Fragen, die noch gestellt werden wollen - Matthias Epperlein-Trümner - E-Book

Fragen, die noch gestellt werden wollen E-Book

Matthias Epperlein-Trümner

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Beschreibung

Dieses Buch widmet sich Erfahrungen von Eltern, Großeltern und Freunden, die uns zuteilwerden, wenn wir ihnen ganz zuhören. Es sind Geschichten, die von Stärke und Mut erzählen, uns vielleicht auf eine besondere Art und Weise inspirieren, unser eigenes Leben würdevoll zu führen. Die Gespräche wurden von Studierenden einer Akademie für Soziale Berufe geführt. Dabei ist die Methode des Interviews gekennzeichnet von Wertfreiheit und herzoffener Zuwendung. Hieraus entpuppt sich eine Haltung, in der wir wirklich bereit sind zu hören und die Fragen zu stellen, die noch gestellt werden wollen. So entsteht der Raum, in dem Geschichten erzählt werden können. Die Vorausgegangen sind uns immer ein Stück vorausgegangen. In der Rückschau liegt eine besondere Kraft, denn das Bezeugen von bereits Durchschrittenem lässt Zuversicht aufkommen. Ein verstecktes Puzzlestück kann sichtbar werden.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALTSVERZEICHNIS

Aperitif zum Geleit

Die Absicht des verbindenden Gesprächs

1. HINFÜHRUNG ZUM THEMA: DIE DYNAMIK VON KRISE UND WACHSTUM

2. DIE ABSICHT DES PROJEKTES IN DER ERWACHSENENBILDUNG

3. DIE INTERVIEWS

Aufmerksamkeit und Respekt schenken: Die Großeltern erinnern sich

Ausrichtung auf Lebensstärke: „Meine Oma überlebt“

Mutterverbundenheit vergewissern

Aus der Sprachlosigkeit herauskommen

Halt und Heilung mit der Mutter

Veränderungen in Selbstfürsorge gestalten

Mama, verletzlich und dennoch unbesiegbar

Martina – wie Eigenständigkeit erlebt wird

Stärke gewinnen auf dem eigenen Weg

Im Gebet und der Zuwendung Lebenskraft finden

Der Frauenstärke Bedeutung geben

Das Bedürfnis „Papa verstehen“

Innehalten und schauen: Der Vater als Vorbild

Schwiegervater Hermann – Fast 100 Jahre Erfahrungen

Das Mädchen mit dem deutschen Nachnamen – aus der Sprachlosigkeit kommen

Jona – ein siebenjähriges Mädchen in Albanien verliert ihre Kindheit

Ausrichtung auf Freude und Spielraum

In einer höheren Kraft den Anker wissen: Gebet und Vergebung

Eine Arbeitskollegin und Mentorin inspiriert ihr Gegenüber

Zwei starke Frauen begegnen sich inspiriert im Gegenüber

4. ASSOZIATIONEN UND ERKENNTNISSE IM BLICK

Danke Sagen

Literatur, die mich inspiriert

APERITIF ZUM GELEIT

EINE SPUR VON SCHALL UND RAUCH

Was Menschen so tun auf dieser Welt, hinterlässt Spuren. Jedenfalls dann, wenn wir von Händen, Dingen, Werkzeugen Gebrauch machen. Ob auf Satellitenbildern oder beim Anblick einer Wohnung nach dem Auszug, da ist alles zu sehen. Etwas weniger offensichtlich ist das beim Singen, Sprechen, Denken, Lieben und allerlei sonstigem menschlichen Sinneswandel, im Umgang miteinander und beim lebenslangen Sammeln von Wissen und Erfahrung: Schall und Rauch, flüchtig und auf Dauer unhörbar, unsichtbar. Sie sind zwar da, die Spuren nicht enden wollender Prozesse im Dickicht der Neuronen, eingeschrieben in Identität und Gedächtnis, aber von außen unergründlich im Schädel unseres Gegenübers.

Was Lehrende so tun auf dieser Welt, hinterlässt meist keine fassbaren Dinge, keine weithin sichtbaren Architekturen konstruktiver Arbeit. Das Unterrichtsgespräch, der Eifer erhitzter Geister, da ist alles fort im Augenblick. Abschlussarbeiten landen im Archiv, Berge beschriebenen Papiers im Schredder, ungezählte PDF-Dateien und Mails im „Nil“ oder im Tal der Könige, entlegenen Festplatten-Verzeichnissen. Klar, es verfängt sich was in Zeugnisnoten, erfüllten Lehrplänen, abgehefteten Sammelsurien. Aber das Eigentliche, was gute Lehre und gute Sozialpädagogik auch braucht, um genau das zu sein, ist eher ephemer: Nähe, Begegnung, Dialog, Vertrauen, Bewegung ins Offene.

Wie entstehen solche Qualitäten jenseits der Raster, wie die Befähigung, mit diesem Eigentlichen auch in der Praxis professionell wirksam zu werden? Als Kollegen haben wir lange an unseren zusammengerückten Schreibtischen und an wechselnden Spielorten an der Hephata Akademie dieses heimliche Curriculum immer wieder aufs Neue ausgerollt, befragt, erprobt. Jetzt, am Ende jener Zeit, wird in dieser Schrift eine Spur dieses Wirkens als Dozent doch noch sichtbar, lesbar, bleibend.

Spurlos und konturlos bleibt das Lebendige, wenn es nicht befragt, erzählt und geformt wird – im Forschungsprojekt der Studierenden nimmt es Gestalt an, für die Fragenden ebenso wie für die Befragten. Von einer Fallgeschichte zur anderen wird auch beim Lesen deutlich, wie sich in den Gesprächen dieser Prozess vollzieht.

Eine Erfahrung ist eine Erfahrung, und die Köstlichkeit, mit der sie sich offenbart, zum Beispiel beim Essen einer zum ersten Mal genossenen Speise, ist nicht identisch mit deren niedergeschriebenem Rezept. Schon einander davon zu erzählen, ist nicht Dasselbe, und erschließt doch etwas von den Qualitäten des Erlebten, eindrücklich, prägend vielleicht – auch dies möglicherweise unvergesslich, als besonderer Moment. Süß ist das nicht immer, auch bitter, scharf, tränensalzig.

Und erst recht das Niedergeschriebene, Kommentierte, Eingeordnete ist nicht das Gleiche, von der Erfahrung selbst entfernt, wohl aber ein bleibendes Zeugnis des Vorhabens, Bedeutung in ihrer Fülle zu erfassen, auch ein Exempel für die Bildung einer professionellen Haltung, und ein Pars-pro-toto der unzähligen Momente pädagogischer Qualität in der Lehre eines Dozenten, der Stunden und Jahre voller Schall und Rauch. Eine Spur, der zu folgen sich lohnt.

Delia Henss für Matthias Epperlein-Trümner, April 2022

„Jedes Menschengesicht ist ein Wunder. Es ist einzigartig. Was bedeutet schon Schönheit und Hässlichkeit? Jedes Gesicht ist ein Symbol für das Leben.“

TAHAR BEN JELLOUN

„Erst wenn ich schreibe, kann ich die Wörter geschrieben vor mir sehe, werden die Gedanken von selbst klarer.“

WIM WENDERS

KULTUR DES INNEREN FRIEDENS

Es sind Wörter, nur Worte.

Es ist die zu lange verdrängte Sprache, die urplötzlich zum Erscheinen kommt; Interviews, die den Schlüssel zur eigenen Selbstfindung liefern. Die oft in der sozial-pädagogischen Arbeitswelt zu Recht gepriesene Selbstwirksamkeit entpuppt sich endlich als Kennzeichen des Erhellenden; das worum es eigentlich immer geht: Mensch sein, Menschen anerkennen.

Anlässlich und abschließend zu einem dreijährigen Ausbildungsprozess der Sozialpädagogik als Erzieher*in stoßen diese im Wort mutigen Studierenden zum Kern eigener Biographien im Zusammenspiel mit eingeweihten Verwandten, welche in diesen durchgeführten Interviews Menschengesichter entziffern, vor.

Das noch nie zuvor Erzählte offenbart unentdeckte Dimensionen der (eigenen) Existenz; von sich selbst als Studierende und von anderen an der ersten Stelle. Wir wandern, freilich, durch Zeilen des Vertrauens ins Leben von Unbekannten. Lebensgeheimnisse, -abschnitte führen wie per Zauber im Spiegeleffekt zu uns zurück.

Diese wahrhaftigen Spinnennetze an Menschlichkeit erlauben uns schließlich, Wichtiges zu erkennen: die Deutung-Bedeutung jener Introspektion hervorgehoben und gerufen durch gewonnene und gesammelte sozialpädagogische Erfahrungen; in der Lehre und aber vorwiegend auch in der Praxis.

Ich wünsche Euch, so wie es bei mir der Fall gewesen ist, eine erkenntnisreiche Reise durch diese Worte.

Diakon Philippe-Guy Crosnier de Bellaistre

Kommissarischer Akademieleiter der Hephata Akademie für soziale Berufe

DIE ABSICHT DES VERBINDENDEN GESPRÄCHS

Im Zentrum dieser Veröffentlichung stehen Gespräche von Studierenden einer Fachschule für Sozialpädagogik mit ihren Eltern, Großeltern und Wegbegleiter*innen über das, „Was bisher noch offen geblieben ist“ oder auch darüber, „Was ich bisher nicht zu fragen wagte“.

Derlei Gespräche zu initiieren erfordert Mut und die Bereitschaft, wahrhaft zuzuhören, präsent zu sein und zu bleiben, zu lauschen ohne Bewertung und Urteil bzw. Interpretation. So kann Raum entstehen für Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, für Vertrauen und zutiefst verbindende Gespräche.

Wie schnell geschieht es, dass wir uns in einer sich rasant verändernden Welt durch die Anforderungen des Alltags vereinnahmt fühlen und quasi beinahe nicht „über den Tellerrand hinaussehen“. Angesichts der zusätzlichen gegenwärtigen Herausforderungen durch Corona, Krieg in Europa und Umweltkrise stellen wir möglicherweise das Eintauchen in unsere eigenen Krisen, aber eben auch in unsere Wachstumsbedürfnisse und Wachstumsschritte, sowie offene und forschende Gespräche darüber in den Hintergrund. So können Kontakte verarmen und der Eindruck von Fremdheit und Trennung zwischen den Generationen entstehen. Diese Trennung das Gefühl, von „die Welt, in der ich lebe, ist vollständig anders als die Welt, in der Ihr lebt“ mag auf beiden Seiten Schmerz und Verunsicherung mit sich bringen.

LERNEN GENERATIONEN VONEINANDER?

Und: Wie kann dies geschehen? Im schnellen Einordnen und mit klugen Ratschlägen? Oder im offenen Lauschen, neugierig und in aufmerksamer Zuwendung? Wir Menschen gehören zusammen und können dies im Miteinander-Sein spüren und verankern, indem wir den Raum öffnen und betreten, den uns das Umeinander-Wissen schenkt.

Sinn zu sehen und wertzuschätzen bin ich persönlich wie beruflich unterwegs, verändere mich nicht nur im Älter-Werden, sondern im besten Fall mit der Erfahrung eines jeden wahren Kontaktes.

Für ein bereicherndes Lernen der tiefen Bedeutung des „WIR“ benötigt es beide Seiten. So ist es ebenso wertvoll und ermächtigend, wenn die Älteren die Kinder und Enkel fragen und sich forschend neugierig auf sie und ihre Bedürfnisse einlassen, wie es sich lohnt auch in die andere Richtung zu schauen.

Kommunikation kann Brücken bauen und bilden. Damit ist sie im wahrsten Sinne die Einladung in einen geteilten Raum. Die Bereitschaft zu urteilsfreiem Hinhören beinhaltet diese Einladung. So wird der Raum geöffnet für tiefe Verbundenheit. Unser Gegenüber kann sich wahrhaft gesehen, gehört und gewertschätzt fühlen. Nähe und Versöhnung werden geschenkt.

Und von daher ist der Blick, den diese Veröffentlichung ausrichten möchte:

In der Begegnung verbinden wir uns und erkennen uns gegenseitig. Ich plädiere hier für Gespräche bzw. Interviews, bei denen sich beide Seiten der Narration und Deutung des Erfahrenen öffnen.

Wenn mich Menschen fragen: „Wie soll ich mit meinen Eltern umgehen?“, dann kann ich aus meiner Erfahrung heraus sagen: „Frage sie mit Respekt und offenem Interesse. Und liebe deine Fragen!“

Und von dieser Reise, liebe Leserin und lieber Leser, handelt das Buch, welches Sie in der Hand halten und zu lesen bereit sind. Sicherlich tauchen auch bei Ihnen Fragen auf wie, „Wen würde ich gerne fragen?“, „Was ist noch zum Aussprechen und Teilen bereit?“ und „Was würde ich gerne selbst gefragt werden?“

1. HINFÜHRUNG ZUM THEMA

Die Dynamik von Krise und Wachstum

Diese Veröffentlichung berichtet von einer Reise mit Absicht. Als Dozent für Sozial- und Heilpädagogik lag mir in den inzwischen 20 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit in einer diakonisch verankerten Akademie für Soziale Berufe die persönliche wie professionelle Entwicklung der Studierenden am Herzen. Ich fühlte mich gerufen. Wissen und Kompetenz können in einer Ausbildung eine Verbindung eingehen mit der Schau auf sich selbst mit den eigenen Wurzeln, sowie dem großen Wunsch und Mut, den eigenen Sinn zu erforschen. Mit der Anregung zu Interviews und der Hinführung zu hinhörenden Gesprächen im persönlichen Umfeld mag ich einen wichtigen Impuls hierzu gegeben haben.

Bezugspunkte der folgenden Seiten sind nun also Interviews, die Studierende einer dreijährigen Erzieher*innenausbildung mit Eltern und Großeltern, mit Freund:*innen und Weggefährt*innen geführt haben. Diese werden nach einleitenden Bemerkungen zu den Prozessen und der Bedeutung des Hinhörens im Hauptteil zusammengefasst wiedergegeben und anschließend im Metablick betrachtet.

AUSGANGSPUNKT DER FORSCHUNGEN DER STUDIERENDEN IST DAS THEMA RESILIENZ.

Der Begriff der Resilienz kommt aus der Materialforschung. Da geht es um die Frage, wie ein Material beschaffen sein muss, damit es trotz Belastungen wieder in den Originalzustand zurückfindet, wie etwa ein beanspruchter Autoreifen, der die Fahrt über die Bordsteinkante und kurzzeitige Verformung heil übersteht.

„Resilienz ist die Aufrechterhaltung oder schnelle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach Widrigkeiten“, schreibt Raffael Kalisch 2017. Wobei es aus der Sicht meiner Forschungen mit den Studierenden gar nicht in erster Linie um „schnell“ geht, sondern um das grundsätzliche Vertrauen in das Leben und somit in die Zeitpunkte, in denen sich Dinge ereignen können und bewältigen lassen, die Geschwindigkeit, die das Leben uns mit seiner Schöpferkraft schenkt.

Resilienz ist also Mut und Widerstandskraft, die in uns angelegt sind und trainiert werden durch unsere Fähigkeit, Aufgaben und auch Probleme, die wir bewältigen können, auch anzugehen.

Stets aufs Neue wird sich die Chance anbieten, uns an das erinnern, was wir wirklich sind. Hierbei helfen uns das Vertrauen in unsere eigenen Kräfte, in den Rückhalt durch die Kultur unserer Beziehungen mit Partner*innen, Kindern und Wegbegleiter*innen. Und gleichzeitig kann es ein wertvoller Anker sein, wenn wir uns eingebettet und gehalten wissen von einer höheren Kraft, beispielsweise der Zuversicht in und Hoffnung mit Allah, Jesus oder Gott.

RESILIENZ IST NICHT GLEICHBEDEUTEND MIT GLÜCK

In der menschlichen und auch kollektiven Lebenswelt bedeutet Resilienz gemeinsam zu ergründen, welche Kräfte und Energien wir benötigen, damit wir – trotz Belastungen oder auch gerade mit der Erfahrung dieser Zumutung – in uns selbst ankommen, in unserem versprochenen „Originalzustand“, der uns Unverletzlichkeit und Vollständigkeit verspricht.

Dabei hilft uns unser Gehirn mit seinen Denk-, Erinnerungs- und Zusammenarbeitsfähigkeiten (vgl. Hüther 2015, 12 – 46, wenn er über die konstruktive Bedeutung der Angst und deren Wandel in Zukunftszuversicht spricht).

Wandel gehört zum Leben wie die Entfaltung unseres Potentials. Lust am Wandel haben wir häufig wie auch die Sicherheit, dass Wandel zum Leben gehört. Die Krise selbst können wir allerdings meist nicht so einfach begrüßen, auch wenn wir wissen, dass Krisen ebenso zum Leben gehören. Vertrautes können wir manchmal nur schwer loslassen, bisweilen fügen wir uns sogar in das Einengende. Oder wir sehen keinen Ausweg aus der Krise, wenn diese von uns eine Anpassungsleistung fordert.

Das Ziel von Resilienz ist es, Sorge, Angst und Zumutung aufmerksam zu begegnen und zuversichtlich zu werden oder bleiben zu können.

Dies gilt für einzelne Menschen, wie für uns als Gesellschaft: Eine resiliente Gesellschaft könnte beispielsweise forschen, wie wir in den Sorgen und Bedrohungen von Klimakrise, Virenmutationen und Konsumorientierung gesund und zuversichtlich bleiben können, könnte sich bewusst mit den Phänomenen befassen und dazu lernen statt zu verdrängen und mit den immer selben stereotypen und wenig erfolgreichen Verhaltensweisen darauf zu reagieren.

Gerade die Krise fordert uns auf zum Erwerb oder besser zum Erinnern von Strategien im Umgang mit Herausforderungen. Eine hier vorgestellte Wachstumschance liegt in der Bestärkung unserer Absicht „zurückzusehen und hinzuhören“. In der Resilienzforschung gilt es zudem als ermutigend für uns als Einzelne und als Kollektiv, wenn wir wissen, dass wir Ähnliches schon einmal überstanden haben und über eine Schwarmintelligenz verfügen.

Insofern ist Resilienz dann doch mit Glück gleichbedeutend, da uns bewusst wird, wie vollständig und heil wir mit Zuversicht erfüllt sein können. Dies werden uns die Interviews ebenso zeigen.

Die Grenze der Resilienz wird überschritten mit der traumatischen Erfahrung. Dabei wird Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen, die Bedrohung wird über- und der Mensch ohnmächtig.

Hierzu gibt es Forschungen und umfassende Darstellungen, die zeigen, welche Spuren Traumata und belastende Ereignisse in Körper, Gehirn und Geist hinterlassen. Besonders eindrucksvoll sind zudem Erkenntnisse zum Thema der Resilienz bei Kindern. Van Kolk betont, dass niemand die Folgen von Krieg, Misshandlungen und anderen schrecklichen Ereignissen ungeschehen machen kann. Gleichzeitig zeigt er Wege auf, wie Menschen wieder in die Kraft kommen können, selbst zu entscheiden, was in ihrem Leben passieren soll. Diese Kraft nennt er Self-Leadership (van Kolk 2015, 196f; 243ff).

GESPRÄCHE UND INTERVIEWS

Die im Mittelpunkt dieses Buches stehende Methode des narrativen Gesprächs bzw. Interviews mit nahen Menschen ist auf der Spur der Resilienz und jener Kraft, die uns Selbstwirksamkeit und Selbstgefühl erinnern lässt und uns diese zudem nach bzw. in diesen Herausforderungen zurückgeben kann. Die Vision ist, dass wir stark und in uns ruhend aufwachen können. Denn das wird der Leserin und dem Leser des Buches, so hoffe ich, als eine Erkenntnis bewusst werden: Resilienz ist nicht nur eine Widerstandskraft, die wir als Anlage in uns tragen und immer wieder trainieren. Dazu gibt es hinreichend Literatur und ermutigende Berichte.

Sie ist ebenso eine Kraft, zu der wir gelangen im Verlernen von Prägungen und Ideen von uns als „klein und unbedeutend“. Für diesen Prozess des Verlernens bietet uns das Leben Material.

Insofern sind wir in den Interviews, die die Studierenden geführt und ausgewertet haben, auf den Spuren des gehaltenen Lebens.

Unser Leben ist im doppelten Sinn gehalten: Aktiv gehalten wie eine Rede gehalten wird und sich manches Mal im Sprechen verhaspelt und dennoch entwickelt.

Und doch müssen wir im besten Fall für das Gehalten-Sein im Leben gar nicht viel tun, außer die Kontrolle und alte Glaubenssätze aufzugeben. Für die Gestaltung unseres Lebens ist das tiefe Wissen „schützend gehalten zu sein wie ein Kind“, hilfreich. Gehalten sind wir in der Liebe und Geborgenheit Gottes, im Kreis der Familie und Freunde und der von uns selbst erworbenen Kraft. Dies ist eine Stabilität und Sicherheit, die sich in vielen Interviews zeigt.

Für die Interviewer*innen ist Anfänger*innengeist vonnöten, mit dem sie auf sich und gleichzeitig auf das Lebenswerk des Gegenübers sehen. Da ist ein herzoffenes Gespräch, nämlich das Interview, eine gute Methode. Dies ist ein wechselwirksamer Prozess wie der Dialog auch, der das Prinzip der Kokreation in sich birgt, wenn unser Geist offen und bereit ist. Hilfreich wirken nicht nur die Gespräche, sondern ebenso die Verschriftlichung und Reflexion der Interviewer*innen, insbesondere beim Miteinander-Teilen.

Die Geschichten und deren Deutungen, die wir hier lesen können, erzählen vom Umgang mit den Herausforderungen des Lebens.

Gleichzeitig erzählen sie von der Kraft der Hingabe an das Leben einschließlich seinen Zumutungen. Genau diese Kraft wird uns im Erzählen oft erst bewusst. Die erzählte Geschichte ist immer in erster Linie eine Narration und zeugt von Deutung und Verarbeitung. Sie fragt nicht nach der historischen Überprüfung, der Sinn des Erinnerten liegt in der Bedeutung für uns als Einzelne und für unsere Gemeinschaft, nicht in der Objektivität.

Damit Menschen erzählen, bedarf es der Wiederaufnahme des Gesprächs und eines Angebots zum Zu- und Hinhören. Es bedarf der Achtsamkeit, weil es nicht um Werten und Einordnen geht, eher um Staunen und Sich-Öffnen. So kann sich die Magie des Hinhörens entfalten: Wenn der eine oder die eine sich dem Gegenüber öffnet, öffnen sich beide. Wenn eine weint, weinen beide, wie es in einem Interview mit der Mutter formuliert wird.

Insofern sind die dokumentierten Gespräche ein Weg zu einer Erfahrung von geteilten Leben und öffnen die Tür zu Versöhnung im Hinhören und Würdigen. Dies geschieht insbesondere, wenn es um das Kennenlernen und Verstehen der eigenen Vorfahren und der persönlichen wie gemeinsamen Wurzeln geht.

Interviews sind zudem eine Chance der Selbstbegegnung – die Begegnung mit der eigenen Stärke und der Kompetenz des Hinhörens und Aufnehmens. Und gleichzeitig stellt sich nach dem Interview bei denen, die dieses geführt haben, ein Erstaunen darüber ein, dass im Gegenüber ebenso ein eigener Anteil erkannt und so zum gemeinsamen wird, z. B. die Wiederentdeckung von Selbstwirksamkeit, von der Stärke des „Nein“, von der Bedeutsamkeit des „Ja“ oder dem Einverstanden-Sein.

Auf sich selbst hören zu können ist eine Voraussetzung dafür, auf andere hören zu können. Bei uns selbst zuhause zu sein wird die Voraussetzung für unsere Zuwendung. Unserem Gegenüber mit Respekt und Würdigung zu begegnen, würde ich gerne als das Geschenk einer segnenden Haltung verstehen.

2. DIE ABSICHT DES PROJEKTES IN DER ERWACHSENENBILDUNG

DREI BÜCHER, DIE MICH BEWEGT HABEN

Beeindruckt haben mich Werke der Literatur, die mich Menschen und ihre Lebensleistungen verstehen lassen. Exemplarisch benenne ich drei Werke:

Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber, die für und mit ihrer prosaisch bearbeiteten Biografie den deutschen Buchpreis 2020 verliehen bekam. Berichtet wird das Wirken einer beherzten Widerstandskämpferin in Frankreich gegen die deutsche Besatzung und später gegen die französische Kolonialmacht in Algerien.

Das Buch von Helga Schubert, die ihr Leben als ein „Kind zwischen zwei Heimaten, ein Jahrhundertleben“ erzählt. Berichtet wird von Flucht und Vertreibung aus den ehemals deutsch-besiedelten Gebieten, von DDR-Vergangenheit und staatlicher Kontrolle, also somit vom Prozess des Frieden-Schließens mit dem eigenen Leben. Helga Schubert bekam 2020 für dieses autobiografische Werk den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei ihr habe ich einen bedeutsamen Satz gefunden, wenn sie Marie von Ebner-Eschenbach zitiert: „Nicht was wir erleben, sondern wie wir erleben, was wir erleben, macht unser Leben aus“ (Schubert 2021, 40).

Das Buch von Elif Shafak, der in der Zeit von Corona-Krise und sozialer Isolation 2021 ein aufrührendes Plädoyer für gegenseitiges Verständnis und Respekt gelingt, hat mich ebenso beeindruckt: „Hört einander zu!“ Auch hier werden biografische Elemente und die Auseinandersetzung mit den Aufgaben und Chancen unserer Zeit verbunden.

Diese drei Werke weisen mir beim Hineinversetzen und auch Mitfühlen den Weg des Verstehens und des großen Respektes für Lebensleistungen.

DIE NARRATION ALS QUELLE

Der Begriff der Narration ist im Moment beinahe ein Modewort. Er weist darauf hin, dass das Erzählte und Erinnerte weniger dem Faktencheck zu unterziehen sei, da es um Erleben und Erfahren geht, welches unsere Haltung zu und unser Verortet-Sein in der Welt, in der Gesellschaft und in unseren Beziehungen ausmacht.

Erzählen wird gesehen als reflexives Vergegenwärtigen persönlicher Erfahrungen und damit als Zugang zu den persönlichen je eigen gewordenen und, im besten Fall, integrierten Lebens-Welten.

In Erzählungen und insbesondere auch dem Weitergeben von Erzählungen werden Werte, Einstellungen und Haltungen deutlich. Dies übrigens bei beiden, Erzähler*innen wie Hinhörenden.

Insofern hat das Erzählen selbst Wahrheit-Schaffendes, es definiert um bzw. neu, bestätigt oder wirft bisher Gedachtes um. Möglicherweise finden sich in unseren jeweils sehr individuellen Erzählungen und Narrationen mehr Verarbeitungen und Wahrgebung, als die Wahrnehmung dessen, was passiert ist. Wir leben und wir erinnern mit unserem tiefen Wunsch nach Kohärenz und Stimmigkeit.

DIE KUNST DES HINHÖRENS

Hinhören bedeutet Lauschen und „von der Erzählung gebannt werden“ und gleichzeitig das Zulassen der Haltung: „Zunächst verstehe ich nichts von dem, was du erzählst“.