bein.
Als wir sie ansprechen, winkt zunächst eine der alten Frauen ab. Nein, nein, sagt sie halb lachend, halb ernsthaft, sie wolle nicht gefilmt werden. Sie sei schon alt und hässlich, habe keine Zähne mehr, wir sollten lieber Aufnahmen von den vielen hübschen Studentinnen machen. Doch als wir sie fragen, woher sie sei und wie lange sie schon in Kaliningrad lebe, gerät sie ins Erzählen. Als junge Frau sei sie hierhergekommen, 1947 mit ihrem ersten Mann, aus der Gegend von Stawropol. Mehr als vierzig Jahre habe sie auf einer Kolchose in der Nähe von Kaliningrad gearbeitet, nun sei sie alt und nur noch dazu gut, die Enkelkinder zu hüten. In einer Kommunalwohnung, in der mehrere Familien leben, hat sie ein Zimmer, ein kleines, aber das reiche, da sie es für sich allein hat.
Ob sie denn Angst habe, dass vielleicht die Deutschen wieder zurückkommen könnten nach Kaliningrad, fragen wir.
«Wieso soll ich davor Angst haben? Es ist doch egal, unter wem wir schlecht leben, unter Russen oder den Deutschen. Es ist doch heute alles das Gleiche, Demokratie, wie sie es nennen. Wenn sie uns nur ernähren würden. Aber meine Tochter bekommt schon seit Monaten keinen Lohn mehr, meine Rente beträgt 80000Rubel, aber ein Kilo Wurst kostet 8000Rubel, die billigste; und ein Kinderkleidchen aus Polen 40000.Da ist es doch völlig egal, wer herrscht. Von mir aus können die Deutschen wieder zurückkommen, ich habe sowieso nicht mehr lange zu leben. Heute leben wir, morgen sterben wir. Haben Sie noch weitere Fragen?»
Ihre Nachbarin ist ebenfalls 1947 nach Kaliningrad gekommen, als Siebzehnjährige aus der Gegend von Moskau. Sie hat über vierzig Jahre als Schwester in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet, ist seit zehn Jahren in Rente, arbeitet aber immer noch weiter in ihrem Beruf. «Sonst könnte ich gar nicht überleben. Wie denn?» Auch sie, sagt sie, habe vor den Deutschen keine Angst. Im Gegenteil: Das Kinderkrankenhaus, in dem sie immer noch arbeite, erhalte viele Medikamente aus Deutschland, kostenlos. Und auch deutsche Ärzte und Schwestern würden immer mal kommen und helfen oder auch Geräte installieren, die sie mitgebracht hätten. Und sie wisse auch von anderen Krankenhäusern, dass die regelmäßig vom Deutschen Roten Kreuz Lieferungen bekämen.
«Was also, bitte schön, soll ich gegen die Deutschen haben? Natürlich, wenn sie uns unser Kaliningrad wegnehmen wollten, das wäre eine andere Sache. Schließlich leben wir schon so lange hier, es ist doch unsere Stadt. Wenn ich nach Moskau zu Besuch fahre, in die Gegend, aus der ich gekommen bin – das ist inzwischen alles fremd. Ich bin immer froh, wenn ich wieder nach Kaliningrad, nach Hause, zurückkehren kann. Nein, nein, die Erde hier, die geben wir nie wieder her. Aber solange die Deutschen das nicht wollen – was soll ich gegen sie haben? Ich glaube, mit diesem ganzen Gerede von der ‹Regermanisierung› wollen uns nur unsere Oberen erschrecken. Die Deutschen, die zu uns ins Krankenhaus kommen, haben so etwas noch nie gesagt. Das sind ordentliche Leute. Die wissen, dass Kaliningrad unsere Heimat ist.»
In diesem Moment mischt sich der Mann mit den Krücken, der bisher schweigend zugehört hat, ins Gespräch. Jetzt reiche es ihm, die Großmütter hätten genügend Unsinn geredet. «Ich kenne die Deutschen, und ich traue ihnen nicht. Die Deutschen haben den Affen erfunden. Die können alles, so oder so. Mal Gutes, mal Schlechtes. Einverstanden, nicht alle Deutschen waren Faschisten. Aber die Mehrzahl war es doch. Sie haben Hitler schließlich gewählt. Kein Mensch hat sie dazu gezwungen. Und habt ihr vergessen, was sie mit unserem Land gemacht haben? Leningrad wollten sie aushungern und Moskau dem Erdboden gleichmachen, die Hauptstadt! Wenn ich daran denke: Viel zu wenig haben sie uns nach dem Krieg bezahlt. Das bisschen Ostpreußen! Was haben wir denn in Königsberg gehabt? Ruinen, nichts als Ruinen. Und dass jetzt unsere Armee aus Deutschland zurückkommt – ja, haben wir denn den Krieg verloren oder die Fritzen? Wenn die Deutschen wieder hierherkommen wollen, dann so, wie es Schirinowski neulich gesagt hat: Sie sind willkommen als Straßenkehrer und Fensterputzer! Soll ich mein Bein denn umsonst an der Oder gelassen haben? Nein, die Deutschen sollen lieber wegbleiben. Wir brauchen sie nicht und ihr Geld auch nicht. Wenn wir erst mal wieder eine starke Regierung haben, brauchen wir nicht mehr bei den Deutschen zu betteln. Und wenn sie wirklich wieder hierherkommen wollen – wir haben ja noch unsere russische Armee hier in Kaliningrad. Gott sei Dank!»
Eine der alten Frauen legt begütigend die Hand auf den Arm des Mannes: «Großväterchen, beruhige dich doch. So schlimm wird es nicht kommen. Irgendwann muss Schluss sein mit all diesem Hass.»
«Ich hasse sie nicht. Ich mag sie einfach nicht. Das reicht doch. Oder?»
Wir packen die Kamera ein. «Ich glaube», sagt Maxim, «für heute haben wir genug. So sind die Leute. Sei ihnen nicht böse.»
«Warum», sage ich, «soll ich ihnen böse sein?»
«Eben», sagt Maxim. Und bietet dem alten Mann, Sascha und mir eine Zigarette an. Der Mann nimmt sie dankend. «Dawajtje zakurim», sagt er. «Los, rauchen wir!»
Aus: Fernes nahes Land. Begegnungen in Ostpreußen, Hamburg 1995.Copyright © für die Texte S.28–391995 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
Es ist nach jeder großen Drehreise das Gleiche. Am Schneidetisch beginnt die Traurigkeit. Doch so schlimm wie diesmal war es noch nie. Mehr als 10000km bin ich mit den Kameraleuten Peter Kaiser und Maxim Tarasjugin kreuz und quer durch das einstige Ostpreußen gereist – von Danzig bis auf die Kurische Nehrung und nach Tilsit. Wir haben mit russischen Viehhirten gesprochen und mit masurischen Fischern, mit Offizieren der russischen Armee und polnischen Landarbeitern. Mit Deutschen, die 1945 aus Ostpreußen geflohen sind, und Deutschen, die noch immer dort leben. Wir haben die verfallenen Kirchen im heute russischen Norden Ostpreußens gedreht und die wiederaufgebauten Gotteshäuser im südlichen, polnischen Ostpreußen. Wir haben gedreht und gedreht, und ein Gespräch war faszinierender als das andere, eine Begegnung bewegender als die andere. Es fiel uns immer schwerer, nicht überall dort anzuhalten, wo sich wunderschöne Landschaftsbilder boten. Und dennoch wurden meine ersten beiden Zuschauerinnen, die Cutterinnen Monika Bednarz-Rauschenbach und Elke Christ, immer trauriger. Nicht einmal die Hälfte des gedrehten Materials, so war schnell zu erkennen, würden wir in den beiden Filmen unterbringen können. Was rauslassen, was reinnehmen, wen zeigen, wen weglassen – Fragen, die uns einen Tag um den anderen zur Verzweiflung brachten. Deshalb soll hier zumindest an einige Begegnungen erinnert werden, an einige Menschen, die wir in unseren beiden Filmen – aus Platzgründen – nicht zeigen können.
Da ist der Dombaumeister aus Königsberg. Er war der Einzige, der uns beim Drehen Schwierigkeiten machte. Zunächst. Seit Jahren ist der Wiederaufbau des Königsberger Doms – der bei einem Luftangriff britischer Bomber im August 1944 bis auf die Grundmauern zerstört wurde – beschlossene Sache. Doch die Gelder der russischen Regierung und die erhofften Spenden aus Deutschland fließen nur spärlich. Entsprechend langsam gehen die Bauarbeiten voran, entsprechend primitiv ist das technische Gerät. Als wir filmen, wie ein Eimer Mörtel um den anderen von Hand an einem faserigen Strick 20Meter in die Höhe gehievt wird, baut sich der Dombaumeister wild gestikulierend und fluchend vor unserer Kamera auf. Verschwinden sollten wir auf der Stelle, wir würden doch im Ausland nur wieder zeigen wollen, wie rückständig alles in Russland sei. Er beruhigt sich erst, als er erfährt, dass wir aus Köln kommen. Diese Stadt kenne er, dort lebe seine Tochter, und der Kölner Dom sei ja der einzige, der mit dem Königsberger zu vergleichen sei. Er schäme sich einfach, dass er für den Wiederaufbau seines Doms keine moderne Technik habe. Es tue ihm weh, wenn man dies filme. Dabei könnte doch alles ganz anders sein. Eine Million Mark, so habe er in der Deutschen Welle gehört, koste es für die Bundeswehr, eine frühere Sowjetkaserne in Ostdeutschland zu sanieren. Hätte er diese eine Million – der Königsberger Dom wäre längst wieder ein Gotteshaus. Zumindest das Dach wäre wieder drauf. Aber so? Russlands Regierung sei pleite, aus Deutschland kämen vor allem große Worte. Und dann meint er: «…ach was, zeigt doch, wie’s ist, alle sollen es sehen.»
Leni Ehrlich könnte ein Name und eine Figur aus einem Roman Heinrich Bölls sein. Doch sie ist eine Russland-Deutsche, die wir in der Elchniederung am Kurischen Haff treffen. Etwa 40Jahre alt, blond, die kräftige Figur steckt in einem abgewetzten Trainingsanzug. 3Kinder hat sie, 10Kühe, 20Schweine. Und eine Ruine. Ein einstiges Gasthaus, aus dem Hermann Göring, der hier unweit sein Jagdrevier hatte, ein Offiziersbordell gemacht hatte. Leni Ehrlich baut es wieder auf. Ganz allein mit ihrem Mann. Stein für Stein, Balken für Balken sucht sie mühselig in der Umgebung zusammen. Tischlert Türen und Fenster selbst, rührt selbst den Mörtel, mauert selbst. Deutsche können eben schaffen, meint sie in breitem altfränkischem Dialekt. Eine kleine Pension soll es werden, drei Gästezimmer im oberen Stockwerk sind schon fertig. Und ein kleines Café im Parterre. Ein «Deutsches Café» soll es werden, mit deutscher Küche, Kaffee und Kuchen und «scheener deutscher Musik». Zwei deutsche Cousinen von ihr könnten «wunderscheen» singen. Die sollen dann richtige deutsche Liederabende machen. Mit den «scheenen deutschen Volksliedern». Nach Deutschland wolle sie nicht. Sie sei schon mal dort gewesen, aber dort seien die Menschen alle so kalt. Wenn du irgendwann zu Besuch willst, musst du dich vorher anmelden! Leni Ehrlich schüttelt sich. Das sei nichts für ihr Herz. Der Verstand sage ihr, dass sie es in Deutschland leichter hätte. «Aber wir sind doch geboren, um zu schaffen, oder?» Und das könne sie besser hier in Ostpreußen.
Der kleine Fischerhafen am Kurischen Haff sieht aus wie ein Schiffsfriedhof. Doch bis vor einem Jahr fuhren die Boote noch auf Fang. Nun ist die Fischereikolchose geschlossen, andere Arbeitsmöglichkeiten am Ort gibt es nicht. Und dennoch kommt der Fischer Tag für Tag hierher. Repariert einen Motor, streicht einen Bootsschuppen. Was sonst soll er denn machen? Zu Hause sitzen, der Frau und den Kindern auf den Nerv gehen? Lohn hat er seit Monaten nicht mehr bekommen – aber arbeiten muss man doch! Den Kindern zeigen, dass man sich nicht gehen lässt. «Das ist doch unsere moralische Pflicht.» Und vielleicht werden die Boote mal wieder gebraucht. Dann könne er sagen, er habe sie instand gehalten. Und dann sei er sicher der Erste, der wieder Arbeit bekäme…
Der Dombaumeister von Königsberg, Leni Ehrlich, der Fischer vom Kurischen Haff – drei Menschen von vielen, die wir noch gern in unserer «Reise durch Ostpreußen» gezeigt hätten. Aber worauf verzichten? Die vielen, unendlich schönen Landschaftsaufnahmen? Die langen Fahrten durch Ostpreußens alte Alleen? Die Stadt Königsberg, die – wie Agnes Miegel schrieb – «nicht sterblich» ist? Tilsit? Die Russland-Deutschen in Trakehnen? Die masurischen Fischer, die nun wieder als private Unternehmen arbeiten dürfen «wie vor dem Krieg»? Den liebevoll restaurierten Dom von Frauenburg? Ich weiß es nicht. Die Zweifel werden bleiben. Und die Hoffnung, dass es für Leni Ehrlich und die anderen vielleicht noch eine weitere Folge gibt. Den Titel haben wir schon: «Ostpreußische Porträts». Bis dahin werden wir die Bilder sorgsam aufbewahren. Im Archiv.
Aus: «Hörzu», Nr.51/94, 16.Dezember 1994
Der altersschwache Kutter, dessen dunkler Rauch durch den verrosteten Schornstein in die glasklare, würzige Seeluft entweicht, keucht und rumpelt, als würde er jeden Augenblick seinen Geist aufgeben. Doch Iwan, der junge Kapitän, beruhigt uns. Sein «Sturmvogel», wie der Dampfer heißt, sei nicht einmal fünfzig Jahre alt, und er würde uns wohlbehalten über den Onega-See bringen, wohin auch immer wir wollten. Vorausgesetzt, die erst kürzlich reparierte Antriebswelle versage nicht endgültig. Denn Ersatzteile für diesen Schiffstyp gebe es nicht mehr.
Wir sind inzwischen fast drei Stunden unterwegs, und nur im Süden ist noch schemenhaft ein Uferstreifen zu erkennen. Ansonsten Wasser, so weit das Auge reicht. Der Onega-See ist – nach dem benachbarten Ladoga-See – der größte Europas. Jetzt packt Maxim zum ersten Mal seine Kamera aus und wartet auf das weiche Nachmittagslicht, das die Schatten der phantastischen Wolkenformationen auf dem fast ruhigen Wasser wie von Zauberhand zerfließen lässt.
Mehr als ein Jahr haben wir diese Drehreise vorbereitet. Sie soll uns kreuz und quer durch Karelien führen, jenes sagenumwobene Grenzland zwischen Russland und Finnland. Es erstreckt sich von St.Petersburg bis zum nördlichen Polarkreis, vom Finnischen Meerbusen im Westen bis zum eisbedeckten Weißen Meer im Osten. Als «Land der blauen Seen, schroffen Felsen, wilden Flüsse und unendlichen Wälder» wird es in unzähligen Gedichten und Liedern beschrieben; ein Land, umrankt von geheimnisvollen Mythen, die bis in die graue Vorzeit zurückreichen.
Fast die Hälfte der Fläche Kareliens ist von Wasser bedeckt, mehr als sechzigtausend Seen sollen es sein. Der Rest sind Wälder – das größte Waldgebiet Europas, der größte Sauerstoffproduzent des Kontinents.
Das alles haben wir in vielen klugen Büchern gelesen. Und es geht uns erneut durch den Kopf, während unser «Sturmvogel» ächzend durch das tiefblaue Wasser pflügt. Wir – das sind Kameramann Maxim aus St.Petersburg, mit dem ich schon Filme über Ostpreußen, den Baikalsee, Sibirien und Feuerland gedreht habe; dazu Toningenieur Andrej, ebenfalls erprobt in Sibirien und am Baikalsee, Gabi Mühlenbrock, die uns als Fotografin bereits auf mehreren dieser Reisen begleitete, sowie Igor Nedoresov, seit vielen Jahren als Producer für das ARD-Studio in Moskau tätig.
Für Maxim und Igor war die Idee, einen Film über Karelien zu machen, naheliegend – im Wortsinne. Sie leben in St.Petersburg, und Karelien beginnt fast vor ihrer Haustür. Die Natur wie die Geschichte dieser Landschaft sind ihnen seit Kindheit vertraut, die dunklen Zeiten ebenso wie die hellen, wie es in einer russischen Redewendung heißt.
Obwohl im hohen Norden gelegen, ist Karelien eine der ältesten Kulturlandschaften Europas. Über sechstausend Jahre alte Steinzeichnungen an der Küste des Weißen Meeres, unweit des Polarkreises, sind gut erhalten und zeugen vom Leben und Alltag der urzeitlichen Meeres- und Taigajäger in dieser Region. Der Süden Kareliens birgt einzigartige kulturhistorische Denkmäler, kunstvolle Bauten altrussischer Holz- und Steinarchitektur, die nach dem Ende der Sowjetunion teilweise wieder ihrer geistlichen Bestimmung übergeben wurden.
Seit dem 12.Jahrhundert hatten sich hier im Nordosten Russlands, wo es keine Leibeigenschaft gab, russische Bauern angesiedelt, die meist im Frieden mit den karelischen Urvölkern – vor allem Kareliern, Wepsen, Samen – lebten. Russisch-orthodoxe Einsiedlermönche gründeten an den äußeren Grenzen Kareliens mächtige Klöster und Kirchen, die, wie es in einer alten Chronik heißt, «Frieden und Ruhe in den Herzen der Menschen des Nordens verteidigen sollten». Und bald schon brachten sie die finnisch-ugrischen Urbewohner Kareliens dazu, den orthodoxen Glauben der Russen anzunehmen. Der Reichtum der Natur und der Fleiß seiner Bewohner, meist Bauern, Handwerker und Fischer, ließen Karelien bis ins 19.Jahrhundert zur wohlhabendsten Region Nordrusslands und Finnlands werden.
Doch auch die dunklen Zeiten Kareliens sind uns bewusst. Nur wenige Regionen Europas wurden in der Geschichte so heftig umkämpft wie das – gemessen an seiner Gesamtfläche – fast menschenleere Karelien. Auch heute noch leben dort, auf einem Territorium beinahe so groß wie Deutschland, weniger Menschen als etwa in Köln, knapp achthunderttausend. Jahrhundertelang war Karelien Spielball der großmächtigen Nachbarn Russland und Schweden, gebeutelt von Kriegen, Schauplatz blutiger Schlachten, Reibungsfläche zwischen östlicher und westlicher Kultur und Religion. Noch im vergangenen Jahrhundert lieferten sich Russen und Finnen, deren Staat erst 1917 unabhängig wurde, blutige Kämpfe um Karelien – den legendären «Winterkrieg» 1939/40 und den «Fortsetzungskrieg» an der Seite der deutschen Wehrmacht in den Jahren 1941 bis 1944, der schließlich mit dem Sieg der Roten Armee und der Teilung Kareliens endete. Fast neun Zehntel Kareliens fielen an die Sowjetunion, der Rest verblieb bei Finnland. Und so ist es bis heute.
Auf der fast achtstündigen Autofahrt von St.Petersburg in nordöstlicher Richtung zum Onega-See haben wir eine Grenzstation passiert, an der uns – quer über die Straße – ein großes Transparent begrüßte: «Willkommen in der Autonomen Russischen Republik Karelien». Kontrolliert wurden wir nicht. Die Autonomie habe nichts zu bedeuten, murmelte Igor. Sie stehe nur auf dem Papier. Auch in Russisch-Karelien werde alles Wichtige von Moskau entschieden.
Gegen Abend kommt über dem Onega-See Wind auf. Wir haben gelesen, dass der Name des Sees aus dem Finnischen stammt und «rauschendes Gewässer» bedeute, was auf die heftig tosenden Wellen während der Herbst- und Frühlingsstürme zurückzuführen sei. Doch unser Kapitän beruhigt uns. Zum einen hätten wir Sommer, und ohnehin sei es nicht mehr weit bis zum ersten Ziel unserer Drehreise – der Insel Kishi, einer von etwa 1400Inseln im Onega-See. Sie wird im russischen Volksmund die «Perle Kareliens» genannt. Und als sich die ersten Kuppeln und Türme am Horizont aus dem Wasser erheben, verstehen wir auch, warum. Ihre Schönheit macht uns sprachlos, und Maxim schaltet die Kamera nicht mehr aus. Er lässt sie einfach weiterlaufen – bis es dunkel wird und unser «Sturmvogel» unweit des einzigartigen Kirchenensembles von Kishi an einer einsamen Hütte mitten im Schilf anlegt.
Aus: Das Kreuz des Nordens. Reise durch Karelien, Berlin 2007
Freunde in St.Petersburg hatten uns gewarnt: «In Karelien werdet ihr unendlich viel Wald sehen, unendlich viele Seen. Und unendlich viele Kreuze.» Sie sollten recht behalten. Schon in den ersten Tagen unserer Drehreise sind wir an unzähligen Kreuzen vorbeigekommen; manchmal stehen sie vereinzelt irgendwo im Zentrum oder am Rande von Ortschaften, zuweilen tauchen sie unvermittelt aus der Landschaft auf. In großen Gruppen sind sie versteckt irgendwo in den Wäldern zu finden, an den Ufern von Seen und Flüssen. Es sind keine Friedhöfe für Menschen, die eines natürlichen Todes starben, sondern Gedenkstätten für Ermordete, Gefallene, Verhungerte, Erfrorene…
«Kreuze in Karelien» lautet der Titel eines Buches des finnischen Autors Väinö Linna, das den Toten der finnisch-russischen Kämpfe im Zweiten Weltkrieg gewidmet ist und die Leser weit über Finnland hinaus erschüttert hat. Doch die Gräber der gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen, an denen wir vorbeikommen, erzählen nicht nur von den Toten des Zweiten Weltkriegs, sondern auch von denen des Stalin-Terrors in Karelien, den deutschen Kriegsgefangenen und verschleppten Zivilisten, die in den Lagern zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer, zwischen St.Petersburg und dem Polarkreis ihr Leben ließen. Das Kreuz ist zum Symbol der Tragödie Kareliens geworden.
Wir haben unser Schiff, den «Sturmvogel», verlassen und sind in einen Kleinbus umgestiegen. Er soll uns weiter nach Norden bringen, dorthin, wo der Onega-See endet und der ebenso legendäre wie berüchtigte Weißmeer-Kanal beginnt. Er verbindet die Ostsee mit dem Weißen Meer und trug früher den Namen «Stalin-Kanal». Unterwegs dorthin biegen wir bei dem Dorf Sandormoch von der Hauptstraße ab, in einen Wald, der als einer der grauenvollsten Orte in der Geschichte Kareliens gilt.
Hier liegen, in Massengräbern unter einer dünnen Sandschicht, etwa zehntausend Opfer des Stalin’schen Massenterrors, Gulag-Häftlinge, politische Gefangene aus Lagern in allen Teilen Kareliens, erschossen von der NKWD zwischen August 1937 und Dezember 1938.Allein in einer Woche Ende Oktober 1937, so besagen es die NKWD-Akten, wurden hier 1111Häftlinge aus dem Lager Solowki, einer Inselgruppe im Weißen Meer, umgebracht. Menschen aus 62Nationen wurden im Wald von Sandormoch verscharrt. Doch entdeckt wurden sie erst nach der Perestrojka, im Jahr 1996 – von der russischen Menschenrechtsorganisation «Memorial». Bis dahin galt das Schicksal der hier Ermordeten für die sowjetischen Behörden offiziell als «ungeklärt».
Einer Fahrt durch den Weißmeer-Kanal, so hat uns Igor, unser Producer, erklärt, stehen zwei nur schwer überwindbare Hürden im Weg. Zum einen braucht man wie zu Sowjetzeiten einen «Propusk». Ohne diese Sondergenehmigung, eine Art offizieller Passierschein, darf niemand diesen Kanal befahren, vor allem kein Ausländer. Selbst im Zeitalter der Satelliten, die aus dem Weltall ohne Mühe jedes Autonummernschild an jedem Punkt der Erde identifizieren können, scheint in Russland die traditionelle Spionagehysterie ungebrochen. Zuständig für den «Propusk» ist die staatliche Verwaltung des Kanals, die aber in diesem Fall nur ausführendes Organ des FSB ist, der Nachfolgeorganisation von KGB und NKWD. Doch Igor hat im Laufe seines Berufslebens genügend Erfahrungen gesammelt im Kampf um Drehgenehmigungen vom FSB und ist auch diesmal optimistisch. Im Gegensatz zu früheren Zeiten verhandelt er die Angelegenheit jetzt sogar ohne kleine «Aufmerksamkeiten» direkt mit dem lokalen FSB-Chef. Den «Zeitlich begrenzten Propusk für das Passieren des Ostsee-Weißmeer-Kanals», auf weißem Pappkarton mit vielen Stempeln, werde ich rahmen lassen. Für die russischen Kollegen ist er ohne besonderen Sammlerwert. Sie besitzen vergleichbare «Dokumente» bereits im Übermaß.
Die zweite Hürde, die Igor zu meistern hat, scheint etwas weniger schwierig, erweist sich aber als fast unüberwindlich – ein Schiff zu finden, das uns an Bord nimmt für die Fahrt durch den Kanal. Iwan, unser Kapitän des «Sturmvogels», hat nur eine Lizenz für den Onega-See, muss also kehrtmachen. Unsere Vorstellung, man könne einfach einen Passagierdampfer oder Frachter besteigen, dessen Reise durch den Weißmeer-Kanal geht, ist naiv. Während zu Sowjetzeiten nämlich bis zu fünfzig Schiffe täglich den einstigen «Stalin-Kanal» passierten, sind es heute «nur noch zwei oder eins oder gar keins», wie uns der Chef der Kanalverwaltung bekümmert erklärt. Der Niedergang der Wirtschaft im hohen Norden Russlands, die Konkurrenz durch Straße und Schiene – es gebe viele Gründe… Nach mehreren Telefonaten und Nachforschungen im Ort Medweschegorsk, wo die Kanalverwaltung ihren Sitz hat, kommt Igor eine Idee. Er hat gehört, dass es in der Siedlung an der Einfahrt zum Kanal einen «Klub der jungen Seeleute» gibt, der einen eigenen, abgewrackten Kahn besitzt – er sei möglicherweise noch fahrtüchtig, vorausgesetzt, der Klub habe das Geld für Treibstoff. Doch daran, beschließen wir, soll es nicht scheitern.
Das Boot der «jungen Seeleute» erweist sich wie erwartet als ein fast durchgerosteter kleiner Schlepper mit eingeschlagenen Scheiben im Ruderhäuschen, ohne Radar, Echolot, Rettungsringe, ohne Funkanlage, ohne Klo. Aber der Kapitän, ein Seemann, der später Lehrer wurde und heute den «Klub der jungen Seeleute» leitet, ist ausgesprochen freundlich und jedem Wunsch, jeder Frage gegenüber aufgeschlossen.
Er wuchs am Weißmeer-Kanal auf, kennt ihn wie seinen Vorgarten, sagt er. Und er hat noch die Überlebenden der Lager kennengelernt, die diesen Kanal auf persönlichen Befehl Stalins als Sklavenarbeiter gebaut haben. Wie viele Tote der Bau des Kanals gekostet hat, weiß niemand genau. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass von den mehr als 130000Männern und Frauen, die den Kanal mit bloßen Händen, Hammer und Meißel in die Felsen und den gefrorenen Sand des russischen Nordens graben mussten, mindestens 30000 umkamen.
Doch an die Opfer, die der Bau des von Stalin geforderten «sozialistischen Jahrhundertwerks» mit dem Leben bezahlt haben, gibt es entlang des Kanals heute kaum eine Erinnerung. Nur ein schlichtes Kreuz an der Einfahrt vom Onega-See in die erste Kanalschleuse ist zu ihrem Gedenken errichtet. Ansonsten sind die Ufer, an denen sich einst Lagerbaracke an Lagerbaracke reihte, fast überall mit jungem Wald bepflanzt. Dazwischen hat man Gärten angelegt und Datschen gebaut. Die Schrecken der Vergangenheit sollten dem Vergessen anheimfallen. So wollte es die Sowjetmacht.
