Feuerkind - Stephen King - E-Book

Feuerkind E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Verfilmt unter dem Titel „Der Feuerteufel“

Das Mädchen Charlie kann allein mit Gedanken Feuersbrünste entfachen. Ihre Eltern verlangen, dass sie diese Macht niemals einsetzt. Aber gilt das auch, wenn das eigene Leben, das Leben der Familie bedroht wird?

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STEPHEN KING

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von Harro Christensen

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

DAS BUCH

Das junge Mädchen Charlene »Charlie« McGee verfügt über die Gabe der Pyrokinese: Allein mittels Gedankenkraft kann sie Feuer entfachen. Ihre Eltern, Andy und Vicky, hatten in den 1960ern als Probanden bei mysteriösen Experimenten des geheimdienstlichen Department of Scientific Intelligence (»die Firma«) gedient. Ihnen wurde das Halluzinogen Lot Sechs verabreicht, um schlummernde übersinnliche Fähigkeiten zu wecken. Und offenbar hat die Droge auch das Erbgut verändert: Was bei den Eltern nur zögerlich in Erscheinung tritt – Andy kann mittels Gedanken andere Menschen beeinflussen –, zeigt sich bei Charlie in voller Ausprägung. Als die Firma davon erfährt, macht sie Jagd auf Andy und Charlie, für die nun eine schier unendliche Flucht beginnt. Die paranormale Fähigkeit bei Charlie wächst, je älter sie wird; man vermutet, dass sie eines Tages allein mittels Willenskraft eine nukleare Explosion wird auslösen können …

Verfilmt unter dem Titel Firestarter – DerFeuerteufel (1984) mit Drew Barrymore als Charlie und David Keith als Andy.

DER AUTOR

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, veröffentlichte schon als Student Kurzgeschichten. Sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Bei Heyne erschien zuletzt sein Bestseller Love.

Die Originalausgabe FIRESTARTER erschien bei Viking Books, a division of Penguin Group (USA) Inc.

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 10/2007 Copyright © 1980 by Stephen King Copyright © 1984 der deutschsprachigen Ausgabe by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch-Gladbach Copyright © 2007 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Umschlagfotos: © Steve Marsel/Getty Images Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, München – Zürich Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels

eISBN: 978-3-641-20614-7V001

www.heyne.de

www.randomhouse.de

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorCopyrightNew York/Albany
12345 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24
Longmont, Virginia: Die Firma
1 2 3 4 5 6 7
Der Zwischenfall auf der Mandersfarm
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19
Washington, D.C.
1 2
Tashmore, Vermont
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Cap und Rainbird
1 2
Im Kasten
1 2 3 4 5
Stromausfall
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Kleine Feuer, Großer Bruder
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23
Endspiel
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19
Feuerkind
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24
Charlie allein
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

New York/Albany

1         »Daddy, ich bin müde«, sagte das kleine Mädchen in der roten Hose und der grünen Bluse gereizt. »Können wir nicht stehen bleiben?«

»Noch nicht, Honey.«

Der Mann war groß und breitschultrig und trug eine schäbige Cordjacke mit abgewetzten Ärmeln und eine braune Hose aus grobem Stoff. Er und das kleine Mädchen gingen Hand in Hand die Third Avenue in New York City hinauf. Sie gingen schnell. Fast liefen sie. Er schaute über die Schulter zurück, und der grüne Wagen war immer noch da und schlich langsam auf der rechten Spur dahin.

»Bitte, Daddy, bitte.«

Er schaute sie an und sah, wie blass ihr Gesicht war. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er nahm sie hoch und ließ sie in seiner Armbeuge sitzen, aber er wusste nicht, wie lange er das noch schaffte. Auch er war müde, und Charlie war kein Leichtgewicht mehr.

Es war fünf Uhr dreißig nachmittags, und die Third Avenue war verstopft. Sie passierten die Querstraßen in den oberen Sechzigern, und diese Querstraßen waren dunkler und weniger belebt … Aber gerade das fürchtete er.

Sie rempelten eine Dame an, die einen Einkaufswagen mit Lebensmitteln schob. »Passen Sie doch auf!«, sagte sie, und dann war sie verschwunden, aufgesogen von der hastenden Menge.

Sein Arm ermüdete, und er verlagerte Charlies Gewicht auf den anderen. Noch einmal schaute er sich kurz um, und der grüne Wagen war immer noch da. Er verfolgte sie und war nur noch einen halben Block hinter ihnen. Auf dem Vordersitz saßen zwei Männer, und er meinte, auf dem Rücksitz einen Dritten ausgemacht zu haben.

Was soll ich jetzt tun?

Darauf wusste er keine Antwort. Er war müde und hatte Angst und konnte kaum noch denken. Sie hatten ihn zu einer ungünstigen Zeit erwischt, und die Schweine wussten das wahrscheinlich. Er wollte jetzt nur eins: sich auf die dreckige Bordsteinkante setzen und seine Verzweiflung und seine Angst herausschreien. Aber das war keine Lösung. Schließlich war er der Erwachsene. Er musste für sie beide denken.

Was sollen wir jetzt tun?

Kein Geld. Das war, von den Männern im grünen Wagen abgesehen, vielleicht das größte Problem. Ohne Geld war in New York nichts zu machen. Leute ohne Geld verschwanden ganz einfach von der Bildfläche; sie tauchten in den Gassen unter und wurden nie mehr gesehen.

Wieder schaute er sich um und sah, dass der grüne Wagen aufgerückt war, und der Schweiß lief ihm noch ein wenig schneller den Rücken und die Arme hinunter. Wenn sie so viel wussten, wie er vermutete – nämlich wie wenig ihm von seinen außergewöhnlichen Kräften noch verblieben war –, könnten sie vielleicht versuchen, ihn gleich hier zu greifen. Selbst die vielen Leute würden sie davon nicht abhalten. Wenn man in New York nicht selbst betroffen war, entwickelte man eben diese eigenartige Gleichgültigkeit. Haben sie meine sämtlichen Daten?, überlegte Andy verzweifelt. Wenn ja, dann ist alles gelaufen; dann saß er in der Falle. Wenn sie die Daten hatten, dann kannten sie auch das ganze Muster. Wenn Andy Geld bekam, passierten die seltsamen Dinge für eine Weile nicht mehr. Die Dinge, an denen sie so brennend interessiert waren.

Weitergehen. Klar, Chef. Gewiss doch, Chef. Wohin?

Er war mittags zur Bank gegangen, denn sein inneres Radar hatte ihn alarmiert – diese komische Ahnung, dass sie schon wieder näher gekommen waren. Und war das nicht eigenartig? Andrew McGee hatte bei der Chemical Allied Bank von New York kein Konto mehr, kein persönliches, kein Giro-, kein Sparkonto. Alle Konten hatten sich in Luft aufgelöst. Und nun wusste er, dass sie diesmal wirklich Ernst machten. War das Ganze tatsächlich erst fünfeinhalb Stunden her?

Aber vielleicht war ihm von seinen Fähigkeiten ein kleiner Rest geblieben. Nur ein winziger Rest. Das letzte Mal lag fast eine Woche zurück – da war dieser Selbstmordkandidat aus der von ihm geleiteten Selbsterfahrungsgruppe, der an einem der regelmäßig am Donnerstagabend stattfindenden Beratungsgespräche teilgenommen hatte und dann mit geradezu gespenstischer Gelassenheit über Hemingways Selbstmord referiert und sich dafür begeistert hatte. Und auf dem Weg nach draußen hatte Andy wie beiläufig den Arm um die Schultern des Selbstmordkandidaten gelegt und ihn psychisch beeinflusst. Hatte sich das wirklich gelohnt? Denn jetzt sah es so aus, als ob er und Charlie dafür büßen müssten. Fast hoffte er, dass ein Echo …

Aber nein. Entsetzt und von sich selbst angewidert, gab er den Gedanken sofort auf. Das durfte man niemandem wünschen.

Nur ein kleiner Rest, betete er. Lieber Gott, nur ein kleiner Rest. Nur genug, Charlie und mich aus dieser Klemme zu retten.

Und wie ich dafür büßen werde … Ganz abgesehen davon, dass ich einen Monat lang so tot sein werde wie ein Radio mit einer geplatzten Röhre. Vielleicht sogar sechs Wochen lang. Vielleicht sogar wirklich tot, und mein nutzloses Gehirn wird mir aus den Ohren hinausrinnen. Aber was soll dann aus Charlie werden?

Vor ihnen lag die 70. Straße, und die Ampeln zeigten auf Rot. Der Querverkehr strömte vorbei, und an der Ecke stauten sich die Passanten. Und plötzlich wusste er, dass dies genau die Stelle war, wo die Männer aus dem grünen Wagen sie erwischen würden. Wenn möglich, natürlich lebendig, aber wenn sie Ärger befürchteten … Über Charlie wussten sie wahrscheinlich ebenfalls genau Bescheid.

Vielleicht sind sie gar nicht mehr daran interessiert, uns lebend zu erwischen. Was macht man mit einer Gleichung, die nicht stimmt? Man wischt sie einfach von der Tafel.

Ein Messer in den Rücken, eine Pistole mit Schalldämpfer, möglicherweise auch etwas noch Unauffälligeres – ein Tropfen eines seltenen Giftes an der Spitze einer Nadel. Zuckungen an der Ecke Third Avenue und 70. Straße. Officer, sehen Sie doch, der Mann hat einen Herzanfall!

Diesen letzten Rest seiner Fähigkeiten musste er nutzen. Es gab keine andere Möglichkeit.

Jetzt erreichten sie die an der Ecke wartenden Passanten. Die Ampel drüben zeigte immer noch Rot, es schien eine Ewigkeit zu dauern. Er schaute zurück. Der grüne Wagen stand. Zum Bürgersteig hin öffnete sich der Schlag, und zwei Männer in Straßenanzügen stiegen aus. Es waren junge Leute mit glatten Gesichtern, und sie sahen sehr viel frischer aus, als Andy McGee sich fühlte.

Mit den Ellbogen bahnte er sich einen Weg durch die Menge, und dabei sah er sich verzweifelt nach einem Taxi um.

»Heh, Mann …«

»Verdammt noch mal, Sie Idiot!«

»Bitte, Mister, Sie haben meinen Hund getreten …«

»Entschuldigen Sie bitte … Verzeihung …«, sagte Andy verzweifelt.

Er suchte ein Taxi. Es gab keins. Zu jeder anderen Zeit hätte es auf der Straße von Taxis gewimmelt. Er spürte körperlich, wie die Kerle aus dem grünen Wagen sich ihnen näherten, ihn und Charlie greifen wollten, um sie Gott weiß wohin zu schaffen. Vielleicht zur Firma, vielleicht auch an einen anderen verdammten Ort, und vielleicht kam es noch schlimmer.

Charlie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und gähnte.

Andy sah ein leeres Taxi.

»Taxi, Taxi!«, brüllte er und winkte wie verrückt mit der freien Hand.

Hinter ihm ließen die Männer die Maske fallen. Sie rannten los.

Das Taxi stoppte.

»Halt!«, brüllte einer der Männer. »Polizei! Polizei!«

Hinten in der Menge kreischte eine Frau, dann rannte alles auseinander.

Andy öffnete die hintere Tür und schob Charlie in den Wagen. Dann glitt er selbst hinein. »La Guardia, aber zügig«, sagte er.

»Warten Sie, Fahrer. Polizei!«

Der Taxifahrer drehte sich um, und Andy setzte seine psychischen Waffen ein. Es war, als würde ihm ein Dolch mitten in die Stirn gestoßen und rasch wieder herausgezogen. Zuerst rasender und stechender Schmerz, dann ein dumpfer Schmerz wie nach einer Nacht, wenn man schief in seinem Bett gelegen hat.

»Sie sind hinter dem Schwarzen her, dem mit der karierten Mütze«, sagte er dem Fahrer.

»Wahrscheinlich«, meinte der Fahrer und gab Gas. Sie fuhren die 70. Straße Ost hinunter.

Andy schaute zurück. Die beiden Männer standen allein am Bordstein. Die übrigen Passanten wollten mit ihnen nichts zu tun haben. Einer der Männer nahm ein Funksprechgerät, das er am Gürtel hängen hatte, und sprach hinein. Dann waren sie verschwunden.

»Dieser Schwarze«, sagte der Fahrer, »was hat er gemacht? Schnapsladen ausgeräumt, was?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Andy und überlegte fieberhaft, was er tun konnte, um mit geringstem Aufwand möglichst viel aus diesem Taxifahrer herauszuholen. Hatten sie die Wagennummer? Das musste er wohl annehmen. Aber sie würden sich nicht an die City Police oder die Jungs von der Staatspolizei wenden wollen. Fürs Erste waren sie ausgetrickst worden und tappten im Dunklen.

»Die Schwarzen hier. Alles rauschgiftsüchtiges Pack«, sagte der Fahrer. »Erzählen Sie mir nichts, sag ich Ihnen.«

Charlie war eingeschlafen. Andy zog sich die Cordjacke aus, faltete sie zusammen und legte sie ihr unter den Kopf. Er hatte einen vagen Hoffnungsschimmer. Wenn er keinen Fehler machte, könnte es funktionieren. Die Glücksgöttin hatte ihm einen Mann geschickt, der, wie Andy (ohne jedes Vorurteil) dachte, leicht zu beeinflussen war. Der Fahrer war in jeder Hinsicht leicht zu beeinflussen: Er war ein Weißer (bei Farbigen war es aus unerfindlichen Gründen am schwierigsten), er war ziemlich jung (bei alten Leuten war es fast unmöglich) und von mittlerer Intelligenz (gescheite Leute schaffte man am leichtesten, bei dummen war es schwerer, und bei geistig zurückgebliebenen klappte es nie).

»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte Andy. »Fahren Sie uns nach Albany, bitte.«

»Wohin?« Der Fahrer starrte ihn im Rückspiegel an. »Mann, ich kann doch keine Fuhre nach Albany annehmen. Sind Sie denn verrückt geworden?«

Andy zog seine Brieftasche, in der noch eine Eindollarnote steckte. Er konnte Gott danken, dass dies kein Taxi mit einer schusssicheren Trennscheibe war, in dem man außer durch den Geldschlitz keinen Kontakt mit dem Fahrer hatte. Bei ungehindertem Kontakt konnte man die Leute besser beeinflussen. Er hatte nie ganz begriffen, ob es sich dabei um irgendetwas Psychologisches handelte, aber das spielte im Augenblick keine Rolle.

»Ich gebe Ihnen fünfhundert Dollar«, sagte Andy ruhig, »wenn Sie mich und meine Tochter nach Albany fahren, okay?«

»Mein Gott, Mister …«

Andy drückte ihm den Schein in die Hand, und als der Fahrer die Banknote betrachtete, stieß Andy zu … und er stieß hart zu. Eine schreckliche Sekunde lang fürchtete er, dass er es nicht schaffen würde, dass einfach nichts mehr übrig war, dass er seine letzte Kraft damit verbraucht hatte, dem Fahrer einen nicht existierenden schwarzen Räuber mit karierter Mütze einzureden.

Und dann kam das Gefühl – wie immer begleitet von diesem scharfen Schmerz, als hätte er einen Dolchstoß empfangen. Im gleichen Augenblick schien sein Magen immer schwerer zu werden, und seine Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Die Hand zitterte, und er überlegte schon, ob er aufgeben sollte … oder sterben. In diesem einen Augenblick wollte er sterben. Das war immer so, wenn er von seinen Kräften übermäßigen Gebrauch gemacht hatte – Nehmt es, aber übernehmt euch nicht, dieser Spruch, mit dem vor langer Zeit ein Discjockey sein Programm zu beenden pflegte, schoss ihm durch den Kopf und erregte zusätzliche Übelkeit – was immer dieses »es« bedeuten sollte. Wenn ihm genau in diesem Moment jemand eine Kanone zugesteckt hätte …

Dann schaute er zu Charlie hinüber, Charlie, die schlief, Charlie, die sich darauf verließ, dass er sie beide aus dieser Klemme herausholen würde wie aus allen anderen, Charlie, die darauf vertraute, dass er bei ihr sein würde, wenn sie aufwachte. Ja, all diese Schwierigkeiten, außer dass es immer die gleiche Schwierigkeit war, die gleiche verdammte Schwierigkeit, und auch jetzt wieder konnten sie nur eines tun: abhauen. Schwarze Verzweiflung quälte ihn.

Das Gefühl verschwand … aber nicht die Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen würden immer schlimmer werden, bis es war, als hämmerte ihm ein schweres Gewicht auf Kopf und Nacken, das ihm bei jedem Pulsschlag rot glühende Qual verursachte. Helle Blitze würden ihm die Augen tränen lassen, und wie mit brennenden Pfeilen würde der Schmerz das Gewebe ringsum durchdringen. Seine Nasenhöhlen würden verstopfen, sodass er nur noch durch den Mund atmen konnte. Die Schläfen wie durchbohrt. Leise Geräusche enorm verstärkt, normale Geräusche wie die von Presslufthämmern, laute Geräusche unerträglich. Die Kopfschmerzen würden so arg werden, dass es sich anfühlte, als werde ihm in einer Folterkammer der Inquisition der Kopf zerquetscht. Bei dieser Intensität verharrte der Schmerz dann sechs, acht, vielleicht zehn Stunden.

Wie es diesmal sein würde, wusste er nicht. Noch nie hatte er seine psychischen Kräfte bei schon fast eingetretener Leere so sehr verausgabt. Wie lange ihn auch die Kopfschmerzen in den Klauen behielten, er würde während dieser Zeit nahezu hilflos sein. Charlie würde ihn in ihre Obhut nehmen müssen. Weiß Gott, das hatte sie schon mehr als einmal getan … Aber sie hatten immer Glück gehabt. Wie oft hatte man Glück?

»Verdammt, Mister, ich weiß nicht recht …«

Das bedeutete, dass er irgendeinen Ärger mit der Polizei vermutete.

»Der Handel gilt nur, wenn Sie meiner kleinen Tochter nichts davon sagen«, bemerkte Andy. »Sie war in den letzten zwei Wochen bei mir. Sie muss morgen früh wieder bei ihrer Mutter sein.«

»Besuchsrechte«, sagte der Fahrer. »Darin kenn ich mich aus.«

»Wissen Sie, ich sollte eigentlich mit ihr fliegen.«

»Nach Albany? Wahrscheinlich Ozark, stimmt’s?«

»Stimmt. Nun habe ich aber eine Todesangst vor dem Fliegen. Ich weiß, wie verrückt sich das anhört, aber es ist so. Gewöhnlich bringe ich sie mit dem Wagen zurück, aber diesmal hat meine Frau gemeckert, und … ich weiß nicht.« Andy wusste wirklich nicht. Er hatte die Geschichte ohne lange Überlegung zusammengebastelt, und jetzt schien er in eine Sackgasse geraten zu sein. Das lag an seiner Erschöpfung.

»Dann setze ich Sie also am alten Flugplatz von Albany ab, und Mutti meint, Sie sind geflogen, klar?«

»Natürlich.« Ihm dröhnte der Kopf.

»Und außerdem denkt Mutti dann nicht, dass Sie ein Jammerlappen sind, stimmt’s?«

»Ja.« Konnte der Kerl nicht endlich die Klappe halten? Die Schmerzen wurden schlimmer.

»Fünfhundert Dollar, nur um nicht fliegen zu müssen«, murmelte der Fahrer, und schüttelte den Kopf.

»Das ist es mir wert«, sagte Andy und setzte noch einmal nach. Mit ruhiger Stimme und dem Fahrer fast direkt ins Ohr fügte er hinzu: »Und Ihnen sollte es das auch wert sein.«

»Hören Sie zu«, sagte der Fahrer mit verträumter Stimme, »ich lehne doch keine fünfhundert Dollar ab. Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen, sag ich Ihnen.«

»Okay«, sagte Andy und lehnte sich zurück.

Der Taxifahrer war beruhigt. Er wunderte sich nicht über Andys fadenscheinige Geschichte. Er wunderte sich nicht darüber, wieso ein siebenjähriges Mädchen im Oktober ihren Vater besuchte, wo sie doch zur Schule musste. Er wunderte sich auch nicht darüber, dass die beiden nicht einmal eine Tasche bei sich hatten. Er machte sich nicht die geringsten Sorgen. Er war psychisch beeinflusst worden.

Und dafür würde Andy jetzt büßen müssen.

Er legte eine Hand auf Charlies Knie. Sie schlief fest. Den ganzen Nachmittag waren sie unterwegs gewesen – seit Andy sie in der Schule aufgesucht und mit einer Allerweltsausrede aus der zweiten Klasse herausgeholt hatte … Ihre Großmutter ist schwer krank … Muss nach Hause … Tut mir leid, dass ich mitten im Unterricht stören muss. Und dann die große Erleichterung. Wie hatte er gefürchtet, Charlies Platz in Mrs Mishkins Unterrichtsraum leer zu finden, die Bücher fein säuberlich im Pult verstaut: Nein, Mr McGee … Sie wurde vor zwei Stunden von Freunden abgeholt … Sie hatten ein Entschuldigungsschreiben von Ihnen … Das war doch in Ordnung? Ihm kamen Erinnerungen an Vicky, das plötzliche Entsetzen an jenem Tage, als er in das leere Haus kam. Die wilde Suche nach Charlie. Schließlich hatten sie sie schon einmal in ihrer Gewalt gehabt, oh ja.

Aber Charlie hatte an ihrem Platz gesessen. Wie groß war sein Vorsprung? War er ihnen um eine halbe Stunde zuvorgekommen? Fünfzehn Minuten? Weniger? Er mochte gar nicht daran denken. Sie hatten bei Nathans noch eine Kleinigkeit gegessen, und den Rest des Nachmittags waren sie unterwegs gewesen, immer in Bewegung. Jetzt konnte Andy sich eingestehen, dass er in einem Zustand blinder Panik gewesen war – sie waren mit der U-Bahn und mit dem Bus gefahren, aber die meiste Zeit waren sie gelaufen. Und jetzt war die Kleine völlig fertig. Er warf ihr einen langen, liebevollen Blick zu. Sie trug schulterlanges Haar von leuchtendem Blond, und im Schlaf war ihr Gesicht von überwältigender Schönheit. Sie sah Vicky so ähnlich, dass es wehtat. Auch er schloss die Augen.

Auf dem Vordersitz betrachtete der Fahrer nachdenklich die Fünfhundertdollarnote, die der Kerl ihm gegeben hatte. Er schob sie in eine Extratasche am Gürtel, in der er sein Trinkgeld aufbewahrte. Es kam ihm nicht eigenartig vor, dass dieser Mann auf dem Rücksitz mit einem kleinen Mädchen und einer Fünfhundertdollarnote in der Tasche durch New York gelaufen war. Er machte sich auch keine Gedanken darüber, wie er die Sache mit seinem Fahrdienstleiter regeln sollte. Er dachte nur daran, wie aufgeregt seine Freundin Glyn sein würde. Glynis lag ihm ständig damit in den Ohren, was Taxifahren doch für ein elender und uninteressanter Job sei. Abwarten, bis sie diese elende, uninteressante Fünfhundertdollarnote sah.

Andy hielt auf dem Rücksitz den Kopf nach hinten und die Augen geschlossen. Die Kopfschmerzen suchten ihn heim, so unvermeidlich, wie ein schwarzes Pferd zu einem feierlichen Leichenbegängnis gehört. Er spürte den Hufschlag in den Schläfen. Ein monotones Stampfen.

Auf der Flucht. Er und Charlie. Er war vierunddreißig Jahre alt, und bis vor einem Jahr war er Dozent für Englisch am Harrison State College in Ohio gewesen. Harrison war eine verschlafene kleine Universitätsstadt. Das gute alte Harrison im Herzen Amerikas. Der gute alte Andrew McGee, ein anständiger und stattlicher junger Mann. Eine solide Stütze der Gesellschaft.

Erbarmungslos trabte der reiterlose Rappe in seinem Kopf herum, warf mit eisenbeschlagenen Hufen weiche Brocken grauen Gehirngewebes auf, hinterließ Hufabdrücke, die sich mit geheimnisvollen Blutströmen füllten.

Der Taxifahrer war leicht zu beeinflussen gewesen. Das stand fest. Ein ausgezeichneter Fahrer.

Er nickte ein und sah Charlies Gesicht. Und Charlies Gesicht verwandelte sich in Vickys Gesicht.

Andy McGee und seine Frau, die hübsche Vicky. Sie hatten ihr die Fingernägel herausgerissen, einen nach dem anderen. Vier Stück hatten sie ihr herausgerissen, und dann hatte sie geredet.

Das war jedenfalls seine Vermutung. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger. Dann: Aufhören. Ich werde reden. Ich werde alles sagen, was Sie wissen wollen. Wenn Sie nur aufhören. Bitte. Sie hatte also geredet. Und dann … vielleicht war es nur ein Unfall … dann war seine Frau gestorben. Nun, es gibt Dinge, die größer sind als wir beide, und andere Dinge sind größer als wir alle.

Die Firma zum Beispiel.

Der reiterlose Rappe trabte weiter und immer weiter: Seht nur, ein schwarzes Pferd.

Andy schlief.

Mit seinen Erinnerungen.

2         Das Experiment wurde von Dr. Wanless durchgeführt. Er war fettleibig, fast kahlköpfig und hatte mindestens eine recht bizarre Gewohnheit.

»Wir werden allen zwölf anwesenden jungen Damen und Herren je eine Injektion verpassen«, sagte er und zerfaserte dabei eine Zigarette, deren Bestandteile er in den vor ihm stehenden Aschenbecher fallen ließ. Seine kurzen, rosigen Finger zupften an dem dünnen Zigarettenpapier, bis es zerriss und feine Stränge goldbraunen Tabaks freigab. »Sechs dieser Injektionen bestehen aus Wasser. Die anderen enthalten zusätzlich eine chemische Verbindung, die wir Lot Sechs nennen. Die genaue Zusammensetzung dieser Verbindung ist geheim, aber im Wesentlichen handelt es sich um ein Hypnotikum zusammen mit einem milden Halluzinogenikum. Verstehen Sie bitte, dass wir das Mittel blind verabfolgen … das heißt, dass vorerst weder Sie noch wir wissen, wer nur das Wasser und wer zusätzlich die Wirkstoffe bekommen hat. Sie alle werden nach der Injektion achtundvierzig Stunden lang unter sorgfältiger Überwachung stehen. Noch Fragen?«

Es gab einige, und die meisten drehten sich um die genaue Zusammensetzung von Lot Sechs – das Wort geheim wirkte, als hätte man Bluthunde auf die Spur eines entwichenen Sträflings gesetzt. Wanless wich allen Fragen geschickt aus. Niemand hatte die Frage gestellt, an deren Beantwortung der zweiundzwanzigjährige Andy McGee am meisten interessiert war. In der Pause, die im fast leeren Hörsaal des kombinierten Psychologie/Soziologie-Instituts der Universität von Harrison entstand, wollte er sich schon zu Wort melden, um zu fragen, warum der Kerl denn Zigaretten zerriss, die wirklich noch zu gebrauchen waren. Aber lieber nicht. Lieber der Fantasie die Zügel schießen lassen, während dieser langweilige Mist hier ablief. Er wollte sich doch selbst gern das Rauchen abgewöhnen. Rauchen ist ein Zeichen dafür, dass man in der Oralphase stecken geblieben ist. Wer sich noch nicht aus der Analphase gelöst hat, reißt Zigaretten kaputt (Andy musste grinsen, aber er hielt sich die Hand vor den Mund, damit es nicht auffiel). Der Bruder von Dr. Wanless war an Lungenkrebs gestorben, und symbolisch ließ Wanless nun seinen Aggressionen gegen die Zigarettenindustrie freien Lauf. Vielleicht handelte es sich auch nur um eine jener dekorativen Marotten, die Universitätsprofessoren eher zur Schau stellten als unterdrückten. In seinem zweiten Jahr in Harrison hatte Andy einen Englischdozenten gehabt (der Mann lehrte glücklicherweise nicht mehr), der während einer Vorlesung über William Den Howells und den aufkommenden Realismus ständig an seiner Krawatte herumschnüffelte.

»Wenn es keine Fragen mehr gibt, bitte ich Sie, diese Formulare auszufüllen. Ich erwarte Sie dann pünktlich um neun Uhr am nächsten Dienstag.«

Seine beiden Assistenten verteilten Fotokopien mit fünfundzwanzig albernen Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten waren. Mussten Sie sich jemals einer psychiatrischen Behandlung unterziehen? – Nr. 8. Glauben Sie, dass Sie schon jemals ein authentisches parapsychisches Erlebnis gehabt haben? – Nr. 14. Haben Sie jemals halluzinogene Drogen genommen? – Nr. 18. Nach einer kleinen Pause beantwortete Andy die letztere mit Nein und dachte: Wir schreiben 1969. Gibt es noch einen, der noch keine genommen hat?

Quincey Temont, der Junge, mit dem er am College in einem Zimmer gewohnt hatte, hatte ihn auf den Gedanken gebracht, hier mitzumachen. Quincey wusste, dass es mit Andys Finanzen nicht gerade rosig aussah. Es war Mai, und Andy befand sich im letzten Studienjahr; er rangierte leistungsmäßig als Vierzigster in einem Jahrgang von fünfhundertsechs, und im Englischkursus war er Drittbester. Aber dafür konnte man sich nichts kaufen, wie er Quincey gesagt hatte, der Psychologie als Hauptfach hatte. Neben einer Assistentenstelle hatte Andy für den Herbst ein mit einem Darlehen kombiniertes Stipendium in Aussicht. Alles zusammen würde ausreichen, zu leben und in Harrison weiterzustudieren. Aber das begann alles erst im Herbst, und dazwischen lag eine lange Sommerpause. Er hatte nichts Besseres gefunden als den verantwortungsvollen und höchst abwechslungsreichen Job eines Arco-Tankwarts für die Nachtschicht.

»Möchtest du nicht auf die Schnelle zweihundert Dollar verdienen?«, hatte Quincey gefragt.

Andy wischte sich eine Strähne dunkles Haar aus den grünen Augen und grinste. »Für welche Herrentoilette soll ich ’ne Konzession beantragen?«

»Nein, es handelt sich um ein psychologisches Experiment«, sagte Quincey.

»Es wird allerdings von dem ›Verrückten Doktor‹ durchgeführt. Lass dich also warnen.«

»Wer ist das denn?«

»Ein gewisser Wanless, Tonto. Bedeutender Medizinmann aus der Psycho-Abteilung.«

»Warum nennt man ihn den ›Verrückten Doktor‹?«

»Nun«, sagte Quincey, »er hat es mit Rattenexperimenten, und außerdem ist er Verfechter der Lehre Skinners. Ein Behaviorist. Und Verhaltensforscher dieser Art werden heutzutage nicht gerade mit Liebe überschüttet.«

»Aha«, sagte Andy und wusste nicht recht, was Quincey meinte.

»Ansonsten trägt er eine sehr dicke randlose Brille, mit der er dem Kerl sehr ähnlich sieht, der in dem Film Dr. Cyclops die Menschen schrumpfen ließ. Hast du den Streifen mal gesehen?«

Andy sah sich gewohnheitsmäßig die Nachtprogramme an, kannte den Film und war jetzt schon besser im Bilde. Er war aber nicht sicher, ob er an Experimenten eines Professors teilnehmen sollte, den man wie folgt beschrieb: a) als den Mann mit den Rattenexperimenten und b) als den ›Verrückten Doktor‹.

»Die werden doch hoffentlich nicht versuchen, Menschen schrumpfen zu lassen?«, fragte er.

Quincey musste lachen. »Nein, das tun nur die Spezialisten, die an den Horrorfilmen arbeiten«, sagte er. »Die Psycho-Abteilung testet eine Reihe von harmlosen Halluzinogenen. Sie arbeiten mit dem US-Geheimdienst zusammen.«

»CIA?«, fragte Andy.

»Weder CIA, DIA noch NSA«, sagte Quincey. »Etwas weniger Bekanntes. Hast du schon mal von einem Laden gehört, den sie ›die Firma‹ nennen?«

»Vielleicht in einer Sonntagsbeilage oder so was. Ich weiß es nicht genau.«

Quincey zündete sich die Pfeife an. »Diese Dinge laufen in allen Disziplinen gleich ab«, sagte er. »Psychologie, Chemie, Physik, Biologie … Selbst die Jungs von der Soziologie kriegen etwas vom Kuchen ab. Gewisse Forschungsprogramme werden von der Regierung subventioniert. Vom Paarungsverhalten der Tsetsefliege bis zur Endlagerung verbrauchter Plutoniumstäbe. Ein Laden wie ›die Firma‹ muss zum Beispiel seinen jährlichen Etat ganz ausgeben, damit im nächsten Jahr der gleiche Betrag wieder überwiesen wird.«

»Wenn ich so was höre, wird mir ganz anders«, meinte Andy.

»Da wird jedem denkenden Menschen anders«, sagte Quincey in seiner ruhigen, sorglosen Art. »Aber diese Dinge laufen automatisch. Was will ein Zweig unserer Geheimdienste mit harmlosen Halluzinogenen? Wer weiß das? Ich nicht. Du nicht. Wahrscheinlich nicht einmal die Leute selbst. Aber in den Geheimausschüssen machen sich diese Berichte gut, wenn es um die Festlegung des Budgets geht. Sie haben in jeder Abteilung ihre Lieblinge. In Harrison ist Wanless in der Psycho-Abteilung ihr Liebling.«

»Kümmert sich die Regierung nicht darum?«

»Sei nicht naiv, mein Junge.« Die Pfeife brannte inzwischen zu seiner Zufriedenheit, und er stieß dichte, stinkende Rauchwolken aus, mit denen er das schäbige Wohnzimmer des Appartments verpestete. Mit rollender und entsprechend voll tönender Stimme sagte er: »Was für Wanless gut ist, ist gut für Harrisons psychologische Fakultät, die nächstes Jahr ihr eigenes Gebäude haben wird – ohne sich mit den Typen von der Soziologie quetschen zu müssen. Und was für die Psychologie gut ist, ist auch gut für das Harrison State College. Und für Ohio. Und das ganze übrige Blabla.«

»Glaubst du, dass es ungefährlich ist?«

»Wenn es nicht ungefährlich wäre, würden sie es nicht an freiwilligen Probanden aus der Studentenschaft testen«, sagte Quincey. »Wenn sie auch nur den geringsten Zweifel hätten, würden sie es zuerst an Ratten und dann an Sträflingen ausprobieren. Du kannst sicher sein: Was man dir injiziert, hat man schon dreihundert Leuten vor dir injiziert, deren Reaktionen dann sorgfältig überwacht wurden.«

»Mir gefällt die Sache mit der CIA nicht …«

»Du meinst ›die Firma‹.«

»Wo ist denn da der Unterschied?«, fragte Andy mürrisch. Er betrachtete Quinceys Poster mit Richard Nixon, der vor einem verbeulten Gebrauchtwagen stand. Nixon grinste, und aus jeder seiner behaarten Fäuste spreizten sich zwei Finger zum V-Zeichen. Andy konnte kaum glauben, dass dieser Mann noch vor kurzem gewählter Präsident gewesen war.

»Nun, ich dachte nur, dass du die zweihundert Dollar vielleicht brauchen könntest, weiter nichts.«

»Warum zahlen die denn so viel?«, fragte Andy misstrauisch.

Quinceys Hände fuhren hoch. »Andy, die hohen Zuschüsse von der Regierung! Kapierst du das denn nicht? Vor zwei Jahren hat die Firma ungefähr dreihunderttausend Dollar für eine Studie bezahlt, in der die Möglichkeit der Massenproduktion von Fahrrädern untersucht wurde, die selbsttätig explodierten – und das stand in der Sunday Times. Vermutlich waren die Dinger für Vietnam bestimmt, obwohl das wahrscheinlich niemand genau weiß. Wie der alte Spinner McGee immer sagte: ›Damals hielt man es für eine gute Idee‹.« Mit schnellen, ruckartigen Bewegungen klopfte Quincey seine Pfeife aus. »Für solche Leute ist jeder Universitäts-Campus in Amerika wie ein großes Warenhaus. Hier kaufen sie eine Kleinigkeit, dort sehen sie sich nur die Auslagen an. Wenn du also nicht willst …«

»Vielleicht will ich doch. Machst du denn selbst mit?«

Quincey hatte gelächelt. Sein Vater besaß in Ohio und Indiana eine Kette von äußerst gut gehenden Herrenmodegeschäften. »Ich brauche die zweihundert nicht so dringend«, sagte er. »Außerdem hasse ich Injektionsnadeln.«

»Hmm.«

»Hör zu, ich will dir die Sache nicht aufdrängen, verdammt noch mal; ich hatte nur den Eindruck, dass du knapp bei Kasse bist. Das Risiko, dass du in die eigentliche Kontrollgruppe gerätst, ist ohnehin nur fifty-fifty. Zweihundert Dollar für eine Wasserinjektion. Übrigens nicht einmal Leitungswasser. Destilliertes Wasser.«

»Kannst du das für mich arrangieren?«

»Ich gehe öfter mit einer von Wanless’ Assistentinnen aus«, sagte Quincey. »Es werden sich vielleicht fünfzig Leute melden, darunter viele Anfänger, die beim ›Verrückten Doktor‹ Punkte sammeln wollen …«

»Kannst du nicht aufhören, ihn so zu nennen?«

»Dann eben Wanless«, sagte Quincey und lachte. »Er wird persönlich dafür sorgen, dass die Radfahrer aussortiert werden. Und mein Mädchen wird dafür sorgen, dass dein Antrag im Eingangskorb landet. Danach, mein Lieber, kommt es nur noch auf dich selbst an.«

Also hatte er, als auf einer Bekanntmachung am schwarzen Brett der psychologischen Fakultät Freiwillige gesucht wurden, seinen Antrag bereits ausgefüllt. Eine Woche nachdem er ihn eingereicht hatte, rief ihn eine junge Assistentin (wahrscheinlich Quinceys Freundin) an, um einige Auskünfte einzuholen. Er sagte ihr, dass seine Eltern nicht mehr lebten; dass er die Blutgruppe o habe; dass er noch nie an einem Test der psychologischen Fakultät teilgenommen habe; dass er in Harrison ordnungsgemäß als Student eingeschrieben sei, dass er 1969 angefangen und die erforderliche Stundenzahl belegt habe. Aber ja, er sei schon über einundzwanzig und berechtigt, jede Art Verträge abzuschließen.

Eine Woche später erhielt er mit der Universitätspost ein Schreiben, in dem seine Teilnahme am Test bestätigt und er gebeten wurde, eine Freistellungsbescheinigung zu unterschreiben. Bitte geben Sie das unterschriebene Formular am 6. Mai in Zimmer 100 im Jason-Gearneigh-Gebäude ab.

Und jetzt saß er hier, die Freistellungsbescheinigung war schon abgegeben, der Zigarettenzerreißer Wanless gegangen (er sah tatsächlich dem ›Verrückten Doktor‹ in diesem Horrorfilm ein wenig ähnlich), und beantwortete zusammen mit elf weiteren Studenten Fragen über etwaige religiöse Erscheinungen. Ob er Epileptiker sei? Nein. Sein Vater war, als Andy elf war, plötzlich an einem Herzanfall gestorben. Als Andy siebzehn war, hatte er seine Mutter bei einem Autounfall verloren – eine hässliche, traumatische Sache. Seine einzige Verwandte war eine Schwester seiner Mutter, Tante Cora, und die war schon ziemlich alt.

Er ging die Fragen durch und hakte sie ab. NEIN, NEIN, NEIN. Nur eine Frage beantwortete er mit JA: Haben Sie je eine Fraktur oder eine ernsthafte Verstauchung gehabt? Wenn JA, bitte nähere Angaben. In der vorgesehenen Rubrik notierte er, dass er vor zwölf Jahren bei einem Baseballspiel in einer Jugendmannschaft vor der Grundlinie ausgeglitten sei und sich den linken Knöchel gebrochen habe.

Noch einmal überprüfte er seine Antworten und ließ dabei die Spitze seines Kugelschreibers leicht über die Zeilen gleiten. Plötzlich berührte jemand seine Schulter, und eine angenehme, ein wenig raue Mädchenstimme bat: »Leihst du mir den, wenn du fertig bist? Meiner schreibt nicht mehr.«

»Gern«, sagte er, drehte sich um und reichte ihr den Stift. Hübsches Mädchen. Groß. Rötliches Haar, wunderbar klarer Teint. Sie trug einen rauchblauen Pullover und einen kurzen Rock. Klasse Beine. Keine Strümpfe. Beiläufige Taxierung der künftigen Ehefrau.

Sie nahm den Kugelschreiber und lächelte dankbar. Die Deckenbeleuchtung zauberte Kupferglanz in ihr Haar, das sie hinten lose mit einer weißen Schleife zusammengebunden hatte. Dann beugte sie sich wieder über den Tisch.

Er nahm sein Formular und ging nach vorn, um es dem Assistenten zu geben. »Danke«, sagte der Assistent monoton wie ein programmierter Roboter. »Zimmer siebzig, Samstagvormittag, neun Uhr. Kommen Sie bitte pünktlich.«

»Wie heißt das Kennwort?«, flüsterte Andy heiser.

Der Assistent lachte höflich.

Andy verließ den Hörsaal und ging durch die Halle zu der großen Doppeltür. Der Frühsommer hatte das Viereck draußen schon mit Grün überzogen, und planlos schlenderten einige Studenten auf und ab. Andy dachte plötzlich an seinen Kugelschreiber. Fast hätte er darauf verzichtet; das Ding hatte nur neunzehn Cent gekostet, und er musste noch für sein Vorexamen arbeiten. Aber das Mädchen war hübsch gewesen. Vielleicht lohnte es sich, sie noch einmal anzuquatschen. Er machte sich keine Illusionen über sein Aussehen oder seine Gesprächstechnik, die beide schwer einzuordnen waren, oder über die persönlichen Verhältnisse des Mädchens (sie mochte einen festen Freund haben oder sogar verlobt sein), aber es war ein schöner Tag, und er fühlte sich ausgezeichnet. Er beschloss zu warten. Wenigstens würde er diese Beine noch einmal sehen.

Drei oder vier Minuten später kam sie heraus, ein paar Schreibhefte und ein Buch unter dem Arm. Sie sah wirklich sehr gut aus, und Andy fand, dass es sich gelohnt hatte, auf den Anblick ihrer Beine zu warten. Sie waren nicht nur einfach wohlgeformt; sie waren fantastisch.

»Oh, da bist du ja«, sagte sie lächelnd.

»Ich habe gewartet«, sagte Andy McGee. »Was hältst du von der ganzen Sache?«

»Ach, ich weiß nicht recht«, sagte sie. »Meine Freundin sagt, dass dauernd solche Experimente laufen – sie hat im letzten Semester einen Psycho-Test nach Professor J. B. Rhine mitgemacht und fünfzig Dollar dafür bekommen, obwohl sie bei fast allen Fragen versagt hat. Und da dachte ich eben …« Sie beendete den angefangenen Satz mit einem Achselzucken und warf ihr kupferglänzendes Haar sorgfältig über die Schulter zurück.

»Mir ging’s ähnlich«, sagte er und nahm seinen Kugelschreiber wieder in Empfang. »Studiert deine Freundin Psychologie?«

»Ja«, sagte sie, »und mein Freund auch. Er hat einen Kursus bei Dr. Wanless belegt und durfte deshalb nicht mitmachen. Interessenkonflikt oder so was.«

Ein Freund. Ganz klar, dass eine gut gewachsene rothaarige Schönheit wie sie einen Freund hatte. Das war nun einmal der Lauf der Welt.

»Und wie war das bei dir?«, fragte sie.

»Genauso. Ein Freund von mir studiert ebenfalls Psychologie. Ich heiße übrigens Andy. Andy McGee.«

»Und ich bin Vicky Tomlinson. Die ganze Geschichte beunruhigt mich ein wenig, Andy McGee. Wenn es nun ein Horrortrip wird?«

»Soweit ich weiß, handelt es sich um ziemlich harmloses Zeug. Aber selbst wenn es sich um halluzinogene Drogen handelt, nun … die im Labor hergestellten sind etwas anderes als der Stoff, den man an der Straßenecke kauft. Da müsste ich mich sehr irren. Nein, das Zeug ist mild und ausgewogen und wird unter den günstigsten äußeren Umständen verabreicht. Wahrscheinlich wird dabei Musik von Jefferson Airplane gespielt.« Andy grinste.

»Kennst du dich mit LSD aus?«, fragte sie mit einem angedeuteten kleinen Grinsen, das ihm sehr gefiel.

»Eigentlich wenig«, gab er zu. »Ich habe es zweimal genommen – einmal vor zwei Jahren und einmal im vorigen Jahr. Irgendwie war es ein gutes Gefühl. Ich wurde ganz klar im Kopf – jedenfalls war das mein Eindruck. Aber ich würde mich nicht daran gewöhnen wollen. Das Gefühl, mich nicht mehr in der Gewalt zu haben, gefällt mir nicht. Trinken wir eine Cola zusammen?«

»Okay«, meinte sie, und sie gingen zusammen zum Unionsgebäude hinüber.

Am Ende hatte er zwei Cola für sie ausgegeben, und sie verbrachten den Nachmittag gemeinsam. Abends tranken sie in der Kneipe ein paar Bier. Es stellte sich heraus, dass sie im Begriff war, sich von ihrem Freund zu trennen, und nicht recht wusste, wie sie es anstellen sollte. Er tat schon so, als seien sie verheiratet, erklärte sie Andy; er hatte ihr streng verboten, an dem Experiment bei Wanless teilzunehmen. Aus Trotz hatte sie die Bescheinigung unterschrieben, und jetzt war sie entschlossen, die Sache durchzustehen, wenn sie auch ein wenig Angst hatte.

»Dieser Wanless sieht tatsächlich aus wie ein ›Verrückter Doktor‹«, sagte sie und zeichnete mit ihrem Bierglas Ringe auf den Tisch.

»Wie gefiel dir sein Trick mit den Zigaretten?«

Vicky kicherte. »Seltsame Methode, sich das Rauchen abzugewöhnen, was?«

Er fragte, ob er sie am Tage des Experiments morgens abholen solle, und sie stimmte erleichtert zu.

»Es wäre schon gut, wenn man dieses Experiment mit einem Freund zusammen durchsteht«, sagte sie und sah ihn aus ihren blauen Augen offen an. »Weißt du, ich habe wirklich ein bisschen Angst. George war so – ich weiß nicht, so unnachgiebig.«

»Wieso? Was sagte er denn?«

»Das ist es ja gerade«, antwortete Vicky. »Er wollte überhaupt nichts sagen, außer dass er Wanless nicht traut. Er meinte, dass kaum jemand aus der Fakultät ihm traut, aber viele von ihnen melden sich zu den Tests, weil er das Prüfungsprogramm leitet. Außerdem wissen sie, dass ihnen nichts passieren kann, denn er sortiert sie sowieso wieder aus.«

Er griff über den Tisch und berührte ihre Hand. »Wir beide bekommen wahrscheinlich ohnehin das destillierte Wasser«, sagte er. »Mach dir keine Sorgen, Kleines. Es ist alles in Ordnung.«

Aber, wie sich herausstellen sollte, war nichts in Ordnung. Nichts.

3         albany

flughafen albany mister

heh Mister, wir sind da

Eine Hand schüttelte ihn. Sein Kopf fiel zur Seite. Schreckliche Kopfschmerzen – oh, mein Gott! Klopfende, stechende Schmerzen.

»Heh, Mister, wir sind am Flughafen.«

Andy öffnete die Augen, schloss sie dann wieder vor dem weißen Licht einer Leuchtstoffröhre, das von oben einfiel. Dann ein fürchterlich kreischendes Jaulen, das immer lauter wurde. Er zuckte zusammen und wand sich vor Schmerzen. Es war, als würden ihm stählerne Nadeln in die Ohren gestoßen. Ein Flugzeug. Beim Start. Der Gedanke kam ihm durch einen roten Nebel von Qual. Oh ja, Doc, ich erinnere mich wieder an alles.

»Mister?« Die Stimme des Fahrers klang besorgt. »Mister, ist alles in Ordnung?«

»Kopfschmerzen.« Seine Stimme kam wie von weit, vom Düsenlärm überdeckt, der zum Glück schwächer wurde. »Wie spät ist es?«

»Gleich Mitternacht. Schlechtes Durchkommen nach hier oben. Erzählen Sie mir nichts, sag ich Ihnen. Busse fahren nicht mehr, falls Sie einen nehmen wollten. Soll ich Sie nicht doch lieber nach Hause fahren?«

Andy zerbrach sich den Kopf wegen der Geschichte, die er dem Fahrer erzählt hatte. Sie musste ihm unbedingt wieder einfallen – trotz der grauenhaften Kopfschmerzen. Das war wegen des Echos wichtig. Wenn er seiner ursprünglichen Geschichte in irgendeiner Weise widersprach, konnte das im Kopf des Fahrers eine Art Abpralleffekt auslösen. Dieser Effekt konnte wieder abflauen, aber sicher wusste man das nicht. Es konnte auch sein, dass der Mann auf einen bestimmten Punkt ansprang und darauf fixiert blieb; wenig später würde er jede Kontrolle verlieren und an nichts anderes mehr denken können. Am Ende würde er ganz einfach verrückt werden. Das hatte es schon gegeben.

»Mein Wagen parkt dort«, sagte er. »Es ist alles in Ordnung.«

»Ach so.« Der Fahrer lächelte erleichtert. »Wissen Sie, das wird Glyn mir nie glauben. Heh! ›Erzähl mir nichts‹, wird sie sagen …«

»Natürlich wird sie es glauben. Sie glauben es doch auch, nicht wahr?«

Der Fahrer grinste breit. »Ich hab den großen Schein als Beweis, Mister. Vielen Dank.«

»Ich habe zu danken«, sagte Andy. Er bemühte sich, höflich zu sein. Er musste durchhalten. Allein wegen Charlie. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte er schon lange ein Ende gemacht. Ein Mensch war einfach nicht dazu geschaffen, solche Schmerzen zu ertragen.

»Sind Sie sicher, dass Sie es schaffen, Mister? Sie sind ja leichenblass.«

»Es geht schon, danke.« Er rüttelte Charlie wach. »Heh, Kleine.« Er vermied es, ihren Namen auszusprechen. Wahrscheinlich hätte es nichts ausgemacht, aber diese Vorsicht war so automatisch wie das Luftholen. »Aufwachen, wir sind da.«

Charlie murmelte etwas und versuchte, sich von ihm wegzurollen.

»Komm, Kleines. Wach auf, Schatz.«

Blinzelnd öffnete Charlie die Augen – diese strahlend blauen Augen, die sie von ihrer Mutter hatte –, setzte sich auf und rieb sich das Gesicht. »Daddy? Wo sind wir?«

»In Albany, Liebling. Am Flughafen.« Er beugte sich zu ihr hinab und flüsterte: »Sag jetzt nichts.«

»Okay.« Sie lächelte den Taxifahrer an, und der lächelte zurück. Dann glitt sie aus dem Wagen, und Andy folgte ihr, wobei er sich bemühte, nicht zu schwanken.

»Noch mal vielen Dank, Mister«, sagte der Fahrer. »War ’ne großartige Fuhre.«

Andy schüttelte die Hand, die der andere ihm entgegenstreckte. »Passen Sie auf sich auf.«

»Mach ich. Glyn wird das alles einfach nicht glauben.«

Der Fahrer stieg wieder ein und zog vom gelb gestrichenen Bordstein weg. Wieder startete ein Jet mit aufheulenden Düsen, und Andy hatte das Gefühl, sein Kopf würde in zwei Stücke gespalten, um wie ein hohler Kürbis zu Boden zu fallen. Er schwankte, und Charlie legte ihm die Hände auf den Arm.

»Oh, Daddy«, sagte sie, und ihre Stimme kam von weit her.

»Gehen wir hinein. Ich muss mich setzen.«

Sie betraten die Halle, das kleine Mädchen in roter Hose und grüner Bluse und der große Mann mit zerzaustem Haar und hängenden Schultern. Ein Flughafenangestellter beobachtete sie und dachte, welche Schande es doch sei: Da lief dieser große Kerl nach Mitternacht stockbesoffen mit seiner kleinen Tochter herum, die seit Stunden im Bett sein müsste und die ihn führte wie ein Blindenhund. Dann gingen sie durch die elektronisch gesteuerten Türen, und der Angestellte vergaß die beiden, bis er sich vierzig Minuten später wieder an sie erinnerte, als ein grüner Wagen am Bordstein hielt und zwei Männer ausstiegen und ihn ansprachen.

4         Es war zehn Minuten nach Mitternacht. Die Flughafenhalle gehörte nun den Leuten, die schon am frühen Morgen unterwegs waren: Armeeangehörige, deren Urlaub ablief, gequält wirkende Frauen, die ein buntes Durcheinander von übermüdeten Kindern zusammenzuhalten versuchten, junge Leute auf Reisen, einige von ihnen mit Rucksäcken, ein Pärchen mit Tennisschlägern. Die Lautsprecher kündeten Start- und Landezeiten an und riefen einzelne Personen aus.

Andy und Charlie saßen nebeneinander an Tischen mit aufgeschraubten Fernsehgeräten. Die Apparate waren zerkratzt, verbeult und tiefschwarz angestrichen. Sie kamen Andy wie unheimliche, surrealistische Kobraschädel vor. Er warf seine letzten beiden Münzen ein, damit niemand sie von den Sitzen scheuchte. Charlies Gerät zeigte eine Wiederholung von Starsky und Hutch, während auf Andys Schirm Johnny Carson mit Sonny Bono und Buddy Hackett um die Wette wirbelte.

»Daddy, muss ich wirklich?«, fragte Charlie zum zweiten Mal. Sie war den Tränen nahe.

»Honey, ich bin völlig erledigt«, sagte er. »Wir haben kein Geld, und hier können wir nicht bleiben.«

»Kommen die bösen Männer wieder?«, fragte sie und ließ die Stimme zu einem Flüstern herabsinken.

»Ich weiß es nicht.« Wieder ein dumpfes Pochen in seinem Gehirn. Es war kein reiterloser Rappe mehr; jetzt waren es mit scharfkantigem Eisenschrott gefüllte Postsäcke, die im fünften Stock aus dem Fenster geworfen wurden. »Aber es ist zu befürchten.«

»Wie könnte ich denn Geld beschaffen?«

Er zögerte und sagte dann: »Das weißt du doch.«

Die Tränen kamen und liefen ihr die Wangen herab. »Es ist Unrecht. Stehlen ist Unrecht.«

»Das weiß ich«, sagte er. »Aber es ist auch Unrecht, dass sie uns verfolgen. Ich habe es dir erklärt, Charlie. Oder wenigstens zu erklären versucht.«

»Das mit ein bisschen schlimm und sehr schlimm?«

»Ja. Das geringere und das größere Unrecht.«

»Hast du wirklich solche Kopfschmerzen?«

»Ziemlich schlimm«, sagte Andy. Es war sinnlos, ihr zu erzählen, dass er in ein oder zwei Stunden vor Schmerzen nicht mehr zusammenhängend würde denken können. Es war sinnlos, ihr noch mehr Angst zu machen, als sie schon hatte. Sinnlos, ihr zu sagen, dass er diesmal nicht mehr an ein Entkommen glaubte.

»Ich will’s versuchen«, sagte sie und stand vom Stuhl auf. »Armer Daddy«, sagte sie und küsste ihn.

Er schloss die Augen. Das Fernsehgerät vor ihm spielte weiter. Entfernte Sprechgeräusche erreichten ihn durch die ständig stärker werdenden Schmerzen in seinem Kopf. Als er die Augen wieder öffnete, sah er ihre Gestalt in der Ferne, sehr klein, in Rot und Grün gekleidet, fast wie ein Christbaumschmuck, und so trippelte sie zwischen den in der weiten Halle verstreuten Menschen davon.

Oh Gott, lass ihr nichts geschehen, dachte er. Lass nicht zu, dass jemand sie belästigt oder ihr noch mehr Angst einjagt. Oh Gott, bitte! Okay?

Und wieder schloss er die Augen.

5         Ein kleines Mädchen in roter Hose und grüner Bluse. Schulterlanges blondes Haar. Zu spät noch wach und auf den Beinen. Offensichtlich allein. Dies war eine der wenigen Örtlichkeiten, wo ein kleines Mädchen nach Mitternacht nicht unbedingt auffiel. Sie ging an verschiedenen Leuten vorbei, aber eigentlich bemerkte sie niemand. Wenn sie geweint hätte, wäre vielleicht ein Sicherheitsbeamter auf sie zugegangen und hätte gefragt, ob sie sich verlaufen habe, ob sie wisse, für welche Fluglinie ihre Eltern gebucht hätten und wie sie hießen, damit man sie ausrufen könne. Aber sie weinte nicht und schien ein Ziel zu haben.

Sie hatte kein genaues Ziel – aber sie wusste doch ungefähr, was sie suchte. Sie brauchten Geld; das hatte Daddy gesagt. Die bösen Männer waren hinter ihnen her, und Daddy hatte Schmerzen. Wenn er solche Schmerzen hatte, fiel ihm das Denken schwer. Er musste sich hinlegen und brauchte möglichst viel Ruhe. Er musste schlafen, bis die Schmerzen aufhörten. Und die bösen Männer könnten kommen … die Männer von der Firma, die sie auseinandernehmen wollten, um zu sehen, wie sie funktionierten – zu sehen, ob sie sie brauchen könnten, um irgendwelche Dinge zu tun.

In einem Abfallbehälter entdeckte Charlie eine Einkaufstüte aus Papier und nahm sie mit. Etwas weiter unten in der Halle fand sie, was sie suchte: Telefonzellen.

Charlie betrachtete die Dinger und hatte Angst. Sie hatte Angst, weil Daddy ihr immer wieder gesagt hatte, dass sie es nicht tun durfte … Seit frühester Kindheit wusste sie, dass es etwas Böses war. Sie konnte dieses Böse nicht immer kontrollieren. Dabei konnte es gefährlich sein. Für sie selbst, für andere, vielleicht für viele. Damals

(oh, Mami, es tut mir so leid, ich habe ihr wehgetan, sie hat geschrien, ich bin schuld, dass Mami so geschrien hat, und ich will es nie … nie … wieder tun, denn es ist etwas Böses)

ENDE DER LESEPROBE