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Edgar Reitz hat den deutschen Autorenfilm mitbegründet, mit seiner « Heimat »-Trilogie Filmgeschichte geschrieben. So wie er dort eindrucksvoll das persönlich Erlebte mit den Zeitläufen verband, tut er es auch hier – in seiner Autobiographie. Reitz erzählt von seiner Kindheit in den dreißiger Jahren, einer Jugend im Krieg, der Nachkriegszeit, dem jungen Mann, den es in die Ferne zieht, seinen Studienjahren in München, wo sich ihm eine neue Welt der Kultur eröffnet, und schließlich von der Filmkunst: Mit den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests verbreitet er den Slogan « Papas Kino ist tot! », die Geburtsstunde des Neuen Deutschen Films; er begegnet Literaten wie Günter Eich, internationalen Filmgrößen wie Romy Schneider, Bernardo Bertolucci oder Luis Buñuel, arbeitet mit Schauspielerinnen und Schauspielern wie Hannelore Elsner und Mario Adorf, Regisseuren wie Alexander Kluge und Werner Herzog. Reitz ist ein großer Chronist deutscher Sehnsucht und Geschichte, zugleich ein feinfühliger Erzähler, der uns von der Vorkriegszeit über die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart führt. Immer wieder kreist er um die Frage, was es bedeutet, eine Heimat zu haben und sich von ihr loszumachen, aufzubrechen oder zurückzukehren – und trifft damit ins Herz unserer Zeit. Ein besonderes Dokument des Lebens wie eines ganzen Jahrhunderts, kraftvoll erzählt und berührend, beeindruckend in seiner Farbigkeit. Ein großes Erinnerungswerk und zugleich hochaktuell.
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Seitenzahl: 998
Veröffentlichungsjahr: 2022
Edgar Reitz
Erinnerungen
Edgar Reitz hat den deutschen Autorenfilm mitbegründet, mit seiner «Heimat»-Trilogie Filmgeschichte geschrieben. So wie er dort eindrucksvoll das persönlich Erlebte mit den Zeitläufen verband, tut er es auch hier – in seiner Autobiografie. Reitz erzählt von seiner Kindheit in den Dreißigerjahren, einer Jugend im Krieg, der Nachkriegszeit, dem jungen Mann, den es in die Ferne zieht, seinen Studienjahren in München, wo sich ihm eine neue Welt der Kultur eröffnet, und schließlich von der Filmkunst: Mit den Unterzeichnern des Oberhausener Manifestes verbreitet er den Slogan «Papas Kino ist tot!», die Geburtsstunde des Neuen Deutschen Films; er begegnet Literaten wie Günter Eich, internationalen Filmgrößen wie Romy Schneider oder Luis Buñuel, arbeitet mit Schauspielerinnen und Schauspielern wie Hannelore Elsner und Mario Adorf, Regisseuren wie Alexander Kluge und Werner Herzog.
Reitz ist ein großer Chronist deutscher Sehnsucht und Geschichte, zugleich ein feinfühliger Erzähler, der uns von der Vorkriegszeit über die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart führt. Immer wieder kreist er um die Frage, was es bedeutet, eine Heimat zu haben und sich von ihr loszumachen, aufzubrechen oder zurückzukehren – und trifft damit ins Herz unserer Zeit. Ein besonderes Dokument des Lebens wie eines ganzen Jahrhunderts, kraftvoll erzählt und berührend, beeindruckend in seiner Farbigkeit. Ein großes Erinnerungswerk und zugleich hochaktuell.
Edgar Reitz, geboren 1932 in Morbach im Hunsrück, ist einer der bedeutendsten deutschen Regisseure – und ein Gründervater des Autorenfilms. Weltweite Bekanntheit erlangte er mit seiner «Heimat»-Trilogie (1984 bis 2004), die zu den umfangreichsten erzählerischen Werken der Filmgeschichte zählt. Reitz wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit sechs Bundesfilmpreisen und dem Ehrenlöwen der Biennale di Venezia; 2006 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, 2020 den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises. Edgar Reitz lebt in München.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2022
Copyright © 2022 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München
Coverabbildung Bernd Weisbrod
ISBN 978-3-644-01417-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Salome
«Der Anblick ist ...
ERSTER TEIL Vom Ausreißen der Wurzeln
1 Erwachen
2 Die Dschungelprinzessin
3 Fieber
4 Die Hundheimer
5 Das Großvaterprinzip
6 Der unsichtbare Krieg
7 Dorfkino
8 Ein Mann von zwölf Jahren
9 Die Stunde Null
10 Zauber der Anfänge
11 Heimliches Glück
12 Aufbrüche
13 Reifeprüfung
ZWEITER TEIL Eine Parallelwelt
14 Wie das Ich entsteht
15 Zwischenzeit
16 Film oder Leben
17 Die Legende von München
18 Verwandte Seelen
19 Taschengeld
20 Fuchsbau und Träume
21 Mein doppeltes Leben
22 Wie die Studiobühne entsteht
23 Die Bubenhochzeit
24 Das Leben greift nach uns
DRITTER TEIL Das Licht der Leinwand
25 Der römische Brunnen
26 Hier müsste man einen Film drehen
27 Zielke
28 Parallelen
29 Verkehrserziehung
30 Der Mann von Bayer
31 Mexiko
32 Ägypten
33 Baumwolle
34 Reisen ohne anzukommen
35 Schnitte und Einschnitte
36 Das Hong Kong
37 Vita eines Brummers
38 Das Manifest
39 Schwimmen lernen
VIERTER TEIL Das Ulmer Gefühl
40 Erste Schritte ins Rampenlicht
41 Nebensachen
42 Herr Handwerk
43 Ulm
44 Geschwindigkeit
45 Kuhberg – Venusberg
46 Entwicklung und Experiment
47 Ursachen und Wirkungen
48 Abschied von gestern
49 Mahlzeiten und die Folgen
50 Zweimal Venedig und zurück
51 Nachspiele
FÜNFTER TEIL Vom Leugnen und Begründen
52 Ulm macht Schule
53 Die Legende von Karin Roon
54 Revolte um Cardillac
55 Julio
56 Das Kübelkind
57 Guido und Vaters Tod
58 Alle Macht für Super-8
59 Die U.L.M.
60 Reise nach Wien
61 Petra, die Liebe und die Arbeit
62 Ein Auto, das eine Göttin war
63 Grenzen einer Freundschaft
SECHSTER TEIL Vom Phönix und der Asche
64 Susannes Besuch
65 Der Traum vom Fliegen
66 Ein Freund und die Stunde Null
67 Der Deutsche Herbst
68 Zeit der Gauner und Spitzbuben
69 Der Absturz
70 Schneesturm auf Sylt
SIEBTER TEIL Mein Weg nach Schabbach
71 Peter Steinbach
72 Susanne tanzt
73 Die Blockhütte
74 Die Hunsrückdörfer
75 Opa Molz und der Tod
76 Chronik und Zeit
77 Drehort Heimat
78 Alf
79 Weihnachtsblues
80 Sommerglück
81 Ich werde fünfzig
82 Rückkehr in die Zeit
83 Julia
84 Welterfolg Heimat
ACHTER TEIL Wahlheimat Film
85 Erfolg – und dann?
86 Ein Glück mit Macken
87 Die Blockhütte am Ammersee
88 Das Ende von etwas
89 Zehntausend Zigaretten
90 Casting 87
91 Salome
92 Das Haus
93 Auf den Spuren des Zarathustra
94 Arbeit und Leben – 557 Drehtage
95 Neue Freiheiten
96 Premieren
97 Das Wunder von Italien
NEUNTER TEIL Das Ende der Moderne
98 Die Computer kommen
99 Hundert Jahre Kino
100 Karlsruhe
101 Rasender Stillstand
102 Die Hochzeit
103 Heimat zweitausend
104 Eyes Wide Shut
105 Die Sofi
ZEHNTER TEIL Die Fernsehdämmerung
106 Prosit 2000
107 Der Rückschlag
108 Angelpunkte
109 Die Quoten-Idioten
110 Trauer und Ideale
111 Das Blatt wird gewendet
112 Kunst und Narrative
113 Die Erfindung einer Legende
114 Dreharbeiten sind Glückssache
115 Schnittmengen
116 Bilder und Sprache
ELFTER TEIL Chronik einer Sehnsucht
117 Rückkehr der Zeit
118 Das Ende der U.L.M.
119 Heimat-Fragmente
120 Die Augen
121 Mein Bruder Guido
122 Die Auswanderer
123 Alte Liebe Kino
124 Zeitkreise
125 Zurück im Kinoglück
126 Heimat als Begriff
127 Über das Vergessen
Personen
Nachweis
Tafelteil
Für Salome
«Der Anblick ist da, das Erlebnis noch nicht. Man gleicht einem Film, der belichtet wird; entwickeln wird es die Erinnerung.»
Max Frisch
Ich habe einmal in mein Tagebuch geschrieben, jeder Tag unseres Lebens könnte den Stoff für einen großen Film abgeben. Man muss nur genau hinschauen und erkennen, wo das Erzählen zur Lust wird. Also fange ich mit dem heutigen Tag an. Ich wache ein paar Stunden früher auf als sonst. Etwas beunruhigt mich. Ein Schmerz in der rechten Hand, der Rest eines Traumes – was hat mich so plötzlich hellwach sein lassen? Ich spüre meine vom Schlaf trockenen Lippen, habe Durst. Die Hand verkrampft sich, der Mittelfinger hebt sich aus der Fingerreihe, widersetzt sich meinem Willen. Ich stehe auf, massiere die Hand, halte sie im Bad unter den Wasserhahn, zuerst warmes Wasser, dann kaltes. Der Krampf löst sich. Es ist still im Haus. Salome schläft noch. Ich gehe mit leisen Schritten die Treppe hinab in die Küche. Während der Wasserkocher brodelt, durchsuche ich die vielen Teebeutel und entscheide mich für Verbenentee, den ich in einer Kanne aufgieße. Bei der Rückkehr ins Schlafzimmer komme ich an der Tür vorbei, hinter der im Halbdunkel Salomes Bett steht. Nur ihr Haarschopf schaut unter der Decke hervor. Ich erreiche mein Bett, setze mich, schlürfe den heißen Verbenenaufguss und denke über unser Leben nach. Mein Leben mit Salome, seit mehr als dreißig Jahren in diesem Haus. Eines Tages wird unsere Zeit zu Ende sein. Ich schmecke den Tee und erschrecke vor der Zeit. Ich bin 87 Jahre alt.
Ich betrachte meine Hände, die sich an der Teetasse wärmen. Es sind die Hände meines Vaters, schmal, sehnig, fähig, kleinste Gegenstände zu fassen. Mein Vater war Uhrmacher. Deutlich sehe ich nun seine Hände vor mir, wie sie nach den Werkzeugen tasten, die rechts von seiner Arbeitsfläche in einer bestimmten Ordnung aufgereiht sind: die Flachzangen, die Rundzangen, die Beißzange, die Schraubenzieher, die Stichel und Punzen, die Gewindeschneider, die Hämmer und die Feilen. Vater arbeitet mit der Uhrmacherlupe vor dem Auge, mit beiden Ellenbogen auf die Werktischkante gestützt, mit beiden Handgelenken auf der Unterlage, voll konzentriert auf das Uhrwerk, das im Lichtkegel der Arbeitsleuchte mit seinen polierten Messingteilen und Lagerrubinen vor ihm aufleuchtet. Nichts wird direkt mit den Fingern berührt, sondern an bestimmten Stellen, mit bestimmtem Griff nur mit der Pinzette, bestenfalls mit der feinen Rundzange. Die eigentliche Arbeitsfläche ist nicht größer als ein Blatt Briefpapier, markiert mit einem Holzrähmchen. Täglich wird ein frisches Löschblatt in das Rähmchen gelegt, das die leuchtend weiße Unterlage bildet. Vaters Hände wissen immer, was zu tun ist. Unfassliche Ruhe geht von seinen Bewegungen aus. Die kleinsten Bauteile einer Damenarmbanduhr finden sofort ihren Platz in dem Uhrwerk, kleinste Schrauben, Zapfen, Ankerstifte oder Lagersteine – ein Stups mit der Pinzettenspitze oder eine Annäherung mit dem winzigen Schraubenzieher, schon sitzen die Teile am richtigen Ort, lassen sich austauschen, fixieren, vernieten, festschrauben. Ich bin vier Jahre alt, kann kaum über die Werktischkante schauen, weiß noch nicht, was der Vater da macht, aber ich bewundere ihn, will lernen, wie er zu sein, zu verstehen, was er da macht. Seine Hände sind riesig groß, wenn sie die Arbeit loslassen und meinen Kopf streicheln.
Meine früheste Erinnerung ist Vaters Hand, die meine kleine Hand hält. Ich gehe an seiner Hand über den Marktplatz. Wir folgen zwei Männern, die den Unterteil eines Küchenschranks tragen. Sie tragen das Möbel zu unserem neuen Haus. Wir ziehen um. Ich sehe diese Szene aus der Perspektive eines Kindes, dessen kleine Hand von der warmen langgliedrigen Uhrmacherhand gehalten wird. Wenn ich nachrechne, erscheint mir diese Erinnerungsszene unglaublich: Ich kann nicht älter als zweieinhalb Jahre gewesen sein, denn der Umzug aus dem angemieteten Geschäft am Unteren Markt des Hunsrückortes Morbach in das neugebaute Haus in der Biergasse fand im späten Sommer 1935 statt. Meine Schwester Heli war noch in der alten Wohnung geboren worden, konnte noch nicht laufen und war deswegen in der Obhut der Mutter geblieben. Aber ich – schon mit dem Vater auf eigenen Wegen. So fühlt sich die Erinnerung an.
Jetzt, mit der Teetasse auf der Bettkante sitzend, packt mich eine seltsame Angst. Die Gedanken suchen Halt an der Erinnerung an Vaters Hände, Hände, die längst in Erde verwandelt auf dem Dorffriedhof verschwunden sind. Etwas Unausweichliches haben solche Gedanken an sich, sind wie eine Krankheit mit schlechter Prognose. Also, sage ich mir, verweile nicht. Du hast noch viel zu tun, geh es an.
Als ich das Schlafzimmer verlasse, steht Salome vor mir. Wir treffen uns exakt in der Mitte zwischen unseren Zimmern und sehen uns in die Augen. Ein Erschrecken? Hatte sie die gleichen Gedanken wie ich? Ein Begrüßungslächeln von ihr und von mir. Im selben Moment verdrängen wir unsere Nachtgedanken. Wir nehmen uns in die Arme. Das hilft. Seit dreißig Jahren Trost.
Kann so ein Film beginnen? Von was kann er handeln? Wenn es wahr ist, dass jeder Tag den Keim für eine große Geschichte in sich trägt, dann hätte ich bis heute mehr als dreißigtausend Mal vor diesem Feld der keimenden Geschichten gestanden und versagt. Mehr als dreißigtausend nicht erzählte Geschichten oder nicht gedrehte Filme, das wäre ein grauenhafter Scherbenhaufen als Lebensbilanz.
Ich will es nicht übertreiben mit meiner kleinen Theorie. Natürlich kann meine Rechnung nicht stimmen, denn wenn ich wirklich mit den Erlebnissen eines beliebigen Tages begänne, einen Film zu erzählen, wäre bereits der folgende Tag nicht mehr das, was er einmal hätte sein können. Er wäre kein Anfang mehr, sondern eine Fortsetzung. Und gerade ich sollte wissen, wie es sich anfühlt, sich auf die Konsequenzen des unendlichen Erzählens einzulassen. Schließlich war ich fast dreißig Jahre lang im Geschichtenkosmos der HEIMAT gefangen. Ich erlebte zehntausend Fortsetzungen: eine wahre Achterbahn von Kämpfen und Zweifeln.
Der heutige Tag wäre vermutlich im Meer der nicht erzählten Geschichten untergegangen, wenn ich nicht begonnen hätte, diese Zeilen zu schreiben. Mit dem Verbenentee auf der Bettkante, dem Blick auf die Hände des toten Vaters und dem Schrecken eines liebenden Paares vor der unerbittlich vergehenden Zeit – damit beginnt dieses Buch der Erinnerungen. Das Erzählen war in meinem Leben immer das einzig verfügbare Mittel gegen die Angst. Im Erzählen bringen wir die Erinnerungen in Sicherheit. Wir retten sie, indem wir sie neu zusammensetzen und zu Bestandteilen von Geschichten machen, die ihre eigenen Gesetze haben. Erinnerungen sind in unserem Gedächtnis schlecht untergebracht. Sie bleichen aus und verschimmeln, und wenn wir sie nicht in Geschichten verpacken, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. So wie die Filme verschwinden, wenn wir sie nicht immer wieder anschauen.
Also beginnen wir mit meinem ersten Filmerlebnis und damit, wie das Erinnern angefangen hat.
Nach meiner Berechnung muss es im September 1935 gewesen sein, als meine Eltern in das neu erbaute Haus in der Morbacher Biergasse umzogen. Die adrette Fassade mit den beiden Schaufenstern, die den Ladeneingang einrahmten, und die freundlichen Fensterläden darüber waren vom Marktplatz aus gut zu sehen. Diese Lage im Zentrum des Zweitausendseelendorfes hat das Selbstbewusstsein meiner Eltern gestärkt. Meine Mutter startete ihr neues Leben als Geschäftsfrau mit sichtbarem Elan. Sie schmückte sich mit Goldschmuck und Edelsteinen und trat ihrer Kundschaft mit immer frischer Dauerwellenfrisur und einem verbindlichen Lächeln gegenüber. Ihre Ohrringe glitzerten beim Verkaufsgespräch, und ihre dunkelbraunen Locken umspielten den stolz gereckten Hals. Mit ihrem Mann, meinem Vater, war nicht viel Staat zu machen, er war scheu und krumm gewachsen, ein Motorradunfall in seinen Zwanzigern hatte seine Knochen in Mitleidenschaft gezogen. Aus der Sicht meiner Mutter war er erst in seiner Werkstatt eine wichtige Instanz der Familie, dort, wo er unsichtbar werkelte und dem Hause seine Bedeutung gab als Meister, Inhaber und Namensgeber. Draußen am Hausgiebel war ein schmiedeeisernes Werbeschild angebracht mit einer emaillierten Uhr, auf der stand ROBERT REITZ UHRMACHER. Die Mutter nannte ihren Mann immer nur «der Chef».
Auf den Fotos, die mit Fotoecken in das Album geklebt wurden, sieht man, wie stolz die Mutter auf ihre beiden Kinder war. Immer wieder ließ sie sich mit mir und meiner Schwester ablichten, und es gibt nur wenige Bilder, auf denen auch der Vater zu sehen ist, den sie offenbar nicht fotogen genug fand. So erkläre ich mir, dass es das offizielle, beim Fotografen hergestellte und eingerahmte Familienporträt, das meine Schwester als dreijähriges Mädchen und mich folglich als Fünfjährigen zeigt, in zwei Versionen gibt: einmal mit Vater und einmal ohne ihn. Meine Schwester ist mit weit geöffneten ängstlichen Augen zu sehen und mit einer riesigen Seidenschleife auf dem dürftig behaarten Kopf. Sie trägt ein rosa Kleidchen mit Stickereien, die unsere Mutter selbst angefertigt hat, was bei keiner Betrachtung des Bildes unkommentiert blieb. Unsere Mutter hatte das Handwerk einer Modistin gelernt; sie verstand es, Hüte anzufertigen, was sie ausgiebig praktizierte, denn es war eine ihrer Leidenschaften, Freundinnen, Tanten, Cousinen, natürlich sich selbst und uns Kinder schick einzukleiden und mit ihren Phantasiehüten zu krönen. Mit dieser Leidenschaft für Kleidung und Schmuck gab sie dem Uhrengeschäft den besonderen Akzent. Das Angebot an edlem, aber auch modischem Schmuck wurde liebevoll im Schaufenster ausgestellt, und ich erinnere mich genau daran, wie der Vater aus seiner düsteren Werkstatt gerufen wurde und Mutters Schaufensterdekoration ausgiebig bewundern musste.
Auch ich wurde von ihr eingekleidet. Sie schneiderte sogar meine Hosen und Jäckchen selbst und wollte schon bei ihrem fünfjährigen Sohn, dass er eine Krawatte trägt, «wie ein Herr», so nannte sie das. Auf vielen Fotos sieht man das fesch geknotete Schleifchen unter meinem Kinn, für das ich mich zu Tode schämte, wenn ich damit auf die Straße gehen musste. Als Vorzeigekinder bekamen wir auch früh Fahrräder. Das kleine blaue Rad meiner Schwester habe ich zum Lernen benutzt, weil meines schon ein richtiges Herrenrad mit Stange war und deswegen noch zu hoch für meine kurzen Beine. Bald aber machte ich meine ersten Erkundungsfahrten; mittels einer fast akrobatischen Verrenkung streckte ich mein rechtes Bein unter der zu hohen Stange durch und erreichte mit dem Fuß das Pedal der anderen Seite. Beim Losfahren geriet das Rad in Schräglage, und ich musste das Gewicht verlagern. Ich genoss es, außer Sichtweite des Elternhauses zu gelangen und von der Ferne zu träumen, die hinter dem Hügel lag.
Es gab in dieser Zeit, es muss wohl schon 1937 gewesen sein, eine gewaltige Straßenbaustelle, an der Tausende von Arbeitern mit sensationellen Baumaschinen arbeiteten, die einen ungeheuren Lärm erzeugten. Meine Erinnerungen an den Bau der sogenannten Hunsrückhöhenstraße habe ich später als Regisseur ausgiebig in der Trilogie HEIMAT verarbeitet. Allerdings überschreitet ein Film die Erinnerungen eines Fünfjährigen in zahllosen Einzelheiten und Figuren. Natürlich verstand ich noch nicht, dass dieser Straßenbau Bestandteil von Hitlers Kriegsvorbereitungen war. Ich vermute, dass nicht einmal die Eltern verstanden, welche politische Dynamik sich hinter dem Maschinenlärm jenes Jahres verbarg. Aber das Gehirn eines Fünfjährigen vermag erstaunlich genaue Stimmungsbilder aufzubewahren. Ein Detail ist in meiner Erinnerung ganz deutlich geblieben. Das ist eine Maschine, die wir Kinder «Frosch» nannten, denn der schwere Apparat hüpfte auf Knopfdruck mit einem zischenden Knall wie ein Frosch empor und fiel krachend zurück auf den Boden. Man brauchte diese Geräte, um den Unterboden der neuen Straße zu verdichten. Wir Kinder machten ein «Frosch-Spiel» daraus: Einer ergreift die nach hinten gestreckten Hände des anderen und gibt mit Fingerdruck den Sprungbefehl. Sofort muss der «Frosch» seinen stampfenden Sprung vollführen. Das sieht lustig aus, und jeder will einmal der Froschführer sein.
Die Eltern erlebten diese Zeit als Geldregen. Die vielen uniformierten Straßenarbeiter, die im Dorf und den Nachbarorten untergebracht waren, erschienen scharenweise in Mutters Laden; die machte ihnen schöne Augen und animierte sie zum Kauf von Uhren und Schmuck für ihre fernen Familien. Abends wurden, wie es auch in HEIMAT vorkommt, die Tageseinnahmen auf der Bettdecke gezählt. Was sich in meiner Erinnerung festsetzte, das war die leise Stimme des Vaters, der das Geld in Zehnerschritten zählt.
Es war also klar, dass diese stolzen Geschäftsleute ein Auto kaufen mussten. Ein Auto, das war zu dieser Zeit noch ein seltenes Symbol für Wohlstand und Modernität. Die Wahl fiel auf einen kutschenförmigen Opel mit einem auf den Kotflügel aufgeschraubten Reserverad. Wieder gab es Anlässe, die Kinder zu fotografieren, jetzt rund um den schwarzen Opel P4, auf dessen Trittbrett ich positioniert wurde, mal im Sonntagsanzug, mal mit Papierhut, den die Mutter gefaltet hatte. Ganze Fotoserien zeigen das neue Auto beim Familienpicknick in der Landschaft, an der nahen Burgruine Baldenau oder bei den Großeltern im Nachbardorf Hundheim, aus dem beide Eltern stammten. Da war das Haus der Vater-Familie mit Stall, Scheune und gegenüberliegender Schmiede im Unterdorf, und da war das kleine Haus der Mutter-Familie, an der Straße gelegen, die zum Dorf hinausführte, armselig, aber kuschelig. Mit dem Auto wurden die Besuche bei den Großeltern und anderen Verwandten zur geliebten Gewohnheit am Sonntag. Immer mussten meine Schwester und ich fein eingekleidet werden, damit wir auch zum frisch polierten Auto passten. Immer waren die Begrüßungen laut und bei der Ankunft von einem Hupkonzert begleitet.
Es war wohl eine Folge dieser Besuchsausflüge, dass die Eltern eines Tages mit uns eine Reise über eine Distanz von dreihundert Kilometern planten. Ziel war die Stadt Bochum, wo Verwandte unseres Vaters lebten, mit denen die Familie sich seit Jahren eng verbunden fühlte. Vaters Cousin Hans war in seiner Jugend zu Fuß aus dem armen Hunsrückdorf weggegangen, um sein Geld als Bergmann im Ruhrpott zu verdienen. Hans hatte eine Schwester, die ihm einige Jahre später gefolgt war und den Kumpel von Hans, einen gewissen Nalenz, geheiratet hatte. Sie hatte zwei Töchter, die Lotti und die Ursel, die jedes Jahr ihre Sommerferien bei uns im Hunsrück verbrachten. Diese beiden Bochumer Mädchen waren etwas älter als ich. Als Feriengäste waren sie meinen Eltern sehr willkommen, weil sie auf uns Kleinere aufpassten.
Also: Die Reise ging zu Onkel Hans, seiner Frau Mia und zur Familie der Mädchen. Von Hans und Mia wurde gesagt, dass sie in der Bochumer Kohlenstraße eine «Halle» besäßen, was uns allen großen Respekt einflößte. Während der Autofahrt kreisten die Gespräche immer wieder um dieses besondere Gebäude, das Halle hieß. So höre ich noch heute, nach über achtzig Jahren, das Wort «Halle» aus Tante Mias Mund mit dem lustig sprudelnden Doppel-L in der Mitte. «Um fünf Uhr müssen wir die Halle aufmachen» oder «Lissy ist in der Halle geblieben». Lissy, das war die ältliche, strohblonde Tochter von Hans und Mia.
Ich war noch niemals in meinem kleinen Leben weiter als zu Oma und Opa gekommen. Jetzt sollte ich zum ersten Mal eine große Stadt sehen. Was ist eine Großstadt? Als wir in Bochum ankamen, war ich im Auto eingeschlafen. Deswegen fehlen in meiner Erinnerung die ersten Stadtbilder komplett. Es muss wohl auch schon dunkel gewesen sein, ich habe nur noch ein Gefühl der Fremdheit in Erinnerung und den Geruch von dem fremden, feuchten Bett. Von einer «Halle» war nicht die Rede.
Die nächste Erinnerung, die ich an Bochum habe, ist ein Geräusch. Ich hörte im Schlaf das Getrappel von Hunderten von genagelten Schuhen unter dem Schlafzimmerfenster. Davon wachte ich auf. Das Geräusch füllte den ganzen Raum, und ich hatte das Gefühl, dass alles in Erschütterung geriet. Die Wohnung, in der ich schlief, lag im Erdgeschoss. Ich muss wohl in Panik geraten sein und konnte mich nicht orientieren. Ich fand schließlich die Zimmertür und stieß sie, laut nach Mutti rufend, auf. Da kam mir Lissy entgegen. Sie führte mich ans Fenster und ließ mich den Grund meiner Panik sehen. Eine endlose Kolonne stumm dahineilender Männer zog in der Dunkelheit auf dem Trottoir vorüber. Die vielen genagelten Schuhsohlen erzeugten das Geräusch und die Erschütterungen, die mich geweckt hatten.
«Das ist die Frühschicht vom Bochumer Verein», sagte Lissy.
Ich verstand gar nichts. Da fiel mir die «Halle» ein. «Und wo ist eure Halle?»
«Da, siehst du das Licht?»
Das Licht kam aus einer Bretterbude mit einer Fensterluke. Heute würde ich sofort den Kiosk erkennen und wüsste, was das ist. Aber das Kind blieb sprachlos.
So erstaunlich es ist, dass man aus der Kindheit Einzelheiten und Stimmungen in sich bewahrt, deren Wahrnehmung man einem Kind nicht zutraut, bin ich unsicher, was mir von den späteren Ereignissen erzählt worden ist oder was ich mir im Laufe der Jahre zusammengereimt habe. Ich erlebte den Tageslauf der Bergarbeiterfamilie mit dem Tabak- und Getränkeverkauf im Straßenkiosk, den man im Ruhrpott-Dialekt «Halle» nannte, ich sah die Freizeitbeschäftigung von Onkel Hans mit seinem Freund vom Taubenzüchterverein und gewöhnte mich an den Geruch des Zigaretten- und Süßwarenlagers, das sich neben dem Bett, in dem ich schlief, auftürmte. Interessant ist, dass ich meine Eltern in der Erinnerung ausgeblendet habe. Es ist, als wären sie nicht dabei gewesen. Nur meine Schwester sehe ich, den Daumen lutschend, auf Tante Mias Schoß sitzen.
Das größte Ereignis, das möglicherweise Folgen für mein späteres Leben hatte, war mein erster Kinobesuch. Tante Mia hatte uns mitgenommen. Meine Erinnerung erzählt mir, dass wir auf einer Empore sitzen und auf die dunkle Menschenmenge im Parkett hinunterschauen konnten. Die Leinwand, die in meiner Erinnerung riesig groß ist, schwebte über den Menschen. Ich sah das strahlend helle Bild ein wenig unterhalb meiner Blickrichtung. So schwebte auch ich, vom Bild getragen, durch den Raum. Es sind nicht viele Bilder, die sich in meinem Gedächtnis aufbewahrt haben. Die Handlung führte uns in einen Urwald, von wilden Tieren bewohnt, die immer wieder über die Häuser der Menschen herfielen. Es gab eine schreckliche Elefantenherde, die alles zertrampelte. Die Menschen flohen, schrien, niemand konnte ihnen helfen. Aber da war ein kleines Mädchen. Es war vielleicht ein wenig älter als meine Schwester. Es überlebte die Katastrophe, weil eine Tigermutter, die ihr Kind verloren hatte, sich um die Arme kümmerte. Das Mädchen wurde von der Tigerin ernährt und beschützt. So konnte es schon bald zur Prinzessin des Dschungels heranwachsen. Sobald dem Kind Gefahr drohte, rief es mit klagender Stimme nach «Liiimo!». Limo war der Name der Tigerin, und ich werde niemals diesen Ruf vergessen. «Liiimo!» tönte es durch das riesige Kino, und die Menschen zitterten um das Kind, bis das allmächtige Muttertier es rettete. Ich litt und hoffte mit dem Mädchen und sah in ihrer Tigermutter eine göttliche Macht, die mit ihrem geschmeidigen Raubkatzenkörper und dem weit aufgerissenen Maul mit tödlichem Gebiss zur Stelle ist und jede Gefahr besiegt.
Ich weiß kaum mehr als diese Bruchstücke von meinem ersten Kinoerlebnis. Tante Mia und auch meine Mutter behaupteten später, die Darstellerin des Urwaldmädchens müsse der berühmte Kinderstar Shirley Temple gewesen sein. Die Annahme blieb im Gedächtnis und wertete das Kinoerlebnis auf.
Viele Jahrzehnte später, im Juni 2007, tauchten die Erinnerungen an dieses Erlebnis wieder aus den Tiefen meiner Gehirnsynapsen auf. Ein junger Filmwissenschaftler von der Ruhr-Universität Bochum, Christoph Wahl, fragte an, ob ich mich an einem Buchprojekt beteiligen wolle, in dem Filmregisseure sich an ihre ersten Filme erinnern. Als ich sah, dass der Brief aus Bochum kam, tauchten augenblicklich die Erinnerungen an das Kinoerlebnis in mir auf und ich versprach Herrn Wahl, die Geschichte für sein Buch aufzuschreiben. Leider enthielten meine Erinnerungen keine Fakten, mit denen ein Filmhistoriker etwas anfangen konnte, ich wusste weder den Titel des Films noch den Namen des Bochumer Kinos, noch den Tag, an dem wir die Nachmittagsvorstellung besucht hatten.
Es verging ein Jahr, und ich hatte das Erlebnis fast ein zweites Mal vergessen, als mich im Dezember 2008 ein zweiter Brief von Herrn Wahl überraschte. Der junge Filmwissenschaftler hatte aufgrund meiner spärlichen Angaben nicht nur den Filmtitel herausgefunden, sondern auch den Namen des Bochumer Kinos und das Datum und die Stunde der Vorstellung, die ich mit Tante Mia besucht hatte. Mit Hilfe der Erinnerung, dass es eine Galerie in dem Kino gab, fand er das einzige Kino, auf das meine Beschreibung passte. Es war das METROPOL-KINO. Dort wiederum gab es nur eine Kindervorstellung, die in Frage kam. Meinen ersten Film hatte ich am 13. August 1938 um vier Uhr nachmittags gesehen, und dieser Film, auf den alle meine Bilderinnerungen passten, hieß DIE DSCHUNGELPRINZESSIN. Ich war fünf Jahre, neun Monate und zwölf Tage alt. Der Brief von Herrn Wahl enthielt aber, was ich kaum glauben konnte, sogar eine Kopie dieses Films auf einer DVD. DIE DSCHUNGELPRINZESSIN, eine Hollywood-Produktion von 1936. Das Werk erzählt eine Art Tarzan-Story mit einem kleinen Mädchen, das im Urwald zur schönen jungen Frau heranwächst und schließlich die Geliebte eines Lümmels von kolonialem Wissenschaftler wird, der im Tropenanzug im Urwald auftaucht. Was mich heute erstaunt, ist, dass hier nicht wie üblich ein Junge, sondern ein Mädchen die Gefahren des Dschungels besteht. Der Regisseur Wilhelm Thiele, mit wahrem Namen Wilhelm Isersohn, war ein Wiener Jude wie so viele geniale Filmleute jener Zeit. Der Kinderstar war aber nicht Shirley Temple, wie meine Mutter behauptet hatte, sondern die weniger berühmte Sally Martin aus Chicago. Wilhelm Thiele kannte man aus der Zeit vor seiner Emigration aus Nazideutschland. Er war als Regisseur des frühen Tonfilms DIE DREI VON DER TANKSTELLE mit Heinz Rühmann und anderen Stars der UFA durchaus bekannt und hatte mit dem erfolgreichen Produzenten Erich Pommer zusammengearbeitet.
Den Film sah ich kurz vor Weihnachten wieder, also siebzig Jahre nach dem ersten Mal. Ich hatte wegen einer Grippe hohes Fieber. Dennoch fiel ich vor meiner Heimkino-Leinwand, in dicke Decken und wohlige Erinnerungen gehüllt, in die süße Kinderwelt zurück. Alles an diesem Film war so durchschaubar wie ein Kindergesicht, und doch lauerten überall Gefahren und große Geheimnisse. Die Liebesgeschichte hatte ich ganz vergessen. Sie hat mich offenbar in ihrer Erotik damals noch nicht erreicht. Dafür gab es rauschhaftes Wiedererkennen bei allen Tierszenen. Der nette Affe Bogo, der Tiger Limo, die Elefantenherde und auch die Affenherde waren in ihrer ganzen Wucht wieder lebendig vor mir. Das Mädchen war übrigens in meiner Erinnerung immer das kleine Mädchen vom Anfang geblieben. Ich hatte als Kind offenbar die Umbesetzung in die zur Lovestory geeignete Zwanzigjährige nicht mitvollzogen. Selbst die Szenen mit ihrem menschlichen Retter hatte ich ganz auf das Kind vom Anfang bezogen. Der stärkste unter den untilgbaren Eindrücken ist aber die Stimme des Mädchens, wenn es mit fordernder und selbstbewusster Kinderstimme nach «Liiimo!» ruft. Wie dieser Ruf durch das riesige Kino wehte, das hatte für mich auch beim Wiedersehen eine mythische Kraft.
Wie kam es dazu, dass die neuesten amerikanischen Filme, deren Autoren deutsche Emigranten waren, völlig normal auf dem Spielplan des Bochumer Kinos standen? Was bedeutete der wohlwollende Tonfall der Kritiken, die Herr Wahl mir mitgeschickt hatte, was die völlige Politikfreiheit der Kinoseite in der Zeitung? Ich studierte die Lebensmittelpreise: «Suppenhühner ½ kg 1,00 Mark», «Weinessig Ltr. 30 Pfennige» etc. Und ganz versteckt fand sich auf der Zeitungsseite vom 13. August 1938 eine Notiz über antisemitische Ausschreitungen in Polen – ein Jahr, bevor man Polen überfiel, und wenige Monate vor der Pogromnacht. Zu diesen historischen Tragödien und der Frage, wie sich das Leben ein Jahr vor Kriegsbeginn in Deutschland angefühlt hat, schweigt meine Erinnerung.
Meine Mutter nannte es das Weihnachtsfieber. Man dürfe den Jungen nicht zu sehr aufregen, da er dazu neige, sofort fiebrige Augen zu bekommen. Tatsächlich hat es in meiner Kindheit oft Fieberschübe gegeben, wenn sich das magische Fest näherte. Aufregend für mein Kinderherz war das Geheimnis, das die Eltern aus der Erscheinung des Christkinds machten. Die Luft lag voller Andeutungen und Versprechungen. Wunschträume versetzten uns Kinder in Erregung, und ich suchte in allen Winkeln des Hauses Hinweise auf Erfüllung. Bestimmte Schränke waren auf einmal verschlossen, Pakete durften nicht geöffnet werden und standen vielversprechend wochenlang ganz oben auf dem hohen Kleiderschrank. Alles trug zur Steigerung des Weihnachtsgefühls bei: die Besuche des Großvaters mit seinem unter dem Schnurrbart verborgenen Lächeln, die abergläubische Großmutter mit ihren geflüsterten Warnungen. Sie blickte mir tief in die Augen und meinte, «der guckt in die andere Welt. Passt auf, dass er mal nicht früh sterben tut.»
Nichts war im Ablauf des Jahres mit Weihnachten vergleichbar. Die Umsätze im Schmuckladen übertrafen den Jahresdurchschnitt bei Weitem, und ich höre noch immer das Bimmeln der Ladenglocke mitten in der Bescherung am Heiligabend, wenn die Mutter den Gesang der «Stillen Nacht» unterbrach und schnell die Haustreppe hinab eilte, um einen späten Kunden zu bedienen. «Die so spät noch kaufen, sind mir die Liebsten», verkündete sie strahlend, wenn sie zur Kinderbescherung zurückkam. «Die sehen nicht mehr aufs Geld! Ich habe gerade eine teure Glashütter Uhr verkauft.»
Meine Schwester und ich waren längst mit dem Auspacken der Geschenke fertig. Jetzt durfte noch der Vater sein Päckchen öffnen. Es war jedes Jahr eine neue Krawatte darin, die sofort umgebunden werden musste. In der Küche werkelte inzwischen die Tante Käth, die älteste Schwester meiner Mutter. Sie war eine leidenschaftliche Köchin, und da sie selbst keine Kinder hatte, versorgte sie uns an den Festtagen. Die Tante war eine dralle, quirlige Person, die sich jedes Mal lautstark darüber beschwerte, dass die Kinder vor dem vitaminreichen Abendessen, eigens zu ihrem Wohl gekocht, noch Süßigkeiten bekamen.
So chaotisch die Heiligen Abende verliefen, so sehr versuchten die Eltern sich an diesem Abend vor Augen zu führen, wie sie sich die Zukunft vorstellten. Wir sind auf dem Wege zu besseren Zeiten, wir sind modern und öffnen uns für Fortschritt und Technik. So sprach der Vater. Dem entsprachen auch die Weihnachtsgeschenke für den Sohn vom dritten Lebensjahr an: Kosmos-Baukasten für Chemie und Elektro-Experimente, Stabil-Metallbaukasten mit Schrauben, Zahnrädern, Motor und Lochblech-Platinen, elektrische Märklin-Eisenbahn mit Weichen und Transformator. Das alles besaß ich schon, als ich mit den meisten Geschenken noch völlig überfordert war. Der Vater verkroch sich stundenlang mit mir unter dem Wohnzimmertisch, um die Gebrauchsanweisungen zu entziffern und zwischen den Beinen speisender Weihnachtsgäste die blechernen Bauteile zusammenzuschrauben.
Inzwischen spielte meine Schwester mit ihrer neuen Käthe-Kruse-Puppe, die «Mama» sagte, wenn man sie im neuen Puppenhaus schlafen legte. Dieses Puppenhaus interessierte mich zeitweise mehr als der Metallbaukasten. Es gab darin einen kleinen Herd mit Spiritusbrenner und kleine Aluminiumtöpfe, in denen man tatsächlich etwas zum Kochen bringen konnte, was man hinterher den Erwachsenen und den Puppen anbot. Eine Puppe liebte ich besonders. Sie hieß Gretel und hatte blonde Locken aus echtem Haar und Arme und Beine, die sich weich anfühlten wie Menschenhaut. Als die kleine Schwester wieder einmal den Daumen lutschte und einschlief, entführte ich die Gretelpuppe und nahm sie mit in mein Bett, wo ich sie herzte und drückte und vor der ahnungslosen Schwester tagelang versteckte.
Die elektrische Eisenbahn ging schon am ersten Feiertag zu Bruch, als das Margotchen, eine meiner Cousinen, mit ihrer Mutter, der Tante Else, von weit her zu Besuch kam. Das Margotchen litt an einem verwachsenen Fuß, der schon mehrfach operiert worden war und wegen des Gipsverbandes, den sie trug, unempfindlich für die Gegenstände, auf die sie trat. Als sie sich für meine Eisenbahnschienen interessierte, die vom Christbaum zum Esstisch und über Brücken und aus Kissen geformte künstliche Hügel zurück zum Christbaum führten, trat sie mit ihrem Klumpfuß auf die Weichen und erzeugte damit einen Kurzschluss. Die Funken sprangen, der Transformator fing an zu qualmen, stank nach Isoliermaterial, und es war aus mit der Eisenbahn. Das Margotchen weinte, aber weder ich noch mein Vater wollten ihr den Fehltritt verzeihen.
Es gab ein weiteres Geschenk auf dem Gabentisch dieses vor Weihnachtsgefühlen berstenden Jahres 1938. Da stand ein seltsames, für die Zeit ganz ungewöhnliches Geschenk, das der Vater bei einer Fahrt nach Trier aufgetrieben hatte und mit dem er mich vielleicht an mein erstes Kinoerlebnis in Bochum erinnern wollte. Der «Kino-Apparat». Das neue Spielzeug war ein veritabler Filmprojektor, der mit den beidseitig perforierten professionellen Filmstreifen des großen Kinos funktionierte. Meinen Vater hatte die Technik fasziniert. Er erklärte mir das Malteserkreuzgetriebe, mit dessen Hilfe die Drehungen der Handkurbel in den ruckweisen Transport der Filmbilder umgesetzt wurde. Malteserkreuzgetriebe waren ihm von gewissen Uhrwerken her vertraut, und er kommentierte die Filmtechnik mit dem Satz: «Alles eine Frage der Geschwindigkeit.»
Drei kleine Filme gehörten zu meinem ersten Heimkino, deren Titel ich nie vergessen habe, wahrscheinlich wegen der zahllosen Vorführungen, zu denen es lange keine Alternative gab. «Turnen am Barren» war ein handkolorierter Trickfilm, den man vorwärts und rückwärts vorführen konnte, ohne dass man einen Unterschied sah. Der gezeichnete Turner zappelte am Barren und konnte nicht aufhören. Meine Mutter mochte diesen Film, denn einer ihrer früheren Verehrer, den man zu meinem Taufpaten gemacht hatte, war einmal ein erfolgreicher Barrenturner der Nationalmannschaft gewesen. Paul hieß er. Wir nannten ihn «Paulpatt». Der zweite Film hatte den Titel «Ein Ballon wird zum Aufstieg fertig gemacht». Man sah eine Menschenmenge und viele Halteseile, mit denen uniformierte Männer den Ballon festhielten. Es dauerte eine Weile, bis die riesige Stoffhülle sich aufblähte, aber der Film endete, bevor der Ballon abhob. Der dritte Film war wohl der tiefere Grund für die Herstellung dieser Art von technischem Spielzeug kein Jahr vor Kriegsbeginn: «Der Führer spricht zu seinen Getreuen». Leider konnte man des Führers Rede nicht hören, da mein Kinoapparat keine Tonfilme abspielen konnte. Man sah nur die Mundbewegungen und die Grußhand, die immerzu nach oben gerissen wurde und wieder zur Gürtelschnalle zurückkehrte. Wie ich jedoch bald herausfand, besaß der Filmstreifen gar keine Tonspur, sodass alle Fragen, was denn der Führer zu seinen Getreuen sagt, müßig erschienen.
In diesem Winter, es war das historische Jahr 1939 angebrochen, erkrankte ich an zwei Kinderkrankheiten gleichzeitig. Zur Diphtherie, an der zu dieser Zeit viele Kinder starben, kam Keuchhusten. Ich lag wohl in hohem Fieber und war oft nicht bei Bewusstsein. Die Berichte, die über diese Krankheit in der Familie über Jahre weitergetragen und von der Mutter variiert und dramatisiert wurden, haben meine Erinnerung überlagert. Ich schwebte wohl tatsächlich ein paar Wochen lang zwischen Himmel und Erde. Die Großmutter hatte, wie es hieß, sogar eine Messe für mich lesen lassen, und meine Mutter erzählte immer wieder unter Tränen, dass ich auf dem Höhepunkt der Krankheit gesagt hätte, ich sei nun sechs Jahre alt und müsse schon sterben.
Wenn ich heute das Foto betrachte, das wenige Monate später, im April 1939, aufgenommen wurde und mich mit der Schultüte an meinem ersten Schultag zeigt, muss man doch die unbezwingbare Natur bestaunen, die mich in so kurzer Zeit wieder hat gesund werden lassen. Ich bin, wie das Foto beweist, sogar während der Fieberwochen hoch aufgeschossen und war bald einen Kopf größer als mein Freund Günter, der für ein paar Jahre mein treuer Banknachbar in der Volksschule wurde. Die Lehrerin, deren Unterrichtsmethode für ein von stolzen Eltern umsorgtes Kind wie mich unfassbar war, nannte man die «Bindges-Kath». Sie stammte aus unserem Dorf und hatte mindestens drei Generationen von Schülern unterrichtet. Sie war eine Schulmeisterin alten Stils, die immer mit dem Rohrstock vor der Klasse stand. Bei einigen Eltern genoss diese Frau hohes Ansehen, weil sie Angst verbreitete.
Zum Unterrichtsstoff des ersten Schuljahres gehörte nicht nur das Heil-Hitler-Sagen und das Buchstabenmalen auf der Schiefertafel, sondern auch das Erlernen der Uhrzeit. Wir Schüler bekamen die Hausaufgabe, eine Uhr mit den beiden Zeigern zu basteln. Für mich als Uhrmacherkind ging es dabei nicht mehr um das primitive Erfassen der Zeit, denn das war mir längst geläufig, sondern darum, das Verhältnis zwischen Stunden und Minuten darzustellen. Ich besorgte mir in der Werkstatt des Vaters einen alten Wecker, aus dem ich die beiden Zahnräder ausbaute, mit denen die Minuten-Umdrehungen in die zwölf Stunden umgewandelt werden. Mit Zirkel und Tusche malte ich ein schönes Zifferblatt und montierte den aus Pappe ausgeschnittenen langen Zeiger so auf die Welle des Minuten-Zahnrades, dass der kürzere Stundenzeiger sich selbständig im Stundenmaß drehte. Damit ging ich am folgenden Tag zur Schule und lieferte mein Werk bei der Lehrerin ab. Statt mich zu loben, warf sie meine Uhr zu Boden und erklärte, ich hätte meine Uhr nicht selbst gemacht wie die anderen Schüler, sondern mir von meinem Vater helfen lassen. Als ich widersprach und schließlich rief, nicht ich sei der Lügner, sondern sie, die Lehrerin, wurde ich gepackt, über die vordere Bank gelegt und mit dem Rohrstock geprügelt. Kaum hatte die Lehrerin mich losgelassen, rannte ich aus der Klasse und weinend weiter bis nach Hause. Beide, Vater und Mutter, hörten sich an, was mir widerfahren war. Empört nahm Vater mich an der Hand und lief mit mir zur Schule zurück.
Ganz deutlich sehe ich noch den Flur mit den Klassenzimmertüren vor mir. Ich deutete auf die Türe, durch die ich gerade entflohen war. Entschlossen betrat mein schmächtiger Vater ohne anzuklopfen die Klasse. Er hielt fest meine Hand, als er sich vor die Lehrerin stellte, die ihn um Längen überragte. «Sagen Sie noch einmal, was der Junge gemacht hat!» Seine Worte waren voller Groll und Gerechtigkeitssinn. Das Ergebnis war, dass die Lehrerin sich bei mir vor der ganzen Klasse entschuldigen musste. Ja, so konnte der kleine Uhrmacher sein. Das war Handwerkerstolz, wie ich ihn bis heute in Ehren halte.
Ganz unerwartet starb Tante Else, Margotchens Mutter, an einer Blutvergiftung. Else war die ältere Schwester meiner Mutter. Ihr früher Tod erschütterte die ganze Familie, und ich hätte dem armen Margotchen gern verziehen, aber sie war mit ihrem Vater weggezogen, sodass ich sie nicht mehr zu sehen bekam. Der Tod – man erzählte später, es sei genau in den Tagen des Kriegsbeginns gewesen – schwächte unsere Wahrnehmung für die größeren Gefahren, die das Wort «Krieg» ankündigte.
Ich war in diesem Alter ein Junge, der alles zu ergründen versuchte, was sich nicht selbst erklärte. Ich wollte wissen, warum das Licht angeht, wenn man den Schalter drehte, ich schraubte am Wasserhahn in der Küche, bis das Wasser in hohem Bogen auf den Küchenboden spritzte und das Panikgeschrei von Mutter, Dienstmädchen und Tante auslöste. Mein Wissensdurst gab keine Ruhe. Ich wollte zum Beispiel unbedingt erkunden, warum die Puppe meiner Schwester «Mama» sagte. Woher kam die Stimme? Mit einem Küchenmesser schlitzte ich den Puppenleib auf und operierte mit einer Zange aus Vaters Werkstatt einen runden Gegenstand heraus, aus dem der Jammerton kam. Es gelang mir, einen kleinen Blasebalg zu öffnen, und ich fand tatsächlich die Membran, die durch den Luftzug in Schwingung gebracht wurde. Erst nachdem ich mehrmals überprüft hatte, dass ein eingenähtes Bleigewicht den Blasebalg bewegte und so diese Schwebung hervorrief, die dem zweisilbigen Wort Ma-Ma ähnelte, war ich zufrieden und versuchte, die Puppe wieder zu flicken. Das misslang kläglich. Die Puppe verlor bei jeder Bewegung etwas von ihrem faserigen Füllmaterial. Folge war tagelanges Gezeter, ich wurde als Missetäter gerügt, die Schwester wollte mit der beschädigten Puppe nicht mehr spielen, und es blieb der Mutter nichts anderes übrig, als eine schönere Ersatzpuppe zu besorgen.
Es gab in unserem Haushalt zu jener Zeit immer ein Dienstmädchen. Man nutzte auch ohne Umschweife diesen Begriff, der uns heute diskriminierend erscheint. Die Resi stammte aus Hundheim, wie die Eltern. Sie war eine stämmige Person, die mit dem Putzlappen um sich schlug und offenbar der Meinung war, dass wir Kinder viel zu sehr verwöhnt würden. Man musste sich vor Resi in Acht nehmen, sie verteilte knallende Ohrfeigen und erhob ihre schrille Stimme, dass einem die Ohren klingelten. Die von mir aufgeschlitzte Puppe war ihr ein besonderes Ärgernis, weil das Füllmaterial sich überall verteilte und schlecht wegzuwischen war, es lud sich elektrisch auf und klebte an den Oberflächen. Zu Resis Aufgaben gehörte in den Wintermonaten, den Kessel der Zentralheizung mit Koks zu füttern. Das spielte sich in einem der Kellerräume ab, wo wir Kinder uns im Spiel gern versteckten. Als Resi die zerschlissene Puppe in Helis Arm erkannte, nahm sie diese, öffnete die eiserne Feuerungsklappe des Heizkessels und warf sie in die züngelnden Flammen. Gebannt folgten unsere Blicke diesem Vorgang. Wir hielten uns erschrocken an den Händen und sagten kein Wort. Da tönte aus dem Heizkessel die Mama-Stimme, klagend, als riefe sie um Hilfe. Meine Schwester weinte, ich weinte, und auch Resi wurde ganz still. Ich erzähle diese Geschichte nach achtzig Jahren, nicht ohne mich immer noch mitschuldig zu fühlen am Tod der Mama-Puppe.
In der folgenden Zeit wuchs mein Interesse an Vaters Arbeit. Ich verbrachte ganze Nachmittage in seiner Werkstatt, ließ mir alles erklären und liebte es, selbst mit den Werkzeugen umzugehen. Ich baute kleine Möbel für die Puppenstube meiner Schwester, Regale, Schränkchen mit Türen, alles aus Metall, denn eine Uhrmacherwerkstatt ist auf Metallbearbeitung ausgerichtet. So fertigte ich eines Tages aus Messing einen kleinen Tisch, dessen Platte ich polierte. Ich versuchte, die Metalloberfläche so makellos zu polieren, dass man sich darin spiegeln konnte. Ich benutzte dafür ein Poliertuch, wie es der Vater zum Reinigen von Silberschmuck nahm. Ich hauchte die Messingfläche immer und immer wieder an, um sie zu befeuchten, und rieb mit dem Tuch so heftig nach, dass die Fläche immer glatter wurde. Während ich mich dieser Beschäftigung völlig hingab und dabei Zeit und Raum vergaß, verlor ich auf einmal das Bewusstsein. Dunkelheit brach in mir aus, und ich stürzte auf den Werkstattboden. Mein Vater, der in meiner Nähe seiner Arbeit nachgegangen war, erschrak, rief nach seiner Frau, die alarmiert angerannt kam und half, mich nach draußen an die frische Luft zu bringen. Ich war schnell wieder bei Sinnen und erlebte, dass die Eltern mich eilig in die nahe Arztpraxis brachten.
Hier geschieht es, dass der Krieg doch eine erste Rolle in meinem Leben spielte. Der Arzt, der seine Praxis in einem der gegenüberliegenden Häuser betrieb, hatte selbst zwei Kinder, Gaby und Hans-Walter, die unsere täglichen Spielkameraden waren. Er war für uns nur «Onkel Dörr». Oft bemerkte er unsere Kinderkrankheiten früher als die Eltern und steckte uns in die Betten, noch bevor die Mutter Zeit fand, Wadenwickel oder Tee zu bereiten. Der Weg zu Doktor Dörr war also eine feste Gewohnheit. Der Vorfall, von dem ich hier erzähle, spielte jedoch im ersten Jahr des Krieges, und unser Doktor war zur Wehrmacht einberufen worden. Ein junger, gänzlich unerfahrener Medizinabsolvent hatte die Praxisvertretung übernommen. Der junge Mann war sich sogar seiner Unwissenheit bewusst, denn als er meine aufgebrachten Eltern sah, wie sie mit dem gerade aus einer Ohnmacht erwachten Kind vor ihm standen, wollte er seine Sache besonders gut machen. Er bot sich an, mich zum fünfundzwanzig Kilometer entfernten Kinderkrankenhaus in Idar-Oberstein zu bringen. Was dort allerdings mit mir geschah, ist eine absurde Farce dilettantischer Medizin, die wohl auch der Unerfahrenheit des Ersatzpersonals im Krieg zuzuschreiben ist. Nachdem man mich geröntgt hatte, teilte man meinen Eltern mit, ich sei an schwerer Tuberkulose erkrankt und müsse mehrere Monate absolut ruhig liegen, müsse außerdem mit viel Schlagsahne möglichst fett ernährt werden, weil sich nur so die Krankheitsherde schließen könnten.
Ich wurde nach Hause gebracht und sollte still im Bett liegen. Schon am dritten Tag konnte ich keine Schlagsahne mehr sehen, und mein Bewegungstrieb wurde täglich heftiger. Als ich schließlich in meinem Bett umherhüpfte und laut protestierte, beschloss der bemühte Ersatzdoktor, mich in Gips legen zu lassen. Ich wurde ins Krankenhaus gebracht und vom Nacken bis zur Hüfte eingegipst. Nur noch Arme und Beine konnte ich bewegen. Auf diese Weise stillgelegt und täglich mit Sahne gepäppelt, wurde ich immer kränker. Ich bekam Atemnot-Anfälle und schrie nachts um Hilfe. Ich war acht Jahre alt und das Sorgenkind der ganzen Familie für mehrere Wochen oder Monate. Man nannte mich wegen des Rückenpanzers «die Schildkröte». Ich versuchte, mich mit Lesen am Leben zu halten, und ertrug die Scherze der Dienstmädchen, die mich auf den Topf setzen mussten.
Als der vertraute Hausarzt Heimaturlaub hatte, erfuhr er von meinem Elend. Er kam sofort an mein Bett, sah den Gipspanzer und ließ sich von Vater die große Blechschere bringen, mit der er mich aus dem Gips herausschnitt. Ich war wund vom Liegen und konnte nicht mehr allein auf den Beinen stehen, weil die Muskeln erschlafft waren. Doktor Dörr setzte sich noch am selben Tag mit einem Lungenfacharzt in Wittlich in Verbindung. Schon bald wurde ich in Vaters Opel P4 verfrachtet und zu diesem Facharzt gefahren. Auf dem Hinweg bekam ich noch mehrere Erstickungsanfälle, auf dem Rückweg, einige Stunden später, war ich gesund.
Die Diagnose des Facharztes hatte ergeben, dass die Schatten, die der Kinderarzt auf dem Röntgenbild gesehen hatte, nichts weiter als die Spuren des Keuchhustens waren, den ich ein Jahr zuvor durchgemacht hatte. Die Empfehlung hieß: viel Bewegung, frische Luft und einen Eimer Wasser über den Kopf, falls ich wieder Erstickungsanfälle bekäme.
So erlebte ich an einem Tag, wie man aus tiefer Nacht gesund erwachen kann. Diese Erfahrung hat allerdings mein Vertrauen zu den Ärzten für mein ganzes Leben erschüttert. Wer einmal erlebt hat, dass es ein Arzt war, der einen krank gemacht hat, wird einem Mediziner nie mehr voll vertrauen können.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich die Menschen früher erinnerten, als es die Fotografie noch nicht gab. Die Fotoindustrie hatte in den Jahren meiner Kindheit eine sprunghafte Entwicklung genommen, sodass jeder einen Fotoapparat besaß. In meinem Dorf gab es zwei oder sogar drei Fotogeschäfte. Manche Familienväter besaßen schon eine Leica, zumindest aber einen 6 × 9-Rollfilmapparat. Das Fotoalbum wurde liebevoll beschriftet, und wir benutzten die Bilder als Beweisstücke für alles, was uns wichtig war: Selbstverständlich dokumentierte man Weihnachten den Gabentisch, umgeben von allen Verwandten und Freunden, die uns besucht hatten. Es gab viele Fotos von den Sonntagsausflügen mit den Kindern und seit Kriegsbeginn auch von den Männern aus der Verwandtschaft, die jetzt bei der Wehrmacht waren und Uniformen trugen. Fast immer mussten sich die Akteure vor der Haustüre versammeln, schön gestaffelt standen sie auf der Haustreppe und lächelten auf Wunsch «recht freundlich», bis das Klicken des Verschlusses zu hören war und man sich entspannen durfte. Es gibt ein Bild, das mich als siebenjährigen Knirps zeigt, der stolz das schwere Gewehr von Onkel Paul schultert und sich als Soldat fühlen darf.
Vater hatte schon in den 1920er Jahren leidenschaftlich fotografiert, damals noch mit einer Plattenkamera im Postkartenformat. Seine Bilder zeigten seine Jugendfreunde, deren Bräute und Motorräder. Man konnte den Bildern die Stationen seines Lebensweges ablesen. Nach seiner dreijährigen Uhrmacherlehre bei einem Meister in Bernkastel an der Mosel fand er vorübergehend eine Stelle als Geselle in Bad Neuenahr in der Eifel, dann in Boppard am Rhein und schließlich in der Kreisstadt Simmern, wo er sein erstes Uhrengeschäft in angemieteten Räumen der Oberstraße führte. Den Entschluss, in die unmittelbare Nähe seines Geburtsortes im Hunsrück zurückzukehren, traf er wohl, als sein Vater versprach, für ihn ein Baugrundstück in Morbach zu kaufen. Übergangsweise wurde ein Laden am Unteren Markt angemietet, wo Vater das neue Uhrengeschäft einrichtete. Er war noch keine dreißig Jahre alt und wollte erst einmal ausprobieren, ob der Ort Morbach ihm Glück bringt.
Ich kann die Stationen von Vaters Entwicklung beschreiben, weil ich zu jeder von ihnen ein verblasstes Postkartenbild vor mir sehe, das vom Vater oft kommentiert und um die Namen der abgebildeten Personen ergänzt wurde. Es gab das Bild seines Lehrmeisters, der vor dem Uhrengeschäft Kronser am Bernkasteler Marktplatz posiert, es gab ein Bild von Vater als zwanzigjährigem Uhrmacher im weißen Kittel am Werktisch des Uhrmachers in Bad Neuenahr, es gab ein Bild von einer Hochwasserkatastrophe in Boppard am Rhein, bei der das Uhrengeschäft, in dem er arbeitete, evakuiert werden musste. Auffallend aber sind die zahlreichen Bilder, die Vaters größte Leidenschaft dieser Jahre belegen: seine Beschäftigung mit dem Radio. Er war ein «Radiot», wie die verständnislosen Freunde ihn auf einer Grußkarte titulierten. Tatsächlich steckte er sein ganzes Geld in den Erwerb von Radiobauteilen wie Röhren, Spulen, Drehkondensatoren, Widerständen, Anodenbatterien und Lautsprechern in Trichterform. Er musste immer das Neueste haben, bezog Fachliteratur aus aller Welt und war bald ein hervorragender Selfmade-Radioingenieur, dem keiner etwas vormachen konnte. Er lieferte unter dem Namen ROBERT REITZ RADIOANLAGEN Geräte an Freunde und Familienmitglieder und ging mehr und mehr dazu über, Radios auch in seinem Uhrenladen anzubieten. Begeistert kletterte er auf Hausdächer und Bäume, um in schwindelnder Höhe Antennendrähte zu spannen, damit der Empfang verbessert wurde. Seine Faszination konzentrierte sich vollkommen auf die Technik, die es ihm möglich machte, über Tausende von Kilometer Entfernung das Leben fremder Menschen zu belauschen. Noch Jahre später erzählte die Großmutter gern von den Radioerlebnissen ihres Sohnes. Nach einer mit den Kopfhörern auf den Ohren durchwachten Nacht hat ihr Robert am Morgen mit bleichem Gesicht berichtet, er habe heute Nacht einen Mann in London (!) husten hören. Ein Erlebnis wie dieses war für den jungen Robert eine völlig neue Wahrnehmung der Gegenwart. Er fühlte sich als Teil einer neuen Zeit.
Während des traditionellen Karnevalballs des Jahres 1932 in Morbach lernte der radiobegeisterte Uhrmacher Robert Reitz die zweiundzwanzigjährige Maria Becker kennen. Das hübsche, etwas vorlaute Mariechen war gelernte Modistin. Sie hatte eine Stelle als Hutmachergesellin in einem Hutgeschäft in der Bahnhofstraße. Nach ausgiebigem Flirt und einigen Gläsern Wein war es Robert gelungen, die unternehmungslustige Marie in seine Geschäftsräume am Marktplatz zu locken, wo er ihr mitten in der Nacht seine neuen selbstgebauten Radios zeigen wollte. So ähnlich stelle ich mir diese Karnevalsnacht vor, in der ich gezeugt worden bin. Natürlich haben die Eltern über diese Dinge nie gesprochen, aber wenn ich von meinem Geburtstag, dem 1. November, neun Monate zurückrechne und feststelle, dass die beiden am 30. April, also im dritten Schwangerschaftsmonat, eiligst geheiratet haben, wenn ich weiter die Konventionen und das Familiengeschwätz in Betracht ziehe, sagt der erfahrene Geschichtenerzähler in mir: Es muss das Radio gewesen sein.
Aus Sicht der Mutterfamilie war diese Verbindung auch eine gute Partie, denn Marias Eltern waren arme Leute. Sie wohnten in einem winzigen Häuschen mit einer Stube im Erdgeschoss, einer Treppe, die zu zwei kleinen Zimmern führte, in denen sechs Kinder aufgewachsen waren. Maria war die Jüngste und die Einzige, die noch nicht unter der Haube war. Der Vater, Matthias Becker, war bei der Eisenbahn als Streckengeher angestellt. Jeden Morgen um fünf ging er, ausgestattet mit Dienstmütze und Eisenbahner-Mantel, durch sein Vorgärtchen mit den beiden Rosenbäumchen, überquerte die Straße, die aus Hundheim hinausführte, ging dann querfeldein dreieinhalb Kilometer bergab, bis das Gelände beim Ort Bischofsdhron wieder anstieg und das Bahngleis der Hunsrückbahn sichtbar wurde. Hier gab es eine Wellblechbude, wo der Großvater seine Dienstwerkzeuge aufbewahrte, den langstieligen Hammer, das Signalhorn und den Schraubenschlüssel, der auf alle Schrauben an Gleisen und Weichen passte. Sein Dienst bestand darin, dass er auf dem Gleis etwa fünf Kilometer weit gehen und jede Schwelle und jede Schraube kontrollieren und, wenn nötig, korrigieren musste. Am Mittag kam er im Ort Sohren an, wo er sein mitgebrachtes Mittagessen aufwärmen konnte, um dann zu Fuß den Rückweg anzutreten. Das war Großvaters Beruf weit über vierzig Jahre lang. Eine fürwahr einsame Tätigkeit.
Ich kann mir gut vorstellen, wie zufrieden der Becker-Matz, wie man ihn im Dorf nannte, war, dass seine jüngste Tochter den Uhrmacher mit eigenem Geschäft heiraten konnte. Seine Frau, meine Oma, hieß Anna und war eine geborene Endres. Diese Oma war ein Putzteufel. Sie kannte kaum ein anderes Ziel, als ihr Häuschen picobello sauber zu halten. Wenn wir Kinder sie besuchten, empfing sie uns mit dem Putzlappen in der Hand und ließ uns nicht eher ins Haus, bis wir uns von oben bis unten gesäubert hatten. Im Streckengeherhäuschen lebten die Kinder und die Erwachsenen auf engstem Raum. Zusammen mit dem Großelternpaar bildeten sie eine Familiengemeinschaft, alle klebten wie Kletten aneinander.
Das war sicher auch der Grund dafür, dass die Schwestern meiner Mutter und deren Ehemänner und Kinder fast täglich in unserem Morbacher Haus ein- und ausgingen. Die älteste war die schon erwähnte Tante Käth mit ihrem Mann, dem stillen Willi. Dann folgte Peter, der Arbeiter in einem Sägewerk war. Ihm war, wie die Mutter uns oft erzählte, noch ein Mädchen mit dem Namen Pauline gefolgt, das aber schon als Baby gestorben war. Dann kam wieder eine Tochter, Else. Das nächste Kind hat das Großelternpaar wieder Pauline genannt und mit diesem Namen das Schicksal ein zweites Mal herausgefordert. Tante Pauline war oft in unserem Haus, half an Waschtagen und brachte ihren Mann mit, Onkel Michel, wenn es Holz zu hacken gab oder wenn Koks für die Heizung geliefert wurde, der in den Keller geschafft werden musste. Else, die mit Karl, einem Waldarbeiter, verheiratet war, besuchte uns selten. Sie hatte mit ihrem behinderten Margotchen und dem Sohn Karlheinz genug eigene Sorgen. Da nun auch das Mariechen, die jüngste Tochter von Matthias und Anna, verheiratet war, wurde es den Großeltern etwas langweilig in ihrem blitzblanken Häuschen und sie adoptierten das Pittchen, ein Waisenkind aus ihrer Verwandtschaft. Jetzt hatten sie wieder ein Kind, dem sie ihre Liebe schenken konnten. Pittchen war musikalisch und spielte in einem Fanfarenzug der Hitlerjugend den Anführer mit der Trompete, ohne zu ahnen, dass diese Leidenschaft ihn schnurstracks in den Krieg führte.
Die Eltern meines Vaters, die von uns ebenso oft besucht wurden wie die Mutter-Großeltern, fühlten sich als eine bessere Klasse. Auch sie lebten im Dorf Hundheim. Sie besaßen einen Bauernhof und die Dorfschmiede. Der Großvater Johann Reitz war ein drahtiger kleiner Mann, der es immer eilig hatte. Auch er war meist zu Fuß unterwegs oder mit einem Fahrrad, an dem viele Teile, etwa der Transportkasten und der Ständer, von ihm selbst angefertigt waren. Der Reitz-Opa handelte nebenher mit Landmaschinen und hatte die Vertretung für Nähmaschinen der Firma Singer, eine kleine Ausstellung fand sich in einer Ecke der Wohnstube.
Im Haushalt der Reitz-Großeltern waren alle Metallgegenstände selbstgefertigt: Messer und Gabeln, Hämmer und Äxte, Mistgabeln, Rechen, Hacken, aber auch Beschläge an Türen und Fenstern, Schlösser, Schlüssel, jeder Nagel war, wie immer betont wurde, vom Schmied mit eigenen Händen gefertigt. Das hieß natürlich auch, dass mehrere Generationen von Vorgänger-Schmieden sich an dieser Herstellung des Reitz’schen Hausrates beteiligt haben mussten. «Wir sind nachweisbar Schmiede seit 1580», betonte der Großvater, der meinem Vater sein Leben lang übelnahm, dass er diese Tradition gebrochen hatte. Aber der ehrgeizige Schmied Johann Reitz hatte kein Glück mit seinen Söhnen. Der Älteste, Eduard, fiel als Elfjähriger vom Zwetschgenbaum und verblutete innerlich. Das war vor dem Ersten Weltkrieg. Der andere Bruder meines Vaters hieß Niklaus. Er starb kurz nach dem Krieg an einer Gehirnhautentzündung. Da blieb nur noch das Robertchen, mein Vater. Er war 1901 geboren, kränklich und im Krieg unterernährt. Er war einfach zu schwach und musste die Schmiedelehre bei seinem Vater schon im zweiten Lehrjahr aufgeben. Dass er dann Uhrmacher wurde, war sein eigener Entschluss, an dem er seinen tyrannischen Vater nicht beteiligte. Er hatte die Lehrstelle an der Mosel ganz allein gefunden. Drei Jahre lang kam Robert nur an Wochenenden vom siebzehn Kilometer entfernten Bernkastel nach Hause, um dann, ausgestattet mit Brot- und Speckvorräten, die ihm seine Mutter für die hungernde Familie des Lehrherrn einpackte, wieder den Berg hinab an die Mosel zu laufen. Roberts Lehrzeit begann, wie Meister Kronser auf dem Gesellenbrief in Schönschrift vermerkte, im Jahre 1918 und endete 1921. Zum Glück fand Maria, die Schwester meines Vaters, später einen gelernten Schmied als Ehemann. Paul hieß der brave Mann, der bereit war, die Traditionsschmiede zu übernehmen.
Die liebste und warmherzigste Seele, deren weiche Wangen und deren süßen Geruch ich niemals vergessen werde, war die Oma Reitz. Ihr Geburtsname war Katharina Stürmer, und sie war im Nachbarhaus 1868 zur Welt gekommen. Katharina war die Großmutter, die das wunderbarste Roggenbrot buk, das ich je gegessen habe, die für ihre Enkel mitten im Sommer bunte Ostereier färbte, die uns erlaubte, in Sonntagskleidern auf dem Heuboden zu toben, bis wir erschöpft in die Betten fielen, während die Oma die Heuflusen und Schmutzfussel aus unseren Kleidern zupfte, damit die Eltern nicht schimpften. Katharina war die Hingabe und Liebe in Person, der ich später die Figur der «Kath» in den HEIMAT-Chroniken widmete.
Ich erinnere mich besonders an das Gefühl, von ihr begrüßt zu werden. Immer war ihre erste Frage, ob man hungrig sei oder durstig, immer hatte sie eine «Kässchmier» zur Hand, das war eine Scheibe vom selbstgebackenen Brotlaib, die sie mit dem handgeschmiedeten Messer schnitt. Dabei wurde das Brot fest an den Leib gepresst, sodass sich das Messer in Richtung ihrer Schürze bewegen musste, um keinen zu gefährden. Auf die Brotscheibe kam eine dicke Ladung Quark, der in einem Steinguttopf auf der Fensterbank stand, mit einem Tuch vor den Fliegen geschützt. Die Großmutter war keine, die viel lachte oder Komplimente machte. Sie buhlte nicht um Sympathie, sondern war einfach ernst. Sie zeigte niemals ihre Grenzen. Keiner ahnte, dass sie an Magenkrebs litt. Auf dem Foto zu ihrem siebzigsten Geburtstag sah sie aus wie eine Hundertjährige. Wie man weiß, habe ich der Kath im Film einen zarten gnädigen Tod geschenkt. Die Film-Großmutter sollte nicht leiden, wie es das ungerechte Schicksal der wirklichen Katharina bescherte. Oma Katharina starb 1944, als der Krieg unser aller Leben verändert hatte und das Sterben an der Tagesordnung war.
Alles, was ich über die Großeltern und über die Jugend meiner Eltern berichten kann, ist mir gegenwärtiger, als es den Umständen nach sein kann. Das liegt vielleicht auch daran, dass diese Geschichten sich auf das Dorf Hundheim konzentrierten und oft erzählt worden sind. Dennoch haben sie ihr innerstes Geheimnis gewahrt. Ich kann in Worten nicht wiedergeben, wie die Häuser, die Betten, die Gewänder oder die Möbel und Werkzeuge rochen, wie sie sich für die forschenden Hände des Kindes, das ich war, angefühlt haben. Alles scheint sich in der Höhe meiner Kindernase, etwa achtzig Zentimeter über dem Boden, abgespielt zu haben. Man könnte heute noch versuchen, mir seltsame Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Wie riecht die Tischkante, die Türklinke, der Steinguttopf mit der Dickmilch? Für die Nase und die Fingerspitzen haben die Dinge und die Personen in der Kindheit noch keine Namen. Das ändert sich, wenn wir erwachsen werden. Aber ich bin sicher, dass es diese namenlosen Eindrücke sind, die später in meine Filme hineingeleuchtet haben.
Unser Gedächtnis ist trügerisch. Das weiß jeder, der versucht, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Man findet immer nur Bruchstücke und Reste von Ereignissen, Gesichtern oder Ortsansichten in seinem Innern, und man bemerkt, wie schnell das Vergessen geht und wie man trotz größter Anstrengung nicht in der Lage ist, den Scherbenhaufen seines Lebens zu einem übersichtlichen Gebilde zu ordnen. Wenn wir ehrlich sind, erfinden wir das meiste, von dem wir behaupten, es sei die Wahrheit. Das Erinnern ist ein kreativer Akt. Demnach kann man sagen, dass unsere Biographien erfundene Geschichten sind.
