• Herausgeber: Penhaligon
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Ach du heilige Pfeife – Flavia zieht alle Register!

Sie steckt ihre Nase überall hinein und befördert jeden noch so tief vergrabenen Hinweis ans Licht – die elfjährige Flavia de Luce ist Hobbydetektivin aus Leidenschaft. Als sie ihre Nase zur Abwechslung in eine alte Kirchengruft steckt, rechnet sie allerdings nicht damit, eine verhältnismäßig frische Leiche ans Licht zu befördern. Aus dem Grab des Kirchenheiligen von Bishop's Lacey blickt ihr der ermordete Kirchenorganist hinter einer grotesken Gasmaske entgegen. Wer hatte einen Grund, Mr. Collicutt zu töten, und wieso hat er die Leiche hier, an diesem heiligen Ort, versteckt?

Ein neuer Fall für die brillante Flavia!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 414


Alan Bradley

Roman

Aus dem Englischen übersetzt

von Gerald Jung und Katharina Orgaß

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Speaking from Among the Bonesbei Delacorte Press,

an imprint of The Random House Publishing Group,

a division of Random House, Inc. New York

1. Auflage

© 2013 by Alan Bradley

© der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Penhaligon Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Das Gedicht von Thomas Parnell stammt aus:

Britannia. Eine Auswahl englischer Dichtungen alter und neuer Zeit.

Ins Deutsche übersetzt von Louise von Ploennies(Frankfurt a.M., Verlag der S. Schmerber'schen Buchhandlung 1843)

Satz: dtp im Verlag, Sabine Müller

ISBN 978-3-641-10962-2V003

www.penhaligon.de

Für Shirley

Wo die Zypresse sich erhebt

Und grün das Beinhaus dort umwebt,

Däucht mich, rief eine Stimme mir;

Ihr Raben, lasst das Krächzen hier,

Ihr Glocken, hallet nicht die Stund’

Den See entlang und nächt’gen Grund!

In dumpfem hohlem Ton erklang

Dies Wort, das aus den Knochen drang.

THOMAS PARNELL

Ein Nachtstück auf den Tod (1717; in der Übersetzung

von Louise von Ploennies, 1843)

1

Blut tropfte vom Stumpf des abgeschlagenen Kopfes, regnete in dicken Tropfen herab und sammelte sich in einer rubinroten Pfütze auf den schwarz-weißen Fliesen. Das Gesicht war eine Grimasse des Erstaunens, als hätte der Tod den Mann mitten im Schrei ereilt. Die Zähne, durch einen schwarzen Strich säuberlich voneinander getrennt, waren zu einem grässlichen, stummen Schrei entblößt.

Ich konnte den Blick nicht abwenden.

Die Frau, die den entsetzt dreinblickenden Kopf an den blauschwarzen Locken stolz in die Höhe reckte, trug ein scharlachrotes Kleid, das fast die gleiche Farbe wie das Blut hatte.

Neben ihr stand eine Dienerin und hielt mit gesenktem Blick das Tablett, auf dem sie den Kopf hereingetragen hatte. Auf einem geschnitzten Thronsessel saß eine würdevolle ältere Dame in einem safrangelben Kleid. Sie hatte die Hände auf den Armlehnen zu Fäusten geballt, beugte sich nach vorne und betrachtete die grausige Trophäe mit sichtlicher Befriedigung. Sie hieß Herodias und war die Frau des Königs.

Die jüngere Frau, die den Kopf gepackt hielt, hieß – jedenfalls dem Geschichtsschreiber Flavius Josephus zufolge – Salome. Sie war die Stieftochter des Königs, dessen Name Herodes war, und Herodias war ihre Mutter.

Der abgeschlagene Kopf gehörte natürlich Johannes dem Täufer.

Vor einem Monat hatte ich die ganze blutrünstige Geschichte zum ersten Mal gehört, als Vater hinter dem großen geschnitzten Adler gestanden hatte, der in St. Tankred als Lesepult diente, und mit lauter Stimme den entsprechenden Bibeltext vortrug.

An jenem Wintermorgen hatte ich ebenso gebannt wie jetzt zu dem bunten Kirchenfenster aufgeschaut, auf dem die faszinierende Szene dargestellt war.

Im Verlauf der Predigt hatte der Vikar dann erläutert, dass die Menschen zur Zeit des Alten Testaments geglaubt hatten, unser Blut würde unser eigentliches Leben enthalten.

Blut – na klar!

Warum war ich nicht schon längst darauf gekommen?

Ich zupfte meine Schwester am Ärmel. »Du, Feely, ich muss sofort nach Hause!«

Sie beachtete mich überhaupt nicht. Ihr Blick war starr auf die Noten gerichtet, ihre Finger flogen im abendlichen Dämmerlicht wie weiße Vögel über die Orgeltasten.

Mendelssohns Wie groß ist des Allmächt’gen Güte.

Bis Ostern war es nicht mal mehr eine Woche, und Feely wollte mit diesem Stück ihr offizielles Debüt als Organistin von St. Tankred geben. Der flatterhafte Mr. Collicutt, der den Posten erst seit letztem Sommer innegehabt hatte, war plötzlich und ohne Erklärung aus unserem Dorf verschwunden. Deshalb hatte man Feely gebeten, seine Stelle einzunehmen.

St. Tankred verbrauchte Organisten wie eine Pythonschlange weiße Mäuse. Vor einigen Jahren noch hatte Mr. Taggart den Posten innegehabt, dann Mr. Denning. Und jetzt hatte auch Mr. Collicutt das Handtuch geworfen.

»Feely!«, drängelte ich. »Es ist wichtig. Ich habe etwas zu erledigen.«

Feely drückte mit dem Daumen ein elfenbeinernes Register, und die Orgel röhrte gewaltig auf. Diese Stelle mochte ich besonders gern. Hier verwandelte sich das friedliche Plätschern von Meereswellen bei Sonnenuntergang in das Fauchen einer Raubkatze im Dschungel.

Für meinen Geschmack gilt bei Orgelmusik: Je lauter, desto besser.

Ich legte das Kinn auf die angezogenen Knie und kauerte mich wieder in die Ecke des Chorgestühls. Anscheinend wollte Feely das Stück auf Biegen und Brechen bis zum Schluss durchprügeln. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

Ich schaute mich um, aber es gab nicht viel zu sehen. Im fahlen Schein der einzigen Glühbirne über dem Notenpult hätten meine Schwester und ich ebenso gut Schiffbrüchige auf einem winzigen Lichtfloß in einem Ozean aus Dunkelheit sein können.

Wenn ich wie ein Gehenkter den Hals verdrehte und den Kopf in den Nacken legte, konnte ich gerade noch das Antlitz des heiligen Tankred ausmachen, das in das Ende eines eichenen Dachbalkens geschnitzt war. Im Halbdunkeln sah er aus wie jemand, der draußen in der Kälte steht, sich die Nase an einer Fensterscheibe platt drückt und sehnsüchtig in ein gemütliches Zimmer mit knisterndem Kamin hereinschaut.

Ich nickte ihm respektvoll zu. Dabei konnte er mich gar nicht sehen, weil seine Gebeine nämlich in der Krypta unter uns vermoderten. Aber man weiß ja nie.

Johannes der Täufer und seine Mörder hinter der Kanzel waren inzwischen kaum noch zu erkennen. In diesen wolkenverhangenen Märztagen wurde es früh dunkel, und vom Innenraum der Kirche aus betrachtet, verwandelten sich die Fenster von St. Tankred schneller von einem prächtigen Farbenteppich in eine schmutzig dunkle Fläche, als man einen längeren Psalm herunterrattern konnte.

Offen gestanden wäre ich viel lieber zu Hause in meinem Chemielabor geblieben, als in einer zugigen alten Kirche herumzuhocken, aber Vater hatte darauf bestanden.

Obwohl Feely fast sechs Jahre älter ist als ich, weigert sich Vater, sie allein zu ihren so gut wie allabendlichen Übungsstunden und Chorproben gehen zu lassen.

»Demnächst werden sich noch mehr Fremde als sonst in unserer Gegend herumtreiben«, lautete sein Argument. Damit spielte er auf einen Trupp Archäologen an, der zur Ausgrabung der Gebeine unseres Schutzheiligen in Bishop’s Lacey erwartet wurde.

Allerdings hatte Vater nicht erläutert, wie ausgerechnet ich meine Schwester gegen irgendwelche wild gewordenen Wissenschaftler hätte verteidigen sollen. Ich wusste aber, dass hinter seiner Sorge noch etwas anderes steckte.

In jüngster Zeit hatten sich in Bishop’s Lacey mehrere Morde ereignet – hochspannende Verbrechen, bei deren Aufklärung ich Inspektor Hewitt von der Polizeiwache in Hinley tatkräftig unterstützt hatte.

Ich zählte die Opfer in Gedanken an den Fingern ab: Horace Bonepenny, Rupert Porson, Brookie Harewood, Phyllis Wyvern …

Noch eine Leiche, und die Finger einer Hand waren verbraucht.

Jedes der vier Opfer war in unserem Dorf gewaltsam ums Leben gekommen. Das war der eigentliche Grund für Vaters Sorge.

»Es ist nicht gut, wenn ein Mädchen, das … wenn ein Mädchen deines Alters am späten Abend allein auf eine Kirchenorgel einhämmert, Ophelia«, hatte er zu Feely gesagt.

»Aber da ist doch niemand, außer den Toten«, hatte meine Schwester gelacht, vielleicht eine Spur zu fröhlich. »Und die stören mich nicht. Jedenfalls lange nicht so sehr wie die Lebenden.«

Hinter Vaters Rücken hatte meine andere Schwester Daffy sich über das Handgelenk geleckt und ihr Haar zu beiden Seiten eines imaginären Mittelscheitels befeuchtet, wie eine Katze, die sich putzt. Damit äffte sie Ned Cropper nach, den Schankkellner aus dem Gasthaus Dreizehn Erpel, der unsterblich in Feely verliebt war und sie verfolgte wie ein übler Geruch.

Feely wiederum hatte sich am Ohr gekratzt, um Daffy zu zeigen, dass sie die kleine Pantomime verstanden hatte. Solche wortlosen Zeichen fliegen zwischen Schwestern hin und her wie Flaggensignale zwischen Schiffen. Für Außenstehende, die den Code nicht kennen, sind sie nicht zu entschlüsseln. Selbst wenn Vater etwas davon mitbekommen hätte, er hätte es nicht deuten können. Sein Codebuch war in einer ganz anderen Sprache abgefasst als unseres.

»Wenn du nach Einbruch der Dunkelheit kommst oder gehst, nimmst du Flavia mit. Es schadet ihr gar nichts, wenn sie mal ein paar Kirchenlieder lernt.«

Ein paar Kirchenlieder … als ob ich keine gekannt hätte! Erst kürzlich, als ich über Weihnachten das Bett hüten musste, hatte mir Mrs. Mullet unter viel Gekicher und dem Siegel der Verschwiegenheit ein brandneues Lied beigebracht. Daraufhin hatte ich jedes Mal, wenn ich Feely in die Kirche begleiten musste, aus vollem Hals geschmettert:

Hört der Engel Lied erklingen,

Beecham’s Pillen. Abführpillen sie besingen,

Sie wirken sofort, bei Alt und Jung,

Bringen die Därme richtig in Schwung!

… bis mir meine Schwester irgendwann ein Gesangbuch an den Kopf geworfen hatte. Was Organisten angeht, steht für mich fest: Sie haben keinen Funken Humor.

»Feely!«, jammerte ich. »Ich erfriere.«

Ich knöpfte bibbernd meine Strickjacke zu. Abends wurde es in der Kirche bitterkalt. Der Chor war schon vor einer Stunde gegangen. Ohne die warmen Leiber um mich herum, dicht gedrängt wie singende Sardinen, kam es einem noch viel kälter vor.

Aber Feely war bis über beide Ohren in Mendelssohn vertieft. Ich hätte ebenso gut mit dem Mond reden können.

Da gab die Orgel plötzlich ein zittriges Röcheln von sich, als hätte sie sich verschluckt. Die Musik brach gurgelnd ab.

»Zifix noch mal!«, entfuhr es Feely. Einen schlimmeren Fluch auszustoßen traute sie sich nicht – zumindest nicht in der Kirche. Meine Schwester war nämlich eine Frömmlerin.

Sie stellte sich auf die Pedale und zwängte sich hinter der Bank hervor. Die Bässe blökten gequält.

»Und jetzt?« Sie schaute nach oben, als erwartete sie von dort eine Antwort. »Das blöde Ding stellt sich schon seit Wochen so bockig an. Muss am feuchten Wetter liegen.«

»Ich glaube eher, die Orgel ist soeben krepiert«, erwiderte ich. »Du hast sie kaputt gemacht.«

Das musste Feely erst mal sacken lassen. »Gib mir die Taschenlampe«, sagte sie schließlich. »Wir müssen nachschauen.«

Wir?

Immer wenn Feely in Panik geriet, wurde aus »ich« im Handumdrehen »wir«. Die Orgel von St. Tankred war in das Verzeichnis historischer Orgeln der Königlichen Musikhochschule aufgenommen worden. Sie zu beschädigen galt vermutlich als Staatsverbrechen.

Feely graute jetzt schon davor, dem Vikar die schlechte Nachricht zu überbringen.

»Und vergib uns unsere Schuld«, sagte ich. »Wie kommt man denn an die Innereien?«

»So!« Feely schob ein Stück der geschnitzten Holzverkleidung neben dem Spieltisch der Orgel auf. Es ging so schnell, dass ich den Trick leider nicht mitbekam.

Sie knipste die Taschenlampe an, duckte sich und verschwand in der engen Öffnung. Ich holte tief Luft und folgte ihr.

Wir befanden uns in einer muffigen, mit Stalagmiten gespickten Aladinhöhle. Im wandernden Schein der Taschenlampe ragten überall Orgelpfeifen auf: hölzerne Pfeifen, metallene Pfeifen, Pfeifen aller Sorten und Größen. Manche waren klein und schmal wie Bleistifte, manche groß und dick wie Abflussrohre, und manche hatten den Umfang von Telefonmasten. Es war weniger eine Höhle, fand ich, als ein Wald aus Riesenflöten.

»Was sind das für welche?« Ich deutete auf eine Reihe hoher, kegelförmiger Pfeifen, die mich an die Blasrohre von Pygmäen erinnerten.

»Das ist das Gemshornregister. Angeblich klingen die Pfeifen wie alte aus Ziegenhorn geschnitzte Hirtenflöten.«

»Und die hier?«

»Das sind die Rohrflöten.«

»Weil sie wie Abflussrohre klingen?«

Feely verdrehte nur die Augen.

Plötzlich ertönte ein zischendes Röcheln, und ich schlang erschrocken den Arm um Feelys Taille.

»Was war das?«, flüsterte ich.

»Die Windlade.« Meine Schwester richtete die Taschenlampe auf die gegenüberliegende Ecke.

Der Lichtstrahl holte eine riesige Truhe mit Ledertaschen aus der Dunkelheit, die mit asthmatischem Keuchen und Pfeifen Luft ausstieß.

»Super!«, sagte ich. »Wie das Akkordeon von einem Riesen.«

»Du sollst nicht immer ›super‹ sagen«, ermahnte mich Feely. »Du weißt doch, dass Vater das nicht leiden kann.«

Ohne darauf einzugehen, schob ich mich zwischen den kleineren Pfeifen hindurch und schwang mich auf die Windlade. Die Truhe gab ein erstaunlich lebensechtes, unanständiges Geräusch von sich und fiel noch mehr in sich zusammen.

Eine Staubwolke wirbelte auf und ich nieste: ein-, zwei-, dreimal.

»Komm sofort da runter, Flavia! Das alte Leder kann leicht reißen!«

Ich richtete mich zu meiner vollen Größe von einssiebenundvierzigeinhalb auf. Für mein Alter – ich werde bald zwölf – bin ich ziemlich groß.

»Haruh!«, rief ich und ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. »Alles hört auf mein Kommando!«

»Wenn du nicht sofort da runterkommst, sag ich’s Vater!«

»Guck mal, Feely – hier oben liegt ein alter Grabstein.«

»Weiß ich. Der Stein soll die Windlade zusätzlich beschweren. Komm jetzt runter. Aber vorsichtig.«

Ich wischte den Staub mit der Hand weg. »Hezekiah Whytefleet. 1679 bis 1778. Nicht schlecht! Neunundneunzig ist er geworden. Wer das wohl gewesen ist?«

»Ich mache gleich die Taschenlampe aus! Dann stehst du im Dunkeln.«

»Ist ja gut. Ich komme. Sei doch nicht so langweilig!«

Als ich das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte, sank die Windlade schwankend noch tiefer ein, sodass ich mir wie auf dem Deck eines vollgelaufenen Schiffes vorkam.

Etwas flatterte an Feelys Gesicht vorbei. Sie wurde starr vor Schreck.

»Wahrscheinlich bloß eine Fledermaus«, sagte ich.

Feely kreischte auf, ließ die Taschenlampe fallen und war verschwunden.

Auf der Liste der Dinge, die das Hirn meiner Schwester in Wackelpudding verwandelten, standen Fledermäuse ganz oben.

Wie zur Bestätigung hörte ich es abermals flattern.

Ich kletterte vorsichtig von meinem Podest, hob die Taschenlampe auf und fuhr mit dem Strahl über die aufgereihten Pfeifen wie über einen Lattenzaun.

Wildes Geflatter hallte in der Kammer wider.

»Ist schon gut, Feely«, rief ich. »Die Fledermaus steckt in einer Orgelpfeife fest.«

Ich schlüpfte wieder nach draußen. Feely stand in einem Strahl schräg einfallenden Mondlichts vor der Orgel, weiß wie eine Alabasterstatue und die Arme fest um sich geschlungen.

»Vielleicht können wir die Fledermaus ausräuchern«, sagte ich. »Hast du ’ne Zigarette?«

Das sollte ein Witz sein. Feely war eine fanatische Nichtraucherin.

»Oder wir locken sie heraus«, schlug ich hilfsbereit vor. »Was fressen Fledermäuse eigentlich?«

»Insekten«, sagte Feely tonlos, als müsste sie sich aus einem lähmenden Albtraum befreien. »Das hilft uns nicht weiter.«

»Hast du zufällig gesehen, in welcher Pfeife die Fledermaus festsitzt?«

»Im Prinzipal«, antwortete Feely mit zittriger Stimme. »Dem D. Die Pfeife ist fünf Meter lang.«

»Ich hab eine Idee! Spiel doch einfach Bachs Toccata und Fuge in d-Moll. So richtig mit Vollgas. Dann kannst du das Viech rauspusten.«

»Du bist abartig. Ich sage morgen Mr. Haskins Bescheid.«

Mr. Haskins war der Küster von St. Tankred. Vom Gräberausheben bis zum Messingpolieren kümmerte er sich um alles.

»Was glaubst du, wie sie reingekommen ist? Ich meine die Fledermaus.«

Wir wanderten zwischen hohen Hecken heimwärts. Wolkenfetzen trieben am Mond vorbei, und ein eisiger Wind zog und zupfte an unseren Mänteln.

»Keine Ahnung … und ich möchte jetzt auch nicht mehr über Fledermäuse reden«, erwiderte Feely.

Dabei wollte ich nur ein bisschen plaudern. Mir war natürlich klar, dass die Fledermaus nicht durch die offene Kirchentür hereingeflattert war. Bei uns auf Buckshaw gab es scharenweise Fledermäuse. Sie flogen durch zerbrochene Fenster ins Haus oder wurden verletzt von Katzen angeschleppt. Weil es aber in der Kirche keine Katze gab, lag die Antwort auf meine Frage auf der Hand.

Ich wechselte das Thema. »Warum soll das Grab überhaupt geöffnet werden?«

»Das Grab des heiligen Tankred? Weil er dieses Jahr fünfhundertsten Todestag hat.«

Ich pfiff durch die Zähne. »Fünfhundert Jahre ist er schon tot? Das ist fünfmal länger, als der alte Hezekiah Whytefleet gelebt hat.«

Feely äußerte sich nicht dazu.

Ich rechnete im Geiste nach. »Dann ist Tankred im Jahr 1451 gestorben. Was glaubst du, wie er aussieht, wenn sie ihn ausbuddeln?«

»Wer weiß? Manche Heilige verändern sich nach ihrem Tod überhaupt nicht. Ihre Haut bleibt glatt und weich wie ein Kinderpopo, und sie duften lieblich nach Blumen. Den ›Geruch der Heiligkeit‹ nennt man das.«

Wenn ihr danach war, konnte meine Schwester ausgesprochen gesprächig sein.

»Superkolossal!«, entschlüpfte es mir. »Hoffentlich kann ich einen Blick auf ihn werfen, wenn er aus seiner Kiste gezogen wird.«

»Vergiss es. Die Archäologen lassen dich nicht mal in seine Nähe.«

»Das wärmt orn’tlich von innen!«, verkündete Mrs. Mullet.

Ich beäugte skeptisch den Teller mit Kürbis-Pastinaken-Suppe, den sie vor mich hinstellte. Schwarzer Pfeffer schwamm wie Schrotkörner darin herum.

»Sieht ja beinahe essbar aus«, sagte ich höflich.

Daffy steckte den Finger als Lesezeichen in Die Geheimnisse von Udolpho und warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Undankbares Gör.«

»Daphne …«, mahnte Vater.

»Stimmt doch!«, verteidigte sich Daffy. »Über Mrs. Mullets Suppe macht man keine Witze.«

Feely hielt sich rasch die Serviette vor den Mund, um ihr Grinsen zu verbergen. Abermals ging eine wortlose Botschaft zwischen meinen Schwestern hin und her.

»Ophelia …«, setzte Vater hinzu. Diesmal war ihm der stumme Austausch nicht entgangen.

»Lassen Sie’s gut sein, Colonel de Luce«, beschwichtigte ihn Mrs. Mullet. »Fräulein Flavia hat nur ein Späßchen gemacht. Das Mädel und ich, wir zwei beide versteh’n uns! Sie meint es ja nicht bös.«

Das war mir zwar neu, aber ich rang mir trotzdem ein zustimmendes Lächeln ab.

»Ganz recht, Mrs. M.«, sagte ich. »Denn sie wissen nicht, was sie tun.«

Vater schlug nachdrücklich die neueste Ausgabe des British Philatelist zu, in der er gelesen hatte, und verließ mit der Zeitschrift das Zimmer. Man hörte, wie sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer leise schloss.

»Bravo«, sagte Feely. »Du hast es mal wieder geschafft.«

Vaters Geldsorgen waren mit jedem Monat drückender geworden. Anfangs war er einfach nur niedergeschlagen gewesen, aber seit einiger Zeit fiel mir etwas viel, viel Schlimmeres auf: Er hatte resigniert.

Es war undenkbar, dass ein Mann, der ein Kriegsgefangenenlager überlebt hatte, einfach kapitulierte. Es gab mir einen schmerzlichen Stich, als ich begriff, dass den Pfennigfuchsern vom Königlichen Finanzamt gelungen war, was das Japanische Kaiserreich nicht geschafft hatte. Sie hatten meinen Vater so weit gebracht, dass er alle Hoffnung aufgab.

Als ich ein Jahr alt gewesen war, war unsere Mutter Harriet, die Buckshaw von ihrem Großonkel Tarquin de Luce geerbt hatte, bei einem Bergsteigerunfall im Himalaja ums Leben gekommen. Weil sie kein Testament hinterlassen hatte, stürzten sich die Aasgeier Seiner Majestät auf Vater und pickten seither unermüdlich an seiner Leber.

Es war ein langer, zäher Kampf gewesen. Zwischendurch hatte es immer mal wieder so ausgesehen, als würde sich alles doch noch zum Guten wenden, aber in letzter Zeit wirkte Vater immer kraftloser. Schon mehrmals hatte er angekündigt, dass er Buckshaw aufgeben müsse, aber irgendwie hatten wir uns jedes Mal durchgewurstelt. Jetzt aber hatte es den Anschein, als sei ihm alles egal.

Dabei liebte ich mein Elternhaus so sehr! Beim bloßen Gedanken an seine welligen Tapeten und zerschlissenen Teppiche bekam ich eine Gänsehaut.

Onkel Tars erstklassiges Chemielabor im ersten Stock des unbeheizten Ostflügels war der einzige Teil des Hauses, der tipptopp in Schuss gewesen war. Doch auch hier hatten Staub und Vernachlässigung die Herrschaft übernommen, bis ich den vergessenen Raum irgendwann entdeckt und sogleich beschlagnahmt hatte.

Onkel Tar war schon über zwanzig Jahre tot gewesen. Das Labor, das sein großzügiger Vater für ihn eingerichtet hatte, war seiner Zeit jedoch so weit voraus gewesen, dass es sogar jetzt noch, im Jahre 1951, als wahres Wunder der Wissenschaft bezeichnet werden konnte. Und diese ganze Herrlichkeit gehörte mir allein – angefangen von dem blitzblanken Messingmikroskop der Firma Leitz über die Regalreihen voller Chemikalien, dem Heer von Glaskolben und Reagenzgläsern bis zu dem Gaschromatografen, den Onkel Tar nach dem Entwurf von Michail Semjonowitsch Zwet – was für ein beneidenswerter Name! – hatte bauen lassen.

Es gab Gerüchte, dass Onkel Tar kurz vor seinem Tod an dem Zerfall Erster Ordnung von Stickstoffpentoxid geforscht hatte. Falls diese Gerüchte der Wahrheit entsprachen, hatte Onkel Tar zu den Pionieren dessen gehört, was heutzutage kurz »die Bombe« hieß.

Mithilfe von Onkel Tars Fachbibliothek und seinen ausführlichen Niederschriften war es mir gelungen, eine gute, wenn nicht gar herausragende Chemikerin zu werden, auch wenn mein Interesse weniger dem Spalten von Atomen als dem Brauen von Giften galt.

Wenn ihr mich fragt – eine ordentliche Dosis Zyankali ist irgendwelchen stumpfsinnig umherkreiselnden Elektronen haushoch überlegen.

Mein Labor wartete. Ich konnte seinem Lockruf nicht länger widerstehen.

»Bleibt ruhig sitzen. Ihr braucht meinetwegen nicht aufzustehen«, sagte ich zu meinen Schwestern, die mich angafften, als wäre mir ein zweiter Kopf gewachsen.

Ich verließ das Zimmer, in dem eisiges Schweigen herrschte.

2

Bei geringer Vergrößerung durch ein Mikroskop betrachtet, erinnert das menschliche Blut an ein Luftbild des Petersplatzes in Rom, wo die Kardinäle in ihren scharlachroten Biretts und Umhängen müßig umherwandeln und darauf warten, dass der Papst auf den Balkon heraustritt. Was sie in Wirklichkeit natürlich nicht tun müssen.

Bei zunehmender Vergrößerung wird die Färbung immer schwächer, bis man schließlich erkennt, dass die einzelnen roten Blutkörperchen in Wirklichkeit allenfalls einen leicht rosigen Hauch aufweisen.

Die rote Färbung wird durch das im Hämoglobin enthaltene Eisen bewirkt. Das Eisen verbindet sich leicht mit Sauerstoff, den es bis in die entlegensten Winkel unseres Körpers transportiert. Im Gegensatz dazu haben Hummer, Schnecken, Krebse, Muscheln, Tintenfische und die Mitglieder europäischer Königshäuser blaues Blut, was dem Umstand zu verdanken ist, dass nicht Eisen im Spiel ist, sondern Kupfer.

Wahrscheinlich hatte mich der Fund des toten Frosches überhaupt erst auf die zündende Idee gebracht. Der Ärmste hatte offenbar versucht, vom Fluss hinter der Kirche zu der sumpfigen Wiese auf der anderen Straßenseite zu gelangen, als ihm ein dummes Missgeschick mit einem Automobil passierte.

Auf jeden Fall war er platt, als ich ihn in die Tasche steckte und zu Forschungszwecken mit nach Hause nahm.

Um die Blutkörperchen unter dem Mikroskop transparenter zu machen, hatte ich das Froschblut mit einer verdünnten Essigsäurelösung gemischt. Nachdem ich die Feineinstellung justiert hatte, sah ich deutlich, dass die Frosch-Blutkörperchen flache Scheiben waren, eher wie rosafarbene Pennys, wogegen meine eigenen, die ich mit einem beherzten Nadelstich extrahiert hatte, doppelt so groß waren und Mulden hatten, so wie lauter rote Donuts.

Auf die Idee jedoch, mein eigenes Blut mit dem meines Vaters und meiner Schwestern zu vergleichen, war ich erst später, auf eine indirekte Anregung von Daffy hin, gekommen.

»Du bist ebenso wenig eine de Luce wie der Mann im Mond«, hatte sie mich angeschnauzt, als sie mich dabei ertappte, wie ich in ihrem Tagebuch herumschnüffelte. »Deine Mutter stammt aus Transsilvanien. In deinen Adern fließt Fledermausblut.«

Als sie mir das ledergebundene Buch entriss, schnitt sie sich an einem Blatt Papier tief in den Finger.

»Das ist deine Schuld!«, zeterte sie und hielt mir den zitternden Finger, von dem es eindrucksvoll auf den Salonteppich tropfte, anklagend unter die Nase. Um die dramatische Wirkung noch zu steigern, hatte sie extra noch mal auf die Wunde draufgedrückt. Dann war sie schluchzend aus dem Zimmer gestürmt.

Ich konnte einen Gutteil des Blutes mit meinem Taschentuch aufsaugen. Vater machte ein großes Gewese darum, wie wichtig es sei, stets ein sauberes Schnäuztuch dabeizuhaben. Mehr als einmal hatte ich ihn schon in Gedanken für diesen ausgezeichneten Rat gepriesen. Das hier war wieder so ein Anlass.

Ich war unverzüglich in mein Labor geflitzt, hatte einen Objektträger mit der Blutprobe präpariert, etliche detaillierte Skizzen von meinen Beobachtungen angefertigt und sie säuberlich mit den Buntstiften aus dem Künstler-Malkasten koloriert, den Tante Millicent meiner Schwester Feely vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte.

Das Glück war mir hold. Wenige Tage später riss sich Feely, die übertrieben eitel war, was ihre Hände betraf, am Frühstückstisch einen Niednagel ein. Ich war natürlich sofort zur Stelle.

»Pass doch auf! Du versaust ja die Tischwäsche«, schimpfte ich, riss ihr die Serviette aus der Hand und gab ihr stattdessen ein Stück Mull, das ich vorsorglich eingesteckt hatte. »Ich wasche die Serviette rasch mit kaltem Wasser aus, bevor das Blut nicht mehr rausgeht.«

Oben in meinem Labor hatte ich dann eine zweite Skizzenserie angefertigt.

Die abgeflachten Scheiben der roten Blutkörperchen,hatte ich dazu vermerkt,neigen dazu, aneinanderzukleben. Ihre typische rote Farbe zeigt sich nur dort, wo sie einander überlagern. Ansonsten sind sie blassgelb wie der Abendhimmel nach einem Regenschauer.

Eine Probe von Vaters Blut zu bekommen war schon kniffliger gewesen. Die Gelegenheit kam erst am darauffolgenden Montag, als er zum Frühstück mit einem Fetzchen Toilettenpapier am Kinn erschien, weil er sich beim Rasieren geschnitten hatte.

In der Nacht hatte Dogger wieder einen seiner »Vorfälle« gehabt. Er stieß dann alle paar Minuten heisere Schreie aus, denen leises Wimmern folgte, das noch schauriger klang als das Geschrei.

Dogger war Vaters Faktotum. Seine Aufgaben richteten sich nach seiner jeweiligen Einsatzfähigkeit. Mal war er Kammerdiener, mal Gärtner, je nachdem, in welcher geistigen Verfassung er sich gerade befand. Dogger und Vater hatten zusammen bei der Armee gedient und beide im Gefangenenlager Changi gesessen. Sie sprachen nie über diese Zeit. Das Wenige, das ich über jene schrecklichen Jahre wusste, hatte ich Mrs. Mullet und ihrem Mann Alf mühsam aus der Nase ziehen müssen.

An jenem Morgen war es offensichtlich, dass Vater kein Auge zugetan, sondern die ganze Nacht an Doggers Bett verbracht hatte, bis die Wahnvorstellungen endlich nachgelassen hatten. Normalerweise hätte Vater es sich nicht im Traum einfallen lassen, mit Klopapier im Gesicht in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Dass er es tat, verriet mehr über seine eigene beklagenswerte Verfassung, als es Worte hätten ausdrücken können.

Es war ein Leichtes gewesen, den blutgetränkten Fetzen aus dem Abfalleimer in seinem Ankleidezimmer zu fischen. Ich muss aber zugeben, dass ich dabei schlimmere Gewissensbisse hatte als je zuvor in meinem Leben.

Unsere roten und weißen Blutkörperchen, also die von Vater, Feely, Daffy und mir, hatte ich schriftlich festgehalten, auch wenn ich es selbst kaum glauben mochte, sind hinsichtlich Größe, Form, Dichte und Färbung absolut identisch.

Aus einem abgegriffenen, mit spannenden Flecken verzierten Fachbuch über das Mikroskopieren aus Onkel Tars Bibliothek wusste ich, dass die Blutkörperchen von Fledermäusen nur drei viertel so groß waren wie die von Menschen.

Meine Blutkörperchen dagegen waren sogar noch in tausendfacher Vergrößerung nicht von denen meines Vaters und meiner Schwestern zu unterscheiden.

Jedenfalls nicht äußerlich.

In einer der Zeitschriften, die überall in unserem Salon herumlagen, hatte ich gelesen, dass Menschenblut in seiner Zusammensetzung dem Meerwasser gleicht, aus dem unsere Vorfahren angeblich an Land gekrochen sind. Tatsächlich wurde in medizinischen Notfällen, wenn kein Blut zur Verfügung stand, schon Salzwasser für Transfusionen verwendet.

Ein französischer Forscher und Artillerieoffizier namens René Quinton hatte bei einem Hund das ganze Blut gegen verdünntes Meerwasser ausgetauscht und festgestellt, dass der Hund nicht nur am Leben blieb – angeblich erreichte er ein hohes Alter –, sondern dass der Hundekörper das Meerwasser nach ein, zwei Tagen wieder in Blut umgewandelt hatte!

Sowohl Blut als auch Salzwasser bestehen hauptsächlich aus Natrium und Chlor, wenn auch nicht im gleichen Verhältnis. Trotzdem ist es doch amüsant, sich vorzustellen, dass der Stoff, der durch unsere Adern fließt, im Grunde nichts anderes als eine Lösung aus Wasser und Tafelsalz ist, auch wenn beide Lösungen genau genommen noch kleine Mengen Kalzium, Magnesium, Kalium, Zink, Eisen und Kupfer enthalten.

Diese Vorstellung hatte mich zunächst in höchste Aufregung versetzt, weil sie die Möglichkeit einer ganzen Reihe kühner Experimente verhieß, manche davon sogar am Menschen.

Doch dann hatte mein wissenschaftlicher Verstand wieder die Oberhand gewonnen.

Es folgte eine umfangreiche und sorgfältige Untersuchungsreihe, für die ich mein eigenes Blut opferte (ich war ein paar Wochen lang ziemlich blass um die Nase) und welche die Unterschiede klar herausstellte.

Ich konnte überzeugend nachweisen, dass in den Adern der de Luces kein Meerwasser floss, sondern eine andere Kombination chemischer Elemente.

Und was Daffys Behauptung anging, ich hätte eine transsilvanische Mutter – das war ganz einfach absurd!

Meine Schwestern hatten mir schon des Öfteren einreden wollen, Harriet sei nicht meine leibliche Mutter. Mal behaupteten sie, ich sei von Kobolden als Wechselbalg auf der Türschwelle abgelegt worden, oder aber meine unbekannte Mutter habe mich nach der Geburt verstoßen, weil sie Tag für Tag beim Anblick meines hässlichen Gesichts in Weinkrämpfe ausgebrochen sei. Harriet habe mich dann aus Mitleid adoptiert.

Es wäre mir fast lieber gewesen, wenn meine Experimente bewiesen hätten, dass meine Schwestern und ich nicht miteinander verwandt waren.

Fledermausblut – von wegen! Daffy, diese elende Hexe!

Um meine Forschungsreihe wissenschaftlich korrekt abzuschließen, durfte ich mich jedoch nicht auf irgendein Fachbuch berufen, sondern musste höchstpersönlich eine Fledermaus zur Ader lassen.

Ich wusste auch schon, wo ich eine herbekam.

Am nächsten Morgen würde ich früh aufstehen.

3

Es war einer jener herrlichen Märztage, an denen die Luft so frisch ist, dass man jeden Atemzug genießt; an denen jeder Hauch dieses berauschenden Stoffes in Lunge und Gehirn derartig neue Universen erschafft, dass man glaubt, im nächsten Augenblick vor schierer Freude zerspringen zu müssen; einer jener stürmischen Tage mit dahinjagenden Wolken, Nieselregen, Gummistiefeln und vom Wind gebeutelten Regenschirmen, die einen spüren lassen, dass man wahrhaftig lebendig ist.

Irgendwo im Wald sang ein Vogel: Kuckuck – jag-jag-pu-wi-witta-wu!

Es war der erste Frühlingstag, und Mutter Natur schien das zu wissen.

Gladys quietschte vor Vergnügen, als wir durch den Regen ratterten. Auch wenn sie mir einiges an Jahren voraus hatte, war sie einem kleinen Sprint an einem feuchten Tag ebenso wenig abgeneigt wie ich. Sie war schon vor meiner Geburt im Fahrradwerk der Birmingham Small Arms hergestellt worden und hatte ursprünglich meiner Mutter Harriet gehört, die sie »l’Hirondelle« genannt hatte – »die Schwalbe«.

Ich hatte sie in Gladys umgetauft, weil sie immer so fröhlich war.

Eigentlich konnte sie es nicht leiden, wenn sie nass wurde, aber an einem solchen Tag, an dem ihre Reifen auf dem Asphalt sangen und der Wind uns anschob, mochte auch sie nicht zimperlich sein.

Ich breitete die Arme weit aus, sodass sich mein gelber Regenmantel wie ein Segel blähte, und ließ mich von einer kräftigen Bö davontragen.

»Haruh!«, rief ich den nieselfeuchten Kühen zu, die mich verständnislos anglotzten, als ich im Regen an ihnen vorbeisauste.

Im dunstigen grünen Morgenlicht glich St. Tankred einem alten Aquarell. Der Turm schien über dem hügeligen Friedhof zu schweben wie ein Heißluftballon, der ungeduldig an seinen Leinen zerrt.

Der einzige Missklang in der Idylle war der knallrote Lieferwagen, der auf der kopfsteingepflasterten Zufahrt zum Hauptportal stand. Das war der Wagen von Mr. Haskins, dem Küster. Daneben, auf der Wiese unter den Eiben, parkte ein blitzender schwarzer Hillman, dessen makelloser Glanz mir verriet, dass er niemandem aus Bishop’s Lacey gehörte.

Vor dem Seiteneingang zur Kapelle, fast schon vom Dunst verschluckt, stand ein blauer Lastwagen. Ramponierte Leitern und schmuddelige, ausgebleichte Bretter ragten aus der offenen Ladeklappe. Der Besitzer dieses Fahrzeugs war George Battle, der Steinmetz des Dorfes.

Ich bremste scharf und lehnte Gladys gegen die altersschwache Grabstätte einer gewissen Cassandra Cottlestone. »1685–1750« stand da zu lesen (womit sie im selben Jahr wie Johann Sebastian Bach geboren und auch gestorben war).

In Stein gemeißelt und erbärmlich verwittert lag Cassandra auf ihrer bemoosten Grabplatte, mit zugekniffenen Augen, als hätte sie Kopfschmerzen, die Fingerspitzen unter dem Kinn aneinandergedrückt und mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen. Es schien ihr nicht viel auszumachen, dass sie tot war.

Zu ihren Füßen war eingraviert:

Nun lieg ich herfür

Vor der Kirchenthür.

Mein Leib, er möge Ruhe finden,

Meine Seele himmelwärts entschwinden.

Hatte mir Daffy nicht mal eine ziemlich weit hergeholte Geschichte über das Cottlestone-Grab erzählt? Wie war das doch gleich gewesen?

Laute Stimmen drangen aus der Kirche und rissen mich aus meinen Gedanken. Ich überquerte die Wiese und trat durch das Portal.

»Aber man hat mir eine Dispens zugesagt«, sagte der Vikar gerade. »Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Arbeiten haben bereits begonnen.«

»Dann müssen Sie die Arbeiten eben wieder einstellen«, entgegnete ein massiger Mann im schwarzen Anzug. Mit seinem groben, bleichen Kartoffelgesicht und seiner dichten weißen Mähne glich er einem Staubmopp im Sonntagsgewand. »Und zwar sofort.«

»Hören Sie, Marmaduke«, entgegnete der Vikar, »der Bischof hat mir mehrmals versichert, dass es keine … Ach, guten Morgen, Flavia. Du bist aber früh auf den Beinen!«

Der massige Mann wandte langsam den Kopf, bis der Blick seiner hellen Augen auf mir ruhte. Er lächelte mich nicht an.

»Guten Morgen, Herr Vikar!«, erwiderte ich munter. Wenn man schon zu so früher Stunde übertrieben fröhlich ist, geht das manchen Leuten gehörig auf die Nerven. Ich spürte sofort, dass der Weißhaarige zu diesem Personenkreis gehörte. »Es ist doch wirklich ein wunderschöner Morgen, oder? Das bisschen Regen stört überhaupt nicht!«

Ich merkte selbst, dass ich eine Spur zu dick auftrug, aber manchmal kann ich einfach nicht anders.

»Hab ich recht?«, setzte ich noch eins drauf.

»Flavia, meine Gute, ich freue mich immer, dich zu sehen«, sagte der Vikar, »aber du suchst bestimmt Mr. Haskins. Es geht doch um den Blumenschmuck, nicht wahr? Na also, dachte ich mir’s doch gleich. Ich glaube, Mr. Haskins ist oben in der Glockenstube und kümmert sich um die Seile und so weiter. Schließlich soll am Karfreitag alles glatt gehen.«

Blumenschmuck? Welcher Blumenschmuck? Der Vikar hatte mich soeben zu einer Figur in einem von ihm selbst erfundenen Theaterstück gemacht. Welche Ehre! Ich war zur Unzeit hereingeplatzt, und er wollte mich offenkundig schnell wieder loswerden.

Selbstverständlich spielte ich mit. »Alles klar. Vater freut sich bestimmt, dass sich das mit den Lilien inzwischen geklärt hat.«

Schon hüpfte ich wie eine junge Gazelle auf die erste Stufe der Treppe zum Glockenturm.

Sobald ich außer Sichtweite der beiden Männer war, stapfte ich langsamer treppauf und rief mir ins Gedächtnis, dass sich Wendeltreppen in Burgen und Kirchen immer im Uhrzeigersinn emporwinden. Auf diese Weise war ein Angreifer, der die Stufen hoch stürmte, gezwungen, das Schwert mit der linken Hand zu führen, während der Verteidiger, der von oben kam, mit der rechten, für gewöhnlich überlegenen Hand kämpfen konnte.

Ich wandte mich kurz um und vollführte ein paar Hiebe und Finten gegen einen imaginären Wikingerkrieger – vielleicht war es aber auch ein Normanne oder Gote. Bei Räubern und Plünderern kenne ich mich nicht besonders gut aus.

»Holla!«, rief ich aus und nahm wie ein Degenfechter mit ausgestrecktem Arm Haltung an. »En garde und so weiter!«

»Herrje, Miss Flavia!« Mr. Haskins ließ fallen, was er in der Hand hatte, und legte die Hand dorthin, wo vermutlich sein Herz schlug. »Du hast mir ja einen schönen Schrecken eingejagt!«

Ich gestehe, dass ich mir ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen konnte. Einen Totengräber zu erschrecken ist keine leichte Aufgabe, schon gar nicht einen, der trotz seines Alters die kräftige Statur eines Seemanns hatte. Vermutlich lag es an seinen muskulösen Armen, knotigen Händen und leicht gebogenen Beinen.

»Entschuldigen Sie, Mr. Haskins.« Ich zog meinen Regenmantel aus und hängte ihn an den nächstbesten Wandhaken. »Ich hätte beim Hochgehen lieber laut pfeifen sollen. Was ist denn in der Kiste?«

An der gegenüberliegenden Wand stand eine zerschrammte alte Truhe. Der Deckel war offen, und ein Stück Seil, das der Küster hatte fallen lassen, schlängelte sich über den Rand. Er machte ein Gesicht, als hätte ich ihn bei etwas Verbotenem ertappt.

»Da drin? Ach, nur ein Haufen Gerümpel. Alter Kram aus dem Krieg.«

Ich machte den Hals lang.

In der Kiste befanden sich Reste des Seils, eine zusammengelegte Decke, ein halb mit Sand gefüllter Eimer, eine Kübelspritze mit morschem Gummischlauch, noch ein Schlauch, aber aus Kautschuk, eine mit Dreck verschmierte Schaufel, ein schwarzer Stahlhelm mit einem weißen »W« drauf und eine Gummimaske.

»Das ist ’ne Gasmaske.« Mr. Haskins holte das Ding heraus und hielt es mir auf der flachen Hand hin wie Hamlet den Totenschädel. »Die Jungs vom Luftschutz und die Brandwarte haben im Krieg hier oben Posten bezogen. Hab selber manche Nacht hier verbracht. Ziemlich einsam war das. Und ich hab allerhand merkwürdige Dinge gesehen.«

»Zum Beispiel?« Ich hing an seinen Lippen.

»Na ja … Lichter, die über den Friedhof geistern, und so Sachen.«

Wollte er mir Angst machen? »Sie wollen mich wohl veräppeln, Mr. Haskins.«

»Kann sein, kann auch nicht sein, Frolleinchen.«

Ich schnappte mir die groteske, glotzäugige Maske und zog sie mir über den Kopf. Sie stank nach Gummi und schalem Schweiß.

»Huhu, ich bin ein Tintenfisch!« Ich schwenkte meine Fangarme. Durch die Maske hindurch klang es wie: »Huuu, mich in eim Mintenich!«

Mr. Haskins zog mir die Maske ab und warf sie wieder in die Kiste.

»Eine Gasmaske ist kein Spielzeug. Da sind schon Kinder jämmerlich erstickt.«

Er warf den Deckel der Truhe zu, ließ das Vorhängeschloss einrasten und steckte den Schlüssel in die Jackentasche.

»Sie haben das Seil vergessen«, sagte ich.

Er warf mir einen scheelen Blick zu, kramte den Schlüssel wieder hervor, ließ das Schloss aufschnappen und holte das Seil heraus.

»Und jetzt?«, fragte ich erwartungsvoll.

»Jetzt verziehst du dich am besten wieder, Frolleinchen. Wir haben hier zu arbeiten. Du läufst uns nur zwischen den Füßen rum.«

Pfff!

Normalerweise kommt jeder, der mir so etwas ins Gesicht sagt, auf meine Liste für Strychnin-Kandidaten, und zwar ganz weit nach oben. Ein paar Körnchen in die Brotdose oder am besten gleich in den Senf auf dem Schinkenbrot … Letzteres überdeckt sowohl den Geschmack als auch die Konsistenz des Giftes.

Aber halt! Hatte er gerade »wir« gesagt? Wer war »wir«?

Weil ich mich öfter an der Kirche herumtrieb, wusste ich, dass Mr. Haskins üblicherweise allein arbeitete. Er holte sich nur für besonders schwere Arbeiten jemanden zu Hilfe, etwa wenn ein umgekippter Grabstein wieder aufgerichtet werden musste oder wenn jemand beerdigt wurde, der …

»Der heilige Tankred!«, rief ich laut und rannte zur Treppe.

»Halt!«, rief Mr. Haskins mir nach. »Du kannst da jetzt nicht runter!«

Aber ich trampelte bereits die Wendeltreppe nach unten, und seine Stimme verklang hinter mir.

Das Grab des Heiligen wurde geöffnet, und ich sollte nicht dazwischenplatzen! Deshalb hatte mich der Vikar abgewimmelt. Dass er mich allerdings zu Mr. Haskins in den Turm geschickt hatte, war nicht besonders schlau gewesen, aber er hatte ja nicht lange überlegen können.

Blumenschmuck, dass ich nicht lache! Dabei waren sie da unten schon dabei, das Grab aufzubrechen!

Als ich wieder in den Vorraum der Kirche kam, war er leer. Der Vikar und der weißhaarige Fremde waren verschwunden.

Links befand sich der Eingang zur Krypta, eine schwere Holztür im gotischen Stil. Der spitz gewölbte Rahmen erinnerte an eine missbilligend hochgezogene Augenbraue. Ich drückte die Tür auf und stieg auf Zehenspitzen die Treppe hinab.

Unten führte ein Gang zur Vorderseite der Kirche. Er war provisorisch mit einer Reihe kleiner, nackter Glühbirnen beleuchtet, die unter der niedrigen Decke baumelten. Ihr gelblich fahler Schein ließ die Schatten ringsum noch dunkler wirken.

Ich war schon einmal hier unten gewesen, damals, als die Pfadfinderinnen von St. Tankred an einem Winterabend Verstecken gespielt hatten. Das war vor meiner unehrenhaften Entlassung aus der Truppe gewesen und somit lange her. Trotzdem erinnerte ich mich noch lebhaft an Delorna Higginsons Schreikrämpfe. Sie hatte sogar Schaum vor den Mund bekommen und war kaum wieder zu beruhigen gewesen.

Vor mir im Dunkeln kauerte ein gewaltiger Eisenkoloss – der Heizkessel der Kirche.

Ich schlich um ihn herum und achtete darauf, ihm möglichst nicht den Rücken zuzudrehen.

Der Kessel stammte aus der Werkstatt von Deacon and Bromwell und war 1851 bei der Weltausstellung gezeigt worden. Seitdem hockte dieses für seine Unberechenbarkeit berühmt-berüchtigte Monstrum in den Eingeweiden von St. Tankred wie der Riesenkrake, der Kapitän Nemos Unterseeboot Nautilus in 20 000 Meilen unter dem Meer angegriffen hatte. Die Fangarme seiner Rohrleitungen schlängelten sich nach allen Richtungen, und die beiden runden Fenster in der gusseisernen Tür glommen wie zornige rote Augen.

Der Vikar behauptete, Dick Plews, der Dorfklempner, pflege eine »innige Beziehung« zu dem Untier, aber sogar ich wusste, dass das hoffnungslos übertrieben war. Dick hatte eine Heidenangst vor dem Heizkessel, das wusste das ganze Dorf.

Während der Gottesdienste, besonders in den langen Pausen, wenn wir gerade andächtig der Predigt lauschten, drang manchmal ein Schwall übelster Schimpfworte durch die Warmluftschächte zu uns empor – Schimpfworte, die wir natürlich alle kannten, bei denen wir aber geflissentlich so taten, als hätten wir sie noch nie gehört.

Erschauernd ging ich weiter.

Auf beiden Seiten des Ganges waren zugemauerte Nischen. Dahinter stapelten sich wie Klafterholz (so drückte es Mr. Haskins aus) die zerfallenden Särge jener Dorfbewohner, die vor uns das Diesseits verlassen hatten, darunter auch etliche de Luces.

Ab und zu hätte ich meine mumifizierten Vorfahren gern ans Licht geholt und mir in Ruhe angeschaut – nicht nur, um sie mit den düsteren Porträts in Buckshaws Ahnengalerie zu vergleichen, sondern auch, weil mir der Anblick von Leichen immer wieder Vergnügen bereitet.

Nur Dogger wusste von meiner ungewöhnlichen Vorliebe. Seiner Meinung nach diente die Beschäftigung mit den Toten dazu, über der Freude am Wissenserwerb den Kummer zu vergessen.

Außerdem hatte er mir noch versichert, dass Aristoteles mein Interesse für Leichen geteilt hatte.

Der gute alte Dogger! Er verstand es wie kein anderer, mich zu beruhigen.

Jetzt hörte ich Stimmen. Ich befand mich inzwischen unter der Apsis.

»Aufpassen, Tommy, vorsichtig!«, drang es durch das Dämmerlicht zu mit herüber.

Ein Schatten huschte über die Wand, als hätte jemand eine Taschenlampe angeknipst.

»Langsam … Wo bleibt Haskins mit dem verdammten Seil? Verzeihen Sie den Ausdruck, Herr Vikar.«

Der Vikar stand mit dem Rücken zu mir in einem gewölbten Durchgang. Ich reckte den Hals, um an ihm vorbeizuspähen.

An der hinteren Wand der kleinen Kammer war ein großer Stein halb aus der Wand gestemmt und lag mit einem Ende auf einem Sägebock. Dahinter klaffte eine dunkle Öffnung.

Vier Arbeiter, von George Battle abgesehen allesamt Unbekannte, standen bereit.

Als ich einen Schritt vortrat, stieß ich gegen den Ellbogen des Vikars.

»Herr des Himmels, Flavia!«, entfuhr es dem erschrockenen Gottesmann. Im Halbdunkel waren seine Augen groß wie Untertassen. »Mir ist fast das Herz stehen geblieben! Was hast du überhaupt hier unten zu suchen? Das ist viel zu gefährlich. Wenn dein Vater das erfährt, lässt er mir den Kopf abschlagen.«

Ich sah Johannes den Täufer vor mir.

»Der heilige Tankred ist doch mein Namenspatron«, sagte ich rasch. »Da wollte ich gern die Erste sein, die seine gesegneten Gebeine zu Gesicht bekommt.«

Der Vikar starrte mich verständnislos an.

»Mein Name lautet Flavia Tankreda de Luce«, half ich ihm auf die Sprünge. Dabei legte ich einen Unterton scheinheiliger Ehrfurcht in meine Stimme, faltete die Hände vor der Brust und senkte den Blick. Das hatte ich mir von Feely bei ihren Andachtsübungen abgeschaut.

Der Vikar war erst verdutzt, dann erwiderte er schmunzelnd: »Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, meine Liebe. Ich weiß noch sehr gut, dass ich dich auf den Namen Flavia Sabina de Luce getauft habe, und zwar im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen, und Flavia Sabina de Luce bist und bleibst du – bis du dich eines Tages entschließt, deinen Namen zu ändern, indem du in den heiligen Stand der Ehe trittst, so wie deine Schwester Ophelia.«

Mir fiel die Kinnlade runter.

»Feely?«

»Oje«, sagte der Vikar verlegen. »Da habe ich mich wohl verplappert.«

Feely? Meine Schwester Feely will in den heiligen Stand der Ehe treten?

Das durfte ja wohl nicht wahr sein!

Und wer war der Glückliche, bitte sehr? Etwa Ned Cropper, der Kellner aus demDreizehn Erpel,für den Brautwerbung darin bestand, heimlich schimmlige Pralinen vor die Küchentür zu stellen? Oder Carl Pendracka, der amerikanische Soldat, der Feely die Sehenswürdigkeiten von St. Louis zeigen wollte? (»Carl will mir zeigen, wie Stan Musial den Ball aus dem Stadion drischt.«) Oder gar Dieter Schrantz, der ehemalige deutsche Kriegsgefangene, der in England geblieben war und sich als Hilfsarbeiter auf einem englischen Bauernhof verdingte, damit er irgendwann Lehrer werden und englischen SchuljungenStolz und Vorurteilund andere Romane näherbringen konnte? Nicht zu vergessen Detective Sergeant Graves, der junge Polizist, der in der Nähe meiner blöden Schwester regelmäßig knallrot wurde und kein einziges Wort mehr herausbekam.

Aber ehe ich nachhaken konnte, kam Mr. Haskins mit dem Seil in der einen und einer Taschenlampe, die unheimliche Schatten warf, in der anderen Hand in die ohnehin schon überfüllte Krypta.

»Aus dem Weg!«, brummte er, und die Arbeiter drückten sich an die Wände.

Statt die Gruft zu verlassen, nutzte ich die Gelegenheit, mich noch weiter hineinzudrängeln. Als Mr. Haskins das Seil um den Stein schlang, quetschte ich mich zwar in die hinterste Ecke, konnte von dort aus aber hervorragend sehen.

Der Vikar hatte mich offenbar völlig vergessen. Im Schein der schaukelnden Glühbirnen wirkte sein Gesicht angespannt.

Was hatte dieser Marmaduke, wer immer er gewesen war, doch vorhin gesagt? »Dann müssen Sie die Arbeiten eben wieder einstellen. Und zwar sofort.«

Allem Anschein nach hatte er sich nicht durchgesetzt.

Der Vikar kaute geistesabwesend auf seiner Unterlippe.

»Wo ist denn Ihr Freund abgeblieben?«, fragte Mr. Haskins plötzlich. Die Frage hallte von der gewölbten Decke zurück. »Ich dachte, er wollte den großen Augenblick miterleben?«

»Sie meinen Mr. Sowerby? Keine Ahnung, wo er bleibt. Sieht ihm gar nicht ähnlich, zu spät zu kommen. Vielleicht sollten wir noch einen Augenblick warten.«

»Dieser Stein hier will aber nicht warten«, erwiderte Mr. Haskins. »Dieser Stein hat seinen eigenen Kopf. Und er kommt jetzt raus, ob uns das nun passt oder nicht.«

Er tätschelte den schweren Klotz freundschaftlich, worauf der Stein ein grässliches Ächzen von sich gab, als litte er Schmerzen.

»Das Ding hängt nur noch an einem Faden. Abgesehen davon müssen Norman und Tommy wieder zurück nach Malden Fenwick, stimmt’s, Jungs? Sie sind zum Arbeiten hergekommen. Also los jetzt.«

Er winkte die beiden Männer mit ausholender Gebärde heran. Der eine der beiden war auffallend groß, der andere hatte keine besonderen Merkmale.

Hier unten in den Tiefen der Krypta war Mr. Haskins Alleinherrscher über sein finsteres Königreich, und niemand wagte es, ihm zu widersprechen.

»Außerdem ist das hier sowieso bloß die Mauer. An den Sarkophag kommen wir noch gar nicht ran. Du nimmst das Seil, Tommy.«

Während Tommy das Seil mehrfach um einen Mauervorsprung wickelte, wandte sich Mr. Haskins mir zu. Ich fürchtete schon, er wollte mich hinausscheuchen, aber er brauchte bloß Publikum.

»Sarkophag«, wiederholte er. »Sar-ko-phag. Ein schönes altes Wort. Ich wette, du weißt nicht, was es bedeutet, Frolleinchen.«

»Sarkophag kommt aus dem Griechischen und bedeutet ›Fleischfresser‹. Die alten Griechen stellten ihre Sarkophage aus einem besonderen Stein her, der aus Assos in der Türkei kam. Angeblich zehrte dieses Gestein innerhalb von vierzig Tagen den gesamten Leichnam auf. Nur die Zähne blieben übrig.«

Ausnahmsweise dankte ich im Stillen meiner Schwester Daffy, die diese spannende Information in dem mehrbändigen sargschwarzen Lexikon in unserer Bibliothek entdeckt hatte.

»Aha!«, sagte Mr. Haskins, als hätte er das alles längst gewusst. »Ich sag’s ja immer: Kindermund tut Wahrheit kund.« Er versetzte dem Seil einen kräftigen Ruck.

Nichts geschah.

»Hilf mir mal, Norman! Tommy, du drückst ein bissel gegen das andere Ende. Mal sehen, ob wir das Biest rumschwenken können.«

Aber obwohl die Männer aus Leibeskräften zogen und drückten, rührte sich der Stein keinen Zentimeter von der Stelle.

»Hat sich wohl verkantet«, knurrte Mr. Haskins. »Verfluchte …«

»Kleine Ohren, Mr. Haskins, kleine Ohren!«, unterbrach ihn der Vikar, legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete mit dem Kinn unauffällig in meine Richtung.

»Jedenfalls klemmt da irgendwas. Ich muss erst mal nachschauen.«

Mr. Haskins ließ das Seil los und nahm Tommy die Taschenlampe ab. Er fasste die Lampe am vordersten Ende und schob sein Gesicht vor die Öffnung in der Wand.

»Das bringt nix«, verkündete er. »Das Loch muss größer sein.«

»Lassen Sie mich mal.« Ich nahm ihm die Taschenlampe aus der Hand. »Mein Kopf ist kleiner als Ihrer. Ich sage Ihnen, was ich sehe.«

Alle waren so verblüfft, dass mich keiner aufhielt.

Mein Kopf passte mühelos durch die Öffnung. Ich verbog mich wie ein Schlangenmensch, bis die Taschenlampe über mir war und in die Gruft hineinleuchtete.

Ein klammer Luftzug strich mir über das Gesicht. Es stank durchdringend nach Moder, und ich rümpfte unwillkürlich die Nase.

Die Grabkammer war vielleicht zwei Meter lang und einen knappen Meter breit. Das Erste, was ich erblickte, war eine Hand. Die verdorrten Finger umklammerten ein zerbrochenes Glasröhrchen. Dann sah ich das Gesicht: eine grausige Fratze mit riesengroßen Glotzaugen und einer rüsselartigen Gummischnauze.

Eine weiße Halskrause bedeckte die tintenschwarzen Adern an Hals und Kehle nur teilweise. Das Ganze wurde von einem Schopf goldblonder Chorknabenlocken gekrönt.

Es handelte sich eindeutig nicht um den Leichnam des heiligen Tankred.

Ich knipste die Taschenlampe aus, zog den Kopf zurück und drehte mich zu Vikar Richardson um.

»Ich glaube, wir haben Mr. Collicutt gefunden.«

4

Natürlich hatten ihn seine Haare verraten. Wie oft hatte ich Feely sonntags durch den Mittelgang bis zur ersten Bank hasten sehen, weil man von dort aus die beste Aussicht auf Mr. Collicutts goldene Locken hatte!

Wenn er in seinem weißen Chorhemd auf der Orgelbank saß, das Haupt von einem morgendlichen Sonnenstrahl umschimmert, der durch das Buntglasfenster fiel, glich er einem lebendig gewordenen Botticelli-Engel.

Und dessen war er sich durchaus bewusst.

Ich sah ihn wieder vor mir, wie er den Kopf zurückwarf und sich mit allen zehn Fingern durch die leuchtenden Locken fuhr, ehe er die Hände zum ersten Choralakkord auf die Tasten fallen ließ. Feely hatte mal gemeint, Mr. Collicutt erinnere sie an Franz Liszt. Vor nicht allzu langer Zeit, so erzählte sie, fand man in den Andenkenschachteln kürzlich verstorbener alter Damen noch die stinkenden Stummel von Zigarren, die Liszt in einem vergangenen Jahrhundert geraucht hatte. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in Feelys Sachen nachzuschauen, ob sie nicht irgendwo die Korkspitzen von Mr. Collicutts Marke Craven A sammelte, aber dann hatte ich es wieder vergessen.

Das alles schoss mir durch den Kopf, als ich darauf wartete, dass die Männer die Wandöffnung erweiterten und meine Entdeckung bestätigten.

Was nicht heißt, dass ich nicht erschüttert gewesen wäre.

Hatte Mr. Collicutt sterben müssen, weil ich die Mordfälle an den Fingern abgezählt hatte? War er einem unerwarteten bösen Fluch zum Opfer gefallen?

Hör sofort damit auf, Flavia!, schalt ich mich. Der Mann lebte offensichtlich schon längst nicht mehr, als du das Schicksal herausgefordert hast, es möge dir wieder mal eine Leiche zuspielen.

Trotzdem – Mr. Collicutt war tot. Daran war nicht zu rütteln.

Während ich einerseits am liebsten zusammengebrochen wäre und den Tod von Feelys goldblondem Märchenprinzen bitterlich beweint hätte, erwachte zugleich ein anderer, unerklärlicher und bis gerade eben noch tief und fest in mir schlummernder Teil zum Leben.

Ich war zwischen Abscheu und Wonne hin- und hergerissen, gerade so, als schmeckte ich Essig und Zucker gleichzeitig auf der Zunge.

In solchen Fällen gewinnt immer die Wonne die Oberhand. Mühelos.

Eine verborgene Seite reckte und streckte sich neugierig.