• Herausgeber: Penhaligon
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Mord ist ihr größtes Vergnügen

Eigentlich wollte Flavia nur ein paar vergnügte Stunden auf dem Jahrmarkt verbringen, wo sie jedoch aus Versehen das Zelt der Wahrsagerin Fenella abfackelt. Getrieben vom schlechten Gewissen lädt sie Fenella ein, auf dem Anwesen der Familie de Luce zu campieren. Doch dann wird ihre neue Freundin bezichtigt, vor Jahren ein Baby entführt und so eine Familie zerstört zu haben. Und schon bald findet Flavia die Wahrsagerin von einem schweren Schlag auf den Kopf niedergestreckt – wie tot – in ihrem Wohnwagen vor. Flavia macht sich schreckliche Vorwürfe. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre das alles nicht passiert. Aber da macht sie eine Entdeckung, die sie all das erst mal vergessen lässt: Am Poseidonbrunnen des Anwesens hängt eine Leiche! Flavia ist sofort Feuer und Flamme. Ein Mord ist aufzuklären, und bestimmt benötigt die Polizei dabei ihre Unterstützung …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 422


Inhaltsverzeichnis

WidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30HINWEIS FÜR DEN LESERDANKSAGUNG DES AUTORSDANKSAGUNG DER ÜBERSETZERCopyright

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »A Red Herring Without Mustard« bei Orion, an imprint of the Orion Publishing Group Ltd., London.

Für John und Janet Harland

»… ein Krug Bier ohne ein Frauenzimmer, meiner Treu, das wär ja wie ein Ei ohne Salz oder ein Hering ohne Senf. «

Thomas Lodge und Robert Greene: Ein Spiegel für London und ganz Engelland (1592)

1

Du machst mir Angst«, murmelte die Wahrsagerin. »Meine Kristallkugel war noch nie so dunkel. «

Sie umfasste die Kugel mit beiden Händen, als sollte ich nicht sehen, welche schauerlichen Dinge darin herumwaberten. Meine Kehle schnürte sich zu, als hätte mir jemand Eiswasser in den Mund gegossen.

Am Rand des Tisches mit der schwarzen Samtdecke flackerte eine schlanke Kerze, deren fahles Licht sich in den baumelnden Messingohrringen der Wahrsagerin brach und in den finsteren Winkeln des Zeltes verlor.

Schwarze Haare, schwarze Augen, schwarzes Kleid, rot geschminkte Wangen, roter Mund und eine Stimme, wie man sie nur bekommt, wenn man eine halbe Million sehr starke Zigaretten geraucht hat.

Als wollte sie meinen Verdacht bestätigen, wurde die Frau urplötzlich von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt und rang verzweifelt nach Luft. Es hörte sich an, als hätte sich ein großer Vogel in ihren Lungen verfangen, der jetzt wild flatternd zu entkommen versuchte.

»Soll ich Hilfe holen?«, fragte ich.

Ich war ziemlich sicher, dass ich noch vor zehn Minuten Dr. Darby auf dem Kirchhof gesehen hatte. Der Doktor war auf der Kirmes umhergeschlendert und hatte an jedem Stand ein Schwätzchen gehalten. Aber ehe ich aufstehen konnte, hatte die Wahrsagerin ihre braune Hand auf meine gelegt.

»Nein«, sagte sie, »nicht nötig. Das habe ich öfters.«

Sie hustete wieder.

Ich wartete geduldig ab, bis sie damit fertig war.

»Wie alt bist du?«, fragte sie schließlich. »Zehn? Zwölf?«

»Elf«, erwiderte ich. Sie nickte bedächtig, als hätte sie es ohnehin schon die ganze Zeit gewusst.

»Ich sehe … einen Berg«, fuhr sie erstickt fort, »… und das Gesicht … der Frau, die du einmal sein wirst.«

Im Zelt war es warm und stickig, aber mir gefror das Blut in den Adern. Bestimmt hatte die Wahrsagerin in ihrer Kristallkugel Harriet erblickt!

Harriet ist meine Mutter. Sie kam beim Bergsteigen ums Leben; ein Unfall, als ich noch ganz klein war.

Die Wahrsagerin drehte meine Hand um und bohrte ihren Daumen in meine Handfläche. Meine Finger spreizten sich unwillkürlich und krümmten sich dann krallenartig.

Dann ergriff die Frau meine Linke. »Mit dieser Hand bist du auf die Welt gekommen«, verkündete sie, wobei sie nur einen flüchtigen Blick in die Handfläche warf und dann meine Rechte nahm. »Und diese Hand verdankst du dir selbst.«

Sie betrachtete die Handfläche skeptisch im flackernden Kerzenschein. »Der unterbrochene Stern auf deinem Mondberg verweist auf einen wachen Verstand, der sich gegen sich selbst wendet – einen Verstand, der auf Wegen der Finsternis wandelt.«

Nicht unbedingt das, was ich hören wollte.

»Erzählen Sie mir von der Frau, die Sie auf dem Berg gesehen haben. Die Frau, die ich mal sein werde.«

Hustend zog sich die Wahrsagerin das bunte Tuch um die Schultern, als müsste sie sich vor einem unsichtbaren bitterkalten Wind schützen.

»Bestreich meine Handfläche mit Silber.« Sie hielt mir die schmuddelige Hand hin.

»Aber draußen auf dem Schild steht, dass es einen Shilling kostet, und den habe ich schon bezahlt«, wandte ich ein.

»Botschaften aus dem Jenseits kosten extra, weil sie sehr viel Kraft kosten.«

Am liebsten hätte ich schallend gelacht. Für wen hielt sich die alte Hexe? Andererseits hatte sie Harriet in ihrer Kugel erblickt, und ich wollte auf keinen Fall die Gelegenheit verschenken, womöglich ein paar Worte mit meiner verstorbenen Mutter wechseln zu können.

Ich kramte meinen letzten Shilling heraus, und als ich ihr die Münze in die Hand drückte, funkelten ihre Augen so lebhaft wie die Knopfaugen einer Krähe.

»Sie will nach Hause … die Frau … friert und will nach Hause. Du sollst ihr dabei helfen.«

Ich sprang auf und knallte dabei mit den nackten Knien gegen die Tischunterseite. Die lose aufliegende Tischplatte schwankte und rutschte weg, die Kerze fiel in die auf dem Boden gestauten staubigen schwarzen Vorhänge.

Schon stieg ein gekräuselter Rauchfaden auf, die Flamme wurde blau, dann rot und schließlich orange. Entsetzt sah ich zu, wie das Feuer die Stofffalten erfasste.

Im Nu stand das ganze Zelt in Flammen.

Ich wünschte, ich hätte die Geistesgegenwart besessen, der Wahrsagerin ein nasses Tuch über das Gesicht zu werfen und sie ins Freie zu zerren; stattdessen sprang ich durch den Zelteingang nach draußen wie eine Raubkatze durch einen brennenden Reifen, rannte los und blieb erst hinter dem Kokosnussstand wieder stehen, wo ich hinter dem Leinwandvorhang keuchend nach Luft schnappte.

Jemand hatte ein altes Grammophon aufgezogen, aus dem die Stimme von Danny Kaye über den Kirchhof schallte, auch wenn sie durch den engen Schlund des bemalten Trichters jämmerlich näselnd klang:

»Oh I’ve got a lov-ely bunch of coconuts.There they are a-standing in a row …«

Als ich mich nach dem Zelt der Wahrsagerin umdrehte, sah ich, wie Mr Haskins, der Totengräber, und ein anderer Mann, den ich nicht kannte, einen Zuber Wasser mitsamt den Äpfeln zum Apfelschnappen drin in die Flammen kippten.

Halb Bishop’s Lacey begaffte die schwarze Rauchsäule, riss die Augen weit auf und schlug die Hände vor den Mund, aber fast alle standen untätig da.

Dr. Darby führte die Wahrsagerin schon zum Erste-Hilfe-Zelt der Johanniter. Die gebeugte Gestalt der Alten wurde unablässig von Hustenanfällen geschüttelt. Wie klein sie bei Tageslicht aussieht, dachte ich, und wie blass.

»Ach da steckst du, du widerliche kleine Zecke. Wir haben dich schon überall gesucht!«

Das war Ophelia, die ältere meiner beiden Schwestern. Feely war siebzehn und hielt sich für eine zweite Jungfrau Maria, allerdings wäre ich jede Wette eingegangen, dass Maria nicht dreiundzwanzig Stunden am Tag damit verbracht hatte, sich im Spiegel zu begaffen und mit einer Pinzette an ihren Augenbrauen herumzufuhrwerken.

Bei Feely ging man am besten sofort zum Gegenangriff über. »Nenn mich gefälligst nicht ›Zecke‹, blöde Kuh! Wie oft muss dir Vater noch sagen, dass sich das nicht gehört?«

Feely wollte mich am Ohr ziehen, aber ich duckte mich und wich ihr aus. Im Ausweichen war ich richtig gut – eine aus der Not geborene Fähigkeit.

»Wo ist Daffy?«, fragte ich in der Hoffnung, ihre boshafte Aufmerksamkeit von mir abzulenken.

Daffy ist meine andere Schwester. Sie ist zwei Jahre älter als ich und mit dreizehn schon eine ausgewachsene Foltergehilfin.

»Die frisst gerade wieder ein Buch, was sonst?« Feely deutete mit dem Kinn auf ein paar in Hufeisenform aufgestellte Flohmarkttische, auf denen der Frauenverein und der Altardienst von St. Tankred mit vereinten Kräften einen Riesenstapel aus gebrauchten Büchern und allerlei Haushaltskram aufgetürmt hatten.

Feely schien die qualmenden Überreste des Wahrsagerinnenzeltes gar nicht wahrgenommen zu haben. Wie üblich hatte sie aus Eitelkeit ihre Brille zu Hause gelassen, aber es war genauso gut möglich, dass sie der Vorfall einfach nicht interessierte, so wie alle anderen praktischen Dinge.

»Guck mal!« Sie hielt sich zwei schwarze Ringe an die Ohren. Sie musste einfach immer angeben. »Pariser Jett – aus Lady Trotters Nachlass. Glenda hat sich gefreut, dass sie noch einen Sixpence dafür bekommen hat.«

»Zu recht«, sagte ich. »Pariser Jett ist schließlich nur Glas.«

Was auch stimmte. Kürzlich hatte ich in meinem Chemielabor eine hässliche viktorianische Brosche eingeschmolzen und festgestellt, dass sie komplett aus Silikaten bestand. Feely würde es wahrscheinlich gar nicht auffallen, dass der Klunker verschwunden war.

»Englischer Jett ist viel interessanter«, fuhr ich fort. »Der besteht nämlich aus fossilen Überresten von Schuppentannen, und …«

Doch Feely schlenderte bereits weiter, denn sie hatte Ned Cropper entdeckt, den Rotschopf, der als Schankkellner im Dreizehn Erpel arbeitete und soeben mit einer gewissen muskulösen Anmut Holzstäbe nach einem Ziel warf. Mit dem dritten Stab brach er die Tonpfeife der Tante-Sally-Figur mittendurch, und Feely stand gerade rechtzeitig neben ihm, um den Preis in Empfang zu nehmen, einen Teddybären, den ihr der knallrot anlaufende Ned feierlich überreichte.

»Hast du was gefunden, das nicht ins Feuer gehört?«, fragte ich Daffy. Meine Schwester hatte die Nase in eine Buchschwarte gesteckt, die nach den Stockflecken zu schließen gut und gern eine Erstausgabe von Stolz und Vorurteil sein konnte.

Leider war das ziemlich unwahrscheinlich. Im Krieg waren ganze Bibliotheken zur Papierverwertung abgegeben worden, sodass heutzutage nicht mehr viel für den Flohmarkt übrig war. Alle Bücher, die am Ende der Sommersaison noch nicht verkauft waren, würden in der Guy-Fawkes-Nacht aus dem Keller unter dem Gemeindesaal gekarrt, auf den Dorfanger gekippt und den Flammen übergeben werden.

Mit schief gelegtem Kopf musterte ich den Stapel, den Daffy schon beiseitegelegt hatte: Reise zu den Aussätzigen in Sibirien, Plinius’ Naturgeschichte, Das Martyrium der Menschheit und die ersten beiden Bände der Geschichte meines Lebens von Giacomo Casanova – eine ausgemachte Ansammlung von Schwachsinn. Vielleicht mit Ausnahme des Plinius, der ein paar ziemlich mitreißende Aufsätze über Gifte verfasst hatte.

Ich wanderte an den Tischen entlang und fuhr mit dem Zeigefinger über die mit dem Rücken nach oben aufgereihten Bücher: Ethel M. Dell, E. M. Delafield, Warwick Deeping …

Mir war früher bereits aufgefallen, dass die Namen der meisten historischen Giftmischer mit einem C anfingen – hier wiederum standen lauter Autoren mit D. War ich einem der großen ungelösten Rätsel des Universums auf der Spur?

Ich kniff die Augen zusammen und konzentrierte mich: Dickens … Doyle … Dumas … Dostojewski – ihre Werke hatte ich alle schon mal gesehen, meistens in Daffys Händen.

Daffy wollte später selbst Schriftstellerin werden. Mit einem Namen wie Daphne de Luce konnte sie da eigentlich nichts falsch machen!

»He, Daf!«, rief ich. »Stell dir vor, was ich eben …«

»Klappe!«, blaffte sie. »Du sollst mich doch nicht ansprechen, wenn ich lese.«

Wenn ihr danach war, konnte meine Schwester ein richtiger Stinkstiefel sein.

Das war nicht immer so gewesen. Als ich noch klein war, hatte Vater Daffy dazu abgestellt, sich mein Nachtgebet anzuhören, und sie hatte mir beigebracht, das Gebet in Quatschsprache aufzusagen. Dabei hatten wir uns natürlich in den Daunenkissen gewälzt, bis wir vor Lachen fast geplatzt wären.

»Gobod sebegne Vabater, Febeely, Mibiss Mubullebet ubund Dobogger – Abamen!«

Doch im Lauf der Jahre hatte sich unser Verhältnis verändert.

Ein bisschen gekränkt griff ich nach einem Buch, das ganz oben auf den anderen lag: Ein Spiegel für London und ganz Engelland. Das war doch was für Feely – schließlich ging es um einen Spiegel. Vielleicht sollte ich das Buch kaufen und in den Schrank legen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich eines Tages das Bedürfnis haben würde, Feely etwas zu schenken oder sie mit einer Friedensgabe zu besänftigen. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt, dachte ich.

Als ich in dem Band blätterte, stellte ich fest, dass es kein Roman war, sondern ein Theaterstück: lauter Dialoge. Eine Person namens Adam redete mit einem Clown:

»… ein Krug Bier ohne ein Frauenzimmer, meiner Treu, das wär ja wie ein Ei ohne Salz oder ein Hering ohne Senf.«

Wenn das nicht passt!, dachte ich. Ned streichelte meiner Schwester gerade den Nacken, und Feely tat, als bemerkte sie es nicht. Mehr als einmal hatte ich Ned im Hinterhof des Dreizehn Erpel sitzen sehen, vor sich einen Krug Bier und neben sich Mary Stoker, die Tochter des Wirts. Ohne einen Krug Bier und weibliche Gesellschaft wirkte Ned geradezu unvollständig. Warum war mir das nicht schon eher aufgefallen? Vielleicht war es mir ergangen wie Doktor Watson in Ein Skandal in Böhmen: Ich hatte alles gesehen, aber nichts begriffen. Darüber musste ich irgendwann mal nachdenken.

»Warst du das?«, fragte Daffy unvermittelt. Sie deutete auf das niedergebrannte Wahrsagerinnenzelt, vor dem immer noch ein Grüppchen Schaulustiger stand. »Das sieht mir doch ganz nach Flavia de Luce aus.«

»So ein Pech«, konterte ich. »Eigentlich wollte ich dir helfen, deine Bücher heimzutragen, aber jetzt kannst du sie allein schleppen.«

»Komm schon!« Sie zog mich am Ärmel. »Hab ein Einsehen. Wenn du so hässlich zu mir bist, erklingt in meiner Brust Mozarts Requiem, und mir steigen die Tränen in die Augen.«

Ich spazierte pfeifend davon, aber ihre Unverschämtheit sollte sie noch büßen.

»Aua! Lass mich los, Brookie! Du tust mir weh!«

Das Wehgeschrei kam von der Münzwurfbude, und als ich Colin Prouts Stimme erkannte, blieb ich stehen und spitzte die Ohren.

Weil ich mit dem Rücken zur Kirchhofmauer stand und von der Plane der Losbude verdeckt wurde, konnte ich ungehindert lauschen, ja, durch eine Lücke im Gerümpel hinter der Bude konnte ich die Szene sogar ausgezeichnet beobachten.

Colin wand sich an Brookie Harewoods ausgestrecktem Arm wie ein Riesenfisch mit Brille. Sein Nasenfahrrad saß schief, die blonden Haare waren zerzaust wie eine Heumiete, und er riss nach Atem ringend den wulstlippigen Mund auf.

»Lass mich los! Ich hab doch nix gemacht!«

Mit der anderen Hand hatte Brookie ihn am durchhängenden Hosenboden gepackt und wirbelte ihn jetzt im Kreis herum, damit er sich das qualmende Zelt ansehen konnte.

»Wer soll’s denn sonst gewesen sein, hä?« Brookie schüttelte den Jungen im Takt der Worte kräftig durch. »Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Und wo Feuer ist, sind auch Streichhölzer. Und wo Streichhölzer sind, ist auch Colin Prout nicht weit.«

Colin versuchte in seine Hosentasche zu greifen. »Zähl sie doch nach! Sind noch genauso viele drin wie gestern. Drei Stück. Ich hab kein einziges verbraucht!«

Brookie ließ ihn los, und Colin plumpste zu Boden, wälzte sich auf den Rücken, stützte sich auf die Ellenbogen, förderte aus seiner Hose eine Schachtel Streichhölzer zutage und hielt sie seinem Peiniger dramatisch fuchtelnd entgegen.

Brookie reckte witternd die Nase, als müsste er sich orientieren. Mit der verdreckten Mütze, den Gummistiefeln, dem langen Mantel und dem Wollschal, den er trotz des sommerlichen Wetters wie eine scharlachrote Schlange um seinen Stiernacken geschlungen hatte, glich er einem Rattenfänger aus einem Roman von Dickens.

Colin rappelte sich auf, und die beiden schlenderten davon, wobei Colin sich den Staub abklopfte und betont lässig die Achseln zuckte, als hätte ihm das Ganze gar nichts ausgemacht.

Wahrscheinlich hätte ich mich zu erkennen geben und gestehen sollen, dass ich für das Feuer verantwortlich war. Ich hätte verlangen sollen, dass Brookie den Jungen laufen ließ, und wenn er sich geweigert hätte, hätte ich den Vikar holen oder einen anderen Erwachsenen zu Hilfe rufen können. Aber das tat ich nicht. Weil ich mich nämlich schlicht und einfach vor Brookie Harewood fürchtete.

Brookie war der Tunichtgut von Bishop’s Lacey.

»Brookie Harewood?«, hatte Feely entrüstet ausgerufen, als Mrs Mullet eines Tages vorgeschlagen hatte, Brookie könne Dogger doch beim Unkrautjäten und beim Trimmen der Hecken von Buckshaw helfen. »Der Kerl ist ein Mutterschnorrer und Schmarotzer – kommt nicht in Frage, dass so jemand hier herumstrolcht. Womöglich tut er uns was an!«

»Was ist ein Mutterschnorrer?«, wollte ich wissen, als Feely aus der Küche stolziert war.«

»Frag mich nicht, Miss Flavia«, hatte Mrs M geantwortet. »Seine Mutter ist jedenfalls Malerin drüben in Malden Fenwick. «

»Malerin? Malt sie Wände an, oder malt sie Bilder?«

»Wände? Gott bewahre! Nein, sie malt Bilder. Vornehme Herrschaften zu Pferde und all so was. Vielleicht malt sie dich eines schönen Tages ja auch noch mal. Zusammen mit Miss Ophelia und Miss Daphne.«

Daraufhin hatte ich nur verächtlich geschnaubt und das Weite gesucht. Falls irgendwann jemand mein Porträt malen sollte, mit Ölfarbe und Firnis und allem Drum und Dran, dann natürlich in meinem Chemielabor bei der Arbeit!

Ich würde, umgeben von Reagenzgläsern, Vakuumglocken und Erlenmeyerkolben, von meinem Mikroskop aufschauen, so wie mein längst verstorbener Großonkel Tarquin de Luce auf dem Porträt in der Bildergalerie von Buckshaw. Und wie Onkel Tar würde ich ein verärgertes Gesicht machen. Aber Pferde und vornehme Herrschaften – nein danke.

Ein letztes Rauchwölkchen hing noch über dem Kirchhof, aber die meisten Neugierigen waren weitergezogen. Der schwelende Umriss des Wahrsagerinnenzeltes war deutlich zu erkennen. Mich interessierte jetzt aber vielmehr das, was hinter dem versengten Kreis im Gras stand: ein kunterbunt bemalter Zigeunerwagen.

Der buttergelbe Wagen hatte blutrote Fensterläden, und die gewölbte Verkleidung ließ mich an einen Brotlaib denken, der über den Rand der Backform quillt. Von den Rädern mit den schmalen Speichen bis zum schiefen Blechschornstein, von den Bogenfenstern bis zu den kunstvoll geschnitzten Türrahmen sah der Wagen aus wie einem Märchentraum entsprungen. Um das romantische Gesamtbild abzurunden, graste ein altes Pferd mit Senkrücken zwischen den Grabsteinen am anderen Ende des Kirchhofs.

Es war ein typisches Zigeunerpferdchen, wie man es manchmal auf den Fotos in Country Life sah. Mit den zottigen Hufen, dem struppigen Schwanz und der langen Mähne, die ihm ins Gesicht hing (und unter deren Fransen es neckisch-verschämt hervorschaute wie Veronica Lake), wirkte das Tier wie eine Kreuzung aus Clydesdale-Kaltblut und Einhorn.

»Flavia, meine Liebe«, sprach mich jemand von hinten an. Es war Denwyn Richardson, der Vikar von St. Tankred. »Dr. Darby wäre dir sehr zu Dank verpflichtet, wenn du rasch loslaufen und uns aus der Küche einen Krug kalte Limonade holen würdest.«

Hoffentlich bekam er ein schlechtes Gewissen, als er mein nicht sonderlich begeistertes Gesicht sah. Warum werden elfjährige Mädchen eigentlich immer wie Dienstboten herumgescheucht?

»Ich würde ja selber gehen, aber der gute Doktor fürchtet, dass mein Talar die alte Frau womöglich einschüchtert, und deswegen …«

»Aber gern, Herr Vikar«, rief ich erfreut – und meinte es auch so. Mein kleiner Auftrag würde mir Zutritt zum Erste-Hilfe-Zelt verschaffen.

Im Handumdrehen stand ich in der Küche des Gemeindesaals (»Verzeihung, aber es handelt sich um einen medizinischen Notfall!«) und war mit einem Krug eisgekühlter Limonade wieder draußen. Wieselflink schlüpfte ich mit meiner Beute ins schummrige Zelt der Johanniter und goss Limonade in einen angeschlagenen Becher.

»Hoffentlich ist Ihnen nichts passiert«, sagte ich und reichte der Wahrsagerin den Becher. »Natürlich bezahle ich Ihnen das Zelt. Die Sache tut mir wirklich leid.«

»Lass gut sein«, sagte Dr. Darby. »Sie sagt, es war ein Unfall. «

Beim Trinken beobachtete mich die Alte argwöhnisch mit rot geränderten Augen.

»Dr. Darby …« Der Vikar streckte den Kopf durch den Zelteingang wie eine Schildkröte, damit man seinen Pastorenkragen nicht sah. »Wenn Sie vielleicht einen Augenblick … Mrs Peasley von der Kegelbahn fühlt sich ganz komisch, meint sie.«

»Komme schon.« Der Doktor griff sich seine schwarze Tasche. »Erholen Sie sich erst mal von dem Schreck, altes Mädchen«, wandte er sich an die Wahrsagerin. Zu mir sagte er: »Bleib bei ihr. Ich bin gleich wieder da.«

»Entweder es ist überhaupt nichts los …«, sagte er beim Hinausgehen halblaut vor sich hin.

Erst stand ich eine Weile betreten da, musterte meine Schuhspitzen und überlegte dabei fieberhaft, was ich sagen sollte. Ich traute mich nicht, der alten Frau in die Augen zu sehen.

»Ich bezahle Ihnen das Zelt«, wiederholte ich. »Auch wenn es tatsächlich ein Unfall war.«

Ein Hustenanfall packte sie, und ich musste mir eingestehen, dass der Brand ihren ohnehin strapazierten Lungen nicht eben gut bekommen war. Verlegen wartete ich ab, bis sie zu japsen aufhörte.

Anschließend trat wieder peinliche Stille ein. »Die Frau …«, sagte die Alte schließlich, »die Frau auf dem Berg. Wer ist das?«

»Meine verstorbene Mutter. Sie hieß Harriet de Luce.«

»Und der Berg?«

»Irgendwo in Tibet, glaube ich. Sie ist vor zehn Jahren beim Bergsteigen verunglückt. Zu Hause auf Buckshaw reden wir nicht oft darüber.«

»Buckshaw sagt mir nichts.«

»Da wohne ich. Südlich vom Dorf.«

»Aha!« Sie sah mich mit funkelnden Augen an. »Das große Haus. Mit den beiden nach hinten geklappten Flügeln.«

»Genau. Ganz in der Nähe der Flussbiegung.«

»Dort hab ich schon mal Rast gemacht. Aber ich wusste nicht, wie sich der Ort nennt.«

Rast gemacht? Ich staunte.

»Die Dame hat mir und meinem Rom erlaubt, unser Lager in einem Wäldchen am Fluss aufzuschlagen. Mein Rom brauchte dringend eine Verschnaufpause.«

»Die Stelle kenne ich!«, rief ich. »Sie heißt hier bei allen nur ›das Gehölz‹. Dort wachsen lauter Holunderbüsche und …«

»Beeren.«

»Moment mal«, sagte ich. »Welche Dame denn? Seit Harriets Tod wohnt dort keine Dame mehr.«

Die Alte redete weiter, als hätte sie mich gar nicht gehört.

»Die Dame war sehr schön. Sie sah dir ähnlich.« Sie betrachtete mich mit zusammengekniffenen Augen. »Jetzt, wo ich dich richtig sehe.«

Ihre Miene verdüsterte sich. Bildete ich es mir nur ein, oder sprach sie immer lauter?

»Aber dann hat man uns fortgejagt«, sagte sie zornig. »Es hieß, wir wären nicht erwünscht. In dem Sommer ist Johnny Faa gestorben.«

»Johnny Faa?«

»Mein Rom. Mein Mann. Mitten auf der Straße ist er umgefallen, hat die Hand an die Brust gedrückt – so – und den Gadjo verflucht, der uns weggejagt hat.«

»Wie hieß denn der Mann?« Ich fürchtete mich schon vor der Antwort.

»Hab ihn nicht gefragt. Aber steif wie ein Ladestock auf Stelzen war er, dieser Teufel!«

Das konnte nur Vater gewesen sein! Nach Harriets Tod hatte er die Zigeuner von unserem Grundstück vertrieben.

»Und Sie glauben, dass Johnny Faa … also Ihr Mann … deswegen gestorben ist?«

Die Alte nickte tieftraurig. »Weil er sich nicht ausruhen konnte?«

»Ja. Und ich brauche jetzt auch Ruhe, hat der Doktor gesagt. «

Ich hatte eine Eingebung, und schon platzte ich damit heraus: »Sie können doch mit nach Buckshaw kommen! Bleiben Sie, so lange Sie wollen. Das geht bestimmt … Versprochen! «

Mir war natürlich klar, dass es einen Riesenkrach mit Vater geben würde, aber das war mir egal. Harriet hatte diesen Leuten einst Zuflucht gewährt, und ich als ihre Tochter konnte nicht anders handeln.

»Ihren Wohnwagen können wir im Gehölz unterstellen«, sagte ich. »Es braucht ja keiner zu wissen, wo Sie sind.«

Sie schaute mich verunsichert und misstrauisch an. Ich streckte ihr die Hand hin.

»Schlagen Sie ein, altes Mädchen. So ein Angebot kommt so schnell nicht wieder.« Dr. Darby war wieder ins Zelt geschlüpft und zwinkerte mir zu. Der Doktor war einer der ältesten Freunde meines Vaters, und ich wusste, dass auch er den Ärger schon vorhersah, aber er hätte der Alten nicht zugeraten, wenn er die Aussichten nicht für erfolgversprechend gehalten hätte. Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen.

Er stellte seine schwarze Tasche auf den Tisch, kramte darin herum und holte eine zugekorkte Flasche heraus.

»Nehmen Sie das vorschriftsmäßig gegen Ihren Husten ein.« Er reichte der Alten die Flasche. Sie schien misstrauisch.

»Nehmen Sie schon! Wissen Sie nicht, dass es Unglück bringt, wenn man sich einem studierten Arzt widersetzt? Ich helfe Ihnen auch mit dem Pferd. Früher hatte ich auch eins.«

Er spielte mal wieder den knorrigen, altgedienten Landarzt. Demnach waren wir, medizinisch ausgedrückt, über den Berg.

Die Leute beobachteten mit gereckten Hälsen, wie uns der Doktor zum Wohnwagen geleitete. Im Nu hatte er das Pferd angeschirrt, und die Alte und ich nahmen auf dem Brett Platz, das zugleich als Türschwelle und als Kutschbock diente.

Die Alte schnalzte mit der Zunge, und die Dorfbewohner bildeten eine Gasse, als sich der Wohnwagen mit einem jähen Ruck in Bewegung setzte und dann gemächlich über den Kirchhofweg rumpelte. Von meinem Hochsitz aus blickte ich in die vielen emporgewandten Gesichter hinab, konnte aber weder Feely noch Daffy in der Menge erspähen.

Gut so, dachte ich. Höchstwahrscheinlich saßen die beiden in einer Bude und stopften sich hemmungslos mit Scones voll.

2

Wir rumpelten die Hauptstraße entlang, wo die Hufe des betagten Pferdchens laut über das Kopfsteinpflaster klapperten.

»Wie heißt es denn?«, fragte ich.

» Gry.«

»Gray?«

»Gry. Das heißt ›Pferd‹ in der Sprache der Roma.«

Ich prägte mir das Wort gut ein und freute mich darauf, es irgendwann einmal meiner ach so allwissenden Schwester Daffy um die Ohren hauen zu können. Natürlich würde sie so tun, als beherrschte sie die Romasprache fließend.

Wahrscheinlich hatte das Geklapper Miss Cool, die Postamtsvorsteherin des Dorfes, ans Fenster ihres Süßwarenladens gelockt. Als sie mich neben der Alten auf dem Kutschbock sitzen sah, machte sie große Augen und schlug die Hand vor den Mund. Trotz der dicken Schaufensterscheibe und der Entfernung konnte ich sie förmlich nach Luft schnappen hören. Der Anblick von Colonel Haviland de Luces jüngster Tochter auf einem Zigeunerwagen, so fröhlich und bunt er auch bemalt sein mochte, war für sie bestimmt ein Schock.

Ich winkte wie besessen und bedeutete ihr: »Keine Sorge – ich amüsiere mich prächtig!« Am liebsten wäre ich aufgesprungen, hätte mich in Positur gestellt und wie im Film-Musical ein Liedchen geschmettert: »Ach, wie schön ist’s auf der Walz!« oder dergleichen, aber ich beherrschte mich und grinste nur von einem Ohr zum anderen.

Die Nachricht von meiner Entführung würde im Nu kreuz und quer durch die Gegend flattern – wie ein Vogel, der sich in eine Kathedrale verirrt hat. So ist das nun mal auf dem Dorf, und Bishop’s Lacey war da keine Ausnahme.

Ein krächzendes Husten brachte mich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Die Alte saß vornübergebeugt da und hielt sich die eingesunkene Brust.

»Haben Sie die Medizin genommen, die Ihnen der Doktor mitgegeben hat?«, fragte ich und nahm ihr die Zügel aus den Händen.

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen glichen glühenden Kohlen. Je eher ich den Wagen im Gehölz abstellte und die Frau ins Bett brachte, desto besser.

Gerade kamen wir am Dreizehn Erpel und der Cow Lane vorbei. Weiter östlich bog die Straße in Richtung Doddingsley nach Süden ab. Buckshaw war noch ein gutes Stück entfernt.

Gleich hinter der letzten Reihe niedriger Häuser mündete von rechts ein schmaler Hohlweg ein, der von den Anwohnern nur »die Rinne« genannt wurde. Die Rinne führte am Westhang des Goodger Hill entlang und querfeldein zur südwestlichen Ecke von Buckshaw und dem »Gehölz« genannten Wäldchen. Ich zog am Zügel und lenkte Gry nach rechts.

Nach einer einigermaßen ebenen Viertelmeile fing der Wagen bedenklich zu schaukeln an. Wir holperten über spitze Steine, und der Hohlweg wurde immer schmaler und ausgefahrener. Doch zu beiden Seiten ragten die Böschungen, die obendrein mit einem Dickicht aus uralten Baumwurzeln bewachsen waren, so hoch auf, dass der Wagen unmöglich umkippen konnte.

Direkt vor uns neigte sich der bemooste Ast einer alten Buche wie der Hals eines großen grünen Schwans über den Weg. Es war kaum Platz, dass der Wagen darunter hindurchfahren konnte.

»Das Räubernest«, verkündete ich stolz. »Hier haben früher Wegelagerer die Postkutschen überfallen.«

Die Alte ging nicht darauf ein. Für mich dagegen war das Räubernest ein spannendes Stück Heimatkunde.

Im 18. Jahrhundert war die Rinne die einzige Verbindung zwischen Doddingsley und Bishop’s Lacey gewesen. Im Winter oft völlig zugeschneit und im Frühling und Herbst von Eisbächen überflutet, hatte sie sich den Ruf erworben, der ihr auch jetzt, zweihundert Jahre später, noch anhing: nämlich dass es sich um einen zwielichtigen, wenn nicht gar lebensgefährlichen Ort handelte, um den man am besten einen weiten Bogen machte.

»Von der Geschichte gebrandmarkt«, hatte Daffy gesagt, als sie die Stelle auf einer Karte eintrug, die sie von »Buckshaw & Umgebung« anlegte.

Damit hätte die Rinne eigentlich zu meinen Lieblingsorten gehören müssen, doch das war nicht der Fall. Nur einmal hatte ich den Hohlweg auf Gladys, meinem treuen Fahrrad, fast bis zum Ende erkundet, doch dann hatte mich ein beklemmendes Gefühl dazu bewogen, auf der Stelle umzukehren. Es war ein unfreundlicher Tag gewesen, mit kräftigen Sturmböen, kalten Regenschauern und tief dahinjagenden Wolken, ein Tag von der Sorte …

Die Alte nahm mir die Zügel wieder weg und zog energisch daran. »Brrr!«, machte sie, und das Pferd hielt jäh an.

Oben auf dem moosbewachsenen Ast hockte ein Kind und stopfte sich den Daumen in den Mund.

An dem roten Schopf erkannte ich, dass es einer der Bull-Sprösslinge sein musste.

Die Alte bekreuzigte sich und brummelte etwas, das wie »Hilda Muir« klang.

» Hüja!«, rief sie dann und ließ die Zügel schnalzen. »Hüja!«, und Gry brachte den Wagen mit einem Ruck wieder in Bewegung. Als wir langsam unter dem Ast hindurchfuhren, ließ das Kind die Beine herunterbaumeln und trampelte mit den Fersen auf das Wohnwagendach, was Geräusche verursachte, die wie unheimliche Trommelschläge klangen.

Ich hätte mich gern auf den Ast geschwungen und dem Rotzlöffel zumindest eine ordentliche Standpauke verpasst, aber ein Blick auf die Alte ließ mich innehalten. Manchmal war es besser, den Mund zu halten.

Dornenranken krallten wie gierige Hände nach dem heftig schaukelnden Wohnwagen, aber die Alte schien nichts zu bemerken.

Sie saß vorgebeugt da, den wässrigen Blick fest auf einen imaginären Horizont gerichtet, als weilte nur ihre sterbliche Hülle in diesem Jahrhundert, während alles andere längst in ein fernes, düsteres, nebliges Land entflohen war.

Der Weg wurde ein wenig breiter, kurz darauf kamen wir an einem altersschwachen Lattenzaun vorbei. Dahinter stand ein heruntergekommenes Haus, das aus ausrangierten Türen und geborstenen Fensterläden gezimmert schien. Der sandige Garten davor lag voller Müll, darunter ein ramponierter Herd, ein altmodisches Ungetüm von einem Kinderwagen, dem zwei Räder fehlten, mehrere nur noch vom Rost zusammengehaltene Automobile und bergeweise leere Konservenbüchsen. Hier und da entdeckte man verfallene, windschiefe Nebengebäude – dürftig aus verfaulten, bemoosten Brettern und einer Handvoll Nägel zusammengebastelte Schuppen.

Über Allem hing eine Wolke aus beißendem Rauch, denn der Müll schwelte stellenweise, sodass man an ein Bild der Hölle denken musste, wie man es von viktorianischen Bibelillustrationen kennt. Mitten auf dem vor Dreck starrenden Hof saß ein kleines Kind in einer Badewanne. Als es uns erblickte, brach es in ein lautes, sirenenartiges Geheul aus.

Auch die roten Haare des Kleinen schienen mit Rost bedeckt zu sein. Man hatte tatsächlich den Eindruck, ein Königreich des Zerfalls zu betreten, in dem die Oxidation regierte.

Oxidation tritt, wie ich mir gern und oft in Erinnerung rufe, dann ein, wenn Sauerstoff zum Angriff übergeht. In ebendiesem Augenblick nagte der Sauerstoff genauso an meiner Haut wie an der Haut der alten Frau, auch wenn meine Mitfahrerin deutlich angegriffener wirkte als ich.

Von meinen ersten chemischen Experimenten wusste ich, dass in manchen Fällen, etwa wenn Eisen in einer Atmosphäre reinen Sauerstoffs erhitzt wird, die Oxidation zu einem Wolf wird, der seine Beute gierig zerfetzt – so gierig, dass das Eisen Feuer fängt. »Feuer« wiederum ist in Wirklichkeit auch nichts anderes als unser alter Freund Oxidation, der auf Hochtouren arbeitet.

Wenn die Oxidation jedoch behutsamer – langsam wie eine Schildkröte – und ohne Flammen an ihrer Umgebung knabbert, dann nennen wir sie »Rost«, und meistens fällt uns gar nicht auf, wie beharrlich sie ihrem Geschäft nachgeht und alles verschlingt, von der Haarnadel bis zur Zivilisation. Ich habe mir schon oft gedacht, wenn wir die Oxidation aufhalten könnten, dann könnten wir auch die Zeit anhalten, und vielleicht würde es uns sogar gelingen …

Ein gellender Schrei ließ mich zusammenfahren.

»Zigeuner! Zigeuner!«

Eine dicke, rothaarige Frau in schweißfleckigem Baumwollkittel kam mit fuchtelnden Armen aus dem Haus gerannt. Die Ärmel ihrer Strickweste waren bis über die Ellenbogen aufgerollt, als zöge sie in die Schlacht.

»Verschwindet, ihr Zigeuner!«, keifte sie, und ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Haare. »Komm raus, Tom! Die Zigeunerin steht vor dem Tor!«

In Bishop’s Lacey wusste jeder, dass Tom Bull schon vor Ewigkeiten die Fliege gemacht hatte und höchstwahrscheinlich nie wieder auftauchen würde. Die Frau bluffte also nur.

»Du hast mir mein Baby gestohlen – streit’s ja nich ab! Ich hab genau gesehen, dass du dich an dem Tag hier rumgetrieben hast, und das kann ich auch gern vor Gericht bezeugen! «

Als die kleine Tochter der Bulls vor etlichen Jahren verschwand, war es wochenlang das Dorfgespräch gewesen, aber der nie aufgeklärte Fall war bald von den Titelseiten der Zeitungen nach hinten in die Kurzmeldungen gewandert und schließlich in Vergessenheit geraten.

Ich schielte zu der Alten neben mir hinüber. Sie saß reglos auf dem Kutschbock und schaute stur geradeaus, als ginge die ganze Welt sie nichts an. Das brachte die Rothaarige erst recht zur Weißglut.

»Wo bleibst du denn, Tom? Bring die Axt mit!«, zeterte sie.

Bis dahin schien sie mich gar nicht wahrgenommen zu haben, doch jetzt blieb ihr Blick plötzlich an meinem hängen – mit dramatischer Wirkung.

»Ich kenn dich!«, rief sie. »Du bist eins von den de-Luce-Mädels aus Buckshaw, stimmt’s? Diese kalten blauen Augen erkenn ich überall.«

Kalte blaue Augen? Hmmm … Zwar war ich schon öfters unter Vaters eisigem Blick erstarrt, doch mir wäre nicht im Traum eingefallen, dass diese tödliche Waffe auch mir selbst zur Verfügung stand.

Mir war natürlich klar, dass unsere missliche Lage im Handumdrehen ziemlich ungemütlich werden konnte. Auf die Alte konnte ich anscheinend nicht zählen – ich war ganz auf mich gestellt.

»Da müssen Sie sich irren«, sagte ich, hob das Kinn und kniff die Augen zusammen, um den bestmöglichen Effekt zu erzielen. »Ich heiße Margaret Vole, und das hier ist meine Großtante Gilda Dickinson. Vielleicht haben Sie uns schon mal im Kino gesehen? Das kleine rote Landhaus? Die Mondkönigin? Ach, wie dumm von mir: In diesem Zigeunerkostüm und mit der dicken Schminke können Sie meine Tante ja nicht erkennen! Wie war doch gleich Ihr Name, Miss …«

»B-Bull«, stammelte die Rothaarige verdattert. »Mrs Bull.«

Sie sah uns an, als traute sie ihren Augen nicht.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs Bull. Ob Sie uns wohl behilflich sein könnten? Wir haben uns nämlich fürchterlich verfahren. Wir sollten uns schon vor Stunden mit der Film-Crew in Malden Fenwick treffen, aber wir haben beide einen ziemlich schlechten Orientierungssinn, stimmt’s, Tante Gilda? «

Die Alte zeigte keine Regung.

Die Rothaarige strich sich die Frisur glatt.

»Jedenfalls habt ihr euch blöd angestellt, wer ihr auch seid«, sagte sie. »Hier kann man nirgends wenden, der Weg ist viel zu schmal. Dann müsst ihr halt weiter bis nach Doddingsley und dann über Tench wieder zurück.«

»Verbindlichsten Dank«, sagte ich in meiner besten Dorfdeppenstimme, entwand der Alten die Zügel und ließ sie schnalzen.

»Hüaah!«, rief ich, und Gry trabte an.

Nach einer weiteren Viertelmeile fand die Zigeunerin auf einmal die Sprache wieder.

»Du lügst wie eine von uns.«

Ich war baff, und sie sah es mir an.

»Du lügst wegen einer bloßen Kleinigkeit – weil jemand auf deiner Augenfarbe rumhackt.«

»Tja«, sagte ich. »Sieht ganz so aus.«

Die Alte wurde richtig lebhaft, als hätte der Zusammenstoß mit Mrs Bull sie aufgemuntert. »Ja, du kannst wirklich lügen wie eine aus unserem Volk.«

»Ist das gut oder schlecht?«

Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten.

»Es bedeutet, dass du ein langes Leben vor dir hast.«

Ihr Mundwinkel zuckte, als müsste sie schmunzeln, aber sie wurde gleich wieder ernst.

»Trotz des unterbrochenen Sterns auf meinem Mondberg?«

Diese Frage konnte ich mir nicht verkneifen.

Zu meiner Überraschung lachte sie heiser.

»Hokuspokus. Wahrsagerquatsch. Du hast das doch nicht geglaubt, oder?«

Vom Lachen packte sie ein neuerlicher Hustenanfall, und ich musste warten, bis sie wieder Luft bekam.

»Aber … die Frau auf dem Berg … die Frau, die nachhause will …«

»Das haben mir deine Schwestern gesteckt«, erwiderte die Alte mit matter Stimme. »Sie haben mir von eurer Mutter erzählt und mir ein paar Kröten zugesteckt, damit ich dir einen gehörigen Schreck einjage. Das ist alles.«

Mir gefror das Blut in den Adern, als hätte jemand einen Wasserhahn von heiß auf kalt gestellt. Ich starrte die Alte ungläubig an.

»Es macht dir doch hoffentlich nichts aus, oder?«, fuhr sie fort. »Ich wollte nicht, dass …«

Ich zuckte die Achseln »Nö.« Aber es machte mir sehr wohl etwas aus. Meine Gedanken überschlugen sich. »Mir fällt bestimmt was ein, wie ich es den beiden heimzahlen kann.«

»Vielleicht kann ich dir ja helfen. Rache ist meine Spezialität. «

Wollte mich die Alte auf den Arm nehmen? Sie hatte doch eben zugegeben, dass sie eine Schwindlerin war. Ich blickte ihr forschend in die schwarzen Augen.

»Sieh mich nicht so an. Da fängt mir ja das Blut an zu jucken. Ich hab doch gesagt, dass es mir leidtut. Das hab ich wirklich ernst gemeint.«

»Ach ja?«

»Jetzt schmoll nicht. Es gibt schon genug Überheblichkeit auf der Welt.«

Auch wieder wahr. Ich musste lachen, und die Alte stimmte ein.

»Da fällt mir diese Gewitterziege ein, die kurz vor dir in meinem Zelt war. Ich hab ihr gesagt, dass in ihrer Vergangenheit etwas begraben liegt, das ans Licht will. Als sie rausging, war sie weiß wie ein Laken.«

»Aber … was haben Sie denn gesehen?«

Die Alte prustete los. »Geld natürlich! Dasselbe, was ich bei allen sehe. Ein paar Scheinchen, wenn ich es schlau anstelle.«

»Und? Hat’s geklappt?«

»Pfff! Einen Shilling hat sie mir gegeben, keinen Penny mehr. Aber sie ist aus meinem Zelt gesaust, als hätte sie auf ’ner Distel gesessen!«

Wir fuhren schweigend weiter, bis das Gehölz schon fast in Sicht war.

Für mich war das Gehölz ein vergessenes Fleckchen Paradies. In der südöstlichsten Ecke des Buckshaw-Anwesens, unter einem Baldachin dicht belaubter Äste, vollführte der Fluss graziös wie eine Ballerina eine sanfte Schleife nach Westen, sodass eine kleine Lichtung entstand, beinahe schon eine Insel. Das Ostufer lag ein bisschen höher als das Westufer, dafür war das Westufer sumpfiger. Wenn man sich auskannte, entdeckte man noch die Bögen der kleinen Steinbrücke, die aus der Zeit des ursprünglichen Buckshaw stammte, einem Gutshaus aus der Zeit Elisabeths I. Das Gebäude selbst war im 17. Jahrhundert von aufgebrachten Dorfbewohnern niedergebrannt worden, die aus der religiösen Überzeugung unserer Familie falsche Schlüsse gezogen hatten.

Ich wollte der Alten von meiner Vorliebe für dieses Plätzchen erzählen, aber sie war offenbar eingeschlafen. Misstrauisch beobachtete ich ihre Augenlider. Sie zuckten nicht. Die Alte lehnte am Rahmen des Wagens und gab ab und zu ein leises Pfeifen von sich, woraus ich schloss, dass sie noch atmete.

Ihr Nickerchen passte mir gar nicht, denn ich hätte mich gern als Fremdenführerin betätigt und ihr einige der spannenderen Anekdoten aus der Geschichte Buckshaws erzählt. Jetzt musste ich mein kostbares Wissen eben für mich behalten.

Das sogenannte Gehölz war nämlich einer der Schlupfwinkel des alten Nicodemus Flitch gewesen, eines ehemaligen Schneiders, der im 17. Jahrhundert die religiöse Sekte der Humpler gegründet hatte. Der Name ging auf die hinkende Fortbewegungsart ihrer Mitglieder zurück, wenn sie ihre Gebete sprachen. Die Humpler glaubten, kurz gesagt, in erster Linie daran, dass der Himmel praktischerweise nicht weiter als sechs Meilen über der Erdoberfläche lag, dass Nicodemus Flitch Gottes erwählter Stellvertreter auf Erden und als solcher dazu berechtigt sei, Seelen nach Belieben bis in alle Ewigkeit zu verfluchen.

Daffy hatte mir auch erzählt, dass Flitch einmal im Gehölz gepredigt und dabei Gottes Zorn auf das Haupt eines Zwischenrufers herabbeschworen habe, der daraufhin tot umgefallen sei – und dass sie, wenn ich die Dose mit der Lakritzmischung, die mir Tante Felicity zum Geburtstag geschickt hatte, nicht sofort rüberreichte, sie den gleichen Fluch auf mich herabbeschwören würde.

»Glaub bloß nicht, dass ich das nicht kann!«, hatte sie unheilverkündend hinzugesetzt und auf das Buch getippt, das sie gerade las. »Die Anleitung steht nämlich hier drin.«

Der Tod des Zwischenrufers sei reiner Zufall gewesen, hielt ich dagegen, und höchstwahrscheinlich einem Herzinfarkt geschuldet. Der Mann wäre bestimmt auch gestorben, wenn er an dem besagten Tag zu Hause geblieben wäre.

»Verlass dich lieber nicht drauf«, hatte Daffy gegrummelt.

In späteren Jahren hatte es Flitch, nachdem man ihn mit Schimpf und Schande aus London verjagt hatte und die Humpler an Einfluss gegenüber anderen Sekten verloren hatten – den Ranters, den Shakern, den Quäkern, den Diggers, den Levellers, den Sliders, den Swadlers, den Tumblers, den Dunkers, den Tunkers, sogar gegenüber den Unkorrumpierbaren – , nach Bishop’s Lacey verschlagen, wo er dazu überging, zu seinem sonderbaren Glauben bekehrte Seelen an der Flussbiegung zu taufen.

Mrs Mullet hatte mir anvertraut – nachdem sie sich nach allen Seiten umgedreht und die Stimme zu einem Flüstern gesenkt hatte –, dass Nicodemus Flitchs Spielart der Religion im Dorf immer noch ausgeübt würde, wenn auch heutzutage hinter geschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen.

»Die tauchen ihre Babys bei der Taufe kopfüber ins Wasser und halten sie an den Fersen fest«, hatte sie mit aufgerissenen Augen geraunt. »Wie das mit der Achillesferse im Flusse Styx; das weiß meine Freundin Mrs Waller von ihrem Bert. Geh diesen Humplern bloß aus dem Weg – sonst machen sie Blutwurst aus dir.«

Damals hatte ich mir das Lachen verbissen, und jetzt schmunzelte ich, als ich mich an Mrs Mullets Worte erinnerte – aber ich bekam trotzdem eine Gänsehaut, als ich an das Gehölz dachte und an die Schatten zwischen den Bäumen, die allen Sonnenschein schluckten.

Zuletzt war ich im Frühling auf der Lichtung gewesen, als dort überall Löwenzahn und Schlüsselblumen wuchsen – »Himmelsschlüssel« nannte Mrs Mullet sie.

Um diese Jahreszeit lag das Wäldchen bestimmt hinter den hohen Holunderbüschen verborgen, die am Flussufer wucherten. Die duftenden Holunderdolden, die mich immer an japanische Sonnenschirme erinnerten, waren sicher längst braun geworden und im Juniregen abgefallen. Erfreulicher war die Vorstellung, dass statt ihrer bald lauter violette Beeren in Dolden von den Zweigen hängen würden wie eine Bildergalerie aus lauter Blutergüssen.

Dort unten am Gehölz war es auch gewesen, in den Tagen der ersten nummerierten königlichen Georges, wo man den Fluss Efon vorübergehend umgeleitet hatte, damit er einen künstlichen See bildete und die Brunnen speiste, deren Überreste man heute noch auf dem Gelände von Buckshaw findet. Als dieses Wunder unterirdischer Hydraulik jedoch angelegt wurde, hatte es für Zwietracht zwischen meiner Familie und den ansässigen Grundbesitzern gesorgt, weshalb einer meiner Vorfahren, Lucius de Luce, in der ganzen Grafschaft nur als »Plätscher-Lucius« bekannt war. Auf seinem Porträt in unserer Bildergalerie sieht er ziemlich gelangweilt aus, wie er so über seinen See blickt, mit der künstlichen Ruine, den Springbrunnen und dem – inzwischen längst verschwundenen – griechischen Tempel. Er legt die magere Hand auf einen Tisch, auf dem ein Kompass, eine Taschenuhr, ein Ei und ein Instrument namens Theodolit, wie es die Landvermesser brauchen, zur Schau gestellt sind. In einem Holzkäfig sitzt ein Kanarienvogel mit offenem Schnabel. Entweder zwitschert das Tier vergnügt oder es ruft um Hilfe.

Meine müßigen Tagträume wurden von bellendem Husten unterbrochen.

»Halt an«, sagte die Alte und nahm die Zügel wieder an sich. Das Schläfchen schien ihr gutgetan zu haben. Ihre Wangen hatten ein bisschen Farbe angenommen, und ihre Augen funkelten wacher denn je.

Sie schnalzte mit der Zunge und lenkte den Wohnwagen von der schmalen Straße herunter, unter einem Laubdach hindurch und über die kleine Brücke. Ganz offenkundig kannte sie sich hier aus. Bald standen wir auf der Lichtung.

Die Alte kletterte unbeholfen vom Kutschbock und schirrte Gry umständlich aus. Ich nutzte die Gelegenheit, die Umgebung in aller Ruhe auf mich wirken zu lassen.

Hier und da wuchsen Brennnesselstauden und büschelweise Mohnblumen, die in den schrägen Strahlen der Nachmittagssonne leuchteten. Das hohe Gras war mir noch nie so grün vorgekommen. Auch Gry war das nicht entgangen, denn er machte sich sofort über die saftigen Halme her.

Da ruckelte der Wohnwagen plötzlich wie von selbst, und ich hörte einen leisen Aufschrei.

Ich sprang vom Kutschbock und lief um den Wagen herum.

Ich hatte den Zustand der Alten falsch eingeschätzt. Sie war zu Boden gesunken und klammerte sich an die Speichen eines der großen Holzräder. Dann bekam sie wieder einen Hustenanfall, schlimmer als die zuvor.

»Sie sind erschöpft«, sagte ich. »Sie müssen sich hinlegen.«

Sie nuschelte etwas und schloss die Augen. Ich kletterte auf die Deichsel des Wohnwagens und öffnete die Tür.

Was ich auch erwartet haben mochte – das bestimmt nicht.

Das Innere des Wohnwagens glich einem Märchen auf Rädern. Obwohl ich nur einen flüchtigen Blick hineinwarf, fiel mir sofort der wunderschöne gusseiserne Ofen im Königin-Anne-Stil auf, darüber ein Regal mit blau gemustertem chinesischem Porzellan. Heißes Wasser und Tee, dachte ich. Das hilft in allen Lebenslagen. Vor den Fenstern hingen Spitzenvorhänge, aus denen sich im Notfall Verbände reißen ließen, und die beiden silbernen Petroleumlampen mit den roten Glasaufsätzen an der Wand würden genug Wärme und auch eine Flamme zur Sterilisierung von Nadeln liefern. Meine Ausbildung zur Pfadfinderin, so kurz sie auch gewesen sein mochte, war nicht umsonst gewesen. Hinter einem geschnitzten Paravent stand ein geräumiges Etagenbett, das fast so breit war wie der ganze Wagen.

Ich ging wieder nach draußen, half der Alten auf die Beine und legte mir ihren Arm um die Schulter.

»Ich habe die Treppe runtergeklappt. Ich bringe Sie ins Bett.«

Es gelang mir, sie auf die Vorderseite des Wagens zu führen und mittels Schieben und Ziehen durch die Tür zu bugsieren. Die Frau schien dabei wieder in ihrer eigenen Welt zu weilen und kaum wahrzunehmen, was um sie herum vorging – und mich auch nicht. Als sie dann aber lag und ich sie zugedeckt hatte, kam sie wieder einigermaßen zu sich.

»Ich hole einen Arzt«, sagte ich. Gladys stand noch hinter dem Gemeindesaal. Ich musste also von Buckshaw bis ins Dorf zu Fuß laufen.

»Bitte nicht.« Die Alte packte meine Hand. »Mach mir einen schönen Tee, und lass mich dann in Frieden. Ich brauche nur ein bisschen Schlaf.«

Sie sah meine zweifelnde Miene.

»Na schön, hol die Medizin. Ich probiere sie mal aus. Ein Löffel liegt drüben auf dem Tisch.«

Ich fischte einen Löffel aus einem Berg ramponierten Silberbestecks und füllte ihn mit dem zähen Hustensirup.

»Schnabel auf, mein Vögelchen«, sagte ich. Mit diesem Spruch zwang mich Mrs Mullet immer, die abscheulichen Mixturen zu schlucken, mit denen unser Vater seine Töchter behandelt wissen wollte. Die Alte heftete den Blick auf mich – war es Einbildung, oder schaute sie wirklich ein bisschen freundlicher drein? – und öffnete brav den Mund, sodass ich den randvollen Löffel hineinschieben konnte.

»Wohl bekomm’s!«, vollendete ich das kleine Ritual, dann wandte ich mich dem niedlichen Öfchen zu. Peinlicherweise hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie man so ein Ding in Gang brachte. Ebenso gut hätte man mich auffordern können, die Kessel auf der Queen Elizabeth zu heizen.

»Nicht den«, sagte die Alte, der mein Zögern aufgefallen war. »Mach draußen Feuer.«

Unten an der Treppe blieb ich stehen und sah mich um. Der Holunder wucherte überall, aber die Zweige ließen sich nicht einfach so abbrechen.

Sie sind noch voller Saft und viel zu biegsam, dachte ich. Erst als ich mit meinem ganzen Gewicht auf ein paar untere Äste sprang, hatte ich Erfolg.

Bald hatte ich genug Zweige und Äste zusammen, um ein ordentliches Lagerfeuer zu entfachen.

Voller Hoffnung und mit dem alten Pfadfinderinnengebet auf den Lippen (»Geh schon an, verdammt noch mal!«), rieb ich ein Streichholz an. Die Schachtel hatte ich im Schrank des Wohnwagens gefunden. Als die Flamme die Zweige streifte, zischte sie leise und erlosch. Dem nächsten Streichholz erging es nicht besser.

Da Geduld nicht eben meine Stärke ist, stieß ich einen maßvollen Fluch aus.

Zu Hause in meinem Chemielabor würde ich wie jeder zivilisierte Mensch zum Tee-Aufsetzen einen Bunsenbrenner benutzen – jedenfalls würde ich nicht vor einem Haufen grüner Zweige auf den Knien herumrutschen.

Es stimmte zwar, dass ich vor meinem ziemlich abrupten Abschied von den Pfadfinderinnen gelernt hatte, wie man Lagerfeuer entfachte, aber ich hatte mir geschworen, dass ich mich auf gar keinen Fall mehr dabei erwischen lassen wollte, wie ich aus einem Holzstöckchen und einem Schnürsenkel einen Feuerbogen bastelte oder wie ein gestörtes Eichhörnchen zwei Stöcke aneinanderrieb.

Da saß ich nun und hatte alle Zutaten für ein prasselndes Feuer beisammen – alle, bis auf eine.

Wo es Petroleumlampen gibt, dachte ich, kann Petroleum nicht weit sein. Ich klappte die Seitenverkleidung des Wohnwagens herunter und fand zu meiner großen Freude einen Kanister. Ich schraubte den Deckel auf, kippte einen Schluck auf das Feuerholz, und bevor ich »Baden-Powell« sagen konnte, brodelte das Wasser im Teekessel munter vor sich hin.

Ich war richtig stolz auf mich.

Flavia, die Listenreiche, dachte ich. Flavia, das Mädchen, das alles kann.

Und so weiter und so fort.

Dann stieg ich mit dem Tee in der Hand die Treppe hoch, wobei ich wie eine Seiltänzerin auf den Zehen balancierte.

Ich reichte der Alten die dampfende Tasse und sah zu, wie sie mit bedächtigen Schlucken trank.

»Das ging aber schnell«, sagte sie.

Ich zuckte bescheiden die Achseln. Das mit dem Petroleum brauchte sie ja nicht zu wissen.

»Hast du das Anmachholz in der Kiste gefunden?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete ich. »Ich habe …«

Ihre Augen wurden riesengroß, und sie hielt die Tasse am ausgestreckten Arm von sich weg.

»Du hast doch nicht etwa Holunderzweige abgeschnitten?«

»Äh … doch. War gar nicht so schwer. Ich …«

Die Tasse fiel ihr aus der Hand, und der kochend heiße Tee spritzte in alle Richtungen. Die Alte sprang wieselflink aus dem Bett und drückte sich in eine Ecke.

»Hilda Muir!«, schrie sie klagend. Ihr schauriges Heulen schwoll wie eine Luftschutzsirene an und wieder ab. »Hilda Muir!« Sie wies auf die Tür. Ich drehte mich um, aber da war niemand.

»Raus mit dir! Raus!« Ihre Hand zitterte wie Espenlaub.

Ich begriff gar nichts mehr. Was hatte ich ihr denn getan?

»Gott im Himmel – Hilda Muir!«, ächzte sie. »Jetzt müssen wir alle sterben!«

3

Betrachtete man Buckshaw von hinten, also vom Ufer des künstlichen Sees aus, bot das Haus einen Anblick, den kaum jemand außer den Familienmitgliedern kannte. Die hohe Backsteinmauer des Küchengartens verbarg zwar einen Teil des Gebäudes, aber man sah die beiden obersten Räume am Ende jedes Seitenflügels wie Türme eines Märchenschlosses aufragen.

Im Südwesten befand sich, sozusagen luftdicht versiegelt, Harriets Boudoir. Es wurde sorgfältig in dem Zustand erhalten, in dem es sich an jenem schrecklichen Tag vor zehn Jahren befunden hatte, als auf Buckshaw die Nachricht von ihrem tragischen Tod eintraf. Trotz der italienischen Spitzenvorhänge machte das Zimmer einen seltsam abweisenden, konservierten Eindruck, als käme wie im Britischen Museum des Nachts eine Schar schweigender, graugekleideter Putzkräfte und tilgte alle Spuren der vergehenden Zeit – Spinnweben, Staub und dergleichen.

Ich hielt es für unwahrscheinlich, aber meine Schwestern waren fest davon überzeugt, dass Vater der Hüter von Harriets Schrein war. Einmal hatte ich mich im Treppenhaus versteckt und gehört, wie Feely zu Daffy sagte: »Er putzt nachts das Zimmer, um für seine Sünden zu büßen. «

»Er beseitigt die Blutflecken«, hatte Daffy theatralisch geflüstert.

Danach hatte ich noch stundenlang mit offenen Augen im Bett gelegen und gegrübelt, was sie wohl damit gemeint hatte. Im Fenster meines Labors im Südostflügel spiegelten sich die träge dahinsegelnden Wolken. Sie zogen über das dunkle Glas wie dicke Schafe auf einer blauen Weide und verrieten der Außenwelt nicht, welcher Tempel der Wissenschaft sich hinter der Scheibe verbarg.

Ich blickte zu den Fenstern empor, schlang die Arme um mich und vergegenwärtigte mir voller Vorfreude die blinkenden Gerätschaften, die dort meiner harrten. Der gutmütige Vater meines Großonkels Tarquin de Luce hatte das Labor noch unter Queen Victoria für seinen Sohn einrichten lassen. Onkel Tar war aufgrund eines undurchsichtigen Skandals der Universität Oxford verwiesen worden, eine Geschichte, die nie – jedenfalls nicht in meiner Anwesenheit – näher erörtert wurde. Daraufhin hatte er hier auf Buckshaw eine glorreiche, wenn auch weltabgeschiedene, Laufbahn als Chemiker eingeschlagen.

Nach seinem Tod wurde das Labor abgeschlossen und geriet in Vergessenheit, denn die Bewohner von Buckshaw fanden Steuern und Kanalisation vordringlicher.

Bis ich des Weges kam und das Labor für mich beanspruchte.

In freudiger Erinnerung daran zog ich die Nase kraus.