Franz Ferdinand - Alma Hannig - E-Book

Franz Ferdinand E-Book

Alma Hannig

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Beschreibung

Neue Quellen, unveröffentlichte Archivfunde: Die Biografie zum 100. Todestag Der gewaltsame Tod Franz Ferdinands am 28. Juni 1914 in Sarajevo steht am Anfang jeder Erzählung über den Ersten Weltkrieg. Verschwörungstheorien, Mythen und Legenden ranken sich bis heute nicht nur um das Attentat, sondern auch um das Leben und Wirken dieses Mannes, den erst der plötzliche Tod des Kronprinzen Rudolf zum Thronfolger gemacht hatte. Diese neue Biografie, entstanden auf der Grundlage intensiver Archivrecherchen, geht der Frage nach, wie es Franz Ferdinand gelingen konnte, trotz mangelnder Ausbildung und starker privater Differenzen mit Kaiser Franz Joseph seinen Machtbereich so weit auszudehnen, dass in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg keine Entscheidung ohne sein Einverständnis getroffen werden konnte. Der Autorin gelingt es mit Hilfe bislang unbekannter Quellen aus der direkten Umgebung des Thronfolgers einen neuen, spannenden Blick auf dessen private Interessen ebenso wie sein politisches Denken und Handeln zu werfen.

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Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2013

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       Alma Hannig       

Franz Ferdinand

Alma Hannig

FranzFerdinand

Die Biografie

Mit 31 Abbildungen

Bildnachweis

Nrn. 1, 2, 6, 10, 17, 18, 24, 26, 28: Vorlagen aus den Sammlungen des Amalthea Verlages; Nrn. 3, 4, 5: Imagno/ÖNB; Nr. 27: Imagno/Austrian Archives; Nr. 7: Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com; Nrn. 8, 11, 12, 20, 21, 22, 23: Familienarchiv Hohenlohe; Nrn. 9, 13, 14, 15, 16, 19, 25, 29, 31: Heeresgeschichtliches Museum, Wien; Nr. 30: Wien Museum.

Umschlagabbildungen: vorne: Der Thronfolger – gut gelaunt und in Zivil – bei seiner Ankunft in London 1913, © Scherl/SZ-Photo/picturedesk.com; hinten: © Familienarchiv Hohenlohe (im Bildteil Nrn. 16 u. 23)

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2013 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wahrstätter, vielseitig.co.at

Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger

& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,25/14,35 pt Minion

Printed in the EU

ISBN 978-3-85002-845-5

eISBN 978-3-902862-79-2

Gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Wissenschafts- und Forschungsförderung

Inhalt

Einleitung

1. Von Habsburg zu Österreich-Este

1.1 Kindheit und Jugend von Erzherzog Franz Ferdinand

1.2 Ausbildung und Militärdienst

2. Unerwünschter Thronfolger

2.1 Weltreise

Exkurs: Jäger und Sammler

2.2 Krankheit

2.3 Die morganatische Ehe

3. Repräsentation

4. Belvedere – Aufbau einer Nebenregierung

5. Mythos Trialismus – Innenpolitische Reformpläne

6. Franz Ferdinand – ein Ungarnfeind?

7. Der Thronfolger und die Parteien: persönliches Regiment versus Parlamentarismus?

8. Franz Ferdinand und die Presse

9. Das Verhältnis des Erzherzogs zur katholischen Kirche

10. Franz Ferdinand – ein Akteur der Außenpolitik

10.1 Franz Ferdinand und der Ballhausplatz

10.2 Franz Ferdinand und die Diplomaten

10.3 Monarchensolidarität über alles? Außenpolitische Pläne des Thronfolgers

11. Franz Ferdinand – ein Friedensfürst?

12. Die »Chronik eines angekündigten Todes«?

12.1 Das Attentat

12.2 Reaktionen auf den Tod des Thronfolgerpaares

12.3 Ein Begräbnis »dritter Klasse«

12.4 »Macht man Krieg wegen eines Attentats?«

12.5 Die weltpolitischen Folgen des Attentats – Die Julikrise 1914

12.6 »An Meine Völker!« – Vom lokalen Konflikt zum Weltkrieg

13. »Eine Sphinx«? Das zeitgenössische Bild des Thronfolgers

14. »Er war kein Grüßer« – Das Nachleben Franz Ferdinands

14.1 Das Bild des Thronfolgers in der österreichischen Geschichte und Historiografie

14.2 Das Bild des Thronfolgers in der Kunst

14.3 Franz Ferdinand als literarische Figur

14.4 Franz Ferdinand im Film

Fazit

Danksagung

Quellen und Literaturverzeichnis

Ungedruckte Quellen

Zeitungen

Gedruckte Quellen

Literatur

Anmerkungen

Personenregister

Einleitung

Als am 28. Juni 1914 Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger der Habsburgermonarchie, in Sarajevo erschossen wurde, waren die Menschen in Wien, Berlin, Paris, London und St. Petersburg gerade auf dem Weg in die Sommerfrische. Der Sommer 1914 war ein ungewöhnlich schöner. Den Tag selbst beschrieb Stefan Zweig folgendermaßen: »Der Tag war lind; wolkenlos stand der Himmel über den breiten Kastanienbäumen, und es war ein rechter Tag des Glücklichseins.«1

Die bekannten Bilder des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaares, die kurz vor dessen Tod in Sarajevo aufgenommen wurden, vermitteln auf den ersten Blick den Eindruck einer angenehmen Atmosphäre an einem warmen, sonnigen Sonntag. Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg waren in der Tat erleichtert, dass die Reise nach Bosnien bis dahin erfolgreich und ohne Zwischenfälle verlaufen war; sie waren über den herzlichen Empfang der Bevölkerung erfreut, und der Thronfolger war mit dem Verlauf der Manöverübungen zufrieden. Ihnen stand jedoch eine Automobilfahrt durch die Stadt bevor, die gewisse Risiken in sich barg. Die Bevölkerung Bosniens wollte in der fahnengeschmückten Stadt dem Thronfolgerpaar die Monarchietreue erweisen und versammelte sich massenweise entlang der angekündigten Route. Trotz aller Attentatswarnungen aus Wien verließ sich Franz Ferdinand auf die Einschätzung des Landeschefs Oskar Potiorek, der vom Einsatz des Militärs beziehungsweise von besonderen Sicherheitsmaßnahmen abriet. Man wollte schließlich Volksnähe demonstrieren. Die letzten Aufnahmen, die circa eine Viertelstunde vor dem tödlichen Attentat gemacht wurden, zeigen ein Paar, das zwar pflichtgemäß lächelt, in erster Linie aber beunruhigt wirkt. In der Zwischenzeit hatte sich bereits ein erstes Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand ereignet, das zwar misslang, aber zwei Begleiter aus seiner Kolonne verletzte. Wenig später erfolgte das zweite Attentat, das durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen sowohl für den Thronfolger als auch für seine Frau tödlich endete.

Zur gleichen Zeit genossen die Bewohner der restlichen Monarchie den strahlenden Sonnenschein. Der bevorstehende Feiertag Peter und Paul und das dadurch entstandene verlängerte Wochenende lockten viele von ihnen aufs Land, in die Parkanlagen oder in die nahe gelegenen Badeorte. Kaiser Franz Joseph hielt sich in Bad Ischl auf, Außenminister Berchtold auf seinem Schloss in Südmähren. Zahlreiche andere Diplomaten, Politiker und Militärs waren ebenfalls auf ihren Landsitzen. Im Außenministerium am Wiener Ballhauplatz hielten sich lediglich zwei diensthabende Beamte auf.

Als gegen Mittag die Nachricht vom tödlichen Attentat in Wien eintraf, liefen die Telefonleitungen heiß. Man versuchte, alle wichtigen Persönlichkeiten zu erreichen und sich über die neuesten Informationen auszutauschen. Der österreichische Politiker Joseph Redlich hielt dies in seinem Tagebuch fest: »Um 2 Uhr 10 Minuten rief mich Ganz an und sagte: Der Erzherzog Franz Ferdinand und die Herzogin von Hohenberg sind beide tot, beide von einem serbischen Studenten mit einer Browningpistole erschossen. […] Ich teilte diese furchtbare Nachricht Hans und Fräulein Irma mit, dann rief ich Marienbad an, bekam in fünf Minuten Fritz und berichtete es ihm. Fünf Minuten später erzählte ich die grauenhafte Nachricht Paul in Altaussee, teilte es dann telephonisch Willy Schlesinger und Baronin Schwartzenau mit, telegraphierte es Lützow, Baernreither, Leopoldine von Passavant. […] Berchtold ist bisher nicht aufzufinden gewesen. Er ist gestern abend nach Buchlau gereist, soll auf der Jagd sein. In Buchlau wird das Telephon am Sonntag um 12 Uhr gesperrt!«2 Außenminister Berchtold war tatsächlich zunächst auf einer Entenjagd und anschließend bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Buchlau.

Die meisten, die vom Tod des Thronfolgers erfuhren, begaben sich mit dem Zug sofort nach Wien zurück und erschienen bereits am Abend bei ihren Dienststellen. Der Kaiser traf am Morgen des 29. Juni in Schönbrunn ein, wo Obersthofmeister Alfred Montenuovo bereits das Zeremoniell für die Leichenfeier vorbereitete.

Währenddessen spielten sich in Sarajevo krawallartige Szenen ab. Nachdem sich die Nachricht in der Stadt verbreitet hatte, dass die beiden Attentäter bosnische Serben waren, wurden die Häuser und Ladenlokale der serbischen Bevölkerung verwüstet und auch Menschen angegriffen. Die beiden Toten wurden in zwei Särgen im Rathaus aufgebahrt und am nächsten Tag zur Bahn geleitet. Dreißig Tage später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg; durch die Intervention der anderen Großmächte entwickelte sich daraus die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts: der Erste Weltkrieg.

Für viele Menschen wurde mit dem Tod des Thronfolgers die Hoffnung auf innenpolitische Reformen, die Stabilisierung der Doppelmonarchie, eine Änderung des außenpolitischen Kurses und die Erhaltung des Friedens in Europa begraben. Während seine Anhänger unter dem Schock der Todesnachricht jede Hoffnung auf eine friedliche »Auferstehung« der Monarchie verloren und tendenziell zum Krieg rieten, überwog in der direkten Umgebung des Kaisers sowie in breiten Teilen der Öffentlichkeit eine gewisse Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Erleichterung darüber, dass der Monarchie Franz Ferdinand als Herrscher »erspart« geblieben sei. Nicht nur die ungarische Reichshälfte, sondern auch Regierungen und Öffentlichkeiten anderer Staaten wie beispielsweise Italiens betrachteten den Tod des Thronfolgers als eine durchaus glückliche Schicksalsfügung. Nach dem Ersten Weltkrieg mehrten sich jedoch die Stimmen in Mitteleuropa, die behaupteten, dass erst der Tod des Thronfolgers einen Krieg möglich gemacht hatte, da die »Taube« Franz Ferdinand als Gegengewicht zu den »Falken« in Wien fehlte.

Liest man Biografien über Franz Ferdinand und die bisher erschienene Literatur zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, findet man stets die gleichen Topoi: auf der einen Seite der ewige Thronfolger, der unbeliebte Neffe des Kaisers, der zwar Zukunftspläne entwirft, aber nie zum Zuge kommt und an seiner Machtlosigkeit und Untätigkeit gegenüber Franz Joseph verzweifelt. Auf der anderen Seite ist von einer »Nebenregierung« im Belvedere, dem Wiener Sitz des Erzherzogs, die Rede, die Politiker und Minister vor die schwere Wahl stellte, sich auf die Seite des alten Kaisers oder diejenige des Thronfolgers, also des künftigen Herrschers, zu schlagen. Laut Tschirschky, dem damaligen deutschen Botschafter in Wien, war »die Hand des Erzherzogs […] überall, nicht nur in der Armee und der Flotte, sondern in jedem Ministerium, auf jeder Statthalterei und in den auswärtigen Vertretungen zu spüren«.3

Dieses offensichtliche Paradoxon – Machtlosigkeit versus »Nebenregierung« – wird von zahlreichen Autoren weiter tradiert, ohne es als solches zu thematisieren oder aufzulösen. An diesem Punkt setzt die vorliegende Biografie an und stellt mithilfe neuer Quellen und Fragestellungen viele der fest etablierten Meinungen und Mythen über Franz Ferdinand infrage.

Nach dem Tod des Kronprinzen Rudolf im Jahr 1889 wurde Erzherzog Franz Ferdinand – damals 25 Jahre alt – zum ersten Mal als möglicher Thronfolger genannt. Erst 1898, nach dem Tod seines Vaters, Erzherzog Carl Ludwig, und der eigenen Genesung nach einer langjährigen Krankheit wurde Franz Ferdinand im Alter von 34 Jahren offiziell Thronfolger. Durch die späte Ernennung hatte er keine Monarchenerziehung genossen. Wie die meisten Erzherzöge wurde er militärisch ausgebildet, was ihn nur bedingt auf das künftige Herrscheramt vorbereitet hatte. Es stellt sich also die Frage, welche Schritte unternommen wurden, um dieses Defizit später auszugleichen. Wie hat sich der Erzherzog selbst im Laufe der Jahre auf den Thronwechsel vorbereitet und wer hat ihn dabei unterstützt? Welche Art der Politik entsprach seinen Vorstellungen? Sollten seine Pläne zur Umgestaltung der Monarchie zu einem trialistischen, zentralistischen oder doch einem föderativen Staat, den »Vereinigten Staaten von Österreich«, führen? War Franz Ferdinand tatsächlich der »Friedensfürst«, von dem so viele Zeitzeugen und Biografen berichten? Welchen Einfluss hat er auf die politischen und militärischen Entwicklungen in der Doppelmonarchie tatsächlich genommen? Dies sind nur einige Fragen, die im Folgenden behandelt werden und deren Beantwortung die Person des Erzherzogs und dessen Wirken in Österreich-Ungarn in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Der gewählte Ansatz einer politischen Biografie soll die private Seite des Erzherzogs Franz Ferdinand keineswegs ausblenden. Seine persönliche Situation – die lange Krankheit, die unstandesgemäße und damals für einen Erzherzog eher untypische Liebesheirat, sein schwieriger Charakter – spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Beurteilung seiner Thronfolgertätigkeit geht und wird deshalb in den Anfangskapiteln vorgestellt. Franz Ferdinands fast legendäres Misstrauen gegenüber den meisten Menschen lässt sich beispielsweise aus dem Umgang der Hofkreise mit seiner Krankheit erklären. Das gespannte Verhältnis zu Kaiser Franz Joseph ist größtenteils auf Enttäuschung und Verärgerung des Kaisers über die morganatische Ehe seines Neffen zurückzuführen. Umgekehrt kränkte Franz Ferdinand der Eid, den er im Vorfeld der Hochzeit leisten musste, dass seine Kinder keinen Anspruch auf den Thron haben würden. Auch später sollten Rangfragen bezüglich seiner Ehefrau immer wieder die Ausübung seiner Aufgaben und Pflichten als Thronfolger beeinträchtigen.

Ein Aspekt, der bisher wenig Beachtung in der Literatur fand, ist die für einen Thronfolger höchst ungewöhnliche Weltreise, die Franz Ferdinand 1892/93 unternommen hatte. Sie prägte nicht nur sein Weltbild, sondern ermöglichte ihm den Einblick in unterschiedliche Kulturen und Staaten. Trotz der zahlreichen Jagdausflüge und anderer Unternehmungen, die in diesem Zusammenhang stets genannt werden, handelte es sich hierbei letztlich um eine wichtige Bildungsreise. Einige Zeitgenossen behaupteten beispielsweise, dass der Erzherzog die Idee einer föderalistischen Staatsform für die Donaumonarchie vor allem seit seinem Besuch der USA verfolgt habe. Auch hier gilt es, die tatsächliche Bedeutung dieser Reise für sein politisches Denken genau zu untersuchen.

Die ersten wichtigen Aufgaben, die er als Thronfolger absolvierte, waren Reisen und Teilnahme an offiziellen Veranstaltungen der anderen europäischen Königshöfe als Begleiter oder als Vertreter Kaiser Franz Josephs. Der regelmäßige Kontakt zu den Monarchen anderer Staaten sowie die damit verbundene Beschäftigung mit der politischen und militärischen Lage in Europa führten zu einer Horizonterweiterung und einigen Korrekturen des erzherzoglichen Weltbildes. Sein durch die Erziehung geprägtes Deutschland- und Englandbild wandelte sich stark im Laufe der Zeit, wohingegen sein Verhältnis zu Russland von einer erstaunlichen Kontinuität gekennzeichnet war. Die einzelnen Etappen dieser Entwicklung, die entscheidenden Zäsuren und die Beweggründe des Thronfolgers werden hier ebenso thematisiert wie sein persönliches Verhältnis zu den jeweiligen Monarchen. Von diesen ist bisher lediglich sein Verhältnis zum deutschen Kaiser Wilhelm II. untersucht worden, wobei die meisten Autoren die Gemeinsamkeiten betonten und die Unterschiede ignorierten. Die gemeinsamen Interessen für die Jagd, Marine oder Kunst mögen zwar zu einer Verbesserung des persönlichen Verhältnisses beigetragen haben, sie haben aber niemals die Unterschiede in den politischen Ansichten zu überdecken vermocht. Das vorliegende Buch hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die bisherige Überbetonung des privaten Moments in den Beziehungen des Thronfolgers zu den Souveränen anderer Staaten und deren Bedeutung für Franz Ferdinands politisches Denken und Handeln kritisch zu hinterfragen. Denn auch seine negative Einstellung zu Italien, Bulgarien oder Serbien lässt sich sicher nicht nur mit seinen persönlichen Antipathien gegenüber den dortigen Herrschern erklären, sondern basierte nicht zuletzt auf nüchternen machtpolitischen Überlegungen.

Was innenpolitische Themen anbelangt, wird es neben den Reformplänen und seinem Umgang mit den politischen Parteien vor allem um Franz Ferdinands Verhältnis zu den Ungarn gehen, welches in der Literatur als ausgesprochen feindlich beschrieben wird, ohne jedoch zu berücksichtigen, dass der Thronfolger zwischen den monarchietreuen und den nach Autonomie strebenden Ungarn klar unterschied.

An vielen Stellen fehlt es in der Franz-Ferdinand-Forschung an der notwendigen historischen Differenzierung, so auch im Falle der katholischen Kirche. Der Erzherzog galt zeit seines Lebens als bigott und unterstützte einige Anliegen der Kirche, die teilweise für zusätzlichen Zündstoff in der Nationalitätenfrage sorgten. Die Erklärung, dass er dies aufgrund seiner extremen Religiosität tat, greift zu kurz. Bei genauer Betrachtung erweist sich der Thronfolger als klar kalkulierender Politiker, der die Kirche für seine Zwecke zu nutzen wusste und in einigen Fragen sogar eine dem Papst entgegengesetzte Meinung vertrat.

Auch wenn er grundsätzlich als äußerst konservativ einzustufen war, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Franz Ferdinand gleichzeitig für die moderne Technik begeisterte und die Bedeutung neuer Medien (vor allem der Presse) für das politische Leben klar erkannte. Er nutzte gewisse Zeitungen, um die Öffentlichkeit in seinem Sinne zu beeinflussen, und bediente sich als überzeugter Antiparlamentarier und Monarchist verschiedener politischer Parteien, um seine Interessen im Parlament und in der Öffentlichkeit vertreten zu wissen.

All die genannten Aspekte deuten darauf hin, dass es sich beim Thronfolger um eine Persönlichkeit handelte, die schon zu seinen Lebzeiten unterschiedlich wahrgenommen wurde und deshalb häufig kontroverse Meinungen provozierte. Eine konkrete Beschäftigung der Historiker mit der zeitgenössischen Wahrnehmung und dem historischen Bild des Thronfolgers fehlt bisher. Dies sowie die Darstellung des Erzherzogs in Kunst, Literatur und Film sind Themen, die im Rahmen dieser Biografie zum ersten Mal untersucht werden.

Die gängigen Werke zu Franz Ferdinand beschränkten sich neben der Schilderung der privaten Lebenssituation zumeist auf die Analyse der innenpolitischen Reformpläne zur Erneuerung der Monarchie, die aufgrund des frühen Todes des Thronfolgers nie umgesetzt wurden. Ertragreicher und interessanter erscheint jedoch die Frage, was der Thronfolger noch zu seinen Lebzeiten bewirken konnte und wie groß sein Einfluss tatsächlich war. Vor allem in der Außenpolitik war es ihm gelungen, seinen Machtbereich enorm auszudehnen und wichtige diplomatische und politische Posten mit seinen Vertrauten zu besetzen. Das Attentat auf Franz Ferdinand stellte somit eine Zäsur in der Außenpolitik der Donaumonarchie dar. Die Umstände des Anschlags sowie die Reaktionen im In- und Ausland werden skizziert, ohne jedoch die Kriegsschuldfrage aufzuwerfen.

Die letzten Arbeiten, die sich mit Erzherzog Franz Ferdinand wissenschaftlich befasst und neue Ergebnisse präsentiert haben, erschienen vor vierzig Jahren. Seitdem fand kaum Forschung in diesem Bereich statt, sodass das Bild des Erzherzogs in der Öffentlichkeit vor allem durch die populärwissenschaftlichen, fast hagiografisch anmutenden Werke von Friedrich Weissensteiner, Wladimir Aichelburg, Gordon Brook-Shepherd und Erika Bestenreiner geprägt ist. Obwohl sie zum Teil sehr gute Kenner der Quellen sind, haben die genannten Historiker kaum einen nennenswerten Beitrag zur Forschung geleistet. Die neuesten zwei Biografien über Franz Ferdinand sind interessanterweise in Frankreich erschienen und stellen durchaus gute Synthesen der bisherigen Forschung dar.4 Die großen Biografien aus der Feder Sosnoskys, Chlumeckys und Kiszlings sind 1929 bzw. 1953 erschienen und basierten nur auf wenigen Quellen, da die damaligen Akten zur Donaumonarchie sowie viele Privatnachlässe für die Forscher nicht zugänglich waren. Zudem waren die Autoren durch ihr privates Verhältnis zum Thronfolger nicht unbefangen. Zahlreiche andere Persönlichkeiten aus der Umgebung des Erzherzogs haben in den 1920erund 1930er-Jahren Memoiren verfasst, die aufgrund ihrer Subjektivität als Einzeldarstellungen eher problematisch sind.5 Durch den Abgleich der geschilderten Ereignisse, Entwicklungen und Erfahrungen können jedoch aus diesen Erinnerungswerken durchaus wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden. Die wissenschaftlich besten und fundiertesten Studien haben Robert A. Kann und Georg Franz verfasst, wobei sie – wie bereits erwähnt – vor über vierzig Jahren entstanden sind.

Die Idee für die vorliegende Biografie über den sicherlich bekanntesten Thronfolger des frühen 20. Jahrhunderts entstand während der eigenen Studien über die Diplomatie und Politik Österreich-Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg. Die Diskrepanz zwischen der Rolle des Thronfolgers in der Außenpolitik, wie sie sich in der Forschungsliteratur dargestellt findet, und seinem tatsächlichen Wirken, das sich aus einigen neuen Archivquellen ergab, warf die Frage auf, inwiefern auch auf anderen Betätigungsfeldern Franz Ferdinands sowie in seiner Biografie allgemein neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Bewusst wurde die Entscheidung getroffen, eine Biografie zu verfassen, die sich sowohl an den Fachhistoriker als auch an den interessierten Laien wendet. Mit Genehmigung der Familie Hohenberg wurden der private Nachlass des Thronfolgers sowie zahlreiche Fotografien gesichtet, welche einen besonderen Einblick in das Leben und Wirken Franz Ferdinands bieten. Neben der bisher erschienenen Literatur wurden zahlreiche weitere Quellen ausgewertet: die offiziellen Akten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs sowie des Kriegsarchivs in Wien, zudem auch die Bestände mehrerer Archive in Deutschland und in der Tschechischen Republik. Entscheidend waren jedoch einige Nachlässe von Personen aus der Umgebung des Erzherzogs, die häufig als verschollen gelten, sich jedoch größtenteils im privaten Besitz befinden und hierfür zum ersten Mal bearbeitet wurden. Die Autorin möchte in diesem Zusammenhang den Familien Hoyos (in Schwertberg und Horn), Hohenlohe, Hardegg und Liechtenstein sowie Herrn Fischer-Colbrie in Wien für das Vertrauen und die großzügige Erlaubnis der freien Benutzung der Bestände ihrer Archive ganz besonders danken.

1. Von Habsburg zu Österreich-Este

1.1 Kindheit und Jugend von Erzherzog Franz Ferdinand

Am Weihnachtsabend des Jahres 1868 traf sich die kaiserliche Familie in entspannter Atmosphäre in Wien. Die Erwachsenen beobachteten das lustige Spiel der Kinder, die unter Anleitung von Kronprinz Rudolf, dem einzigen Sohn des Kaisers Franz Joseph, »Regierung« spielten. Rudolf bestimmte seinen fünfjährigen Cousin Franz Ferdinand zum König, während er selbst und die anderen erzherzoglichen Kinder Minister waren. Als Franz Ferdinand eine offizielle Anfrage des »Ministers Rudolf« beantworten wollte und dafür von seinem großen Fauteuil versucht hatte aufzustehen, fiel er zu Boden. Zur Erheiterung aller Anwesenden kommentierte Rudolf bedeutungsvoll: »Das ist kein gutes Vorzeichen, wenn eine Majestät vom Throne fällt.«6 Diese Anekdote aus den Kindertagen des Erzherzogs Franz Ferdinand sollte später zu einer der vielen Legenden werden, die gern erzählt wurden, um das Unheilvolle und zugleich Tragische seines späteren Schicksals zu unterstreichen.

Franz Ferdinand war der älteste Sohn des jüngeren Bruders von Kaiser Franz Joseph, Erzherzog Carl Ludwig, und der sizilianischen Königstochter Maria Annunciata. Als er geboren wurde, hätte niemand annehmen können, dass es sich bei ihm um einen künftigen Thronfolger der Habsburgermonarchie handeln würde. Denn neben seinem Vater waren Kronprinz Rudolf und der zweite Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand Maximilian (der spätere Kaiser von Mexiko), die eigentlichen Thronerben.

Erzherzog Carl Ludwig war mäßig begabt, wenig ehrgeizig und zeigte kein besonderes Interesse für die Politik und das Militär.7 Von 1855 bis 1861 bekleidete er das Amt des Statthalters von Tirol, bis er sich durch die ersten Schritte zur Parlamentarisierung in Österreich zur Aufgabe des Amtes 1861 gezwungen sah.8 Niemand aus der kaiserlichen Familie sollte damals in die Situation geraten, einem Minister untergeordnet zu werden. Carl Ludwig fungierte danach mehrmals als Sondergesandter des Kaisers bei verschiedenen diplomatischen Missionen, widmete sich aber ansonsten zahlreichen Kultur-, Kunst- und Gewerbevereinen, deren Protektor er war.9 Dies trug ihm den Namen Ausstellungserzherzog ein.

Seine Ehe mit Maria Annunciata von Bourbon war bereits seine zweite. Als Jugendlicher träumte Carl Ludwig von einer Verbindung mit seiner Cousine Sisi, die jedoch 1854 seinen Bruder heiratete und somit Kaiserin von Österreich wurde. Zwei Jahre später heiratete Erzherzog Carl Ludwig die sächsische Königstochter Margarethe – ebenfalls eine Cousine von ihm –, die bereits nach zwei Jahren Ehe verstarb.10

Knapp ein Jahr nach der Eheschließung mit der Prinzessin von Bourbon wurde am 18. Dezember 1863 in Graz ein Sohn geboren und auf den Namen Franz Ferdinand Carl Ludwig Joseph Maria getauft. Obwohl Maria Annunciata an Tuberkulose erkrankt war, bekam Franz Ferdinand in den nächsten Jahren noch drei Geschwister: Otto, Ferdinand Carl und Margaretha Sophia. Seit 1866 bewohnte die erzherzogliche Familie ein Palais in der Favoritenstraße in Wien und verbrachte die Sommermonate auf Schloss Artstetten oder auf der Burg Persenbeug. Wie alle Habsburger war Franz Ferdinand mit zahlreichen europäischen Adelsfamilien verwandt. Im Jahr 1910 stellte ein Genealoge fest, dass von dessen 2047 Vorfahren knapp die Hälfte den regierenden Häusern Europas entstammte.11 Alle wichtigen europäischen Dynastien waren vertreten (Habsburger, Nassauer, Wittelsbacher, Hohenzollern, Savoyer, Lothringer, Capetinger etc.); sogar mehrere Päpste lassen sich in der Ahnengalerie der Familie finden. Auch wenn der Begriff »Nationalität« in diesem Zusammenhang eher problematisch erscheint, hält die Ahnentafel fest, dass unter Franz Ferdinands Vorfahren die Deutschen deutlich überrepräsentiert waren. Ihnen folgten Italiener, Franzosen, Spanier und Polen. Nur wenige Rumänen, Ungarn und Schweden lassen sich dort finden.12

Im Alter von nur sieben Jahren verlor Franz Ferdinand seine Mutter. Der Vater heiratete 1873 erneut: Prinzessin Maria Theresia, eine der sechs schönen Töchter des portugiesischen Infanten Dom Miguel. Der große Altersunterschied von 22 Jahren zwischen Erzherzog Carl Ludwig und seiner Frau wurde am Hof durchaus thematisiert. Vor allem Erzherzogin Gisela, eine der Töchter Kaiser Franz Josephs, zeigte Mitleid für die junge Braut und war davon überzeugt, » ›daß sie nicht glücklich sein kann. Es ist auch zu arg, einen so alten Mann zu haben, wenn man noch so jung ist.‹ «13

Obwohl erst 18 Jahre alt, wurde Maria Theresia für ihre Stiefkinder eine liebevolle Mutter, die auch nach der Geburt ihrer eigenen Kinder nicht weniger Zuneigung und Aufmerksamkeit gegenüber Franz Ferdinand und seinen Geschwistern zeigte. Manche Autoren neigen dazu, das Familienleben des Erzherzogs Carl Ludwig zu idealisieren, um damit ihre Verwunderung zum Ausdruck zu bringen, dass Franz Ferdinand trotzdem einen »eigenartigen Charakter«14 entwickelt hatte. Es lassen sich jedoch ausreichend Hinweise finden, dass die Eifersucht des Erzherzogs sowie die Existenz zahlreicher Verehrer seiner Frau durchaus zu Eheproblemen führten.15 Das prominenteste Beispiel war sicherlich Kronprinz Rudolf, der später offen für seine Tante schwärmte und damit das ohnehin gespannte Verhältnis zu seinem Onkel zusätzlich belastete.16 Andere Autoren führten den schwierigen Charakter des Erzherzogs Franz Ferdinand auf das Nicht-Vorhandensein der mütterlichen Nähe in den ersten Lebensjahren zurück, weil Maria Annunciata keinen engen Kontakt mit ihren Kindern pflegte, um sie vor einer möglichen Ansteckung mit der Tuberkulose zu bewahren. Zudem galt sie selbst als launisch und unberechenbar.17

Franz Ferdinands Kindheit fiel in die Zeit der großen politischen Umwälzungen in der Habsburgermonarchie. Nach den militärischen Niederlagen gegen Italien (1859) und Preußen (1866) und dem Verlust von Territorien und Ansehen erfolgte im Jahr 1867 der Umbau der Monarchie in einen konstitutionellen, dualistischen Staat. Nun bestand die Donaumonarchie aus zwei unabhängigen Ländern, dem Königreich Ungarn und den »im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern« (Trans- und Cisleithanien), die in Personalunion verbunden waren: Franz Joseph war Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Die Realunion ergab sich aus drei gemeinsamen Bereichen und somit auch drei gemeinsamen Ministerien: Außenpolitik, Armee und Finanzen. Der Ausgleich wurde alle zehn Jahre neu verhandelt, weshalb von der »Monarchie auf Kündigung« die Rede war. Da durch den Umbau des Staates die Nationalitätenproblematik nicht gelöst worden war, sollte sie in den nächsten Jahrzehnten immer wieder zu politischen Krisen führen. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870 und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs galt die deutsche Frage als gelöst, und zwar im Sinne der kleindeutschen Lösung und somit unter Ausschluss Österreichs. All diese Veränderungen bedeuteten Niederlagen für Kaiser Franz Joseph, der sich gern als Anführer der deutschen Fürsten gesehen und als autokratischer Monarch eines zentralistisch organisierten Staates regiert hätte.

Als Erzherzog Franz Ferdinand 15 Jahre alt war, bekam die Donaumonarchie auf dem Berliner Kongress 1878 das Recht zur Okkupation der beiden südosteuropäischen Provinzen Bosnien und Herzegowina zugesprochen. Was anfangs als außenpolitischer Coup des Grafen Andrássy gefeiert wurde, sollte sich später als kostspielig, kompliziert und äußerst problematisch erweisen: Die Provinzen galten als rückständig, sodass enorme Summen in den Ausbau der Infrastruktur investiert werden mussten. Der Anteil der slawischen Bevölkerung innerhalb der Monarchie war angestiegen und die rasche Ausbreitung der nationalistischen Bewegungen auf dem Balkan sorgte für eine gewisse Instabilität innerhalb des Vielvölkerstaates. Dreißig Jahre später entwickelten sich daraus ernsthafte Konflikte mit dem unabhängig gewordenen Serbien und mit dessen Protektor Russland. Im Jahr 1879 wurde ein Bündnis mit Deutschland geschlossen, das drei Jahre später – um Italien erweitert – zum Dreibund wurde. Damit war die Grundlage für ein Bündnissystem geschaffen, welches in den nächsten Jahrzehnten wenig Spielraum für neue, flexible Konstellationen in Europa bot, auch wenn 1881 zunächst noch ein Dreikaiserbündnis mit dem Zarenreich mehr Bewegungsfreiheit garantieren sollte.

Zur gleichen Zeit vollzog sich eine Welle der Modernisierung in der Donaumonarchie: Die Schulpflicht wurde eingeführt, das Verwaltungs- und Steuersystem reformiert, das Eisenbahnnetz ausgebaut und somit ein industrieller Aufschwung eingeleitet. Neue Kommunikationsmittel und andere moderne technologische Erfindungen erhielten Einzug in alle Lebensbereiche. In der Kunst, Musik und Literatur formierten sich neue, moderne Richtungen, die ebenso wie die Fortschritte der Wissenschaft bereits das Bild einer Belle époque ankündigten.

1.2 Ausbildung und Militärdienst

Franz Ferdinand und seine Geschwister wurden von Privatlehrern zu Hause unterrichtet. Diese wurden sorgfältig von den Eltern ausgesucht. Den ersten Unterricht im Lesen, Schreiben und in Tschechisch bekam Franz Ferdinand vom Lehrer seines eigenen Vaters, Hauptmann Johann von Wittek. Der weitere Unterricht und die Erziehung wurden von Oberst Ferdinand Graf Degenfeld geleitet, dem weitere Lehrer zur Seite standen: Rittmeister Johann Graf Nostitz-Rieneck, Karl Graf Coreth, Bohuslaw Graf Aichelburg und Georg Graf Wallis. Der Lehrplan entsprach in etwa dem der öffentlichen Schulen, wurde jedoch um einige Fächer erweitert. Der Fächerkanon bestand zunächst aus Deutsch, Geschichte, Religion, Schreiben, Rechnen, Geografie, Zeichnen und Fremdsprachen (Latein, Französisch, Ungarisch und Tschechisch). Später standen Mathematik und Englisch sowie staatsrechtliche und militärwissenschaftliche Studien auf dem Lehrplan. Erzherzog Carl Ludwig wohnte dem Unterricht gelegentlich bei, vor allem wenn es um Kunstgeschichte ging. Für den sportlichen Ausgleich sorgten das Reiten, Fechten, Tanzen, Turnen, Schwimmen und Schlittschuhlaufen. Der Schultag begann in der Regel um sieben Uhr morgens und endete nach mehreren Unterbrechungen um acht Uhr abends. Die Abende wurden manchmal in Gesellschaft bedeutender Künstler, Wissenschaftler, Sänger, Schauspieler und Musiker verbracht. Bei festlichen Anlässen führten die Kinder eigene Theaterstücke auf.18

Franz Ferdinand und Otto wurden gemeinsam unterrichtet. Während Otto sein mangelndes Interesse durch seine sympathische Art zu überspielen wusste, erhielt Franz Ferdinand regelmäßig Briefe von dem gemeinsamen Erzieher Degenfeld, der ihn zu mehr Arbeit, Gewissenhaftigkeit und Motivation aufforderte.19

Franz Ferdinand war »in intellektueller Hinsicht ein Spätentwickler«.20 Zudem fehlte es ihm »an ›Sitzfleisch‹ «.21 Während sein Antitalent für Fremdsprachen inzwischen legendär ist, ist die Tatsache weniger bekannt, dass er für mathematische Fächer ebenso wenig Begabung und für Philosophie keinerlei Interesse zeigte. Die meisten Memoirenschreiber aus seiner Umgebung erwähnen, dass er sich jahrzehntelang bemühte, Ungarisch zu lernen, und deshalb ein ungarischer Geistlicher stets in seiner Nähe war, der ihm Unterricht gab. Das Ergebnis soll ein »recht unbefriedigendes«22 gewesen sein. Einer seiner engsten Berater, Ottokar Czernin, behauptete sogar, dass Franz Ferdinand wegen dieses Misserfolgs eine gewisse Antipathie gegen das ungarische Volk entwickelt habe.23 Die zahlreichen Ungarischhefte, die sich im Nachlass des Erzherzogs befinden, belegen, dass der Thronfolger jahrzehntelang sehr diszipliniert die ungarische Sprache lernte. Zugleich geht aus ihnen hervor, dass er die Sprache zumindest im schriftlichen Bereich recht gut beherrschte.24 Sein Französisch war »sehr mittelmäßig«, Englisch sprach er nicht und Italienisch und Tschechisch lediglich »einige Brocken«25. Für das Erlernen der italienischen Sprache hätte es eigentlich einen besonderen Grund und Ansporn gegeben.

Im Alter von zwölf Jahren erbte Franz Ferdinand ein immenses Vermögen: die estensischen Güter und Kunstsammlungen von Herzog Franz V. von Modena. Nach der italienischen Einigung 1859 und dem Verlust seiner Herrschaft musste Franz V. sein Land verlassen. Da er jedoch auf eine Wiederherstellung des Herzogtums hoffte, bestimmte er mangels eigener Nachkommen Franz Ferdinand zu seinem Erben. Die Bedingung war, dass er den Titel Este im Namen trug.26

Während für die ersten Jahre der schulischen Ausbildung Offiziere zuständig waren, kamen nun zwei weitere Lehrer für Geschichte und Religion hinzu, die das Weltbild und das Selbstverständnis des jungen Erzherzogs Franz Ferdinand entscheidend prägen sollten: Dr. Onno Klopp und Prälat Dr. Godfried Marschall.

Onno Klopp war ein zum Katholizismus konvertierter Ostfriese, der seinem entthronten König von Hannover 1866 nach Österreich gefolgt war. Er unterrichtete Franz Ferdinand von 1876 bis 1882 in Geschichte, wobei die Ausführungen häufig von seinen theologischen Überzeugungen gefärbt waren. Er vermittelte dem Erzherzog ein starkes Bewusstsein für die Zugehörigkeit zum Haus Habsburg und dessen historische Bedeutung. In Form von freien Vorträgen und umfangreichen handschriftlichen Manuskripten, die sich noch im Privatarchiv befinden, vermittelte Klopp dem Erzherzog vor allem die europäische Geschichte der Neuzeit.27 Die antipreußische Haltung des Lehrers führte zu einer recht einseitigen Interpretation der historischen Entwicklungen, die Franz Ferdinand größtenteils übernahm.28 Hinzu kommt, dass Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia als deutschfeindlich galten.29

Für die religiöse Erziehung und Wissensvermittlung war der junge, liberale Priester Godfried Marschall zuständig. Die Religion spielte im Hause des Erzherzogs Carl Ludwig eine wichtige Rolle. Sowohl er als auch seine Frau galten als bigott. Die extreme Religiosität Carl Ludwigs soll sich im Alter sogar so weit gesteigert haben, dass er den respektvoll grüßenden Passanten aus seinem Wagen den Segen gespendet hat. Schließlich starb er während einer Pilgerreise, als er entgegen allen Warnungen das verschmutzte Wasser aus dem Fluss Jordan trank und sich damit eine schwere Infektion zuzog.30

Die übliche Prinzenausbildung der Habsburger sah vor, dass im Alter von 15 Jahren die bisherigen Schulfächer zugunsten einer Offiziersausbildung aufgegeben wurden. Als Franz Ferdinand 1878 zum Leutnant im Infanterieregiment Nr. 32 in Wien ernannt wurde, wurde sein Lehrplan dieser Anforderung angepasst. Selbstverständlich trat der 14-jährige Erzherzog seinen Dienst noch nicht an, sondern erst mit 19 Jahren, als er zum Dragoner-Regiment Kaiser Ferdinand Nr. 4 nach Enns kam. Davor erhielt er ein Jahr lang Unterricht von einem Lehrer, der sowohl im privaten als auch im politischen Leben Franz Ferdinands eine enorme Rolle spielen sollte: Max Wladimir Freiherr von Beck. Der junge Jurist unterrichtete ihn in Rechts- und Staatswissenschaften. Nach einem Jahr fand eine private Prüfung in Anwesenheit des Vaters statt. Später einmal soll Erzherzog Franz Ferdinand gesagt haben, dass Beck der Einzige war, von dem er wirklich profitiert habe.31

Während es für die deutschen Prinzen in dieser Zeit bereits üblich geworden war, ein Studium zu absolvieren, und der spanische Thronfolger (später König Alfonso XII.) ein breit gefächertes Wissen in mehreren Sprachen und in mehreren Staaten (Frankreich, Österreich-Ungarn und England) erwarb, galt die allgemeine Ausbildung des Erzherzogs Franz Ferdinand mit seinem Übertritt ins Militär als abgeschlossen.32 Freilich muss berücksichtigt werden, dass er zu diesem Zeitpunkt in der Thronfolge auf Platz drei rangierte und somit eine Beschäftigung mit rechtlichen oder verwaltungstechnischen Themen als nicht notwendig für seine weitere Karriere erachtet wurde. Sogar Kronprinz Rudolf, der auf Wunsch Kaiserin Elisabeths eine umfassende und liberale Bildung bis zu seinem 19. Lebensjahr genoss, durfte nicht studieren, obwohl er sich dies ausdrücklich gewünscht hatte.33

Vor dem Dienstantritt bei den Dragonern 1882 bewilligte Kaiser Franz Joseph dem Erzherzog noch einen zehntägigen Urlaub in Oberitalien, der zugleich als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss seiner schulischen Ausbildung galt. Da sich der Erzherzog in der Nähe seiner estensischen Güter aufhalten wollte, reiste Franz Ferdinand inkognito, um mögliche politische Komplikationen zu vermeiden.

Die anschließend in Oberösterreich verbrachten fünf Jahre seiner Dienstzeit als Oberleutnant und Rittmeister sollten letztlich mit zu den schönsten seines Lebens gehören. Da es dort wenig Zerstreuung gab, nutzte Franz Ferdinand jede Gelegenheit, um nach Wien oder in die umliegenden Jagdgebiete zu reisen. Solche Vergnügungen wurden vonseiten der Familie kritisiert, und Kronprinz Rudolf sah sich aufgrund eigener Erfahrungen dazu verpflichtet, ihn in mehreren Briefen vor möglichen Angriffen der Familie zu warnen: »Der Kaiser ist ziemlich ungehalten, da Er es Deiner Jugend zuschreibt, als auch Deinem Regimentskommandanten, der Dich während Deiner Rekruten-Zeit so oft fort läßt. […] Jetzt ist Onkel Albrecht noch nicht hier, wenn dieser kommt, dann kannst Du Dich auf Unannehmlichkeiten vorbereiten, wenn Du nicht etwas vorsichtiger wirst; Du mußt es absolut vermeiden vom Kaiser citiert und verrissen zu werden.«34 Erzherzog Albrecht, die moralische Instanz am Hof, war Generalinspektor des Heeres und nahm sich der charakterlichen Ausbildung der Erzherzöge an.35 Kronprinz Rudolf schätzte seine Ratschläge nicht und unterstellte ihm »Freude« am Intrigieren, Schimpfen und Schaden.36

In den nächsten Monaten und Jahren wandte sich Erzherzog Albrecht mit wohl gemeinten ernsten Worten wiederholt an Franz Ferdinand und warnte ihn vor »jedem Exzesse welch immer Art«37. Ein junger Mensch solle nicht »vergnügungssüchtig seyn, d. h. das Vergnügen über die Pflichterfüllung im weitesten Sinne des Wortes setzen«. Vor einer ganz bestimmten Art der Vergnügung, der Franz Ferdinand regelmäßig und exzessiv frönte, warnte er ihn besonders: »Die Jagd darf nie Leidenschaft werden; sie muß nur erlaubtes Vergnügen ohne Schädigung jedweder Pflichterfüllung bleiben.«38 Als Franz Ferdinand im Herbst des Jahres 1888 zum Major befördert und dem Infanterieregiment Nr. 102 »Freiherr von Catty« nach Prag zugeteilt wurde, bekam er einen ernsten Brief von seinem Onkel, weil er vor der Versetzung einen zweimonatigen Urlaub nehmen wollte: »Und warum? Um sich zu unterhalten!«39 Erzherzog Albrecht riet ihm dringend dazu, den Urlaub zu verschieben, um keinen schlechten Eindruck bei dem neuen Regiment zu hinterlassen.

Auch wenn er viele ähnliche Schreiben seines Onkels erhalten hatte, die ihn damals nicht erfreut haben, zog Franz Ferdinand im Gegensatz zu seinem Cousin Rudolf später nach dem Tod Albrechts ein positives Fazit: »Was ich als Soldat bin, was ich gelernt habe, die Lust und Liebe zu unserem schönen Handwerk verdanke ich größtenteils ihm. Er war ein selten edler, nobler Charakter […], ein treuer Diener und Berater seines Kaisers, ein unersetzlicher Mann für die Armee und der Vertreter des altkonservativen Elementes in unserer Familie.«40 Er habe ihm viel erzählt, ihm »Lehren aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen« gegeben und war für ihn »immer von wahrhaft väterlicher Güte«.41 Kurzum, Erzherzog Albrecht sei sein Vorbild gewesen.42

Die Versetzung nach Prag 1888 kam Franz Ferdinand sehr gelegen, denn im März 1887 hatte er bereits Schloss Konopischt in der Nähe von Prag gekauft. Die Herrschaft gehörte ursprünglich der Familie Lobkowitz und befand sich in einem etwas vernachlässigten Zustand, sodass viel Zeit und große Geldsummen notwendig waren, um es zu renovieren, zu modernisieren und einzurichten. Franz Ferdinand baute es im Laufe der Jahre zu seinem Fürstensitz aus. Zahlreiche Häuser und Industrieanlagen aus der Umgebung mussten dem Großprojekt weichen: Der Erzherzog legte einen 300 Hektar großen Park an, um dessen Gestaltung und Bepflanzung er sich persönlich kümmerte. Der Rosengarten wurde zum schönsten und außergewöhnlichsten Teil der gesamten Parkanlage. Die umliegende Landschaft wurde ebenfalls umgestaltet, die Wirtschaftsgebäude und Meierhöfe renoviert bzw. errichtet. Es entstanden auch zwei Tiergärten mit Rotwild und Rehwild.

Das Schloss wurde auf den neuesten Stand der Technik gebracht: Elektrizität und hydraulische Aufzüge sowie moderne Badezimmer und neue Treppenaufgänge hielten Einzug. Um eigenen Strom zu erzeugen, wurde unterhalb des Schlosses ein eigenes Wasserkraftwerk errichtet. Die wertvollen Kunst- und Waffensammlungen aus dem estensischen Erbe wurden Stück für Stück nach Konopischt übersiedelt und von bekannten Bildhauern kunstvoll arrangiert.43

Im April 1889 schenkte Erzherzog Carl Ludwig seinem ältesten Sohn das in Niederösterreich gelegene Schloss Artstetten. Obwohl er sich anfangs dort viel seltener aufhielt als in Konopischt, ließ er es genauso modernisieren und technisch optimal ausstatten. Das Schloss erlangte seine Bedeutung erst durch den Bau der Gruft im Jahr 1909, in der später Franz Ferdinand und seine Familie bestattet werden sollten.44

Der Erzherzog fühlte sich wohl in Prag. Er richtete sich auf dem Hradschin in den Räumlichkeiten, die Kronprinz Rudolf als Oberst bewohnt hatte, neu ein. So sehr er sich auch bemühte, die tschechische Sprache zu erlernen, beherrschte er sie laut Qualifikationsliste nur »zum Dienstgebrauch genügend«.45 Sein Leben dort war um einiges angenehmer und unterhaltsamer als in Enns, bis ihn im Januar 1889 die Nachricht vom Tod seines Cousins erreichte.

2. Unerwünschter Thronfolger

Im Jahr 1889 sollte sich das Leben des Erzherzogs Franz Ferdinand grundlegend ändern. Der Selbstmord des einzigen Sohnes Kaiser Franz Josephs katapultierte Franz Ferdinand über Nacht auf Platz eins in der Thronfolge. Aufgrund des hohen Alters des Erzherzogs Carl Ludwig galt nun dessen Sohn als Thronfolger der Habsburgermonarchie. Über die Umstände des Todes seines Cousins Rudolf in Mayerling, mit dem er stets freundschaftlichen Umgang gepflegt hatte, erfuhr Franz Ferdinand erst nach seiner Ankunft in Wien. Eine offizielle Bekanntmachung des neuen Thronfolgers blieb auf Wunsch des Kaisers wegen der Trauer um Rudolf aus. Außerdem rangierte Erzherzog Carl Ludwig in der Thronfolge immer noch vor seinem Sohn, sodass eine solche Bekanntmachung ein unnötiger Affront Franz Josephs gegen den eigenen Bruder gewesen wäre. Daraus resultierte die Entscheidung, auf die sonst üblichen medialen Mittel zur Steigerung der Bekanntheit und Popularität – lancierte Presseartikel über die Kindheit und Jugend des Thronfolgers – zu verzichten. Eine weitere Folge dieser Entscheidung war die persönliche Unsicherheit Franz Ferdinands über die eigene Position, da während seiner Krankheit in den Jahren 1894 bis 1897 sein Bruder Otto ins Gespräch gebracht worden war.

Erzherzog Albrecht sah in seinem 25-jährigen Neffen sofort den neuen Thronfolger und verstärkte deshalb sein Engagement, ihn nun auf das angemessene Verhalten in seiner neuen Position vorzubereiten. Eindringlich appellierte er an Franz Ferdinand, seinen Verpflichtungen gewissenhafter nachzukommen und die gesellschaftlichen und Jagdvergnügen zu reduzieren. Klug und aufgeklärt brachte Erzherzog Albrecht die Besonderheit der Situation auf den Punkt: »In Deiner Jugend nicht zum Thronfolger bestimmt, war es natürlich, daß Du nicht jene eindringlichen Studien, insbesondere in Staatsrecht, Staatengeschichte wie vaterländische, u.s.w. gemacht hast, welche für jeden Regenten, am allermeisten aber für einen konstitutionellen unentbehrlich sind, soll er nicht zum blinden Werkzeuge in den Händen Anderer, und zwar meistens seiner ärgsten Feinde, herabsinken. […] In diesen zwei Richtungen: als höherer Offizier wie als künftiger Regent wirst Du viel Zeit bedürfen, um Dich gewissenhaft vorzubereiten.«46 Zudem erinnerte er Franz Ferdinand an seinen schnellen Aufstieg innerhalb der Armee. Dies war zwar eine »für Habsburger übliche Blitzkarriere«47, aber sie würde einen dazu verpflichten, umso mehr zu arbeiten, um der neuen Stellung zu entsprechen.

Da der Neffe den Ernst der Lage noch nicht erfasst und sich in den folgenden Wochen mehrere Eskapaden mit seinem Bruder Otto geleistet hatte, ermahnte ihn Erzherzog Albrecht nun durch die Nennung des Negativbeispiels Rudolf. Dieser habe »nicht bloß durch seine Todesart und was daran hängt, sondern schon seit Jahren durch seine Lebensart und Ausschweifungen dem monarchischen Principe und dem Ansehen des Kaiserhauses geschadet«.48 Abschließend beschwor er ihn, im Interesse der Monarchie, sich nicht mehr wie ein junger Leutnant, sondern wie ein erwachsener Mann zu verhalten. Ob dieser Appell einen besonderen Eindruck auf Franz Ferdinand hinterlassen hat, ist schwer zu beurteilen. Weitere Ermahnungen dieser Art sind jedenfalls nicht mehr erfolgt. Das Verhalten des Thronfolgers sorgte allerdings in einem anderen Kontext für große Diskussionen und Aufregung.

Im Frühjahr des Jahres 1890 trat Franz Ferdinand seinen Dienst als Oberst beim Husaren-Regiment Graf Nádasdy Nr. 9 in Ödenburg (Sopron) an. Die Stadt war zur Hälfte von Deutschen, zur Hälfte von Magyaren bewohnt und beheimatete lediglich eine kleine Garnison. Die Erfahrungen, die er dort während seines fast zweijährigen Dienstes machte, sollten sein Bild von Ungarn, von der Monarchie und der Nationalitätenproblematik entscheidend prägen.

Während die Mannschaften sich aus verschiedenen Nationalitäten zusammensetzten, gab es in der Garnison fast nur ungarische Offiziere, die untereinander ausschließlich Ungarisch sprachen. Da der Erzherzog die Sprache nicht ausreichend beherrschte, um deren Gesprächen zu folgen, ärgerte er sich umso mehr über die Nichteinhaltung der deutschen Dienstsprache. Sein undiplomatisches Auftreten und die öffentliche Kritik am ungarischen Nationalismus sorgten schließlich für negative Schlagzeilen in der ungarischen Presse und Ermahnungen vonseiten des Erzherzogs Albrecht sowie seines ehemaligen Lehrers Degenfeld, der ihn in einem 17-seitigen Brief über die Bedeutung des übernationalen Handelns eines österreichisch-ungarischen Thronfolgers aufklärte.49

Franz Ferdinands Ressentiments gegenüber dem ungarischen Nationalismus verstärkten sich allerdings mit jedem Tag seines Aufenthalts in diesen Gebieten. Während der Manöver in Mezöörs (ca. 100 km von Ödenburg entfernt) im August 1890 brachte er in einem Brief an Marie Gräfin Thun, seine spätere Schwägerin, die Verärgerung über den Dienst in den ungarischen Gebieten zum Ausdruck. In typischer Manier beschrieb der Erzherzog voller Ironie, wie er sich »im heißgeliebten gesegneten Ungarn […] schon ganz zum wilden Magyaren ausgebildet [habe]«. Er spreche nur Ungarisch, das »verhaßte Deutsch« nur mit ungarischem Akzent, er schreie den ganzen Tag »éljen Tisza, eljén Apponyi, éljen Istoczy«50, esse nur »Speck und Paprika« und habe seine Möbel »durchgehend rot, weiß und grün überziehen lassen«. Abfällig schrieb er, dass er sich außerdem »eine ordentliche Portion Läuse« angeschafft habe, »um auch diese tiefempfundende Charaktereigenschaft dieser Nation nachzuahmen«.51 Ansonsten laufe er in seiner freien Zeit »wie ein brüllender Löwe« herum und suche, wo er »einen Cisleithanier verschlingen kann«.52

Als sich gesundheitliche Probleme bemerkbar machten, bekam Franz Ferdinand einen mehrwöchigen Urlaub genehmigt. Er nutzte die Gelegenheit, um nun den Kaiser zu ersuchen, ihm die lang ersehnte Weltreise zu genehmigen. Nach Interventionen vonseiten Carl Ludwigs und der Kaiserin Elisabeth erhielt Franz Ferdinand die Erlaubnis, Mitte Dezember 1892 seine Weltreise anzutreten.53

2.1 Weltreise

Ausgedehnte Reisen ins Ausland waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein fester Bestandteil des adeligen Lebens. Solche »Adelsreisen« sind jedoch in ihrer Art nicht mehr als Kavaliers- oder Bildungsreisen (auch Grand Tour genannt) der vorangehenden Jahrhunderte zu verstehen, als die jungen Adeligen auf jahrelangen Reisen durch Europa an verschiedenen Universitäten studierten und Kenntnisse in Zivil- und Militärwissenschaften erwarben, die sie für eine Karriere als Diplomaten, Militärs oder in der Verwaltung qualifizieren sollten. Solche Erziehungs- und Lehrreisen wurden aufgrund des Wandels des Bildungsideals sowie des Ausbaus und der Verbesserung der eigenen Universitäten Ende des 18. Jahrhunderts aufgegeben.54 Seitdem studierten viele Adelige, darunter auch Prinzen der regierenden Häuser, an den heimatlichen Universitäten oder an unterschiedlichen Bildungsanstalten. Dadurch hatte sich der Zweck der adeligen Reisen geändert: Nicht der Erwerb sozialen und fachlichen Wissens stand im Vordergrund, sondern die touristischen Elemente. Italien- und Orientreisen entwickelten sich zu einem Massenphänomen, an dem immer mehr Bürgerliche teilnahmen. Besichtigung von historischen Monumenten, das Bestaunen von Naturlandschaften und der Folklore der fremden Regionen gehörten zu diesem »erinnerungsgesättigten Tourismus«55 ebenso wie der Kauf von Souvenirs und Andenken. Solche Vergnügungsreisen absolvierten die meisten Mitglieder der Familie Habsburg, zumeist noch in ihren jungen Jahren. Auch Franz Ferdinand war bereits in Italien sowie in Ägypten, Syrien, Palästina und Griechenland gewesen. Diese Reise wurde in erster Linie als »eine Jagdpartie und ein großer Spaß« verstanden.56

Die von ihm 1892/93 absolvierte Weltreise fällt jedoch nicht in diese Kategorie, sondern könnte vielmehr als eine Kombination aus einer klassischen »Kavaliersreise« und einer Vergnügungsreise des späten 19. Jahrhunderts bezeichnet werden.57 Erzherzog Franz Ferdinand bereiste fast ein Jahr lang verschiedene Kontinente und beschäftigte sich dabei unter anderem mit den Bildungs-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Sozialsystemen der besuchten Länder.58 Kein anderer Thronfolger in Europa hat eine vergleichbare Reise in dieser Zeit unternommen, und man kann mit Sicherheit behaupten, dass sie den Bildungs- und Erfahrungshorizont des damals 30-jährigen Thronfolgers enorm erweitert hat.59

Es hatte mehrerer Interventionen beim Kaiser bedurft, bis die Weltreise dem Erzherzog tatsächlich genehmigt und die Gelder zur Verfügung gestellt wurden.60 Den ersten Teil der Reise absolvierte er mit einer 15-köpfigen Reisegesellschaft und etwa 400 Mann (multinationaler) Besatzung auf dem neuesten Kreuzer der k. u. k. Kriegsmarine, der Kaiserin Elisabeth. Für die Weiterfahrt von Japan nach Amerika stieg er auf einen kanadischen Liniendampfer um und in Amerika selbst reiste er mit der Eisenbahn oder auf den Dampferschiffen. Franz Ferdinand besuchte unter anderem Indien, Singapur, Java, Australien, China, Japan, Kanada und die USA und legte insgesamt fast 33 000 km zurück.61 Offiziell wurde die Reise als wissenschaftliche Expedition deklariert. Zu der Reisegesellschaft gehörten Leo Graf Wurmbrand (Franz Ferdinands Kammervorsteher) sowie Heinrich Graf Clam-Martinic und Julius von Prónay als Kämmerer. Zeitweise waren außerdem Legationssekretär Karl Graf Kinsky (Kämmerer), Generalkonsul Franz Stockinger, Anton Sanchez de la Cerda und der Kustos des Naturhistorischen Museums, Dr. Ludwig Lorenz Ritter von Liburnau, anwesend. Ein »Taxidermator« (Tierpräparator) begleitete Franz Ferdinand während der gesamten Reise: der spätere Hoffotograf Eduard Hodek; ebenso der Leibjäger Franz Janaczek sowie mehrere Diener und Köche.62 Unter den Besatzungsoffizieren befand sich ein weiterer Erzherzog aus der Linie Toskana, Leopold Ferdinand, der wegen verschiedener Differenzen mit dem Thronfolger das Schiff vorzeitig verlassen musste.63 Laut Franz Ferdinand sollte die Reise auf einem Kriegsschiff mit Torpedovorrichtungen einerseits der Besatzung die Gelegenheit bieten, sich auf der abwechslungsreichen Route maritim und wissenschaftlich weiterzubilden, andererseits sollte sie zur Hebung der militärischen und handelspolitischen Machtstellung der Monarchie im Ausland beitragen.64

Die Erlebnisse dieser Reise hielt der Erzherzog recht genau in seinen Aufzeichnungen fest, die als Grundlage für die publizierte Fassung seines Tagebuches dienten. Dieses zweibändige Werk war ursprünglich für Freunde und Familie gedacht. Erst nach einigem Zureden seiner Freunde wurde es vonseiten des Thronfolgers für die Öffentlichkeit freigegeben.65 Einige Zeitgenossen zweifelten an der Autorenschaft des Erzherzogs, aber bereits Ende der 1920er-Jahre stellte Franz Ferdinands Biograf Theodor von Sosnosky fest, dass es unverkennbar geistiges Eigentum des Thronfolgers war, mit zahlreichen für ihn typischen Eigenarten.66 Im Archiv von Schloss Artstetten sind die Originalaufzeichnungen zu finden, anhand derer sich rasch beweisen lässt, dass Franz Ferdinand die Tagebücher selbst verfasst hat und diese von seinem ehemaligen Lehrer Beck lediglich sprachlich korrigiert wurden.67 Der Thronfolger schrieb im Zug, auf dem Schiff, aber auch während der Jagd, wenn die Wartezeiten auf dem Jagdstand überbrückt werden sollten. Die gedruckte Version wurde während seiner Krankheit 1894/95 in der Abgeschiedenheit Merans und anderer Kurorte abgeschlossen.68

Angesichts der aufwendigen Ausführung und des hohen Verkaufspreises ist davon auszugehen, dass das Tagebuch nie eine breite Öffentlichkeit erreicht hat. Diese wurde vielmehr bereits während der Reise des Erzherzogs regelmäßig durch die Neue Freie Presse und andere Zeitungen informiert.69 Die Abreise am 15. Dezember 1892 wurde von den Journalisten als eine »erhebende Feier« beschrieben, bei der sich nicht nur die Familie des Erzherzogs eingefunden hatte, sondern auch Tausende Schaulustige, die nicht zuletzt den »majestätische[n] Bau« der Elisabeth bewundern wollten. Franz Ferdinand und seine Familie wurden mit »begeisterten, sich stets erneuernden Hoch- und Evviva-Rufen und von den Damen mit Tücherschwenken begrüßt, während die Musikcapellen auf den Dampfern die Volkshymne intonirten. […] Unter erneuten Ovationen des Publicums und nachdem die erzherzogliche Familie und Erzherzog Franz Ferdinand die letzten Grüße durch Händewinken ausgetauscht hatten, entschwand die Kaiserin Elisabeth den Blicken.«70

Neben der allgemeinen Reiselust nannte der Erzherzog weitere Gründe für seine Entscheidung, eine Weltreise mitmachen zu wollen, im Vorwort des Tagebuches: »Was mich hiezu bewogen hat, ist das Streben gewesen: aus der persönlichen Anschauung anderer Erdtheile, aus dem Einblick in fremde Staatsgebilde und Gemeinwesen, aus der Berührung mit fremden Völkern und Menschen, mit ausländischer Cultur und Sitte Belehrung zu gewinnen; aus der Besichtigung wundersamer Werke der Kunst, aus der Betrachtung fremdartiger Natur und ihrer unerschöpflichen Reize Genuss zu schöpfen.«71

Das Tagebuch des Thronfolgers enthält viele botanische und zoologische Beobachtungen sowie unzählige, zum Teil äußerst brutale Jagderlebnisse. Die für den heutigen Leser interessantesten Passagen beschäftigen sich mit den politischen Systemen, der sozialen und wirtschaftlichen Lage und den kulturellen Besonderheiten der bereisten Länder. Grob betrachtet, folgen die meisten Einträge einem relativ einfachen Muster: Am Anfang steht in der Regel die Beschreibung der politischen, religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen des jeweiligen Gebietes. Daran schließen sich die Schilderungen des absolvierten Programms (zumeist Jagden, Ausflüge in die Natur, Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, offizielle staatsbesuchsähnliche Empfänge) an. Manchmal befasste sich der Erzherzog mit der Architektur und der Infrastruktur einzelner Städte und zuweilen hielt er die physiognomischen Besonderheiten der einheimischen Bevölkerung fest. Den heutigen Leser wird bei vielen solcher Beschreibungen ein offen geäußerter Rassismus überraschen, irritieren und abstoßen. Man muss allerdings den zeitlichen Kontext solcher Aussagen und die Tatsache berücksichtigen, dass damals verschiedenste Rassenideologien (mit dem entsprechenden Vokabular) in ganz Europa populär waren und diskutiert wurden. Eine dieser Stellen lautet: »Der misstrauische und hinterlistige Charakter der Chinesen, ihr sich in crassem Egoismus verzerrendes Wesen und andere ihrer Eigenschaften machen mir dieses schon äußerlich unsympathische Volk widerlich, so wenig ich leugne, dass es auch Vorzüge besitzt.«72

Franz Ferdinand besuchte in den meisten Gebieten politische Institutionen, Verwaltungsgebäude, Museen und Gebetshäuser. Er schaute sich aber auch Gerichte, Bildungsanstalten, Krankenhäuser, Gefängnisse oder Tierheime an.73 Kritisch beobachtete und kommentierte er die sozialen Missstände, Korruption, Alkohol- und Drogenmissbrauch. So hielt er beispielsweise fest, dass während die Maharadschas und Radschas im »üppigen Reichthum« lebten, gleichzeitig Millionen von Menschen in Indien »in einer Armut und Dürftigkeit« vegetierten, die »jeder Menschenwürde Hohn sprechen, welche das Maß des von uns für möglich Gehaltenen weit übertreffen«.74 Dass ihn solche Beobachtungen dazu veranlasst hätten, sich mit der Situation in der Donaumonarchie ähnlich kritisch auseinanderzusetzen, lässt sich allerdings an keiner Stelle nachvollziehen. Über den Umgang der Australier und Amerikaner mit den Ureinwohnern äußerte er sich ebenfalls sehr kritisch.75 Und mit manchen Themen überrascht der Erzherzog den heutigen Leser: Die Rolle der Frau bzw. die Behandlung von Frauen in verschiedenen Gesellschaften ist beispielsweise ein regelmäßig wiederkehrendes Thema. Er berichtete vom Töten der neugeborenen Mädchen in Indien und Neukaledonien oder von der »vollkommen untergeordneten« Stellung der Frauen auf Java, den Salomon-Inseln und ebenfalls in Neukaledonien, wo sie »überaus schlecht behandelt und zu allen schweren Arbeiten angehalten [werden]«.76

Franz Ferdinands Ansichten über die einzelnen Länder und Landschaften wiederzugeben, würde ein eigenes Buch füllen. Es sei lediglich angemerkt, dass er vor allem in Australien und Japan sowohl von den Menschen als auch von den Landschaften und Sehenswürdigkeiten sehr angetan war.77 Der Besuch eines japanischen Theaterstücks sorgte allerdings für ein gewisses Befremden: Wegen der langen Dauer der Stücke würden sich alle »häuslich« einrichten, Essen und Getränke mitbringen und rauchen. »Das fortwährende Rauschen der eifrig bewegten Fächer, Kindergeschrei und das Ausklopfen der Pfeifen verursacht andauernden und abwechslungsreichen Lärm, welcher den Kunstgenuss einigermaßen beeinträchtigt.« Zudem seien die »feuerpolizeilichen Vorschriften« nicht besonders streng, denn die Streichhölzer würden auf den Boden geworfen, obwohl das Gebäude »nur aus Holz, Stroh und Papier errichtet ist«.78

Ein weiteres wiederkehrendes Moment der erzherzoglichen Beschreibungen ist die Heimatliebe. Häufig berichtete er von seinem Heimweh und zog Vergleiche zwischen den Naturlandschaften im Ausland und in Österreich, wobei ihm die eigene Heimat in der Regel besser gefiel.79 Dies könnte zwar als Teil des Kalküls interpretiert werden, die Identifikation der Leser mit dem Thronfolger und dessen Beliebtheit mithilfe der patriotischen Äußerungen zu erhöhen. Wenn man jedoch seine sonstigen Aufzeichnungen und Korrespondenzen zur Hand nimmt und zudem berücksichtigt, dass sich Franz Ferdinand niemals um die Gunst der Öffentlichkeit bemüht hatte, gewinnt man rasch den Eindruck, dass diese Aussagen authentisch waren und dass dem Thronfolger die österreichischen Alpen tatsächlich »doch das Liebste und Schönste« waren, »was man sehen kann«.80

Der Erzherzog zeigte sich für viele neue Erfahrungen offen, auch wenn er sie anschließend mitunter kritisch oder negativ beurteilte. So probierte er beispielsweise die ungewöhnlichsten Speisen, ließ sich einen Drachen tätowieren (der Obduktionsbericht von 1914 bestätigt die Existenz eines Tattoos am linken Oberarm) und nahm am Wettschießen mit dem besten indischen Schützen teil.81 Manchmal äußerte er sogar Selbstkritik und Ironie, beispielsweise als er seine mangelnden Englischkenntnisse als Hindernis für vernünftige Konversationen erwähnte, oder wenn er von der »Kaufmanie« schrieb, die jeden Reisenden und ihn insbesondere befiel.82

Eine völlig neue Erfahrung für den Erzherzog war seine Überfahrt von Japan nach Amerika, da er auf einem kanadischen Passagierdampfer weder die Befugnisse noch die Bewegungsfreiheit hatte, die er auf dem österreichisch-ungarischen Kriegsschiff gehabt hatte.83 Er war praktisch einer der Passagiere, die zwar einen gewissen Luxus, aber keine weiteren Vorrechte genossen.

Bezüglich seiner Beschreibungen der politischen, verfassungsrechtlichen und wirtschaftlichen Lage der bereisten Gebiete lässt sich generell feststellen, dass ihn das koloniale Verwaltungssystem der Engländer stark faszinierte und zum Teil begeisterte. Eine besondere Beachtung verdienen seine Schilderungen der USA, da viele Biografen später behaupteten, dass die in den USA gewonnenen Eindrücke entscheidend für seine Reformvorstellungen für die Donaumonarchie gewesen wären.

Grundsätzlich zeigte sich Erzherzog Franz Ferdinand von der Modernität und Technologie des nordamerikanischen Kontinents beeindruckt, während die Architektur der Städte – mit Ausnahme von New York – nicht seinem Geschmack entsprach.84 Obwohl er den Amerikanern geniale Züge bescheinigte – »Die kühnsten Ideen werden im Lande des Felsengebirges und des Niagaras geboren und mit erstaunlichem Geschicke, mit unübertrefflicher Meisterschaft auf dem Gebiete der Technik verwirklicht; heroischer Unternehmungsgeist […] bricht sich immer neue Bahnen« –, bemängelte er zugleich die Rücksichtslosigkeit, mit der »kolossale Vermögen« auf unmoralische Art und Weise angehäuft wurden. Sozialkritisch stellte er fest: »neben bewundernswerten Schöpfungen philanthropischen Geistes tritt crassester Egoismus zutage, der im Nebenmenschen nur ein Object der Ausnützung, nicht aber ein fühlendes Wesen erblickt«.85 Die Amerikaner würden es lieben, »in Anwandlungen von Selbstüberschätzung und Eigendünkel von jedem Werke, jeder Erfindung, jeder Institution zu behaupten, dass hiemit das Beste, das Größte der Welt geboten sei und dem Schlagworte ›the first of the world‹ begegnet man allenthalben, obwohl diese Bezeichnung nicht immer zutrifft«86. Abschließend stellte er über die Amerikaner fest, dass sie gewiss den »Ansatz zum Überlebensgroßen, zum Übermenschen« haben, ihnen jedoch »die Wärme des Wesens« fehle und sie den Eindruck »kalter Individualitäten« hinterlassen.87

Die Bewertung des politischen Systems fiel ebenso ambivalent aus: Während er die Erfolge der föderativen Strukturen mit einem starken Zentrum und der Schaffung eines einheitlichen, nationalen Gefühls durchaus anerkannte, zeigte er sich der Demokratie gegenüber (v.a. der freien Presse und den freien Wahlen) mehr als skeptisch. Die Wahlen und den dadurch bedingten Regierungs- und Personalwechsel in den USA sah er als problematisch an, da dadurch »die nothwendige Continuität in der Verwaltung« unmöglich sei. Am kritischsten äußerte er sich über den »Tanz um das goldene Kalb«, die Bedeutung bzw. Macht des Geldes in Amerika sowie die Korruption, die mitunter sogar den »Richterstand ergreift«.88 Die Folgen des gesamten Systems seien die unzureichenden sozialen Zustände, vor allem die fehlende Fürsorge für die Arbeiter sowie der Mangel an Rechtsschutz für die Einwanderer.89

Dass die Bewohner Nordamerikas, obwohl aus unterschiedlichen Ländern stammend, ein einheitliches, amerikanisches Nationalbewusstsein besaßen, faszinierte ihn ganz besonders. Die Assimilation sei dort vollzogen, mit ihren Vor- und Nachteilen.90 Sein Interesse für das Thema der Integration verschiedener Kulturen ist vor dem Hintergrund der Nationalitätenkonflikte in der Habsburgermonarchie nachvollziehbar. Dass er aber aus seinen USA-Beobachtungen ein föderatives System als Lösung für Österreich-Ungarn abgeleitet haben soll, lässt sich jedoch anhand der Quellen nicht beweisen.91 Angesichts seiner negativen Bewertung der demokratischen Strukturen kann lediglich angenommen werden, dass Franz Ferdinand solche für die Habsburgermonarchie ausschloss.

Unumstritten ist eine andere Schlussfolgerung, die er damals gezogen hat, nämlich die Bedeutung der Seemacht für den Status einer Großmacht. Das erfolgreiche und effiziente englische Kolonialsystem sowie das große Ansehen der Engländer in der Welt führte er auf die Existenz einer starken Flotte zurück. In seinem künftigen Wirken sollte sich diese Erkenntnis in der Tatsache widerspiegeln, dass er sich für den Ausbau und die Modernisierung der k. u. k. Kriegsmarine sehr stark einsetzte.92

Abschließend lässt sich zu der Weltreise festhalten, dass sie wahrscheinlich den wichtigsten Beitrag zur sonst defizitären Bildung des Thronfolgers im Erwachsenenalter geleistet hat. Eine eindeutige Einordnung der geschilderten Erlebnisse und Erfahrungen sowie des Lerneffekts wäre erst dann möglich, wenn vergleichbare Tagebücher anderer Reisender und die dokumentierten Einstellungen des Thronfolgers vor und nach der unternommenen Reise miteinander verglichen würden. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Erkenntnisse auf politischem, verfassungsrechtlichem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, die er durch die Besichtigungen und die Beschäftigung mit unterschiedlichen Ländern und Kulturen gewann, von kaum zu unterschätzender Bedeutung waren. Winiwarter war nach Auswertung der Tagebücher davon überzeugt, dass diese die »intellektuelle Urteilsfähigkeit und Fähigkeit zur eigenständigen Wahrnehmung« des Erzherzogs beweisen und die »Weltreise künftig als Angelpunkt in der Biografie Franz Ferdinands zu werten sein wird«.93 Nicht zuletzt kann die Reise als ein »erster Schritt zur Emanzipation«94 betrachtet werden.

Zwei Eigenschaften – sie Leidenschaften zu nennen, wäre fast zu wenig gesagt – des Thronfolgers spielten während der Weltreise und somit auch in den Tagebüchern eine große Rolle: die Jagd und das Sammeln. Da sie einen wichtigen Teil auch seiner späteren Freizeit- und Lebensgestaltung ausmachten, erscheint an dieser Stelle ein Exkurs angebracht.

Exkurs: Jäger und Sammler

Kaum eine Seite der Persönlichkeit des Erzherzogs Franz Ferdinand eignet sich so für emotionale Debatten wie seine Jagdleidenschaft. Für manche war der Thronfolger »ein außergewöhnlich leidenschaftlicher Jäger«95, für andere trug diese Leidenschaft eher pathologische Züge.96

Franz Ferdinand hielt sich sehr gern in der Natur auf und beobachtete die Tier- und Pflanzenwelt. Er verbrachte jede freie Minute im Freien, laut Schusslisten allein wegen der Jagd ungefähr 200 Tage im Jahr. Er besaß eine sehr umfangreiche Jagdbibliothek (mehrere Tausend Bände), zahlreiche Gemälde und Kupferstiche mit Jagdmotiven, alte Jagdwaffen und eine sehr große Sammlung an Jagdtrophäen aus der ganzen Welt, die sorgfältig präpariert in seinen Schlössern – allen voran in Konopischt – ausgestellt wurden.

Sein erstes Wild erlegte Franz Ferdinand mit neun Jahren, wozu ihm sein 14-jähriger Cousin, Kronprinz Rudolf, herzlich gratulierte.97 Als Jugendlicher schrieb der Erzherzog voller Begeisterung lange Berichte über seine Jagderlebnisse. Von Anfang an führte er auch Jagdtagebücher, sodass die Anzahl der erlegten Tiere ziemlich genau angegeben werden kann: Es waren 274 889! Diese unglaublich hohe Zahl – rein statistisch hat er fast 15 Tiere pro Tag erlegt, sein Rekord an einem Tag sollen 1200 Tiere, in einem Jahr 18 799 gewesen sein – konnte er nur deshalb erreichen, weil er ein sehr guter Schütze war.98 Die theoretische Ausbildung, aber auch das konsequente Training (in Konopischt gab es einen äußerst schön gestalteten Schießübungsplatz) ermöglichten ihm eine extrem hohe Treffsicherheit. Bei Treibjagden führte dies dazu, dass er so gut wie alle Tiere, die ihm vor die Flinte liefen, traf.

Während seiner Weltreise stellte er diese Treffsicherheit in einem Wettbewerb mit dem besten Schützen Indiens, dem Nisam (Maharadscha) von Hyderabad, unter Beweis. Man schoss auf kleine Tonkugeln, Flaschen und schließlich auf in die Luft geworfene Münzen und der Erzherzog, obwohl er dies nie zuvor gemacht hatte, gewann.99Eine weitere Geschichte wird in diesem Zusammenhang gern tradiert, bei der die Jagdleidenschaft vielmehr als Schießleidenschaft interpretiert werden kann: Während seiner Krankheit soll der Erzherzog (wohl mangels sinnvoller Beschäftigung) von einer Liege aus einen in der Nähe stehenden Baum durch gezielte Pistolenschüsse perfekt zurechtgestutzt haben.100 Infolge des ständigen Schießens hörte der Thronfolger bereits als junger Mann schlecht.101

Die Jagd wurde später auch in das Familienleben des Erzherzogs integriert: Seine Frau und seine Kinder haben ihn bei zahlreichen Jagden begleitet, was anhand der Notizhefte, Fotografien und mancher Trophäen mit der Kennzeichnung »SSME« (Anfangsbuchstaben der Vornamen) nachvollzogen werden kann.

Zu den Legenden, die sich um das Leben bzw. den Tod des Erzherzogs Franz Ferdinand ranken, gehört auch die Tatsache, dass er bei einer Jagd einen Albino erlegt hatte, was damals als Zeichen für einen gewaltsamen Tod des Schützen interpretiert wurde. Der Thronfolger berichtete Gräfin Marie Thun, dass er »einen schneeweißen Rehbock mit hellblauen Lichtern« erlegt hatte, und fügte humorvoll hinzu, dass wenn ihn tatsächlich das vorhergesagte Schicksal ereilen sollte, dies hoffentlich erst nach ihrem nächsten Treffen geschehen werde.102 Seit Juni 1914 wurde die Albino-Geschichte nicht nur in Jägerkreisen gern erzählt.

Auch die Zahl der von Franz Joseph oder Kaiserin Elisabeth erlegten Tiere war beträchtlich. Aber während man diese als vorbildliche Jäger betrachtete, war das Verhalten des Thronfolgers umstritten. Er hatte den Ruf, möglichst viele Tiere erlegen zu wollen und wenig Respekt für diejenigen zu zeigen, die unter besonderem Schutz standen. In einem Jahr hatte er in Konopischt so viele Fasanhähne geschossen, dass »ungezählte Hennen als trauernde Witwen«103 herumliefen und der Bestand sich nur langsam regenerierte. Prinz Philipp Eulenburg, deutscher Botschafter in Wien, drückte es in einem Privatbrief an seinen kaiserlichen Freund Wilhelm II. überspitzt aus: »Massentötungen liebt ja der hohe Herr über alles, und die Jagd spielt in diesem Leben eine große Rolle.«104