Verlag: Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH Kategorie: Lebensstil Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Frankfurt am Main - Frankfurter Allgemeine Archiv

Frankfurt am Main hat viel mehr zu bieten als Banken, Hochhäuser und einen riesigen Flughafen. Dieses von F.A.Z.-Ressortleiter Matthias Alexander herausgegebene eBook zeigt die Vielseitigkeit der Mainmetropole und seiner Bewohner und stellt die Frage nach dem Charakter der Stadt: Überwiegt das internationale Flair, ist die Stadt urban und glamourös, kann sie mit anderen aufregenden Metropolen mithalten - oder geht es hier eher gemütlich zu, ist Frankfurt ein gar großes Dorf? Die Geschichten über historische, kulturelle, städtebauliche und "typisch frankforderische" Themen lassen den Leser auf rd. 340 Seiten mit 42 Abbildungen die ganze Bandbereite der Stadt erleben.

Meinungen über das E-Book Frankfurt am Main - Frankfurter Allgemeine Archiv

E-Book-Leseprobe Frankfurt am Main - Frankfurter Allgemeine Archiv

Frankfurt am Main

Zwischen Goethe-Klassikund Bankenhauptstadt

F.A.Z.-eBook 36

Frankfurter Allgemeine Archiv

Herausgeber: Dr. Matthias Alexander

Redaktion und Gestaltung: Birgitta Fella

Key Account Management Archivpublikationen: Christine Pfeiffer-Piechotta, c.pfeiffer-piechotta@faz.de

Projektleitung: Franz-Josef Gasterich

eBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg

Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb: Content@faz.de© 2014 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main.Titelfoto: © Claudio Divizio / Fotolia.de

ISBN: 978-3-89843-374-7

Willkommen in Frankfurt

Unsere ganz normale Stadt

Inszenierung dringend gesucht – Frankfurt und der Glanz

Von Brigitte Scherer

Ist Frankfurt glamourös, aufregend, international? Ist es gemütlich, liebenswert, pittoresk? Was sonst jeder Besucher einer Großstadt wissen will, musste hier niemand mehr fragen seit der Währungsreform. Keine andere deutsche Stadt hat zu mehr Rezensionen ihrer Befindlichkeit animiert, keine andere Stadt war seit einem halben Jahrhundert so oft Objekt gleichbleibend bitterer Porträts, ob wie zuletzt im taktischen Spiel mit dem angedrohten Umzug der Buchmesse ins vorgeblich billigere München oder wie nach dem Auszug der Jungbanker im Crash der New Economy. Was alles wird Frankfurt vor die Füße geschleudert, Kleinbürgermief und Großmannssucht, Rotlichtmilieu und kalte Hochhauspracht, Kapitalistenkapitale, Selbstvernichtung: schlimmer kann es im Leben nicht kommen.

Was um Himmels willen macht diese Stadt falsch, dass es für Zeitungen und Magazine aus dem restlichen Deutschland offenbar nichts Schöneres gibt, als sich subtile Sottisen auszudenken, von »zentrale Randlage« bis »Vom Parvenu zum Paria«? Mal schmeckt einer der Frankfurt-Kundschafter beim Kaffeetrinken im Schatten der Kapitalistentürme die untergegangene DDR heraus; mal schreibt einer von der Menükarte eines Ausflugslokals penibel die Nummer des Konservierungsmittels im Kartoffelsalat ab, um aller Welt zu beweisen, welch mieser Schuppen in einer miesen Stadt das sei. Wer wollte es Zugezogenen unter diesem Trommelfeuer verdenken, dass sie sich für etwas Besseres halten, wenn sie noch nach Jahrzehnten ihren Lebensort verleugnen und gönnerhaft anfügen: »Aber die Umgebung, die ist ja schön.«

Kaum einer der Vorwürfe hält einem zweiten Blick stand – doch daran, dass keiner genauer hinschaut, ist Frankfurt selber schuld. Genauer gesagt, sein Bürgerstolz. Eine freie Reichsstadt zu sein, in die Kaiser und Könige nur zu ihrer Krönung, aber nicht zum Herrschen kamen, hat seinen Preis. Hätten die Frankfurter sich zuzeiten unter die Obhut absolutistischer Fürsten begeben, wie rasch wären da Schneisen geschlagen worden durch ihr kleinteiliges mittelalterliches Herz, großartige Alleen wären entstanden, gesäumt von eleganten Palästen und gekrönt von einem prächtigen Schloss, mit dem man heute die Welt beeindrucken könnte, denn der erste Eindruck zählt. Nun haben die anderen die repräsentativen Straßen und respektgebietenden Plätze, die eindrucksvollen Gebäude – und auch noch die Promis mit den adeligen Namen, Nachfahren der glanzvollen Verschwender.

Doch in dieser Liga hielt der Frankfurter Patrizierstand stets mit. Frau Rat Goethe etwa, als Tochter des Schultheißen und Frau eines der wohlhabendsten Männer der Stadt selbst Bürgeradel, verkehrte durchaus auf Augenhöhe mit Fürsten von Geblüt. Ihre Gäste empfing sie in der roten Stube ihres Hauses im Hirschgraben, nicht in einem Schloss. Statt eines Hofstaats reichten ihr zwei Mägde für den Komfort. So grundsolide ist die Mentalität der Bürgerstadt Frankfurt bis heute. Adorno und Ackermann statt Bohlen und Naddel, Frankfurter Schule statt Bussi-Gesellschaft. Hamburgs feinsten Kreisen entstieg das strahlendste Exemplar der Spezies Partyluder, München prunkt mit einem Fußballkaiser, und in Berlin blühen die Agenturen, die gesellschaftlichen Anlässen gegen Honorar Stars, Sternchen und andere Menschen mit Glamourfaktor zuführen. Wo »die Gesellschaft« in Frankfurt sich versteckt, treibt nur den Rest der Welt um.

Eine Königin des Salons wie die Industriellengattin Gabriele Henkel in Düsseldorf gibt es in Frankfurt nicht. Das gesellschaftliche Leben wird von Bankern und Managern bestimmt, bei aller hohen Bezahlung in der Mehrzahl zeitarme Angestellte ohne jeden Ehrgeiz, öffentlich einen üppigen Lebensstil zu repräsentieren. Juwelier Friedrich, einer der Feinsten und Berühmtesten seiner Zunft, kann ein Lied davon singen. Eher hängt in einem Bankerwohnsitz im Taunus ein veritabler Rembrandt an der Wand, als dass ein Kunstwerk der Haute Joaillerie das Dekolleté der Dame des Hauses schmückt. Dennoch haben die Brüder Christoph und Stephan Friedrich als einzige der berühmten Nachkriegsjuweliere überlebt und sind sogar in die Weltelite aufgestiegen. Dreimal wurde ihnen der »Diamond Award«, der Oscar der Juweliere, verliehen.

So etwas wirkt bei der internationalen Klientel in Paris, in London, in New York und neuerdings auch in Moskau, von Frankfurt allerdings könnten sie nicht leben. Das liege am Frankfurter Protestantismus, meint Stephan Friedrich, aber auch daran, dass die potentielle Klientel nicht wisse, wo man in Frankfurt Kleinodien mit Anspruch zeigen solle. Dafür macht in ihrem Stammgeschäft in der Goethestraße das Schaufenster mit den Secondhand-Okkasionen Furore. Für die Ehefrauen von Unternehmern, Topmanagern oder anderer Hautevolee aber ist das kein Grund, um des Vergnügens willen nach Frankfurt zu reisen. »Komm bald zurück«, nicht »Ich komme mit« laute ihre Reaktion bei Dienstreisen des Ehemanns nach Frankfurt.

Einkaufen in Frankfurt, das ist tatsächlich ein Kapitel für sich. Zum Einkaufen nach Frankfurt, das war die elektrisierendste Aufforderung meiner Kinderzeit. Wenn die Großmutter mit verschwörerischem Blick das Lavabelkleid hervorholte – Nonplusultra der frühen Fünfziger –, sich den Sommerhut schräg ins Gesicht drückte und ihre Geheimkasse in der Meissener Dose ausräumte, überkam mich prickelnde Erwartung wie vor etwas Verbotenem. Tatsächlich ging es bei diesem umständlichen Ausflug vom Dorf in die Großstadt ja nur vorgeblich um Bedarfsdeckung, etwa den Kauf einer Garnitur Bettwäsche im Kaufhaus Schneider. Danach kam, im sündigsten Gefühl der Verschwendung, die Hauptsache: das Anprobieren von Kleidern, Hüten, Lackschuhen – und zum Schluss, als krönender Abschluss des Frankfurt-Rituals, die Einkehr im »Kranzler« oder dem Dachgarten eines Kaufhauses. Mit seiner hochmodernen Kühltruhe, den Bistro-Tischen im Freien über den Dächern der Stadt und den lachenden, essenden, durcheinanderredenden Menschen kam mir das alles wie der Inbegriff von Großstadtflair vor.

Wer heute mit dem Vorsatz des Lustkaufs gen Frankfurt aufbricht, hat die Unschuld der frühen Jahre verloren. Als erstes fällt ihm auf, dass auch der Inszenierung eines großstädtischen Einkaufsambientes zwischen Konstablerwache und Opernplatz die weitgehende Abwesenheit glanzvoller historischer Architektur entgegensteht. Neidisch muss der Frankfurter Shopper zugeben, dass die herausgeputzten alten Fassaden in Hamburg oder München noch dem üblichsten Lädchen einen großartigen Rahmen verleihen. Bei der Metamorphose der Kaufhausmagistrale Zeil in ein Paradiesgärtlein multikultureller Happenings wären allerdings pompöse alte Häuser deplaziert. Und wohin dann mit dem putzigen Platanenhain, der die Innenstadt mit Wäldchestag-Stimmung wärmt? Überhaupt überkommt noch den willigsten Konsumenten mitunter das Gefühl, ein sparsamer Kaufmannsgeist über der Stadt wolle ihn vor unbedachter Verschwendung bewahren. Auf der populären Zeil vergisst er das Geldausgeben vor lauter Staunen und Schauen zwischen Zauberkünstlern, lebenden Standbildern und Musikanten, im Fall des eleganten Gegenpols Goethestraße beklagt er das Gegenteil: Im Streben nach einer Fifth-Avenue-Karriere ist dicht an dicht nun zwar alles da von Chanel bis Tiffany, doch kein Platz zum Sitzen, Gesehenwerden und Flanieren. In fünfzehn Minuten ist man durch die große Markenwelt durch.

Seit einem Vierteljahrhundert lebt Rainer Brenner in seinem Palast für feine Brillen mittendrin. Der Optiker und Initiator der Aktionsgemeinschaft Goethestraße ist schon von Berufs wegen gespalten in seinem Blick auf Frankfurter Einkaufsglanz. Einerseits liebt er das Frankfurter Klein-Klein, die Ordnung in Einkaufen hier und Essen dort, die winzigen Läden, das Kleinstadtgefühl. Andererseits geht dabei jede Großzügigkeit verloren. Das ist in der Goethestraße wörtlich zu nehmen. Wie soll man auf vierzig Quadratmeter Ladenfläche Einkaufserlebnisse organisieren? Prada zum Beispiel schafft es auf diesem Platz nur, Handtaschen, Sonnenbrillen und Schuhe zu präsentieren, nicht die eigentliche Mode. Und wo soll eine Frau ihr Versace-Kleid aus der Goethestraße ausführen, wenn selbst auf dieser teuersten Straße der Stadt alle nur durchhuschen, um eilig etwas zu erledigen, aber nicht verweilen, weil es keinen Ort dafür gibt?

»Frankfurt ist ein Dorf. Mein Dorf«, sagt Manfred Pasenau in seinem großbürgerlichen Westend-Büro mit dem mediterranen Gartenblick und lehnt sich bequemer zurück. Pasenau organisiert große »Events«, Frank Sinatras letztes Konzert in Europa etwa oder die Jubiläumsfeier der Frankfurter Messe; aber sein liebster Auftrag ist seit vielen Jahren der Opernball. Lebte Manfred Pasenau in Wien, wäre er mindestens so prominent wie die Patronin des »Sacher«, die beim Wiener Opernball die gleiche Rolle spielt wie er in Frankfurt, doch stets im Visier der öffentlichen Aufmerksamkeit. Frankfurt aber ist kein Pflaster, das Klatschkolumnisten nähren könnte, so beständig, bodenständig, wie es selbst in seinen nobelsten Ecken ist.

Seit Jahrzehnten wohnt Pasenau im Stadtteil Sachsenhausen, kauft samstags sein Brot immer beim selben Bäcker (»der beste«), das Lammkarree bei Metzger Bumb (einer aus der legendären Frankfurter Fleischboutiquen-Zunft), wandert über den Eisernen Steg ans andere Mainufer zur Kleinmarkthalle für Käse und Grünzeug und beendet den Morgen, zeitunglesend bei »Meyer's« im Freien sitzend, auf der »Freßgass'«, dem Defilee seiner Bekannten entgegensehend, die auch immer hier vorbeikommen. Und wenn er nachmittags dann endlich ein Stück weiter die Bockenheimer hoch im Literaturhaus angekommen ist, jedes Mal mit dem Gefühl »Hier bin ich richtig«, klingt das ziemlich sentimental für einen Unternehmer, der auch schon in Afrika und in Japan gearbeitet hat. So wunderbar normal ist das Leben in Frankfurt, wo alles so bleibt, wie es ist: ob die Europäische Zentralbank kommt oder die Abendkleider beim Opernball immer eleganter werden oder die Wolkenkratzer-Skyline in »einem Gegensatz wie nirgendwo sonst« vor der Alten Oper in den Himmel wächst.

Wie man Frankfurt erlebt, wird vor allem davon bestimmt, wo man lebt, ob in Sachsenhausen oder in Bornheim, ob im Westend oder weit draußen in den Vororten der Taunushöhen. Schon das übernächste Viertel ist eine Weltreise entfernt, transporttechnisch und soziologisch. Das klingt übertrieben in einer nur mittelgroßen Stadt und ihrem engen Zentrum. Aber alle Karrees werden von Verkehrsachsen durchschnitten, die Verbindungswege sind schmuddelig und kompliziert, an der Alten Oper, dem schönsten Platz, lässt man es zu, dass nach dem Abriss des berühmten Zürich-Hochhauses mehr als zwei Jahre eine riesige Baubrache klaffte. Und überall herrscht das Prinzip Nadelöhr. Kaum findet der Fremde den versteckten Zugang zu Bar und Restaurant im monumentalen Main-Plaza-Tower; direkt vor der Eingangstür des Hotels »Metropolitan« gähnt das Loch, das ins Parkhaus unter dem Hauptbahnhof führt; und Frankfurts In-Viertel auf dem Gelände der ehemaligen Union Brauerei im Ostend mit Clubs, Restaurants und einem Schneider versteckt sich vollends hinter der Fassade eines Autohauses und einem bewachten Schlagbaum. Selbst dem Bürokomplex »Frankfurter Welle« unmittelbar neben der Alten Oper gelang es, seine spektakuläre Plaza mit Läden und Lokalen an einem künstlichen Flüsschen zu verbergen. Mit Investitionen in die Lebensqualität, die nicht direkt zum Geldverdienen taugen, tut man sich in Frankfurt offensichtlich schwer, und die Stadtentwicklung bleibt augenscheinlich dem Zufall überlassen: überall weitverstreute, interessante Solitäre, die jedoch zu keinem Ganzen verbunden sind.

So wird das wahre Frankfurt von Besuchern überhaupt nicht oder am falschen Ort gesucht. In Restaurants, die man nicht findet, kann man auch nicht essen, so einfach ist das. Mit dem Ergebnis, dass eine folkloristische Petitesse wie »Handkäse mit Musik« zum Inbegriff des kulinarischen Frankfurt avancierte, obwohl der magere Rundling diese Rolle auch für Mainz spielen muss. Alles nur, weil die Spezies »Apfelweinwirtschaft« in jedem Frankfurt-Reiseführer vorkommt. Dabei ist das für Frankfurt idealtypische Lokal »der Italiener«. »Isola Bella« war sogar der erste in ganz Deutschland, der schon vor der Gründung der Bundesrepublik 1948 am Frankfurter Theaterplatz eröffnete. Damit war der Grundstein gelegt für die »Toskana-Fraktion«. Auch die Wegbereiter der Frankfurter Schule des Genießens sind bis heute von der Gourmetwelt unbeachtet geblieben. Wer weiß als Fremder schon, dass sich hinter den auffällig zahlreichen, auffällig schimmernden Feinkosttempeln der Freßgass' alte Frankfurter Metzgerstradition versteckt?

So viele ehrgeizige Metzger wie in einem einzigen Stadtteil Frankfurts gibt es sonst nicht in einer ganzen Stadt. Star unter diesen Stars der gehobenen Feinkost ist der stets spitzbübisch wirkende rothaarige Willy Meyer aus dem Stadtteil Sachsenhausen, der 1970, just zur Zeit der Studentenrevolution, im Gegenentwurf die »Fleischboutique« erfand. Genau gesagt, war es die Idee seiner Frau und das Ganze ein Urlaubssouvenir aus Belgien. Auch die Wettbewerber, damals alle Freunde, machten als Frankfurter Avantgarde mit; Metzger Bumb führte den Musterprozess, seitdem darf ihr Gewerbe Brot verkaufen. Was »Käfer« in München bedeutet, ist »Meyer« jetzt in Frankfurt, wo er mit In-Lokalen und einem siebten Sinn für den Zeitgeist an der Lebensqualität seiner Stadt baut.

Diese nie versiegende Investitions- und Innovationslust erlebt der Besucher nur in Form von Baustellen, Baukränen und Staus. Denn nicht einmal das sich ununterbrochen wandelnde Stadtbild, das die Novitäten der Architektur sammelt wie in einer Ausstellung, wiegt auf, was Frankfurt seit seiner Zerstörung immer fehlte: die Inszenierung. 

Die Skyline bestimmt das Bild von Frankfurt, auf das Leben der Frankfurter hat sie keinen so großen Einfluss, sie lieben »ihr Dorf«. F.A.Z.-Foto: Helmut Fricke

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2003

Von Franconofurt bis Mainhattan

Die Frankfurter Pfalz war dem Anspruch nach mit Aachen und Ingelheim vergleichbar

Hannoveraner Bauhistoriker stellt seine Überlegungen zur Königshalle vor

Von Cord Meckseper

In Frankfurt steht die Neubebauung des Archäologischen Gartens zur Diskussion. Einer völlig modernen Formensprache ohne Berücksichtigung der historischen Gegebenheiten steht ein für Frankfurt und Deutschland wichtiges historisches Denkmal im Wege: Die Grundmauern einer karolingischen Königshalle in der einstigen Frankfurter Pfalz. Die Pfalz war Ausgang der Stadt Frankfurt und im 9. Jahrhundert ein Vorort des ostfränkischen Reichs. Es stellt sich die Frage, ob nunmehr eine »moderne« Zweckbebauung entstehen soll, die das einstige Bauwerk nicht mehr erkennen lässt, oder eine, die weiterhin dessen historische Bedeutung zu vermitteln vermag. Ebenso wäre ein räumlicher Bezug zum Nachfolger der einstigen Pfalzkapelle, dem heutigen Dom, zu bedenken.

Seit fränkischer Zeit und bis in das hohe Mittelalter war das mittelalterliche Königtum ein Reisekönigtum. Die Könige residierten mit ihrem bis zu 500 Personen umfassenden Gefolge in regelmäßigem Wechsel auf zahlreichen über das Reich verstreuten, in vielen Fällen nun auch auf ländlichem Boden angelegten Pfalzen. Einige hatten als bevorzugte Festtags-, Weihnachts- oder Jagdpfalzen besonderen Rang. Auf ostfränkischem Boden vermitteln Überreste in Aachen, Ingelheim und Paderborn, nicht zuletzt aber in Frankfurt ein genaueres Bild.

Die Frankfurter Pfalz war aus einem königlichen Hofgut an der Stelle eines einstigen römischen Landguts auf der hochwasserfreien Anhöhe zwischen dem Braubach und einer Mainfurt entstanden. 794 wurde es unter dem Namen »Franconofurd« erstmals erwähnt. Damals tagte dort unter dem Vorsitz Karls des Großen eine Synode von Bischöfen aus nahezu dem ganzen westlichen Europa.

Kaiser Ludwig I., der Fromme, Sohn Karls des Großen, ließ um 818 bis 822 in »Franconofurt« »neue Gebäude errichten«. Dies wird von der heutigen Forschung auf die sichtbaren Überreste der Königshalle bezogen. Bereits 822 verbrachte der Kaiser die Winterzeit dort. 843 teilten die Söhne Ludwigs I. im Vertrag von Verdun das fränkische Großreich unter sich auf. Ludwig II., der erst in neuerer Zeit den Beinamen »der Deutsche« erhielt, übernahm das östliche Reichsgebiet. Während seiner langen Regierungszeit 840/43–876 hielt er sich nahezu jährlich in Frankfurt auf, das damals sogar als »Hauptsitz des östlichen Reichs (principalis sedes orientalis regni)« benannt wurde. Gesichert ist für Ludwig I. der Neubau einer dreischiffigen, 852 geweihten Pfalzkapelle, die durch eine Galerie mit der Königshalle verbunden war. Die Bedeutung der Pfalz »Franconofurt« im 9. Jahrhundert ermisst sich daran, dass sie bei den ständigen Aufständen von Söhnen Kaiser Ludwigs I. und König Ludwigs II. stets im Zentrum der Auseinandersetzungen lag. Der König eilte immer zuerst nach Frankfurt, um es als Vorort des Reiches mit seinem großen, im Rhein-Main-Gebiet liegenden fruchtbaren Königsland zu sichern. Zur Baugeschichte der Pfalz in der folgenden Zeit erfahren wir – einzigartig für die deutsche und französische Pfalzenforschung – aus einer im 12. Jahrhundert gefertigten Kopie einer im Original nicht mehr erhaltenen Urkunde, dass Kaiser Otto II. 979 dem Bischof von Worms eine »porticus« mit einer Treppe zum Obergeschoss der Königshalle schenkte und ihm erlaubte, an die »porticus« ein Haus (»domus«) anzubauen.

Spätestens am Ausgang des 13. Jahrhunderts hatte die Frankfurter Pfalz ihre Aufgabe verloren. In der Folge wurde sie mit bürgerlichen Häusern überbaut. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, 1955 bis 1970, brachten die Bodenuntersuchungen des verdienten Stadtarchäologen Otto Stamm die heute im Archäologischen Garten sichtbaren Fundamente der karolingischen Königshalle und deren Anbauten zutage. Teile ihrer Grundmauern zwischen den Gebäudeecken wurden von Stamm neu eingesetzt.

Im Zuge der Sanierung um 1985/86 wurden die Mauerkronen und der große Pfeiler in der Gebäudemitte zum Schutz gegen die Witterung gesichert und weiter aufgemauert. Neu wurde auch der Fußboden zur besseren didaktischen Verdeutlichung der Halle eingebaut. Die beiden in bescheidenen Resten erhaltenen römischen Hypokausten wurden fast vollständig mit neuen Steinen rekonstruiert.

Stamms Grabungsbefunde fügten sich mit zuletzt 1991/93 durch Andrea Hampel vom Denkmalamt der Stadt Frankfurt im Dom durchgeführten Bodenuntersuchungen zusammen. Schon 1985/96 stellte im Wesentlichen die Historikerin Elsbet Orth die Schriftquellen zur Frankfurter Pfalz für das »Repertorium der deutschen Königspfalzen« zusammen. Caspar Ehlers bearbeitet am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte in Frankfurt das Repertorium weiter. 2008 legte das Archäologische Museum Frankfurt den Versuch einer kritischen Gesamtschau der bisherigen Forschungsergebnisse von Magnus Wintergerst vor, der großenteils in die im Museum gezeigte und dort auch auf CD erwerbbare Videovisualisierung einging.

Zur Gestalt der Frankfurter Pfalz unter Karl dem Großen erlauben die bisherigen Forschungsergebnisse nur Vermutungen. Erst für die Zeit zwischen Ludwig I. dem Frommen und seinem Sohn Ludwig II. zeichnet sich ein etwas genaueres Bild ab; allerdings nur für den repräsentativen Kern der Pfalz, dagegen nicht zu den umliegenden weiteren Bauten. Insgesamt erweckt der kompakte, etwa 122 Meter lange und etwa 35 Meter breite Kernkomplex den Eindruck einer architektonisch einheitlichen Planung. Er wurde zuletzt von einem weltlichen Pol, der Königshalle im Westen, und einem geistlichen Pol, der Pfalzkirche im Osten, geprägt. Beide Pole waren mit einer Galerie verbunden.

Die Königshalle hatte die wichtige Aufgabe, das Königtum zu repräsentieren. In ihr sprach der König Recht, wurden Gesandte empfangen und wichtige Staatsakte vollzogen. Gesichert ist ihre Außengröße von 29,3 mal 14,7 Metern. Die Dicke der aufgehenden Mauern von etwa 1,06 bis 1,20 Metern spricht für eine Zweigeschossigkeit, ebenso der noch inmitten der Halle stehende, große Pfeiler. Bezieht sich die zuvor genannte Kopialurkunde von 979 auf jene Baulichkeit, die der Königshalle an ihrer westlichen Schmalseite angeschlossen war, dürfte sie mit ihrer Erwähnung einer Treppe für den »Auf- und Abstieg in das Palatium« gleichfalls auf ein Obergeschoss deuten. Bei einer Zweigeschossigkeit der Königshalle lag der repräsentative Hauptsaal sicherlich im Obergeschoss. Der heute in Resten erhaltene Pfeiler könnte wegen seiner ungewöhnlichen Stärke die schwere Steinplatte einer offenen Feuerstelle im oberen Saal getragen haben, wie es für eine Pfeilergruppe innerhalb des spätottonischen Saalgebäudes der Pfalz in Paderborn erwogen wird.

Ergrabene Anbauten am nördlichen und südlichen Kopfende des Saalgebäudes wurden zunächst als Türme rekonstruiert, so im Modell, das im heutigen Archäologischen Garten steht. Inzwischen werden die Anbauten eher als Flügelbauten der Königshalle erwogen. Sie können aber auch als offene Austrittsbalkone, wenn nicht gar als Treppenaltane interpretiert werden. Vergleichbare Überlegungen wurden zum karolingischen Saalbau in Paderborn angestellt. In Resten erhaltene Altane kennen wir am spätottonischen Saalbau in Paderborn und am staufischen Palas in Seligenstadt am Main. Für eine oder zwei Treppenaltane spricht indirekt die bereits erwähnte Kopialurkunde, die die große Treppe westlich der Königshalle angeblich dem Bischof von Worms zuweist. Auf jeden Fall muss es noch eine zweite repräsentative Treppe in das Obergeschoss der Königshalle gegeben haben, die für die Königsleute bei Abwesenheit des Königs benutzt werden konnte.

Regelhaft wird karolingische Architektur unter dem Blickwinkel der späteren Romanik in kubisch kantigen Formen rekonstruiert. Es dürfte aber richtiger sein, sie von ihrem spätantiken Bezugsfeld her reicher mit Bauornamentik ausgestattet zu sehen. Die jüngst von Wintergerst zur Frankfurter Königshalle vorgelegte Rekonstruktion einer aufwendigen Bogengliederung ist allerdings nicht durch einen Befund begründet. Denkbar wäre ein Abschluss unterhalb der Dächer mit kräftigeren Konsolgesimsen, wie er noch bei der karolingischen Torhalle in Lorsch und der Aachener Pfalzkirche erhalten ist. Die Obergeschossfenster dürften im Hinblick auf erhaltene Fensterreste des Saalbaus der Ingelheimer Pfalz rundbogig und eher kleiner gewesen sein.

Das Saalinnere könnte durchaus aufwendig ausgemalt gewesen sein. Schriftliche Überlieferungen gibt es zu Aachen und Ingelheim. In der Forschung findet sich zur Stellung des Königsthrons im Inneren karolingischer Säle noch immer die Vorstellung eines »germanischen Breitsaals«. Entsprechend den Apsidensälen in Aachen und Ingelheim wird jedoch wohl von einer Stellung vor einer der Schmalseiten des Saals auszugehen sein.

Die bereits genannten Mauerreste westlich der Königshalle, deren westliche Hälfte beim Bau der Tiefgarage nach 1970 abgebrochen wurde, weisen in ihrer Mörtelstruktur auf die karolingische Epoche hin. Stamm rekonstruierte aus ihnen ein Wohngebäude mit drei unterschiedlich großen Räumen und einer Außengröße von etwa 230 Quadratmetern. »Wohnen« bedeutet in karolingischer Zeit nicht ausschließlich Rückzug in die Intimität des Familienkreises. Die Räumlichkeiten dürften vielmehr zugleich dem offiziellen Empfang und Gespräch im kleineren Kreis gedient haben.

Deutlich wird insgesamt, dass in Frankfurt zu karolingischer Zeit ein architektonischer Gesamtkomplex mit einer zum Main hin gerichteten Schauseite entstand. In seinem ganzheitlichen Anspruch war er mit den größeren Pfalzanlagen Karls des Großen in Aachen und Ingelheim vergleichbar.

Trotz der vielen Fragen, die sich zur Baugeschichte der Frankfurter Königspfalz stellen, bewegen wir uns für die »Sichtbarmachung« ihrer Königshalle prinzipiell auf sicherem Boden. Es wäre ein Gewinn, in einer Ausstellung im Erdgeschoss der Königshalle die Grabungsergebnisse zur einstigen Pfalz sowie die Bedeutung Frankfurts für die Entwicklung des frühen ostfränkischen und späteren Deutschen Reiches einer interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln.

 

3D-Rekonstruktion der karolingisch-ottonischen Kaiserpfalz: http://www.archaeologisches-museum.frankfurt.de/index.php/de/franconofurd

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.7.2009

Die Goldene Bulle

Das erste Grundgesetz des Alten Reiches

Von Hans Riebsamen

Dieses Dokument hat den Lauf der deutschen Geschichte verändert und Frankfurts Schicksal entscheidend bestimmt. »Goldene Bulle« heißt das von Kaiser Karl IV. im Jahr 1356 auf zwei Hoftagen zu Nürnberg und Metz erlassene Reichsgesetz, weil es mit der Goldbulle des Herrschers besiegelt wurde. Für Deutschland entscheidend war seine Bestimmung, dass fortan sieben Kurfürsten (später neun) das exklusive Recht besäßen, den König beziehungsweise den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach dem Mehrheitsprinzip zu wählen. Damit wurden anderthalb Jahrhunderte voller Doppelwahlen und Gegenkönige beendet, die das Alte Reich in einen endlosen Strudel von Streitigkeiten und kriegerischen Auseinandersetzungen gerissen hatten. Zum ersten Mal wurden hier nun politische Spielregeln festgelegt, wie die Macht weiterzugeben war. Man kann die Goldene Bulle deshalb durchaus als das Grundgesetz des Reiches bezeichnen.

Eine goldene Kaiserbulle als Siegel gab dem Grundgesetz seinen Namen. Die Frankfurter Ausfertigung der Goldenen Bulle Karls IV. stammt aus dem Jahr 1366. Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main / Uwe Dettmar

Für Frankfurts Zukunft entscheidend war die Bestimmung, dass die Wahl des Herrschers im Dom stattzufinden habe, in der Wahlkapelle der Sankt-Bartholomäus-Kirche, die noch heute zu besichtigen ist. Vierhundert Jahre lang war Frankfurt danach die Stadt der Königs- und Kaiserwahlen, von 1562 an in der Nachfolge Aachens sogar Krönungsstadt. Wenn sich nach dem Tod eines Kaisers die Kurfürsten nebst Anhang und viele andere hohe Würdenträger des Reiches zur Bestimmung und Erhebung eines Nachfolgers in Frankfurt versammelten, war die Stadt einige Tage oder Wochen lang der Mittelpunkt des Reichs, die Hauptstadt. Diese hohe Würde hat ausgestrahlt bis zur Revolution von 1848, als Frankfurt Sitz des ersten gesamtdeutschen Parlaments wurde, ja sogar bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland, deren Regierungssitz die Mainmetropole nur deshalb nicht wurde, weil Bundeskanzler Adenauer trickreich die hessischen CDU-Abgeordneten für Bonn gewinnen konnte.

Von Karls Reichsgesetz sind sieben Ausfertigungen auf die Nachwelt gekommen. Die wichtigste ist jene, die 1366 der Stadtschultheiß Siegfried von Marburg zum Paradies für die Reichsstadt Frankfurt von der kaiserlichen Kanzlei hatte ausstellen lassen. Diese Frankfurter Goldene Bulle, heute im Tresor des Instituts für Stadtgeschichte sicher verwahrt, wurde immer herangezogen, wenn es Unstimmigkeiten über den Ablauf der Kaiserwahl oder die Rechte der Kurfürsten gab. Sie galt deshalb als das »Reichsexemplar«, das von allen Ausfertigungen die höchste Autorität besaß.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.4.2011

Einst Deutschlands heimliche Hauptstadt

Frankfurt nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches

Von David Volkert

Es war die Zeit des politischen Umbruchs. Auch für Frankfurt. Am 6. August 1806 hatte Kaiser Franz II. vom Balkon der Kirche am Hof in Wien das Ende des Heiligen Römischen Reiches verkünden lassen. Dem Niederlegen der römisch-deutschen Kaiserwürde folgte das Ende eines Reiches, das in der Vorstellung der Zeitgenossen kaum mehr die Bedeutung hatte wie Jahrhunderte zuvor.

Goethes Mutter schrieb an ihren Sohn: »Mir ist übrigens zu Muthe als wenn ein alter Freund sehr krank ist, die Ärzte geben ihn auf, Man ist versichert daß er sterben wird. So geht es mir und der ganzen Stadt.« Die Frankfurter Bevölkerung reagierte leidenschafts- und tatenlos. Der Untergang des Alten Reiches wurde eher als das Ende der mittelalterlichen Enge verstanden. Goethe erreichte die Nachricht im Reisewagen auf der Rückkehr aus Karlsbad. Er schrieb in sein Tagebuch, dass ihn ein Streit zwischen den Bediensteten und dem Kutscher in mehr Leidenschaft versetzt habe als die Kunde vom Ende des Reiches.

Mit dem Niederlegen der Kaiserwürde verlor Frankfurt seinen Status als Reichs- sowie als Wahlstadt – später auch Krönungsstadt – der römisch-deutschen Kaiser, die sie seit 1356 gewesen war. Franz II., fortan Kaiser Franz I. von Österreich, rechtfertigte den Verzicht auf die »deutsche« Kaiserwürde mit dem Austritt der Rheinbundstaaten aus dem Heiligen Römischen Reich, wodurch sie sich unter französische Hegemonie gestellt hätten. Die Beziehung zwischen Kaiser und Reich war von Gegensätzen und Zerfall geprägt. Im Sommer 1806 besetzten Napoleons Truppen das Rheinland.

Im Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 wurde Frankfurt mit Aschaffenburg, Regensburg, Wetzlar und einigen anderen kleineren reichsstädtischen und reichsritterlichen Gebieten dem letzten Mainzer Erzbischof, Carl Theodor von Dalberg, als Fürstentum zugesprochen. »Groß war die Enttäuschung, dass Frankfurt einfache Residenzstadt werden solle«, schreibt Frank Berger, Kurator des Historischen Museums, in dem Begleitband zur Frankfurter Ausstellung »Die Kaisermacher«.

Fürstprimas Dalberg, der Vorsitzende der Fürsten im Rheinbund, erwies sich in den folgenden Jahren als aufgeklärter Regent Frankfurts. Er regierte mit Hilfe der fürstlichen Behörde, der Generalkommission. Die 1807 in geheimer Wahl gewählten 28 Bürger-Repräsentanten hatten ebenso wenig Einfluss auf die Regierungsgeschäfte wie der anstelle des reichsstädtischen Rates eingesetzte Senat und die auf Lebenszeit ernannten Bürgermeister.

In dieser Zeit änderten sich nicht nur die politischen Verhältnisse, es veränderte sich auch das Stadtbild. Anstelle der teilweise verfallenen und das Wachstum der Stadt behindernden Mauern, Gräben und Wälle entstand um die Altstadt herum ein parkähnlicher Anlagenring, die Wallanlagen. Erhalten blieben der Eschenheimer Turm und das Affentorhaus in Sachsenhausen. Die Bediensteten des Alten Reiches blieben im Dienst und arbeiteten jetzt für den Staat Dalbergs. 1810 wurde Frankfurt, Hanau und Fulda einbezogen, Großherzogtum.

Dalberg modernisierte die Stadt. Durch die Gründung der Handelskammer 1808 förderte er Handwerk und Handel. Der Fürstprimas führte 1811 als Zivilrecht den Code Napoleon ein. 1812 folgte das französische Strafgesetzbuch. 1811 wurde der Ghettozwang für die Frankfurter Juden aufgehoben. Nach der Erklärung der Gleichberechtigung aller Untertanen wurden ihnen für einen Betrag von 440.000 Gulden die bürgerlichen Rechte zugesprochen, die ihnen bis dahin verwehrt geblieben waren. Eine Reform der städtischen Verwaltung und des Schul- und Bildungswesens schloss sich an. Dalberg gründete 1808 in Wetzlar eine Rechtsschule. Die »Großherzogliche medizinisch-chirurgische Schule« von 1812 war die erste Hochschule in Frankfurt.

1813 war es mit den Reformen vorbei. Nach der Niederlage der Franzosen in der Völkerschlacht bei Leipzig wendete sich Napoleons Schicksal und damit auch die Rolle Frankfurts. Fürstprimas Carl Theodor von Dalberg dankte am 28. Oktober 1813 zugunsten Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais ab. Das Frankfurter Großherzogtum zerfiel. Fulda und Hanau gingen an Hessen-Kassel, Aschaffenburg an Bayern, Wetzlar an Preußen.

Am 6. November 1813 begrüßten die Frankfurter Bürger Kaiser Franz I., jenen Franz, der 1792 in der Stadt zum letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt worden war, bei seiner Rückkehr aus der Völkerschlacht enthusiastisch als Befreier. An der Spitze des kurz darauf eingesetzten Zivilverwaltungsrates stand Freiherr Karl vom Stein, Gesandter des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III., der Frankfurt wieder zur Selbständigkeit verhalf.

Fast wäre Frankfurt bayerisch geworden. Bayern, auf der Suche nach einer Landverbindung in die dem Freistaat zugesprochene Rheinpfalz, machte seinen Anspruch auf Frankfurt geltend. Doch durch die Wiener Kongressakte vom 9. Juni 1815 gelang es vom Stein, die bayerischen Ansprüche zurückzudrängen. Neben Hamburg, Bremen und Lübeck konnte nur Frankfurt im Deutschen Bund seine Stadtfreiheit zurückerlangen. Die Stadt wurde Teil des Deutschen Bundes, eines losen Staatengefüges von 37 Ländern und vier Freien Städten.

Trotz der wechselnden politischen Konstellationen erlebte die Stadt in den folgenden Jahrzehnten eine kulturelle Blütezeit. Der Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel beispielsweise machte seine Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich. Der Arzt und Stifter Johann Christian Senckenberg errichtete eine nach ihm benannte Naturforschende Gesellschaft. Bis zum Deutsch-Österreichischen Krieg im Jahre 1866 zog das oberste Organ des Staatenbundes, der Bundestag, in das Palais an der Großen Eschenheimer Gasse ein.

Frankfurt wurde wieder heimliche Hauptstadt Deutschlands, die es schon als Wahl- und Krönungsstadt der deutschen Könige gewesen war. Die Schriftstellerin Bettina von Armin schrieb: »Wenn mich jemand früge, wo ich mir den Platz meiner bürgerlichen Gesinnung gemäßer denke, ich könnte keine liebere Stadt als Frankfurt nennen; sie hat das edelste Verhältnis und das bedeutendste zur Geschichte unserer Tage.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.8.2006

Deutschland schaute auf Frankfurt

Wo denn sonst hätte die Nationalversammlung tagen sollen? Die Chronik der Stadt, die nicht erst mit der Paulskirche in die Geschichte einging.

Von Günter Mick

Die Aufnahme hätte begeisterter nicht sein können. Als am 18. Mai 1848 die Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung in die Paulskirche einzogen, um Deutschland eine einheitliche Verfassung mit parlamentarisch-demokratischen Strukturen zu geben, bereitete ihnen Frankfurt einen großen Empfang. Festlich geschmückt waren die Häuser der gotischen Altstadt, von den Kirchtürmen läuteten die Glocken. Überall wehten schwarz-rotgoldene Fahnen. Schon als das »Vorparlament«, das die Arbeit der Nationalversammlung vorbereiten sollte, Ende März ebenfalls vom Kaisersaal im Rathaus Römer in die Paulskirche einzog, schwamm, wie es ein Zeitgenosse niederschrieb, die Stadt »in Schwarz-Rot-Gold«.

Deutschland schaute auf Frankfurt. Frankfurt war nun gleichsam Hauptstadt, eine Funktion, die ihm offiziell nie zukam, sosehr es auch immer wieder Zentrum deutscher und auch europäischer Politik war. Als die Nationalversammlung im Mai 1849 den Umzug nach Stuttgart erörterte, warnte der württembergische Abgeordnete Gfrörer davor und pries die Freie Stadt Frankfurt. Ein Wegzug erschien ihm als »Vergehen am deutschen Vaterland«. Frankfurt sei »tief in die Farben unserer Nationalerinnerungen getaucht«.

Im Vordergrund der Römer, im Hintergrund die Bürotürme der Banken, und mittendrin steht die Paulskirche. F.A.Z.-Foto: Wolfgang Eilmes

Erstmals wurde Frankfurt 794 urkundlich erwähnt. Aber mit dem Eintritt in die schriftlich verbürgte Geschichte präsentiert es sich schon als Ort für ein Ereignis von europäischem Rang. Karl der Große berief eine Synode und Reichsversammlung nach Frankfurt ein, zu der geistliche und weltliche Würdenträger aus allen Teilen des Frankenreiches kamen.

Ein Jahr nach dem Tode Karls, 815, begann dessen Sohn, Kaiser Ludwig der Fromme, den Ort zur karolingischen Pfalz auszubauen. Frankfurt entwickelte sich zur »Residenzstadt«; hier kam 823 Ludwigs jüngster Sohn Karl (der Kahle) zur Welt. Im Vertrag von Verdun teilten 843 die Söhne Ludwigs des Frommen das fränkische Großreich unter sich auf. Ludwig dem Deutschen wurde der östliche Teil mit Bayern, Franken, Thüringen und Sachsen zugebilligt. Nun wurde Frankfurt gleichsam Hauptstadt des Ostfränkischen Reiches. »Principalis sedes regni orientalis« wurde die Pfalz bei Ludwigs Tod 876 genannt, deren langgestreckte Anlage auf der Anhöhe über dem Main er mit dem Bau einer dreischiffigen Basilika, der Vorgängerin des heutigen Doms, gekrönt hatte. Vielleicht ist in dieser Kirche Arnulf von Kärnten 887 zum König erhoben worden – der erste Hinweis auf Frankfurts spätere Bedeutung als Wahl- und Krönungsort der Könige und Kaiser des römisch-deutschen Reiches.

Wie 794 war es wieder ein gleichzeitig weltliches und kirchliches Ereignis, das die Aufmerksamkeit auf Frankfurt lenkte. In einer aufrüttelnden Rede rief Bernhard von Clairvaux 1147 den Staufer Konrad III. zur Teilnahme am zweiten Kreuzzug auf. Bevor Konrad nach Jerusalem aufbrach, ließ er auf dem Frankfurter Hoftag seinen zehnjährigen Sohn Heinrich zum Nachfolger wählen. Da Heinrich noch vor seinem Vater starb, wurde fünf Jahre später in Frankfurt abermals gewählt: Die Fürsten hoben Friedrich Barbarossa auf den Schild. Frankfurt etablierte sich damit zum Wahlort der deutschen Könige. Am Mainufer ließ Konrad als sichtbaren Ausdruck dieser Entwicklung eine neue Königsburg errichten, den Saalhof – des »riches sal«.

Wie bedeutend die Stadt geworden war, zeigte sich 1240, als Kaiser Friedrich II. zusicherte, jeden Besucher der Frankfurter Messe unter seinen Schutz zu stellen. 1330 bewilligte Kaiser Ludwig der Bayer, der 1314 in Frankfurt gewählt worden war, der Stadt das Recht, jährlich eine zweite Messe abzuhalten. 1337 versprach er für sich und seine Nachkommen, keiner Stadt eine Messe zu genehmigen, die Frankfurt als Konkurrenz schaden könnte. Ludwig hatte damit das Fundament für den Aufstieg der Handels- und Messestadt gelegt.

Ein Ereignis manifestierte die politische Spitzenstellung der »freien Reichsstadt«. Unter Kaiser Karl IV. wurde 1356 Frankfurt endgültig zur Stadt der Königswahlen erhoben. Das geltende Gewohnheitsrecht erhielt in der »Goldenen Bulle« eine bis zum Ende des Reiches 1806 dauernde staatsrechtliche Grundlage. Dieses Reichsgrundgesetz bestimmte, der Erzbischof von Mainz solle die sieben Kurfürsten – die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, den König von Böhmen, den Pfalzgrafen bei Rhein, den Markgrafen von Brandenburg und den Herzog von Sachsen – innerhalb von vier Wochen nach dem Tod des Königs zur Wahl des Nachfolgers nach Frankfurt einberufen.

Der Wahl in Frankfurt folgte noch lange die Krönung in Aachen. Erst Maximilian II. wurde 1562 in Frankfurt nicht nur gewählt, sondern auch im Dom gekrönt, und seitdem fanden fast alle Krönungen bis zum Ende des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« in Frankfurt statt. Wahl und Krönung schloss sich ein pralles Volksfest an, während die hohen Herren im Kaisersaal des Römers tafelten. Goethe hat das alles aus Anlass der Krönung Josephs II. 1764 in »Dichtung und Wahrheit« anschaulich geschildert.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg bestätigte der Westfälische Frieden von 1648 Frankfurt als Reichsstadt. Zehn Jahre danach präsentierte sich Frankfurt bei der Krönung Leopolds I. wieder mit Prunk; die Stadt konnte sich als Zentrum des Reiches fühlen. 1742 wurde sie sogar für knapp drei Jahre Residenzstadt und Regierungszentrum. Wegen der Auseinandersetzungen im Österreichischen Erbfolgekrieg und nach dem Ersten Schlesischen Krieg blieb der in jenem Jahr zum Kaiser gewählte Wittelsbacher Karl Albrecht von Bayern (Karl VII.) in Frankfurt und residierte bis zu seinem Tod 1745 im Palais Barckhaus an der Zeil. In diesen Jahren versammelte sich auch der Reichstag in Frankfurt, dem der Rat den Römer als Tagungsstätte zur Verfügung stellte. Seither durfte sich der Rat mit Genehmigung des Kaisers »Hochedler« nennen lassen; die sieben ältesten Schöffen, Schultheiß und ältester Syndikus durften gar den Titel »Wirklicher Kaiserlicher Rat« führen.

Unter dem Druck der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons taumelte das Reich seinem Untergang entgegen. Am 6. August 1806 legte Franz II. die Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nieder. Damit nahm auch die jahrhundertelange Geschichte Frankfurts als Reichsstadt ein Ende. Napoleon wies die Stadt dem Kurfürsten von Mainz, Karl von Dalberg, als Fürstprimas des Rheinbundes zu. Vier Jahre danach erhob er Dalberg zum Großherzog. Frankfurt war nun formal Hauptstadt geworden, Hauptstadt eines Großherzogtums Frankfurt.

Nach Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig wurde Frankfurt bei der Neuordnung Deutschlands auf dem Wiener Kongress nicht einer benachbarten Dynastie – Bayern hatte schon emsig diplomatische Kontakte aufgenommen – zugesprochen. Als nunmehr »Freie Stadt« zählte Frankfurt zu den 38 Einzelstaaten, die damals den Deutschen Bund bildeten. Wieder wurde die Stadt zum Zentrum: Der Bundestag, als Vertretung der Regierungen oberste Bundesbehörde, residierte im Palais Thurn und Taxis.

Nationale Hoffnungen nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon hatte der Wiener Kongress aber nicht erfüllt. Und liberale Verfassungsbewegungen suchte der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich mit harter Hand zu zerschlagen.