Feuertaufe am Monte Cassino - Ernst Kagels - E-Book

Feuertaufe am Monte Cassino E-Book

Ernst Kagels

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Beschreibung

Ein unausweichliches Soldatenschicksal um Monte Cassino. Einfach und präzise geschildert vom sogenannten Schützen "A". Eine Fundgrube von historischen Daten und Orten. Ein deutlicher Ruf nach Frieden in der Welt. H. Mayer, Sprecher der Stalingrader Spätheimkehrer

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Seitenzahl: 493

Veröffentlichungsjahr: 2017

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ALLEN OPFERN DES KRIEGES

DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG

Inhaltsverzeichnis

Eine kleine Niederschrift über eine große Niedertracht

- Ein Zeitzeugenbericht von Ernst Kagels -

Kapitel 01 – Vorwort

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14 – Nachwort

Anstelle eines Vorworts (von Hein Mayer)

Erinnerungen an schwierige Zeiten – Gefangenschaft und Heimkehr (von Ernst Kagels)

Menetekel Stalingrad – Hoffnung Stalingrad (von Hein Mayer)

Die Stalingrader Spätheimkehrer (von Hein Mayer)

Vita Hein Mayer

Vita Ernst Kagels

Mit einem tiefen Seufzer… / Prof. Dr. Stefan Karner

1 VORWORT

Der Autor Ernst Kagels wurde im Jahr 1925 in Dortmund geboren. Die Mutter war Westfälin, der Vater war ein Pommer und ging nach seiner Kriegsgefangenschaft in Sibirien von 1914 bis 1919 für zehn Jahre in den deutschen Bergbau. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 bemühte sich der Vater um Arbeit in Vorpommern, da dies sein Heimat- und Geburtsland war. Nunmehr zogen die Eltern mit ihren vier Jungen, wovon Ernst der Drittgeborene war, in den Raum südlich von Stralsund. Hier wuchs er mit neun Geschwistern auf und lebt jetzt in Stralsund. Geprägt durch Land und Leute, aber auch durch seine Erinnerungen, die sich im Laufe seiner achtundachtzig Lebensjahre angesammelt haben, vermittelt Ernst Kagels hier eindrucksvoll sein Wissen. Dabei sind ihm, dem heute überzeugten Pazifisten, seine Kriegserlebnisse von besonderer Bedeutung. Mit achtzehn Jahren traf er bei der Ableistung des Arbeitsdienstes in Stettin mit Gleichaltrigen zusammen. Am 23. Juli folgte er dem Stellungsbefehl zur Deutschen Luftwaffe. Nach einer Grund- und Fachausbildung war er beim fliegertechnischen Personal. Das erträgliche Wirken in der technischen Kompanie langweilte ihn. Nach einem viertel Jahr meldete er sich freiwillig zum Fronteinsatz. In so einem Fall wurde man bei der Fallschirmtruppe eingegliedert und dies für die restliche Dienstzeit von 15 Monaten. Ein Jahr davon leistete er bei der Fronttruppe in Italien und Österreich ab. Glücklicherweise überlebte er sowohl diese Tortur als auch die sich anschließende Kriegsgefangenschaft in Stalingrad.

Bild 1: Der Autor Ernst Kagels, als Senior in Stralsund

Ernst Kagels brachte seine Erlebnisse aus dieser Zeit in den Jahren 2009 und 2010 auf Papier. Mit seinen ihm möglichen schriftstellerischen Mitteln schildert er sehr persönliche Eindrücke aus dem Blickwinkel eines jungen Soldaten im Deckungsloch. Er schont sich selbst dabei nicht und es wird deutlich, wie sich ein anfänglich vorhandener Enthusiasmus unter dem Eindruck von Zerstörung, Elend und Tod wandelt. Ernst Kagels hat keine Heldengeschichte vorgelegt.

Er hat Tagesabläufe, wie sie sich aus seinem Blickwinkel vollzogen haben, wiedergegeben. Er will mit seinem Buch ein Zeichen gegen den Krieg setzen, der nach seiner Überzeugung aus ethischen Gründen immer abzulehnen ist. Jede wie auch immer geartete politische oder diplomatische Lösung ist nach Meinung des Autors einem Krieg vorzuziehen! Mentale als auch sachliche Unterstützung bekam der Autor von dem guten Freund und Kameraden sowie leidgeprüften Stalingrader Spätheimkehrer Hein Mayer. Seine Worte: „Du hast Dir den Frust von der Seele geschrieben!“ beschrieben trefflich meinen Gemütszustand.

2

Das Ende der Volksschulzeit war für mich zu Ostern 1939. Mein Arbeitsleben begann am 1. April desselben Jahres. Gerne hätte ich eine Lehrstelle im holzverarbeitenden Handwerk gehabt, aber das erste Vorstellungsgespräch in einer Möbeltischlerei ergab keine Ab- und keine Zusage. Mein Vater meinte: „Da brauchen wir nicht noch einmal vorzusprechen. Am besten ist es wohl, Du gehst erst ein Jahr in die Landwirtschaft und mit dem Landjahr schaffen wir es vielleicht, eine Lehrstelle im Handwerk zu finden.“

Dieses Wort hat mein Vater in die Tat umgesetzt. Anfang März 1940 kam mein Vater zu dem Bauern, bei dem ich gemeinsam mit meinem drei Jahre älteren Bruder Bernhard im Dienst war. Das Erste, das unser Vater zu Gehör brachte, war: „Junge, hast Du noch Lust zum Lernen? Dann kannst Du das Malerhandwerk erlernen.“ Da stimmte ich zu. Das Malerhandwerk war der zweite von drei Berufswünschen, die ich auf meinem persönlichen Wunschzettel hatte. Neben den Holzberufen und dem Beruf des Malers interessierte ich mich noch für das Schuhmacherhandwerk. Der Bauernhof lag etwa acht Kilometer von meinem Elternhaus entfernt und alle vier Wochen gab es einen freien Sonntag.

Meine Malerlehre begann am 1. April 1940. Nach Abschluss meiner Lehrzeit wurde ich Ende März 1943 für Malerarbeiten zur Heeresversuchsanstalt nach Peenemünde verpflichtet (Versuchsanstalt für die deutsche Raketenentwicklung, u.a. Entwicklung der ersten funktionsfähigen Großrakete V2). Doch am 16. April 1943 begann meine Reichsarbeitsdienstpflichtzeit (RAD), die ich in der Nähe von Stettin ableistete und die bis zum 8. Juli 1943 währte. Meine Einberufung zur Luftwaffe erfolgte am 23. Juli 1943, ich musste nach Eger (Sudetenland) zur Einkleidung.

Die Grundausbildung beim RAD (gegründet 1931) war militärischer Drill aber mit dem Spaten statt Gewehr.

(Das war zu diesem Zeitpunkt nichts Ungewöhnliches mehr. Ursprünglich wurden eigentlich ganz andere Ziele verfolgt. So zum Beispiel der Abbau der Arbeitslosigkeit und die Verrichtung gemeinnütziger Arbeit. Unter Hitler wurde der RAD schnell zur vormilitärischen Ausbildung. Während des Krieges wurde der RAD unter anderem zum Bau militärischer Anlagen eingeteilt. 1942 bis 1943 dann auch an der Ostfront. Ab Juli 1944 wurde der RAD offiziell zur Grundausbildung.)

Nach einer Gesundheitsprüfung wurden einige Kameraden in den Innendienst versetzt, unter anderem gehörte auch ich dazu. In den verschiedenen Arbeitsbereichen wurden uns leichtere Tätigkeiten übertragen. Im Jahr zuvor hatte ich eine Lungenentzündung und als Folge waren Schatten auf meiner Lunge. Meine neue Aufgabe war es nun, 25 Gänse zu betreuen und Putzdienste zu erledigen für den Heilgehilfen, einen Sanitäter im Dienstgrad Unterfeldmeister.

Ein Arbeitsmann wie ich hatte einen Tageslohn von 25 Pfennig, nach zehn Tagen gab es 2,50 Mark, damit waren auch meine Dienste für das Putzen bezahlt. Vom anstrengenden Dienst befreit, reichte nun die Verpflegung aus, um satt zu werden. Vorher habe ich als Nichtraucher die drei Zigaretten, die wir mit der Tagesration bekamen, gegen Brot getauscht. Wenn wir Ausgang hatten, durften wir bis Podejuch südlich von Stettin. Sonntagsurlaub, nach Grimmen, hatte ich nur zweimal. Meinen dritten Heimaturlaub habe ich bekommen wegen der Beerdigung meines Bruders Siegfried. Er war Jahrgang 1928, wir waren sieben Brüder und vier Schwestern. Nach dem Krieg waren wir nur noch fünf Brüder und vier Schwestern.

Bild 2: Reichsarbeitsdienst 16.04. - 08.07.1943

Bild 3: Nach Pfingsten 1943, RAD, Kreis Greifenhagen Pommersche Wachabteilung

Bild 4: Ernst Kagels, Grundausbildung in Frankreich

Nachdem unsere Zivilkleidung zur Post gebracht worden war, dauerte es nicht mehr lange und es ging per Bahntransport nach Frankreich. Die Fahrt ging vorbei an Paris und Orléans, durch Blois und Romorantin - Lanthenay, bis auf einen französischen Militärflugplatz.

Die Unterkünfte waren Baracken. Das Küchen- und Verwaltungsgebäude bestand aus Backsteinmauerwerk und wies Schäden, hervorgerufen durch Bombensplitter auf. Eine der beiden Flugzeughallen war zerstört. Von Flugzeugen war nichts mehr zu sehen. Dieses Objekt war nun das Domizil einer Ausbildungskompanie des Fliegerregiments 71. Gemeinsam mit einem Kameraden, welchen ich aus der Arbeitsdienstzeit kannte, wurden wir einer Gruppe des 6. Zuges zugeteilt. Die Kompanie hatte insgesamt 8 Züge.

Die harte Grundausbildung endete für einen großen Teil der Kompanie nach vier Wochen. Der Bahntransport ging diesmal westlich an Paris vorbei, über Brüssel und Aachen und dann bis Fassberg in der Lüneburger Heide. Ab Fassberg ging dann mein nächster Transport zum Fliegerhorst nach Detmold.

In Detmold erhielt ich die Ausbildung zum Flugzeugmaler für das fliegertechnische Personal. Noch vor dem Ende des Lehrgangs wurde ich als einziger Maler mit einer Auswahl verschiedener Fachleute für die technische Kompanie der Fliegerkriegsschule III in Werder an der Havel abkommandiert. Die Malerei der technischen Kompanie bestand aus einem Unteroffizier aus Potsdam, einem Obergefreiten aus Magdeburg, einem Gefreiten, welcher Braunschweiger war und ich kam aus der Nähe von Stralsund, wo ich heute noch lebe. Bei unseren Tätigkeiten ging es eher kollegial als militärisch zu, wenn ich als Jüngster auch manchmal die Stiftrolle innehatte. Wenn beispielsweise die Pressluftflasche für Spritzarbeiten leer war, dann hatte der Jüngste für eine volle Flasche zu sorgen. Damit konnte ich gut leben. Drill und Schikanen hatten Pause. Das schreibe ich mit dem Wissen, was alles möglich war und wirklich wurde.

Einmal im Monat hatten wir von der technischen Kompanie nächtliche Flugplatz-wache. Bekleidungsappelle und Sport kamen auch vor. Bei Fliegeralarm, meistens wegen der Luftangriffe auf Berlin, war man auch mal zur Brandwache eingeteilt. Es hat auch einmal einen einzelnen Bombentreffer auf eine Flugzeughalle gegeben, in der die Segelflugzeuge abgestellt waren. Von diesem Zeitpunkt an mussten, bei Fliegeralarm die Hallentore aufgeschoben werden. Dies sollte bei Bombendetonationen den Druck vermindern.

Am 27. Dezember 1943 erwachte ich mit starken Atembeschwerden. Ich meldete mich krank und musste in das Krankenrevier. Bronchitis war die erste Diagnose, leichte Rippenfellentzündung (Pleuritis) war die endgültige Diagnose vor der Entlassung Sylvester 1943.

Meine Rückmeldung vom Krankenrevier bei der technischen Kompanie war verbunden mit einer freiwilligen Meldung zur Fallschirmtruppe. Für die Fallschirmtruppe hatte ein Hauptfeldwebel vor einem Vierteljahr in Detmold geworben. Damals hatte ich mich nicht gemeldet, weil ich im Arbeitsdienst als „nicht voll dienstfähig“ eingestuft worden war. Nun, so sage ich nachträglich selbst, hatte mich der Teufel geritten!

Nur handwerkliche Leistung war mir zu wenig. Aber das bisher Geleistete war als Arbeit doch ehrenvoller als spätere Ergebnisse im Kampf! Der erstaunte Spieß (ein Vatertyp) sagte zu mir: „Kagels, was ist los mit Dir? Hier geht es Dir doch gut!“ Der Spieß fand durchaus meine Zustimmung, aber ich wollte auch etwas erleben und etwas leisten und somit ließ ich mich auch nicht umstimmen. Der Hauptfeldwebel sagte zu mir, dass er demnächst für die Fallschirmjägertruppe werben sollte und ich nun der Erste sei. Bis Sylvester war meine Freiwilligenmeldung abgeschlossen und genehmigt.

Bei der Einheit blieb ich bis zum 10. Februar 1944. Gute Leistungen und keine Strafe brachten mir noch die Gunst für einen Kurzurlaub von vier Tagen. Am 30. Januar 1944 befand ich mich auf der Bahnrückfahrt und saß im Wartesaal des Stettiner Bahnhofs in Berlin. Mit der S-Bahn erreichte ich nach mehrmaligem Umsteigen Potsdam. Von dort aus sollte es in drei bis vier Stunden mit dem Zug nach Werder an der Havel zu meinem Standort gehen. Aber es gab Fliegeralarm und darauf folgend kam der Angriff. Die Leute aus dem Wartesaal sind in die U- oder S-Bahnstationen geschickt worden. Nach etwa anderthalb Stunden Getöse durch Bomben und Flak kam die Entwarnung. Der Betrieb der S-Bahn begann wieder, aber nach kurzer Zeit stoppte der Zug und die Insassen mussten umsteigen aufgrund zerstörter Gleise. Das war manchmal schon nach einer Station notwendig. In der Nacht des 31. Januar 1944 kam ich dann in der Kaserne an.

Den folgenden Tag erlebten wir im Kompanierahmen beim Katastropheneinsatz und den Aufräumarbeiten in Berlin. Einige Tage darauf mussten wir am Gleisanschluss des Flugplatzes Flugzeugtrümmer entladen. Es handelte sich um die Überreste einer zweimotorigen Maschine, abgeschossen durch die Flak. Dass ein Jäger ein Flugzeug vom Himmel holt, erlebten wir im April 1944 bei Halberstadt.

Am 11. Februar 1944 fuhren ein Obergefreiter und zwei Flieger, die nun als Dienstgrad „Jäger“ genannt wurden, von Werder nach Gardelegen. Die Leistungsüberprüfungen dort habe ich mit Leichtigkeit bestanden, aber den 5000-Meter-Lauf habe ich nicht unter zwanzig Minuten geschafft. Wegen Milzstechens bin ich zu langsam geworden. Es gab noch etliche Kameraden, denen es genauso erging. Bei dem Massenlauf fiel keiner durch, die Teilnahme genügte.

Bild 5: Jäger Ernst Kagels im Februar 1944

Nach der Vorstellung bei einem Stabsarzt wurde entschieden, ob man zuerst zur Sprungschule oder zum Infanteriedrill musste. Für mich ging es zur Sprungschule nach Wittstock / Dosse. Dort traf ich wieder mit dem Stargarder Kameraden, den ich aus dem Arbeitsdienst und der Grundausbildung kannte, zusammen. Der Kamerad Schwandt hatte sich schon in Eger, nach der Einberufung zur Fallschirmtruppe, gemeldet. Auch in Detmold Angeworbene sah man jetzt wieder. Außerdem waren einige Soldaten dort, die schon im Fronteinsatz waren und nun beschleunigt die Sprungausbildung nachholen sollten, später waren sie unsere Ausbilder in den Klusbergen bei Halberstadt.

Meinem neuem Ausbildungszug fehlte etwa eine halbe Zugstärke. Der Zug wurde mit einigen Kameraden und mit mir aufgefüllt. Die Bodenübungen einschließlich des Schirmpackens dauerten sechs Tage. An den folgenden drei Tagen sind wir täglich zweimal gesprungen. Der erste Sprung war der schönste, weil die Absprunghöhe bei den weiteren Sprüngen reduziert wurde. Als dann die ganze Ausbildungseinheit den Springerschein erworben hatte, wurden wir nach Halberstadt verlegt. Drill hob nun die Ruhe auf, aber ohne Schikane. Fallschirmjäger sind eine Nah- und Nachtkampftruppe. Das wurde uns von erfahrenen Soldaten eingedrillt.

An einem Vormittag befanden wir uns zug- und gruppenweise in der Geländeausbildung, als es Fliegeralarm gab. Liegen bleiben wo man sich gerade aufhielt wurde befohlen. Wir lagen einzeln auf der Fläche eines Scheinflugplatzes und konnten einen Pulk von zehn bis zwölf zweimotorigen Flugzeugen, der aus westlicher Richtung kam, erkennen. Es war ein Überflug und kein Angriff. Aber diesen Bombern folgte eine Messerschmitt Bf 109 (Me 109). Sie schoss einen Feuerstoß mit der 2 – cm – Bordkanone und drehte danach um. Etwa zur gleichen Zeit detonierte in 800 Meter Entfernung eine Serie von Splitterbomben, ausgeklinkt von dem Flugzeug, das, wie wir beobachten konnten, mit still stehendem Motor zu Boden trudelte. Zwei der Flieger schafften den Absprung mit dem Schirm, Glückspilze! Die anderen beiden fanden unser Bedauern, als wir beim Beseitigen der Trümmer sahen, was von ihnen übrig geblieben war. Dies war das Bedauern, das ein anständiger Mensch seinem Gegner respektvoll erweist.

Zum Mittag mussten wir in die Kaserne zurück. Als wir angekommen waren, wurden wir für eine Aufgabe in einer LKW – Halle gebraucht. Dort hatten wir die 32 toten Kameraden, die sich zu dicht beisammen im Bereich der Bombeneinschläge aufgehalten und dabei ihr Leben verloren hatten, zu entladen. Von den Ladeflächen der LKWs wurden die Toten in Reihe auf den Garagenboden gelegt. Wir haben einen schaurigen Eindruck von der Wirkung der Splitterbomben bekommen.

Später stellten wir fest, dass von den im Notwurf abgeworfenen Bomben mehr als die Hälfte gar nicht explodiert waren. Die von den Blindgängern aufgeworfenen Löcher maßen gerade mal 10cm im Durchmesser. Für den Rest unserer Ausbildung sind wir immer wieder nahe an den Blindgängern vorbei gekommen und wurden somit auch wieder an die schrecklichen Ereignisse erinnert.

Nach diesem Abschuss und dem Notabwurf der Bomben, die vom Gegner für gewöhnlich bei Tagesangriffen auf Flak – Stellungen eingesetzt wurden, konnten wir feststellen, dass unsere Ausbildung deutlich härter wurde. Vorher war es bei nächtlichem Fliegeralarm üblich, dass der Kasernenkeller aufgesucht wurde. Nach dem Ereignis ging es bei Alarm aus der Kaserne, egal ob bei Tag oder Nacht, in voller Montur etwa 1,5 bis 2km in das umliegende Gelände heraus. Am Waldrand musste jeder von uns ein Deckungsloch graben und in diesem die Entwarnung abwarten. Danach ging es, manchmal auch im Laufschritt, in die Kaserne zurück.

Der Ausbildungsverlauf mit zu wenig Schlaf war normal. Drei Sonntagnachmittage hatten wir Ausgang. Aber vorher bekam jeder von uns eine der drei Tetanusspritzen. Beim letzten Kompanieunterricht durch einen Stabsfeldwebel, der ursprünglich eine Pionierlaufbahn absolviert hatte, erfuhren wir, dass wir nach Monte Cassino kommen sollten. Am 1. Mai ging es mit Personenwagen zum Bahntransport. Die Schlacht um Monte Cassino dauerte schon seit dem 17. Januar 1944 und wir sollten mithelfen, dass sich niemand „den Stiefel durch die Sohle anzieht“. Aber das war ja schon auf Sizilien passiert.

Am 3. Mai 1944 stand der Zug, mit dem wir transportiert wurden, am Brenner. Einen Aufenthalt hatten wir noch vor Verona, weil man uns berichtete, dass ein Fliegerangriff auf den Bahnhof von Bologna die Weiterfahrt behinderte. Danach kamen wir mit der Bahn bis etwa 40 Kilometer südlich von Florenz. Anschließend fuhren wir mit Armeebussen bis Frosinone. Wir waren mit verschiedenen Transportmitteln als Truppentransport von Halberstadt nach Frosinone gekommen. Die Artillerie war von dort pausenlos zu hören. Frosinone lag völlig in Trümmern. Die Überlebenden hielten sich, wie auch wir, in einem Tunnel auf. Von dort wurden wir zu unseren neuen Einheiten gebracht. Die Transporte mit den LKW fanden fast immer in der Nacht statt.

Am nächsten Tag befanden wir uns in einer Bergregion, die höher als das zerstörte Kloster lag. Von einem Hauptfeldwebel wurden wir informiert, dass wir jetzt der 10. Kompanie des 3. Fallschirmjägerregiments (FJR) angehörten. Die Führung vorort hatte es wohl schwer, uns gleich nach vorne zu bringen und so war noch Zeit, unsere Kenntnisse in Angriff und Verteidigung zu vertiefen. Einmal haben wir inne gehalten und zugesehen, wie es auf dem Monte Cassino besonders hart zuging. Wir haben die Jagdbomber und was sie angerichtet haben von oben gesehen. Aus meiner jetzigen Kenntnis war es der 18.05.1944, der letzte Tag von den vier Monte Cassino - Schlachten. Aber, dass es danach genau so weiter ging, kann ich nachfolgend bestätigen.

Schon am nächsten Nachmittag standen wir in lockerer Haltung und der Hauptfeldwebel erklärte uns, dass wir, neun Mann, ein Oberjäger und acht Jäger (Gruppenrahmen), für den Einsatz ausgerüstet und am Abend mit dem LKW zum Regimentsgefechtsstand des 3. FJR gebracht werden.

Die Fahrt wurde von schweren Granaten begleitet nachdem wir den Trossbereich verlassen hatten. Wir sind aber schadlos beim Regimentsgefechtsstand angekommen. Oberst Heilmann und sein Stab kamen aus einem Bunker und hat vor den 30 - 35 Soldaten, die mit dem LKW angekommen waren, eine Ansprache gehalten, an die ich mich sinngemäß erinnere: „Die Aufgaben, die uns hier gestellt waren, haben wir größtenteils erfüllt. Aber unsere Verluste waren dermaßen hoch, dass wir uns zurückziehen müssen und es kann sein, dass der Rückzugsbefehl bereits in der Stellung ist, wenn wir dort angekommen sind.“

Besonders ehrenvoll von Oberst Heilmann fand ich seinen Ausspruch, dass wir uns mit Bedacht einsetzen sollen und uns nicht, wie die „Jugend von Langemarck“, opfern sollen. Danach sind wir in Reihe mit Abstand von vier bis fünf Metern von Mann zu Mann durch einen flachen, trockenen Graben neben der Straße den Weg zum Bataillonsgefechtsstand gegangen.

Bild 6: Skizze zur Feuertaufe 22.05.1944

Der Artilleriebeschuss war stärker geworden. Etwa 500 Meter nach dem Regimentsgefechtsstand lief ein Soldat zurück. Er sagte: „Ich bin verwundet worden!“ Im Straßengraben sind wir einige Male über Tote gestiegen. Es wurde hell, als wir beim Bataillonsgefechtsstand ankamen. Glücklicherweise gab es hier keinen Artilleriebeschuss. Unser Gruppenführer war in dem Bunker, aus dem sonst nur der Funker kam, um durch Treten von Fahrrad-Pedale die Energie für das Funkgerät zu erzeugen. Der Bunker diente dem II. Bataillon, Regiment 3, auch als Gefechtsstand. Als der Oberjäger aus dem Bunker kam, brachte er eine Kiste Eierhandgranaten mit, die wir noch scharfmachen mussten. Danach hatte jeder zwei Handgranaten im Brotbeutel. Der Gefreite, der als Melder und welcher für uns auch als Einweiser in die Stellungen der 10. Kompanie des FJR 3 fungierte, kam und sagte uns, dass wir dort, wo wir hingehen müssten, ab ca. 400 Meter Feindeinsicht hätten. Meine Gedanken drehten sich um MG – Beschuss, als im gleichen Moment ein französischer Mini – Panzer (ein umgebautes Beutefahrzeug) vorbeifuhr. Neben dem Fahrer befand sich eine Pritsche mit einem schwerverwundeten Panzersoldaten und einem Sanitäter, die zurückfuhren.

Beim Weitermarsch gingen wir in Panzerspuren. Es dauerte nicht lange und wir sahen einen Panzer IV, auf seiner Kette lag ein toter Soldat. Ein paar Meter weiter lag ein weiterer Soldat in Panzeruniform. Gleich danach bog unser Weg nach links ab, da waren die Panzerspuren in einem Weizenfeld. Dort häuften sich die Granattrichter, von mir auf 60 bis 70 Zentimeter Tiefe und auf einem Durchmesser von 1,70 bis 1,80 Meter geschätzt. An dieser Stelle hörten wir die Granaten heran „heulen“ und haben uns in Deckung gelegt.

Meine zwei MG-Munitionskästen, welche ich zu tragen hatte, habe ich beiderseits meines Kopfes platziert. Als wir uns nach dieser Begrüßung aufrichteten, sind wir auf den letzten Metern vorsichtiger geworden. Der Oberjäger hatte eine Schramme über dem Schulterblatt abbekommen. Er sagte, dass es mit einem Pflaster auszuhalten sei und teilte uns in Posten ein, nachdem er vom Leutnant (10.3. Rgt.) den Befehl dazu bekommen hatte.

Der Gruppenführer hat mich als Melder zu einem kleinen Gebäude (das Format einer heutigen Gartenlaube) geschickt. Seitlich von diesem Gebäude war eine offene Grube von etwa zwei mal zwei Meter. In dieser Grube lagen über zehn junge Kameraden mit halbierter Erkennungsmarke. Mein Gesicht nach diesem Eindruck war bei der Meldung an den Leutnant entsprechend. Denn den Eindruck, den man hat, wenn man durch Granaten getötete Kameraden sehen muss, ist einfach noch intensiver und grauenvoller als der durch Spitzgeschosse getötete Soldaten.

Mit einer Kasernentonart wurde ich von ihm wieder weggeschickt. In der etwas von Bäumen und Sträuchern gedeckten Behausung befanden sich der Leutnant, ein Feldwebel, ein Obergefreiter, der Sanitäter und der Gefreite, welcher unser „Leithammel“ war. Etwas später folgte erneuter Artilleriebeschuss, der aber keinen Schaden bei uns anrichtete. Nach links und rechts war kein Anschluss an deutsche Einheiten sichtbar. Etwa die Hälfte des Tages war vergangen, als an der rechten Seite zwei gegnerische Soldaten durch das Gelände pirschten. Die zwei Mann am MG richteten sich zum Beschuss ein, aber die beiden hatten ihre Lage rechtzeitig erkannt und waren schneller weg als sie gekommen waren. Am späten Nachmittag stand der Feldwebel seitlich des kleinen Gebäudes hinter einem Pfosten und hat das Gelände, aber auch uns Neulinge beobachtet.

Es dauerte nicht mehr lange, als Motoren und brechende Äste zu hören waren. Dann schoss auch ein MG über uns hinweg. Wir sahen in die Richtung, aus der geschossen wurde und hatten unsere Waffen entsichert. Da machte sich der Feldwebel bemerkbar. Er winkte uns zu und machte die Armbewegung „Nach hinten“. Der Oberjäger rief mich zu sich und befahl mir, vom MG die zwei Munitionskästen zu holen und den Kameraden den gemeinsamen Rückzug zu befehlen.

Es waren wieder Panzerspuren, in denen wir unter Panzer – MG – Beschuss geduckt zurückliefen. Der Schütze muss ein Anfänger gewesen sein, denn durch sein Hin- und Herschwenken hat er keinen von uns getroffen. Bei dem bereits oben erwähnten Panzer IV sind wir über einen zwei Meter breiten und ebenso tiefen Graben gesprungen und waren dann in einem Wald.

Das MG schoss nicht mehr, dafür aber die Kanone. Als es mehrmals rechts hinter uns gekracht hatte, bemerkten wir, dass wir nicht mehr gemeint waren. Die Gegner haben den Panzer IV noch beschossen, sie waren wohl nicht sicher, ob von dem Panzer IV noch Gefahr ausgeht. Wir, alle neun Mann, sind in diesem jungen Laubwald geradewegs bis an das andere Ende des Waldes gegangen. Dort kamen wir an eine eigene Acht-Zentimeter-Granatwerferstellung („Spucker“) und die Kameraden vorort erfuhren von uns, dass die Stellung einen Kilometer vor ihnen bereits geräumt war.

Der Vorgesetzte dieses Trupps sagte: „Wir verschießen noch die Hälfte unser 78 Granaten und mit dem Rest sprengen wir dann unseren Bunker.“ Diese Soldaten haben uns zu einem Rückweg geraten, der in eine Kiesgrube führte. Sie selbst sind dann einen anderen Weg zurückgegangen. Dabei war dann auch unser Oberjäger. Er hatte sich beim Sprung über einen Graben den Fuß verstaucht und war dadurch ein Fall für den Mediziner geworden. Die vier Männer der 10. Kompanie, die durch uns auf dreizehn Mann verstärkt wurden, sind wahrscheinlich in Gefangenschaft gegangen.

Die Kiesgrube war eine Sammelstelle und wir waren nicht die ersten Ankömmlinge. Infanteristen, Gebirgsjäger und wir wurden durch weiteren Zulauf verstärkt. Zu den Gebirgsjägern kam auch ein Leutnant und forderte seine Soldaten auf, in die Stellungen zurückzugehen. Aber es gab Antworten und Informationen der Kameraden, dass viele Stellungen geräumt waren und somit siegte die Vernunft und niemand musste sinnlos sein Leben riskieren.

Der angekündigte Rückzug nahm seinen Lauf. Während der Abenddämmerung war eine Gruppe Landser, wie am Horizont, am Rand der Grube unterwegs, als plötzlich grüne Leuchtspurgeschosse von hinten kamen. Die Männer sind schnell in Deckung gegangen. Das war das Letzte, was an diesem Tag von Panzern in unserer Nähe zu sehen und zu hören war.

Nachdem es Nacht geworden war, rief ein Feldwebel nach den Soldaten der 10. Kompanie. Wir versammelten uns um ihn und erfuhren, dass unsere Kompanie aufgelöst war. Wir gehörten von nun an zur 6. Kompanie 3. Regiment II. Bataillon (Königl. 6. der 1. FJD laut Divisionschronik). Ringsherum verstärkte sich das Getöse der Artillerie, ob auch deutsche Geschütze darunter waren, konnten wir am ersten Tag nicht feststellen. Flugzeuge flogen von Norden nach Süden. Gleich darauf hörte man die Bomben und die Flugzeuge kamen zurück. Der Feldwebel meinte, dass unsere Flugzeuge Monte Cassino bombardiert hätten. Aber aus einem Buch, welches ich im Jahr 2003 gelesen habe, habe ich erfahren, dass es um den Übergang des Flusses Rapido ging.

Etwa um Mitternacht sind wir aus der Kiesgrube wieder hinausgegangen und zu meiner Traglast war noch die prall gefüllte Kartentasche des ausgefallenen Gruppenführers hinzugekommen. Der Feldwebel ging unserer Kolonne voraus, in der ich nur noch einen Kameraden seit meiner Arbeitsdienstzeit und der Grundausbildung im Fliegerregiment 71 in Frankreich kannte.

Der Weg im ebenen Gelände auf einer schmalen Schotterstrasse wurde von uns in Abständen von ein bis zwei Metern von Mann zu Mann gegangen. Die Artillerie war ständig zu hören, aber in unserem Bereich und nahen Umfeld gab es keine Einschläge. Der „Tommy“ schoss ja auch nicht in die eigenen Stellungen, denn etwa dreißig Meter vor uns gab es plötzlich MG-Beschuss von der linken Seite, schräg über die Straße hinweg. Der Befehl „Stellung, Feuer frei!“ kam aber nicht, sondern „Kehrt zurück!“ Es hat keiner zurückgeschossen, aber es ist auch niemand in Stellung gegangen oder hat Deckung bezogen. Das MG-Feuer hat sich nochmals wiederholt, aber niemanden geschadet. Wir gingen auf der linken Straßenseite, so dass das MG über den Weg von uns weg schoss.

Die Nacht war Soldatenglück auf beiden Seiten. Als der zweite Tag anbrach wurden wir auf einem breiten Feldweg, an dem auch einige Bäume standen, in jene Richtung geschickt, in die die deutschen DO-Geräte (erste Raketenwerfer, genannt nach General Dornberger, bei der Entwicklung der V2 beteiligt gewesen) die Granaten schickten. Nach etwa einem halben Kilometer lag ein toter Feldwebel auf dem Weg und hundert Meter weiter stand ein Sturmgeschütz, die Mannschaft drinnen und draußen war tot. An dieser Stelle haben wir dann sehr starkes Artilleriefeuer bekommen. Wie lange es gedauert hat, möchte ich zeitlich nicht benennen, aber es waren mehr Geschütze als Tags zuvor. Die Deckung für die meisten von uns war das Feld mit den Futterpflanzen Klee oder Luzerne, etwa vierzig Zentimeter hoch. Die Munitionskästen wieder beidseitig als Kopfschutz eingesetzt, haben wir von wechselnden Seiten den Luftdruck und die Pflanzen gespürt.

Schreie haben wir keine gehört und als wir aufstanden, war auch niemand verwundet. Ob jemand tot liegen geblieben war, kann ich nicht sagen. Es ist definitiv ein Nachteil, wenn man sich bei solchen Himmelfahrtskommandos untereinander nicht kennt.

Vom Feldwebel wurde der Rückweg befohlen. Die deutschen DO – Geräte schossen den Vormittag über verhältnismäßig oft. Beim Rückmarsch nahmen wir anfangs den gleichen Weg. Wir kamen zu einer Wiese und dahinter lag ein mit hohem Strauchwerk bewachsenes Gelände. Unter diesem Sichtschutz gab es erst einmal eine Pause. Ein Gefreiter, der schon länger in diesem Stress war, klagte über Hunger, da schon lange keine Verpflegung mehr nach vorne gekommen war. Kameradschaftlich meinte ich zu ihm, er solle von meinem Brotbeutel den Deckel hochklappen und sich die Hälfte vom Brot und den kleinen Schmelzkäse herausnehmen. Eine kleinere Dose Ölsardinen war auch darin, aber die wollte ich behalten.

In dem Zusammenhang möchte ich noch von einer Merkwürdigkeit berichten. Während der Ausbildung in Klusbergen bei Halberstadt haben wir alle vor dem Sonntagsausgang dreimal nacheinander die Tetanus-Spritzen bekommen. Diese Prozedur noch einmal am letzten Nachmittag vor dem Einsatz. Da haben wir in jedem Oberarm und hinter einem Schulterblatt die drei Spritzen als Auffrischung bekommen. Die Spritzen hatten auf mich eine beeinträchtigende Wirkung und schränkten mein Wohlbefinden ein. Vermutlich ließ ich auch deswegen den Kameraden an meinen Brotbeutel.

Die Gewehrschützen bekamen hundert Schuss und einen Umhängegurt aus Stoff mit Druckknöpfen. Die Patronen waren aber ohne Ladestreifen, also nicht so gut verstaut wie in der ledernen Patronentasche an dem Koppeltragegestell. In Halberstadt hat jeder fünf Patronen bekommen. Die Gewehre wurden geladen und gesichert wie bei einem Wachaufzug. Wir wollten dreißig Schuss in den Patronentaschen unterbringen, aber in Kasernentonart wurde dies untersagt. Das MG 42 wurde von dreihundert auf tausendzweihundert Schuss aufmunitioniert. Vier Kästen pro MG, zwei davon hatte ich zu tragen. Die Kaltverpflegung wurde für zwei Tage ausgegeben, dies mit dem Hinweis, dass die Versorgung demnächst nicht regelmäßig vonstatten gehen würde. So kam es dann auch, dass ich mich gewundert habe, dass ich mit meinem gesunden Appetit nicht auch Hunger verspürte, als der Kamerad nach etwas zum Essen fragte. Dies, so vermute ich, stand dann wohl im Zusammenhang mit den Spritzen und der Frontstress tat sein übriges. So verspürte ich nur Durst.

Die verhältnismäßige Ruhe wurde durch ein kurzes, kräftiges Rauschen unterbrochen. Sofort ging ich in Hockstellung, in Erwartung eines Granateneinschlags, welcher allerdings aus blieb. Gleich darauf hörte ich links von uns einen Kanonenschuss und wieder das Geräusch, von links nach rechts über uns sowie den Auf- oder Einschlag des Geschosses. Der dritte Schuss dieser Art wurde mit zwei oder drei Schuss von der Gegenseite beantwortet. Danach kamen von links die Abschüsse von mehreren Panzern und es endete nach einer starken Explosion in etwa 1000m rechts von uns. Die gegnerischen Panzer links von uns waren etwa in gleicher Entfernung.

Später habe ich erfahren, dass der Panzer auf unserer Seite einer von den dreizehn Panzer IV, der Division „H. Göring“ gewesen ist, die beim Transport vor Verona zusammen mit uns Fallschirmjägern gewissermaßen im Stau standen. Als nächstes fragte mich der Oberjäger: warum ich als einfacher Soldat eine Kartentasche hätte und was der Inhalt sei, meine Antwort war: was darin ist, wüsste ich nicht und dass ich die Tasche für den vorherigen Gruppenführer aufbewahren solle. Seine zweite Frage war: „Warum haben Sie die K.S. - (= Kriegsschule) Buchstaben auf den Schulterklappen?“ Erneut antwortete ich, dass ich in Werder an der Havel als Flugzeugmaler für die Flugbereitschaft des Generals der Fliegerausbildung, Kriegsschule 3, gewesen war. Weiter ergänzte ich, dass dort alle, auch die erste technische Kompanie, diese Schulterklappen gehabt hätten.

Eine kleine Behausung auf der Wiese hinter uns in dreihundert bis vierhundert Metern Entfernung war wohl das geworden, was man Bataillonsgefechtsstand nennt. Der Oberjäger war inzwischen weg und der Feldwebel gab mir einen Meldezettel und den Auftrag, diesen zum Bataillon zu bringen und die Antwort abzuwarten und mitzubringen. Aufrecht, wie wir über die Wiese gekommen waren, ging ich los. Nach etwa dreiviertel der Strecke knatterte es von rechts und die Geschosse pfiffen wieder mal vorbei. Blitzartig bin ich in Deckung gegangen und ungesehen vorwärts gerobbt.

Nach vorsichtigem Aufrichten setzte der Beschuss nochmals ein. So musste ich bis fast zum Bataillonsgefechtsstand robben. Damals in der Grundausbildung war ich Zugbester, jetzt war diese Art der Fortbewegung überlebensnotwendig! Die letzten Meter konnte ich mich dann wieder aufrichten. Bei der Hütte angekommen kam gerade ein Oberleutnant aus der Tür, wohl wegen des MG-Beschusses, welcher nicht zu überhören war. Zu dem Trupp Soldaten, die dort anwesend waren, sagte er wörtlich: „Jetzt wird es aber Zeit, dass Ihr mal wieder ein MG aufstellt!“ Der Befehl wurde sofort umgesetzt. Es waren allerdings keine vier Munitionskisten bei diesem MG und ein klar erkanntes Ziel gab es auch nicht.

Die gegnerischen MG – Schützen haben mich beim Rückweg nicht mehr beschossen. Von dem Beschuss habe ich bei meiner Rückkehr nicht berichtet, dies war inzwischen normal. Die Kartentasche war nicht mehr dort, wo ich sie liegen lassen sollte und ich habe mich darüber aufgeregt, weil ich jetzt als unehrlich bezeichnet werden könnte. Aber die Dienstgrade über dem einfachen Soldat waren selbstverständlich die Besseren. Im Nachhinein bin ich zu der Erkenntnis gekommen, besser schweigen als eine Meinung äußern.

Wir sind von diesem Platz nach kurzer Zeit aufgebrochen zum Bataillonsgefechtsstand. Wir waren mehr als drei Mann und ich ging vorweg aufgrund meiner vorangegangenen Meldertätigkeit und der damit verbundenen Ortskenntnis. An der Stelle, wo ich unter Beschuss kam, wurde ich vorsichtig. Schließlich fallen mehrere Soldaten mehr auf als einer. Es blieb friedlich. Der Feldwebel sagte hinter mir zu dem Oberjäger: „Das scheint mir ein Jubiläumsmelder zu sein.“ Vorweggenommen; ich war nach zehn Monaten Frontzeit der beste MG – Schütze von sieben in der Kompanie.

Noch am Tage waren wir in der Ortschaft Roccasecca angekommen. In der Mitte des Dorfes waren Deckungsgräben und Löcher angelegt worden. Es gab abgedeckte Grabenbereiche und dort sollte geprüft werden, wie es darunter aussieht. Der Oberjäger sagte: „Da kann der Neue von der Kriegsschule zeigen, was er drauf hat.“ Nachdem ich etwa anderthalb Meter vorwärts gebückt hineingekrochen war, konnte ich nur rückwärts wieder heraus.

Als Melder wurde ich nicht mehr eingeteilt, sondern kam zu einem Obergefreiten mit MG 42. Mit zwei verhältnismäßig leichten Munitionskästen hatte ich die neue Aufgabe des zweiten MG – Schützen. Wir wurden beide an der linken Straßenseite der Via Casilina (Neapel – Rom), am südlichen Ortsrand von Roccasecca in die Stellung eingewiesen. Hier gab es keine vorbereitete Stellung und wir haben mit meinem Feldspaten und einer Waschschüssel vor einem Holz, schuppen ein Deckungsloch gebuddelt. Der Obergefreite mit Eisernen Kreuz (EK) hatte wahrscheinlich am selben Tag das MG übernommen. Wir haben beide mein letztes Brot gegessen, die Sardinen waren nicht mehr in meinem Brotbeutel. Es war auch höchste Zeit den Brotbeutel zu öffnen, denn die beiden Eierhandgranaten hatten die Reissknöpfe gelockert und waren miteinander verbunden. Zwanzig Meter links vor uns, auf einer Grünfläche befand sich ein aus Feldsteinen gemauerter Brunnen, ohne Abdeckung, dort konnte ich Wasser holen. Die Artillerie war immer zu hören, aber bei uns waren es nur die langen Heultöne von den Granaten, welche weiter hinten einschlugen. Wir haben uns etwa fünfzig Meter hinter uns umgesehen und dabei festgestellt, dass ein SMG (Schweres MG auf Lafette) in Stellung war. Die Männer hatten, wie alle, zurzeit Hunger. Neben dieser Stellung mit MG auf Lafette und Optik – Zielfernrohr war in einem Gebäude 8,8cm Flak-Munition gestapelt, etwa einen Meter hoch. Die Menge habe ich auf Waggonladungen geschätzt. Gleich bei der Einweisung in diese Stellung haben wir auf der Straße einen Panzer IV festliegend gesehen. Es hat etwas geraucht und manchmal geknallt. Als das vorbei war, hat Kamerad Faller, ich nenne bewusst seinen Namen, aus Hunger den Mut gefasst, zum Panzer zu schleichen um etwas Essbares zu suchen. Nach dem Brand und den Explosionen war ich der Meinung, dass dort nichts Essbares mehr zu finden sei, aber ich sollte mich irren. Nach etwa einer Stunde kam Kamerad Faller zurück mit harten Brotplätzchen, so würde ich es nennen. Vorher und nachher auch nicht wieder gesehen bzw. gegessen. Zum Verzehr brauchten wir viel Wasser, das war aber noch ohne Gefahr vom Brunnen zu holen. Der Rauchgeschmack hat uns nicht gestört, Hunger regelt Geschmack!

Bis zum nächsten Morgen, hatte sich nichts im Vorfeld ereignet. Aber es kamen ein mir bis dato unbekannter Oberleutnant und ein Gefreiter vom Bataillonsgefechtsstand. Uns wurde gesagt, dass wir keine Verpflegung und keinen sonstigen Nachschub bekämen. Dann sollten wir den MG – Munitionsbestand sagen. Es waren siebenundvierzig Schuss im MG eingelegt und in beiden Kästen kam noch ein Rest bis fünfundsiebzig zusammen. Der Oberleutnant schlug die Hände zusammen und sagte, dass wir spätestens am nächsten Morgen einen Großangriff in diesem Gebiet zu erwarten hätten. Ehrlich gesagt, hatte ich ein mulmiges Gefühl bekommen. Es wäre dann wohl meine Feuertaufe, dachte ich. Aber meine Angst war nicht so groß, als dass ich nicht die Idee hatte, mit meinen hundert Schuss im Patronenhalter um den Hals, zwei Fünfziger-Gurte vollzustecken. Nun standen uns dreieinhalb Fünfziger-Gurte zur Verfügung, für eine Waffe, die fünfundzwanzig Schuss in der Sekunde verbraucht. Wenn ein Angriff mit Panzer und Infanterie so erfolgt wäre, wäre unsere Zeit abgelaufen gewesen.

Wir hatten abwechselnd Nachtwache, in dem Lärm eines nicht enden wollenden Gewitters. Wachfrei hatte ich beim Hellwerden mit dem Rücken am Schuppen gelehnt und geschlafen. Plötzlich war Motorengeräusch auf der Straße. Faller rüttelte mich an der rechten Schulter und weckte mich mit den Worten: „Ernst, wach auf! Ein ganzer LKW mit Tommys ist durch!“ Danach ging er mit meinem Gewehr zur rechten Schuppenecke und machte zwei Schnellschüsse nach hinten. Mit den Worten: „Bist Du denn nicht an Dein MG gewöhnt?“, stellte ich das MG in die gleiche Richtung. Weiteres Schießen war nicht mehr notwendig, denn der Fahrer mit dem Flachhelm wurde im gleichen Moment gefangen genommen. Faller ist danach noch hingegangen und konnte seine beiden Treffer auf der linken Tür des Fahrzeugs wiederfinden. Der Fahrer war unverletzt und hatte sich ergeben. Das Fahrzeug wurde von dem Tommy unter Aufsicht aus dem Ort gefahren.

Nachdem Faller wieder zurück war, stand fest, dass nur ein Tommy durchgefahren war aber er muss Infanterie im Wald vor uns abgesetzt haben und danach in die falsche Richtung, die Rückfahrt auf der Via Casilina angetreten haben. Faller sagte, sie hätten sich beide gleichzeitig erschrocken angesehen.

Der Artilleriebeschuss wurde immer stärker, doch alles „jaulte“ über uns hinweg. Als Faller sagte: „Ernst, das Wasser ist alle.“, ging ich gebückt in Richtung Brunnen. Da schoss links vom Waldrand ein MG auf mich, ich ging schnell zu Boden und hatte die etwa sechzig Zentimeter hohe Brunnenmauer als Deckung. Kurzes Warten und vorsichtiges Aufrichten wurde nochmals, wohl mit dem Rest des Gurtes oder Trommelmagazins beantwortet. Danach habe ich das Kochgeschirr voll Wasser am langen Draht hochgezogen. Das MG schoss wieder, aber diesmal rechts von mir und höher. Nach meiner Meinung war das die ganze Ladung. Aus den eigenen Reihen wurde nicht zurück geschossen. Das eigene SMG war am zweiten Tag nicht zu sehen und zu hören und war wohl auch nicht mehr hinter uns.

Wir hatten genügend Wasser für den Tag und haben uns nicht mehr viel bewegt. Da unsere Stellung so nah am Gegner lag und der frisch aufgeworfene Boden vom Stellungsbau konnte nicht genug getarnt werden, rechneten wir mit nochmaligem Beschuss. Doch das MG gab den ganzen Tag Ruhe. Vor und neben uns waren immer noch keine Granateinschläge. Das Feuer wurde scheinbar nicht durch einen vorgeschobenen Beobachter gelenkt und wenn, dann eher seitlich von uns.

Als es wieder dunkel wurde, kam der Oberjäger von rechts über die Straße und sagte, dass wir uns aufs Stellungräumen vorbereiten sollten. Weiter sagte er, dass wir nicht so unvorsichtig sein sollten wie einer von den Neulingen. Dieser hätte sich, bei diesem Beschuss beim Wasserholen auf der anderen Straßenseite aufrecht auf die Straße gestellt. Er wollte wohl sehen, was los war und wurde kreuz und quer durchlöchert, so der Oberjäger. Nun wussten wir, wo der zweite Gurt hingeschossen wurde! Im Jahr 2009 sage ich dazu, dass Eltern hierfür nie wieder Söhne großziehen sollten! Das Artilleriefeuer verstärkte sich und kam näher. Es dauerte nicht lange, bis eine besonders starke Explosion zu hören war und danach viele schwere Teile in die Umgebung „kleckerten“. Es war bestimmt ein Treffer auf die gelagerten 8,8cm Flak – Granaten.

Wir beide warteten noch lange auf den Rückzugsbefehl und hatten Bedenken, dass derjenige, welcher uns den Rückzugsbefehl überbringen sollte uns nicht finden würde. Also beschlossen wir, schon über die Straße zu gehen. Gesagt, getan. Wir gingen hinüber und erwarteten jemanden zu treffen, der auf der anderen Seite postiert war, aber wir waren allein und warteten noch eine Weile. Es kam dann endlich wieder der Oberjäger an den langen Gartenzaun und hat gezetert, wegen der etwa dreißig Meter die Stellung zu verlegen. Vielleicht war da noch der Groll, wegen der Meinungsverschiedenheit bezüglich der Kartentasche. Schließlich erreichten wir nach halber Dorfumwanderung eine Ansammlung der 6.3 und ich bekam wieder volle Munitionskästen, wie gewohnt. Die wurden mit leerem Magen, den wir alle immer noch hatten, in der Nacht bis zum Morgen geschleppt. Von der Via Casilina ostwärts bis Arce, auf der Karte etwa 7 Kilometer. Es dauerte bis zum Hellwerden. Diese Nacht war schlimmer als die vergangenen zwei Tage, wo wir einen Großangriff erwarten sollten. Es roch nach brennenden Gummi, Benzin, Pulver und Leichen. Ein zerschossener Panzer brannte noch am Straßenrand. Während dieses Marsches kamen wenig lang heulende Granaten, es war die Zeit der kurzen, schrillen Töne vor dem Bersten. Diese Nacht war von allen die bisher härteste. Wir haben sie überlebt, Kamerad Faller und der mir seit dem Arbeitsdienst und der Grundausbildung bekannte Kamerad Schwandt aus Stargard (Pommern). Mit dem Kamerad Faller wurde ich nicht mehr eingeteilt. Ob er das MG behalten hat, weiß ich nicht. Nach etwa fünf Monaten, beim ersten Einsatz nach der Ruhepause, war er in der zweiten Gruppe des ersten Zuges. Wir waren fast eine Woche vier Kilometer vor der Hauptkampflinie (HKL) und ich war wieder einmal Zugmelder. Faller war ein guter Soldat aber nicht als MG – Schütze.

Nun will ich nicht weiter vorgreifen und in der zeitlichen Abfolge bleiben. Mein nächster Kompagnon war ein Stralsunder Gefreiter. Er war vor Freude aus dem Häuschen, als ich ihm sagte, dass ich von Grimmen komme. Der Kamerad Lembke sprach sofort Plattdeutsch mit mir und fragte mich, ob ich die Hainholzstraße kenne. Auf Platt antwortete ich, nur einige Male in Stralsund gewesen zu sein und keine ausreichenden Ortskenntnisse zu haben. „Aber in der Hainholzstraße, hat mein Vater eine Gärtnerei und ich bin auch Gärtner“, sagte er. Darauf antwortete ich, dass ich bei Brettschneider in Grimmen drei Jahre das Malerhandwerk gelernt hatte.

Inzwischen waren wir über eine steinerne Flussbrücke auf die nördliche Seite des Flusses Liri gekommen. Dort waren wir zwei als Gewehrschützen postiert worden und rechts von uns ein MG mit zwei Mann. Mit dem Verlassen der Straße nach Arce sind wir wieder unter die länger heulenden Granaten gekommen. Etwas Ruhe und schönes Wetter bringt noch lange nicht ausgehungerte Soldaten zu Kräften. Den Tag über haben wir erst mal versucht, eine Deckung zu errichten, was aber wegen des felsigen Untergrunds nicht möglich war. Der Mutterboden war zehn bis zwanzig Zentimeter stark. Es war noch keine Feindsicht und da die Feldflaschen leer waren, bin ich mit dem Kochgeschirr bis zum tiefliegenden Wasserspiegel des Liri geschlichen. Das Wasser floss schneller als die norddeutschen Bäche und Flüsse, aber mit etwas Geschick konnte ich auch ein wenig Wasser die Böschung hoch bringen. Das Wasser aus dem Brunnen war gegen dieses, wie Sekt zu Jauche. (Behaupte ich mal, als einer, der damals noch keinen Sekt getrunken hatte.) Im Laufe des Tages bin ich nochmal da runter, mit dem gleichen Ergebnis und Genuss. Dieser Tag war der letzte in der Sengerlinie (22.05. – 25.05.1944).

3

Eine Nacht wurde im Feldquartier übernachtet. Nach Sonnenaufgang wurden wir wieder in Marsch gesetzt. Es war ansteigendes Gelände, felsig und kein ausgebauter Weg. An der linken Seite von uns war eine über zwei Meter hohe und wohl mehr als einen Kilometer lange alte Mauer. Da sind wahrscheinlich auch Landser auf der anderen Seite unterwegs gewesen. Wahrscheinlich unter Feindeinsicht, denn auf der anderen Seite störte die Artillerie die „Idylle“.

Noch vormittags erreichten wir den Gipfel. An einem Bauernhof wurden wir in die Stellungen eingewiesen. Der Gärtner und der Maler waren wieder zusammen. Wir hätten abwechselnd wachen und schlafen können und sollen. Aber Gefreiter Lembke wurde diesmal von einem Feldwebel woanders eingesetzt. Das hieß für mich, allein wachen bis zum Einschlafen. Auf Wache zu schlafen ist allerdings ein Wachvergehen. Die Blickrichtung ging über das Dorf und dahinter über Berge wie jene, wo der Brunnen besseres Wasser hatte. Plötzlich gab es Artilleriebeschuss auf das Dorf, etwa einen halben Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Nach den letzten Granateinschlägen hörte ich lautes Schreien und Klagen einer Frau. Es dauerte an und machte auf mich den Eindruck, dass nicht sie betroffen sei, sondern dass sie Angehörige beklagen würde. Aus meiner Sicht war da unten keiner von unserer Truppe. Trauriger Umsatz für die gegnerische Rüstungsindustrie.

Am späten Nachmittag hatte der gegnerische Artilleriebeobachter erkannt, wo wir uns aufhielten. Es begann nun das Einschießen mit einzelnen Granaten, die erst über uns detonierten. Dabei entstand immer eine längliche Rauchfahne. Es hatte schon einige Male gepfiffen und gekracht, als der Feldwebel, der Gefreiten Faller woanders eingeteilt hatte, auftauchte. Er hatte in der Zeit, als ich meine Wache noch nicht durch Schlaf unterbrochen hatte, wohl eine Weinstubenpause gemacht. Ein Pferd hatte er aufgezäumt und ritt links vom Gehöft auf einer Weidefläche von etwa einer Fußballfeldgröße. Bei dieser Zirkusnummer hatte die Artillerie das Feuer dorthin verlegt, wo das Pferd hin und her gescheucht wurde.

In der Dunkelheit sind wir vom Berg herunter gegangen und wieder auf eine gut ausgebaute Straße gekommen. Dort war wohl eine Ansammlung der Reste der vier Kompanien des II. Bataillons. Bei Tageslicht sind wir auf LKW aufgestiegen und ich wurde von dem bekannten Oberjäger hinter das Fahrerhaus befohlen, mit dem Auftrag, auf Jabos zu achten. Eigentlich hätten sich alle in der Verantwortung fühlen müssen. Neben dem MG42 auf dem Fahrerhaus lehnte ich mich mit den Unterarmen auf das Dach und schlief stehend ein. Das passierte mehrfach und ich wurde vom Oberjäger, der nur sich als Mensch wertete, durch Klopfen auf dem Springerhelm und Kasernentonart auf die Fliegerbeobachtung hingewiesen. Wir kamen in einer kleinen Ortschaft an und sind erstmals seit meinem ersten Tag an der Front verpflegt worden. Jeder bekam eine Dose Wirsingkohl mit Rindfleisch sowie einen Esbitkocher und Esbit. Den Doseninhalt habe ich im Kochgeschirr auf dem Esbitkocher aufgewärmt, für schmackhaft befunden und restlos verzehrt.

Nach dem großen Füttern wurden wir in die Stellungen eingewiesen. Wir waren in einer Obstplantage angekommen und da wir in den nächsten zwei Tagen durch Tivoli kamen, musste es zwischen Rom und Tivoli gewesen sein. Was mir auffiel, war, dass der Artillerielärm etwas weiter weg war. Mit dem Stargarder Kameraden Schwandt teilte ich mir den Posten. Wir waren bereits vor einem Jahr im Arbeitsdienst im gleichen Trupp (Trupp 10), in der gleichen Sechzehn-Mann-Unterkunft (etwa ein Drittel Baracke), wobei Unterkunft hier noch als geschmeichelt gelten darf, gab es doch keine vernünftige Zwischendecke und auch kein ordentliches Dach. Auch in Frankreich, bei der ersten Ausbildung, waren wir im gleichen Zug.

Der Oberjäger hatte den Auftrag, einen Drei-Mann-Spähtrupp zusammenzustellen und durchzuführen. Er kam zu uns beiden und brauchte noch den dritten Mann für den Spähtrupp, da habe ich mich gemeldet. Wir sind sofort losgegangen und kamen schnell zu einer Pfirsichplantage. Aufrecht, aber vorsichtig pirschten wir vorwärts. Nach etwa zwei Kilometern kamen uns zwei Männer in Zivil entgegen, sie kamen direkt auf uns zu. Der Gruppenführer fragte auf Italienisch, ob sie schon Engländer gesehen hätten, was aber nicht der Fall war. Die Männer waren wohl Plantagenarbeiter, sie gingen dann auch weiter. Etwas später sind wir auch zurückgegangen aber ein paar Pfirsiche haben wir vorher noch gegessen. Später haben wir bedauert, nicht noch ein paar Früchte mitgenommen zu haben. Denn am nächsten Tag ging es weiter, durch Tivoli in eine Stellung am Fluss Aniene.

Nach meiner Rückkehr beim Kameraden Schwandt schlugen in der Gegend die ersten Granaten allerdings ohne das bekannte Heulen ein. Es war die erste Bekanntschaft mit den 8cm-Spuckern (Granatwerfer oder auch Mörser). Meine Spähtruppteilnahme zählte als Schlafen, denn jetzt hatte ich meinen Kameraden abzulösen. Ausreichenden Schlaf haben die niedrigen Dienstgrade schon lange nicht mehr gehabt. Am nächsten Tag wurden wir schon wieder in Marsch gesetzt und wir kamen über eine Stadtrandstraße durch das Anienetal. Wasser haben wir aber nicht gesehen, es standen uralte Olivenbäume davor, die mich an heimische Kröpfweiden erinnerten. Artilleriebeschuss hörten wir nur wie Gewitter in weiter Ferne und Jabos flogen zur Aufklärung. Außerhalb der Stadt wurden wir am Aniene postiert. Kamerad Schwandt und ich in einem kleinen Weizenfeld. Etwas zur Seite, rechts hinter uns wurde der Obergefreite Schrader mit dem MG42 und zwei Mann postiert. Aus der Richtung von wo wir kamen, waren ebenfalls Soldaten eingeteilt. Wir sind nochmals zurückgegangen, wegen des Wassers, welches man an einem undichten Ventil einer Fernwasserleitung fassen konnte.

Das MG bildete den Abschluss der Stellung. Wir hatten uns eine kleine Deckung gebaut und von dem Weizen haben wir die Körner geknabbert. Wir hatten in der ganzen Zeit nur den Wirsingkohl mit Rindfleisch bekommen, nur allzu logisch, dass man dann auch das nutzt, was die Natur bietet. Der Aniene zeigte uns an dieser Stelle auch kein Wasser, sondern Wasserpflanzen und Sträucher. Plötzlich hörten wir unbekannte Motorengeräusche, welche näherkamen. Der Oberjäger war nochmals zu unserer Stellung gekommen. Er hatte diesmal Brot und für jeden einen kleinen Schmelzkäse mitgebracht. Den Verpflegungsanteil für die MG – Schützen musste ich abliefern.

Beim Rückweg durch den Weizen schlängelte sich eine fast eineinhalb Meter lange gelbliche Schlange über den Weg. Vor Schreck blieb ich stehen und dies war wohl auch die richtige Reaktion. Wieder zurück, in der eigenen Stellung, wollte ich über die tierische Begegnung sprechen, aber der Versuch wurde jäh im Keim erstickt, durch MG-Knattern von der Gegenseite. Die Geschosse pfiffen rechts an uns vorbei und schlugen etwa zwei Meter hinter unseren eigenen MG – Schützen ein, dort wirbelten sie Staub auf.

Für das Brotbringen unter Feindeinsicht wurde ich später ausgemeckert. Wenn ich den Befehl nicht ausgeführt hätte, wäre ich wohl als Feigling bezeichnet worden. Als wir sitzend beim Brot essen waren, gab es Beschuss für uns. Wir legten uns flach auf den Boden und warteten das Ende des Beschusses ab. Es waren nur Weizenähren abgeknickt und wir beide sind bis zum Rand des Weizenfeldes vorgerobbt. Die Gewehre hatten wir entsichert, wir versuchten zu erkennen, von wem oder von wo geschossen wurde. Doch es blieb ruhig und wir wurden außerhalb des Weizens nicht mehr entdeckt. Tropenhemd und die dazugehörige Hose gab es erst ein Vierteljahr später. Die oben genannten Motorengeräusche, welche wir gehört hatten, waren die von einem Spähpanzer und der MG-Beschuss auch. Wir sind noch bei Tageslicht in die nächste Stellung geführt worden.

Es handelte sich um eine ebene Fläche mit einzelnen Gehöften für den Gemüse- und Obstanbau. Hier hörten wir in großer Entfernung einzelne Gewehrschüsse und sahen dicht vor uns Uniformierte, die in einem zerdepperten Flachbau etwas suchten. Nun, ich hatte gerade Wachfrei und so ließ ich meiner Neugier freien Lauf, ich ging ebenfalls zu dem Gebäude. Ein Infanterieleutnant und ein Obergefreiter suchten etwas zwischen diversen alkoholischen Getränken. Wenn schon anwesend, suchte ich ebenfalls nach etwas Nützlichem. Mit einer Ausbeute von fünf Flaschen unterschiedlichen Gesöffs kehrte ich zurück. Der Älteste der Gruppe sagte: „Das wird aber jetzt nicht getrunken!“ „Von mir sowieso nicht, bin Nichtraucher und kann alles ohne Alkohol“, sagte ich. Mir wäre bei der Suche etwas Essbares lieber gewesen. Leider gab es in dem ehemaligen höheren deutschen Gefechtsstand wohl auch keinen Lebensmittelüberschuss. Mit dem Humor der jetzigen Zeit und genügend Abstand bemerke ich mal, dass es kein Jammern über das Übergewicht gab.

Unsere derzeitige Truppenbewegung war wie ein Nachhutauftrag, in umgekehrter Art. Bei Nachhut heißt es, laut Kompanieunterricht: der nachrückende Gegner ist anzuschießen, dann wird sich zurückgezogen, bei Tag oder Nacht. Wir wurden aber meistens zuerst beschossen, das war dann der Grund fürs Gegenteil von „Avanti“ (Vorwärts). In den nächsten vierundzwanzig Stunden habe ich gemerkt, dass ich noch keinen Freund hatte. Denn der nächtliche Rückzug begann in der Dunkelheit und brachte für mich einen Tritt in den Hintern durch den Feldwebel Strut. Empört sagte ich ihm, dass ich mich über ihn beschweren würde. Doch er drohte nur, dass er noch ganz anders könnte. Jetzt verstand ich den Gefreiten Lembke, welcher mir beim ersten Kennenlernen auf plattdeutsch sagte: „Sieh Dich vor bei den Vorgesetzten. In der Kaserne schikanieren sie Dich bloß, hier legen sie Dich um.“

Der Tag verging verhältnismäßig ruhig und vier von den Schnapsflaschen habe ich an Kameraden der Gruppe verteilt. Die eine Flasche welche ich eigentlich tragen wollte, habe ich beim Fertigmachen für die nächtliche Rückzugsbewegung an eine Hauswand geworfen. Es wäre für mich nur schade gewesen, wenn es gutes Trinkwasser gewesen wäre.

Nach Sonnenuntergang waren wir zwischen Gartenhecken unterwegs, ich hatte das übliche Gepäck, zwei volle Munitionskästen. Einen Tornister oder Rucksack hatte ich nicht. Als eine kurze Rast befohlen wurde, schlief ich auf einer Grünfläche schnell ein und ich war bestimmt nicht der Einzige. Wach wurde ich dann durch das Gebrüll des bereits erwähnten Feldwebels. Als ich aufstand und die beiden Munitionskisten nahm, bemerkte ich, dass ich alleine war. Meine Meinung, dass es unkameradschaftlich wäre, ohne mich zu wecken weiterzugehen, interessierte nicht und wurde erneut durch einen Tritt in den Hintern beantwortet. Das war bis dahin die größte Erniedrigung für mich und ich sagte, dass ich mich über ihn beschweren würde. Seine Antwort war wieder nur, dass er noch ganz anders könne. Nun verstand ich auch meinen Stralsunder Kameraden und habe mich nicht mehr geäußert.

Wir waren pausenlos unterwegs gewesen und hatten die Truppe bei Sonnenaufgang eingeholt. Vor einem zweigeschossigen Haus wurde Rast gemacht. Dort floss Gebirgswasser in ein Wasserbecken. Wir befanden uns die ganze Zeit auf ansteigendem Gelände. Noch bevor ich zum Wasser kam, äußerte der Feldwebel (in die Runde), dass er mir in den Arsch getreten hätte und dass ich mich jetzt beschweren wolle. Nach dem Wassertrinken kam der Feldwebel mit einer runden Schachtel Schocacola (Schokolade) zu mir und sagte, dass ich ja mal wieder etwas essen müsste. Es sah so aus, als würde ich die ganze Schachtel bekommen, aber er öffnete sie und ich bekam die Hälfte. Danach befahl mir der Feldwebel, dass ich die Kästen vorort lassen und mitkommen sollte. Wir gingen im felsigen Gelände soweit, das wir das Haus nicht mehr sahen. Dann hieß es, hier kommt eine MG – Stellung hin, mit der Schussrichtung in das abfallende Gelände. Mein Auftrag lautete, eine bogenförmige Schutzwand aus Felsbrocken zu bauen, hinter welcher die MG – Schützen Schutz finden würden.

Der Feldwebel ging wieder zurück und ich war nach etwa einer Stunde fertig. Dann hatte ich auf das MG zu warten. Da habe ich mich hinter die Mauer gesetzt, das Gewehr auf den Knien abgelegt und das Vorfeld beobachtet. Das endete abrupt, als ich ein metallisches Knacken neben meinem rechten Ohr wahrnahm. Die Augen wieder geöffnet, sah ich den Feldwebel mit seiner Pistole spielend, behaupte ich jetzt mal, da ich diesen Vorfall ja überlebt habe. Nun durfte ich wieder zurück. Bei der Truppe wieder angekommen, äußerte sich der Feldwebel in die Runde wie folgt: „ Er schläft bei der Wache ein und sagt dann er hätte gelauscht.“ Das habe ich damals wirklich so gesagt aber man darf keinen Spott versäumen.

Wir waren wohl schon in den Abruzzen, sind aber wenig durch größere Orte gekommen. Als wir wieder einmal an eine Asphaltstraße kamen, gingen wir, etwa fünfzig Meter parallel zur Straße im Wald unter den Bäumen. Denn die JaBo‘s suchten schon wieder nach Opfern und unsere Artillerie war weit weg. Am Rande eines Maisfeldes sind wir in die Stellungen eingewiesen worden. Wir waren vorort aber nicht die Ersten. So war bereits ein 8,8cm Panzerabwehrgeschütz von der 14. Kompanie sowie seitlich von dem Geschütz ein Drei – Mann – Trupp mit dem sogenannten „Panzerschreck“ oder auch „Ofenrohr“ in Stellung gegangen. Der Kamerad aus Stargard wurde von dem Oberjäger woanders hin befohlen.

Danach konnte man links vor uns die bekannten Motorengeräusche eines Spähpanzers hören. Am Panzerabwehrgeschütz rührte sich nichts. Der Oberjäger kam nochmal zurück und es gab MG – Beschuss. Wir hatten die gleiche Deckung, einen dreiviertel Meter hohen Mauerring eines Schuppens oder Laube. Das gegnerische MG schoss zweimal vergeblich auf uns. Beim nächsten Beschuss galt das Feuer nur noch der Pak (Panzerabwehrkanone) und nicht mehr uns. Die drei Männer mit dem „Panzerschreck“ waren nicht zu sehen. Der Oberjäger entfernte sich wieder, nachdem das Motorengeräusch leiser wurde und nur noch aus der Ferne zu hören war. Etwa ein halbe Stunde später wurde die 8,8cm Pak von einem offenen Kübelwagen aus der Stellung gezogen. Die „Ofenrohrmannschaft“ zog ebenfalls ab.

Unsere Kompanie sammelte sich danach auch zum Rückzug. Im vollen Tageslicht waren wir den Rest des Tages auf einer Asphaltstraße, vor Fliegern auf der Hut, unterwegs. Wenigstens konnte uns die Artillerie nicht mehr gefährlich werden. Ein regenloses Gewitter begleitete uns und blieb in Italien bis zum 25.04.1945. Vor Erreichen unseres Zieles kam uns ein Kübelwagen entgegen, der Fahrer hatte den Auftrag, fußkranke Kameraden mitzunehmen. Niemand äußerte sich darüber, als ich mich auch meldete für den Transport. Wir hatten noch etwa fünfhundert Meter zu gehen, um ein Dorf zu erreichen, welches etwa zweihundert Meter Höhenunterschied zu der Straße hatte, auf der wir kamen. In diesem Ort gab es dann mal wieder Warm- und Kaltverpflegung durch den Tross. Es war ruhig wie schon lange nicht mehr und man konnte sich waschen und rasieren. Hier wurde auf Wacheinteilung verzichtet und man konnte mal wieder eine Nacht durchschlafen. Für die Mannschaften waren Schuppen oder Stallungen die Quartiere für die Nacht. Ab Unteroffizier aufwärts wurde in den Häusern geschlafen.

Am nächsten Morgen kam einer von den Oberjägern mit einem Akkordeon zu uns und fragte, ob jemand bereit sei, für einhundert Mark das Instrument zu tragen. Da sich keiner von uns meldete, ging er unverrichteter Dinge wieder davon. In einem Schuppen befand sich ein offener roter Ferrari, welcher das Anspringen verweigerte. Mit der Anstrengung aller Anwesenden wurde dieser über eine ein Meter hohe Mauer etwa dreißig Meter in die Tiefe gestürzt. Das war das Ende einer ruhigen Nacht.

Wir zogen in einer Schlucht durch die Berge, weg von der Asphaltstraße. Bei diesem Marsch war ich vorne beim ersten Drittel. Der Himmel war bewölkt, also keine Gefahr durch Flieger. Wir stießen auf eine Schafherde. Der Feldwebel, welcher immer noch unsere Kompanie führte, gab an die Kameraden mit dem dichtesten MG 42 den Befehl: Fünfzig Schuss, Feuer frei! In den nächsten vier Sekunden haben viele Tiere geblökt und zogen dabei schleunigst weiter. Es waren bestimmt viele Tiere getroffen, sofort tot war nur ein Schaf. Diese Handlung empfand ich als zutiefst widerwärtig, war ich doch in ländlicher Gegend aufgewachsen und gehörten Nutz- und Haustiere bei uns zum täglichen Leben dazu, noch konnten diese Tiere doch wohl unsere Feinde gewesen sein. Das tote Schaf wurde mitgenommen und später in der Nähe des Kompanietrupps verzehrt, es war viel zu wenig. Bei dem verantwortlichen Feldwebel brach indessen vierundzwanzig Stunden Gnadenlosigkeit aus. Bei uns dreien ist nichts von dem Schafsfleisch angekommen und natürlich hatte uns am nächsten Tag der Hunger wieder.

Der Tag war allerdings erst zur Hälfte um und wir waren auch noch nicht am Ziel. Nach einiger Zeit kam uns eine Gruppe Zivilisten entgegen, mit drei jungen Männern voran. Inzwischen war ich fast vorne an der Spitze, an vierter oder fünfter Position unserer Marschkolonne und musste nun aus nächster Nähe eine andere Fratze des Krieges kennenlernen. Einer der drei Männer zeigte dem Feldwebel eine DIN A4 Bescheinigung worauf dieser anfing zu schimpfen und es folgten Beschimpfungen wie Bandit und Verräter. Marschall Badoglio unterzeichnete am 03.09.1943 das Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten. Nun maß sich eben dieser Feldwebel an, Unschuldige zu richten. Schnell hatte er die 08 gezogen und zwang den ersten sich umzudrehen. Da habe ich mich weggedreht und ich war nicht der Einzige. Es knallte dreimal hintereinander und danach beklagte sich der Feldwebel, dass der Pistolenlauf nicht sauber geblieben ist.

Der Marsch wurde fortgesetzt. Die Zivilisten beklagten und betrauerten schockiert das Erlebte. Als der Todesschütze näher kam, lief eine Frau zur Seite und schrie laut und unaufhörlich. Als ich mich umsah, brüllte ein anderer Feldwebel (Struth) die Frau mit „Halt die Schnauze“ an und riss dabei die MP hoch. Die Frau riss entsetzt den Mund auf und war sofort ruhig. Mir ging es nicht anders, ich war genauso entsetzt. Es war mir deutlich wohler, dass es bei dieser Drohgebärde blieb und nichts weiter passierte. Heldentaten sehen anders aus.

Nach etwa zwei Kilometer erreichten wir ein größeres Bergdorf. Mit zwei MG – Schützen wurde ich am ersten Haus des Ortes zur Wache eingeteilt. Das MG war auf eine Fensterbank eines Wohnraumes in Position gebracht. Die Bewohner des Hauses am anderen Ende des Gebäudes. Der Schütze Eins des MG 42 wusste zu berichten, dass das vorgezeigte Papier des Italieners ein Entlassungsschein der italienischen Marine war und die Frau hatte wohl einen Angehörigen unter den Erschossenen. So hatte ich mir Heldentaten nicht vorgestellt, es war beschämend und es sollte noch nicht zu Ende sein.