Fontane - Iwan-Michelangelo D'Aprile - E-Book
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Beschreibung

Theodor Fontane war einer der modernsten Autoren seiner Zeit (1819–1898) Er schrieb Balladen über amerikanische Dampfschiffe und Eisenbahnunfälle in Schottland, als Journalist und Romanautor war er ein unermüdlicher Stoffesammler, der mit Genres und Formaten ebenso unternehmungsfreudig experimentierte, wie er es mit den Arzneimischungen im Apothekerlabor getan hatte, so lange, «bis die Mischung stimmte». Der Germanist Iwan-Michelangelo D'Aprile löst den Autor von «Effi Briest» und des «Stechlin» aus seinem preußisch-brandenburgischen Nahbereich und sucht Fontane inmitten der beschleunigten, zunehmend elektrifizierten und globalisierten Welt auf. Wir begegnen Fontane bei der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnlinien, begleiten ihn als frühen Pauschaltouristen auf hohe See und erleben ihn 1848 als Barrikadenkämpfer und als Wahlmann für das erste frei gewählte Parlament der deutschen Geschichte. Wir folgen ihm als Korrespondenten nach London, lernen ihn als Beobachter der neuen foto- und telegrafiegestützten Kriegsreportage sowie als Kolonialismuskritiker kennen. Und wir erleben, wie er vom Untergang des alten Preußen erzählt, im fortgeschrittenen Alter energisch im Kulturbetrieb der Hauptstadt des neuen Kaiserreichs Berlin mitmischt, den modernen Berliner Gesellschaftsroman begründet und zum Förderer und Idol einer neuen Generation junger Avantgardisten wird. D'Apriles lebendige und kenntnisreiche Darstellung des Lebens von Theodor Fontane weitet sich zum Epochenporträt des 19. Jahrhunderts. So entsteht ein vielschichtiges und spannungsreiches Bild, das zur Neulektüre eines literarischen Klassikers einlädt.

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Seitenzahl: 740

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Iwan-Michelangelo D'Aprile

Fontane

Ein Jahrhundert in Bewegung

 

 

 

Über dieses Buch

Theodor Fontane (1819–1898) schrieb Balladen über amerikanische Dampfschiffe und Eisenbahnunfälle in Schottland, als Journalist und Romanautor war er ein unermüdlicher Stoffesammler, der mit Genres und Formaten experimentierte, wie er es mit den Arzneimischungen im Apothekerlabor getan hatte, so lange, «bis die Mischung stimmte».

Iwan-Michelangelo D’Aprile löst den Autor von Effi Briest aus seinem preußisch-brandenburgischen Nahbereich und sucht Fontane inmitten der beschleunigten, zunehmend elektrifizierten und globalisierten Welt auf, in der er lebte. Wir begleiten ihn als einen der ersten Pauschaltouristen auf hohe See und erleben ihn 1848 als Barrikadenkämpfer. Wir folgen ihm als Korrespondent nach London, lernen ihn als Beobachter der neuen foto- und telegraphiegestützten Kriegsreportage kennen und erleben, wie er vom Untergang des alten Preußen erzählt, im fortgeschrittenen Alter den modernen Berliner Gesellschaftsroman begründet und zum Idol einer neuen Schriftsteller-Generation wird.

Iwan-Michelangelo D’Apriles lebendige und kenntnisreiche Darstellung des Lebens von Theodor Fontane weitet sich zum Epochenporträt – die spannende Neulektüre eines literarischen Klassikers.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

Umschlagabbildung Cardiff Docks, 1896 (oil on canvas), Walden, Lionel (1861-1933)/Musee d'Orsay, Paris, France/Bridgeman Images

ISBN 978-3-644-00069-8

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Einleitung

I Apotheker auf der Flucht

Glanz und Elend des Apothekers

Fontanes Labor

Kindheit und Familie

Bankrotte und Erbschaften

Eisenbahn im Tunnel

Schienen, Straßen, Kneipen, Clubs

Liebe und Freundschaft

Der erste Tourist

Barrikade und Ballade

Der Revolutionär

Popularität auf Preußisch

Lost in Denmark

II Journalist im Dienst

Nachrichtenwelten und Weltnachrichten

Die Praxis des Journalisten

Realismus und Welthorizonte

Rückkehr über Schottland

Korrespondenzen des Kriegsjahrzehnts

Redaktion im Regierungsviertel

Provinzialkorrespondenz und Heimatexpedition

Bismarcks Depeschen und Lazarus’ Telegramme

Kündigung im Kaiserreich

Stationen eines Ausstiegs

Neupositionierung als Kulturjournalist

Historischer Roman und Zeitkritik: Sturm – Storch – Schach

III Romancier der Hauptstadt

Romane in Serie

Im Romanschriftsteller-Laden

Berliner Gesellschaftsroman

Ordnung und Gewalt

Alter und Avantgarde

Auf freier Bühne

Medienbeobachter und Zeitungsmensch

Der große Zusammenhang der Dinge

Erbe und Wahlverwandtschaften

Das Testament

Alters-Antisemitismus?

Von Neuruppin nach Neuruppin

Epilog: Fontane-Retterinnen

Tafelteile

Tafelteil I

Tafelteil II

Tafelteil III

Anhang

Dank

Kurztitel

Personenregister

Bildnachweis

Tafelteil I

Tafelteil II

Tafelteil III

Für Dorothee, Jakob und Bruno

Einleitung

Im Jahr 1889 bat der Berliner Verlagsbuchhändler Friedrich Pfeilstücker deutsche Autoren, ihm eine Liste der ihrer Meinung nach «100 besten Bücher aller Zeiten und Litteraturen» zu schicken. Die Idee hatte er von britischen Zeitungen übernommen, die ihre Abonnenten schon seit einigen Jahren regelmäßig nach deren «100 best books» fragten und kurze Zeit später auch die ersten Bestsellerlisten veröffentlichten.

Als Pfeilstücker seine erste Umfrage verschickte, stieß er allerdings auf breite Ablehnung. Durch ein «briefliches Plebiszit» eine Art Kanon der Weltliteratur oder auch nur eine Empfehlungsliste «zur Beratung des lesenden Publikums» ermitteln zu wollen, erschien den meisten Autoren als «spleenig und sportartig», berichtet der Herausgeber in seiner Vorrede: «Das Ergebnis war eine geringe Anzahl von Listen und eine überwiegende Menge von Äußerungen über den Anglizismus des Unternehmens.» Moniert wurde die «Unthunlichkeit» einer Umfrage auf einem «Gebiete, mit dem die Individualität des Urteils unzertrennlich verwachsen» sei, wie es ganz gemäß des klassisch-romantischen Literaturverständnisses vielfach hieß.[1]

Die meisten Befragten weigerten sich zu antworten. Andere machten sich daran, die Liste gründlich zu systematisieren und in Kategorien zu unterteilen. Sie bildeten Klassen und Gruppen nach Epochen, Weltregionen, Gattungen oder Sachgebieten. Erst nach einem zweiten Versuch kamen schließlich mit 35 Einsendungen genug Antworten für die Veröffentlichung der Broschüre zusammen.[2]

Theodor Fontane, gleichermaßen Zeitungs- wie Großbritannien-geschult, nahm die Sache mit Humor und Ernsthaftigkeit zugleich. Er sandte, mit einem Augenzwinkern, eine Liste ein, die praktisch alle Bücher und Autoren enthielt, die für seine eigene literarische Entwicklung von Bedeutung waren. Sie präsentiert eine wilde Mischung aus sogenannter klassischer Literatur und populärer Unterhaltungsliteratur, wobei er auf jegliche Klassifizierung oder einleitende Erklärungen verzichtete – ein Klassenwahlrecht auf dem Gebiet der Literatur kannte Fontane nicht.

Auf Platz eins bis vier der wichtigsten Bücher der Weltliteratur setzte er: 1. Polnische Räubergeschichten des Berliner Unterhaltungsblatts Beobachter an der Spree. 2. Die Abenteuerromane Cortez und Pizarro des Aufklärungspädagogen Joachim Heinrich Campe, der im späten 18. Jahrhundert sehr erfolgreich internationale Romane in deutschsprachige Jugendbuchfassungen seiner zwölfbändigen Kleinen Kinderbibliothek adaptiert hatte. Auf Platz 3 folgen James Fenimore Coopers Der letzte Mohikaner (1826) und weitere Titel aus dessen Lederstrumpf-Romanzyklus, mit dem der US-amerikanische Autor die Western-Literatur begründete. An vierter Stelle stehen populäre Bilderbücher zur Weltgeschichte. Erst auf den weiteren Plätzen folgen Autoren von Gottfried August Bürger und Friedrich Schiller bis William Shakespeare und Walter Scott, Charles Dickens und Émile Zola. Ab Nummer 71 hatte Fontane keine Lust mehr und brach ab.[3]

Fontane war ein Listen-Fuchs. Über alle Phasen seines an Bankrotten, Brüchen, Seiten- und Positionswechseln wahrlich nicht armen Lebens hinweg bekam er es immer wieder mit Listen zu tun. Als Apotheker-Gehilfe musste er Vorratslisten für Medikamente anlegen und für seine Prüfungen Listen von Pflanzenarten, Heilkräutern und Rezepten auswendig lernen. Während seiner jahrzehntelangen Erwerbstätigkeit als preußischer Presse-Berichterstatter fertigte er unzählige Listen, Statistiken und Exzerpte deutscher und englischer Zeitungen und Zeitschriften an. Fontanes Listen von Interieurs adliger Landhäuser und Kirchen, die er in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg veröffentlichte, sind bis heute eine wichtige historische Quelle. Manche Provenienzen oder Bestandsverzeichnisse von Gemäldesammlungen lassen sich nur noch dank seiner Aufzeichnungen rekonstruieren. Wie wir sehen werden, sind Listen-Gedichte eine eigene Fontane’sche Form. Und Listen gehörten zum festen Inventar seines «Romanschriftsteller-Ladens», mit dem er sich im Alter von knapp sechzig Jahren selbständig machte.[4] Für seine literarische Serienproduktion legte er fortan zahllose Listen mit Szenen, Figuren, Anekdoten und Schauplätzen an, die er je nach Markt- und Verlagsbedürfnissen kombinierte und kompilierte.[5]

In seinem letzten Roman Der Stechlin, in dem er ein Epochenporträt des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwirft, werden kürzlich verstorbene Persönlichkeiten wie der portugiesische Volkspädagoge João de Deus, der englische Maler John Everett Millais, der Wasserkur-Erfinder Sebastian Kneipp, der preußische Gründer des Weltpostvereins Heinrich von Stephan oder die schwedische Opernsängerin Jenny Lind aufgelistet. Am Ende des Romans steht ein fiktives Album mit politischen Akteuren des Jahrhunderts von Otto von Bismarck und Heinrich von Moltke über Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi, Karl Marx und Ferdinand Lassalle bis zu August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Solche Listen dienen der Bestandsaufnahme, Archivierung und Sammlung dessen, was eine Epoche ausmacht, und beglaubigen den Realismusanspruch des Romanautors Fontane.[6]

Wem auffällt, dass es sich bei den Gelisteten hauptsächlich um Männer handelt, kann diesen eine Aufreihung von Fontanes Romantiteln zur Seite stellen: Von siebzehn Romanen sind sieben nach Frauen benannt (L’Adultera, Grete Minde, Cécile, Stine, Frau Jenny Treibel, Mathilde Möhring und – natürlich – Effi Briest). Auch sonst sind, wie im Fall der drei Schwestern Poggenpuhl und ihrer Mutter, meist Frauen die Hauptfiguren. Nur Graf Petöfy und Schach von Wuthenow heißen ausnahmsweise nach männlichen Protagonisten – und beide nehmen sich das Leben.

Theodor Fontane, bis heute durch seine Romane als Klassiker des bürgerlichen Realismus bekannt und mit seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg insbesondere nach der deutschen Wiedervereinigung als Reise- und Heimatschriftsteller vermarktet, wird in diesem Buch im Kontext der tiefgreifenden Verwandlung und Modernisierung der Welt im 19. Jahrhundert porträtiert.[7] Die sämtliche Lebensbereiche betreffenden Umbrüche durch technische Erfindungen, beschleunigte Globalisierungsprozesse, neue Verkehrs- und Kommunikationsmittel, Medienrevolutionen und soziale und politische Emanzipationsbewegungen hat Fontane nicht nur hautnah miterlebt, sie prägten auch unmittelbar seine literarische Praxis.

Epochale Ereignisse, Schreiben und Leben bilden bei Fontane eine untrennbare Einheit. Ohne Vormärz und Teilnahme an den Berliner Barrikadenkämpfen wäre er kein politischer Journalist geworden. Ohne die gegenrevolutionäre staatliche Pressepolitik hätte es den regierungsamtlichen Korrespondenten Fontane nicht gegeben. Ohne den Krimkrieg (1853–1856) wäre Fontane nicht als preußischer Presseagent nach London entsandt worden, wo er zugleich zum Reiseschriftsteller wurde. Ohne die Einigungskriege von 1864, 1866 und 1870/71 gäbe es nicht den Zeithistoriker Fontane, der seine Kriegsbücher als wichtige Vorschule für die späteren Romane betrachtete.

Nach dem väterlichen Bankrott und dem damit verbundenen Ende der Apothekerlaufbahn im Alter von dreißig Jahren zum Berufswechsel gezwungen, arbeitete Fontane sein gesamtes Erwerbsleben bis zur Pensionierung mit siebzig als professioneller Journalist. Dies muss man bedenken, will man den Schriftsteller Fontane verstehen. Beinahe alle seine Texte sind in Zeitungen oder Zeitschriften erschienen – von den ersten literarischen Versuchen des Apothekerlehrlings der späten 1830er Jahre im Berliner Figaro und Übersetzungen britischer Arbeiterdichtung in der Leipziger Literaturzeitung Die Eisenbahn im Vormärz bis zu den späten Romanen, die zuerst als Serien in den großen regionalen sowie überregionalen Zeitungen und Kulturzeitschriften des Kaiserreichs veröffentlicht wurden.

Anders als es die heutige Rezeption von Fontanes Werken als «Klassiker» im Buchformat suggeriert, handelt es sich dabei größtenteils um «offene» journalistische Arbeiten, die auf Auftraggeber, Zielgruppen und Profile der Zeitungen und Zeitschriften, auf Verleger- und Redaktionsvorgaben sowie Marktverhältnisse Rücksicht nahmen und reagierten. Welche Gattungen, Formen, Themen oder selbst Stilebenen Fontane wählte und warum, war in allen seinen Lebensphasen von den journalistischen und literarischen Feldern geprägt, in denen er sich bewegte.

Seine Balladen stehen in untrennbarer Wechselwirkung mit dem Literaturverein Tunnel über der Spree und der englischen Korrespondententätigkeit, seine Fortsetzungsromane mit dem sich wandelnden Pressemarkt der neuen Reichshauptstadt Berlin. Als Autor, der vom Schreiben leben musste, war Fontane auf Zweitverwertungen seiner journalistischen «Brotarbeiten» angewiesen oder kombinierte sie geschickt mit eigenen literarischen Projekten. So nutzte er seine Kompetenzen als Korrespondent, Redakteur und Nachrichtenagenturgründer, um für die englischen und schottischen Reiseberichte, die Wanderungen durch die Mark Brandenburg oder die umfangreichen Kriegsbücher ein weitumspannendes Informationsnetz aufzubauen. Diese haben vielfach den Charakter von Kompilationen, in denen beträchtliche Teile nur teilweise oder sogar gar nicht von ihm geschrieben wurden. Die klassisch-romantische Idealisierung des Autors als schöpferisches Genie, das aus seiner Individualität heraus sein Werk «organisch» hervorbringt, geht an Fontanes Schreibrealität vorbei.[8]

Ein origineller Autor war Fontane jedoch allemal. Als Autodidakt, der nur sehr unregelmäßig zur Schule gegangen ist und weder das Abitur gemacht noch studiert hatte, begriff er die zunehmend massenmedial vermittelte und vernetzte Welt als Bildungschance und Horizonterweiterung. Zeit seines Lebens ließ er sich auf wechselnde Berufsfelder ebenso wie auf fremde Länder neugierig ein, immer auf der Suche nach literarischen Stoffen, Themen und Formen: Gleich auf seiner ersten, halb touristisch, halb zum Ausloten von Auswanderungsmöglichkeiten unternommenen Englandreise sammelte er Balladenstoffe, mit denen er nach seiner Rückkehr in Berlin reüssieren konnte. Es gibt in Fontanes Leben keine Reise, auf der er nicht geschrieben und das Geschriebene beruflich genutzt oder literarisch vermarktet hätte. Immer bereitete er sich akribisch vor, und meist spielte er einen Teil der Reisekosten durch die Publikation von Reisefeuilletons wieder ein. Noch während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich verfasste er bereits die Artikel über seine Erlebnisse. Und selbst die Sommerfrischen und Kurreisen im Alter dienten beinahe mehr als der Erholung dem Schreiben. Vielfach sind deren Aufenthaltsorte als Schauplätze und Handlungsepisoden in seine Romane eingegangen.

Die neuen Medienformate seiner Zeit hat sich Fontane dabei überaus kreativ literarisch anverwandelt. Die Form der Liste, in der die moderne Bürokratie, die statistische Erfassung einer zunehmend komplexen Gesellschaft, aber auch Demokratisierungsprozesse (etwa in Wahllisten, Umfragen und Mehrheitsentscheidungen) des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck kommen, ist dafür nur ein Beispiel. Vergleichbares gilt für Fontanes Umgang mit der Zeitung, dem ersten Massenmedium der modernen Welt, mit der neuen Reklame oder mit Postkarten und Telegrammen, die zu alltäglichen Kommunikationsmitteln wurden. So wie es eine Poetik der Liste bei Fontane gibt, gibt es in seinem Werk auch eine Poetik der Zeitung oder eine Poetik der Reklamesprache.

Fontane lässt sich so geradezu als Reporter und Zeithistoriker seines Jahrhunderts verstehen, der den vielstimmigen öffentlichen Diskurs in seiner Literatur gleichsam «verdoppelt» und verdichtet hat.[9] Mit seinem an Zeitungen geschulten Blick widmet er dabei scheinbar Alltäglichem und Nebensächlichem dieselbe Aufmerksamkeit wie Großereignissen, bildet das thematische Allerlei der Zeitung in den unzähligen Gesprächen seiner Romanfiguren ab, sucht zu jeder Position meist auch die Gegenposition und lässt unterschiedliche Stimmen und Perspektiven zu Wort kommen.

Den wechselseitigen Verschränkungen von Epoche, Biographie und Werk bei Fontane versucht die folgende Darstellung auch in der Form gerecht zu werden. Sie folgt mit ihrer Gliederung in drei große Teile den drei Lebensabschnitten Fontanes als Apotheker, preußischer Pressearbeiter und Romancier. Auch die Einzelkapitel verlaufen entlang von Lebensjahrzehnten und -stationen. Anhand dieser Stationen werden jeweils historische und mediale Kontexte, literarische Felder und Gattungsentwicklungen auch über die strikte Chronologie hinaus diskutiert: die Bedeutung der Sozialisation als Apotheker für Fontanes literarischen Bildungsweg und späteres Autorenverständnis, die Rolle von Verkehrsrevolutionen und Literaturvereinen für Fontanes literarische Anfänge im Vormärz, der Zusammenhang und zugleich das Spannungsverhältnis von Revolutionsengagement und Balladendichtung um 1848, Globalisierungserfahrungen während seiner Großbritannien-Aufenthalte in den 1850er Jahren, Querverbindungen zwischen der Redaktionstätigkeit bei der regierungsnahen Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung und den Wanderungen durch die Mark Brandenburg und der Arbeit an den Kriegsbüchern in den 1860er Jahren, die Umorientierung und Neupositionierung als Kulturjournalist, Theaterkritiker und Romanautor in den Gründerjahren, die serielle Romanproduktion auf dem expandierenden Literaturmarkt des Kaiserreichs und der rasant wachsenden Reichshauptstadt der 1880er Jahre, die Situierung von autobiographischen Rückblicken und Alterswerk innerhalb der Avantgardebewegungen und ihrer neuen Medienformate während seines letzten Lebensjahrzehnts. Ausgehend von Fontanes Testament schließt die Darstellung mit einem Ausblick auf die unmittelbare Überlieferungsgeschichte seines Nachlasses ab, die auch eine Geschichte der Nichtüberlieferung und selektiven Veröffentlichung ist.

Für ein solches kontextualisierendes Verfahren sprechen im Fall Fontane noch weitere Gründe. Die biographischen Brüche, Berufs- und Seitenwechsel und die häufig prekäre und widersprüchliche, teilweise aber auch selbstgewählte Position «zwischen den Stühlen» bringen es mit sich, dass Fontanes Selbstaussagen nur sehr bedingt und nur nach gründlicher quellenkritischer Analyse zur Rekonstruktion seiner Biographie taugen. Man steht hier vor dem Dilemma, dass für viele Lebensabschnitte hauptsächlich Zeugnisse von ihm selbst überliefert sind, er aber zugleich ein besonders unzuverlässiger Zeuge ist. Nicht nur seine autobiographischen Schriften, auch seine Briefe und Tagebücher wimmeln von Stilisierungen, Verschleierungen und Versteckspielen. Fontanes eigenem Verfahren der Vielstimmigkeit und pluralen Perspektivierung folgend, wird daher möglichst häufig der Abgleich mit Äußerungen von Zeitgenossinnen und anderen Beteiligten gesucht. Nur ein besonders augenfälliges, aber durchaus auf andere Aspekte übertragbares Beispiel ist die Frage nach den Einkommensverhältnissen der Familie Fontane, für die es in jedem Fall ratsamer ist, Emilie Fontanes Aufzeichnungen zu konsultieren als die von Theodor.

Dies bringt es mit sich, dass in diesem Buch nicht nur Fontanes, sondern viele weitere unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Vermeintlichen Nebenpfaden wird manchmal mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als altbekannte Stilisierungen Fontanes zu reproduzieren. Offene Fragen, ungelöste Probleme oder Spuren werden manchmal nur angedeutet, ohne den Anspruch zu erheben, sie erschöpfend auszudiskutieren. Ohnehin ist im Wissen um Detailfragen die spezialisierte Fontane-Forschung, vor allem aber auch eine große Zahl von interessierten Laien und Fontane-Liebhabern unschlagbar – dies lässt sich mit Hilfe der weiterführenden Literaturhinweise im Anhang nachverfolgen. Anhand ausgewählter repräsentativer Beispiele werden die unterschiedlichen Gattungen, Werkgruppen, Schreibweisen und Stilmittel Fontanes vorgestellt. Dabei werden auch unbekanntere Texte, unvollendete Entwürfe und zu Lebzeiten unveröffentlichte Werke diskutiert, deren vermeintlich peripherer Charakter manchmal gerade ins Zentrum seiner schriftstellerischen Praxis weist.

Die angestrebte Balance zwischen Biographie und Epochenporträt, Werk und Kontext, Historisierung und aktuellen Frageperspektiven, Wissenschaft und Verständlichkeit soll zuallererst Neugier und Interesse wecken, den Klassiker des bürgerlichen Realismus Theodor Fontane neu zu entdecken. Dies heißt nicht, dass man bei ihm unmittelbare Antworten auf die Fragen des 21. Jahrhunderts finden wird – auch wenn die Herausforderungen des 19. Jahrhunderts fortwirken. Er selbst hätte als historisch denkender Mensch diesen Anspruch nicht erhoben. Die bildungsbürgerliche Idealisierung der kanonischen Autoren des 18. Jahrhunderts, bei denen sich vermeintlich ewige Wahrheiten fänden, nannte er «Klassiker-Popanz» und verwies darauf, dass Lessing zu seinen Lebzeiten als «Blasphemist», Schiller als «Anarchist» und Goethe als «Pornograph» galten.[10] Biographien, die sich nach dem üblichen «Rezept» das «‹beautifying for ever› zur Aufgabe stellen», wie er es in einer für ihn typischen Faszination für den Werbeslogan einer neuen Schönheitscreme formuliert, waren ihm «unerträglich».[11] Interessant wird der Autor Fontane hingegen sowohl als Diagnostiker wie als Symptom der Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten seines bewegten Jahrhunderts.

IApotheker auf der Flucht

Glanz und Elend des Apothekers

«Auch die Rückseite!»

(Arbeitsanweisung an sich selbst, um 1877)

Fontanes Labor

Theodor Fontanes erster Berliner Gesellschaftsroman Allerlei Glück sollte ein Apothekerroman werden. «Roman meines Lebens» nennt Fontane den Entwurf, der 1877/78 parallel zu den Abschlussarbeiten an seinem Romandebüt Vor dem Sturm entstand, gegenüber dem anvisierten Verleger: «Zeitroman. Mitte der siebziger Jahre; Berlin und seine Gesellschaft, besonders die Mittelklassen, aber nicht satirisch, sondern wohlwollend behandelt. Das Heitre vorherrschend, alles Genrebild. Tendenz: es führen viele Wege nach Rom, oder noch bestimmter: es giebt vielerlei Glück, und wo dem Einen Disteln blühn, blühn dem Andern Rosen […] die Tugend- und Moralfrage verblaßt daneben. Dies wird an einer Fülle von Erscheinungen durchgeführt, natürlich ohne dem Publikum durch Betonungen oder Hinweise lästig zu fallen. Das Ganze: der Roman meines Lebens oder richtiger die Ausbeute desselben.»[1] Wir wissen nicht, wie das von Fontane mit der Gattungsbezeichnung «New Novel» überschriebene Werk am Ende ausgesehen hätte, aber es wäre wohl ein buntes Großstadtpanorama geworden, in dem alle Figuren einen «Knacks» haben, aber vom Erzähler nicht dafür verurteilt werden – also irgendwo zwischen Fontanes britischem Modellroman Jahrmarkt der Eitelkeit (1847/48) von William Thackeray und Woody Allens New-York-Komödien. Erst kommt das Leben, dann die Moral. Oder wie es bei Fontane heißt: «allerlei Moral» – «allerlei Glück».[2]

Der Apothekerroman-Entwurf entsteht an einem der entscheidenden Wendepunkte in der an Brüchen nicht armen Biographie Fontanes. Kurz zuvor hatte er den Staatsdienst aufgekündigt und mit Ende fünfzig den Entschluss gefasst, sich als Schriftsteller selbständig zu machen. Dies ist der Beginn des Romanautors Fontane: einer der Begründer und bis heute meistgelesenen Vertreter des modernen realistischen Romans. Im letzten Lebensdrittel wird der Roman als Gattung zu Fontanes bevorzugtem Reflexionsmedium gesellschaftlicher, aber auch biographischer Spannungen und Widersprüche. Allerlei Glück stellt eine wichtige werkbiographische Scharnierstelle dar, von der aus die Verbindungslinien zwischen den unterschiedlichen Lebensphasen und Tätigkeitsbereichen, zwischen den vermeintlichen Brotberufen des Apothekers und Journalisten und dem «eigentlichen» Fontane als Klassiker des bürgerlichen Realismus sichtbar werden.

Im Sinne der von Fontane erwähnten «Ausbeute» seines Lebens finden sich in dem Entwurf zahlreiche Reminiszenzen an die Schauplätze seiner Kindheit und Jugend und an seine Sozialisation als Apotheker.[3] Zugleich ist das Fragment eine der ersten Arbeitsproben des Romanciers, in dessen Schreibpraktiken, Stilmittel und Erzählverfahren nicht zu geringem Teil berufliches Erfahrungswissen und praktisches know how des Apothekers und Journalisten eingehen. Pharmazeutische Verfahren – von der Stoffsammlung über das botanisch-naturwissenschaftliche Wissen bis zur Misch- und Rezeptarskunst – spielen dabei ebenso eine Rolle wie unternehmerische Fähigkeiten des zwischen Handel, Handwerk und Medizin angesiedelten Lehrberufs Fontanes. Wer den Romanautor Fontane verstehen will, kommt um den Apotheker Fontane nicht herum.

Im Mittelpunkt des Romanentwurfs steht die Apothekerfamilie Brose, eine nur um einen Laut verschlüsselte Version der Berliner Apothekerdynastie Rose, in deren «Apotheke zum Weißen Schwan» Fontane von 1836 bis 1840 seine Lehrjahre verbracht hatte. Wie meist bei Fontane geht es um Familienkonstellationen und Familienkonflikte, die ihr Vorbild im wahren Leben haben: Der historische Wilhelm Rose führte eine große Berliner Apotheke, litt aber trotz geschäftlichen Erfolgs und Wohlstands unter Komplexen, weil seine Brüder, der Chemiker Heinrich und der Mineraloge Gustav, als Wissenschaftler, Universitätsprofessoren und Akademiemitglieder Erfolge feierten: «Unter diesen Berühmtheiten bewegte er sich als ein Unberühmter, immer beinahe krampfhaft bemüht, sich durch irgend’was Apartes als ein Ebenbürtiger neben ihnen einzureihn. Das führte denn natürlich zu lauter Halbheiten, unter denen sein Geschäft, sein guter Verstand und auch sein Charakter zu leiden hatten», erinnert sich Fontane in seiner literarisierten Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig (1898).[4]

In der Romanversion leidet der Apotheker zudem unter seiner Ehefrau, die als «Göttinger Professor-Tochter» «viel feiner, superior» ist als Brose und ihn dies auch ständig spüren lässt.[5] Brose kompensiert seine Komplexe durch bourgeoise Großmannssucht und Weltreisen, über die er dann angeberhafte Vorträge vor der gehobenen Berliner Damenwelt hält. Neben dem für Fontanes Gesellschaftsromane typischen Personaltableau – ein deutschtümelnder Germanistikprofessor, Militärs, Salondamen wie Pomponia von Pomponinski – tritt in dem ehemaligen Apothekergehilfen Lampertus Distelmeyer eine weitere «Hauptfigur»[6] auf: Distelmeyer ist «ehemaliger Apothekergehülfe, der sich kurze Zeit etablirte, bankrutt machte und nun von Aushülfe-Stellungen, Erfindungen und künstlicher Bärme [Hefe] und von Pulvern gegen Epilepsie und Magenkrampf lebt. Wegen Medizinalpfuscherei war er mehrmals verklagt und verurtheilt worden, aber, weil er ein sehr guter Kerl war, immer mit ’nem blauen Auge davon gekommen. Er las viel, wie nur ein Apotheker lesen kann […] Wenn er etwas las, so schnitt er es aus, klebte es in sein ‹Motoren-Buch› oder ‹Anregungs-Buch› und schrieb in der Regel gleich eine Bemerkung bei. […] Shelley und Byron sind seine Lieblingsdichter.»[7] In den englischen Wendungen, die Distelmeyer ständig gebraucht («where there is a will there is a way») zeigt er sich als unternehmerischer Pioniergeist mit einem Faible für «Entdeckungen und Naturwissenschaften» und als «entzückend Ungläubiger»: Er glaubt an «‹große Kräfte› (von diesen spricht er immer; alles immer so unpersönlich wie möglich) aber nicht an Gott, Christum oder irgend eine geoffenbarte Religion»[8].

Vom bankrottgegangenen Apothekergehilfen über den Vielleser und unermüdlichen Stoffsammler und den leidenschaftlichen Anhänger von Anglizismen als der Sprache der Moderne bis hin zum neugierigen und weltoffenen Entdeckergeist enthält der Text zahlreiche Hinweise darauf, dass Distelmeyer auch eine Art «Selbstporträt des Verfassers» ist.[9] Daneben kann man die Konstellation Brose-Distelmeyer aber auch als Anspielung auf zwei wichtige Protagonisten des europäischen realistischen Romans lesen: Demnach wäre Brose eine fontanisch-gemilderte Version von Gustave Flauberts Apotheker Homais aus Madame Bovary (1856), dem Antipoden der tragischen Hauptfigur Emma und Repräsentanten der im Aufstieg begriffenen Bourgeoisie, den Flaubert so satirisch-treffend gestaltete, dass nicht nur die Sittenpolizei, sondern auch die Apotheker des Département Seine-Maritime einen Prozess gegen den Roman anstrengten.[10]

Und der Gehilfe Distelmeyer spielt auf die Hauptfigur aus Honoré de Balzacs Romantrilogie Verlorene Illusionen (Illusions perdues, 1837–1843) an, den Apotheker-Journalisten Lucien Chardon (deutsch: «Distel»), den Fontane sozusagen in die deutsche Literatur eingemeyert hat. Chardon, verarmter Sohn eines bankrottgegangenen Provinzapothekers, nutzt bei Balzac sein gutes Aussehen und seine angenehme Erscheinung, um sich als windiger Schriftsteller und opportunistischer Journalist abwechselnd von royalistischen und republikanischen Blättern bezahlen zu lassen (auch das eine Erfahrung, die Fontane teilte). Gefördert wird er dabei von seinem Schulfreund David Séchard, mit dem zusammen er ein chemisches Verfahren zur kostengünstigen Papierherstellung auf pflanzlicher Basis entwickelt hat und der damit die gewachsene Nachfrage nach erschwinglichen Büchern auf dem expandierenden Massenmarkt bedienen will. Beide scheitern, und im dritten Teil der Trilogie Glanz und Elend der Kurtisanen (Splendeurs et misères des courtisanes, 1838–1844) begeht Chardon – bankrott, verarmt und auf allen Seiten diskreditiert – Selbstmord.[11]

Zugleich schreibt sich Fontane in Allerlei Glück in den naturwissenschaftlich-technischen Diskurs von der Botanik über die Pharmazie bis zur industriellen Brennstoffgewinnung seiner Zeit ein – nicht ohne auch diesen literarisch-symbolisch aufzuladen. Mit den Namen der beiden Protagonisten sind, wie Fontanes Erläuterung an den Verleger unterstreicht, halbironisch symbolische Zuschreibungen der glänzenden Königin der Blumen auf die großbourgeoise Brose/Rose-Dynastie und der stachelig-stoppeligen Distel auf den materiell weniger begünstigten Gehilfen verbunden. Wenn man will, kann man mitlesen, dass die Distel zugleich auch als schottische Wappenpflanze der englischen Tudor-Rose entgegengesetzt ist und die Konstellation so auch auf einer kulturgeographischen Bedeutungsebene funktioniert – dem reichen, machtstrotzenden und elitären Zentrum des Welthandels und seiner kargen und armen Peripherie im Norden. Zum Pflanzenreich, vor der Erzeugung synthetischer Medikamente immer noch wichtigstes Handelsprodukt der Apotheker, hatte Fontane eine intime Beziehung. Während seines ungesicherten Berufslebens verschickte er unter anderem Bewerbungen als Sekretär beim Königlich-Preußischen Gartenbauverein, und einer seiner ersten Korrespondenzberichte als Redakteur der Preußischen Kreuzzeitung widmete sich der jährlichen Berliner Blumenausstellung. Von den gelben Immortellen in Irrungen, Wirrungen bis zu den blauen Kornblumen im Stechlin bilden Pflanzen symbolische Leitmotive in Fontanes Romanen.

Distelmeyers Geschäftsideen mit «künstlicher Bärme» und Magenpulvern verweisen wiederum auf zur Zeit der Abfassung des Romans hochaktuelle medizinisch-technische Entwicklungen, die mit Louis Pasteurs Entdeckung der Hefe-Mikroben im Jahr 1858 einsetzten. Als Fontane seinen Roman schrieb, hatte der Rostocker Unternehmer Friedrich Witte, den Fontane 1845 während seiner Ausbildung in der «Polnischen Apotheke» in Berlin kennengelernt hatte und dem er lebenslang freundschaftlich eng verbunden blieb, gerade mit seinem aus Schweinemägen isolierten und als Digestif und Magenreiniger dienenden Enzym Pepsin ein pharmazeutisch-industrielles Großunternehmen aufgebaut: Sein Präparat hatte er 1873 auf der Weltausstellung in Chicago erstmals vorgestellt und war damit rasch von Russland bis in die USA zum Weltmarktführer aufgestiegen. Wittes auf der Basis von Pepsin hergestelltes Pepton diente auch als chemische Nährlösung zur Bakterien- und Hefeproduktion, welche wiederum Robert Koch für seine bahnbrechenden Forschungen zur Identifizierung des Tuberkulose-Erregers nutzte, die ihm schließlich im Jahr 1882 gelang. In einem Brief an seine Frau Emilie vom 19. August 1877, in dem Fontane zum ersten Mal die Arbeit an seinem neuen Roman erwähnt, bedankt er sich zugleich für das zugesandte Pepsin aus Wittes Produktion.

Aber nicht nur in Fontanes Berliner Lehrjahre weist der Entwurf des Apothekerromans zurück, sondern auch in seine Swinemünder Kindheit. Distelmeyer lernt nämlich im Wassergarten im Schloss Bellevue den Torfinspektor Magnus Brah kennen. Als er diesen im Swinemünder Torfmoor besucht, tut sich eine wahre industrielle Tagebaulandschaft auf: «Das Torfstechen, die großen schwarzen Löcher. Die Torfmaschine. Dampfmaschine. Ein Mahlkasten, in dem die Torferde zerrieben wird, der schwarze Brei, wie eine Schlange heraus, die nun zerstückt wird. Und die Stücke werden zum Trocknen gelegt. […] Torfmoor mit Torfpyramiden eine gute halbe Meile lang.»[12] Torfinspektor Brah, halb an den frühneuzeitlichen dänischen Astronomen Tycho Brahe angelehnt, der mit Kepler und Kopernikus das Weltbild revolutionierte, ist aber auch eine Reminiszenz an den Weltreisenden Adelbert von Chamisso, der 1818 auf der Rückkehr von seiner Reise um die Welt in Swinemünde zum ersten Mal wieder preußischen Boden betreten hatte. In Fontanes Geburtsjahr 1819 wurde Chamisso zum Direktor des Berliner Botanischen Gartens ernannt und 1825 im Auftrag der preußischen Regierung als Torfinspektor an die Ostsee geschickt, um einen Bericht Ueber die Torfmoore bei Colberg, Gnageland und Swinemünde zu verfassen – kurz bevor die Familie Fontane dort ihre Apotheke eröffnete.[13]

Gleich zu Beginn der einsetzenden Industrialisierung in Preußen war Torf als wichtigster fossiler Brennstoff sehr gefragt: Damit wurden bald Dampflokomotiven, städtische Öfen und Ziegelbrennereien, die das rasch expandierende Berlin der Gründerzeit mit Baumaterial versorgten, beheizt (erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde Torf durch Kohle ersetzt). Torf war multifunktional verwendbar und konnte für heilende Bäder ebenso wie für die Whisky-Produktion eingesetzt werden. All dies schlägt sich in Fontanes Schriften und Briefen nieder. Am Hafen von Swinemünde treffen Distelmeyer und Brah auf den Wasserbau-Inspektor Oliver Francis Fraude, «Gentleman», «Spezialist in Rettungsapparaten» und Hafenbauer «von englischer oder schottischer Abstammung […] und zwar von den Froud’s» («dieser Name ist gut», lobt sich Fontane in der Randbemerkung). Fraude berichtet Distelmeyer und Brah über verschiedene technische Großprojekte wie Luftwasserschiffe oder Unwetter-Frühwarnsysteme: «Ein Sturm, den ich vorausberechne, ist kein Sturm mehr, ebensowenig wie ein vorausberechneter Bombenwurf noch eine Bombe ist, man geht ihr aus dem Wege.» Distelmeyer wusste sofort: «Das war sein Mann!»[14]

Wie für alle seine folgenden Romane benutzte Fontane schon für Allerlei Glück Zeitungsmeldungen und Annoncen, die er ausschnitt und zwischen den rund 300, meist beidseitig beschriebenen Manuskriptseiten mit Figurenlisten und Szenen einklebte. Hier kreuzt sich die Apothekerthematik (Distelmeyers «Motoren- oder Anregungs-Buch») mit den Praktiken von Fontanes zweitem Berufsleben als Journalist, in dem er während seiner Tätigkeit als Korrespondent von 1850 bis 1870 vor allem mit dem Ausschneiden, Aufkleben und Glossieren von Zeitungsmeldungen beschäftigt war. Zwei Zeitungsnachrichten inspirierten die Swinemünder Großbauprojekt-Szene: Am 21. Mai 1879 berichtete die Vossische Zeitung über die zweite Trojanische Ausgrabungsexpedition von Heinrich Schliemann. Der Großunternehmer und sein Begleiter, der Gesundheitsreformer Rudolf Virchow, tauchen verschlüsselt in vielen Werken Fontanes auf. Und aus der Gegenwart, einer Wochenschrift für Literatur, Wirtschaftsleben und Kunst, entnahm Fontane einen Artikel vom 14. Juni 1879 über den geplanten Bau eines Kanals in Panama, der sich zu einem der größten Infrastrukturprojekte des 19. Jahrhunderts auswuchs und erst nach fünfundzwanzigjähriger Bauzeit, in deren Verlauf mehr als 20000 Arbeiter ihr Leben verloren, im Jahr 1914 eröffnet wurde.[15]

Neben diesen beiden Artikeln fand Fontane auch eine Apothekerreklame für ein «Universal-Heil- und Fluß-Pflaster» des Hamburger Unternehmers Dietrich Blome so beachtenswert, dass er auf dem Ausschnitt ausdrücklich vermerkt, beim Schreiben «[a]uch die Rückseite!» nicht zu vergessen.[16] Wie der Name sagt, verspricht das Universalpflaster, das mit einer braunschwarzen Paste aus Pech, Kampfer, Harzen und Ölen bestrichen war, durch bloßes Auflegen Heilung gegen beinahe alles: Brust- und Lungengeschwüre, Gliederschmerzen, Blutungen, Kopf- und Zahnschmerzen, alle Entzündungen und hitzige Augen, Wundbrand «heilet es in sechs Tagen», Hühneraugen, «verfrohrne Glieder», auch «Tumoribus», Krebs oder Fisteln, und nicht zuletzt (auf der Rückseite) wird es als Mittel gegen Hoden- und Geschlechtskrankheiten wie die «veneria Testiculi» beworben. Man kann davon ausgehen, dass das Universalpflaster für Allerlei Glück als ein für Fontanes folgende Romane charakteristisch werdendes Realsymbol fungiert hätte, das heißt als ein konkretes Objekt, in dem sich die verschiedenen Bedeutungsebenen des Romans (Pharmazie, Geschäftssinn und Sehnsucht nach Heilung) verdichten: vergleichbar der Schaukel in Effi Briest, dem Treibhaus in L’Adultera oder dem chemischen Farbstoff «Berliner Blau» in Frau Jenny Treibel. Er glaube nur an Hamburger Universal-Pflaster, lässt Fontane einen Apothekergehilfen in Broses Diensten sagen.

Als literarisches Motiv war das «Heil- und Flußpflaster» Fontane spätestens seit 1873 bekannt, als er sich intensiv mit Laurence Sternes Tristram Shandy (The Life and Opinions of Tristram Shandy, 1759–1767) beschäftigte. In einem ebenfalls nur als Manuskript überlieferten Entwurf zu seiner Besprechung von Sternes Roman hebt Fontane die «Kunst des Retardierens», das «geschickte Abbrechen und Einschieben, […] das bloße Hinhalten, so daß der Weg die Hauptsache ist und nicht das Ziel» des «Tausendkünstler[s]» Sterne hervor.[17] Wie Balzac und Flaubert hatte auch Sterne in seinem Roman einen Zusammenhang zwischen Pharmazie und Literatur hergestellt, indem er das Heilöl des Fluß-Pflasters durch Druckerschwärze ersetzte. Dem immer kranken Yorick rät sein Freund Eugenius, der meist die Stimme des autoreflexiven Literaturdiskurses vertritt: «Am besten, Sie schicken zum nächsten Buchdrucker und vertrauen Ihre Heilung einem so einfachen Mittel wie ganz frisch bedruckten Papier an und legen ein Blatt davon um die fragliche Stelle herum. Das ist alles. – Feuchtes Papier, sagte Yorick […] hat wie ich weiß, diese erfrischende Kühle – aber meiner Ansicht nach ist es nicht mehr als der Träger davon, denn das Öl und die Druckerschwärze sind es, die jene wohltätige Wirkung hervorbringen. – So ist es in der Tat, meinte Eugenius; zudem ist es von allen Mitteln, die ich zu empfehlen wagen wollte, das mildeste und ungefährlichste.»[18]

Für Fontane selbst waren Pechpflaster, Pepsin und Literatur während der Arbeit an Allerlei Glück Therapeutika, mit denen er sich von den seit seiner Kündigung der Beamtenstelle an der Akademie der Künste immer noch andauernden Reibereien mit Emilie inklusive einhergehender Nervenerkrankung während eines Kuraufenthalts in Thale im Harz erholte. Am 13. August 1877 berichtet Fontane von dort an Emilie: «Zu vermelden ist nicht viel. Heute früh war ich in der Apotheke, um mir ein Pechpflaster zu bestellen.»[19] Sechs Tage später folgt der erwähnte Brief mit der Mitteilung zum neuen Romanprojekt und dem Dank für das Pepsin.[20]

Der auffällig häufige Gebrauch von Reklame in Fontanes Romanen ist kein Zufall: Seit den Anfängen der Zeitungsreklame im 18. Jahrhundert stammte der weitaus größte Anteil der Werbeannoncen von Apothekern, die hier ihre Gesundheits- und Schönheitsmittel anpriesen.[21] Das Beobachten aktueller Marktentwicklungen und Trends war unabdingbarer Teil des Apothekerberufs. Und auch in seiner folgenden Journalistentätigkeit war der Anzeigenteil von Zeitungen, der seit dem Jahrhundertbeginn meist mehr als die Hälfte des Umfangs eines Blattes einnahm, für Fontane eine gleichwertige Informationsquelle neben den redaktionellen Nachrichten. Als er von der preußischen regierungsamtlichen Pressestelle 1856 den Auftrag erhielt, einen Überblicksbericht der britischen Presse-landschaft nach politischer Ausrichtung und Parteizugehörigkeit zu erstellen, teilte er seinen verdutzten Auftraggebern mit, dies sei leider nicht möglich, weil die britischen Zeitungen im Unterschied zu den deutschen keine Parteizeitungen seien. Viel eher könne man die Londoner Blätter nach ihrem Anzeigenteil gruppieren: im Morning Herald und der Times dominierten «Auktionsanzeigen», im Public Ledger fänden sich «allerhand Anzeigen über die Abfahrt und Ankunft von Schiffen und über den Engros-Verkauf von Schiffsladungen», die Morning Post sei auf Pferde und Wagen-Verkaufsanzeigen spezialisiert und der Morning Chronicle auf Bücherreklame.[22]

Schließlich verweist die verunglückte Veröffentlichungsgeschichte von Allerlei Glück exemplarisch auf Fontanes Stellung im literarischen Feld seiner Zeit und die Publikationsstrategien des nach dem Schritt in die Selbständigkeit auf Aufträge von Zeitschriftenherausgebern und Verlegern angewiesenen Romanciers Fontane. Dass Fontane seinen Lebensroman nicht vollendete, lag nicht am erlahmenden Interesse seinerseits, sondern daran, dass er keinen Abnehmer fand. Der Herausgeber von Westermann’s Illustrierten Monatsheften Gustav Karpeles, an den sich Fontane mit der eingangs zitierten Produktbeschreibung wandte, entschied sich gegen den Berliner Gesellschaftsroman und kaufte Fontane stattdessen im März 1880 die ebenfalls im Entwurf feilgebotene historische Novelle Ellernklipp ab, die in der Harzer Provinz des 18. Jahrhunderts spielt. «Ich glaube, daß sie richtig gewählt haben», gab Fontane notgedrungen klein bei, nachdem er noch kurz zuvor gegenüber Karpeles betont hatte: «Am meisten am Herzen liegt mir mein neuer Roman.»[23]

Der Literaturwissenschaftler Erich Auerbach hat 1946 in seinem Standardwerk zur europäischen realistischen Literatur Mimesis die relative Provinzialität und Verspätung des deutschen Realismus gegenüber seinen westeuropäischen und russischen Ausprägungen konstatiert. Wie nicht nur Allerlei Glück zeigt, heißt dies nicht, dass anderes nicht geschrieben worden wäre, aber es hat viel mit einem erst nach der Reichsgründung 1871 expandierenden, sich allmählich modernisierenden und bei allen andauernden Repressionen zögerlich liberalisierenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt zu tun.[24]

Tatsächlich stößt man, wenn man nach dem Apothekermotiv im deutschen Realismus sucht, zuerst auf Werke, die Auerbachs These zu stützen scheinen: In Wilhelm Raabes ebenfalls in Westermann’s Monatsheften erschienenen Harzer Apothekererzählung Zum wilden Mann (1885) treibt ein geheimnisvoller Fremder den örtlichen Apotheker Philipp Kristeller im Beisein von Pastor Schönlank und Förster Ulebeule in den Bankrott, weil er den vor dreißig Jahren gewährten Kredit zurückfordert, mit dem Kristeller seinerzeit die Apotheke finanziert hatte. Und in Theodor Storms Husumer Hefe-Novelle Im Brauer-Hause (1880) ruinieren die Dorfbewohner den Wirt mit ihrem Getratsche darüber, ob dieser den Finger eines Toten in sein Bier hänge, damit die Hefe besser aufgehe. Auch Fontane schätzte gut gemachte Dorfgeschichten und wäre der Letzte gewesen, der diesen Werken ihre literarische Qualität und narrative Finesse abgesprochen hätte. Aber ein großstädtischer Apotheker-, Pharmazielabor- und Torfindustrieroman hätte der deutschen Literatur dieser Zeit rückblickend auch gut zu Gesicht gestanden.

Auch wenn Fontanes Lebensroman aufgrund mangelnden Verlegerinteresses unvollendet blieb, diente er ihm nach dem ursprünglichen griechischen Wortsinn von apothēkē als «Aufbewahrungsort, Speicher, Lager, Ablage, Depot», woraus sich seine folgenden Werke speisten. Als viele Jahre später noch einmal über eine Veröffentlichung des Entwurfs diskutiert wurde, entschied sich Fontane mit der Begründung dagegen, dass inzwischen fast alle Ideen und Stoffe für andere Romane verbraucht seien.[25]

Die Szenerie des Berliner Gesellschafts- und Unternehmerlebens ging in den heiter-erotischen Ehescheidungsroman L’Adultera (1880, im Manuskript eingeklebt die Zeitungsannonce, mit der die Familie Ravené nach der Scheidung ihre Pflanzen- und Palmensammlung zur Versteigerung anbot) ebenso ein wie in Frau Jenny Treibel (1892), die ursprünglich den Titel Frau Bourgeois tragen sollte. Der Motivkomplex Ingenieure und Großprojekte wurde in Cécile (1886) verarbeitet, mit Robert von Leslie-Gordon als global operierendem Spezialisten für Telegraphenkabel. Und in Stine (1890) fragt Pauline Pittelkow ihre Schwester halb ironisch, ob Pechpflaster auch gegen Ärger über lärmende Nachbarn helfen. Am ausführlichsten hat Fontane das Apotheker-Motiv aus Allerlei Glück in seinem erfolgreichsten Roman Effi Briest (1894/95) wieder aufgenommen, der nicht zufällig ebenfalls an Fontanes Jugendorte Swinemünde und Berlin als Schauplätze der Handlung zurückführt. Mit dem halb liebenswürdigen, halb lächerlichen Swinemünder Provinzapotheker Alonzo Gieshübler hat Fontane hier nach Lambertus Distelmeyer noch einmal eine Apothekerfigur literarisch gestaltet. Schon in dessen Namen ist die südländische Exotik der seereisenden Vorfahren mit der Provinzialität seiner Existenz verbunden. Gieshüblers kleine Wohnstube dient ihm zugleich als Labor mit «allerlei Kolben und Retorten» und voller alphabetisch geordneter «Kästen, in denen die Rezepte lagen».[26] Einerseits bucklig-verwachsener, devoter und von den Qualen des Lebens gezeichneter Sonderling, wird er andererseits von allen anderen Romanfiguren von Innstetten über Krampas bis zur Sängerin Trippelli als «der einzige vernünftige Mensch hier» angesehen und ist für Effi ein wichtiger Gesprächspartner in der Swinemünder Einsamkeit. Gieshübler versorgt die junge Ehefrau nicht nur mit exotischen Pflanzen und Früchten wie Feigen oder Datteln aus seinem Treibhaus, sondern auch mit Schokoladentafeln aus seiner «Mohren-Apotheke». Daneben wird er als ein «eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser» vorgestellt, der «an der Spitze des Journalzirkels stand» und Effi regelmäßig Pakete «mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine, feine Bleistiftlinie, mitunter auch dick mit Blaustift und ein Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben» schickt.[27] Der für Effi lebenserhaltende Austausch mit ihrem «alchymistischen Geheimkorrespondenten» Alonzo Gieshübler ist ein spiegelbildliches Motiv der heimlichen Krampas-Korrespondenz, die sie «ganz unten» in ihrem verschlossenen Nähtisch aufbewahrt und deren zufällige Entdeckung durch ihren Ehemann zum Anlass für den tödlichen Ausgang des Romans wird.[28]

Hatte sich Fontane mit Allerlei Glück in den Apothekerdiskurs der europäischen Romantradition von Sterne über Balzac bis Flaubert eingeschrieben, so kommen in Effi Briest vor allem Motivkomplexe in der Art von Henrik Ibsens psychologischen Sozialdramen hinzu. Ibsen begann seit den 1880er Jahren mit Hilfe des in Berlin weilenden dänischen Literaturkritikers Georg Brandes seinen internationalen Siegeszug als Idol der neuen naturalistischen Literaturbewegung.[29] Fontane, inzwischen um die siebzig, verfolgte diesen Trend mit Sympathie und unterstützte ihn in seiner Tätigkeit als Theaterkritiker. «Up to date» und neugierig war Fontane bis ins hohe Alter nicht nur hinsichtlich zeitgenössischer Werbung, sondern auch in Bezug auf literarische oder andere kulturelle Innovationen. Mit Ibsen teilte Fontane nicht nur die biographische Parallele der Herkunft aus einem insolventen Apothekerhaushalt, sondern auch das Interesse für die durch falsche gesellschaftliche Konventionen («jenes uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas») erzeugten psychischen Deformationen, «Angstapparate», Gespenster und nervösen Krankheiten, gegen die keine Pillen oder Universalpflaster helfen und unter denen bei Ibsen wie Fontane in den allermeisten Fällen die Frauen zu leiden haben.

Verdichtet werden diese Zusammenhänge zwischen Medizindiskurs und Herrschaftskonventionen in einem Gespräch Effis und Innstettens über den «Chinesen-Spuk» auf dem Swinemünder Dachboden, der sich später als vom Ehemann inszenierte Disziplinierungsmaßnahme herausstellt. Während Innstetten beschwichtigend anmerkt, dass die unsichtbar in der Luft herumfliegenden Bazillen «viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze Geistertummelage» seien, erweisen sich am Ende gerade die gespenstischen Konventionen für beide als fatal.

Noch einmal kehren in diesem Zusammenhang die Apothekergespenster seiner Jugend zu Fontane zurück. Über einen Besuch des westfälischen Unternehmers und Schriftstellerkollegen Emil Rittershaus, der wie Fontane Novellen für verschiedene Familienzeitschriften verfasste, berichtet er im September 1889 seiner Tochter Martha: «Betreffs Ibsens muß ich doch noch eine gute Bemerkung anfügen, die Emil Rittershaus (der mich gestern auf 2½ Stunde besuchte) über Ibsen machte. ‹Haben Sie nicht bemerkt› sagt er ‹daß Ibsen ganz wie ein Apotheker wirkt; er ist den Apotheker nicht losgeworden und das spukt nun in seinen Stücken, seinen Problemen und Tendenzen, und auch in seiner Conversation. Er ist immer ein kleiner Apotheker, der abwartet und dribbelt und auf der Lauer liegt.› Es ist vollkommen richtig, und ich mußte laut lachen, schon um hinter der großen Lache meine eigne Angst zu verbergen.»[30]Zwei Wochen später kommt Fontane in einem Brief an den Herausgeber der Vossischen Zeitung Friedrich Stephany noch einmal auf die Situation zurück: «Wie mir dabei zumute wurde, können Sie sich denken; im Hause des Gehenkten spricht man nicht vom Strick. Aber trotz dieses Angstgefühls, trotzdem ich mir die Frage vorlegen mußte: ‹wie steht es denn mit dir? merkt man es auch?› trotz alledem fand ich es vorzüglich.»[31] Ein anderer Besucher des alten Fontane in dessen Wohnung in der Potsdamer Straße berichtet, dass Fontane während des Gesprächs ununterbrochen Kästchen geklebt hat: «Er klebte. Er hatte eine große Handfertigkeit in der Herstellung von Kästen. ‹Eine mechanische Beschäftigung›», die ihm «‹von der Apothekerzeit her zur zweiten Natur geworden›» sei.[32]

Tatsächlich glich Fontanes Arbeitszimmer – wie Gieshüblers Wohnstube – einem veritablen Apothekerlabor. Was man auf den kurz vor und nach Fontanes Tod in der Berliner Illustrirten Zeitung veröffentlichten, inszenierten und erst nach einer «Möbelverrückung» aufgenommenen Photographien des alten Dichters an seinem Schreibtisch nicht sieht, wissen wir aus der detaillierten Beschreibung des väterlichen Arbeitszimmers durch seinen Sohn Friedrich.[33] Hier entpuppt sich Fontanes Schreibtisch an der Rückseite, hinter einem die Arbeitsfläche begrenzenden Schmuckgeländer, als regelrechter Apothekerschrank: «Worauf ich aber besonders hinweisen möchte das ist, daß auch die nach den Fenstern zugekehrte Front des Tisches zahlreiche Kästen aufweist. Er war also von zwei Seiten aus benutzbar. […] Zum Beispiel befanden sich in dem obersten Kasten rechts […] wiederum andere Kästchen und Schächtelchen, die die merkwürdigsten Dinge enthielten.» Laborartig gestaltete sich auch der umgebende Raum: «Zwischen beiden Fenstern: ein gerahmtes darüberhängendes Photo meines Großvaters, des ehemaligen Apothekers. An der anderen Längswand zunächst ein Vertikow, un- und halbfertige Manuskripte enthaltend.» Außerdem «zwei Regale, das größere, höhere sehr praktisch: die untere Hälfte tiefer, damit Karten, Pläne, Zeitungen usw. ungeknickt aufbewahrt werden konnten. Die Mitte des Regals bilden vier Kästen, wieder mit allem Möglichen – die Natronschachtel durfte natürlich nicht fehlen – angefüllt. Oberhalb ein ganzes Sortiment von extra angefertigten Pappkästchen zur Aufbewahrung der allernotwendigsten Korrespondenz. […] Auf dem kleineren ebenfalls Bibliotheks-Regal eine Hausapotheke vom Schwager Sommerfeldt».

Als Auftragsschriftsteller und Betreiber eines «Romanschriftsteller-Ladens» verfügte Fontane nach 1876 mit seinen in den Kästen aufbewahrten Manuskriptkonvoluten über ein ganzes Arsenal von Entwürfen mit Stoffen, Motiven, Szenen und Figuren.[34] «Mit einem Lager, dessen Bestände kein Ende nehmen wollten», konnte er jederzeit «wohlassortiert» vors Publikum treten.[35] Gleichsam einen literarischen Sortimentshandel betreibend, kombinierte und kompilierte er auf dieser Basis das Material je nach den Marktanforderungen und Verkaufsmöglichkeiten. Er selbst spricht in Bezug auf seine Arbeitsweise davon, dass er seine Werke «nach Rezept» «zusammenleimt».[36] Dies ermöglichte dem von Aufträgen abhängigen Autor die nötige Flexibilität für seine spezifischen literarischen Mischkalkulationen. Sah er eine Verkaufsmöglichkeit, mischte er einen ersten Entwurf «im brouillon» an, als Rohkonzept, das er auf dem literarischen Markt anbot. Nur wenn sich dafür ein Verleger fand, formulierte er es zu einem Werk aus, das er «in time» zu liefern versprach.[37] Ansonsten wanderte es wie Allerlei Glück und unzählige weitere Entwürfe und Fragmente in die Stoffsammlung zurück, wurde wieder in seine Elemente zerlegt und ging in andere Produkte ein.

Erst nach erteiltem Auftrag folgte so das die Hauptarbeit seines Schreibprozesses ausmachende «Dribbeln», Rühren und Feilen, bis die Mischung «stimmte» – wie einer von Fontanes Lieblingsberolinismen lautete (man muss sich dieses «stimmt» gesprochen mit einem «sch»-Laut am Wortanfang und einem leicht ins «ü»-gehenden «i» vorstellen), der zugleich zu den poetologischen Kernbegriffen seines Realismusverständnisses zählt. Zu dieser Mischarbeit gehört die komplexe, aber unaufdringliche Verweis- und Anspielungskunst und die hin und her wendende Darstellung der Gegenstände aus unterschiedlichen Perspektiven ebenso wie die genau abgemessene Häufigkeit einer unscheinbaren Partikel wie «und», je nach Gegenstand des Romans. Gegenüber dem Herausgeber Karpeles insistierte Fontane bei Einsendung der anstelle von Allerlei Glück geschriebenen Novelle Ellernklipp: «aber meine ‹und›s, wo sie massenhaft auftreten, müssen Sie mir lassen», denn «ich schreibe […] Mit-und-Novellen und Ohne-und-Novellen, immer in Anbequemung und Rücksicht auf den Stoff. Je moderner, desto und-loser, je schlichter […], desto mehr ‹und›.»[38] Selbst auf einzelne Buchstaben und Laute konnte es dabei für Fontane ankommen («Jenseit» statt «Jenseits» im schottischen Reisebuch, «Rubehn» statt «Ruben» in L’Adultera). Wie als Apotheker wusste Fontane auch als Literat, dass die richtige Dosierung entscheidet, ob ein Stoff zum Gift oder Heilmittel taugt. Analog war für Fontane eine realistische Darstellung in der Literatur immer auch eine Frage nach den richtigen Mischverhältnissen – etwa in seiner Figurenzeichnung der «gemischten Charaktere».

Hierin mag man ein Hauptcharakteristikum des Apotheker-Literaten Fontane erkennen: Anders als der Chirurgensohn Gustave Flaubert und später die Naturalisten wie Émile Zola, die analytisch die Wirklichkeit so lange sezieren und «objektiv» mit klinischer Präzision physiologisch genau ausleuchten in der Hoffnung, dass sie irgendwann ihr Geheimnis preisgibt, ist Fontane der Autor der Mischverhältnisse, der Grauzonen, der versteckten Andeutung und des gekonnten Weglassens. Physiologische Großaufnahmen oder gar die Darstellung von ‹anstößiger› Körperlichkeit wird man bei ihm nicht finden.[39] Körperreaktionen, bei den Physiologen und Naturalisten im Fokus, werden bei Fontane im Höchstfall der Gefühle lediglich durch ein leichtes Zittern und Erröten angedeutet. Und wollte man Fontanes Verfahren in Allerlei Glück und seinen folgenden realistischen Romanen – um sie auch ideengeschichtlich im angemessen weiten Kontext zu situieren – mit seinen beiden berühmten Zeitgenossen Karl Marx und Friedrich Nietzsche vergleichen, wäre er der Dialektiker des unscheinbaren Details und der Moralkritiker ohne Hammer.

Kindheit und Familie

Im August 1819 zog das frisch verheiratete junge Berliner Ehepaar Henri und Emilie Louise Fontane, geborene Labry, aus der 200000 Einwohner zählenden preußischen Hauptstadt in die gerade erworbene Apotheke «Zum goldenen Löwen» in die kleine Garnisons- und Kreisstadt Neuruppin mit knapp 5000 Einwohnern. Die gerade einundzwanzigjährige Emilie Louise war im fünften Monat schwanger und sollte dort am 30. Dezember 1819 ihren ersten Sohn Theodor zur Welt bringen. Wie es sich gehörte, wurde die erfolgreiche Entbindung von den stolzen Eltern in der Vossischen Zeitung annonciert.

Als Theodor Fontane zur Welt kam, war die Zeit der Napoleonischen Kriege gerade vier Jahre vorüber, die er später in seinen beiden historischen Romanen Vor dem Sturm (1878) und Schach von Wuthenow» (1882/83) literarisiert hat. Auch wenn der «kurze Traum der Freiheit» der Hardenberg’schen Reformzeit spätestens mit den ebenfalls im August 1819 im böhmischen Kurort Karlsbad beschlossenen Repressionen und Zensurmaßnahmen der Wiener Kongressmächte schon wieder ausgeträumt war, fand sich Preußen doch eindeutig auf der Gewinnerseite wieder.[40] Mit den umfangreichen Gebietszuwächsen nach dem Frieden von Paris 1814 und dem Wiener Kongress von 1814/15 kamen neben Pommern (vom Königreich Schweden) und der Provinz Posen (aus dem Herzogtum Warschau) mit dem nördlichen Teil Sachsens und dem Rheinland wirtschaftlich, technisch und konstitutionell entwickelte Regionen an Preußen, die zum Motor der Modernisierung und Industrialisierung des Agrarstaats wurden.

Zudem befand sich Preußen international in der günstigen Situation, dass es von den beiden nach der napoleonischen Niederlage verbliebenen imperialen Siegermächten Russland und Großbritannien gleichermaßen protegiert wurde. Seit dem Frieden von Tilsit 1807, als der Zar die gänzliche Auflösung des Staates Preußen verhindert hatte, stand die Hohenzollern-Monarchie in russischer Schuld und wurde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein zum engsten Verbündeten – oder aus liberaler Sicht – Vasallen des Zarenreichs. Viele Angehörige des preußischen Adels stellten in der russischen Armee bei Napoleons Russlandfeldzug 1812 hohe Generäle. Nach dem Sieg über die napoleonischen Truppen wurde die Allianz durch die dynastische Verbindung der Hohenzollern mit der Zarenfamilie der Romanows befestigt. Am 13. Juli 1817 wurde die preußische Prinzessin Charlotte mit dem russischen Großfürsten Nikolaus Pawlowitsch verheiratet, der als Zar Nikolaus I. von 1825 bis 1855 Russland regierte. Prinzessin Charlotte von Preußen, älteste Tochter von Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, amtierte fortan unter dem Namen Alexandra Fjodorowna als russische Zarin. Die preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm III. und IV. betonten bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass die Preußen Russland auf ewig dankbar sein werden, und die preußische Armee begrüßte den Zaren bei seinen Besuchen in der preußischen Hauptstadt mit dem Zuruf: «Du bist der beste Preuße.»[41] Unabhängigkeitsbestrebungen und Aufstände im 1815 aufgelösten Polen wurden von 1830 bis 1863 von der russischen und der preußischen Armee immer gemeinsam niedergeschlagen.

Aber auch Großbritannien stützte das nach Westen verschobene Preußen als Bollwerk gegen den gerade besiegten alten imperialen Konkurrenten Frankreich, das den Wiener Siegermächten während des gesamten 19. Jahrhunderts als potenzieller Revolutionsherd galt. In der Folge stiegen die Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und Preußen vom britischen Korn- und Getreideimport aus der ostelbischen Agrarwirtschaft bis zum Export von Technik und know how für den auch in Preußen bald einsetzenden Eisenbahnbau sprunghaft an. 1841 stammte von einundfünfzig Dampflokomotiven in Preußen nur eine nicht aus britischer Produktion – und just diese eine funktionierte nicht.[42] Insgesamt konnten so die Kriegsschäden, die Preußen in den Napoleonischen Kriegen bis an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hatten, rasch kompensiert werden, und «hinter der Fassade» der politischen Restauration setzte durchaus eine Phase der wirtschaftlichen Dynamik und Prosperität ein.[43]

Fontanes Eltern stammten aus der gut situierten hugenottischen Berliner Bürgerschicht. Ihre Vorfahren gehörten zur ersten Generation der seit 1685 mit dem Potsdamer Toleranz- und Anwerbeedikt vom Großen Kurfürsten ins Land geholten knapp 20000 französischen Glaubensflüchtlinge, von denen sich rund 7000 in Berlin ansiedelten. Obwohl die «Refugiés» in vielen brandenburgischen Regionen jeden dritten und in der preußischen Hauptstadt mehr als jeden fünften Einwohner stellten, sprach damals niemand von einer «Flüchtlingsschwemme». Durch ihre handwerklichen und kaufmännischen Fähigkeiten, ihre europaweiten Vernetzungen, ihre Sprachkenntnisse – in ganz Europa war im 18. Jahrhundert Französisch die Sprache des Hofes und des Adels – und ihre calvinistische Konfession, zu der sich auch die Brandenburgischen Kurfürsten seit dem 16. Jahrhundert bekannten, bildeten sie in Preußen eine eigene Art haute bourgeoisie und waren mit zahlreichen Privilegien ausgestattet. Sie standen dem Königshaus nahe, und zahlreiche Hofämter und hohe Beamtenstellen (Hofprediger, Prinzenerzieher, Lehrer oder Professoren an den königlichen Akademien) wurden mit Hugenotten besetzt. Obwohl bürgerlich, galten sie bei entsprechendem Wohlstand selbst beim zumeist lutherischen Adel als gute Heiratspartien.

Neben bürgerlichem Selbstbewusstsein und «Koloniestolz» waren Königstreue und Staatsfrömmigkeit – ein Begriff, der hier wegen des spezifischen Amalgams von Krone, Kirche und Konfession genau trifft – unter den Hugenotten traditionell weit verbreitet, weshalb sie auch als «staatsunmittelbare Preußen» charakterisiert wurden.[44] Porträts vom einstigen Retter in der Not, dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm, und vom frankophilen Gründer des modernen Preußen Friedrich II. gehörten zur seriellen Standardausstattung eines hugenottischen Wohnzimmers in Preußen ebenso wie eine Standuhr aus Familienbesitz, neben dem Kreuz das wohl eindeutigste Symbol der Genfer Uhrmacher-Konfession, und eine Reliefkarte der französischen Heimat – alles Gegenstände, die sich auch im Arbeitszimmer des alten Fontane finden. Häufig kam noch ein gerahmter Stammbaum hinzu, der, wie sonst nur bei Adligen üblich, die Ahnen- und Familiengeschichte genau dokumentierte. Nicht zufällig rekrutierte sich im 19. Jahrhundert aus den Nachfahren der hugenottischen Zuwanderer eine überproportionale Anzahl von Vertretern der patriotischen Heimatdichtung – auch wenn Friedrich de la Motte Fouqué, Willibald Alexis, der Lieblingsdichter des preußischen Militärs Christian Friedrich Scherenberg oder eben Theodor Fontane im Einzelnen sehr Unterschiedliches darunter verstanden. Noch nach der Reichsgründung bezeichnete Bismarck die Hugenotten gelegentlich als «die besten Deutschen».[45] Gleiches hätte er auch über den Zuwandererpatriotismus der jüdischen Preußen sagen können, die von Julius Hitzig über Wilhelm Hertz und Moritz Lazarus bis zu Julius Rodenberg, um nur einige Vertreter auf dem Gebiet der Literatur und des Verlagswesens zu nennen, ebenfalls nach Kräften zur «Erfindung der Nation» beitrugen.[46]

Durchaus repräsentativ für die hugenottischen Preußen gehörten zu den aus Süd- und Westfrankreich stammenden Fontanes und Labrys zunächst Handwerker, Textilmanufakturisten, Schlossermeister, Zinngießer, Wundärzte, Uhrmacher und Kaufleute. Fontanes Großeltern, die vierte Zuwanderergeneration, finden wir dann schon in hohen Hofämtern und politischen Funktionen. Fontanes Großvater väterlicherseits, Pierre Barthélemy Fontane (1757–1826), war Prinzenerzieher der Kinder Friedrich Wilhelms II. und nach dem Thronwechsel Kabinettssekretär und Zeichenlehrer bei Königin Luise. Der Großvater mütterlicherseits, Jean François Labry (1767–1810) führte in Berlin einen Seidenwaren-Großhandel mit angeschlossenem Kaufhaus in der Brüderstraße – eine der besten Berliner Adressen – und war als Stadtverordneter Stellvertreter des Berliner Oberbürgermeisters von Gerlach. Dessen Söhne Leopold und Ernst von Gerlach gehörten als Gründer der konservativen Partei und der Neuen Preußischen Kreuz-Zeitung zu den einflussreichsten politischen Vertretern eines ständischen und christlichen Fundamentalkonservativismus in Preußen. Sie sollten auch in Theodor Fontanes Leben noch eine Rolle spielen.

In die Zeit des preußischen Kriegseintritts gegen Frankreich fallen die ersten Risse in der bis dahin ziemlich kontinuierlichen Aufstiegsgeschichte der Familien Fontane und Labry. Fontanes Vater Louis Henri (1796–1867) brach 1809 die standesgemäße Schulbildung am Gymnasium zum Grauen Kloster ab und begann eine Apothekerausbildung, mutmaßlich, weil ihm das als ein auch in Kriegszeiten sicherer Beruf erschien. Als im Winter 1812/13 die napoleonischen Armeen auf dem Russlandfeldzug vernichtend geschlagen wurden, vollzog der preußische König gerade noch rechtzeitig den Seitenwechsel zur antifranzösischen Koalition, um nicht wie etwa der sächsische König bei den Rückzugsgefechten auf deutschem Boden auf der falschen Seite zu stehen. Im Zuge der folgenden Mobilmachung meldete sich auch der sechzehnjährige Henri Fontane bei den «Freiwilligen Jägern zu Fuß». Die Bezeichnung «freiwillig» bei den preußischen militärischen Dienstgraden ist nicht wörtlich zu verstehen, sondern gehörte zur Legende des von der ganzen Nation getragenen Befreiungskrieges, zu dem die Aufrufe An die Deutsche Nazion des österreichischen Erzherzogs Karl von 1809 und dessen Nachahmung An mein Volk von 1813 durch den preußischen König die Stichwortgeber waren. Mit Pflicht und gesellschaftlichem Zwang hingegen begründet Fontane in seinen Erinnerungen den Kriegseintritt seines Vaters, der zeit seines Lebens bei allem Patriotismus auch ein begeisterter Napoleon-Verehrer war – eine Haltung, die er mit vielen weiteren bürgerlichen Deutschen von Goethe bis Hegel teilte.[47] Nach Kriegsende absolvierte Henri Fontane seine Gesellenjahre und schloss die Ausbildung im Januar 1819 mit dem Apothekerexamen «Zweiter Klasse» ab.

Der Vater von Fontanes Mutter Emilie Louise Labry war schon 1810 im Alter von zweiundvierzig Jahren verstorben. Emilie Louise wurde, mit einem auskömmlichen Erbe ausgestattet, 1813 in das gehobene Pensionat der hugenottischen Familie Lionnet in der Französischen Straße in Berlin gegeben, zu dessen Gästen und Hausfreunden unter anderem der zu dieser Zeit noch angehende Literat und spätere Naturforscher Adelbert von Chamisso gehörte. Dort lernten sich Fontanes Eltern kennen und heirateten an Emilie Louises 21. Geburtstag am 24. März 1819 in der Französischen Kirche in Berlin – rechnet man nach, dürfte Theodor ein Kind der Hochzeitsnacht gewesen sein. Als Startkapital bekam das junge Brautpaar von Henris Vater ein Darlehen für den Kauf der Apotheke in Neuruppin.

Mit Henris Apothekerexamen «Zweiter Klasse» war nicht nur die berufliche Zukunft entschieden, sondern auch eine folgenreiche Festlegung für die künftigen Wohnorte der Familie getroffen. Denn nach den verschiedenen königlichen Medizinaledikten des 18. Jahrhunderts und der «Revidirten Ordnung, laut derer die Apotheker in den Königlichen Preußischen Landen ihr Kunst-Gewerbe betreiben sollen» galt in Preußen ab 1801 eine genau definierte Zwei-Klassen-Medizin: Nur examinierte Apotheker «Erster Klasse» durften in größeren Städten praktizieren. In § 10 werden diejenigen Städte im Einzelnen benannt, die Apothekern «Erster Klasse» vorbehalten waren: «Aurich, Berlin, Brandenburg, Bialystock, Bromberg, Cleve, Crossen, Cüstrin, Culm, Danzig, Duisburg, Elbing, Emden, Frankfurth, Graudenz, Halberstadt, Halle, Hamm, Kalisch, Königsberg in Preußen, Lissa, Magdeburg, Marienburg, Marienwerder, Minden, Plock, Posen, Potsdam, Stargard in Pommern, Stettin, Thorn, Tilsit, Warschau, Wesel und Züllichau.» Übrig blieben für Zweite-Klasse-Apotheker damit nur Apotheken in Provinzstädten mit weniger als 5000 Einwohnern.

Tatsächlich sollten Fontanes Eltern, nachdem sie als junges Paar Berlin verlassen hatten, nie wieder in einer größeren Stadt leben. Die auf Neuruppin (1819–1827) folgenden Stationen waren Swinemünde an der Ostsee (1827–1837) mit rund 3500 Einwohnern, Mühlberg an der Elbe im von Preußen 1815 annektierten nördlichen Sachsen (1837–1838) mit unter 3000 Einwohnern, schließlich Letschin im Oderbruch (1838–1850), ein Dorfensemble, das, wenn man die verschiedenen Ortsteile zusammenrechnet, rund 2000 Einwohner zählte. Den absteigenden Einwohnerzahlen entsprach proportional der finanzielle Niedergang der Fontanes. Nach dem endgültigen Bankrott und der Trennung der Eltern 1850 tauchte der Vater im Niemandsland von Schiffmühle bei Freienwalde an der Oder unter (Einwohnerzahl großzügig gerechnet maximal 300), während die Mutter zurück nach Neuruppin zog – für beide die Endstationen ihrer «tour de province», wo sie in den späten 1860er Jahren starben.

Fontane selbst hat in hohem Alter in seinem wunderbaren «autobiografischen Roman» Meine Kinderjahre von 1893 seine Kindheit in Neuruppin und Swinemünde beschrieben. Auch wenn man diesen als stilisierende Literarisierung lesen muss, vermittelt er einen Eindruck von den ersten zwölf Lebensjahren und den prägenden Widersprüchen seiner Kindheit. Insgesamt beschreibt Fontane diese als eine Zeit großer Freiheit, verschweigt aber auch die dunklen Seiten nicht: die Spannungen zwischen dem Leben in der Provinz und dem darüber hinausweisenden großstädtischen und weltläufigen Habitus des Vaters und den repräsentativen Ansprüchen der Mutter, den elterlichen Dauerkonflikt und schließlich die sich mit dem finanziellen Niedergang einstellenden psychischen Leiden in Form von Nervenzusammenbrüchen bei der Mutter und als Phasen der Depression beim Vater. Die Ahnung der später bewusst formulierten Einsicht, «in Verhältnissen» groß geworden zu sein, «in denen überhaupt nie was stimmte», gehörte bei aller Freiheit und Sorglosigkeit zu Fontanes frühen Kindheitserfahrungen.[48]

Die Fontanes hielten in der Provinz an durchaus großstädtischen Allüren fest. Henri verkehrte an allen genannten Orten mit den höchsten Honoratioren, Kreisräten, Kaufleuten, Gutsbesitzern und Bürgermeistern, in Swinemünde wurde er 1829 zum Ratsherrn gewählt. Obwohl Französisch längst nicht mehr Familiensprache war und mehr passiv als aktiv beherrscht wurde, renommierte er mit Originalzitaten aus der französischen Literatur, lud zu erlesenen französischen Weinen ein und fuhr mit den jeweils neuesten und teuersten Kutschen über die zu allermeist noch nicht gepflasterten Kleinstadtstraßen. Das aktuellste und modernste pharmazeutische Standardwerk, die Pharmacopoea borussica von 1799, die im Auftrag des preußischen Königs nach den Grundsätzen des Begründers der modernen Chemie Antoine Lavoisier verfasst worden war, kannte er nach eigenen Angaben auswendig. Als regelmäßiger Leser internationaler Zeitungen und des Brockhaus’schen Konversationslexikons, das damals in Form von monatlich aktualisierten Heftlieferungen erschien, hielt er sich über das aktuelle politische Geschehen auf dem Laufenden. Wenn es um Zeitgeschichte, Geographie oder Politik gehe, zitiert Fontane seinen Vater, stecke er «zehn Studierte in den Sack».[49]

Als Kosmopolit richtete sich Henri Fontane an der Kultur sowohl des napoleonischen wie des britischen Empire aus. Die Romane Walter Scotts, die nach 1819 in ganz Europa Furore machten und den Literaturbetrieb revolutionierten, indem sie die Kluft «zwischen der Lektüre der Gebildeten und dem ‹Lesefutter› der Massen überwanden», gehörten auch bei den Fontanes zur Hauslektüre.[50] «Ganz Berlin», berichtet 1822 etwa der junge Heinrich Heine in seinen Korrespondenzberichten für die Westfälische Zeitung, spreche von Walter Scott: «von der Gräfin bis zum Nähmädchen, vom Grafen bis zum Laufjungen, liest alles die Romane des großen Schotten.»[51]

In allem so ziemlich das Gegenteil eines knickerigen Kleinbürgers und Provinzlers, war Henri Fontane aber auch anfällig für einen anderen internationalen Exportschlager der Britischen Empire-Kultur: Parallel zu Scotts Romanen breitete sich mit ähnlich durchschlagenden Erfolgen das Whistspiel aus, eine ältere Kartenspielvariante von Bridge und Rommé, die nicht nur in Europa, sondern auch im Orient und Indien zum festen Bestandteil der neuen Gentleman-Lebensart wurde. Henri Fontanes Kartenpassion wuchs sich schnell zur Spielsucht aus, die zur Hauptursache für den Niedergang des Familienunternehmens werden sollte.

Bereits in den ersten sechs Neuruppiner Jahren verspielte Henri nach eigener Schätzung um die 10000 Taler, also mehr als den Kaufpreis seiner Apotheke.[52] Seine bevorzugten Spielpartner beim Whist en trois waren der Gastwirt Michel Protzen und der Gutsherr Ernst Scherz – Namen, die nach Fontane’scher Erfindung klingen, aber historisch bezeugt sind. Beide personifizieren die spezifische Mischung aus Neureichtum und Provinzialität in Neuruppin. Neben der Kaserne gab es hier die Verwaltungsbehörden des einwohnerschwachen Kreises Ruppin, ein Schullehrerseminar, ein Gymnasium, die erste kurmärkische «Irrenanstalt» (1797 gegründet) und ein Landgericht. Nach einem Brand im späten 18. Jahrhundert fast vollständig neu aufgebaut, erinnert Fontane sie als eine problematische «kleine Provinzialstadt»: «Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock, in den sich der Betreffende, weil er von Natur klein ist, nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langenweile macht.»[53] Langeweile, Leere und eine zu früh geschlossene, unglückliche Ehe gab rückblickend kurz vor seinem Tod auch Henri Fontane gegenüber seinem Sohn als Ursachen für seine Spielsucht an.

Michel Protzen wird von Fontane in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg als typisch grobschlächtiger Gastwirt dargestellt, der populär, aber nicht beliebt ist, weil dafür zu viel Angst und Brutalität im Spiel sind. Ernst Scherz hatte sein Gut Krenzlin II 1815 unmittelbar nach der Freigabe des Gutsbesitzerwerbs im Zuge der Hardenberg’schen Reformen als Fidei-Kommiss – also vererbbar – erworben und war, obwohl bürgerlich, auch Mitglied des ständischen Kreisrats. Mit den Spielgewinnen aus dem Whist en trois mit Fontanes Vater konnte er sein Gut um Krenzlin III erweitern, später erwarben seine Nachkommen weitere Güter bei Frankfurt an der Oder. Ernst Scherz’ Sohn Hermann war ein Jahr älter als Theodor Fontane und gehörte zu dessen ersten Spielkameraden. Später zahlte er einen Bruchteil des Spielgewinns seines Vaters zurück – in Form von Reisezuschüssen für Fontanes erste Englandreise 1844, einer Taufpatenschaft für Fontanes Tochter Martha sowie einer finanziellen Unterstützung des Theologiestudiums von Fontanes Sohn Theodor junior. Trotz der sich daraus ergebenden «Herzensverpflichtung» lehnte Fontane nach Hermann Scherz’ Tod 1888 die Teilnahme an dessen Begräbnis ab, weil ihm mit dem Wissen um die Vorgeschichte «der Anblick des offiziellen Preußenthums und nun gar des offiziellen Preußenthums aus der 5. Rangklasse […] ganz unerträglich» erschien.[54] Tatsächlich lernte Fontane märkische «Junker», die in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg und in seinen Romanen eine so große Rolle spielen sollten, zuerst in Gestalt von Ernst und Hermann Scherz kennen – also nicht als Quitzow’schen Raubritter-Adel, sondern als Scherz’sche Glücksspiel-Gutsbesitzer.