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Diese romanhafte Biografie erzählt von der langen Flucht meiner Großeltern und meiner Mutter aus der Festung Breslau durch ein zerstörtes Land nach Konstanz am Bodensee, wo die Welt noch in Ordnung war. Dorthin hat es auch meinen Vater geführt, nachdem er viele Stationen dieses fürchterlichen Krieges durchlitten hatte.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Ulrich Goerschel
Fluchtroute Bodensee
© 2019 Ulrich Goerschel
Verlag und Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-0349-4
Hardcover:
978-3-7497-0350-0
e-Book:
978-3-7497-0351-7
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Ulrich Goerschel
Fluchtroute Bodensee
Die Geschichte einer langen Flucht von
Breslau nach Konstanz
Für Verena, Anna und Tim
1.Breslau, August 1919
Nachdenklich lehnte Albert Siedow am Haupteingang des Breslauer Bahnhofs und ließ seinen Blick über den offenen Platz zu seiner Linken schweifen. Hier herrschte reges Treiben. Pferdekutschen und sogar vereinzelt einige der neuartigen Automobile drängten sich auf der Gartenstraße, die sich mit der Neuen Schweidnitzer Straße kreuzte, der neuen Nord-SüdAchse der Stadt.
Breslau schien sich jeden Tag ein wenig mehr zu verändern. Immer mehr Menschen waren auf den Straßen, Gehwegen und Plätzen zu sehen, viele von ihnen aus dem Osten, ein Gewirr aus deutschen Dialekten, Polnisch, Jiddisch, Schlesisch und Russisch war zu hören. Die Stadt summte wie ein Bienenstock, insbesondere in der Gegend rund um den Bahnhof. Hoch stand die Sonne an diesem Tag an einem wolkenlosen Himmel, kein Lüftchen ging. Er löste sich aus dem Schatten des Bahnhofsgebäudes und zog den Hut tiefer in das Gesicht. Wie immer verspätete sich sein Freund Hermann. Albert blickte sich nach allen Seiten um, und tatsächlich, da kam Hermann mit wehenden Rockschößen über den Platz gelaufen. In der Hand hielt er eine Zeitung, mit der er herumwedelte.
»Hast du es schon gelesen?«, rief er aufgeregt, kaum das er in Hörweite war. Albert runzelte die Stirn.
»Was gelesen?«
»Die neue Verfassung, sie ist abgedruckt, hier, im Originaltext.« Hermann hielt ihm die Zeitung unter die Nase. In großen Lettern WEIMARER REPUBLIK VERKÜNDET IHRE VERFASSUNG. Albert nahm die Zeitung. Gemeinsam überquerten sie den Platz in Richtung des Cafés Krone, wo sie sich manchmal zum Kaffee trafen, zumindest, sofern es welchen gab. Ansonsten tranken sie Tee. Die Lebensmittelversorgung war in Schlesien, der Kornkammer Preußens, nach dem Krieg besser als anderswo, doch Importwaren waren auch hier oft Mangelware. Hermann warf einen Blick auf seine Taschenuhr.
»Freust du dich auf den heutigen Abend?«
Albert runzelte die Stirn.
»Heute Abend?«
»Heute gehen wir tanzen! Eine große Tanzveranstaltung, das willst du doch nicht verpassen!«
Albert runzelte die Stirn, konnte jedoch ein Grinsen nicht unterdrücken. Hermann war schon immer ein Schwerenöter mit einer Schwäche für schöne Frauen gewesen, doch anders als er, Albert, brachte er nicht ganz das Äußere mit, das Frauenherzen höher schlagen ließ. Hermann war eher von schmaler, gedrungener Statur und an seiner Stirn zeigten sich tiefe Geheimratsecken, die er zumeist mit einem Hut und einem strengen Scheitel zu verstecken wusste. Auch Albert kämpfte mit seinen 32 Jahren mit den ersten kahlen Stellen, doch sein forsches Gesicht mit den funkelnden Augen und die hochaufgeschossene Figur machten diesen Eindruck mit Leichtigkeit wieder weg.
»Schau sie dir an, diese Ludersäcke. Das machen sie aus unserem schönen Kaiserreich«, tönte Hermann, während er Café für sie bestellte.
»Eine Republik! Hat man das schon einmal gehört? Und das, während die verdammten Kommunisten sich in Russland breitmachen. Die in Berlin wissen doch gar nicht, was der Iwan vorhat, wir hatten sie bis 80 Kilometer vor unseren Toren stehen. Und dann Polen! Ist das zu glauben, dass sie denen wirklich einen eigenen Staat gegeben haben? Unser schönes Schlesien. Ich sage dir, alles geht zum Teufel.«
Erregt wischte sich Hermann über die Stirn. Albert nickte höflich und nippte an seinem Kaffee, der heiß und köstlich schmeckte und ihn wohlig von innen wärmte. Seit den Kriegserlebnissen in Passendale überkam ihn manchmal ohne Grund eine ungewohnte, innere Kälte, die ihn die Zähne aufeinander schlagen ließ. Er schloss die Augen und versuchte, die Erinnerungen beiseitezuschieben, die sich ihm aufdrängten, das Schlachtfeld mit den kahlen Baumstümpfen, der Schlamm und das ewige Geschützfeuer.
Hermann schwieg und rührte in seinem Kaffee. Er wusste genau, was in solchen Momenten in seinem Freund vorging. Der Schrecken des Krieges war namenlos, unbegreiflich für jene, die ihn nicht erlebt hatten und schuf vielleicht deswegen eine Kameradschaft für das Leben. Dort, in den Schützengräben, waren sich die beiden jungen Soldaten aus Breslau, näher gekommen, hatten einander von den geheimsten Träumen und Wünschen erzählt und ein Band geflochten, das nicht mehr aufzulösen war. Hermann bewunderte seinen Freund Albert, der anders als er, der aus einer einigermaßen wohlhabenden Kaufmannsfamilie stammte, aus ärmlichen Verhältnissen kam. Das Geld der Familie hatte für die Universität nicht gereicht, obwohl Albert klug und gescheit war und so war er zum Militär gegangen und kurz darauf war der Krieg ausgebrochen. Die deutsche 6. Armee aus Breslau kam nach dem Schlieffenplan zuerst in Frankreich in den Ardennen zum Einsatz, schließlich dann in Belgien, als der Krieg doch eigentlich längst verloren war und verbissen um jeden Meter Frontlinie gekämpft worden war.
»Oh, diese elenden Volksverräter! Schau dir unseren Volksrat an. Sozialdemokraten, Gewerkschaftsführer, Liberale und die Zentrumspartei, da ist ja ein schöner Haufen zusammen. Kommunistenpack!«
Er spie das Wort regelrecht aus, dann beugte er sich ein wenig zu seinem Freund und sagte, deutlich leiser: »Am Sonntag trifft sich der Stahlhelm wieder. Es wird Zeit, dass wir handeln, dass wir die Schmach dieses Krieges ausmerzen und den elenden Franzosen zeigen, was wir von ihren Reparationsforderungen halten. Aushungern wollen sie uns, das Andenken an unsere Gefallenen mit Füßen treten, und ich sage es dir ganz ehrlich, Albert, ohne die Juden hätte es all das doch nicht gegeben. Den Dolch haben sie uns in den Rücken gejagt, sonst hätten wir den Krieg gewonnen.«
Hermann war wieder lauter geworden, er redete sich regelrecht in Rage. Das Café war um diese Stunde gut besucht und die Ersten drehten neugierig die Köpfe, um zu sehen, wer da so erregt sprach, doch Albert blieb gleichmütig. Er kannte die Reden seines Freundes und dessen Temperament und vermied es meistens, mit ihm über Politik zu sprechen, wurden solche Diskussionen doch schnell hitzig, doch er wusste, dass viele in der Stadt dachten wie Hermann, vor allem jene, die im Krieg gekämpft hatten.
»Unseren Kaiser haben sie davongejagt, in Schimpf und Schande. Schämen sollten sie sich. Allesamt.«
Hermann klopfte auf die Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag.
»Stell dir vor, sogar den Weibern haben sie ein Wahlrecht eingeräumt! Alles geht den Bach runter, und wir, die Rechtschaffenen, wir müssen etwas dagegen tun! Wir müssen die Werte verteidigen, die uns wichtig sind! In nur einer Generation schaffen sie es, alles, was der alte Bismarck aufgebaut hatte, einzureißen. Ich sehe Preußens Ende!«
»Der ungerechteste Frieden ist besser als der gerechteste Krieg«, sagte Albert.
»Was?« Hermann sah ihn verständnislos an.
»Das hat Cicero gesagt. Ein alter Römer.«
Hermann grunzte unverständlich.
»Wenn du deinen Kopf aus den Büchern nähmest, würdest du vielleicht auch erkennen, wo unser schönes Vaterland hinsteuert.«
Albert seufzte und nahm eine Gabel von der köstlichen Torte, die ihnen die freundliche Bedienung mit der gestärkten Schürze gerade kredenzte. Sie schmeckte so süß, dass sich ihm der Mund zusammenzog.
»Aus Büchern können wir eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass die wenigstens Kriege zu etwas anderem führen als Leid und Elend. Du beschwerst dich über den Zustand unseres Landes? Über die Republik? Dann frage dich mal, wie es dazu gekommen ist. Wäre der Krieg nicht ausgebrochen, Kaiser Wilhelm II. regierte noch immer und wir hätten den schönsten Frieden der Welt und du noch deinen rechten Arm.«
Hermanns Blick flackerte. Der Verlust seines Armes in den letzten Tagen von Passendale war sein wunder Punkt, zumal es ausgerechnet der rechte war.
»Weißt du, dass man mit dir nicht streiten kann, Albert? Weil du nämlich immer und auf alles eine kluge Antwort hast. So macht das keinen Spaß.« Er grinste breit.
»Doch nun zu den Frauen. Ich habe gehört, heute machen sie sich alle recht fesch in für den Tanzabend. Wirst du dir wohl auch endlich eine schnappen? Du bist ein ganz schön alter Junggeselle und jetzt, als zukünftiger Postbeamter, brauchst du doch jemanden, der dir den Haushalt führt, nicht wahr?«
»Ich heirate, wenn du heiratest«, gab Albert zurück, was Hermann in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.
»Ich bin viel zu viel Mann für nur eine Frau.«
Er hob die Schulter mit dem hochgesteckten Ärmel.
»Auch mit nur einem Arm.«
Der Abend brachte eine sanfte Abkühlung. Überall brannten die Lichter, die Fenster standen offen und die Straßen waren voll von Menschen, die nach Vergnügungen suchten. Albert bemerkte, wie er sich, sobald er die Straße betrat, beschwingt fühlte, frei beinahe. Etwas lag in der Luft, ohne, dass er es recht zu greifen vermocht hätte. Hermann reichte ihm seinen Flachmann.
»Da, trink, sonst sitzt du nachher wieder da wie ein Stockfisch und die Mädchen machen einen großen Bogen um uns.«
Albert, der sonst nie trank, nahm den Flachmann, doch als er ihn seinem Freund zurückgeben wollte, war der schon auf und davon, um einer Gruppe Mädchen den Hof zu machen, die seine Bemühungen mit lautem Gekicher quittierten.
Der Tanzsaal lag im Osten der Stadt, in einer alten Offiziersmesse. Schon von weitem waren die laute Musik und das Gelächter zu hören. In Hermanns Augen trat ein Leuchten. Ein solcher Abend war ganz nach seinem Geschmack.
Albert konnte spüren, wie sich der Alkohol in seinem Kopf ausbreitete und ihn regelrecht beflügelte. Es war, als würden seine Gedanken leiser gedreht, als verlöre die Welt ihre Kanten.
»Halte dich vom Alkohol fern«, hatte sein Vater, ein einfacher Fabrikarbeiter zu sagen gepflegt. »Er zerstört alles, dich, deine Familie, deine Arbeit.«
Seine Eltern harrten derzeit in Rawitsch aus, seiner Heimatstadt, weil sie hofften, die Stadt würde nicht endgültig an Polen fallen, doch seit dem Winter wüteten dort heftige Straßenkämpfe polnischer Aufständischer und die Zeichen mehrten sich, dass die Stadt polnisch werden würde. Was dann aus seinen Eltern werden würde, wusste er nicht. Albert war ihr einziger Sohn, außer ihm gab es nur noch eine Schwester, doch seit dem Krieg waren die Stellen rar. Er hatte einen Zivilversorgungsschein erhalten und sich damit bei der Post beworben, doch noch hatte er keine Rückmeldung bekommen und wusste selbst nicht, wie es mit seinem Leben weiterging. Mehr als ein winziges Zimmer bei einer unfreundlichen Vermieterin konnte er sich nicht leisten und wenn nicht bald etwas geschah, würde auch er Breslau wieder verlassen müssen, obwohl er die Stadt liebte. Er liebte die Theater, die Lesungen, die Oper, all die klugen Köpfe und die Gespräche in den Cafés. Hier war er zu Hause, hier pulsierte das Leben.
Sie hatten die Halle erreicht. Drinnen herrschte wildes Treiben, junge Männer und Frauen tanzten ausgelassen zur Musik einer Kapelle, Alkohol floss in Strömen und die geröteten Gesichter kündeten davon, dass er seinen Weg in die durstigen Kehlen gefunden hatte. Hermann strahlte.
»Ich bin im Himmel«, sagte er und war schon verschwunden, auf der Suche nach einem Mädchen, das ihm willig in der lauen Sommernacht einige Küsse und vielleicht noch mehr schenken würde. Albert schlenderte am Rande der Tanzfläche zur Bar, wo großer Andrang herrschte, lehnte sich an und ließ seinen Blick schweifen. Manchmal ertappte er sich bei dem Wunsch, so zu sein, wie diese jungen Männer dort, so ausgelassen, so selbstvergessen. Immer erschien es ihm, als gäbe es ihn gleich mehrere Male, als fände eine ganze Konferenz in seinem Kopf statt, die jede Situation, und sei sie noch so trivial, gleich mehrfach beurteilte und kommentierte.
Albert ließ seinen Blick umherwandern und suchte sich schließlich einen Platz am Rande des Treibens. Er nahm Platz und sah sich um.
»Keine Lust zu tanzen?«, hörte er da eine Stimme. Er drehte sich um und sah in das freundliche Gesicht einer jungen Frau mit dunklem Haar.
»Hier, vielleicht hilft das«, sagte sie und hielt ihm ein Glas hin. Albert ergriff es vorsichtig. Sie griff nach einem weiteren Glas, das sie in die Höhe hielt.
»Bester Kartoffelschnaps«, sagte die Frau, dann lachte sie, warf den Kopf in den Nacken und leerte ihr Glas ebenfalls. Albert bemerkte, dass sie nicht mehr ganz jung war, vermutlich ging sie bereits auf die 30 zu, doch genau das verlieh ihr einen aparten Charme, den er in dieser Umgebung unglaublich anziehend fand. Ihre Augen funkelten und sie lachte und zeigte eine Reihe weißer, makelloser Zähne. Ihre Hände und Unterarme waren kräftig.
»Ich bin Anna«, sagte sie.
»Albert«, sagte Albert, und korrigierte sich dann. »Albert Siedow.«
»Das ist ein schöner Name«, sagte sie. Dabei fiel ihm ihr Dialekt auf.
»Du bist nicht von hier, oder?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, ich komme aus Bad Polzin in Pommern. Ich besuche gerade meine Cousine, die hier in der Stadt eine Anstellung hat.«
»Gefällt dir Breslau?«, fragte er.
Sie lächelte, fast ein wenig schüchtern und er bemerkte, dass ihm ihr Lächeln gefiel. Sie war anders als die anderen Frauen hier und das mochte er.
»Es ist eine große Stadt«, sagte sie. »So viele Häuser, Theater, Opern und dann erst die Universität. Bei uns zu Hause ist es anders. Dafür ist die Landschaft da schön. Und das Meer erst. Es ist wundervoll.«
Ein Leuchten trat in ihre Augen.
»Wie lange wirst du hier bleiben?«, fragte Albert.
»Ein paar Tage.«
»Darf ich dich vielleicht einladen? Ein Theaterbesuch? Eine Lesung? Eine Stadt wie Breslau sollte man stets mit einem kundigen Führer kennenlernen, und sei es nur mit einem Spaziergang.«
Anna zögerte kurz, dann aber lächelte sie und willigte ein.
Sie fand ihn auf eine seltsame Weise anziehend, diesen ernsten, zurückhaltenden Mann, aus dessen Augen ein Alter sprach, das nicht so recht zu seinen Lebensjahren passen wollte, doch der Krieg machte das mit den Männern, das wusste sie inzwischen.
Fragte man Anna später, so würde sie sagen, sie habe sich zuerst in Alberts Worte verliebt, in die sanften, wohlüberlegten Briefe, die er ihr nach ihrer Abreise aus Breslau schickte. Sie fanden den Weg in ihr Herz.
Am 28.07.1920, fast ein Jahr nach diesem ersten Abend, heirateten Albert und Anna und sie kam zu ihm nach Breslau. Albert hatte da gerade seine Stelle bei der Post erhalten und erhielt ein kleines Beamtensalär.
Breslau, Juli 1932
»Irmgard? Irmgard! Wo steckst du denn? Der Vater wartet schon.« Anna Siedow rief aus dem Fenster in den Hinterhof, ohne jedoch ihre Tochter erblicken zu können. Dafür aber hörte sie die Zeitungsjungen rufen.
»Albert, Albert, deine Partei hat gewonnen!«, rief sie ihrem Mann zu.
»Sie ist stärkste Partei geworden«
Just in diesem Augenblick hörte sie die schnellen Schritte ihrer Tochter auf der Treppe. Wie ein Wirbelwind schoss das Mädchen mit den klugen Augen und dem Bubikopf in die elterliche Wohnung, auf ihren Vater Albert zu, der gerade im Ohrensessel seinen Nachmittagskaffee genoss.
»Die Zeitungsjungen rufen es durch die Straßen, gewonnen hat er der Hitler, nur für die Regierung reicht es nicht«, sagte Anna und wandte sich dann an ihre Tochter.
»Wo hast du dich wieder herumgetrieben, junge Dame? Schau dir deine Schuhe an, sie sind ganz verstaubt!«
Die Wangen des Mädchens waren vom Laufen erhitzt, als es sich seinem Vater in die Arme warf, der gerade noch seine Tasse beiseite stellen konnte. Rasch griff er in seine Rocktasche und zog eine Münze hervor.
»Schnell, Irmgard, lauf und bringe mir eine Zeitung«, sagte er und schon fegte das Mädchen wieder davon, vorbei an der Mutter, die mit in die Hüften gestemmten Armen in der Tür stand.
»Das Mädchen wird nie Benehmen lernen, so wie du sie behandelst. Schau sie dir an, ein halber Junge ist sie«, schimpfte Anna mit ihrem Ehemann, doch dieser lächelte nur milde. Er wusste selbst, dass er seine Tochter verhätschelte, sie war sein wunder Punkt, seine Achillesferse. Nichts gab es, was er ihren großen, blauen Augen hätte abschlagen können und alles täte er, um sie glücklich zu sehen.
»Lass nur, Anna. Es hat noch nie geschadet, einem jungen Menschen die Freiheit zu lassen. Bücken müssen sie sich noch lange genug«, sagte er friedlich, stand dann aber auf und begann, in der Stube auf und abzulaufen.
»Was heißt das nun, dass Hitler gewonnen hat? Bekommst du nun einen Parteiposten?«, erkundigte sich Anna neugierig. Albert schnalzte mit der Zunge.
»Wenn es nicht für eine absolute Mehrheit gereicht hat, wird der Herr Hitler gar nichts tun«, sagte Albert und stellte sich an das Fenster. Die letzten Wochen waren voll von beunruhigenden Meldungen gewesen. Überall im Land waren Mitglieder der NSDAP und der KDP aneinandergeraten, in einem Bauernhaus bei Neustrelitz hatten betrunkene SA-Männer einen polnischen Mann geprügelt und dann erschossen und waren nie dafür vor Gericht gestellt worden. Solche Vorfälle gab es nun beinahe täglich. Die SA marschierte durch die Straßen. Zuwider waren sie ihm, diese rohen Gesellen, und er verstand nicht, warum Hitler sie gewähren ließ. Hatte er nicht längst genug Rückhalt von bürgerlicher und sogar adeliger Seite?
»Und was heißt das?«, fragte Anna, die Hände noch immer in die Hüften gestemmt.
»Es wird Neuwahlen geben«, erklärte Albert. »Schon bald, und dann wird die NSDAP noch mehr Stimmen bekommen. Dann wird es für eine alleinige Regierung reichen und dann wird er aufräumen, der Herr Hitler.«
Anna murmelte etwas Unverständliches und verschwand in Richtung Küche, wo sie sich am liebsten aufhielt. Er verstand, dass Hände, die ein ganzes Leben lang gearbeitet hatten, nun nicht auf einmal ruhen konnten, zumal ihr das Leben in der Stadt zu schaffen machte, und ließ ihr ihre Rückzugsorte.
»Ich bekomme keine Luft«, pflegte sie immer zu sagen und riss sich am gestärkten Kragen.
»Daheim, in Pommern, da ist der Himmel weit, da fliegen die Kraniche über die Felder, da weht ein Wind vom Meer und alles ist Freiheit und Fluss.« Manchmal, selten, fühlte sich Albert schuldig, weil er sie hierhergebracht hatte, weg aus Stettin und Bad Polzin, ihrer Heimatstadt. Aus Anna konnte man keine Stadtpflanze machen, ganz gleich welche schönen Kleider er ihr kaufte oder wie oft er sie zum Theater ausführte, sie trug lieber eine Schürze und kümmerte sich um den Haushalt.
Auf der Straße vor dem Haus herrschte reges Treiben, die Nachricht über den Wahlausgang verbreitete sich wie ein Lauffeuer und in vielen Gesichtern las er Freude, Hoffnung gar, eine Hoffnung, die er teilte. In den vergangenen Jahren war viel geschehen. Sein Herz verkrampfte sich, wenn er an die Vertreibung seiner alten Eltern aus Rawitsch dachte. Der Vater hatte sie nicht überlebt, an gebrochenem Herzen war er gestorben, die Mutter war ihm nur wenige Monate später gefolgt.
Wie ein solches Unrecht möglich war, das wollte er nicht verstehen. Natürlich hätten sie bleiben können, wenn sie Polen geworden wären, doch lieber wäre sein Vater gestorben. Seit die Weimarer Republik herrschte, ging es allerorten bergab. Die Arbeitslosigkeit war hoch, auch deshalb jubelten viele der neuen Partei zu, täglich trafen Nachrichten aus der Mitte des Deutschen Reichs, aus Berlin in Breslau ein, die davon kündeten, wie alles im Niedergang begriffen war. Es war an der Zeit, aufzuräumen, der Lotterei der Weimarer Republik ein Ende zu setzen, dieses Experiment für gescheitert zu erklären. Hitler war dafür der richtige Mann, dachte Albert, einer, der die Massen zu bewegen wusste und ohne die Massen, so wusste er, konnte man heute die Welt nicht mehr verändern. Unruhig begann er, vor dem Fenster auf und abzugehen. Viele Veränderungen hatten ihn mit Sorge erfüllt, etwa der Aufstieg der katholischen Zentrumspartei. Er verabscheute den Katholizismus für seine Obrigkeitshörigkeit und hielt ihn für eines der größten Hindernisse beim Fortschritt. Solange die Menschen dachten, dass im Himmel eine bessere Welt auf sie wartete, solange würden sie zögern, diese Welt hier zu einer besseren zu machen.
Manchmal, immer öfter in letzter Zeit, erfüllte ihn die Ignoranz der Menschen mit Zorn. Früh schon war er in die NSDAP eingetreten, kurz nach dem gescheiterten Putschversuch Hitlers hatte er sich der Ludendorff-Bewegung angeschlossen, dem Bund für Deutsche Gotteserkenntnis. Gott, das war nichts anderes als die Volksseele und die galt es in seinen Augen zu schützen, ganz anders als es diese Republik getan hatte. Von überall her aus dem Osten waren in den letzten Jahren die Juden in die Stadt gekommen, ganze Viertel gehörten ihnen jetzt. Was, wenn sie einst das Gleiche forderten wie die Polen? Würden sie dann auch Breslau verlieren, sein geliebtes Breslau, die »Blume Europas«?
Albert ertrug diesen Gedanken kaum, doch seit sich die Nachrichten von der stumpfen Blutlust der SA-Leute auf den Straßen des Reichs mehrten, wuchsen in ihm Zweifel. Er verabscheute Gewalt. Gewalt kam nur da zum Einsatz, wo der Geist versagte und in seinen Augen gab es für dieses Versagen nie eine Entschuldigung.
»Vater«, hörte da Irmgard von der Treppe aus rufen, und drehte sich zu ihr um. Mit roten Wangen und keuchendem Atem überreichte sie ihm die Zeitung, die in großen Lettern den Sieg der Nationalsozialisten verkündete.
Breslau, August 1934
»Ich freue mich auf den Herbst, wenn die Blätter wieder so schön rot werden«, sagte Irmgard, während sie auf einem Baumstumpf balancierte. Im nächsten Sommer würde sie zehn Jahre alt werden, sie war klein, fast schmächtig für ihr Alter, doch in der Schule war sie eine der Besten.
»Das hast du von deinem Vater«, pflegte die Mutter zu sagen, die die Liebe, die Tochter und Vater zu Büchern hatten, nicht teilte.
»Die Mutter denkt lieber mit den Händen«, pflegte wiederum Albert zu sagen und dann lachten er und Irmgard auf jene Weise, die nur sie beide verstanden.
»Glaubst du, es ist der liebe Gott, der die Blätter rot macht?«, fragte Irmgard, ihren Vater, der neben ihr her durch den Wald nahe des Breslauer Stadtteil Dürrgoy lief. Ihre gemeinsamen Sonntagsspaziergänge hatten Tradition und Albert, der von der Arbeit im Postamt sehr eingespannt war, genoss sie stets.
»Nein, es ist der Herbst, der die Blätter rot färbt«, erklärte er geduldig. »Bevor der Winter kommt, stoßen die Bäume die Blätter ab, weil sie sonst erfrieren und den Winter nicht überstehen würden.«
Irmgard neigte den Kopf und sah ihren Vater an.
»Aber ist es nicht schade um die Blätter? Sieh doch nur, wie schön sie jetzt sind? Wie ein Dach über uns.« Sie legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben, bis es ihr schwindelte.
»Aber nein, im nächsten Jahr wachsen neue. Und andernfalls würden sie sich ja auch nicht verfärben und so schöne Farben bekommen.« Irmgard wandte den Kopf wieder nach vorne und sah ihren Vater sehr ernst an.
»Willst du damit sagen, die Blätter sehen im Herbst so schön aus, weil sie sterben?« Albert blinzelte. Immer wieder schaffte es seine Tochter, ihn mit solchen Fragen aus dem Konzept zu bringen.
»So kann man das wohl sagen«, sagte er nachdenklich. Wo hatte sie nur solche Gedanken her?
»Das ist traurig«, sagte sie, hüpfte aber schon im nächsten Augenblick wieder ausgelassen vor ihm her und Albert versank in seinen Gedanken. Im Januar 1933 war die NSDAP bei den Neuwahlen an die Macht gekommen, ganz so, wie es Albert vorhergesehen hatte und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Weimarer Republik mit all ihren Institutionen ein Ende finden würde. Nur wie es dann weiterging, das wusste niemand. Ein Taumel hatte das Land ergriffen, ein Hoffnungstaumel, der das Denken außer Kraft setzte. Sie alle jubelten Hitler zu, doch je mehr der Rest des Landes ihrem neuen Führer zujubelte, umso mehr wurde Albert Siedow, als einer seiner frühesten Anhänger, von Zweifeln gemartert. Überall im Land verhafteten sie Kommunisten, Sozialdemokraten und andere, mit denen die NSDAPler noch eine Rechnung offen hatten.
Mit Politik hatte das alles wenig zu tun und in Albert wuchs die Abscheu mit jedem Tag. Er sehnte sich nach Frieden, nach Kontinuität, wie es sie in Europa nur unter den starken Kaisern gegeben hatte. Nun war das Kaisertum abgeschafft und lange Zeit hatte er gehofft, dass Hitler als eine Art moderner Kaiser fungieren konnte, der das Reich und die Menschen zusammenhielt und ihnen in unsicheren Zeiten Führung gab. Nun stellte sich von Tag zu Tag mehr heraus, dass Hitler eben der Geist unsicherer Zeiten war.
Plötzlich hörte er vor sich einen erstickten Schrei. Erschrocken fuhr er aus seinen Gedanken auf und blickte zu Irmgard, die einige Meter von ihm entfernt stand und etwas anstarrte, das von seiner Position aus noch von Bäumen verborgen war. Rasch lief er zu ihr.
Irmgard stand unmittelbar vor einem fast zwei Meter hohen Zaun, der mit Stacheldraht bewehrt war. Dahinter lag eine große Fläche, auf der sich Baracken befanden, einfach und roh gezimmert. Zaun und Baracken verrieten, dass sie sich noch nicht lange hier befanden, doch das war es gar nicht, was Albert den Atem verschlug und Irmgard hatte aufschreien lassen. Es waren die Menschen hinter dem Zaun. Nie zuvor, noch nicht einmal im Krieg, hatte er Menschen in diesem Zustand gesehen. Ausgemergelte Körper, Gesichter, die wie die von Toten schienen, dürre Arme und Hände, die sich dem Kind unter Wimmern entgegenstreckten. Es waren einige Dutzend, die sich in der Nähe des Zauns drängten, ohne ihn zu berühren, und als Albert näherkam, verstand er auch warum.
Er hörte das gefährliche Summen, das von dem Zaun ausging und schrie: »Irmgard, zurück! Der Zaun steht unter Spannung!«, doch Irmgard schien ihn gar nicht zu hören, so gebannt war sie von dem schrecklichen Anblick, der sich ihr bot. Endlich erreichte er sie und riss sie zurück. Nun konnte er auch verstehen, was die Gestalten wimmerten.
»Hunger«, sagten sie, immer wieder, mit schwachen Stimmen. »Hunger«.
Albert stand fassungslos vor dem Zaun. Wann war er zuletzt hier gewesen? Was war das für ein Ort? Was hatte das zu bedeuten? Auf einmal war ein lautes Knallen zu hören und von weitem kamen Männer in Uniformen herbeigelaufen. Einer schoss mit seiner Waffe in die Luft, ein anderer schwang die Peitsche und ließ sie unbarmherzig auf die elenden Gestalten vor dem Zaun niedersinken, die sich schreiend vor den brutalen Hieben zu schützen suchten.
