Flucht ab 11 - Edeltraut Gellert - E-Book

Flucht ab 11 E-Book

Edeltraut Gellert

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Beschreibung

Eine bewegende Kindheit. Am 21.01.1945 beginnt die Flucht aus Ostpreußen für unsere Protagonistin, 2 Monate vor ihrem 11. Geburtstag. Dass diese "Reise" mit Unterbrechungen 14 Monate dauern würde, hätte sie nicht erwartet und ob sie es überleben würde, war fast jeden Tag erneut die Frage. Sie wollten die Wilhelm Gustloff erreichen, um mit ihr nach Hamburg zu fahren. Doch am 30.01.1945, dem 50. Geburtstag des Namensgebers, auf genau der Fahrt, die unsere Protagonisten nicht mehr erreichten, weil sie bereits durch Soldaten auf dem Rückzug vor Beschuss durch die Rote Armee gewarnt wurden, wurde die Wilhelm Gustloff von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Unter den Opfern waren auch nahe Verwandte, die sie für diese Fahrt in Gotenhafen, treffen wollten. Blieb nur noch der Weg über das zugefrorene Haff. Wie geht es einem Kind, das über das zugefrorene Haff laufen muss, während es Pferdewagen mit Mensch und Tier im Eis versinken sieht? Was hält ein Mensch aus und was machen die Erinnerungen? Was ist es? Was bewegt einen Menschen trotz all dieser Erfahrungen die Zuversicht zu entwickeln eine Familie zu gründen, sich und das Leben nicht aufzugeben?

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorkriegsprolog

Aufgewachsen in Theerwisch

Flucht ab 11 (Die schlimmste Nachricht)

Flucht ab 11 (Das Frische Haff)

Flucht ab 11 (Keine Kühe hüten)

Flucht ab 11 Zwischenspiel

Flucht ab 11 (weiter nach Westen)

Die Ankunft

Das Pflichtjahr

Zwei Jahre bei Bauer Aßhoff

Das Leben geht weiter

Bei Stamen und Werner in Werl

Eine neue Familie

Epilog

Vorwort

Schon früh im jugendlichen Alter, direkt nach der Flucht, begann unsere Mutter ihre teils schmerzlichen Erinnerungen auf zu schreiben. Dabei lag ihr besonders am Herzen, ihren Nachkommen vor Augen zu führen, dass dieser Zweig der Geschichte, nämlich Krieg, in dem sie aufwachsen musste, sich nicht wiederholen darf.

Denn da Viele aus diesen Kriegswirren sprachlos zurück geblieben sind, fehlen generationsübergreifende Informationen, jenseits der Geschichtsbücher, und das nicht schriftlich fest gehaltene Erleben direkt Betroffener gerät in Vergessenheit.

Vorkriegsprolog

Ostpreußen war ein Teil Deutschlands, der vom Hauptteil des Landes nur durch den sogenannten Korridor durch Polen, auf dem Luftweg oder über die Ostsee erreichbar war. Die Menschen, die in Ostpreußen lebten, waren Deutsche, vielleicht vergleichbar mit den Bewohnern von Westberlin vor dem Fall der Mauer, die in einer Exklave mitten in einem anderen Land lebten.

Als Dorfbewohner, der keinen Handel mit entfernteren Orten pflegte, bekam man von dieser räumlichen Isolation nicht viel mit.

So war es auch mit den Kindern, die als Kinder ihrer Zeit mit genau den selben Dingen befasst waren, wie alle anderen.

Daher ist es wichtig, dass die kleine Edeltraut bereits direkt nach ihrer Schulzeit ihr Leben vor den Ereignissen des Krieges aufschrieb, um sie hier für den Leser sichtbar zu machen.

Aus heutiger Sicht war es schon sehr anders, das Leben in einem Dorf, fern ab der Metropolen und ebenso weit weg von dem Leben, das man sich als Städter so vorstellt.

Aufgewachsen in Theerwisch

Wir wohnten in Theerwisch, Kreis Ortelsburg, in Ostpreußen.

Ab einem Alter von 3 – 4 Jahren kann ich mich noch an alles Erdenkliche, Bedenkliche und auch Komische erinnern, was zuhause und in unserem Ort vor sich ging.

Wir lebten in einem Dorf, sieben Minuten von der evangelischen Kirche entfernt, also dem Mittelpunkt des Dorfes, in dem ansonsten nur wenige Häuser standen.

An unserer Straße und allen anderen auslaufenden Dorfstraßen standen die einzelnen Häuser in großen Abständen. Diese Häuser nannte man Ausbauten, weil sie sich nicht im Dorfzentrum befanden.

Meine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits lebten auch in unserem Dorf in sogenannten Ausbauten.

Wie fast alle Dorfbewohner waren meine Großeltern und Eltern Bauern.

Meine Eltern hatten sich schon vor ihrer Hochzeit das kleine Anwesen gekauft und sind direkt nach der Heirat eingezogen.

1934, als meine Mutter 24 war, kam ich zur Welt.

„Da ging das Theater los.“

Die Geburt war schwer und die späteren Nächte ständig unterbrochen. So hat man mir später erzählt.

Als Landwirte mussten meine Eltern morgens früh aufstehen, um die Kühe zu melken.

Mich hat man dann mit in den Stall genommen und auf ein Strohbund gelegt, um die Übersicht zu behalten.

Ich wurde die ersten neun Monate gestillt.

Später war ich ein guter Esser.

Als kleines Mädchen war ich schon so eitel, dass ich beim Anziehen, wie es meine Mutter wollte, oft große Schwierigkeiten machte.

Ich wollte immer schick sein.

Eine kleine Episode an einem Sonntagmorgen im Frühling:

Meine Mutter zog mir ein neues apfelgrünes Trikotkleidchen mit kurzen Ärmeln und weißem Krägelchen an, wo vorne drei weiße Kugelknöpfe angebracht waren. Natürlich zog sie mir, wie gewohnt, ein Babyjäckchen mit langen Ärmeln darunter und das kurzärmelige Kleidchen darüber. So wollte ich es aber nicht. Es ärgerte mich schon immer, dass diese Babyjäckchenärmel darunter hervor guckten.

Ich heulte und heulte und wollte dieses Jäckchen wieder aus haben, aber meine Mutter blieb hartnäckig und schickte mich nach draußen.

Brüllend und tobend lief ich in den Garten. Die Sonne schien und die Blumen blühten.

Ich riss einigen Blumen die Blüten ab und begann dann, die Kugelknöpfe des Kleides so lange in eine Richtung zu drehen, bis sie abgedreht waren.

Nun aber bekam ich Angst und traute mich nicht wieder ins Haus, bis ich zum Mittagessen gerufen wurde.

Oh Schreck, meine Mutter sah sofort mein Werk, und ich bekam eine gewaltige Abreibung, wie sie die Schläge immer nannte.

Der Sonntag war versaut und ich kam direkt ins Bett.

Ich erinnere mich auch ans Einkaufen. Meine Mutter wollte backen, und ich musste ihr für 10 Pfennig Hefe zum Backen besorgen.

Beim ersten Mal, als ich los ging mit dem Groschen in der Hand, habe ich beim Laufen immerzu gesagt, „für zehn Pfennig Hefe, für zehn Pfennig Hefe...“, um es nicht zu vergessen.

Später wollte ich immer, wenn ich ins Dorf gehen musste, vorher eine saubere Schürze umbinden. Es war nämlich üblich, eine Schürze über der Kleidung zu tragen, um das Kleid oder den Rock zu schonen, denn es gab nur einmal in der Woche neue Unterwäsche und Oberbekleidung.

Wenn man auf dem Hof wegen des Drecks oder Hühnerkots ausrutschte und der Schlüpfer verschmutzt war, rieb man sich die Stelle trocken und spielte einfach weiter, da man so die Wäsche nicht zu wechseln brauchte.

Als ich einmal beim Kuchen backen mit Sand und Wasser in ein fast leeres Regenfass fiel, schrie ich so laut, dass meine Mutter kam, um mich heraus zu heben und bekam auf der Stelle noch eine Tracht Prügel dazu.

Ein anderes Mal, als mir langweilig war, stupste ich mit einer langen Holzstange einfach ein Schwalbennest aus, obwohl ich wusste, dass man das nicht macht.

Oft spielte ich im Strohschober hinter der Scheune. Meine Mutter durfte das aber nicht wissen, sonst gab es Schläge.

Gerne war ich auch mit unserem Hund in der Hundehütte, oder ich tat so, als würde ich aus seinem Fressnapf lecken.

Er hieß Flock und hatte ein rot weißes, glattes Fell.

In einem Frühjahr, als ich ungefähr vier Jahre alt war, bauten Störche ein Nest auf unserem Scheunendach.

War das ein Gefliege und Geklapper.

Meine Eltern lehrten mich den Spruch:

„Storch, Storch Bester bring mir eine Schwester! Storch, Storch Luder bring mir einen Bruder!“

Na ja, um die Weihnachtszeit bekam ich eine Schwester.

Mein Geschrei zu den Störchen hatte wohl geholfen.

Am 22. Dezember 1938 mittags, meine Mutter hatte schon die Bratkartoffeln fertig, bekam sie schreckliche Bauchschmerzen.

Mein Vater musste mich Huckepack zu meiner Tante in der Nachbarschaft bringen. Da spielte ich den ganzen Nachmittag mit meinem zwei Jahre jüngeren Vetter.

Spät am Abend holte mich mein Vater wieder ab und erzählte mir Freude strahlend, ich hätte ein kleines Schwesterchen bekommen.

Als wir zuhause ankamen, stand in der Küche schon die Badewanne und im Schlafzimmer lag meine Schwester in meinem Kinderbett.

Ganz klein, schwarzhaarig und strubbelig.

Entsetzt war ich darüber, dass meine Mutter auch in ihrem Bett lag.

Ich fragte sie verstört, warum.

Da sagte sie, der Storch habe ihr ins Bein gebissen.

Na ja, erst mal war ich glücklich.

Später merkte ich, dass der kleine Schreihals ganz schön Unruhe ins Haus brachte, und ich immer mehr Pflichten übernehmen musste.

Zum Beispiel musste ich jeden Nachmittag Holz, Kohle, Briketts und Torf in die Küche des Hauses holen, wo unser Ofen stand, dass wir den Tag über genug Brennstoff hatten. In unserer Heimat war es im Winter oft bitter kalt, bis zu 40° C Frost. Der Schnee, der schon im Spätherbst gefallen war, ist bis zu Beginn des Frühlings nicht mehr geschmolzen.

Wir schaufelten uns auf unserem Hof Gänge zum Stall, zum Schuppen, zur Scheune und zur Straße. Mein Vater und die anderen Männer aus dem Dorf mussten, wenn frischer Schnee gefallen war, auch nachts so lange schaufeln, bis alles frei war.

Als Erstes musste morgens um 6 Uhr der Milchwagen zur Molkerei durchkommen. Meine Eltern fuhren dann um halb 6 Uhr schon die frisch gemolkene und gesiebte Milch in Kannen an die Straße auf unseren Kannenständer.

Es wurde wieder Frühling und meine kleine Schwester bekam mehrere Geschwüre im Nacken und im Gesicht. Jeden Morgen kam die evangelische Gemeindeschwester zu uns und verarztete sie.

Meine Mutter und ich mussten sie den ganzen Tag trösten, schaukeln und herumtragen.

Es dauerte sehr lange, bis sie die Krankheit überstanden hatte.

Meine Mutter musste fast jeden Tag auf das Feld, um Rüben zu verziehen, zu hacken, Kartoffeln zu pflanzen und zu hacken und Korn auszunehmen und zu binden.

Ich wurde immer mehr zur Säuglingsschwester gemacht.

Ich musste jetzt mein Schwesterchen trocken legen, ihr das Fläschchen geben und aufpassen, dass ihr nichts passierte. Die voll gemachten Windeln musste ich draußen bei der Wasserpumpe in eine kleine Wanne legen und anschließend den Kot ausspülen und sie in eine andere Wanne mit Wasser legen.

Ich durfte nicht mehr zu den Nachbarmädchen gehen und spielen, was ich sehr schrecklich fand.

Schließlich kam ich in die Schule.

Ich war ein sehr schüchternes, ängstliches Mädchen, das viel Angst hatte überhaupt zu antworten, wenn die Lehrerin etwas fragte.

Die Schule hat mir gar keinen Spaß gemacht.

Jeden Morgen bekam ich von meiner Mutter eine große Tasse Milch und ein Butterbrot mit Honig, was ich vor der Schule essen und trinken sollte, wenn sie schon im Stall war.

Da ich aber absolut keine Milch mochte, schüttete ich die Tasse aus und trank Wasser, das ich gerne mochte.

Das Schulbrot war so dick mit Butter beschmiert, dass ich es auch nicht mochte. Meistens tauschte ich es dann mit einer Schulkollegin.

Mein absoluter Alptraum waren die langen Unterhosen mit Klappe oder Schlitz, die ich im Winter jeden Morgen anziehen musste. Ich ärgerte mich furchtbar. Beim Anziehen bekam ich die bollerigen Unterhosenbeine nicht glatt in die Strümpfe gesteckt und so hatte man immer knubbelige Beine.

Ich habe mich dann immer geschämt.

Wenn es sich manchmal machen ließ und meine Mutter schon im Stall war, zog ich ganz schnell die Unterhose wieder aus und versteckte sie unter meinem Strohsack.

Irgendwann merkte es meine Mutter, und es gab wieder Hiebe.

Ich weiß ja, dass es sehr kalt war, aber ich wollte gut aussehen, sonst fühlte ich mich nicht wohl und konnte auch nicht lernen.