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Alle drei Bände der wohl "offiziellsten" Biografie der absoluten Liszt-Kennerin Lina Ramann. Umfasst mehrere tausend Bildschirmseiten.
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Seitenzahl: 2003
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Franz Liszt
Als Künstler und Mensch
Lina Ramann
Inhalt:
Lina Ramann – Biografie und Bibliografie
Franz Liszt
Erster Band. Die Jahre 1811–1840.
Erstes Buch. Kinder- und Knabenjahre
I. Seine Eltern.
II. Seine Geburt und seines Geistes Erwachen.
III. Am Klavier.
IV. Die Entscheidung.
V. Der kleine Musikstudent.
VI. Die musikalische Weihe.
VII. Paris.
VIII. Koncertreisen.
IX. Le petit Litz als Komponist.
X. Hell und trüb.
Zweites Buch. Die Jahre der Entwickelung.
I. Nach des Vaters Tod.
II. Passionsblumen.
III. Periode der Rekonvalescenz.
IV. Die Revolution.
V. Die Lehren Saint Simon's.
VI. Paganini.
VII. Die Romantik in der Kunst unseres Jahrhunderts.
VIII. Hektor Berlioz's Einfluß auf Liszt.
IX. Ein Dioskurenpaar.
X. Abbé Lamennais.
XI. Fr. Liszt als Demokrat und Aristokrat.
XII. Neue Bahnen.
XIII. Schöpferische Keime.
XIV. »Er kann nicht komponiren!«
XV. Eros als Kind der Romantik.
XVI. Im Salon.
XVII. Madame la Comtesse d'Agoult.
XVIII. Liszt als literarische Vorkämpfer musikalischer Reformen.
XIX. In Genf, 1835 – December 1836.
XX. Kompositionen der Genf-Periode.
XXI. »Der Liszt-Thalberg-Kampf.«
XXII. Nohant.
XXIII. Am Lago di Como.
XXIV. Liszt und die Milaneser.
XXV. Koncert-Episode in Wien.
XXVI. Liszt und das deutsche musikalische Lied, sowie seine Schubert-Übertragungen.
XXVII. Roma.
XXVIII. Abschied von Italien.
Zweiter Band. Erste Abtheilung. Die Jahre 1841 bis 1847.
Drittes Buch. Virtuosen-Periode.
I. Koncerte in Wien 1839/40.
II. Ungarn.
III. Nachspiele.
IV. Leipzig. 1840.
V. 1840. London. Am Rhein. Hamburg.
VI. Ein Freundschaftsbündnis.
VII. Paris. 1841.
VIII. London. Hamburg. Kopenhagen. 1841.
IX. Nonnenwerth.
X. 1842. Ein großes Jahr. Berlin.
XI. 1842. Ein großes Jahr. (Schluß.)
XII. 1843. Norden und Süden.
XIII. 1844. Vorspiele zur musikalischen Glanzepoche Weimar's.
XIV. 1844. Von Weimar bis Paris.
XV. 1844. Die Trennung von der Gräfin d'Agoult.
XVI. 1844. Ein Wiederbegegnen.
XVII. 1844/45. Spanien, Portugal.
XVIII. 1845. Die Enthüllungsfeier des Beethoven-Monumentes zu Bonn.1
XIX. 1845/47. Schluß der Koncertreisen.
XX. 1846/47. Kompositionen.
XXI. Ein Rückblick.
Zweiter Band. Zweite Abtheilung. Die Jahre 1848 bis 1886.
Viertes Buch. Sammlung und Arbeit
I. Die Fürstin Carolyne v. Sayn-Wittgenstein.
II. Die »Altenburg«.
III. Fr. Liszt's bahnbrechende und reformatorische Thätigkeit als Dirigent. (I.)
IV. Fr. Liszt's bahnbrechende und reformatorische Thätigkeit als Dirigent. (II)
V. Fr. Liszt's bahnbrechende und reformatorische Thätigkeit als Dirigent. (III.)
VI. Fr. Liszt's bahnbrechende und reformatorische Thätigkeit als Dirigent. (IV. Schluß.)
VII. Liszt als Lehrer der reproducirenden Künstler.
VIII. Der Schriftsteller Liszt.
IX. Liszt's Kompositionen deutsch-nationaler Richtung im Anschluß am die Weimaraner Dichterfürsten. (I.)
X. Liszt's Kompositionen deutsch-nationaler Richtung im Anschluß an die Weimaraner Dichterfürsten. (II).
XI. Liszt's Kompositionen deutsch-nationaler Richtung im Anschluß an die Weimaraner Dichterfürsten. (III.)
XII. Liszt's Kompositionen und Arbeiten deutsch-nationaler Richtung. (IV. Schluß.)
XIII. Fr. Liszt's ungarische Musik.
XIV. Die symphonischen Dichtungen.
XV. Die Dante-Symphonie.
XVI. Neue Schöpfungen für das Klavier.
XVII. Liszt's Orgelwerke.
XVIII. Balladen mit melodramatischer Klavierbegleitung.
XIX. Liszt's Eintreten in die kirchenmusikalische Reform.
XX. Liszt's Eintreten in die kirchenmusikalische Reform (Schluß).
XXI. Abschluß der Weimarperiode.
Fünftes Buch. Konsequente Fortsetzung und Abschluß
I. In Rom.
II. »Elisabeth«, »Christus«, »Stanislaus«.
III. Zur Übersicht der Kompositionen Liszt's. (1861–1886)
IV. Ausklang.
V. Das Ende.
Anhang.
Franz Liszt, Lina Ramann
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
www.jazzybee-verlag.de
Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com
Deutsche Musikschriftstellerin, geb. 24. Juni 1833 in Mainstockheim bei Kitzingen, verstorben am 30. März 1912 in München. Schülerin von Franz Brendel und dessen Frau in Leipzig, begründete 1858 ein Musiklehrerinnenseminar in Glückstadt (Holstein) und 1865 mit Ida Volckmann eine Musikschule in Nürnberg. 1890 zog sie nach München. Sie schrieb mehrere pädagogische Kompendien (»Die Musik als Gegenstand des Unterrichts und der Erziehung«, Leipz. 1868; »Allgemeine musikalische Erzieh- und Unterrichtslehre der Jugend«, das. 1870, 2. Aufl. 1898), gab auch einen »Grundriß der Technik des Klavierspiels« (das. 1885) heraus, ist aber besonders bekannt geworden durch ihre Arbeiten über Liszt, dessen Biographie sie schrieb (das. 1880–94, 3 Tle.) und dessen »Gesammelte Schriften« sie deutsch herausgab (das. 1880–83, 6 Bde.). Außerdem schrieb sie noch »Franz Liszts Oratorium Christus'« (Leipz. 1874), »Franz Liszt als Psalmensänger« (das. 1886).
Diesen ersten Band meines Buches über Franz Liszt in die Welt sendend, sei hier mein Dank allen denen, – den Privatpersonen in Deutschland, England, Frankreich, Italien, in der Schweiz, sowie den Chefs der Verlagshandlungen, welche mich durch freundliche Zusendung von Notizen und Material bei der Arbeit desselben unterstützten, ausgesprochen.
Der Firmen: Bote Bock in Berlin, Brandus Dufour Co. in Paris, Breitkopf Härtel in Leipzig, A. Cranz in Hamburg, A. Diabelli in Wien, G.H. Dunkl in Pest, T. Haslinger in Wien, G. Heinze in Dresden, J. Hoffmann's Wwe. in Prag, Fr. Hofmeister in Leipzig, L. Holle's Nachf. in Wolfenbüttel, C.F. Kahnt in Leipzig, Fr. Kistner in Leipzig, G.W. Körner in Erfurt, H. Litolff in Braunschweig, Pietro Mechetti in Wien, C.F. Peters in Leipzig, Rieter-Biedermann in Leipzig Winterthur, P. Th. Müller in Mainz, M. Schlesinger in Berlin, B. Schott's Söhne in Mainz, J. Schuberth Co. in Leipzig (hier Herr Julius Schuberth †, in dessen Auftrag diese Arbeit begonnen wurde), C.F.W. Siegel in Leipzig, C.A. Spina in Wien, Taborszky Parsch in Pest – im allgemeinen verbindlichst gedenkend, sei denen unter ihnen, welche durch freundlich gewährte Mittheilung geschäftlicher Daten, als auch durch Übersendung von Exemplaren ihres Lisztverlags, mir die mühevolle Arbeit eines chronologischen Verzeichnisses der Kompositionen Liszt's ermöglicht, sowie die Einsicht in die Werke des großen Meisters in liebenswürdiger Weise erleichtert haben, noch insbesondere mein wärmster Dank dargebracht.
Nürnberg, im August 1880.
L. Ramann.
bis zu seines Vaters Tod.
Die Familie Liszt. Adam Liszt's Herkunft und Berufsthätigkeit. Seine Liebe zur Musik. Leben in Eisenstadt. Seine Anstellung als Beamter. Verheirathung mit Adam Lager. Charakteristik beider.
Eintausend achthundert und elf war ein Kometenjahr, – eintausend achthundert und elf war die Jahreswiege vieler großer Männer Europas. Schwert- und Harfenklang umrauschten es und verkündeten der Zukunft bahnbrechende Geister. Licht, Leben, Glanz verheißend erscheint dieses Jahr in der Geschichte europäischen Geisteslebens.
Eintausend achthundert und elf war auch das Geburtsjahr Franz Liszt's.
Das Genie, wohl Kronen tragend, ist nicht auf dem Thron geboren, – es entsteigt dem Herzen der Völker. Selten feiert es seinen Eintritt in die Welt da, wo Reichthum und Macht ihre Paläste gebaut. Wo die Arbeit herrscht und das Schaffen Lebensbedingung ist, da lebt es vorzugsweise seinen Kindestraum. Auch Franz Liszt's Wiege umstanden einfache Verhältnisse. Ein Vater, der die Mittel für des Lebens Bedürfnisse als Rechnungsbeamter des Fürsten Esterhazy erwarb, eine Mutter, deren Hände des Hauses Arbeit verrichteten, ländliche Einfachheit, ländlicher Frieden, Wiesen-, Waldesgrün, Vogelsang ringsum, in weiter Ferne das Aufsteigen großer Bergketten, welche eine Ebene umgrenzend doch Sehnsucht im Herzen erregten: das war die Scenerie seiner Kindheit. Sein Vater war Ungar, seine Mutter eine Österreicherin, – magyarische und deutsche Zunge, magyarische und deutsche Gefühlsweise, kein Einerlei umstand seine Wiege trotz der Einfachheit, die sie umgab.
Der beobachtende Verstand nannte durch Plato's Mund die Kinder eine »Fortsetzung ihrer Eltern«. Tausendjährige Erfahrung hat dieses Wort tausendfach zu einer Regel der Natur gestempelt, und selbst da, wo das allmächtige Schaffen der letzteren diese Regel überholt zu haben scheint und ihrer geheimnisvollen Umarmung mit der Zeit ein Genius entspringt, selbst da lebt sie fort in wesentlichen Eigenschaften, welche Vater und Mutter erkennen lassen und uns zur irdischen Spur werden, um für seine Besonderheit einen Anfang und eine Erklärung zu finden. Eine Ausnahme der Regel, stößt der Genius die Regel nicht um. Wie jedoch eines Baumes Kraft und Größe an seinem einstmaligen Keime sich nicht messen läßt, so können umgekehrt die Keime, welche die Eigenschaften seiner Eltern ihm geben, nicht Maß oder Vorbestimmung sein weder für die Kraft und die Höhe, noch für die Schönheit und Richtung, die sie in ihm erreichen und einschlagen werden. Seine Eltern sind sein Vorgedanke. Franz Liszt hat viel von Vater und Mütter. Von beiden Wahrhaftigkeit, vom Vater das heißwallende Ungarnblut, von der Mutter das deutsche Gemüth voll Innigkeit; vom Vater das Talent zur Musik, und von der Mutter die Seele, die seiner Harfe den Klang gab; von seinem Vater den Sinn für Ordnung und Pflichttreue, und von der Mutter die heilige Liebe, welche Menschheit und Gott aus Herz drückt, – er hat viel von beiden. –
Dem Namen und den Familientraditionen nach gehört der Name Liszt zu den ungarischen Adelsnamen. Wie jedoch die Aristokratie der Ungarn und der slawischen Völker überhaupt, als nicht aus dem Lehnswesen entstanden, das »von« vor dem Namen nicht kennt, so trug auch er nicht dieses anderen Nationen Europas so geläufige Abzeichen des Adelsstandes. Seine Spuren reichen mehrere Jahrhunderte zurück. Über die Familie selbst, über ihre Abstammung, sowie über ihre Entwickelung von Generation zu Generation liegen jedoch keine bestimmten Urkunden vor. Hierin theilt sie mit vielen anderen Familien des ungarischen Adels dasselbe Los, welches auch aus ein und derselben Ursache entsprang. Die Kriege und Fehden nämlich, in welche Ungarn Jahrhunderte hindurch innerhalb des eigenen Landes verwickelt war, die hiemit verbundenen Verheerungen und Verwüstungen, das Sengen und Brennen, das mit den Türkenkriegen während des sechzehnte und siebzehnten Jahrhunderts durch das Land zog, zerstörten die Kulturarbeit der kurzen Perioden der Ruhe und des Friedens, und machten das Auffinden von unzähligen Familienurkunden unmöglich. Nur über einen Johann Liszt (Johannes Liszthius), welcher im sechzehnten Jahrhundert lebte und bis zum königlichen Kanzler und Bischof von Raab emporgestiegen war, liegen noch Dokumente vor. Sekretär bei Isabella, der Wittwe Zapolyá's, trat er, nachdem diese 1551 Siebenbürgen an Kaiser Ferdinand I. abgetreten, in gleicher Eigenschaft in die Dienste des neuen Landesherrn. Aus seiner Verheirathung mit Lucretia, der Nichte des berühmten Grauer Erzbischofs Nikolaus Olahus, waren ihm zwei Söhne und eine Tochter, Johann, Stephan und Agnetha, entsprungen, seine Gattin aber wurde ihm bald durch den Tod entrissen, ein Verlust, welcher ihn zum geistlichen Stand getrieben haben mag. Bald darauf erhielt er als Vice-Hofkanzler das Bisthum Veszprim (1568), ward später wirklicher Hofkanzler und stieg endlich 1573 zum Bischof von Raab empor. Er starb in Prag 1577. Ob aber oder auch inwieweit dieser Bischof mit seinen Verwandten und Nachkommen, deren Spuren sich bis zur zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts verfolgen lassen, dann aber vollständig erlöschen, mit der Familie, welcher Franz Liszt entsprossen, verbunden ist, hat sich bis zur Stunde und trotz mancher hierher bezüglichen Forschung nicht ermitteln, folglich auch nicht feststellen lassen. Alles Nachforschen ist durch die Türkenkriege, welche damals über Ungarn verhängt waren, dann aber auch durch einen der neueren Zeit angehörenden Brand in Raab, welcher Kirchenbücher, Urkunden und Protokolle aller Art vernichtete, geradezu abgeschnitten. Nur so viel weiß man, daß die Brüder und Nachkommen des Bischofs Liszt begütert waren und daß diese Güter in den Komitaten Preßburg, Raab, Wieselburg lagen. Die jüngeren Generationen dagegen, der Vater, Groß- und Urgroßvater Franz Liszt's, waren unbegütert.
Weiter zurück als bis hierher, bis zum Urgroßvater unseres Künstlers, reichen die Nachrichten über seine Voreltern nicht, und auch von diesem weiß man nur, daß er ein Officier unteren Ranges im I. Kaiser-Husaren-Regiment (jetzt Franz-Josef I.) war und zu Ragendorf bei Ödenburg starb. Sein Sohn Adam, geboren 1755, der Großvater Franz Liszt's, bekleidete eine Stelle als fürstlich Esterhazy'scher Kastner (Verwalter). Dreimal verheirathet, und aus seinen drei Ehen mit sechsundzwanzig Kindern gesegnet, war er nicht im Stande ihnen durch Erziehung glänzende Wege anzubahnen. Bei der Berufswahl seiner Söhne verlangten seine Vermögensverhältnisse nur an ihre bald zu erlangende Selbständigkeit zu denken. Die meisten von ihnen ergriffen ein Handwerk und zerstreuten sich in die verschiedensten Länder, wo sie allmählich die Berührungspunkte untereinander verloren. Nur von dreien von ihnen läßt sich der Lebenslauf verfolgen: Adam, ein ihm gleichnamiger Sohn aus erster Ehe, trat in die Fußtapfen seines Vaters; Anton, der zweiten Ehe entsprossen, ward Uhrmacher in Wien, wo er 1876, ein geachteter Bürger mit Hinterlassung mehrerer Kinder starb; Eduard endlich widmete sich wie sein Halbbruder Adam dem Verwaltungsfach. Hoch begabt schwang er sich bis zu der Stellung eines k.k. österreichischen Generalprokurators empor, von allen, die ihn kannten, geschätzt, geehrt, bewundert, bei seinem zu Anfang des Jahres 1879 erfolgten Tod tief betrauert. Er hinterließ ebenfalls mehrere Kinder. Von diesen drei Brüdern war Adam der Vater Franz Liszt's. Auch bei seiner Berufswahl war der Versorgungsgedanke maßgebend. Zuverlässigen Charakters, ausgestattet mit Energie und guter Auffassungsgabe saß er in noch sehr jugendlichem Alter bereits im Schreiberbüreau eines fürstlich Esterhazy'schen Beamten, sich auf diesem praktischen Weg für das administrative Fach vorbereitend und zugleich seinen Vater der Sorge nm ihn enthebend.
Seiner Neigung und seinen Anlagen nach wäre Adam Liszt Musiker geworden, zu einer künstlerischen Ausbildung fehlten jedoch die Mittel, und um sich mit dem gewöhnlichen Musikantenthum begnügen zu können, war er eine zu hoch angelegte Natur. Nichtsdestoweniger war seine Liebe zur Musik zu groß, um ihr entsagen zu können. Er versuchte es mit jedem Instrument, das ihm unter die Hände kam. Dabei waren einige Handgriffe, die ihm bald herumziehende Musikanten, bald geschultere Musiker zeigten, seine einzigen Lehrmeister. Auf diese Art erlernte er allmählich alle Streichinstrumente, die Guitarre und das Klavier zu spielen, sowie Flöte zu blasen. Auf allen diesen Instrumenten war er so sicher und für damalige Zeit so fertig, daß Musiker von Fach gerne mit ihm musicirten und ihn zur Aushilfe baten, wenn bei einem Ensemble ein Platz unbesetzt war.
Das war namentlich in Eisenstadt der Fall, wohin ihn als jungen Mann ein günstiges Geschick zu einer Zeit geführt, wahrend welcher die fürstlich Esterhazy'sche Musikkapelle noch in jenem Glanze stand, der ihr einen historischen Ruf gegeben hat. Adam Liszt bekleidete in diesem Städtchen eine Assistentenstelle bei der Administration der Esterhazy'schen Güter. Hier in Eisenstadt, der Residenz der ungarischen Magnaten und Fürsten Esterhazy, deren Würden, Ehren und Reichthum in Ungarn und Österreich sprichwörtlich geworden waren, dem Städtchen, in welchem Joseph Haydn als Kapellmeister dieser Fürsten seine unsterblichen Werke geschaffen, um ihm einen unvergänglichen Ruhm zu geben, hier in Eisenstadt ging Adam Liszt ein Leben auf, das seinem Talent eine höhere Richtung, seinen Gedanken einen höheren Flug und seinem musikliebenden Herzen künstlerische Ideale gab. Eisenstadt ward die Vorschule des Vaters und Erziehers von Franz Liszt.
Adam Liszt hatte sich bald mit den Mitgliedern der von Joseph Haydn geschulten und durch ihn in Glanz und Ruhm stehenden fürstlichen Kapelle befreundet, und bald auch hatte seine musikalische Brauchbarkeit und seine Liebe zur Musik seine Schritte in die nahe am fürstlichen Park gelegene Klostergasse geführt und ihm die Thüre zu dem Hause geöffnet, das von dem edlen und kunstliebenden Fürsten Nikolaus seinem Kapellmeister gebaut und von diesem zur Sommer- und Herbstzeit noch bewohnt wurde. Er erwarb sich das Glück bei dem greisen Meister und Komponisten der »Schöpfung« und der »Jahreszeiten«, bei dem »Vater des Quartetts und der Symphonie«, wie die Musikgeschichte dankbar Joseph Haydn nennt, gern gesehen zu sein. Das alles brachte ihn mit der Kapelle in noch nähere Beziehung. Oftmals war er bei derselben bald aushelfend, bald verstärkend thätig.
In Folge dessen kam er häufig in das mit großem, fürstlichem Sinn und Aufwand angelegte stattliche, von Palatin Paul 1683 neugeschaffene Schloß, das hoch gelegen gleich einer stolzen Warte die Ebene überschaut und in dessen großem, mit werthvollen Fresken reich geziertem Saale die größeren Orchesterproduktionen stattfanden, während in einem kleineren, nicht minder kostbaren, die Kammermusiken und kleineren Aufführungen abgehalten wurden. Viele Musiker, Komponisten und Virtuosen von Ruf, die von Wien herüber an die musikalische Tafel des Fürsten geladen waren, lernte er hier kennen. Adam Liszt wurde in Eisenstadt mit Cherubini bekannt und befreundete sich mit Nepomuk Hummel, dessen Klavierspiel und Klaviermusik damals anfingen Schule machend zu werden.
Die Bekanntschaft mit letzterem war für ihn von besonderer Bedeutung. Hummel, der Schüler Mozart's, war damals am Virtuosenhimmel ein Stern ersten Ranges. Er hatte Deutschland, Dänemark, Großbrittanien und Holland durchreist und war lorbeerbedeckt nach Ungarn zurückgekehrt. Ein Ruf des Fürsten hatte ihn alsdann nach Eisenstadt geführt, wo er als Klavierspieler und Kirchenkomponist im musikalischen Hoflager war. A. Liszt, der viel mit ihm zusammen kam und auch persönlich ihm nahe stand, gehörte zu seinen enthusiastischen Verehrern. Der Eindruck, den Hummel's Klavierspiel auf ihn machte, war für ihn so bestimmend, daß er von diesem Moment an das Klavier unter allen andern von ihm gespielten Instrumenten bevorzugte und es mit so leidenschaftlicher Liebe übte, daß diese ihn in eine tiefe Verstimmung, um nicht zu sagen, in einen Konflikt mit seinem Beruf brachte. Durch sie kam es ihm zum Bewußtsein, daß seine Anlagen ihn an die Musik gewiesen, während die Verhältnisse seiner Eltern ihn in eine Berufsbahn gelenkt, die jenen nicht entsprach und ihm nun gegenüber seiner Liebe zur Musik und seinen Kunstidealen zu prosaisch und äußerlich vorkam, um sich zufrieden fühlen zu können. Nun aber war es zu spät, um noch umsatteln zu können. Mit Bitterkeit nannte er sein Leben ein verfehltes. Doch war Adam Liszt kein eitler Phantast. Trotz des Zwiespaltes zwischen seiner Neigung und seiner. Berufsthätigkeit lag er letzterer mit größter Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue ob, und seine Büreauarbeiten zeichneten sich so durch Tüchtigkeit aus, daß sie ihm des Fürsten Gunst gewannen. Niemand ahnte etwas von dem inneren Zwang, unter dem er arbeitete. Den Zwiespalt vergrub er in seinem Innern.
Alle freie Zeit verbrachte er musicirend, oder im Kreis der Hofmusiker, bei denen außer Musik das Leben und Treiben im fürstlichen Schloß die Sonne war, um welche sich ihr Dasein drehte. »Musik und Schloß« waren in diesem Kreise untrennbar. Sie wurden es auch im Kopf und Herzen Adam Liszt's und verwoben sich im Gegensatz zu seiner Thätigkeit zu einem Ideal musikalischen Lebens. Nicht nur, daß er hier mit guter und der besten Musik der Welt bekannt wurde und sein Geschmack eine Läuterung und Richtung erfuhr, wie sie selten Dilettanten zu theil werden, nicht nur, daß er selbst in seiner Ausübung der Musik bedeutend gewann, er sah hier auch die Musik umwoben von Fürstengunst, auf dem Piedestal von Glanz und Ehre, und ihre Strahlen sah er zurückfallen auf das Leben der Künstler, welche dieses Piedestal umstanden.
Mehrere Jahre währte sein Assistenzdienst in Eisenstadt, trotz des Mißmuths über seine »verfehlte Existenz« schöne und bildende Jahre für ihn. Als er 1810 vom Fürsten Esterhazy in Folge seiner administrativen Tüchtigkeit eine Verwalterstelle in dem kleinen, aber dem Fürsten Tausende einbringenden Raiding, welches gleich Eisenstadt im Komitat Ödenburg, doch mehrere Stunden von Eisenstadt entfernt lag, erhielt, nahm er, obgleich diese Beamtenstelle kein unbedeutendes Avancement war und ihm die Gründung eines eigenen Herdes ermöglichte, mit schwerem Herzen Abschied von dem Ort seiner bisherigen Thätigkeit. Allein erst als er eingezogen in dem keinen, von allem Verkehr abgeschnittenen und nur auf Nebenwegen zu erreichenden Dorfe, unter dessen niedern Häusern und kleinen Hütten nur das große und weitläufige Verwaltungsgebäude einen Anstrich von besserer Kultur trug, da erst empfand er so ganz, welches Glück ihm Eisenstadt gewesen, was er gehabt und was er entbehren sollte. Um Eisenstadt, seine Musik und sein fürstliches Schloß wob von da an seine Phantasie einen Glorienschein, der an Helle zunahm, jemehr er hier in Raiding allem dem entsagen mußte, was dort sein Wesen gehoben und seine Bildung auf ein höheres Niveau gestellt hatte, als dasjenige war, auf welchem die seiner Eltern und seiner ersten Jugend gestanden.
Er war bereits ein Mann in den dreißiger Jahren, in Wesen und Charakter entwickelt, als er seine Beamtenstelle antrat, zugleich aber auch nach einer Genossin sich umsah das einsame Landleben mit ihm zu theilen und den eigenen Herd wohlig und wohnlich zu machen. Seine Wahl fiel auf eine junge Österreicherin von angenehmem Äußeren und sanftem Wesen.
Anna Lager war die Tochter eines Gewerbtreibenden deutschen Ursprungs, welcher in dem bei Wien gelegenen Städtchen Krems ansässig war. Hier war Anna geboren und auferzogen, ihren Eltern in stetem Gehorsam. Die Verhältnisse, in welchen sie sich bewegte, waren wie der Stand ihres Vaters es mit sich brachte, klein und eng. Das hatte sie frühzeitig Hand anlegen gelehrt bei allen häuslichen Beschäftigungen und sie gewöhnt ihren Blick auf das nächstliegende zu richten. Als sie im Herbst 1810 in Adam Liszt's Haus einzog, brachte sie ihm als Hauptmitgift einen reinen Sinn, ein treues Herz und einen Schatz häuslicher Tugenden, wie jede Zeit ihn am Weib zu ehren wußte.
Ihre äußere Erscheinung entsprach ihren Tugenden. Ziemlich groß und schlank, drückten ihre Bewegungen jene anspruchslose Anmuth aus, die unbewußt und unmittelbar aus einfachem Sinn und warmem Gemüth entspringt. Ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, ruhig und friedvoll. Insbesondere ergoß sich von ihrem Auge aus, das dunkel von Farbe immer warm, aber leidenschaftslos blickte, ein inniges Leben über ihr ganzes Antlitz. Schwarzes Haar, das sie nach damaliger Sitte in Scheiteln schlicht an die Schläfe gelegt trug, erhöhte noch mehr das Bild einfacher, aber gewinnender Weiblichkeit.
Das war die Mutter Franz Liszt's. Sie hatte nichts von jener berühmten Dichtermutter mit urkräftigem Sinn, weltliebendem Herzen und der Lust zum »Fabuliren«; sie glich mehr den weiblichen Sinnpflanzen, deren inneres Leben sich schließt bei der Berührung von Außen. Aber sie war ganz Seele: das geistige Etwas, aus welchem der Welt ein Musikergenius erblühen konnte. Wie wohl alle Mütter der Geister, deren Flug dem Ideal und der Schönheit sich zuwendet, mit irgend einer hervorragenden Eigenschaft gesegnet sind und durch sie gleichsam ihre höhere Aufgabe bekunden, so bekundete auch die einfache Frau aus dem Volke die ihrige durch eine Eigenschaft, die sie über Tausende erhob: eine große neidlose Liebe für alle Menschen thronte in ihrem Herzen. Diese Liebe hielt aus ein langes Leben hindurch, rein und unwandelbar. Als sie ein Kind auf ihren Armen wiegte und dieses Kind zum Jüngling, zum Manne reifte, mit dem des Lebens Sturm und glänzendes Spiel ihr Wesen trieben, verschmolz sie sich mit gläubiger Mutterliebe, welche ihr Innerstes gleichsam durchtränkte. Letztere stellt sie neben die berühmte Dichtermutter. Während aber die Mutter Goethe's mehr den Mutterstolz repräsentirte, brachte die Franz Liszt's mehr das stille Mutterglück zum Ausdruck.
Auch der Vater Franz Liszt's war, obwohl in anderer Weise wie dessen Gattin, eine Persönlichkeit, deren Äußeres mit ihrem Charakter harmonirte.
Sein Hauptgepräge war Rechtschaffenheit, Festigkeit und Zähigkeit des Willens. Hoch gewachsen, hager, muskelkräftig von Gestalt, gerade Haltung, der Kopf mit dem scharfen Gesichtsschnitt seiner Rasse und stramm – stolz könnte man sagen im Hinblick auf seine adelige Abstammung – auf dem Nacken sitzend, das Gesicht von dunkelblondem Haar umgeben, mit ernstem, durch einen melancholischen Zug um den Mund sogar düster erscheinendem Ausdruck, wobei aber die Züge so geregelt und der Lauf ihrer Linien so klar war, daß der Eindruck eines geordneten Inneren unverwischbar blieb, ein Augenpaar, das klug und besonnen, jedoch ohne Lug und Trug den Blick auffing, der ihm begegnete, – das war so insgesammt die äußere Erscheinung Adam Liszt's.
Beide Eltern waren katholisch und hielten die Gebräuche ihrer Kirche; beide gottesfürchtig, aber ohne Bigotterie. Ein fester Glaube an die Vorsehung und an die himmliche Fügung des menschlichen Geschicks lebte in beider Gemüth und vererbte sich mit den Grundzügen des Wesens beider auf ihren Sohn.
Der Komet am 22. Oktober 1811. – Erste Eindrücke. Leben auf dem Lande. Religiöser Sinn. Die Zigeuner. Der Eindruck Beethoven'scher Musik. Will Klavier spielen.
Ein Jahr ihrer Ehe war nahezu verstrichen. Der Sommer hatte seine letzten Früchte geliefert und neigte in goldenem Schmuck sich zu seinem Ende. Es war der Herbst des Jahres 1811. Von den Aufregungen und der Unruhe, die draußen die große Welt in Athem erhielt, fühlte man nichts oder wenig in dem stillen Winkel der Erde, wo Adam Liszt nunmehr sein Leben führte.
Ruhe lebte hier und nur der Komet, der in voller Pracht allnächtlich am Himmel leuchtete, erregte die Neugierde und die Muthmaßungen der ländlichen Bevölkerung. Die Nächte des Oktober waren wundervoll. Der Himmel war klar – ein lichtblauer, sternbesäeter Hintergrund zu dem fließenden Gold, welches der Komet gleichsam auf die Erde goß. Selbst die Natur schien ihren Athem anzuhalten, um die Wunderdinge zu erlauschen, welche er kündete.
In einer dieser Nächte war es, wo der königliche Stern seine Lichtstrahlen über Adam Liszt's Haus zu senken schien. Im Hause selbst jedoch herrschte Unruhe und Freude: ein zarter, aber gesunder Knabe lag in den Armen seiner zitternden Mutter, die ihn soeben geboren.
Das war in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1811. Der Knabe war Franz Liszt.
Die musikalische Welt ahnte nicht, daß in dem kleinen Ungarndorf ein Genius ihr geboren, der in der Sprache der Töne von den Wundern des Lebens und des Lichts ihr erzählen und ihre Gemüther mit irdischer Lust berauschen und doch noch mehr mit heiliger Andacht erfüllen sollte. Seine Eltern aber lebten unter dem Eindruck jenes wunderbaren poetischen Zusammentreffens, welches in der Stellung des Kometen über ihrem Hause und der gleichzeitigen Geburt ihres Sohnes lag. – Er blieb ihr einziges Kind.
Und der Knabe gedieh. Sein Körper war zart, doch alle Organe gesund und die Konstitution so zäh und elastisch angelegt, daß sie ein ganzes wunderbar erregtes, vielseitig bewegtes und schaffensreiches Leben hindurch aushielt und dieses, einige Krankheiten während seiner physischen Entwickelungsjahre und später Momente stark drohender Abspannung abgerechnet, in einem fortwährenden Zustand der Gesundheit blieb.
Seine Gestalt war schlank und proportionirt, die Bewegungen seiner Glieder voll Leben und Grazie und trotz ihrer Zartheit von auffallender Kraft. Seine Gesichtszüge hatten sich bald zu einer anziehenden ausdrucksvollen Schönheit gestaltet, welche auf sein zukünftiges Leben von großem Einfluß wurde; denn sie fesselte nicht nur, sie gewann ihm auch viel Wohlwollen, ebenso wie sie ihm zarte Liebe sicherte. Reizend war sein Gesicht, das von blonden, an der Stirn schneppenförmig angewachsenen dichten Haaren umrahmt beständig nur Lust, Liebe, Heiterkeit zu athmen schien. Merkwürdig aber waren die Augen dieses Kinderantlitzes, welche blau und in tiefen Höhlen liegend, oftmals und trotz ihres kindlich gebundenen Ausdrucks ein Etwas entsenden konnten, das von einem räthselhaften Leben der Seele sprach.
So wie sein Äußeres den Eindruck einer harmonisch, gesund und vornehm angelegten Natur machte, erschien sein Inneres. Seine Mutter erzählte oft mit Stolz, daß er keine der gewöhnlichen Unarten der Kinder besessen, daß er immer frisch, heiter, liebevoll und gehorsam, sehr gehorsam gewesen sei.
Nach dem allen wäre es geradezu zu verwundern und ein Widerspruch der Natur, wenn gegenüber diesen Vorzügen des Körpers und der Seele sein allgemein geistiges Leben als intellektuelle Anlage in einem Nebenverhältnis gestanden wäre. Als wolle die Natur hier jede Einseitigkeit ausgleichen und in dieser ihrer Schöpfung von ihrem Werden an aufheben, zeigte sich dasselbe mit jenen in Harmonie. Gar bald machte sich bei dem Kinde ein überaus schnell empfänglicher und erregbarer Sinn allem gegenüber geltend, was seinem kindlichen Geist nahe kam und ihn berühren konnte.
Des letzteren jedoch war nicht vielerlei. Das stille, abgeschlossene Landleben, das den Rahmen seiner Kindheit bildete und zugleich seiner Seele die erste Nahrung bot, kannte nicht den Wechsel, den das bunte kraftverzehrende Treiben menschenreicher Städte und der Civilisation mit sich bringt. Es brachte ihm wenig Wechsel, hielt aber auch das Etwas fern, das frühzeitig die Eindrucksfähigkeit der Jugend mindert und, indem es letztere dem Vielerlei hingiebt, ihre Kraft dem Einzelnen entzieht und auf der Oberfläche hält. Widersprüche und störende Einflüsse traten nicht an ihn heran und nichts unterbrach die Ruhe und das Gleichgewicht seiner körperlichen und geistigen Entwickelung, die weder gehemmt, noch getrieben von Außen nur dem inneren Bedürfnis entblühte.
Und so still und so abgeschlossen das Leben in dem kleinen Dörfchen war und so sehr sein regelmäßiger Pendelschlag die Verschiedenheit der Tage, der Wochen und der Monde auszugleichen schien, so war es doch nicht eindrucksarm für sein kindliches Gemüth und seine kindliche Phantasie. Wenn der Frühling kam, wenn der Sommer in Blüthe stand, wenn der Winter nahte: immer gab es Freuden anderer Art, und immer etwas, was sein kleines Herz erbeben machte und es frühzeitig mit den Ahnungen eines Überirdischen, Unfaßlichen füllte.
Ein Musikerherz ist ein anderes als ein Dichterherz, so nahe auch beide zusammen liegen. Leben auch beide im Traum, bei ihm ist es nicht der des Gedankens, der ihn umspinnt – Stimmungen sind die Seele und der Traum seines Geistes. Und so jung ein Musikerherz ist, und so wenig es sich noch als solches äußert, es athmet, es lebt durch sie. Sie sind seine Kost und das Etwas, das es groß und stark macht. Dieses Leben in Stimmungen brach sich früh Bahn in Franz Liszt's jungem Herzen. Es verschmolz sich gleichsam mit dem sonnigen Pastorale seiner Kindheit.
Aber es blieb nicht allein der nur allgemeine Ausdruck seines Wesens, es drückte sich auch nach zwei Richtungen hin erhöht aus und deutete durch sie die geistigen Mächte an, welche für sein zukünftiges Leben von größter Bedeutung werden und sich als Grundelemente seines Wesens erweisen sollten. Das eine ein Inhalt, das andere eine Sprache – Religion und Musik: sie gaben seinem Kinderherzen Eindrücke, Stimmungseindrücke, poetischer und stärker als ein weniger abgeschlossenes Leben sie ihm je hätte geben können.
Die religiösen Stimmungen brachen sich zuerst Bahn. Wenn die Sonne schied und das einzige Glöckchen der kleinen Dorfkirche seinen Ave-Maria-Ruf durch die Lüfte sandte, da entfiel mitten im Spiel seinen kleinen Händen das Spielzeug; eifrig falteten sie sich und das Gebet auf seinen kindlichen Lippen floß. Und wenn er Sonntags und an Festtagen der Eltern Kirchgang begleitete, der Gesang aus dem Kirchlein ihnen entgegentönte und an dem in Weihrauchwolken gehüllten Altar der Priester im geblümten Meßgewand stand, das Hochamt celebrirend und die heiligen Ceremonien leitend, überliefen seine jugendliche Seele Schauer des Wunderbaren und Mystischen und die ärmliche Musik machte ihn erbeben.
Nach solchen Eindrücken war er meist still, aber seine Augen glühten wie im Fieber. Kam die Weihnachtszeit, dann war die Frühmette sein Hauptgedanke. Und wenn endlich die heilige Nacht angebrochen war und der Vater, eine Leuchte in der Hand, ihn und die Mutter den Weg zur Kirche durch nächtliches Dunkel geleitete, zogen die Wunder jener Nacht, welche das Heil den Menschen verkündete, in seine Phantasie und sein Auge hing am Himmel, voll Erwartung des Lichtes und der Engel.
In diesen Eindrücken fand der spätere Kirchenkomponist seine erste Nahrung. Sie waren – im Hintergrund der ländliche Frieden, welcher seine Kindheit umgab – die erste Saat zu seinem großen Werk: »Oratorium Christus«, welches in den wonnigen Pastoralsätzen und in der Heilsverkündigung des: »Weihnachtsoratorium« überschriebenen Theiles emporblühte. Zu jener Zeit jedoch sprachen die sich in ihm entwickelnden religiösen Stimmungen durch Liebe zum Gebet und Freude an kirchlicher Feier sich aus.
Dem ungarischen Dörfchen gehören jedoch nicht nur die ersten Regungen seiner zur Inbrunst wachsenden Gottesliebe an, auch seine ersten poetisch-phantastischen Stimmungen weltlicher Richtung sind mit ihm verflochten. Und wie die mit der Religion verbundenen sich durch sein ganzes Leben als Mensch und Künstler hindurchzogen und allmählich zu einer Kraft anschwollen, die mit heiligem Feuer sein Schaffen entzündete: ebenso waren diese bleibend und wurden zu einem lebendigen Lebensodem der besonderen Poesie, welche seine Musik mit ihrem Zauber und ihrem Schwung der Rhythmik durchdrang und das Mutterband blieb zwischen ihm und seinem Vaterlande.
Die Eindrücke, welche nach dieser Richtung so einflußstark werden sollten, kamen ihm – von dem braunen Sohn der Pußta, der flüchtigen Fußes die Tief-und Hochebenen Ungarns bald in Horden, heute seine Zelte hier, morgen dort aufschlagend, bald in kleineren Männerbanden mit der Geige und dem Cimbalo unter dem Arm durchwanderte. Kein Komitat Ungarns blieb unbesucht von den Zigeunern des Landes. Raidings Umgebung hatte oft diese Gäste mit den kupferfarbenen, leidenschaft- und wetterdurchfurchten Gesichtern, aus deren Augen Schwermuth, Trotz und Unstät, nicht heiter-frohe Wanderlust hervorsah.
Ihr Erscheinen in Raiding war dem kleinen Franz Liszt stets ein Ereignis. Wußte er sie in der Nähe, dann hing gegen Abend sein Auge spähend am Horizont, um an den auftauchenden Feuer- und Rauchwolken ihre Lagerstätten zu erforschen, und glücklich, wenn der Tag ihn in ihre Nähe brachte. Ihre Musik, ihre schwermüthig-trotzigen Lassan und ihre tollen Frischkas, ihre Gesänge, ihre Tänze, ihr ganzes Thun und Treiben, ihre äußere phantastische Erscheinung, ihr brennendes Auge, ihr krauses Haar, ihre Frauen und Kinder, ihr Kommen und Verschwinden, ihr Woher und Wohin – alles das umwob ihn wie ein lebendiges Geheimnis, das in sein Wachen und Träumen hineintrat. Seine Kindheitserinnerungen umgaukelte es poetischem Traume gleich. Es begleitete ihn durch seine Jünglingsjahre und trieb endlich den Mann der Lösung nachzugehen.
So verstrich seine erste Lebensepoche in Einfachheit und ungetrübter Poesie.
Meist war er der Mutter zur Seite, die er mit großer Zärtlichkeit liebte. Auch am Vater hing er, aber mehr mit scheuem Respekt.
Sein Vater hatte inzwischen die Pflege der Musik stark betrieben. Er musicirte noch mit gleicher Liebe. Die Musik war die Wärme spendende Sonne an seinem häuslichen Herd. Frau und Kind hatten den Mißmuth nicht verscheuchen können, welchen der seinem Gefühl und seiner Auffassung nach zu prosaische und geschäftsmäßige Beruf in ihm erzeugt hatte, aber das Musiciren half ihm über denselben hinweg. Seine Verwaltungsgeschäfte ließen ihm viele freie Zeit übrig, welche er meist am Klavier verbrachte.
Der kleine Franz war so gleichsam mit der Musik aufgewachsen, allein ohne daß seine Theilnahme während seiner ersten vier bis fünf Lebensjahre sich in besonderer Weise geäußert hätte. Es war wohl schon öfter vorgekommen, daß er sein Spielzeug hatte liegen lassen und still und sinnend bei seines Vaters Klavierspiel war. Aber jetzt geschah es, daß er von Tag zu Tag mehr an das Klavier sich drängte und namentlich, wenn sein Vater Beethoven spielte, mit einem Zug um Auge und Mund lauschte, als hinge seine ganze Seele an diesen Harmonien.
Diese Zeichen einer mehr und mehr aufkeimenden Liebe zur Musik entgingen Adam Liszt nicht. Mit Interesse beobachtete er sie und der Gedanke, Franz habe vielleicht Talent, gab ihm eine freudige Hoffnung. Als dieser anfing immer lauter zu wünschen »das Klavierspiel auch zu lernen«, meinte der kluge Vater, er solle nur warten, bis er größer und stärker geworden; dann sei es zum Lernen noch immer Zeit – eine Zurückhaltung, die sich jedoch nur kurze Zeit durchführen ließ.
Das Drängen des Knaben nahm zu, und als dieser eines Abends zum Erstaunen seines Vaters das Thema des Cismoll-Koncertes von Ferdinand Ries, das er an diesem Tag zum erstenmal gehört, ganz rein nach dem Gehör sang, da versprach der Vater ihn im Klavierspiel unterrichten zu wollen. Die Mutter machte wohl Einwendungen: er sei viel zu klein und das baldige Lernen könne ihn krank machen, meinte sie besorgt. Der Jubel ihres Lieblings jedoch über das Versprechen des Vaters brachte ihre Einwendungen zum Schweigen.
Wenn Franz in jener Zeit gefragt wurde, was er werden wolle, dann deutete er stets auf das Bild eines Tonmeisters, das unter andern Musikerbildern an einer Wand des Wohnzimmers hing, und »Ein Solcher!« rief er leuchtenden Auges aus. Es war das Bild Beethoven's, auf welches er hinwies.
Rapide Fortschritte. Leidenschaftliche Liebe zur Musik. Äußerungen seines Genies. Wird krank – man sagt ihn todt. Genesung. Erneutes Musiciren. Improvisiren. Grundlage seines Charakters und Wesens. Soll er Künstler werden?
Franz war sechs Jahre alt, als sein Vater anfing ihn im Klavierspiel zu unterrichten. Trotz des gewiß wenig methodisch und mehr dilettantisch betriebenen Unterrichts, den dieser ihm geben konnte, überwand er die ersten Elemente mit der größten Leichtigkeit und machte Fortschritte, die seinen Vater in das größte Erstaunen versetzten. Alles ging wie im Fluge.
Es war als wüßte und könnte er schon alles und brauche nur eine Anregung, um es nach Außen zu tragen. Das Auge las die Noten wie spielend und die kleinen Finger fanden und hielten die Tasten mit einer Geschwindigkeit, Sicherheit und Festigkeit, als wären sie bereits Jahre lang geübt. Ebenso machte sich eine außerordentliche Feinheit und Schärfe des Gehörs bemerkbar. Er wußte nicht nur jeden Ton zu nennen: jeden Accord konnte er sogar, ohne die Noten gesehen zu haben, wiedergeben. Sein Gedächtnis war ebenfalls auffallend. Er vergaß nicht nach Kinderart; was er einmal gespielt hatte, hielt er fest, und sogar einzelne einem Stück entnommene Takte, die man, um ihn auf die Probe zu stellen, ihm vorspielte, erkannte er sogleich und nannte das Stück, dem sie angehörten.
Auffallend war ferner die Ausdauer, welche der Kleine am Klavier zeigte. Er war kaum vom Instrument hinweg zu bringen. Der Mutter wurde es oft zu viel. Sein anhaltendes Sitzen beängstigte sie auch, aber hatte sie ihn fortgeschmeichelt vom Klavier, so wußte er ihr bald wieder zu entschlüpfen und den Platz vor demselben zurückzuerobern. Seine Liebe zur Musik trat so leidenschaftlich auf, daß er, ein munterer Knabe, sogar seine kleinen Spielkameraden, die er in den Bauernkindern der Nachbarschaft gefunden und sonst eifrig gesucht hatte, mied, nur um mehr am Klavier sein zu können.
Alles, was sich auf Musik bezog, fesselte ihn. Spielte er nicht Klavier, so kritzelte er Noten, die zu schreiben er ohne jede Anleitung erlernt hatte. Er schrieb überhaupt viel früher Noten als Buchstaben, er schrieb sie auch lieber und leichter. Den Buchstaben gegenüber ist er über eine Art sie rasch auf das Papier zu werfen nie hinausgekommen. »Des grandes et impétueuses pattes de mouche« nannte sie George Sand, und Berlioz bezeichnete sie als: »les foudres de son écriture«. Die Noten hingegen flogen ihm nur so von der Hand. Dabei war hier seine Schreiberei nicht ohne Sinn oder ohne Zweck. Er schrieb auf, was er sich am Klavier ersonnen, und meistens war es verständlich!
Großen Kummer bereiteten ihm jedoch beim Klavierspielen seine kleinen Hände. Er mochte seine Finger strecken und bearbeiten, wie er wollte – sie konnten keine Oktave spannen! Als nun gar in einem Hummel'schen Musikstück eine Decime für die linke Hand vorkam, während die rechte in den höheren Lagen beschäftigt war, da schien er rathlos. Er probirte und probirte, ohne sie erfassen zu können. Endlich war er so glücklich ein Aushilfsmittel entdeckt zu haben. Während nämlich die rechte Hand ihren Accord spielte und die linke den Baßton angab, drückte er die Taste der Decime mit der Nase hinunter. Solche komische Einfälle hatte er oft zu seiner Eltern und zu seinem eigenen Ergötzen. Klavier zu spielen und Erfindungen zu machen war er unermüdlich.
Adam Liszt bemerkte mit innerster Genugthuung das geflügelte Wesen seines Franz am Klavier, aber auch mit Besorgnis sah er die Leidenschaftlichkeit, mit der er die Musik betrieb. Hatte er anfänglich in der Freude über das Talent seines Knaben der Äußerung desselben volle Freiheit gelassen, so glaubte er sie jetzt beschränken zu müssen. Besonnen hielt er mit dem Unterricht zurück. Aber was konnte das nützen? Die Schwingen des Gotteskindes »Genius« schaffen sich, selbst wenn gebunden, Bahn. Souverän geboren kennt letzteres weder ein Zügeln noch ein Halten. Rastlos strebt sein Flug vorwärts, aufwärts, und selbst wenn es erbeben sollte unter des eigenen Flügelschlages Macht, es kennt kein Halten, es muß zur Höhe, seinem Lebenselement.
So nützte auch des Vaters Zügeln wenig. Des Knaben Denken, Fühlen und Wollen koncentrirte sich immer mehr im Spiel der Töne. Seine Liebe zur Musik wuchs täglich. Allmählich schien sein ganzes Wesen nur Musik zu sein und nur Musik zu athmen. Fieberhaft erglühte sein Gesicht, wenn er musicirte, insbesondere aber, wenn er seinen eigenen Empfindungen in selbstgefundenen Harmonien Ausdruck gab. Und gerade das war seine Lieblingsbeschäftigung. Ein energischer Zug legte sich dann um den Kindermund und die Augen leuchteten aus ihren Höhlen wie kleine Sterne. Dabei war ihm anzusehen, wie er, obwohl im vollsten Unbewußtsein seiner selbst, nach einer Sprache suchte, um das ausdrücken zu können, was in ihm vorging.
Diese leidenschaftliche Erregung für Musik fiel gerade in die Zeit, wo er von der Kindheitsperiode in die des Knaben überging. War er bis jetzt immer gesund und wenn auch leicht erregbar und von empfänglicher Gemüthsart, doch bezüglich seiner körperlichen Entwickelung normal geblieben, so ist es um so überraschender, wie nun auf einmal sein inneres Leben eine solche über alle Grenzen hinausgehende Steigerung seiner selbst erfuhr, daß sein körperliches Leben darunter zu leiden anfing. Ein Umschwung machte sich hier bemerkbar. Sein ganzes Nervensystem schien erschüttert und nur unter dem Einfluß der Klänge zu stehen, die er so leidenschaftlich liebte und suchte.
Sein Körper schien siechen zu wollen und seine Kräfte nahmen ab. Fieber trat ein, ohne daß eine Krankheit mit Bestimmtheit sich aussprach. Die seinige hatte keine bestimmte Form. Er schleppte sich einige Zeit herum, doch bald wollten seine Füße ihn nicht mehr tragen: er mußte liegen. Da hörten seine bekümmerten Eltern ihn öfters beten und in rührender Inbrunst Gott anflehen, ihn doch »bald, recht bald gesund werden zu lassen, damit er wieder mit seinen lieben Tönen spielen könne; fromme Lieder wolle er dann machen und immer nur eine Musik spielen, die Gott und seinen Eltern wohlgefalle«.
Allein die Genesung kam noch nicht. Das Fieber nahm zu und wirklich schien es, daß weder ärztliche Hilfe noch die sorgsamste Pflege ihn am Leben erhalten sollten. Sichtlich schwand sein zarter Körper und die Hoffnung der Eltern auf das Leben ihres einzigen Kindes ward von Stunde zu Stunde geringer. Die Leute der Umgegend sagten ihn sogar todt, und thatsächlich ist es, daß der Tischler des Dorfes bereits – an seinem Sarge zimmerte. Aber noch in der letzten Stunde trat zum unaussprechlichen Glück seiner Eltern unerwartet eine Krise zum Besseren ein und der Knabe erholte sich.
Physiologisch und psychologisch merkwürdig ist jedoch die Erscheinung, daß während Liszt sonst nie von schweren Krankheiten heimgesucht wurde, sich diese in ähnlicher Weise in der Übergangsperiode vom Knaben zum Jüngling – in Paris – wiederholte. Interessant auch, daß bei dieser Wiederholung nicht nur der fieberhafte Zustand und die gänzliche Erschöpfung wieder eintraten wie damals in seiner Kindheit, sondern auch, daß die äußeren Umstände eine gewisse Ähnlichkeit miteinander hatten. Das Gerücht seines Todes war auch mit seiner zweiten Erkrankung verbunden; und war auch hier kein Dorftischler, der in vorsorglicher Weise die Sargesbretter schnitt, so ereignete es sich doch, daß eines der gelesensten und vornehmsten Organe der französischen Presse ihm einen »Nachruf« widmete.
Nachdem einmal die Krise zum Besseren eingetreten war, erholte sich Franz zusehends und vollständig. Er wurde wieder heiter und lustig, machte wieder seine »Erfindungen« am Klavier, spielte wieder à quatre mains mit seinem Vater und probirte alle Noten, deren er habhaft werden konnte. Und merkwürdig! trotz der langen, Monate andauernden Unterbrechung, die sein Musiciren erlitten, hatte er nichts verlernt. Er spielte, als wäre nie eine solche gewesen. Keine Unsicherheit der Finger, keine des Auges zeigte sich, kein Schwanken im Takt, – den Mund geschlossen, bohrten seine Augen sich in die Noten und die Finger gehorchten.
Überhaupt traten nach seiner Erkrankung seine musikalischen und allgemeinen Eigenschaften immer entschiedener und fester hervor. Er spielte nach dem Gehör, er transponirte in andere Tonarten, er suchte nach wie vor nach seinen »Klängen«, wie er die selbsterfundenen Harmonien und Modulationen nannte, auch fing er an über Melodien in freien Phantasien sich zu ergehen. Er variirte sie und trieb ein wunderliches Spiel mit ihnen, bald wie ein Kind, das Kunststücke mit seinem Fangball übt, bald wie ein erwachsener Mensch, der sein übervolles Herz ausschüttet.
Seine allgemeinen Charaktereigenschaften traten ebenfalls immer mehr mit größerer Entschiedenheit auf. Eine stark ausgesprochene Wahrheitsliebe stand in erster Linie. Seine kindlichen Thorheiten entschuldigte und versteckte er nicht. Er war muthig im Bekennen. Was er liebte und ergriff, geschah mit Leidenschaft, Kraft und Ausdauer; anderes ließ ihn gleichgültig. Auch wechselte er nicht mit seinem Lieben. Religion und Musik standen immer oben an. Eigenthümlich war, daß der Gegensatz der leidenschaftlichen Neigung, die leidenschaftliche Abneigung, nicht als allgemeiner Charakterzug bei ihm auftrat. Er zeigte sich im allgemeinen entschieden in seiner Sympathie oder blieb unberührt von Antipathien.
Nur der Musik gegenüber machte sich hievon eine Ausnahme geltend. Hier zeigte er entschiedene Abneigung. Während er die Beethoven's und die der Zigeuner mit einer bei seinem jugendlichen Alter merkwürdig ausgeprägten Leidenschaftlichkeit liebte, zeigte er zugleich einen ausgesprochenen Widerwillen für solche, die inhaltlich leer und nur gemacht war. Gefühlsgesättigte oder auch rhythmisch kräftige Musik dagegen zog ihn an, und nur diese mochte er spielen. Seine Liebe für Beethoven und die Zigeunermusik bleibt beachtenswerth gegenüber seiner späteren Entwickelung und historischen Stellung zur Kunst. Zunächst, daß bei derselben hier wie dort die Macht und Entschiedenheit des Gefühls in erster Linie standen, trotz des himmelweiten Auseinandergehens beider Musikarten, die auf der einen Seite künstlerische Disciplin und höchste Künstlerschaft des Genies aussprach, während auf der andern, bei den Zigeunern, in naturalistischer Weise die Macht eines unmittelbar waltenden Naturinstinkts gepaart mit dämonischer Gewalt des Gefühls sich äußerte.
So waren seit seinem ersten Unterricht im Klavierspiel drei Jahre vergangen, während welcher außer seiner Erkrankung und seinen phänomenalen Fortschritten in der Musik sich nichts besonderes ereignete. Franz war gesund und nichts war von jener beängstigenden Periode übrig geblieben als eine überaus große Reizbarkeit der Nerven, die ihn auch während seines ganzen Lebens begleitet hat, jedenfalls aber mit seinen musikalischen Anlagen selbst im engsten Zusammenhang stand.
Franz hatte während dieser Zeit auch die Rudimente allgemeiner Bildung – Lesen, Schreiben, Rechnen – mit Hilfe des Dorfkaplans sich angeeignet. Einen regelmäßigen Unterricht jedoch hatte er in keinem Zweig des Wissens und Könnens genossen. Ein solcher ließ sich auf dem Lande, wo es noch keineswegs Schulen für die meist aus Hörigen bestehende Dorfjugend gab, nicht ermöglichen, und um Franz schon jetzt einer städtischen Erziehungsanstalt zu übergeben, dazu war er seinen Eltern noch zu jung. Nicht einmal ungarisch lernte er sprechen. Seine Eltern sprachen nur deutsch mit ihm. Seine Mutter konnte die ungarische Sprache nicht, und sein Vater, gewohnt sich der deutschen zu bedienen – denn sie war damals in Ungarn die staatsgeschäftliche sowie die bessere Umgangssprache – pflegte nur im Verkehr mit den Landleuten und Untergebenen ungarisch zu sprechen. So kam es, daß Franz Liszt, obwohl geborener Ungar, die Sprache seines Vaterlandes nicht erlernte.
Über das Weichbild des Dörfchens war er selten hinausgekommen. Nur einigemal hatte ihn sein Vater mit nach Eisenstadt und Ödenburg genommen, wohin er öfter in Verwaltungsgeschäften zu fahren pflegte.
Diese Ausflüge waren nicht ohne Folgen. Adam Liszt, freudigen Stolzes über das Talent seines Franz, führte ihn zu musikalischen Freunden und Bekannten, denen er dann vorspielte. Sein Prima-vista-Spiel, seine Fingerfertigkeit, vor allem seine Improvisationen erregten stets das größte Erstaunen. Wenn er so den fremdesten Menschen gegenüber ohne alle Scheu am Klavier saß, als müßte das so sein, und er dann, alles um sich vergessend, an die Musik sich hingab, als wolle Körper und Seele sich auflösen unter dem Zauber der Töne, da meinten sie kopfschüttelnd, das sei kein Spiel, wie es sich erlernen lasse und wie man es bei frühreifen Kindern oft höre. Letztere seien schnell im Erblühen und schnell im Verwelken, ohne Frucht und ohne Nachwirkung. Hier aber sei mehr zu erwarten: Franz sei ein geborner Künstler, die Künstlerlaufbahn sei sein Beruf.
Das waren Worte, die mit Adam Liszt's eigenen Gedanken übereinstimmten. Er hatte längst dasselbe gefühlt. Mit größter Spannung hatte er alle Äußerungen des Talentes bei Franz verfolgt, und konnte er sie auch nicht in ihrer ganzen Vorbedeutung begreifen, so fühlte er doch mit Bestimmtheit und mit dem sicheren Instinkt des eigenen Talentes, daß Franz ein außergewöhnlicher Knabe sei und Außergewöhnliches in sich trage. Die eigenen Ideale, die zu erreichen gegen des Schicksals Willen gewesen, erstanden in ihm von neuem. Eisenstadt mit seiner Musik, der Komponist Vater Haydn, der Klavierspieler Nepomuk Hummel wurden lebendig in seiner Erinnerung, – sollten die unterdrückten Bedürfnisse des eigenen Herzens im Sohn sich verwirklichen? Das war eine Hoffnung, unter welcher die innere Klage über seinen verfehlten Beruf schon seit geraumer Zeit sich aufzulösen begonnen hatte, und doch eine Hoffnung, der sich hinzugeben sein vernünftiger Sinn, seine hohe Meinung von der Kunst und seine Gewissenhaftigkeit bis jetzt immer entgegen gewesen war. War das Talent seines Franz für die Künstlerlaufbahn ausreichend? für eine Künstlerlaufbahn, wie sie in seinen Gedanken lebte?
Adam Liszt hatte zu ernst und tief das Edle und Bedeutende in der Tonkunst empfunden und zu hoch stehende Künstler kennen gelernt, um an eine kleine Künstlerexistenz hiebei denken zu können. Vor seiner Seele standen die Meister, welche bleiben und nicht dem Tag verfallen. Und wenn ein solches Ziel für Franz erreichbar, war seine äußere Existenz dabei gesichert?
Zu diesen Bedenken Adam Liszt's trat noch der Umstand, daß, wenn auch sein Einkommen derartig war, um Frau und Kind ein sorgloses Leben auf dem Lande und in den Grenzen des Hauses zu sichern, er sich doch nicht in der Lage befand seinem Knaben eine kostspielige künstlerische Ausbildung geben zu können. Adam Liszt's Gehalt bestand aus freier Wohnung, Holz, Naturalien, »so viel«, wie Franz Liszt mir einmal erzählte, »um ein Dutzend Kinder damit füttern zu können«, aber wie es zu jener Zeit bei allen Beamtenstellen auf großen herrschaftlichen Gütern der Brauch war, aus wenig baarem Geld. Sagte man auch Adam Liszt: dessen bedürfe er nicht; er könne schon jetzt mit seinem Knaben reisen und Reichthümer durch sein Talent erwerben, so wies er solche Zumuthungen unwillig zurück. Denn äußerer Besitz war nie das Ziel seiner Gedanken, nur die Kunst. Er dachte wohl auch daran, für Franz einen andern als den Künstlerberuf zu wählen, konnte jedoch hier noch weniger zu einem Entschluß kommen. Hatte er es doch selbst zu bitter empfunden, was es sagen will, einer Thätigkeit leben zu müssen, die mit den Anlagen und Wünschen des innersten Lebens kontrastirt. Und vor einem solchen inneren Unglück sollte sein Sohn bewahrt bleiben.
Da trat ein Umstand ein, welcher eine Entscheidung herbeiführte und damit alle Fragen löste.
Franz koncertirt in Ödenburg. Spielt dem Fürsten Esterhazy in Eisenstadt vor. Koncert in Preßburg. Das Stipendium ungarischer Edelleute. Er soll Musik studiren. Adam Liszt legt seine Beamtenstelle nieder. Hummel's Generosität. Abschied von der Heimat.
Die Ausflüge in die Nachbarstädte in Verbindung mit den musikalischen Produktionen bei den Freunden seines Vaters hatten dem kleinen Franz Liszt schon Ruf verschafft. Man sprach von ihm, bewunderte ihn und nannte ihn bereits »Künstler«.
Dieses Renommée veranlaßte einen jungen blinden Musiker, welcher in Ödenburg ein Koncert zu geben beabsichtigte, Adam Liszt um Franz's Mitwirkung zu bitten. Dieser Musiker, ein Baron von Braun, welcher einige Jahre vorher noch als blindes Wunderkind in den Provinzstädten Ungarns und Österreichs sich hatte hören lassen und aus seinen Koncerten seine Subsidien gewann, hatte, nun erwachsen1, sehr an Anziehungskraft bei dem Publikum verloren und brauchte anderer attraktiver Hilfe. Er glaubte sie in dem kleinen Franz Liszt, von dem man gerade viel in Ödenburg sprach, gefunden zu haben und wandte sich in Folge dessen mit seinem Anliegen an Franz's Vater. Dieser war keineswegs dagegen, Franz in dem Koncert des Blinden mitwirken zu lassen. Er war sogar der Gelegenheit innerlich froh, ihn einer derartigen Probe unterziehen zu können. Und so ging es denn zum großen Jubel des neunjährigen Knaben, in welchem der Drang zur Öffentlichkeit sich schon zu rühren begann, nach Ödenburg, wo dieser zum erstenmal öffentlich in einem Koncert spielen sollte.
Das war ein Ereignis! Franz konnte die Stunde kaum erwarten, wo er spielen sollte. Endlich war sie da – allein mit ihr für seinen Vater eine große Besorgnis. Denn Franz litt in letzter Zeit am Klimafieber (Wechselfieber), welches in den an Teichen und Seen reichen Ebenen dortiger Gegend ziemlich eingebürgert war. In der Aufregung über sein Auftreten hatte man dessen nicht mehr gedacht, und nun war es im Anzug, gerade vor dem Koncert. Er aber ließ sich nicht zurückhalten: er spielte, spielte unter Zähneklappern mit einer für sein Alter merkwürdigen Kraft, Ausdauer, Besonnenheit und Fingerfertigkeit – das Esdur-Koncert von Ferdinand Ries mit Orchesterbegleitung und dann noch eine Improvisation über bekannte Melodien, eine sogenannte »freie Phantasie«. Sein Spiel war musikalischen Feuers voll, von dem Fieber merkte niemand etwas.
Mit diesem Koncert hatte Franz eine doppelte Probe seltenster Kraft abgelegt: die des Talentes und die des Willens – nach beiden Seiten der Anfang dessen, was sich während seines Lebens unzähligemal in phänomenalster Weise wiederholen sollte. Sein Spiel selbst aber hatte, obwohl es naturalistisch genug war, für die Hörer ein fesselndes, zündendes und packendes Etwas zugleich. Dieses bestand nicht nur in der Merkwürdigkeit, einen neunjährigen, zart aussehenden Knaben mit einem wenn auch kleinen Orchester gleichsam Sturm lausen zu sehen, nicht in dem. Wunder, wie dieser Knabe seine Zuhörer vergessend in einer »freien Phantasie« mit Melodien geradezu spielte, es bestand auch nicht nur in Äußerlichkeiten: es war nicht die Geschwindigkeit, mit der er, um den noch zu kurzen Armen, welche das Oben und Unten der Tastatur nicht erreichen konnten, nachzuhelfen, seinen Platz bald da bald dort vor ihr einnahm und bald sitzend, bald stehend spielte, nicht sein überaus anziehendes Gesicht, das in Energie und Lieblichkeit erglühte – es war noch ein anderes unerklärliches Etwas, das auf seine Hörer so unwiderstehlich wirkte. Wer konnte es erklären? Man lobte seinen Muth, seine Kraft, seinen Takt – das Etwas aber, den Flügelschlag der noch von den Banden der Kinderseele umschlungenen Phantasie des Genies, konnte erst eine spätere Zeit enträthseln.
Franz hatte sich tapfer gehalten und hatte Glück gemacht – sein Vater war sehr erfreut. Letzterer arrangirte nun in Ödenburg ein eigenes Koncert für Franz, welches nicht minder günstig ablief wie das Braun's.
Befriedigt kehrte er hierauf mit ihm nach Raiding zurück. Doch knüpfte sich noch kein Entschluß über Franz's zukünftigen Beruf2 an diese Koncerte in Ödenburg, aber es stand in Adam Liszt's Seele fest, daß aus ihm »etwas werden müsse«. Die Entscheidung jedoch kam bald nach diesen Koncerten.
War es aus eigener Bestimmung oder war es in Folge einer an ihn ergangenen Einladung, Adam Liszt reiste kurze Zeit nach diesen Ereignissen mit Franz nach Preßburg, ebenfalls um ihn hier öffentlich spielen zu lassen.
Doch vorher fuhr er noch nach Eisenstadt, um seinen Knaben ins Schloß zu führen und dem Fürsten Esterhazy vorzustellen. Auch hier feierte der glückliche Vater den Triumph, das Talent desselben anerkannt zu sehen. Der Kleine producirte sich zum erstenmal vor einem fürstlichen Auditorium, doch ohne Furcht, ohne Schüchternheit, wohl aber mit ersichtlichem Vergnügen. Die Pracht der Umgebung, das Großartige und Vornehme, die hohen Personen, die ihm zuhören sollten, das alles verwirrte ihn nicht. Es machte wohl einen tiefen Eindruck auf seine Kinderphantasie, doch nicht wie es bei Kindern, die an kleine Verhältnisse gewöhnt sind, so natürlich erscheint, bedrückend, sondern mehr schlummernde Geister erregend und herausfordernd. Er spielte mit nicht zu verkennender Aufregung, aber es war die Aufregung der Phantasie, nicht die der Schüchternheit.
Die Lippen der Anwesenden strömten über in Lob und Staunen und der Fürst ermunterte ihn in väterlichen Worten so fortzufahren auf dem betretenen Weg. Gunstbezeugung über Gunstbezeugung folgte, und der kleine Franz sah sich sogar mit einem reich gearbeiteten ungarischen Nationalkostüme beschenkt, in dem er aussah wie ein vornehmer Magnat en miniature. Dem Vater aber bedeutete der Fürst gnädig und fürsorglich, daß er das projektirte Koncert in Preßburg im fürstlich Esterhazy'schen Palais abhalten solle.
Mit diesen Eindrücken reiste Adam Liszt mit Franz nach Preßburg. Hier trat die große Entscheidung für des letzteren Berufswahl ein.
Die Preßburger waren von seinem Talent entzückt wie die Ödenburger, doch bestand sein Auditorium hier aus Personen höheren Rangs und höherer Bildung als dort. Hier in der alten königlichen Freistadt lebten viele der vornehmsten Magnaten Ungarns mit ihren Familien. Unter ihnen die Grafen Erdödy, Szápary, Amadée, Apponyi und andere, Namen, die als Mäcene und Kenner der Musik Generationen hindurch von Komponisten, Virtuosen und Musikfreunden besonders geschätzt waren. Aus diesen Kreisen bildete sich eine außergewöhnlich zahlreiche Zuhörerschaft bei dem Koncert des kleinen Franz. Schon der Umstand, daß der Vater des genialen Knaben ein Beamter des Fürsten Esterhazy war, zu dem die Landesaristokraten alle mehr oder weniger in persönlicher Beziehung standen, lenkte die besondere Aufmerksamkeit auf ihn.
Die Ermunterung, die ihm der Fürst hatte zu theil werden lassen, mochte nicht minder in die Wagschale fallen, und so fand sich der vornehmste Adel Preßburgs zu dem Koncert des jugendlichen Virtuosen ein, welches in dem in der »Vorstadt Blumenthal« gelegenen Palais des Fürsten stattfand und so gleichsam unter dessen Ägide gestellt war.
Die Musikkenner waren überrascht und enthusiasmirt von der Originalität und dem musikalischen Fluß und Feuer der Vorträge des Knaben und im Moment fielen ihm alle Herzen zu. Wie die Ödenburger, sparte jetzt sein glänzendes Auditorium nicht mit seinen Beifallsspenden, aber von persönlicher Theilnahme ergriffen zeigten sie ihm diese auch in persönlicher Form. Die Magnaten lobten ihn und sprachen lebhaft mit seinem Vater über sein Talent, und die schönen stolzen Frauen, entzückt von dem Liebreiz des in sein prunkendes Nationalkostüm gekleideten Knaben, zogen ihn zu sich und liebkosten ihn stürmisch nach ungarischer Art. Jene aber äußerten einstimmig gegen Adam Liszt, ein solches Talent müsse ausgebildet werden, eine Unterlassung wäre Sünde – eine Ansicht, welche dieser als eine Überzeugung und Nothwendigkeit länger schon mit sich trug – aber seine Verhältnisse? Da faßte er Muth. Auf die große Theilnahme und Wärme sich stützend, welche Franz gezeigt worden, aber auch der enthusiastischen Äußerungen gedenkend, welche die reichen und einflußreichen Magnaten gegen ihn gethan, wagte er es andern Tages einem derselben die Sachlage darzustellen. Das brachte die Hilfe. Eine Subskriptionsliste cirkulirte unter den Herren und in der kürzesten Zeit hatten sich sechs derselben, unter ihnen die Grafen Amadée, Apponyi, Szápary, vereint, ihm auf die Dauer von sechs Jahren jährlich die Summe von sechshundert Gulden österreichisch zur künstlerischen Ausbildung seines Sohnes anzuweisen. Mochte auch bei dem einen oder dem andern der Magnaten der Umstand mitwiegen, daß der Vater des jungen Talentes ein Beamter des hochstehenden Fürsten war, so war ihr Interesse für den Knaben doch warm genug geworden ihm die Mittel zu seiner Ausbildung zu sichern.
Hiemit war sein künftiges Geschick entschieden. Ein Stein war von des Vaters Herzen genommen: Franz aber war übermäßigen Glückes voll. Stolze und kühne Wünsche bauten sich in seinem jungen Herzen auf, alle in den einen Gedanken mündend: ein tüchtiger Künstler werden zu wollen.
Dankbaren und gehobenen Gemüthes schied Adam Liszt von den Gönnern seines Sohnes und eilte, den Kopf voll Pläne, nach Raiding zurück.
Je mehr er jedoch über die Wege nachdachte, welche Franz zu den ihm vorschwebenden Zielen führen sollten, um so mehr gewann er die Überzeugung, daß die Großmuth der Magnaten nur einen Theil derselben geebnet habe und der andere sich nur ebnen lassen würde, wenn er selbst mit seiner Frau die größten Opfer bringe – das Opfer ihrer sicheren Existenz. Es schien ihm nicht allein damit gethan, daß Franz in eine Stadt gebracht und unter die Leitung tüchtiger Lehrer gestellt würde; nein, er bedurfte, wenn die Zucht jener segenbringend und gedeihend werden sollte, ebenso sehr der ihn umgebenden Liebe der Mutter, wie der festen Hand und des wachenden Auges des Vaters. Es schien ihm eine harte und doch unabweisbare Konsequenz der Ausbildung Franz's, daß er beim Fürsten um seiner eigene Entlassung zu bitten habe, nm seinem Sohn außerhalb der Heimat den väterlichen Schutz geben und dessen Genie den Weg zur künstlerischen Reife ebnen zu können. Er dachte hiebei nicht an sich, nicht an das vielleicht schwere Los, welches durch die Ausführung dieser Pläne seiner Gattin für die nächste Zeit werden könnte – unter dem Einfluß seiner Kunstliebe und seiner Vaterpflicht fühlte er nur, daß er das Genie seines Sohnes zu beschützen und ihn auf die Kunsthöhe zu führen habe, wohin jenes ihn zu stellen versprach. Aus so einfachen Verhältnissen auch Adam Liszt hervorgegangen, er war sich der Verantwortung bewußt, der Vater eines mit außergewöhnlichem Talent begabten Sohnes zu sein.
Kein Mann von langem Erwägen, waren Gedanke und Entschluß bei ihm so ziemlich Eins. Als er von Preßburg nach Hause kam, war sein Plan bereits zur That gereift; aber noch hatte er eine schwere Stunde zu bestehen: die Besprechung mit seiner Frau. Diese nahm das große Ereignis in Preßburg und die Folgen, die sich an dasselbe knüpfen sollten, keineswegs so freudig und so zuversichtlichen Herzens auf, wie Gatte und Sohn. Und sie, die sonst mehr ruhig gewähren ließ als daß sie eingriff in die leitenden Zügel, machte Adam Liszt so beredte Gegenvorstellungen, daß er in der That über seine gefaßten Entschlüsse stutzig wurde. Sie wies ihn darauf hin, was es heiße ohne Vermögen zu sein und eine wohl bescheidene, aber sichere Existenz für eine Sache, die nichts anderes noch sei als eine Hoffnung, aufzugeben. Wie sollten sie leben können, drei Personen von sechshundert Gulden jährlich? Was sollte aus dem Kind, was aus ihr werden, wenn er plötzlich sterben sollte? noch ehe das Ziel erreicht? Und wer verbürge das Ziel?
Diese gerechten Einwürfe machten Adam Liszt verstummen. Franz aber, der bei diesen Erörterungen zugegen war, sah mit wahrer Seelenangst bald auf Vater, bald auf Mutter und als diese fortfuhr zu sprechen und in den Ausruf ausbrach: »Wenn die sechs Jahre um sind und Deine Hoffnungen sind vereitelt, was soll aus uns werden?!« da sprang er vor und rief mit fester und muthiger Stimme:
»Mutter, was Gott will!«
